Dierk Schaefers Blog

Das gibt es auch: Stolz auf eine Kindheit im Heim

Posted in heimkinder, Kinder, Kinderheime, Kinderrechte, Kindeswohl, Pädagogik, Religion by dierkschaefer on 12. Juni 2016

Dieser Bericht über ehemalige Heimkinder bezieht sich allerdings hauptsächlich auf einen Zeitraum nach der Heimreform. Aber Reformideen müssen auch umgesetzt werden – und wie so häufig kommt es dabei auf die handelnden Personen an. Insofern sind Kinderheime nicht anders als die Familien, aus denen die Kinder kommen. Auch dort kommt es auf die handelnden Personen an. Zuweilen ist es für Kinder besser, in einem Heim aufzuwachsen, jedenfalls wenn das Heim so ist, wie hier beschrieben.[1] Ein generelles Heim-Bashing ist jedenfalls unsachlich, selbst wenn persönliche Heimerfahrungen dazu anregen.

[1] http://www.abendblatt.de/hamburg/von-mensch-zu-mensch/article207663831/Stolz-auf-eine-Kindheit-im-Heim.html

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3 Antworten

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  1. ekronschnabel said, on 12. Juni 2016 at 06:46

    Der Link nützt nicht viel, denn er führt zum Login des „Hamburger Abendblatt“.
    Man registriert sich nicht mal eben so bei einem Zeitungsverlag, vor allem dann nicht, wenn der auch noch abkassieren will (das wird wohl die Zukunft sein, wird aber so lange wie möglich von potenziellen Lesern vermieden).

    Erfreulich ist es, dass es auch positiv geführte Heime gab und gibt. Auch in den neuen Bundesländern treffe ich öfter ehemalige Heimkinder, die Gutes aus ihrer Zeit in rein staatlichen Heimen berichten. Positives aus
    westlichen Heimen der Zeit vor Heimreformen hört/liest man allerdings äusserst selten. Das ist den kirchlichen Heimbetreibern und deren (Un)Zuchtmeistern geschuldet. Der Osten hatte den Vorteil, kaum kirchlich geführte Kinderheime gehabt zu haben. Die „Liebe“ der „Brüder“ der evangelischen und katholischen Weltbeglücker blieb den Kindern im Osten größtenteils erspart..

