Dierk Schaefers Blog

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« I

Posted in Geschichte, Gesellschaft, Uncategorized by dierkschaefer on 29. Juli 2016

 

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit, die keine Kindheit war

 

 Erstes Kapitel

 

moabit k1

Die Ballade von den beschissenen Verhältnissen

oder

Du sollst wissen, lieber Leser:

Andere sind auf noch ganz andere Weise kriminell

und überheblich.

 

 

 

Mein Leben sollte nicht unbedingt als Beispiel dienen,

deswegen ist mein Leben lesenswert!

Dieter Schulz

 Euch ist in mir ein Mensch erschienen, der maßlos hat vor Zeiten aufbegehrt.

Zerschlagen hörte ich die Leute immer wieder sagen:

„Den Hoffnungslosen laßt verloren gehen!“ [1]

Vielleicht wird euch dann und wann ein Bild vor Augen kommen, aus meiner Zeit,

und kann euch sein ein mahnend Zeichen.

 

Meiner Mutter zum Gedenken

Indem in deinen Tränen auch die meinen sich weinten aus,

und all das Böse wär

wie schmelzend aufgetaut in unserem Weinen,

bis alles wäre gut .und wie vorher –

Ich kann nicht mehr deine Tränen sehen,

dein Tränenbild kann mich nicht mehr erlösen.

Es war die Zeit zu ungeheuerlich in ihrer Größe, ihrem Graun – wie keine.

Uns einend, trennend, und: – ich liebe dich!

 

Zittern meine Hände beim Schreiben, weil sie altersschwach sind? Bin ich senil geworden, weil Tränen mir beim Schreiben dieser Seiten den Blick verschleiern? – Oder, sind es die Gedanken an die bitteren Jahre, die meine Hände zittern, meine Augen tränen lassen?

Zittern meine Hände um das, was ich verlor. Meine Kindheit! – oder was am bitteren Ende mir noch steht bevor?

Jetzt, mit 65 habe ich die Zeit, die Gedanken gefunden rückblickend das unbegreifliche für mich begreiflich zu machen.

Mutter, du hast das Rätsel, welches ich war, erraten. Du bist das Einzige, welches ich nicht verlier.

Nichts als der Name und dazu Daten.

Wie heißt dein Name, Zeit?

Er heißt: Vergessen!

Möchte ich denn vergessen? Kann ich vergessen? Lassen mich nicht meine Träume des Nachts hochschrecken. Laut redend meine Mitschläfer aus ihren Träumen reißen?

Was alles soll ich schreiben?

Nichts läßt meine Hände mehr zittern.

Es halten sich MEINE Hände aneinander fest. Wie immer, weil kaum eine andere Hand da war, meine Angst von mir zu nehmen. Oft, wenn ich erbittert, verbittert, vergebens mich mühte des Lebens Sinn zu deuten, Verzweiflung mich krank machte, gingen andere an mir vorbei. Gleichgültig, mit eigenen Sorgen belastet. Nirgendwo fand ich einen Halt. All mein Wissen, was half es? Wenn die anderen nichts wussten. Nichts wissen wollten. Ich erlag, zerrissen niedergeschlagen dem Nichts.

Niemand hat mich das Leben neu gelehrt

Ich blieb, was ich war, beschwert von der Vergangenheit, die ich mir noch nicht einmal hatte selbst aussuchen können. Ungelenkte Emotionen wiesen mir den Weg durchs Leben. Es hat mich gelehrt vor nichts zu erbleichen, und ohne Tränen habe ich geweint.

Die Zeit, – sie entlässt mich dennoch nicht tränenlos. Reue? Wut? Auf diese Welt, in die ich hineingeboren wurde? die mich, die ich nicht wollte!

Meine Tränen kommen jetzt zu spärlich, zu spät!

Das wenig Schöne, das Wunderbare, ist längst vergangen, verweht, überweht von Vorhal­tungen, die bei jedem Gerichtstermin von den Menschenrichtern aus den alles überdeckenden Akten vorgelesen werden.

Meine Hände. Ich schaue sie an. Ich frage sie um Rat. Was alles soll ich schreiben? Was interessiert? Gibt es noch (Mit) -Gefühl unter den Menschen? Zählen die wenigen Freuden oder die Qualen? Zählt dieser oder jener Schritt?

Ein Lesestück – ein Menschenleben.

