Dierk Schaefers Blog

Ist es legitim, die Obszönitäten von Kronschnabel mit Bonhoeffer in Verbindung zu bringen?

Posted in Ethik, Firmenethik, heimkinder, Kinderheime, Kirche, Uncategorized by dierkschaefer on 28. Juni 2016

Ja – aber warum?

Die Leser meines Blogs werden aufgemerkt haben, als ich erstmals und ohne weiteren Kommentar einen Text von Erich Kronschnabel auf die Ebene eines förmlichen Blog-Artikels gehoben habe. Lediglich von „Gossensprache“ schrieb ich warnend für empfindliche Gemüter.[1]

Die Obszönität ist bei Kronschnabel die Methode, mit der er die eigentlichen Obszönitäten geißelt: 1. Die Verbrechen an Kindern in kirchlichen Einrichtungen und 2. der Betrug und Heuchelei bei der Verweigerung einer realistischen Entschädigung.

Heinrich Bedford-Strohm, derzeit Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland schreibt über Bonhoeffer:

»Wer fromm ist, muss auch politisch sein: So wie bei Bonhoeffer lassen sich die Aufgaben der Kirche gegenüber Staat und Öffentlichkeit auch heute zusammenfassen. Die erste von Bonhoeffer genannte Aufgabe verstehen wir heute als Kultur der Einmischung. Wenn die Kirchen mit Denkschriften in die demokratische Zivilgesellschaft hineinsprechen, dann geht es genau um das, was Bonhoeffer als „Verantwortlichmachung des Staates“ bezeichnete. Die zweite Aufgabe, der diakonische Dienst an den Bedürftigen, bleibt ohnehin. Dass er heute geleistet wird, zeigt sich, wenn etwa Gemeinden mit großer öffentlicher Zustimmung für den Schutz von Flüchtlingen eintreten. Und die dritte Aufgabe? Was heißt dem Rad in die Speichen fallen? Für Bonhoeffer rückte dies zunehmend ins Zentrum seines Denkens und Handelns. Dass der Imperativ keineswegs nur in der Diktatur gilt, sondern auch in demokratischen Gesellschaften eine Option sein kann, zeigte schon in den frühen achtziger Jahren die Diskussion um gewaltfreien zivilen Ungehorsam gegen die Stationierung von Massenvernichtungswaffen.«[2]

Was hat das mit der Heimkinderfrage zu tun?

Es geht zunächst nicht um die Frage, ob man „dem Rad in die Speichen fallen“ soll. Dieser Wagen, von Staat und Kirchen gesteuert, hat längst seine Opfer hinter sich gelassen. Nun ist das dran, was Bedford-Strohm so kurzweg die zweite Aufgabe nennt: der diakonische Dienst an den Bedürftigen, der ohnehin bleibe. Das ist allzu simpel.

Hier setzt Kronschnabel ein und kommt, sprachlich völlig realistisch, auf die für die Kirchen unbequeme Gegenwart. Es geht eben nicht um Bonhoeffers „Verantwortlichmachung des Staates“, sondern um die der Kirche. Die aber kümmert sich lieber um die „kirchliche Außenpolitik“ und verdeckt damit die interne Fäulnis. Das mit dem Frieden und den Flüchtlingen ist ja richtig und wichtig, doch wenn’s nur zur Camouflage dienen soll, ist’s Heuchelei, naiv oder absichtlich.

Bonhoeffer kann man als Blutzeugen leicht auf den Denkmalsockel stellen, – gut für Sonntagsreden. Doch im Alltag gerät Bonhoeffer der Kirche zur Peinlichkeit. „Von guten Mächten wunderbar geborgen …“ Mir wird so kannibalisch wohl, wenn ich an diesen wohlfeil gebrauchten Trost denke, für den die Kirchen im Unterschied zu Bonhoeffer nicht habhaft einstehen wollen.[3]

Herrn Kronschnabel sei Dietrich Bonhoeffer an Herz gelegt[4] und der Gedanke, dass organisierte Mitmenschlichkeit über die gleichen Probleme stolpern kann, wie sie vielen Organisation eigen sind, die sich am Markt behaupten müssen. Die Organisation läuft und läuft und läuft – zuweilen bis ihre kriminellen Methoden publik werden – und sie läuft dennoch weiter. Oder glaubt irgendjemand, dass VW vom Markt verschwindet?