    • dierkschaefer said, on 12. Juni 2016 at 06:55

      Der von Google gelieferte Link führte zu diesem Artikel:
      Stolz auf eine Kindheit im Heim
      Ann-Britt Petersen
      An den ersten Abend im Kinderheim kann sich Martina Frehs noch genau erinnern. Zwölf Kinder am gedeckten Abendbrottisch, eine Kinderpflegerin und eine Frau in Schwesterntracht schenkten Tee aus. Das war ihr alles fremd. „Tee kannte ich von zu Hause überhaupt nicht“, sagt sie. Auch gemeinsam zu essen war sie nicht gewohnt. Ihre Mutter war alkoholkrank und nicht in der Lage, sich um ihre Tochter zu kümmern. Deswegen hatte das Jugendamt das Mädchen an das Kinderheim der Großstadt-Mission in Bahrenfeld vermittelt. Das war 1974. Sie war acht Jahre alt, als sie in die Gruppe der „Zwerge“ aufgenommen wurde. Sie blieb bis zu ihrem 18. Lebensjahr. „Das Heim war das Beste, was mir passieren konnte“, sagt die 50-Jährige heute.
      An diesem Nachmittag sitzt Martina Frehs wieder an einem gedeckten Tisch im Nachbargebäude der „Villa“, wie das Kinderheim von seinen Bewohnern früher genannt wurde. Mit ihr haben sich in dem kleinen Saal rund 50 weitere Menschen mittleren Alters an den Kaffeetafeln versammelt. Alles ehemalige Heimkinder, die hier aufgewachsen sind. Mitten unter ihnen sitzt eine Frau in Diakonissentracht mit weißer Haube und grauem Kleid. Schwester Lydia Ritter, 85 Jahre alt, ist die letzte noch lebende Diakonissenschwester von denen, die einst die jungen Bewohner in der Nikischstraße betreuten. Für diesen Nachmittag hat sie „ihre Kinder“ wieder eingeladen. Das letzte Ehemaligentreffen liegt fünf Jahre zurück.
      Für viele der ehemaligen Bewohner ist sie eine „gefühlte Mutter“. Mit 21 Jahren war die aus Rothenburg ob der Tauber stammende Lydia Ritter in die Schwesterngemeinschaft Friedenshort eingetreten, hatte Kinderpflegerin gelernt und 1956 ihren Dienst im Hamburger Kinderheim begonnen.
      Inzwischen gibt es diese Form der Kinderheime nicht mehr, sie sind kleineren Wohnformen gewichen. „Kinderheime haben ja keinen so guten Ruf. Doch die meisten Ehemaligen verbinden mit diesem Haus gute Gefühle. Hier haben sie Geborgenheit und eine gute Förderung erlebt“, sagt Broer Broers von der Großstadt-Mission.
      Lydia Ritter war 34 Jahre lang im Kinderheim als eine von vier Diakonissen gemeinsam mit Kinderpflegerinnen und Erzieherinnen aktiv. „101 Kinder habe ich betreut“, sagt sie. „Unser Ziel war es, die Kinder so natürlich wie möglich aufzuziehen. Wir konnten ihnen ein Elternhaus nicht ersetzen, aber wir haben unsere Kinder geliebt und sie so erzogen, dass sie fürs Leben stabil sind“, ergänzt die Schwester.
      Dass dieser Ansatz erfolgreich war, zeigt sich auch heute. Die Verbundenheit zum Heim ist groß. Die Ehemaligen kommen gern zum Treffen und bringen sogar Angehörige mit, wie Martina Frehs, die mit ihrem Ehemann und Tochter gekommen ist. Auch der Rückblick fällt positiv aus. „Für mich war es hier nur zu meinem Vorteil“, sagt Martina Frehs. „Ich bekam zu essen, hatte Kleidung, hatte Freunde und ging regelmäßig zur Schule“, sagt die Einzelhandelskauffrau. Auch der Kontakt zu ihrer Mutter blieb erhalten. „Sie hatte es geschafft, trocken zu werden, und hat versucht, vieles wiedergutzumachen, leider starb sie früh.“
      Viele Kinder kamen aus schwierigen Familiensituationen, nicht bei allen gab es eine Bindung zu den Eltern. „Wenn alle anderen an den Weihnachtstagen zu ihren Familien fuhren, musste ich hierbleiben“, sagt Ursula Dose (58). Sie kam direkt von der Säuglingsstation des UKE ins Heim und zog erst mit 19 Jahren wieder aus. Manchmal waren die Zeiten hart. Die Schwestern hätten auch geschimpft und es habe auch Schläge gegeben. „Das war eben die Zeit damals, aber mich haben sie nicht gekriegt, ich war zu schnell“, sagt die Mutter zweier Kinder. Was sie am Heim dennoch geschätzt hat: „Die Schwestern haben uns so angenommen, wie wir sind, und in unseren Fähigkeiten gefördert.“ Sie hatte Klavierunterricht und spielte im Verein Handball. „Ich hatte viele Aggressionen, aber bei meinem Sport konnte ich sie ablassen, und im Klavierspielen konnte ich Ruhe finden“, sagt Dose, die als Versorgungsassistentin im hausärztlichen Dienst arbeitet. Heute kann sie sagen: „Ich bin im Kinderheim groß geworden und blicke mit Stolz zurück.“
      Auch ihre beste Freundin Belinda Rohde (49) denkt ähnlich. „Wir haben mit dem Heim hier viel Glück gehabt. Die Schwestern waren rund um die Uhr für uns da, immer ansprechbar. Hier wurde der Grundstein für eine positive Einstellung zum Leben gelegt“, sagt die Erzieherin, die ebenfalls als Kleinkind ins Heim kam und bis zur Volljährigkeit blieb. Weil sie schon als Kind unter einer schweren Stoffwechselkrankheit litt, kümmerte sich Schwester Magdalene sehr intensiv um sie.
      Für Bele ist das Gefühl, wieder hier zu sein, eindeutig: „Das ist mein Zuhause, hier bin ich groß geworden mit Menschen, zu denen ich eine enge Beziehung habe“, so Rohde. Ursula zum Beispiel sei immer wie eine große Schwester für sie gewesen.
      In familienähnlichen Strukturen leben, sich in der Gemeinschaft gegenseitig unterstützen und christliche Werte vermitteln, das gehörte zu den Grundsätzen der diakonischen Arbeit der Schwestern. Und das lebten auch die Schwestern im Kinderheim Bahrenfeld vor. „Wir hatten viele Kinder, die an Mukoviszidose erkrankt waren, sie wurden von anderen Heimen nicht aufgenommen, weil ihre Therapie so aufwendig war“, erinnert sich Schwester Lydia. Oft verbrachte die Diakonisse die Nacht im Krankenhaus an der Seite eines Kindes, das im Sterben lag. „Viele starben damals noch früh an der Krankheit“, sagt die Schwester. So gehörte auch das Thema Krankheit und Sterben zum Lebensalltag des Kinderheims. Die christliche Erziehung bot Halt. „Mir half das auch im Erwachsenenalter, als ich an Krebs erkrankte“, sagt Belinda Rohde, die wieder gesund wurde.
      Es wurde viel gefeiert, ein Höhepunkt war die Adventszeit. Dann wurden Eltern, Paten, aber auch Lehrer der benachbarten Grund- und Hauptschule eingeladen. Die Kinder bereiteten dafür etwas vor, spielten zum Beispiel auf dem Klavier vor. „Unsere Kinder waren ganz stolz, denn sie durften zeigen, was sie können“, sagt Schwester Ritter. Das stärkte das Selbstbewusstsein.
      Die Offenheit des Heims sorgte dafür, dass es im Umfeld der Kinder wenig Vorurteile gab. So gab es mit der Nachbarschule, welche die meisten Kinder besuchten, keine Probleme. „Die Lehrer wussten, wo wir herkommen, wie wir erzogen wurden“, sagt Peter Schäfermann (53). Er empfindet Stolz, dass er in Bahrenfeld aufgewachsen ist. „Was ich hier gelernt habe, nämlich Selbstständigkeit und Verantwortungsbewusstsein, hat meinen Lebensweg geprägt“, sagt er. Nur eins habe ihm gefehlt: männliche Erzieher. Mit denen er mal hätte Fußball spielen können. „Aber wenn die Ehemänner der Erzieherinnen vorbeikamen, dann haben die mit uns gespielt“, sagt Schäfermann, der nicht nur leidenschaftlich gern Fußball, sondern auch Akkordeon spielte. „Für mich ist das hier wie nach Hause kommen“, sagt der Bankkaufmann, der extra aus Aschaffenburg angereist ist.

