Dierk Schaefers Blog

Es dürfte wohl selten sein, dass eine Landeskirche eine regelrechte Abrechnung über Verbrechen in ihrem Bereich vorlegt.

So dachte ich jedenfalls, und wollte mich vergewissern, ob das Dokument echt ist.

Anruf beim Landeskirchenamt der „Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers“: die Sachbearbeiterin ist noch zwei Wochen in Urlaub.

So lange wollte ich nicht warten. Also ein Mail an jemanden, der sich in solchen hannöverschen Dingen auskennt. Antwort: lieber herr schäfer, beschlüsse dieser art las ich zu dutzenden, es sind fast schon textbausteine, in die nur noch die namen eingefügt wurden. verfasser dieser beschlüsse ist …, vorsitzender der „unabhängigen kommission“. [er] war chef des verwaltungsgerichts hannover, ist auch seit vielen jahren als richter im im disziplinargericht der landeskirche tätig, deshalb bezeichne ich ihn stets als richter in eigener sache, was er vehement von sich weist. n.n. unterzeichnet die beschlüsse nur, weil er der justitiar der firma landeskirche ist. oh ja, man kennt sich

Das hätte ich nun nicht für möglich gehalten: ein Routinevorgang. Hier ist er:Laki – stephansstift

Die Summe von 14.000 EUR ist allerdings nicht Routine. Bei dem Sachverhalt wären bis zu 25.000 EUR „drin“ gewesen. Der Empfänger hätte gerade in Erinnerung an die Sauereien aggressiv wie ein Wildschwein verhandeln müssen.

Bei der Nennung meiner „Heimatkirche“ kommen Erinnerungen hoch, nicht nur viele positive aus meiner Heimatgemeinde, auch skurrile an das Landeskirchenamt. In meinen ersten Semesterferien jobbte ich dort in der Registratur. Im Raum zwei Mitarbeiter, der eine organisierte immer als erste Tätigkeit des Tages telefonisch seinen Hausbau, dem anderen gab ich nach einem Gespräch ein populärwissenschaftliches Buch über Evolutionslehre. Er gab es mir zurück mit den Worten: Wenn mein Vater das lesen würde, wäre er entsetzt.[1] Im Raum hatte auch der Vorgesetzte der Registratur seinen Schreibtisch. Jeden Morgen lieh er sich vom privat telefonierenden Mitarbeiter die BILD-Zeitung aus, und las sie dann verborgen in der Umlaufmappe. „Warum lesen Sie denn die Zeitung in der Mappe?“ fragte ich. „Es sieht nicht gut aus, wenn jemand reinkommt und ich hier mit der BILD sitze.“

O, die Erinnerungen. Und weil es mich in den Süden verschlagen hat, habe ich nicht nur Hermann Löns gelesen, sondern auch Ludwig Thoma, weil das Bayrische ja gleich ums Eck vom Württembergischen ist.

Der hatte, schreibt er, einen Religionslehrer. Olaf Gulbransson hat ihn porträtiert.Der Kindlein - Olaf Gulbrasson

»Unser Religionslehrer heißt Falkenberg. Er ist klein und dick und hat eine goldene Brille auf. Wenn er was Heiliges redet, zwickt er die Augen zu und macht seinen Mund spitzig. Er faltet immer die Hände und ist recht sanft und sagt zu uns: „Ihr Kindlein.“ Deswegen haben wir ihn den Kindlein geheißen. Er ist aber gar nicht so sanft. Wenn man ihn ärgert, macht er grüne Augen wie eine Katze und sperrt einen viel länger ein wie unser Klaßprofessor.«

Ja, und dann die Geschichte mit dem Beichtzettel, – das hannöversch-kirchliche Schreiben ist ja so etwas wie ein Beichtzettel:

