Dierk Schaefers Blog

Alter ist kein Verdienst – hat aber den Vorteil, …

Posted in Geschichte, Gesellschaft, Kinderrechte, Kindeswohl, Pädagogik, Psychologie, Soziologie by dierkschaefer on 17. Januar 2016

… dass man manches schon kennt. So wird bei Twitter gerade diskutiert – soweit man im Twitterkorsett diskutieren kann – welche Art Erziehung für Kinder gut ist.

  • Sollen sie sich frei entwickeln können, ohne Lenkung, ohne Zwang. Sind die Erwachsenen störende, bevormundende Besserwisser?
  • Oder brauchen die Kids Anleitung, Vorgaben, Wissensvermittlung?

 

Die alten Fragen von laisser-faire und autoritär, von Gruppen- und Frontalunterricht, von Pädagogik und Reform-Pädagogik.

 

Wer etwas älter ist, seufzt mit Kohälet: Es gibt nichts Neues unter der Sonne (Altes Testament, Prediger, Kap. 1). (Natürlich gibt es auch Neues, wäre ja sonst langweilig).

 

Und so nimmt man ein Buch aus seiner Bibliothek: A.S. Neill, Summerhill, Erstauflage 1926, mein Exemplar von 1961, bei Penguin erschienen, inliegend Zeitungsartikel von dunnemals.

 

Zum Glück gibt es Neues: DAS NETZ. Ich stoße auf die Digitalversionen dieser Zeitungsartikel:

http://www.zeit.de/1994/10/theorie-und-praxis-der-antiautoritaeren-erziehung/komplettansicht und

http://www.zeit.de/1970/32/das-beispiel-summerhill/komplettansicht.

 

Der praxisnahe vernichtende Leserbrief hat den Weg ins Netz leider nicht gefunden.

Ich habe ihn eingescannt und gebe ihn hier unverändert wieder, allerdings ohne Namensnennung der Leserbriefschreiberin:

———————————————

 

Nicht einmal glückliche Straßenfeger

Hans     Krieger: ZEIT Nr. 32 „Das     Beispiel     Summerhill“

Meine Schwester und mein Bruder waren Schüler in Summerhill, ich habe selbst die Schule als „Außenseiterin“ besucht, als mein damaliger Verlobter dort Lehrer war.

S. Neill hat einmal gesagt: Besser ein glück­licher Straßenfeger als ein unglücklicher Akade­miker. Ich bin der Meinung, sein System kann nur Straßenfeger hervorbringen, und es bleibt frag­lich, ob sie glücklich sind. Wie der Schulinspektor sagte: „Es ist eine Leistung, eine Atmosphäre ge­schaffen zu haben, wo geistige Bildung gedeihen könnte — nur gedeiht sie nicht.“ Sie kann nicht gedeihen. Es ist unmöglich, in Summerhill etwas zu lernen, etwas zu werden, auch mit dem besten Willen nicht. Das Haus glich damals einer ab­genutzten Kaserne, alle Möbel waren zerhackt, zerschnitten, kaputt, die Wände schmutzig, überall verkratzt, die Bettwäsche zerrissen, der Lärm war nicht auszuhalten; es war keine Ord­nung, kein Programm, es gab keine genauen Mahlzeiten, alles war Chaos.

Mein Bruder und meine Schwester haben in drei Jahren nur das Reiten gelernt. Natürlich! Was könnte schöner sein für Kinder von 11 und 13 Jahren, als den ganzen Tag auf einem Pferd zu sitzen? Hätten sie aber doch was lernen wol­len, wäre es unmöglich gewesen. Es gab kein La­boratorium, die Lehrer waren meistens junge, unerfahrene Leute, die schlecht auf der Univer­sität abgeschnitten hatten und in keiner Schule untergekommen wären. Es wurde bewußt nichts für die dumme Kultur gemacht, keine Musik, keine Kunst. Die Kinder tobten nur.

Sie hatten die Freiheit —- jawohl! Eine Lehre­rin hat die Schule verlassen, nachdem die Kinder so frei waren, ihr Baby in der Badewanne er­tränken zu wollen. Warum auch nicht? Die Lehrer haben mir auch manchmal leid getan. Da saß z. B. ein Lehrer in einem Zimmer — und wartete auf Kunden. Plötzlich kommt ein Sechsjähriger, der auf einmal das Einmaleins lernen will, und gleich­zeitig ein Sechzehnjähriger, dem auf einer an­deren Schule schon etwas beigebracht worden war, und will sein Wissen fortsetzen . .. draußen Lärm. Wie sollte der Lehrer das alles vereinigen? Die Kinder lernen außerdem gar nicht etwas aus­zuhalten. Wenn es schwierig oder langweilig ist, rennen sie fort.

Meine Schwester war begabt, mit 17 Jahren hat sie einen Roman im Verlag von T. S. Eliot her­ausgegeben. Sie hat aber keinen Beruf gehabt, auch nicht viel weitergeschrieben, sie gab alles auf (drei Ehen) und ist der Trinksucht verfallen, starb jung an Leberzirrhose. Mein Bruder idem… nichts gelernt, immer Beschäftigung gewechselt, ist jetzt Hausmakler mit Besitz im Armenviertel von London, wo die Neger zu zehnt in einem Zimmer hocken. Ist das ein Ideal?

Sie hatten nichts gelernt, auch – das Lernen nicht. Als sie die Schule verlassen haben, war es zu spät.

Ich möchte noch auf ein Interview mit einer Amerikanerin aufmerksam machen, die auch von Summerhill weggelaufen ist (Observer, 9. 8. 70). Sie hat in vier Jahren nichts gelernt. Hat nachher ein Jahr gebraucht, um das Lernen zu lernen. Ist völlig vereinsamt, paßt nicht zur Jugend von heute. Hat kein Interesse an Politik: „Das hat keiner in Summerhill, Politik ist schmutzig, und die Summerhillianer sind alle so sauber“ (!!).

Summerhill hat den Kindern fürs Leben keinen Unterbau, keine Kraft gegeben. Ich will sagen: Das System von A. S. Neill hat viele Kinder ihrer Möglichkeiten, ihres „Potentials“ beraubt. Heute ist es vielleicht etwas besser (nach der Amerika­nerin aber doch nicht) — jetzt haben die Kinder wenigstens das Fernsehen und könnten was ler­nen!

S. Neill hat eine „rule“ eingeführt. Er glaubt, daß das Rauchen Lungenkrebs verursacht, so dürfen die Kinder nicht rauchen. Sonst ist alles erlaubt. Aber sind die anderen, erlaubten Lebens­weisen nicht genauso gefährlich, wenn auch nur moralisch und geistig? Ich möchte eine Liste haben und wissen, was aus den Kindern gewor­den ist, die durch die Hände von A. S. Neill gegangen sind. Ich wette, sie haben nicht besser abgeschnitten als andere Kinder, die nach anderen Systemen aufgezogen worden sind.

V.V. Mainz

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