Dierk Schaefers Blog

Einer Kollegin zur Verabschiedung aus dem Pfarramt

Posted in Kirche, Staat by dierkschaefer on 13. September 2015

Emeritierung ist eine Form der altersbedingten Befreiung (Entpflichtung) eines Pastors, Bischofs, Papstes, Hochschullehrers oder Professors von der Pflicht zur Wahrnehmung der Alltagsgeschäfte. Hat ursprünglich aber auch die Bedeutung von „ausdienen, alt/unbrauchbar werden“[1]. Doch das hat wohl noch Zeit.

Was könnte also eine emeritierte Pfarrerin noch tun?

Manche übernehmen Predigten – doch dieses Sonntagsgeschäft ist eher das Alltagsgeschäft von Pfarrern, so auch die „Kasualien“.

Genieße die Freiheit eines Christenmenschen – und wir wissen dank Luther, dass wir sie zuweilen auch ertragen müssen, wenn wir gefordert werden, denn ein Christ ist immer im Dienst[2].

Wenn Du magst, wartet so manches andere auf Dich, was unter der Fülle der Alltagsaufgaben gelitten hat, aber einer Pfarrerin angemessen ist.

Apropos Luther: Wir haben Dir zwei Vorschläge mitgebracht, der erste heißt Luther.

Es ist die Biographie eines Profanhistorikers über Luther[3]. Er geht anders heran, als die Kir­chen­historiker. Das ist erfrischend. Er zeigt die Relativität unserer historischen Rekonstruk­tionen, die immer auch Konstruktionen sind.[4] Er schreibt, wie in den Luther-Gedenk-Jubiläen sich jede Epoche ihren eigenen Luther zurechtgeschnitzt hat.[5] Am drastischsten die Indienst­nahme von Luther durch die Nazis.[6] (Der Judenhasser Luther blieb in unserem Studium ja meist außen vor – und jetzt wird er uns von den Kirchenfeinden um die Ohren gehauen.[7] + [8])

Und wie feiern wir Luther heute?

Das hätten sich andere Epochen nicht vorstellen können. Die Luther-Decade: ein ganzes, gefeiertes Lutherjahrzehnt führt von 1517 zum Jahr 2017[9]. Mit einer Ex-Landesbischöfin als Lutherbotschafterin, eine Frau also; Katharina von Bora hätte wohl ungläubig den Kopf geschüttelt. Doch ich erinnere mich noch an die Rührung einer emeritierten Vikarin, mit der sie eine leibhaftige Dekanin begrüßte. Sie hatte zu ihrer Zeit noch nicht Pfarrerin werden können. Erinnerst Du Dich, liebe Sabine[10]: in der Zeit Deines Vikariats gab es noch Gemein­den, die keinesfalls eine Frau als Pfarrer akzeptiert hätten. Die ecclesia semper reformanda! – und Luther wird, wie das Luther-Gedenken mitreformiert.

Das sei hier symbolhaft gezeigt: Auf dieser Lutherbiographie sitzt als Kind unserer Zeit Luther als Playmobilfigur.

Nun zum zweiten: Dieses Buch haben wir nicht in Geschenkpapier gewickelt.

Warum? Es ist gebraucht, ich habe es schon gelesen. So etwas kann man doch nicht mehr ver­schen­ken, werden manche denken. Macht man normalerweise auch nicht.

Zuerst zum Buch: Es hat den merkwürdigen Titel: gehen – ging – gegan­gen.[11] Das passt zum Anlass: Vom Präsenz – zum Imperfekt – zum Perfekt: Heute predige ich – neulich predigte ich noch – früher habe ich gepredigt. Das ist ein Weg in den Ruhestand. So ein Weg kann schwierig sein, doch in der Normalität von Lebenswegen ist das banal.

Das Buch handelt von Richard. Er lebt in Berlin. In der DDR forschte und lehrte er als Profes­sor für alte Sprachen. Doch mit seiner Emeritierung ist sein Leben noch nicht abgeschlossen, ist nicht perfekt.

