Dierk Schaefers Blog

„Geistliche Aufarbeitung“?

Die Aufarbeitung von physischer und psychischer Gewalt in den Kinderheimen der evangelischen Brüdergemeinde Korntal in den 1940er Jahren bis in die 70er Jahre steht wieder am Anfang. Aber die ehemaligen Heimkinder lassen sich nicht beirren, sie halten an der Aufarbeitung der Vorfälle in den Kinderheimen fest, auch wenn das Projekt zunächst gescheitert ist.

»Die Betroffenen hatten nicht nur die historische Aufarbeitung gefordert, sondern etwa auch die Pietisten zu einer geistlichen Aufarbeitung gedrängt. Diese stimmten zu – ehe dann diese Woche in weiten Teilen die Rolle rückwärts folgte. Erst warfen Wolff und ihr wissenschaft­liches Team hin, dann erklärte die Brüdergemeinde die Aufarbeitung für gescheitert. Schuld seien allein die Betroffenen, stellten die Pietisten ihre Sicht der Dinge dar.«[1]

 

Zum ersten Mal lese ich von einer „geistlichen Aufarbeitung“. Ist damit eine theologische Aufarbeitung gemeint? Die vermisse und fordere ich schon lange. Was ist das, was soll das bringen?

All die Misshandlungen, die Demütigungen, die Ausbeutung, soweit sie in kirchlichen Einrichtungen geschahen, müssen sich am theologischen Konzept dieser Einrichtungen messen lassen. Nun mag der Begriff Konzept zu hoch gegriffen sein. Die Einrichtungen wurden betrieben aufgrund von und mit christlichen Überzeugungen. Als Beispiel sei die Inschrift über der Eingangstür zum evangelischen Frauenheim Himmelsthür genannt: Wer aus- und eingeht durch die Tür / Der soll bedenken für und für / Dass unser Heiland Jesus Christ / Die rechte Tür zum Himmel ist. [2]

Nach theologischen Gründen für Missbrauch muss man nicht fragen. Die gibt es nur für Schwarze Messen. Davon ist mir jedoch aus christlichen Einrichtungen nichts bekannt. Eine Integration solcher Messen in christliche Theologie wäre auch unmöglich.

Aber die Themen Demütigung, „Arbeitstherapie“, pädagogische Härte und ständige Überwachung hatten einen theologischen Hintergrund.

Wie bei den islamistischen Selbstmordattentätern ist das jenseitige Leben das ausschlaggebende, ist bedeutender als das irdische Leben, immerhin dauert es eine Ewigkeit. Das Ziel rechtfertigt jeden Einsatz. Die Kinder, zumal wenn sie „Kinder der Sünde“ waren, mussten hier auf Erden notfalls gewaltsam für das ewige Leben zugerichtet und mussten gedemütigt werden, um Demut zu lernen.

Wer dieses „gottgefällige“ Werk an den Kindern tat, vergrößerte auch seine himmlischen Chancen, wenn auch im Widerspruch zur reformatorischen Rechtfertigungslehre. Mindestens ebenso wichtig erscheint mir, dass die Gründer und Betreiber solcher Einrichtungen ihr bürgerliches Ansehen durch „selbstlose“ Liebestätigkeit an den Kindern vermehrten, die am Rand der Gesellschaft standen und für die sich niemand sonst einsetzte. Doch narzisstisches Ego wird durch keine Theologie gerechtfertigt.

Es bleibt also das „Ewige Leben“, das theologisch zu überdenken ist: seine Implementierung in den Köpfen und seine Rolle für die Rechtfertigung diverser Misshandlungen, die nicht nur konträr zu den damals noch recht neuen Menschenrechten standen, sondern auch nichts zu tun hatten mit dem Bild von der Gottesebenbildlichkeit des Menschen und nichts mit dem Jesuswort bei Matthäus 18,6 + 10: Wer aber ärgert dieser Geringsten einen, die an mich glauben, dem wäre es besser, daß ein Mühlstein an seinen Hals gehängt und er ersäuft werde im Meer, da es am tiefsten ist. Sehet zu, daß ihr nicht jemand von diesen Kleinen verachtet. Denn ich sage euch: Ihre Engel im Himmel sehen allezeit in das Angesicht meines Vaters im Himmel.

Schließlich die uneingestandene theologische Hilflosigkeit, wenn – gar nicht so untypisch – der Pfarrer einer Einrichtung auf die Frage: Warum bin ich behindert?Weil Gott Dich prüfen will antwortet. Damit ist das Thema Leiden anzusprechen. Zumindest im Traditionsgut wird es immer noch in Anlehnung an das Leiden Jesu wertgeachtet.[3]

 

Abgesehen von der Denk- und Hoffnungsfigur des ewigen Lebens sind die damaligen Anschauungen auch theologisch überholt. Was fehlt ist die eingestandene Verknüpfung von damaliger Theologie und menschenrechtswidrigem Verhalten.[4] Mit dem Versuch, die Institution Kirche zu schützen schützt man auch die Gründerväter und ihre Theologie. Auch an evangelische Heiligenlegenden darf nicht gerührt werden.

Eine „geistliche Aufarbeitung“ tut not.

Was kann sie bewirken? Ehrlichkeit und Vertrauen.