Der Lausbub Ludwig bereitete sich ernsthaft auf seine Kommunion vor: »Die Tante Fanny hat Obacht gegeben, daß ich nicht auslasse. Sie hat mir recht wenig zum Essen gegeben, weil man sich täglich einmal abtöten muß, aber die Magd hat zu mir gesagt, daß sie ein Knack ist und sparen will. Vor dem Bettgehen habe ich die Gewissenserforschung treiben müssen; da habe ich den Beichtspiegel vorgelesen, und der Onkel Pepi und die Tante haben alles erklärt. Der Onkel Pepi ist ganz heilig. Er ist Sekretär am Gericht, aber er sagt oft, daß er ein Pfarrer hat werden wollen, aber weil er kein Geld hatte, ist er mit dem Studieren nicht ganz fertig geworden. Wie er einmal mit der Tante recht gestritten hat, da hat die Tante gesagt, daß er zu dumm war für das Gymnasium. Der Falkenberg mag ihn gerne, weil er alle Tage in die Kirche geht und ihm alles sagt, was die Leute im Wirtshaus reden. Meine Mutter hat ihm geschrieben, daß er mich unterstützt und belehrt für die heilige Handlung, damit ich so fromm werde wie er. Das hat ihn gefreut, und er ist alle Tage bis neun Uhr dageblieben und hat gepredigt. Dann ist er ins Wirtshaus gegangen. Einmal hat er aus einem Buche vorgelesen, daß man täglich sein Gewissen erforschen muß und es machen soll wie der heilige Ignatius. Er hatte alle Sünden in ein Büchlein geschrieben und es unter sein Kopfkissen gesteckt. Das habe ich auch getan; aber da habe ich es vergessen, und wie ich aus der Klasse heimkam, hat mich der Onkel Pepi gerufen und gesagt: „Du hast voriges Jahr aus meiner Hosentasche zwei Mark gestohlen.“ Da habe ich gemerkt, daß er meine Gewissenserforschung gelesen hat, aber es waren bloß sechzig Pfennig.«[2]

Wenn ihr nicht werdet wie der Kindlein…

»Einmal ist er in die Klasse gekommen mit dem Rektor und hat sich auf den Katheder gestellt. Dann hat er gesagt: „Kindlein, freuet euch! Ich habe eine herrliche Botschaft für euch. Ich habe lange gespart, und jetzt habe ich für unsere geliebte Studienkirche die Statue des heiligen Aloysius gekauft, weil er das Vorbild der studierenden Jugend ist. Er wird von dem Postament zu euch hinunterschauen, und ihr werdet zu ihm hinaufschauen. Das wird euch stärken.“ Dann hat der Rektor gesagt, daß es unbeschreiblich schön ist von dem Falkenberg, daß er die Statue gekauft hat, und daß unser Gymnasium sich freuen muß. Am Samstag kommt der Heilige, und wir müssen ihn abholen, wo die Stadt anfangt, und am Sonntag ist Enthüllungsfeier. … Dem Fritz sein Hausherr hat es schon gewußt, weil es in der Zeitung gestanden ist. Er … hat gelacht, daß soviel in der Zeitung gestanden ist von dem Heiligen. Er hat gesagt, daß er von Gips ist und daß er ihn nicht geschenkt möchte. Er ist von Mühldorf. Da ist er schon lang gestanden, und niemand hat ihn mögen. Vielleicht hat ihn der Steinmetz hergeschenkt, aber der Falkenberg macht sich schön damit und tut, als wenn er viel gekostet hat. Das ist ein scheinheiliger Tropf, hat der Hausherr gesagt, und wir haben auch geschimpft über den Kindlein.«

Und was haben’s gemacht, die Lausbuben? Klamheimlich haben sie dem Heiligen mit Steinen die Gipsnase weggeschossen. »Hernach ist eine große Untersuchung gewesen, und in jeder Klasse ist gefragt worden, ob keiner nichts weiß. Und der Kindlein hat gesagt, daß er seinen Schülern keinen Aloysius nicht mehr schenkt, bevor es nicht aufgekommen ist, wer es getan hat. Wir haben jetzt vor der Religionsstunde immer ein Gebet sagen müssen zur Entdeckung eines gräßlichen Frevels.«[3]

Wenn ihr werdet scheinheilig wie der Kindlein, werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.

Davor sind die Leute von der hannoverschen Landeskirche gefeit. Sie haben’s ganz brav eing’standen.

PS: https://dierkschaefer.wordpress.com/2012/11/12/der-elefant-unter-den-landeskirchen/

[1] Da war mein Konfirmationspfarrer fortschrittlicher. Er wollte uns immerhin die Entwicklung der Vögel über die fliegenden Fische erklären. Auch er bekam mein Buch und bedankte sich ernsthaft.

[2] http://gutenberg.spiegel.de/buch/lausbubengeschichten-724/4

[3] http://gutenberg.spiegel.de/buch/lausbubengeschichten-724/3

 

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