  2. Werner Bösen said, on 12. Juni 2016 at 13:12

    Danke an Dierk für diesen Beitrag. Es ist unstrittig, dass es auch gut geführte Kinderheime gab und gibt, doch Kinderheime im Vergleich zu einem „schlechten“ Elternvorbild als eine bessere Alternative zu sehen und damit quasi eine Rechtfertigung für Kinderheime zu unterlegen, verkennt die Hilfssituation und die damit verbundenen nötigen Rechte für Kinder. Wie David Archard, Philosophieprofessor an der Universität Belfast, in seinem Werk in der 3. Auflage 2015 „Children, Rights and Childhood“ („Kinder, Rechte und Kindheit“) feststellt, sind Waisenhäuser/Kinderheime keine Familien. Es fehlt im wesentlichen die für Familien nötige Privatsphäre und die elterliche Autonomie. Archard plädiert für ein Netzwerk aus Pflege- und Adoptivfamilien und je nach Alter des Kindes für temporäre stationäre Wohneinrichtungen. Auch wenn Kinder sich um Kinderrechte keine Gedanken machen und wir Erwachsene Verantwortung tragen, die Kinder ins Erwachsenenleben zu begleiten bedarf es der Aufklärung der Kinder zu ihren Rechten. Archard unterscheidet moralische und gesetzliche Rechte. Die gesetzlichen Rechte sieht er sehr gut positioniert bei der UN-Kinderrechtskonvention, die inzwischen fast alle Länder der Welt ratifiziert, jedoch nur wenige in ihren Verfassungen aufgenommen haben. Nach der UN-Kinderrechtskonvention ist das Recht auf Liebe nicht als Recht definiert und hat somit moralischen Rechtscharakter. Obgleich es zwei Länder gibt, die in ihren Verfassungen auch für Kinder ein Recht auf Liebe fixiert haben und zwar Israel und Japan.
    Auch wenn die Bundesrepublik Deutschland die UN-Kinderrechtskonvention ratifiziert hat, fehlen Kinderrechte im Grundgesetz bzw. das Bekenntnis zur Anwendung der UN Kinderrechtskonvention und es gibt nur die Ableitung zum Wohl des Kindes. Unsere Politiker können offenbar gut damit leben und selbst die Bundestagskommission Runder Tisch Heimerziehung der 1950er und 1960er Jahre sah im Abschlussbericht Ende 2010 keine Notwendigkeit zur Thematisierung von gesetzlichen Kinderrechten und bezog sich auf Ableitungen, wie z.B. Artikel 2 GG das Recht auf körperliche Unversehrtheit. Kinderheime sind eine Minderheit in unserer Gesellschaft. Minderheiten sind in der Gefahr stigmatisiert zu werden und als notwendiges Übel zu gelten. Im Umgang mit Minderheiten zeigt sich das Selbstverständnis für eine Gesellschaft, das Selbstverständnis für unsere Kinder, das immer noch weit hinter dem liegt, was eine UN-Kinderrechtskonvention bereits im Jahre 1959 formuliert hat.


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