Dierk Schaefers Blog

Écrasez l’infâme! – Hasskommentare meinem Blog

Posted in Ethik, Firmenethik, heimkinder, Kinderheime, Kirche, kirchen, Theologie by dierkschaefer on 27. Juli 2016

An der Kirche darf man kein gutes Haar lassen. Wer sie als infam erlebt und erlitten hat, wird Voltaire[1] auch ohne philosophischen Hintergrund zustimmen.

Darum lösche ich Hasskommentare meist nicht.

 

  • Ich habe gelernt, dass Hass unter Umständen nicht nur verständlich, sondern auch berechtigt ist.[2]
  • Die meisten Kommentatoren mit hate-speech im Blog haben verständliche Gründe für ihren Hass.
  • In der Regel wird nicht zu strafbaren Handlungen aufgerufen– falls ja, wird gelöscht.
  • In der Regel werden einzelne Personen nicht diffamiert, aber heftigst und begründet  kritisiert– pure Diffamierungen werden gelöscht.

 

Aber die Kommentatoren müssen es erdulden, dass ich zuweilen mit Differenzierungen antworte, obwohl ich es eher für chancenlos halte, damit Meinungsänderungen zu versachlichen, hieß es doch zu einem Beitrag pauschal ablehnend: »Es ist die Mühe nicht wert, Ihren PR-Artikel ernsthaft zu zerlegen.«[3]

 

