Dierk Schaefers Blog

»Zweierlei Leid: Heimkinder mit Behinderung sollen weniger „Entschädigung“ bekommen.«

Ob man die Sendung[1] „nachsehen“ kann, weiß ich nicht.

Mir waren zwei Dinge wichtig:

  1. Ich sah die Menschen einmal „life“, die mir seit Jahren bekannt sind und für deren Interessen ich mich eingesetzt habe. Mit Herrn Homes hatte ich noch vor wenigen Tagen einen Mailaustausch und Herr Dickneite ist mir über Helmut Jacob ein Begriff. [Nachtrag von Herrn Jacob: Zu Klaus Dickneite, unserem Gruppensprecher, kann ich einen Link beisteuern, der seine Kindheit näher darstellt: http://gewalt-im-jhh.de/Erinnerungen_KD/erinnerungen_kd.html ]
  2. Die Aussage des hessischen Sozialministers kann man auf die Formel bringen: Diese Sorte Heimkinder soll froh sein, überhaupt etwas zu kriegen. Typisch Funktionär. Diese Art Leute ist schuld am Glaubwürdigkeitsverlust der Politik.

Zu Herrn Homes:

„Das war eine verlorene Kindheit“, sagt Markus Homes, wenn er sich an seine Vergangenheit zurückerinnert. Zehn Jahre seiner Kindheit hat er im Rüdesheimer St. Vincenzstift verbracht, einem Heim für Kinder mit körperlichen und geistigen Behinderungen. Im Alter von sechs Jahren wurde bei Markus Homes die Diagnose „Debilität“ gestellt, eine Diagnose, die sich später als falsch herausstellte. Markus Homes kam in das katholische Sankt Vincenzstift nach Rüdesheim, in dem sein zehnjähriges Martyrium begann. Prügel, sexueller Missbrauch, Erniedrigungen und Folter waren damals Alltag. Das ist unstrittig und belegt. Lange wurden die Geschehnisse diesem und vielen anderen Heimen von Behörden und Kirchen totgeschwiegen. Erst im Jahr 2006 nahm sich die Landesregierung dieser Thematik an. Sechs Jahre später wurde dann ein Fonds eingerichtet, aus dem Betroffene Zahlungen und Rentenersatzleistungen erhalten sollten. Ausgeschlossen von diesen Zahlungen waren bis jetzt allerdings alle ehemaligen Heimkinder, die in der Behinderten­hilfe oder in psychiatrischen Anstalten untergebracht waren – so wie Markus Homes und all die anderen Kinder im St. Vincenzstift. Am Donnerstag haben die Regierungschefs von Bund und Ländern jetzt beschlossen, gemeinsam mit den Kirchen einen Fonds für ehemalige Heimkinder mit Behinderung zu finanzieren. Allerdings sollen die Zahlungen niedriger ausfallen, als die für die nicht behinderten ehemaligen Heimkinder.«[2] [Nachtrag:Hier der Link zum HR-Beitrag:  http://www.hr-online.de/…/fernse…/sendungen/mediaplayer.jsp…  Quelle: © hr | defacto, 19.06.2016]

Zu Herrn Homes lohnt es sich nachzulesen, wie es ihm ergangen ist und wie die Aufarbeitung der Vorgänge bei den Vincentinerinnen eben nicht nicht stattgefundenen haben.[3] [4]Die Vincentinerinnen haben anscheinend bundesweit nicht nur eine besondere Rolle in der „Schwarzen Pädagogik“ eingenommen, sondern auch in der Abwehr der Vorwürfe mit der Drohung, juristisch gegen die „Verleumder“ vorzugehen.[5]

Wie es bei den Vincentinerinnen zuging, kann man einer Studie von Professorin Dr. Annerose Sieber entnehmen, die allerdings konstruktionsbedingt vorsichtig zu nehmen ist.[6] Die Studie führt im Titel auch die Jugendhilfe Marienhausen auf, sagt dazu allerdings leider nichts. Das wäre interessant gewesen, denn das vom katholischen Salesianer-Orden verwaltete Jugendheim Marienhausen war das Heim, in dem Jürgen Bartsch[7] untergebracht war und von „PaPü“, Pater Pütz missbraucht wurde.[8]

Man sieht: Eine umfassende Geschichte der Kinder- und Jugendheime[9] ist noch nicht geschrieben.

[1] http://www.hr-online.de/website/fernsehen/sendungen/programm_popup.jsp?key=hr-fernsehen_2016-06-19&row=23

[2] http://www.hr-online.de/website/fernsehen/sendungen/programm_popup.jsp?key=hr-fernsehen_2016-06-19&row=23

[3] https://dierkschaefer.wordpress.com/2014/11/27/prugel-vom-lieben-gott-neu-aufgelegt-2/

[4] https://dierkschaefer.wordpress.com/2013/11/13/nach-tebartz-und-franz-kaspar/

[5] https://dierkschaefer.wordpress.com/2014/04/06/merkwurdig-die-vinzentinerinnen/

[6] https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2014/04/ergebnisbericht_aulhausen_siebert-1.pdf hier besonders Seite 10 – 14, die eine deutliche Sprache sprechen.