Eher zufällig kommt er in Kontakt mit schwarzafrikanischen Flüchtlingen und – ganz Profes­sor, der es nicht lassen kann, – forscht er nach. So erfährt er – und wir mit ihm – vieles über die Lebens- und Fluchtbedingungen der Menschen aus Afrika, die sich auf den mörde­ri­schen Weg über das Mittelmeer machen. Nicht nur das: Richard lernt auch vieles – und wir mit ihm – über die Lebensbedin­gun­gen dieser Menschen in Deutschland, und über das, was sie hier am Leben und Bleiben hindert. Und noch mehr: Richard verändert sich – wir vielleicht auch mit ihm?

Aber warum ein gebrauchtes Buch?

Ich hätte es für unangemessen gehalten, ja, für eine Sünde, es einfach ohne weiteren Nutzen in mein Bücher­regal zurückzustellen. Es ist zum sofort-Lesen und zum gezielt-Weitergeben, weil es vom Leben handelt, davon, was das Leben behindert – oder auch ermöglicht – und welchen Anteil wir daran haben – können.

gehen – ging – gegangen / lesen – las – gelesen.

Wenn ausgelesen, gib es weiter, damit der oder die nächste es liest. Wenn er es mit dem Herzen las, wird sie, soll er es, wenn ausgelesen, weitergeben.

Mit den besten Segenswünschen für Deinen Ruhestand.

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Ein Nachtrag: Die Verabschiedung war nicht nur feierlich, sondern beeindruckend. Im Festgottesdienst sprach nach der Predigt auch der Bürgermeister und nannte detailliert die erfolgreiche Zusammenarbeit mit meiner Kollegin. Er sagte: Sie waren ein Segen für unsere Stadt.

Trotz der mafiösen Kumpanei von Staat und Kirche am Runden Tisch Heimkinder: Es gibt sie also noch, die gute Kooperation von Staat und Kirche zugunsten der Bürger. An der Basis kann das funktionieren. So sollte es noch möglichst lange bleiben, auch wenn nicht jeder Kollege und nicht jeder Politiker dafür geeignet ist.

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Emeritierung

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Otto_Dibelius . Also mach es nicht wie jener Bischof, der sich bei einer begründeten Anfrage darüber empörte, dass man ihn im Ruhestand behelligt.

[3] Heinz Schilling, Martin Luther, Rebell in einer Zeit des Umbruchs, München 2012, https://www.perlentaucher.de/buch/heinz-schilling/martin-luther.html

[4] Er nimmt damit neuere Ergebnisse der Hirnforschung auf: Professor Dr. Wolf Singer: Wahrnehmen, Erinnern, Vergessen, Über Nutzen und Vorteil der Hirnforschung für die Geschichtswissenschaft: Eröffnungsvortrag des 43. Deutschen Historikertags http://www.brain.mpg.de/fileadmin/user_upload/images/Research/Emeriti/Singer/Historikertag.pdf

[5] s. auch: Reinhard Bingener, Luther und die Deutschen, FAZ Donnerstag, 28. März 2013, S. 1, http://www.faz.net/aktuell/politik/reformation-luther-und-die-deutschen-12130531.html

[6] http://www.theology.de/themen/martin-luthers-judenfeindschaft–offener-appell.php

[7] http://hpd.de/node/13504 Montag, 15. April 2013

[8] Sehr drastisch wird Luthers Theologie in Zusammenhang mit der Mordsache Geyer in Verbindung gebracht. http://www.theologe.de/luther_geyer.htm Donnerstag, 25. Februar 2010. Aber der Autor hat keine Ahnung von Theologie, auch wenn er sich Theologe nennt.

[9] http://www.zeit.de/2013/01/Martin-Luther-Biografie/komplettansicht

[10] Name geändert

[11] Jenny Erpenbeck: „Gehen, ging, gegangen“, Roman, München 2015

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Eine Antwort

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  1. Lavern said, on 28. Februar 2017 at 00:51

    Saludos. Me ha encantado observar su sección. Me ha afinado una aclaración muy sugestiva, no obstante,
    en determinados asuntos difiero un poco de su juicio.
    He revisado que tienes más difusiones, juro tomarme un espacio para ojearlas.
    Ten por fijo que seguiré todas tus publicaciones. Te doy
    la enhorabuena por tu portal web. Un cariñoso saludo.


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