  1. Der Hass gilt meist besonders den Kirchen und ihren Einrichtungen, denn dort wurden die traumatischen Erfahrungen gemacht und viele Lebensläufe nachhaltig geschädigt. Die Kirchen waren auch am großen Betrug am Runden Tisch beteiligt, ein Komplott zur Verhinderung von Entschädigungsforderungen der ehemaligen Heimkinder.[4] Dass das deutsche Entschädigungsrecht insgesamt eher abweisend und versicherungs­freund­lich ist, entschuldigt die Kirchen nicht. Sie könnten ja anders, wenn sie wollten.
  2. An diesem Komplott waren nicht nur die Kirchen beteiligt, sondern auch die Bundes­länder. Sehr aufschlussreich war das Verhalten des Ländervertreters bei der Vorstel­lung des Zwischenberichts vom Runden Tisch. Dies entschuldigt die Kirchen nicht, sie segelten bequem und wohl in der Selbsteinschätzung moralfrei im Kielwasser der Länder. Doch auf die Kirchen lässt sich leichter einschlagen als auf die Länder, weht ihnen doch ohnehin der Säkularwind ins Gesicht.
  3. Die Schlacht gegen die Kirchen und ihre Einrichtungen wird ausgedehnt auf die heu­tigen Einrichtungen von Diakonie und Caritas. Das ist eine Generalisie­rung der Hassgefühle.Was wird moniert? Dass diese Einrichtungen mit den Hilfebedarfen der Menschen Geld verdienen – und (zum Teil) nicht leisten, was zu ihren bezahlten Aufgaben gehört. Solche Vorwürfe sind nach meiner Erfahrung oft durchaus berechtigt, bedür­fen aber der Aufklärung im Einzelfall. Aber auch hier wird nicht gesehen, dass alle sozialen Einrichtungen, auch die „weltlichen“ in gleicher Weise angreifbar sind.[5] Dass Dienstleistungen Personal erfordern und Geld kosten, wird nicht immer anerkannt.[6] Auf jeden Fall, meinen manche, sollten die Kirchen nicht für EUR, sondern für „GL“ arbeiten, für Gotteslohn. Zugleich wird aber das kirchliche Arbeitsrecht moniert und es werden gewerkschaftsverhandelte Tarife eingefordert.[7] + [8]
  4. Es wird nicht zugestanden, dass große Organisationen, und zwar alle, schon aus Gründen des Selbsterhalts wirtschaftliche Interessen verfolgen und Strukturen haben, die machtgeprägt sind. Zurecht wird beklagt, dass das Leitbild oft nur PR ist, compliance[9] nicht ernst gemeint und der Einzelfall nicht zählt. Ich will jetzt nicht all die großen Firmen auflisten, die in der letzten Zeit durch hoch­kriminelle Machenschaften aufgefallen sind – und wer sich bei Interessenver­bänden umschaut und dort mit einfachen Beschäf­tig­ten spricht, wird erfahren, dass es auch dort – wenn auch nicht unbedingt kriminell zugeht, es aber doch auch in negativer Weise menschelt. Haben Sie schon einmal versucht, berechtigte Forderungen bei Ihrer Versicherung durchzusetzen? Die spricht aber gern von der „Versichertengemeinschaft“.[10] Dies alles entschuldigt die Kirchen nicht, zeigt, dass auch sie ein „weltlich“ Ding sind, keine „heilige Kirche“[11]. Selbst Kardinal Lehmann sprach von der Sündigkeit der Kirche[12], für einen Katholiken, noch dazu in diesem Rang, ein „unerhörtes“ Eingeständnis.
  5. Thema sind auch immer wieder Zwangsmitgliedschaft und Kirchensteuer »Die Trennung von Kirche und Staat wird nicht gelebt hinsichtlich der Zwangseintreibung der Kirchensteuern.«[13] Ich kann es nicht mehr hören. Niemand muß Mitglied bleiben, jeder kann austreten. Allenfalls Beschäftigte im Sozialbereich haben Grund zur Klage. Bei der starken Marktstellung der kirchlichen Sozialkonzerne muss mancher wider Willen Mitglied bleiben oder werden. Wie ist das mit anderen geschriebenen oder ungeschriebenen Verpflichtungen? Bei einer Gewerkschaft beschäftigt, aber kein Mitglied? Bei VW arbeiten und Opel fahren? Ich vermute, dass ADAC-Mitarbeiter dort auch Mitglied sind. Man muss schon dazu stehen – was im Einzelfalle wurmt und Geld kostet. Und die Zwangstaufe? – oft verbunden mit der Beschneidungsdebatte. Klar, kleine Kinder werden getauft. Das können sie im Gegensatz zur Beschneidung rückgängig machen: sie können einfach austreten.[14] Die Austrittsgebühren? Ich habe Anfang des Jahres einem meiner Kinder selbstverständlich die Gebühren erstattet nach dem Prinzip der Verursacherhaftung. Damit auch der Punkt der Kirchensteuererhebung klar ist: Was manche nicht wissen wollen: Die Kirchen zahlen für den Service des Staates, und zwar mehr, als es ihn in Zeiten der elektronischen Datenverarbeitung kostet. Wie gesagt: Ich kann die Jammerei nicht mehr hören.
  6. Nicht zu den Hasskommentaren gehören weltferne Träumereien. Sie sollen aber hier genannt werden. So fordert ein Kommentator mehrfach, Kinderheime sollten abge­schafft werden. Kinder gehörten in Familien oder allenfalls in ein SOS-Kinderdorf. Klar, wer damals in einem Kinderheim war, ist gebranntes Kind. Auch in Familien gibt es gebrannte Kinder, die darum – meist aus gutem Grund – „in Obhut“ genommen werden. Das geht zuweilen nicht gut. Jugendämter arbeiten nicht immer evidenz­basiert. Da gibt es viel sachlich zu kritisieren. Aber die Betreiber von Einrichtungen haben ihren Bereich in unverschämter Weise rechtlich gut abgesichert – eine inhaltliche Fachaufsicht ist kaum möglich.[15] Auch Jugendämter haben keine Fachaufsicht. Dennoch: Wohin mit Kindern und Jugendlichen, deren Wohl in ihrer Familie gefährdet ist? Das Arbeits(zeit)modell der SOS-Kinderdörfer ist sicherlich kinderfreundlich. Doch es gibt bestimmt nicht genug „Kinderdorfmütter“ (neuerdings dürfen sie auch einen Partner haben) für diese entsagungsreiche Aufgabe. Ohnehin lohnt ein Blick ins Internet.[16] Bleiben noch die Pflegefamilien, doch die sind nicht immer besser als die Herkunftsfamilien der Kinder.[17]

 

Was die Kirchen an den Heimkindern verbrochen haben, hat auch eine theologisch zu fassende Problematik. Der Homo incurvatus in se ipsum, „der auf sich selbst verkrümmte Mensch“, ist eine prominente Formel der christlichen Theologie. Sie kennzeichnet die Selbstbezogenheit des Menschen anstelle von Gott- und Nächstenbezogenheit als das Wesen der Sünde.[18] Als Selbstbezogenheit ist auch als eine geradezu manische Bezogenheit auf die eigene Vergangenheit zu sehen, über die viele ehemalige Heimkinder nicht hinwegkommen. Diese Sünde ist den Kirchen und ihren Tätern anzulasten, nicht ihren Opfern.