[1] http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.missbrauchsskandal-in-korntal-das-spiel-mit-der-macht-page1.c42b94da-9d0c-4ba7-b126-60e77afe1442.html

[2] https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2015/01/rezension-himmelsthc3bcr.pdf

[3] Aus dem Adventslied: Es kommt ein Schiff geladen die Strophen 5 und 6:

5 Und wer dies Kind mit Freuden / umfangen, küssen will, / muß vorher mit ihm leiden / groß Pein und Marter viel, – 6 danach mit ihm auch sterben / und geistlich auferstehn, / das ewig Leben erben, / wie an ihm ist geschehn.

[4] Ich sehe auch nicht, dass die Universitätstheologie diese Thematik aufgreift, mag mich aber irren.

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3 Antworten

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  1. ekronschnabel said, on 22. März 2016 at 22:13

    „Unser“ Pastor geht wieder mal seinen Weg, den ausser ihm keiner von denen beschreiten wird, über die er berichtet. Er will die „geistliche Aufarbeitung“ – und ich verstehe so ungefähr, was er darunter versteht. Nun bin ich ja kein Unbeleckter in Sachen Missbrauchsaufarbeitung, lernte dabei seeeehr schnell, mit welcher Sorte Ganoven in Kirchendiensten ich es zu tun hatte (und immer noch habe).

    Deshalb nehme ich mir hier mal das Recht, meine Sicht auf den Begriff „geistliche Aufarbeitung“ darzustellen.
    Das sind rein praktische Erfahrungen – und genau die sorgten dafür, dass Pastor Schäfers Wünschen und Wollen hinsichtlich „geistlicher Aufarbeitung“ nicht real erlebbar werden wird. Dafür sorgt die bornierte Über-
    heblichkeit und Dummdreistigkeit der Scheinheiligen, die auch für die Ganoven im Dienst der Kirchengemeinde Korntal als Nachfolger stehen. Was geht in den Schädeln dieser Leute vor? Halten die sich tatsächlich für von ihrem Gott gesandte Heilsbringer, die alles tun dürfen? Ja, dafür halten sich diese Luftnummern! Und sind völlig konsterniert und empört, wenn dann einer wie ich kommt und sagt „Ihr seid verkommene Witzfiguren, ihr seid Helfershelfer der Verbrecher in eueren Reihen, man sollte nicht mit euch verhandeln, sonder euch körperlich misshandeln, weil ihr schmierig und verlogen seid!“

    Mir begegnete diese Sorte Mensch im Umgang mit der Landeskirche Hannovers. Rotzedreist gegenüber den Opfern der Kinderschänder! Überheblich gegenüber denen, die Aufarbeitung von Unrecht forderten! Motto:
    Wir sind die „Obrigkeit“, weil Kirche“, wir bestimmen immer noch und entscheiden“ . Richter in eigener Sache!

    Genau das erleben wir jetzt erneut mit den Schwachköpfen, die für die Institution Korntal stehen. Ja, es sind
    Schwachköpfe, die immer noch nicht begriffen haben, dass sie sich selbst aufhängen werden. Sie verteidigen
    Verbrecher, statt sie zu verurteilen. Sie versuchen, ihren Schweinestall abzuschotten, damit die wirkliche Höhe
    des Mistes nicht erkennbar wird. Sie vergessen aber, dass Mist auch stinkt, noch dann riechbar ist, wenn man den Saustall verschliesst.

    Und deshalb, lieber Herr Schäfer, werden Sie niemals eine „geistliche Aufarbeitung“ erleben, jedenfalls nicht hinsichtlich Korntal und allen sonstigen Schweinereien in Kirchenkreisen. Für Ihre Forderung wird man Sie in Kollegenkreisen einen Nestbeschmutzer nennen.Man schützt Verbrecher im Dienst der Kirche und bewirft die mit Dreck, die die Verurteilung der Verbrecher fordern.

    So war Kirche, so bleibt Kirche, „geistliche Aufarbeitung“ nach Ihrem Verständnis kommt in dem Sauladen nicht vor, Herr Schäfer.
    Sage ich als Kirchenopfer, das mit den Rechtsnachfolgern der Verbrecher in Kirchendiensten stritt und (ver)handelte, um wenigstens etwas für die Geschändeten zu erreichen.

    • Helmut jacob said, on 24. März 2016 at 01:22

      Lieber Herr Kronschabel,

      Ihr Kommentar bietet nachdenkenswerte Meinungen, die ich auf den ersten Blick mit Ihnen teile. Danke dafür! Sie regen immer wieder zum Nachdenken an. Ich meine auch, dass die Aufarbeiter von Korntal nur die Absicht haben, Verbrechen zu vertuschen und zu verheimlichen. So war es immer in der Heimgeschichte und so wird es auch bleiben.

  2. Martin MITCHELL said, on 25. März 2016 at 04:18

    .
    Wie wahr, wie wahr! – Die unmittelbar vorhergehenden Beiträge von »ekronschnabel« und »Helmut Jacob« finden ihre uneingeschränkte und absolute Bestätigung in dem auf Tatsachen basierenden aktuellen Oscar-ausgezeichneten Kinospielfim „SPOTLIGHT“, der gerade in Deutschland und auch in Australien läuft (den ich mir selbst erst gerade vor ein paar Tagen hier in Adelaide angesehen habe). Da gibt es auch keinen Unterschied zwischen den Katholen und Evangelen.
    .


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