Dierk Schaefers Blog

Was ist der Unterschied zwischen Nazi-Raubkunst und Nazi-Raubaktien?

Posted in BRD, Geschichte, Moral, Nazivergangenheit, Uncategorized by dierkschaefer on 8. Dezember 2015

Die Kunst, jedenfalls die bildende, ist beständig, soweit sie nicht im Krieg vernichtet oder erfolgreich bis heute versteckt wurde. Solche Kunst kann man rückerstatten, muss man sogar – und man tut es, wenn auch zögerlich.[1]

Noch ein Unterschied: Die Kunst ist häufig im Marktwert gestiegen, das gleicht den Zinsverlust aus.

Wie steht es mit Aktien, die ursprünglich in jüdischem Besitz waren?[2] Das Beispiel des Berliner Zoos zeigt uns das. Ein Zoo und seine Tiere gehen ans Herz. Darum wird in vielen Beiträgen heute erwähnt, wie der Berliner Zoo seine „dunkle Geschichte“ aufarbeitet.[3] Dazu gehört, geradezu klassisch, eine eine „seriöse historische Studie“. [4] Der Zoo war eine Aktiengesellschaft, rund ein Drittel der Aktien gehörte Juden. Juden, „die nach 1933 systematisch aus dem Vor­stand und dem Aufsichtsrat gedrängt wur­den – und genötigt wurden, ihre Aktien zu verkaufen oder abzugeben.“

Nur eine Studie? Auch eine Ausstellung ist geplant. „Sie werde die gesamte Geschichte des ältesten deut­schen Zoos umfassen und auch die dunk­len Seiten beleuchten.“ Aber „sie müsse für ein Publikum gemacht sein, das Tiere an­schauen wolle, nicht nur für jene mit aus­geprägten historischen Interessen.“ Überhaupt sei der Zoo, „wie so viele Institutionen … ein ,Kind seiner Zeit’ gewesen.“

Und die Aktien?

„Regelrechte Wiedergutmachung sei des­wegen schwierig, weil eine Aktiengesell­schaft die Aktien ,nicht besitzt’; das sei mehrfach juristisch geprüft worden … . Aber mit der geplanten Ausstel­lung und den Tafeln werde es vielleicht ge­lingen, „das richtige Gefühl zu verinnerli­chen“. Das ist doch ein schöner Zug vom Zoo. Schließlich „bemühe man sich, zur Geschichte zu stehen. Man heiße alle Nachfahren ehe­maliger jüdischer Aktienbesitzer herzlich willkommen und bemühe sich nach Kräf­ten, ihnen einen schönen Tag im Zoologi­schen Garten zu bereiten[5].“ Wenn das nichts ist. Ein gefühliges Erinnerungsprogramm im heutigen Spaß-Zoo.

Doch das ist nicht alles. „In den nächsten fünf Jahren wird der Berliner Zoo 20 ,Fellowships’ vergeben; insgesamt stehen für das Programm 200 000 Euro bereit. Kooperiert wird mit der Freien Universität Berlin und der Hebrew University in Jerusalem, bewerben können sich Forscher aus Israel, – nicht nur Zoologen, auch Historiker, Veterinär­mediziner und Biologen.“ Ein Forschungsprogramm also zur Wiedergutmachung speziell auf Jerusalem ausgerichtet. Werden dafür andere Forschungsprogramme aufgeschoben? Jedenfalls werden die Zoobesucher, die eigentlich nur Tiere anschauen wollen, über die Eintrittspreise kollektiv an der historischen Aufarbeitung des Berliner Zoos beteiligt. Auch das ist ein schöner Zug vom Zoo. Er hat sich stromlinienförmig dem Zeitgeist der ehrlichen Aufarbeitung angepaßt. Jetzt ist alles wieder gut und wir können ohne Gewissensbisse Tiere gucken gehen.[6]

Was ist der Unterschied zwischen Nazi-Raubkunst und Nazi-Raubaktien? Kunst kann man zurückerstatten, Aktien nicht. Ohnehin wären die im Währungsschnitt nach dem verlorenen Krieg wertlos geworden. Und überhaupt: Die Rechtslage verhindert eine Entschädigung.

Für viele Leser dieses Blogs ein déjà vue.

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Hildebrand_Gurlitt#Sammlung_Gurlitt

[2] Nach den „arisierten“ Firmen will ich gar nicht erst fragen. Wie man merkt, ist das Feld, das die Nazis sich unter den Nagel gerissen haben, sehr groß.

[3] Eine Auswahl:

http://www.tagesspiegel.de/berlin/bezirke/kudamm/ns-diktatur-der-berliner-zoo-stellt-sich-seiner-nazi-vergangenheit/12691148.html,

http://www.berliner-zeitung.de/berlin/neue-ausstellung-berliner-zoo-bekennt-sich-zu-nazi-vergangenheit,10809148,32721368.html,

http://www.morgenpost.de/berlin/article206800177/Der-Berliner-Zoo-arbeitet-seine-NS-Vergangenheit-auf.html,

http://www.rbb-online.de/politik/beitrag/2015/12/berliner-zoo-stellt-konzept-zur-vergangenheitsbewaeltigung-vor.html,

http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/berliner-zoo-dunkle-vergangenheit-in-einer-ausstellung-13953539.html,

http://www.neues-deutschland.de/artikel/993974.berliner-zoo-plant-aufarbeitung.html

[4] Monika Schmidt erstellte sie 2014 im Auftrag des Zoos.

[5] Von „kostenfreien Eintritt“ schreibt die Berliner Zeitung.

[6] Alle Zitate aus: FAZ-Printausgabe, Dienstag, 8. Dezember 2015, auch nachzulesen unter http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/berliner-zoo-dunkle-vergangenheit-in-einer-ausstellung-13953539.html

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