Hatte ich mir etwa selbst ausgesucht in welche Zeit, unter welchen Umständen ich hinein­geboren wurde? Ich suchte nach dem Sinn des Lebens. Sucht nach dem Leben überhaupt! Das was ich fand, fand ich, konnte doch nicht alles sein. Die wenigen Momente die ich in meinem Leben als glücklich bezeichnen kann, wiegen diese das auf, was meine Mutter an Schmerzen auf sich genommen hat, um mich in diese Welt zu setzen, mich durch die Kriegswirren zu schleppen? Wo blieb meine Daseinsberechtigung in diesem Weltgefüge? Nebulös; schemenhaft sah, erkannte ich das Weltgefüge, die Menschen darin.

„Pech gehabt, lieber Freund. Hast dich zu spät aus den Kriegs-Nachkriegswirren entwirrt. Anschluss verpasst. Heimat, Geborgenheit der Familie verloren? Schicksal! Dein, nicht mein Problem. Jeder Mensch wird mit der gleichen Gehirnmasse geboren. Mach was draus. Hier auf der Sonnenseite des Lebens, unserem Lichthof, gibt es keinen Platz mehr für dich. Wir müssten uns zu sehr einschränken, würden wir dich auch noch aufnehmen.

Nein, nein, bleib du mal schön auf der anderen, der Schattenseite des Lebens. Uns geht es gerade gut genug. Wir brauchen auch mal unseren Nervenkitzel. Woher sollen denn unsere Actionschreiber ihren Stoff hernehmen, um uns so schöne gruselige Schauergeschichten via Fernsehen ins Haus liefern zu können. Bei diesen spannenden Krimis kann ich mich viel besser entspannen, wird mir meine weiße Weste erst so richtig bewusst.

Ihr Bösen, dort hinter der Nebelwand, müsst schon dafür Sorge tragen, dass meine Kinder ihr Jurastudium nicht umsonst machen. Die müssen doch später auch mal einen Job haben. Und denk mal an die vielen Planstellen bei der Polizei, der Justiz überhaupt. Willst du unser ganzes Gefüge durcheinander bringen? Wie viel Arbeitslose wir dann mehr hätten. Nicht auszudenken, dass die vielen Beamten dann auch noch arbeiten gehen müssten.“ Mein Vater hat meines Wissens den Krieg auch nie gewollt. Verstrickung unglücklicher Umstände. Gott wird es dir später schon vergelten, jetzt lebe dein Leben auf der Seite, für die du durch deine Geburt und durch die Umstände bestimmt bist. Die ganze Welt ist voll davon, von den niederen Kasten, von denen wir leben. Es wäre ja noch schöner, würden wir daran etwas ändern wollen. Wo sollen wir dann bloß mit unseren vielen schönen Gefängnissen hin? Die wären dann ja nutzlos. Nein, nein. Die müssen immer schön gefüllt bleiben. Da hängen viel zu viele Arbeitsplätze dran. Wie? Wir können doch das Geld nicht einfach anders einsetzen und ein anderes soziales Netz aufbauen. Mein Freund, du machst dir vielleicht Vorstellungen! Die Gefangenen in den Gefängnissen arbeiten doch, bringen auch was rein. Die vielen Firmen, die dort billig arbeiten lassen, die müssten dann ja auf dem freien Arbeitsmarkt teure Arbeitskräfte suchen.

Nein, nein. So geht das nicht. Was soll das Gejammere um die paar Jährchen. Das Leben ist doch so lang. Lass es dir eben gleich beim ersten Mal ein Lehre sein, dann gehst nie wieder dort rein, ins Loch. Du musst ja nicht das Schlechte, was du dort lernst, annehmen. Werd ein anständiger Mensch. Verdien dir deine Brötchen so redlich wie ich.

Was? Ich soll einen Vorbestraften bei mir einstellen? Bist du von Sinnen? Was sollen meine Kunden von mir denken, wenn das rauskommt? Was? Der Staat stellt noch nicht einmal Straßenfeger ein, die vorbestraft sind? Da siehst du mal, wie Recht ich habe, dich auch bei mir nicht einzustellen.

Ich liieebe die deutsche Justiz!!!

Leicht gesagt, wenn man als Vorbestrafter noch nicht einmal als Straßenkehrer eingestellt wirst. Denn bei dieser Tätigkeit wärst du ja Stadt-Angestellter. Vorbestrafte Stadt-Ange­stellte? Unmöglich!

Seltsam diese Einstellung. Haben doch selbst Politiker dazu aufgerufen, auch Vorbestraften eine neue Chance zu geben. Die Doppelzüngigkeit der Politiker, darüber zu diskutieren wäre schon wieder ein neues Buch.