Aber ich habe den Eindruck, unseren Kirchenvertretern ist das schnurzegal.

[1] Unter dem „Infamen“, dem Niederträchtigen, dem Schimpflichen, das es zu zerschmettern galt, verstand der Aufklärer Voltaire das inquisitorische „Bündnis von Thron und Altar“, die Verschmelzung von „Dogma und Schwert“. Voltaires Signatur «écrasez l’infâme» wird zum Fanal des vorrevolutionären Feldzugs der Aufklärer für Meinungsfreiheit, Rede- und Publikationsfreiheit, Toleranz und Humanität. https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%89crasez_l%E2%80%99inf%C3%A2me

[2] http://www.gottes-suche.de/7.2.1.Rezension%20Pfarrer%20Sch%C3%A4fer.html

[3] Kommentar zu https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/04/21/sechs-jahre-brauchte-die-ekd-um-herrn-frerk-kompetent-zu-antworten/

[4] https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/01/03/der-runde-tisch-heimerziehung-ein-von-beginn-an-eingefadelter-betrug/

[5] Nur beispielsweise sei auf den Fall Heinisch verwiesen: https://dierkschaefer.wordpress.com/2011/07/24/nur-ein-fall-von-meinungsfreiheit/

[6] Auch andere Sozialeinrichtungen erhalten öffentliche Mittel und die Spenden können von der Steuer abgesetzt werden. Beispiel: „Laut den Leistungsberichten der beiden deutschen SOS-Vereine beliefen sich die Einnahmen im Jahr 2012 wie folgt: SOS-Kinderdörfer weltweit:[6] 130 Mio. Euro, SOS-Kinderdorf Deutschland:[7] 119 Mio. Euro aus Spenden, Nachlässen etc., plus 103 Mio. Euro aus Öffentlichen Mitteln.“ https://de.wikipedia.org/wiki/SOS-Kinderdorf#

[7] Wer sich echauffieren will, sollte sich sachkundig machen: https://de.wikipedia.org/wiki/Arbeitsrecht_der_Kirchen

[8] »Die Seminargebühren von Sonntag bis Mittwoch: 600,- Euronen. Ich wollte, ich hätte diese Tagessätze für die Opfer aus den Rippen der Täternachfolger herausschlagen können. Die Diakonie. Ich kann das Wort nicht mehr hören, ich habe die Schn..ze voll von dem elenden Heuchelverein, der immer noch ganz groß im Geschäft mit den Hilflosen ist – und schamlos das macht, was sie immer machte; abkassieren!« Kommentar zu https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/05/19/mit-leib-und-seele-eine-pilgerreise-zu-den-wurzeln-der-pflegediakonie/

Doch nun mal Butter bei die Fische. Drei Übernachtungen im Einzelzimmer mit Sanitäreinrichtung, dazu für zwei Tage Vollverpflegung plus Tagungsprogramm sind nicht billiger zu haben. Für solche Angebote gibt es keine öffentlichen Mittel und sie sind mehrwertsteuerpflichtig. Kürzlich traf ich eine ehemalige Kollegin aus der Boller Akademie. „Ich schicke euch keine privaten Übernachtungsgäste mehr,“ sagte ich, „Ihr seid zu teuer.“ Sie konterte: „Unsere Beschäftigten werden nicht nach dem Gastronomietarif entlohnt. Wir zahlen ordentlich.“ Und ich erinnerte mich: In der Akademie bekam eine Halbtagsmitarbeiterin fast so viel, wie ihr Mann, der in einem nahegelegenen Hotel arbeitete.

[9] https://de.wikipedia.org/wiki/Compliance_(BWL)

[10] »Die EKD ist ein kommerzielles Großunternehmen wie Siemens, Mercedes oder andere auch. Hier geht es um den Profit und nur um den Profit und nichts anderes! Vom deutschen Staat nehmen Ja, aber es auch für all jene Zwecke zu verwenden wie von diesen Herren aufgezählt, bleibt für jeden normal denkenden Bürger zweifelhaft.«

Die kirchlichen Haushalte werden ebenso wie die staatlichen offen ausgelegt. Es gibt Tricks, in Limburg wie auch bei Staats. Dafür sind Rechnungsprüfer da.