[7] https://de.wikipedia.org/wiki/J%C3%BCrgen_Bartsch

[8] http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-43231080.html Es wäre allerdings nicht korrekt, die Morde von Bartsch in speziellen Bezug zu PaPü zu setzne, denn sein Elternhaus war mindestens so katastrophal für die kindliche Entwicklung wie das Jugendheim Marienhausen. Mehr dazu. Paul Moor, Das Selbstporträt des Jürgen Bartsch, Frankfurt/Main 1972.img 13945

[9] egal ob Erziehungsheime, Heime für Menschen mit Behinderung oder Jugendspsychiatrien

5 Antworten

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  1. ekronschnabel said, on 19. Juni 2016 at 22:38

    Ich lernte im Zusammenhang mit Fonds und Heimträgern um die Ecke zu denken. Wenn jetzt ein Fonds für behinderte Heimopfer aufgestellt wird, frage ich natürlich sofort, wer denn die Gelder für die behinderten
    Menschen absackt und einsackt, die von Vormündern bestimmt werden.
    Da tun sich natürlich allerhand Möglichkeiten für Betreuer und Vormünder auf, da ist Geld zu holen! Wer stellt sicher, dass diese „Entschädigungszahlungen“ auch den Opfern zur Verfügung stehen? Landet das Geld ggfs.
    wieder bei denen, die in den Fonds einzahlen und die Heime unterhalten, um daran gut zu verdienen?
    Wir werden wohl noch staunen, wenn die Umsetzungen der Fondsbestimmungen in die Realität gelangen.

    • Helmut Jacob said, on 20. Juni 2016 at 14:06

      Ihre Befürchtungen oder Ahnungen sind durchaus berechtigt, lieber Herr Kronschnabel! Ich grübele seit Tagen an einem Konzept, dass diese Selbstbedienung verhindert. Für die uns bekannten Opfer werde ich wohl die Anträge stellen müssen, weil viele dazu nicht in der Lage sind. Aber nicht alle haben den Kontakt mit unserer Gruppe aufgenommen. Wir werden wahrscheinlich auf unsere große Adressenliste zurückgreifen und alle anschreiben. Das kostet zwar, aber man fühlt ja immer noch christliche Werte. Oder ich nehme die ESV ins Gebet. Vielleicht dürfen wir dort unsere Briefe loswerden.
      Übrigens ist ein ähnlicher Brief, wie der von Herrn Schäfer an den BeB in unserer Gruppe auf Tournee. Ich werde einen vierten Punkt einfügen: Ob der BeB und die Diakonie auch für die Verhinderung der Anrechnung auf die Stütze ( 🙂 ) gesorgt haben. Man darf gespannt sein.
      (Weiterhin spannende Schwerlasttransporte!)
      Herzlichst Helmut Jacob

  2. Helmut Jacob said, on 19. Juni 2016 at 22:45

    Zu Klaus Dickneite, unserem Gruppensprecher, kann ich einen Link beisteuern, der seine Kindheit näher darstellt:
    http://gewalt-im-jhh.de/Erinnerungen_KD/erinnerungen_kd.html

  3. Erika Tkocz said, on 20. Juni 2016 at 08:27

    Man kann den Filmbeitrag direkt in der Mediathek anschauen, oder hier:

    Zweierlei Leid – Heimkinder mit Behinderung sollen weniger „Entschädigung“ bekommen
    „Das war eine verlorene Kindheit“, sagt Markus Homes, wenn er sich an seine Vergangenheit zurückerinnert. Zehn Jahre seiner Kindheit hat er im Rüdesheimer St. Vincenzstift verbracht, einem Heim für Kinder mit körperlichen und geistigen Behinderungen. Im Alter von sechs Jahren wurde bei Markus Homes die Diagnose „Debilität“ gestellt, eine Diagnose, die sich später als falsch herausstellte. Markus Homes kam in das katholische Sankt Vincenzstift nach Rüdesheim, in dem sein zehnjähriges Martyrium begann. Prügel, sexueller Missbrauch, Erniedrigungen und Folter waren damals Alltag. Das ist unstrittig und belegt.“
    Quelle: © hr | defacto, 19.06.2016

    http://www.hr-online.de/website/fernsehen/sendungen/mediaplayer.jsp?mkey=61015152&rubrik=2390