Gut gebrüllt Löwe. Du, Beamter, studierter Sesselpupser hast ja auch keine Defizite in deiner Kindheit gehabt. Hattest die Möglichkeit eine gute Schulbildung zu erfahren.

Wie soll jemand Re…..sozialisiert werden, der niemals eine Chance hatte

in das soziale Gefüge eines Staates integriert zu werden?

 Der überwiegende Teil des „Abschaums“ der Menschheit, zum Teil Legastheniker, Hilfsschüler oder wie ich, mit gerade mal knapp 6 Volksschuljahren, taugt gerade mal zu Schwerstarbeit beim Bauern für Unterkunft und Verpflegung und 20 Mark Monatslohn. 1957 wirst du auch noch von der Polizei angehalten, weil du ein Ur-Alt Fahrrad fährst. Mit defekter Handbremse und defektem Rücklicht. Dafür bekommst du dann 1 Stunde Verkehrsunterricht, 10 DM Geldstrafe und 1 Wochenendarrest aufgebrummt.

Heutzutage verursachst du im besoffenen Zustand einen Verkehrsunfall mit 1, 2 oder mehr Toten, und bekommst dafür ein paar Monate .Und diese auch noch zur Bewährung ausgesetzt. Ich liieebe die deutsche Justiz!!! Darüber, lieber Leser wirst du noch mehr lesen können.

Man liest doch fast täglich in der Presse das ihr da drin re-sozialisiert werdet, das Arbeitsamt euch mit Arbeitsplätzen nach eurer Entlassung versorgt.

Entschuldigung! Wie soll jemand Re…..sozialisiert werden, der niemals eine Chance hatte in das soziale Gefüge eines Staates integriert zu werden?

Mein lieber Freund, komm mir bloß nicht damit, dass deine Familie dem Staat unnötig zur Last fällt während du eine „geringfügige“ Strafe absitzt. Außerdem ist es eher unwahr­scheinlich, dass du nach deiner Entlassung überhaupt noch eine Familie hast. Oder glaubst du etwa deine junge Frau wartet jahrelang auf deine Rückkehr, trägt solange einen Keusch­heitsgürtel?

DU hast in der Welt des Lichts nichts verloren.

 Im Staatshaushalt sind solche Nebenkosten mit eingeplant. Überhaupt ist das ganze Justiz­wesen in den Steuerabgaben längst eingeplant. Pech für dich, dass du nur ein KLEINER Überlebensgauner bist, kein Format hast. Du konntest dir leider nicht den richtigen Rechts­anwalt, Sachverständigen leisten. Du weißt doch am besten, dass der Recht bekommt, der die besten Argumente vorbringen kann. Mit der richtigen Intelligenz kannst du das Recht zu deinen Gunsten zurechtbiegen. Du weißt doch, eine Hure lässt sich auch nur solange verbiegen, wie du sie mit deinen Mitteln dazu bewegen kannst. Nein, nein; DU hast in der Welt des Lichts nichts verloren. Im Licht liegt die Kraft des Lebens. DU darfst vegetieren. Auch Sumpfpflanzen sind manchmal zu etwas nütze. Und sei es um unsere Gefängnisse zu füllen. Wer sagt denn, dass nur im Dunkeln die Spiegel blind sind? Lasst uns dem Licht vertrauen.

Ich war in eine Zeit, den Umständen entsprechend in die Dunkelheit hineingeboren worden. Ich hatte einmal – als Kind schon – zuviel Feuer gemacht, um der Dunkelheit zu entrinnen, sie zu durchdringen. Das wurde mir für immer und ewig verübelt. Keiner wies mir den Weg da heraus. Jeder machte mich verantwortlich für das, was die Generation Erwachsener vor mir eingebrockt hatte. Hatte man mir schon die Kindheit gestohlen, so verbaute man mir die Jugend, begrub mich als Erwachsener hinter Mauern. Ein sehr bequemer Weg eigene Unzu­länglichkeiten und Fehler zu kaschieren. Die, die den Schlamassel heraufbeschworen hatten, wollten für die Folgen nicht mehr aufkommen. Oder waren es all die armen Schweine, die in den Schützengräben, unter Trümmern verreckt waren, die die Schuld schon abgetragen hatten? Hört bloß auf, immer auf die Kriegsgewinnler zu zeigen. Die sind vollauf damit beschäftigt unser Land wieder an die Weltspitze zu bringen. Der Rubel muss wieder rollen. Wo kämen wir da hin, würden wir in ihnen die Schuldigen an der Misere einiger Millionen Menschen zu suchen. Scheiße! Das will ich doch auch! Ihnen helfen ihre neuen Millionen zu vermehren. Aber ihr lasst mich ja gar nicht!