[11] »Die deutschen Kirchen sind stark vermachtete und verfilzte Organisationen mit viel Pfründenwirtschaft zur Alimentierung von Funktionären, die gern unter sich bleiben und miteinander in einem verquasten Stammes­idiom kommunizieren, das für Außenstehende unverständlich bleibt – der ideale Nährboden für Schweigekartelle und WagenburgmentalitätDies schreibt Friedrich Wilhelm Graf.  Er schreibt weiter: »Die Kirchen sind hoch narzisstisch und fortwährend auf sich selbst fixiert. Es fehlt ihnen zunehmend an überzeugendem Personal, speziell an gebildeten Führungskräften, sieht man einmal von Karl Kardinal Lehmann und Wolfgang Huber ab. Sie kennen keine diskursive Kultur des offenen argumentativen Austrags interner Konflikte. In Tausenden von Ausschüssen, Kommissionen, Kammern und beratenden Gremien wird viel geredet, aber nichts gesagt und noch weniger verbindlich entschieden. Die eitle Neigung, sich zu allem und jedem zu Wort zu melden, unterminiert die religiöse Glaubwürdigkeit.« http://www.faz.net/s/Rub117C535CDF414415BB243B181B8B60AE/Doc~E1B34F6F7FBC44C9EBB2877C9A10ACA36~ATpl~Ecommon~Scontent~Afor~Eprint.html zitiert nach: https://dierkschaefer.wordpress.com/2010/04/01/symbolhandlungen-und-ihre-glaubwurdigkeit-%e2%80%93-und-die-opfer-zweiter-klasse/

[12] Und eines ist ganz neu: Er spricht nicht nur von über Heiligkeit der Kirche, sondern auch von ihrer und Sündigkeit. Zitiert nach: https://dierkschaefer.wordpress.com/2010/04/01/symbolhandlungen-und-ihre-glaubwurdigkeit-%e2%80%93-und-die-opfer-zweiter-klasse/

[13] Kommentar zu https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/04/21/sechs-jahre-brauchte-die-ekd-um-herrn-frerk-kompetent-zu-antworten/

[14] »Aus theologischer Sicht gibt es eigentlich gar keinen Kirchenaustritt. Das bedeutet, wer getauft ist, der bekommt damit ein unauslöschliches Prägemal, das auch nicht wieder auszuwischen ist. Selbst wenn man exkommuniziert ist, bleibt man eigentlich katholisch.« https://www.domradio.de/themen/glaube/2016-07-19/eine-erklaerung-der-exkommunikation-der-katholischen-kirche  Da es eine theologische Sicht ist, wird diese dem Austretenden schnurzegal sein.

Laut dem Humanistischen Pressedienst (hpd) ist allerdings eine „Enttaufung“ möglich: http://hpd.de/node/10444. Das hat mich sehr amüsiert. Denn wer den „Debaptiser 2010 / erisgeengod“, ein simpler Haarfön, (Photo beim hpd), erwirbt und meint, damit Gottes Segen unwirksam machen zu können, braucht schon einen festen Glauben.

[15] https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/06/24/die-zahnlosigkeit-der-gesetze-zum-recht-von-schutzbefohlen/

[16] Erfahrungsberichte von Mitarbeitern: mangelndes Leadership, Mitarbeiter motivieren sich selbst! https://www.xing.com/companies/soskinderdorf/reviews , http://www.eltern.de/foren/jobsuche-bewerbungstipps/819890-sos-kinderdorfmutter-vater.html

[17] Es sei ein Urteil in Erinnerung gerufen, das Rechtsgeschichte geschrieben hat.[17] Wegen Paparazziphotos wurden Alexandra, der Tochter der Prinzenfamilie aus Monaco, 76.693,78 Euro zugesprochen. Die kleine Prinzessin hatte klagemächtige Eltern. [http://www.shortnews.de/id/456280/Tochter-von-Caroline-von-Monaco-erhaelt-hohe-Summe-Schmerzensgeld zuletzt aufgerufen: Sonnabend, 9. Juli 2016] Die hatte Andreas aus dem Rems-Murr-Kreis nicht. In seiner Pflegefamilie wäre er fast verhungert, so wie sein Bruder. In zweiter Instanz wurden ihm 25.0000 Euro Schmerzensgeld zuerkannt. [http://www.spiegel.de/panorama/haft-sie-liessen-ihr-pflegekind-verhungern-a-29389.html http://www.sueddeutsche.de/panorama/urteil-misshandeltes-pflegekind-erhaelt-schmerzensgeld-1.923588 zuletzt aufgerufen: Sonnabend, 9. Juli 2016]