  4. Werner Bösen said, on 20. Juni 2016 at 10:09

    „Man sieht: Eine umfassende Geschichte der Kinder- und Jugendheime[9] ist noch nicht geschrieben.“
    Was fehlt noch?
    Für mich fehlt hierzu nichts mehr ansonsten bitte präzisieren. Ich habe dem RTH u.a. mein Erstlingswerk vorgelegt mit dem bezeichnenden Titel: „Kinder in Geschlossenen Einrichtungen. Gefühls- und geschlechtslose Wesen“. Ich habe darin sowohl aus organisationssoziologischer als auch aus psychologischer Sicht in wissenschaftlichem Kontext klar dargelegt weshalb Kinderheime zu verbieten sind (mein Erstlingswerk erschien 1990, als Zweitauflage 1994, wird derzeit nicht mehr aufgelegt). Nun kann ich mich im philosophischen Kontext auf David Archard stützen, der in seinem neuesten Werk „Children Rights and Childhood“ klar feststellt, dass Waisenhäuser/Kinderheime keine Familien sind und für mich damit auch kein Familienersatz. Für die frühkindliche Entwicklung ist eine Familie zwingend nötig. Archard führt in seinem Werk aus, was eine Familie ausmacht, u.a. Privatsphäre und elterliche Autonomie, verbunden mit den sozialen Gemeinschaften im Beziehungsnetzwerk. Archard fordert auch klar die Einbindung von Kinderrechten in die Staatsgesetze entsprechend der Maßgabe der UN-Kinderrechtskonvention. Fast alle Länder der Erde haben inzwischen diese UN-Kinderrechtskonvention ratifiziert, doch nur wenige Länder in ihre Staatsverfassungen aufgenommen. Die Bundesrepublik Deutschland fehlt hier noch, unsere Regierung ist offensichtlich „ohnmächtig“ (ohne Macht und Kraft), die nötigen Reformen voranzubringen. Es braucht daher den politischen Druck vom Volke aus.
    In meinem neuesten Werk „Wer bin ich und wer bist du? Mensch-Totem“ zeige ich auf, was Ich und Du für die menschliche Gemeinschaft auszeichnet. Dem Menschen ist sowohl das Gute als auch das Böse immanent und hat daher u.a. auch das Wesen Gott geschaffen, um das Böse mit dem Guten zu bekämpfen. Dies ist ein lebenslanger Kampf, den die vermeintlichen „Gotteskenner“ (Theologen) für sich beanspruchen, am besten zu führen, in dem diese für sich das Böse leugnen und das Gute zu tun beanspruchen. Wie nicht nur die Kinderheimgeschichte zeigt, ein fataler Irrtum. Das Böse gewinnt dort die Oberhand, wo ein Mensch heroisiert wird, d.h. ein Mensch mit besonderen Fähigkeiten/Eigenschaften über andere „herrscht“. Dort wo Priester/Nonnen als Vertreter des Guten einen besonderen Ruf vertreten, ist die Tür zur Hölle geöffnet, für jene, die den Zielen des Guten (hier dem Anspruch Gott zu dienen) nicht folgen können oder wollen. Dann gilt letztlich nur noch das Motto „der Zweck heiligt die Mittel“ und die „letzten beißen die Hunde“. Doch ich habe überlebt, auch den Sturz in die Hölle. Das braucht man jedoch kein zweites Mal. Ich kann mich daher nicht mit jenen auseinandersetzen, die Türöffner zur Hölle spielen und ihren Mammon frönen (ein Priester hat durch seine lebenslange Anstellung keine Geldsorgen, ist daher für ein Waisenkind reich und kann aus Sicht des Heimkindes daher dem Mammon Reichtum frönen).
    Um es klarzustellen: mir geht es nicht darum und kann es auch nicht, eine ganze Berufsgruppe zu diffamieren, doch ein studierter Priester mit höchsten Ehren versehen, schädigt seinen Berufsstand und dabei ist jeder Einzelfall von weitreichender Wirkung. Als ehemaliges Heimkind ist es mir in der Bundesrepublik Deutschland kraft fehlender Kinderrechte erst im Erwachsenenalter möglich, geeignete Schritte einzuleiten, riskiere zunächst auch kraft des Konkordates eine Verleumdungskampagne der Ordensleitung mit Beweisumkehr, d.h. ich als Opfer werde zum Täter stilisiert, riskiere dann auch noch meinen eigenen Job. Wenn die Beweislast erdrückend und das Argument der Verjährungsfrist nicht zielführend, wird dann erstmal mit Geld versucht, die Wogen zu glätten. Doch beim Geld bin ich auch wieder beim Mammon und merke alsbald, das Geld keine dauerhafte Heilungswirkung hat. Heilsam ist, wenn „die Scheiße der Vergangenheit als Düngemittel zur Neugestaltung“ verwendet wird, denn die Natur kann sie hervorragend wiederverwerten. Dazu brauche ich auch Helfer/innen, die das gleiche nicht zu erleben brauchten, jedoch intellektuell verstehen, warum dies passieren mußte und dann geeignete Maßnahmen zur Gefahrenvermeidung festlegen. Der Philosophieprofessor David Archard hat mit Sicherheit kein Kinderheim selbst erlebt, jedoch nach Analyse der Situation klar festgestellt, dass Kinderheime keine Familien sind. Wo fehlt es also noch?


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