Danke! Danke, mein Führer.

Ich erlag dem schlimmen Wahn, es aus eigener Kraft zu schaffen, aus der Dunkelheit heraus­zukommen. Immer waren es die Schwarzberobten, die das bisschen Helligkeit, welches ich mir geschaffen hatte, wieder verdunkelten. Schwarz und drohend standen sie vor mir, sprachen: „Im Namen des Volkes!“

Danke! Danke, mein Führer. Der du unter dem Zeichen der Sonne vom deutschen Volk gewählt wurdest, um aus uns Herrenmenschen zu machen. Die, die es vorher schon waren, sind geblieben. Was geschah mit dem Rest? Die Mitverzapfer deines Wahnsinnsgedanken behielten das alte Rechtssystem aufrecht. Scherten sich einen Dreck um die Schicksale der vielen Menschen die eure Unsinnssuppe unserer Generation eingebrockt hatte. Du feige Sau, hast deinem Magenleiden selbst ein Ende gesetzt. Hast nicht darauf gewartet bis du an dem Brocken draufgehst, an dem du dich selbst verschluckt hast. Von dir spricht die ganze Welt noch heute. Hast ja auch nur ein paar Millionen Menschen totgemacht. Weitere Millionen ins Elend gestürzt. Ich löffle immer noch an deiner widerwärtigen Kriegssuppe. Schon einund­fünfzig lange Jahre!

Man klagte mich nach dem Recht des Volkes an – hatte mir nie Rechte eingeräumt.

Das Recht auf eine Kindheit. Ich durfte lediglich davon träumen. Nachdem ich die ersten Kinderbücher gelesen hatte und erfuhr, was eigentlich Kindheit bedeutet. Nur, da war ich schon längst kein Kind mehr. Einige dieser Träume erfüllte ich mir, in meinem Wahn glaubend, dass dies möglich sei. Teils gut, – mehr schlecht!

Ich hatte Pech.

 Die schon im Licht standen, hatten die Kurve rechtzeitig bekommen. Ich fand es toll, was die alles aus ihren vierzig Mark gemacht hatten.[2]

Ich hatte Pech. Zu spät, am verkehrten Ort geboren lernte ich nur noch die Erwachsenen kennen, die mit dem ganzen Mist nichts mehr zu tun haben wollten. Die meisten hatten ihre Schäfchen und Posten längst ins Trockene gebracht. Um ihre Posten krisensicher zu machen, dafür kam ich gerade noch zurecht. Ich wusste noch nicht einmal, ob ich noch einen Vater hatte. Der hatte sich gleich nach Kriegsende in den Westen abgesetzt. Mein Bruder war uns abhanden gekommen; ich suche ihn bis zum heutigen Tage. Meine Mutter durfte in Leipzig die Trümmer wegräumen, die andere verursacht hatten. Das Leben ging weiter. Es musste ja auch Schlachtvieh geben. Wir Trottel aus dem Osten einer deutschen Provinz kamen gerade recht, um für die bereits etablierten den Wohlstand zu mehren. Die weißen Westen waren schon alle vergeben, die Träger waren saniert, und sind heute noch über jeden Verdacht erhaben. Einen kleinen Ganoven kann man bei der Verhaftung leicht mit „Du Strolch“ anreden. Es ist bedeutend schwieriger, einem bedeutenden Herrn einen Haftbefehl vorzulesen, ihn mit auf dem Rücken gefesselten Händen ins Polizeiauto zu stoßen, wie allgemein üblich. Ein Graf zum Beispiel kann an der Spitze eines Vereins viel mehr Unheil anrichten, als ein stinknormaler Knacki; der kann schlecht seinen Kopf in den Betonfußboden einer Gefängnis­zelle verstecken. Überhaupt – seit wann hackt eine Krähe der anderen ein Auge aus? Man kann doch einen Industrieboß, Waffenhändler etc. nicht hinter Gitter sperren. Wie viele Arbeitsplätze gingen da verloren? Meine Güte, so ein paar Millionen an Schmiergeldern. Da wird sich doch eine der niedrigen Chargen finden lassen, der seinen Kopf dafür hinhält. Wegen der Wiedervereinigung können wir doch keine wichtigen Köpfe rollen lassen, waren doch früher gute Geschäftspartner. Na ja, und die Krähe…….Wir kriegen unsere Gefängnisse auch ohne solche Prominenz voll. Wir schaffen einfach ein Drogenproblem und haben somit immer genügend Proletennachwuchs. Krankhafte Sittiche (Sittlichkeitsverbrecher) sterben auch nie aus. Es wird auch immer welche geben, die viel weniger als andere haben und deshalb zu Langfingern werden. Einbrüche und Banküberfälle könnte man leicht unterbinden. Ist aber eine Kostenfrage. Die Versicherungen zahlen lieber den Schaden als für die vorbeugenden Maßnahmen.