[18] https://de.wikipedia.org/wiki/Incurvatus_in_se

7 Antworten

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  1. ekronschnabel said, on 27. Juli 2016 at 20:50

    Lieber Herr Schäfer,
    Sie zitieren auch mich. Was ist falsch an meinen Aussagen? Die Diakonie belegt doch immer noch und immer wieder genau dass, was ich ihr vorwerfe.
    „Hass ist eine menschliche Emotion scharfer und anhaltender Antipathie“, schrieben Sie mal. Gut gesagt. Ich berufe mich auf das Alte Testament: „Auge um Auge, Zahn um Zahn“, heisst es da (lassen Sie das streichen,
    wenn es falsch ist!). Genau danach handele ich!

  2. Werner Bösen said, on 31. Juli 2016 at 17:37

    Weltferne Träumereien, Kinderheime abzuschaffen?
    Nicht nur von mir ein Traum und genügend Träume wurden schon wahr. Ich fühle mich mit der Philosophie, Psychologie und Soziologie in guter Gesellschaft, die Theologie kann offenbar nicht helfen. Wie der Philosophie Professor David Archard in seinem Werk „Children Rights and Childhood“ 3. Auflage 2015 klar feststellt, sind Kinderheime keine Familien und ein Kind braucht eine Familie, weil nur die Familie ein nötiges Maß an Privatsphäre und elterliche Autonomie bietet, die für das Aufwachsen eines Kindes unerlässlich sind. Schon die Psychologie stellte seit langem fest, dass Kleinkinder zumindest eine dauerhafte Bezugsperson benötigen. Die Organisationssoziologie lieferte mir eine strukturelle Analysemöglichkeit sodass ich meinen langjährigen Aufenthalt in einem Waisenhaus, einer sog. Geschlossenen Einrichtung, hinreichend genug beschreiben konnte.

    Lieber Herr Schäfer, Sie fragen oft genug allen Ernstes wie Tätern und Opfern geholfen werden kann und lehnen meine Vorschläge als Träumerei ab? Ich bin über sechs Jahre in einem Kinderheim der übelsten Sorte groß geworden und muss nun feststellen, dass ein Theologe meinen Vorschlag gewissermaßen zerredet, gar die Kinderdorfmutter als entsagungsreiche Aufgabe sieht? Was glauben Sie, was Kindererziehung für die Eltern bedeutet? Entsagungen für manches, doch die Liebe für die Kinder ist es wert. Ich habe fünf eigene Kinder erzogen und es war jede Mühe wert.

    Setzen Sie sich bitte mit dem Werk von David Archard auseinander, der Pflege- und Adoptiveltern im Netzwerkverbund als Optimum für Kinder sieht, die von Eltern vernachlässigt und missbraucht werden. Natürlich ist uns allen klar, dass Missbrauch nicht vollends verhindert werden kann, doch es sollten nicht die Augen vor Verbesserungspotential verschlossen werden, dass zumeist nur von den Betroffenen selbst kommen kann.

    Nun träume ich auch weiterhin davon, dass unser Grundgesetz eines Tages auch Kinderrechte enthält. Die Vereinten Nationen gaben diesem Traum die nötige Nahrung im Jahre 1959 und einige Länder haben diesen Traum wahr werden lassen. Unsere höchsten Politiker begreifen es leider offenbar immer noch nicht. Und für Sie, Herr Schäfer, ist es wohl auch ein weltferner Traum, Kinderrechte entsprechend des Vorschlages der Vereinten Nationen in unsere Staatsverfassung, dem Grundgesetz aufzunehmen?

    Im August wird voraussichtlich mein neues Buch „Entfremdung und Heimkehr“ erscheinen, dass eine Neuauflage meines Buches „Zwischen Entfremdung und Heimkehr“ aus dem Jahre 1992 ist und einen Update enthält mit philosophischen Aspekten im Vergleich zum Werk von David Archard.

    Werner Boesen
    Diplom-Kaufmann und zertifizierter Trauerbegleiter nach den Qualitätskriterien des Bundesverbandes Trauerbegleitung e.V.