[1] https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/06/27/wie-unfein-erich-spricht-klartext-ueber-die-diakonie-konzentriert-und-schlagkraeftig/

[2] http://www.zeit.de/2015/15/dietrich-bonhoeffer-todestag-protestantismus-widerstand/komplettansicht

[3] https://dierkschaefer.wordpress.com/2011/09/13/das-war-spitze-herr-ratsvorsitzender/

[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Dietrich_Bonhoeffer

Eine Antwort

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  1. Werner Bösen said, on 30. Juni 2016 at 10:29

    Der Vergleich mit Bonhoeffer hinkt sehr, denn die Einmischung von Bonhoeffer bestand darin, trotz akuter Lebensgefahr für sich selbst, von Amerika nach Deutschland als Gelehrter zurückzukommen und sich ca. 6 Wochen vor Kriegsende zu opfern und sich damit in Berufung auf Gott dem Tod zuzuwenden. Bonhoeffer machte gar Witze im Gefangenenlager und kaum jemand verstand dies.
    Einmischung darf nur soweit gehen, dass ich mein eigenes Leben dabei nicht aufs Spiel setze. Es reicht, dass Christus das für uns gemacht hat und er braucht dafür keine Nachahmer. Bonhoeffer hatte hier auch ein falsches Gottesverständnis, das Althergebrachte Verständnis, dass Gott über uns ist und uns richtet und er sein Schicksal in die Hände Gottes legt. Das wir selbst auch das Göttliche in uns tragen entzog sich seines Sachverstandes.
    Als Heimkind lerne ich erst die Denkwelt von Erwachsenen kennen und da ist Selbstopferung kein Lebensideal, da ich als Heimkind das Leben vor mir habe und es aufgrund meiner liebenden Eltern auch als Geschenk begriffen habe. Die religiöse Sicht half mir, meine verstorbenen Eltern als Schutzengel zu sehen und nicht als Todesbegleiter. Wenn mir hier ein Erwachsener einen Märtyrer spielt, dann ist er für mich als Heimkind ein kranker Zeitgenosse und verkennt den Sinn irdischen Daseins, der darin besteht, die Liebe zu meinen Mitmenschen und mir selbst zu leben.
    Dass sich die katholische Kirche gerne auf die Verantwortung des Staates beruft hat offensichtlich den banalen Grund im noch gültigen Konkordat von 1933. Danach ist die Kirche verpflichtet bei Meinungsverschiedenheiten zwischen Staat und Kirche den Staat um Schlichtung zu bitten. Dies hat ja die RTH Kommission auch deutlich gemacht.
    Eine christliche Organisation mit einem marktwirtschaftlichen Konzern, gar einem Autokonzern zu vergleichen, ist zynisch. Das Christentum hat nun 2000 Jahre überlebt, die Änderungsbereitschaft der Leitungsinstanzen strebt gegen Null. Ein marktwirtschaftliches Unternehmen muss eine hohe Änderungsbereitschaft haben, ansonsten ist es tot. Wird das marktwirtschaftliche Unternehmen zu groß für den Markt und ist der Wettbewerb bedroht, dann zerfällt das Unternehmen und es werden viele Unternehmen daraus. Ein marktwirtschaftliches Unternehmen braucht Sozialstandards und wer diese nicht annimmt, der wird ganz einfach aus diesem Unternehmen entfernt. Dies geschieht leider in den christlichen Organisationen nicht, denn wir sind ja alle „kleine“ Sünderlein und Vergebung ist oberstes Gebot. Ein Kind, in christlicher Lehre als unschuldig gesehen, soll einen Erwachsenen, der das Kind missbraucht, um Vergebung bitten? Es mag irdisch gelingen, doch ich überlasse es Gott. Da unsere Kirchenvertreter fast alle Sprachen beherrschen, sollte ihnen mit jener begegnet werden, die sie zum Umdenken und Lernen am besten voranbringt. Da Kindesmissbrauch schamloses Verhalten ist muss die andere Seite auch in sich schamhaftes Verhalten spüren und das schaffen oft leider nur Obszönitäten, denn nur sie rufen offensichtlich Scham hervor. Das Leben ist Geben und Nehmen in beidseitiger Verantwortung und nicht in beidseitiger Schuld. Es wäre schön, wenn die obersten Kirchenvertreter diese Basics menschlichen Miteinanders genauso umsetzen, wie es den Verantwortungsträgern privatwirtschaftlicher Organisationen selbstverständlich ist. Das wird kraft christlichen Selbstverständnisses kaum gelingen, denn dem Täter darf man nicht nachtragend sein, wenn er um Vergebung bittet. Das Opfer, traumatisiert und in Gedanken belastet bis zum Lebensende, muss sehen wie es mit menschlichem und göttlichem Beistand sein Seelenheil findet. Geteiltes Leid ist halbes Leid und je mehr ich mein Leid teilen kann, umso mehr strebt es gegen Null. Dies ist für Traumatisierte ein langer Prozess und kostet viel Zeit und Geld. Die Kirchen haben das Geld, doch anderes ist den Kirchenvertretern wichtiger, ihrem Mammon nach Reichtum zu frönen und pompöse Villen zu unterhalten.


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