Dierk Schaefers Blog

»Mehr Geld für ehemalige Heimkinder« – Ja, haben die denn immer noch nicht genug?

Posted in Bürokratie, Gesellschaft, heimkinder, Kinderrechte, kirchen, Staat by dierkschaefer on 2. September 2015

Korrekte Meldungen[1] können falsche Reflexe auslösen, das sollten Journalisten bedenken. Aber „Heimkinderfonds: Niedersachsen bessert nach“ ist dem stellvertretenden Leiter des Themenbereichs Politik und Wirtschaft der Zeitung (Neue Osnabrücker Zeitung, NOZ) nicht eingefallen.

Worum geht’s?

Der Heimkinderfonds vergibt Gelder, die ehemalige Heimkinder auf Antrag aber ohne Rechtsanspruch erhalten können in schwierigen Lebenslagen, die in Verbindung mit ihrem Aufenthalt in Kinderheimen gebracht werden können, und müssen. Werden die Antragsteller gut beraten und stoßen sie auf gutwillige Bewilliger, können sie bestenfalls zehntausend Euro erhalten, oft für ein Leben, dass gründlich fehlgeleitet/verpfuscht wurde durch die pädagogischen Leistungen in kirchlichen und staatlichen Erziehungsheimen.[2] Diese Zah­lungen, meist deutlich weniger, sollen auch Therapiekosten abdecken, auch für verspätete Psychotherapien wegen posttraumatischer Störungen, die aus der Heimzeit resultieren. Zusätzlich werden pauschal Entschädigungen gezahlt für nicht entrichtete Sozialversiche­rungs­beiträge für die Zwangsarbeit der ehemaligen Heimkinder.[3] Schließlich werden aus dem Fonds auch noch die anfallenden Verwaltungskosten bezahlt.

Der Fonds wurde mit 120 Millionen Euro ausgestattet, finanziert je zu einem Drittel durch den Staat (die Länder) und die beiden Großkirchen. Plausible Schätzungen gehen davon aus, dass von den rund 800.000 ehemaligen Heimkindern noch 500.000 leben und einen Antrag stellen konnten. Das sind wohl auch die Angstzahlen von Kirchen und Staat gewesen. Entgegen deren Befürchtungen wurden nur zu einem geringen Prozentsatz Anträge gestellt – warum auch immer. Doch auch dafür war der Fonds zu schmal und muss nachgebessert werden.

Nun ist immerhin die Summe überschaubar, denn die Frist für Anträge, kurzfristig gesetzt, ist Ende des letzten Jahres abgelaufen. Dennoch tun sich manche Bundesländer schwer, aufzustocken. Niedersachsen, so der Kern der Zeitungsmeldung, bessert nach.

Der vermeintlichen Jubelmeldung der NOZ folgte ein Leserkommentar:

»Ach Gottchen: Welch gnädiger Akt! Zahlreiche Opfer dieser Staats- und Kirchenpolitik sind längst verstorben. … Heute nun kommen diese Gutmenschen daher und schütten aus übergroßer gnadenreicher Sicht der Dinge ein paar Almosen für die Überlebenden aus alter Zeit aus. Welch ein übermenschlicher Zug!«

Dem ist nichts hinzuzufügen.

[1] http://www.noz.de/deutschland-welt/niedersachsen/artikel/612023/mehr-geld-fur-ehemalige-heimkinder

[2] Es geht dabei ausschließlich um Fürsorgeerziehung. Ehemalige Heimkinder, soweit sie Insassen von Behindertenheimen, psychiatrischen oder sonstigen Einrichtungen waren, hatten es zwar nicht besser, wurden aber bisher nicht bedacht. Die Bundesländer konnten sich noch nicht auf einen Modus einigen – derweilen sterben die Leute halt weg.

[3] Diese Zahlungen sind kein Ausgleich für nicht gezahlte Löhne, sondern betreffen ausschließlich die Rente. Dies aber nur für ehemalige Heimkinder, die bei der Zwangsarbeit mindestens 14 Jahre alt waren. Regelrechte Kinderarbeit, also von Kindern unter 14 Jahren, gab es nachweislich auch, doch die darf es nicht gegeben haben, also gibt es auch keinerlei Entschädigung dafür.

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Eine Antwort

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  1. outdoor said, on 7. September 2015 at 15:04

    wenn ich mir anschaue welche summen derzeit für flüchtlinge locker gemacht werden da steigt kalte wut in mir auf.
    nein, mit neid hat das nichts zu tun, aber mit nichtverstehenkönnen der mißachtung und erniedrigung von bevölkerungsschichten, hier der ehemaligen heimkinder, einschließlich dessen was sich aufstockende grundsicherung nennt.


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