Dierk Schaefers Blog

Wie wirklich war die „Wirklichkeit“?

Posted in Biographie, Psychologie by dierkschaefer on 2. September 2015

Konstruktion oder Rekonstruktion der Vergangenheit? Das war hier im Blog schon mehrfach ein eher unerwünschtes Thema. Ein angeblicher Missbrauchsfall aus meinem Beobachtungsfeld war genannt worden[1], dann der Fall Wilkomirski[2], es gab auch einen Heimkinderfall à la Wilkomirski, der heftige Kommentare hervorrief[3], und auch der Hirnforscher Wolf Singer mit seinem Eröffnungsvortrag des 43. Deutschen Historikertags fand Erwähnung: Wahrnehmen, Erinnern, Vergessen – Über Nutzen und Vorteil der Hirnforschung für die Geschichtswissenschaft.[4]

Weil wir Kritik an unseren Erinnerungen und an unser Erinnerungsvermögen als Bedrohung unserer Identität[5] sehen, sind uns Forschungsergebnisse unheimlich, wie sie nun wieder mit neuen Daten publiziert werden.[6] Wenn wir aber unsere Erinnerungen als festgemauertes Fundament unserer Persönlichkeit verteidigen und jede begründete Verunsicherung heftigst abwehren, dann werden wir zu „Fundamentalisten“ mit geradezu heiligen Vorurteilen[7]. Wie können wir dann unser Leben für die Zukunft zu entwerfen?

„Ich bin, der Ich sein werde“, so stellt Gott sich vor.[8] Das wäre auch für uns eine Chance.

Doch das heißt nicht, dass irgendjemand so mir nichts dir nichts mit bloßen Behauptungen an unserer Vergangenheit rumwerkeln darf. Heißt aber auch, dass wir uns selbst nicht blindlings vertrauen sollten. Errare humanum est – Irren ist menschlich.

[1] http://www.zeit.de/2003/26/Verdacht

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Binjamin_Wilkomirski

[3] https://dierkschaefer.wordpress.com/2011/04/06/unheimlich/

[4] http://www.brain.mpg.de/fileadmin/user_upload/images/Research/Emeriti/Singer/Historikertag.pdf

[5] Identität ist auch eine Konstruktion, allerdings eine lebensnotwendige.

[6] Lesen!! http://www.zeit.de/2015/33/erinnerung-gedaechtnis-gericht-fehlurteil/komplettansicht Mittwoch, 2.9.2015

[7] https://de.wikipedia.org/wiki/Erinnerungsverf%C3%A4lschung

[8] 2. Mose, 3,14

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4 Antworten

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  1. Rosi A. said, on 2. September 2015 at 18:57

    Können Sie diesen Satz genauer definieren wie Sie das meinen ,, Heißt aber auch, dass wir uns selbst nicht blindlings vertrauen sollten. Errare humanum est – Irren ist menschlich.,, denn Sie wissen bestimmt das viele mißbrauchte , hier insbesondere , ehemalige Heimkinder wieder enttäuscht sein werden mit diesem Satz ,
    so gesagt sie werden aufs Neue angezweifelt auf Ihre Glaubwürdigkeit. Nicht gut !

  2. M. Jahnke-Fox said, on 2. September 2015 at 20:08

    Dort wo selbst die Täter/Verantwortliche das Geschehen fein säuberlich Dokumentiert haben gibt es nichts zu bezweifeln. Selbst wenn es nicht all zu viele sind die es Beweisen können, so bestätigt doch immerhin diese Gruppe das angeblich unmögliche. Und daran kann weder ein Professor noch eine verdrehte Studie oder Statistik was ändern.
    mjf

    • dierkschaefer said, on 2. September 2015 at 20:58

      Bei solcher Beweislage gibt es auch nichts zu bezweifeln. Das würden selbst „verdrehte Studien“ nicht tun.