    • dierkschaefer said, on 1. August 2016 at 08:39

      Hallo, Herr Bösen, ich mag jetzt nicht ausführlich werden. Geschrieben hatte ich: »Auch in Familien gibt es gebrannte Kinder, die darum – meist aus gutem Grund – „in Obhut“ genommen werden.« Im Jahr 2013 gab es mit 42.100 Inobhutnahmen einen neuen Höchststand [ https://www.destatis.de/DE/PresseService/Presse/Pressemitteilungen/2014/07/PD14_262_225.html ]. Wenn Sie mir schreiben, wie unsere Gesellschaft, wie unsere Behörden dieser Realität möglichst kindgemäß begegnen sollen und KÖNNEN, dann lasse ich mich auf eine Diskussion über Familien und Jugendämter ein.

      • Werner Bösen said, on 1. August 2016 at 10:19

        Hallo Herr Schäfer,
        danke für Ihre Rückmeldung. Ich habe inzwischen mehrfach auf das weltweit beachtete Grundlagenwerk von David Archard hingewiesen, dass es jedoch nur in englischer Sprache gibt. Durch meine weltweite IT-Tätigkeit bin ich mit der englischen Sprache vertraut. Archard gibt sehr gute Vorschläge im Umgang mit Kindern unterschiedlichster Altersstufen und plädiert für eine möglichst frühe Förderung von Kindern durch Bildungseinrichtungen, wozu auch der Kindergarten gehört. Ich stimme mit Archard dahingehend überein, dass es für Pflege- und Adoptiveltern eine sogenannte Lizenzierung geben muß, d.h. eine Vorbereitung auf die Erziehung von Kindern, die unter erschwerten Bedingungen aufwachsen mußten. Archard plädiert für die Aufnahme von Kinderrechten in die Landesverfassungen entsprechend den Vorschlägen der Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen. Deutschland hat zwar die Kinderrechts-Charta ratifiziert, doch es fehlen die Kinderrechte im Grundgesetz. Ich kann Archard nicht zustimmen wie er den Begriff Liebe verwendet und teile die Auffassung anderer Philosophen, die die Liebe als Reinheit sehen, wovon das Böse zu unterscheiden ist. Im Menschsein wirkt Gutes und Böses gleichermaßen, also auch in jedem Fachmann/-frau. Die Liebe ist ein lebenslanger Reifungsprozess und für mich primär eine menschliche Tugend, wo von die göttliche Tugend zu differenzieren ist. Als Theologe werden Sie mir hier wohl nicht zustimmen sofern Sie den sogenannten Kardinaltugenden folgen (z.B. Wikipedia).
        Archard verkennt natürlich nicht, dass seine Vorschläge auch Geld kosten. Deutschland hat Geld, viel Geld, doch die Prioritäten geben die Politiker (die Herrscher) vor und da wird erst umverteilt, wenn es „dem Herrscher“ weh tut. Leider bedient sich der Herrscher oftmals auf längere Zeit lieber der Hofnarren, um bei Laune zu bleiben (ein bißchen Zynismus darf sein, die Fachwelt liefert Persiflagen wie „Die Liebe allein genügt nicht!“).
        Die Voraussetzungen müssen erst im Grundgesetz geschaffen werden, bevor wir weiter diskutieren können. Solange das Grundgesetz dies nicht liefert, bleiben die Heimpädagogen die „Hofnarren des Königs“, die kleine Kinder in Kinderkäfigen bespaßen.
        Übrigens haben beispielsweise die Niederlande und Norwegen die UN-Kinderrechte in ihre Landesgesetze aufgenommen:
        „Some state parties – such as the Netherlands and Norway – have taken the further step of incorporating the Convention into their domestic law, such that those obligations are immediately binding on the state and its citizens“ (David Archard Children Rights and Childhood 3. Auflage 2015 S. 107).
        Unser Familienministerium könnte sich hier einmal beraten lassen.
        Sie sehen, Herr Schäfer, mein Traum von Kinderrechten ist bereits in manchen Ländern Realität und mein Traum ist sogar in Israel und Japan vollendet:
        „…a child’s right to love, …is not a CRC right but it is one guaranteed by Declaration of the Rights of the Child in Israel (1979) and the Children’s Charter, Japan (1951), ebenda, Anmerkung: CRC ist die Abkürzung für United Nations Convention on the Rights of the Child, ebenda)
        „…das Recht des Kindes auf Liebe, ….ist kein UN-Kinderrecht aber ist garantiert durch Deklaration von Kinderrechten in Israel (1979) und der Kindercharta Japan (1951).
        Es nutzt natürlich nicht, nur Gesetze zu definieren, sie müssen auch im Bildungssystem vermittelt werden.
        Herzliche Grüße
        Werner Bösen


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