  3. Erika Tkocz said, on 4. September 2015 at 00:00

    Bei Lena ist ja offensichtlich alles falsch gemacht worden was man auch falsch machen kann und es ist bekannt, dass Kinder hier schon suggestiv beeinflussbar sind und es sind wohl so viele Personen involviert gewesen, dass man zu dem Zeitpunkt aber auch nichts mehr an den wahren Begebenheiten heraus bekommen hätte. Erschreckend dabei ist wohl die Tatsache, dass die Eltern hilflos mit ansehen mussten, wie man ihr Kind wegnahm und erschreckend dabei wie schnell so etwas gehen kann und dabei dann eine Familie zerstört wird. Besonders tragisch dabei war die Situation der Mutter, die aber hier keine Chance hatte überhaupt etwas richtig zu machen, quasi in der Falle saß. Da wird ihr vorgeworfen ihrer Tochter nicht zu glauben und an diesem Punkt wird es besonders schwierig. An dieser Stelle erscheint es mir wichtig, sich einmal in der Rolle der Mutter zu versetzen, die der Tochter zu glauben hat und sich damit dann gegen ihren Mann stellen würde. Glaubt sie der Tochter nicht wird es ihr vorgeworfen und negativ ausgelegt und hier beginnt das Problem, weil die Mutter nur darauf eingeengt ist ja oder nein zu sagen. Sicherlich gibt es auch tragische Fälle, wo eine Mutter blind ihrem Manne glaubt, aus welchen Gründen auch immer, aber bei Lena konnte die Mutter durchaus davon ausgehen, dass da etwas anderes passiert ist, denn es ging nicht nur um sexuellen Missbrauch, dass Kind sollte ja auch körperliche Gewalt erlebt haben und das hätte die Mutter dann schon erkannt. Ja und dann wird das Kind den Eltern systematisch entzogen und sie werden- wie es zu lesen ist -so behandelt, als hätten sie ihre Elternschaft verwirkt und sind damit quasi vorverurteilt worden, weil zu diesem Zeitpunkt ja noch nicht wirklich klar war was eigentlich passiert ist.

    Ich sehe den Fall Lena nicht wirklich in dem Kontext einer Konstruktion oder Rekonstruktion der Vergangenheit oder dem Wilkomirski Phänomen, sondern als ein Beispiel dafür, wie es Erwachsene schaffen durch Suggestionen Kinder zu beeinflussen. Außerdem geht es um eine Frau also die Nachbarin- als Kind missbraucht- und es offensichtlich in der Therapie nicht geschafft hat, diesen Missbrauch aufzuarbeiten nun anfängt, sich paranoid gegenüber ihrer Nachbarschaft bzw. Kindern zu verhalten. Kaum zu fassen, sei es der erste Gutachter oder das Jugendamt und noch so einige Trottel haben sich allesamt derart unprofessionell verhalten, dass einem aber echt Angst und Bange werden kann. Lena hat sich ja bei der anderen Gutachterin schon anders verhalten bzw. auch andere Aussagen gemacht und so wird wohl kaum anzunehmen sein, dass sie später-also wenn sie einmal erwachsen ist- an ihren ersten Aussagen hängen bleibt. Ich gehe auch nicht wirklich davon aus, dass diese Suggestionen denen sie ausgesetzt war in ihrem späteren Leben eine Rolle spielen werden, zumal sie ja auch wieder zu ihren Eltern zurückkehrte (allerdings nach längerer Zeit) und somit eine gute Chance hat sich wieder ihre eigenen Realität und Wahrnehmung zu erleben und nicht durch diese traumatisierte Nachbarin weiter beeinflusst wird. Wie gut, dass ihre Eltern und insbesondere der Vater kämpfte und sie sicherlich ihrem Kinde keine Schuld für dieses Unheil geben, wohl dem der solche Eltern hat.

    Ja bei der Rekonstruktion der Vergangenheit schlage ich einmal vor die „Gutachter“ begutachten zu lassen und ich bin sicher, da täte sich ein Abgrund auf!


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