„Nur wer im Wohlstand lebt, lebt angenehm“ – Brecht

 Die Prostituierten? Mensch, die brauchen wir doch, um etwas Abwechslung von unseren faden Ehefrauen zu haben. Was können wir denn dafür, wenn der Stoff so teuer ist, mit dem sie den Ekel vergessen machen wollen, den wir ihnen mit unserem Sinnesrausch verursachen. Die dürfen doch deshalb nicht gleich einen Beischlafdiebstahl begehen. Ab in den Knast mit ihnen. Nachwuchs wird doch genug in den Ghettos gezüchtet. Frischfleisch für alle, die es sich leisten können. Wer nicht, der vergewaltigt! Ab in die Kiste mit solchen Strolchen. Nur wer die nötigen Mittel dazu hat, darf sich uneingeschränkt des Lebens erfreuen. Die anderen müssen eben ihre Gefühle im Zaum behalten. Oder aber sich mit Frau Faust und ihren fünf Töchtern begnügen. Wo kämen wir denn hin wenn jeder Prolet seine Fleischeslust auslebt. Pfui. Was haben wir im Krieg alles entbehren müssen? Vergewaltigt wurde nur im sexuellen Notstand. War ja auch Krieg, damals. Ist doch längst verjährt. Erinnert mich bloß nicht an die Plünderungen, ich war ja noch so jung, hatte Hunger. Wie ich so schnell an so einen dicken Wagen gekommen bin? Warum ich überhaupt so einen großen Schlitten fahre? Nein, nicht um bei anderen Neid zu erwecken. Ich brauche ihn aus Prestigegründen. Soll bloß kein Geschäfts­partner glauben meine Firma floriere nicht, soll keiner sagen, ich könnte mir so etwas nicht leisten. Repräsentieren ist alles, mein Lieber. Der Papst ruft doch auch die wohl­habenden Länder auf für die Armen zu spenden, präsentiert sich mit einer Gold-Juwelen-geschmückten Tiara, die ihm fast sein Genick bricht, hat an jedem Finger ein Kleinod, womit er die Armen segnet. Nein, nein. Macht mich bloß nicht verantwortlich für das Elend der Minderheiten.

Stimmt schon, dass die Penner in den Bahnhöfen, Parks und unter den Brücken das Stadtbild verschandeln. Aber muss man gleich meinen Bungalow mit scheelen Blicken betrachten? Womit habe ich das verdient, als guter Steuerzahler?

Ich Prolet, wenn ich mal Arbeit hatte, finanzierte damit die Rüstung, die Diäten der Abgeord­neten etc.

Ich spende den Parteien, damit sie an der Macht bleibe und alles so lassen, wie es ist. Nein, also diese neidischen Proleten sind aber mit gar nichts zufrieden zu stellen. Besetzen die doch einfach ein Haus von mir, wo ich es gerade so günstig abstoßen könnte. An einen Supermarkt, der dem gegenüber gerne Konkurrenz machen möchte. Nein mein Lieber, nicht der Minder­heit müssen wir Opfer bringen. Die Wirtschaft muss hochgehalten werden. Die Proleten verrecken so oder so, aber wir müssen etwas Bleibendes schaffen. Koste es was es wolle.

Die Nebelwolken, diese hauchdünne Schicht, lässt Welten zwischen den Menschen entstehen. Und sei es der Nebel, den die Granaten im Krieg verursachten. Wer weit genug davon entfernt war, oder sich rechtzeitig davonmachen konnte, hatte das bessere Ende vom Faden gezogen.

Schreibt in euer Poesiealbum! Sofern ihr euch noch soviel Romantik bewahrt habt: Nichts wird je vergessen sein. Weder der Krieg mit all seinen Grausamkeiten, noch was danach noch blieb.

Ich war niemals richtig Kind.- Wurde mir nicht ermöglicht.

 Ich war niemals richtig Kind, niemals richtig jung. Bin nicht alt. War ewiglich jugendlich. Konnte mich nach keiner Seite hin entscheiden. Wurde mir nicht ermöglicht. Wurde immer fremdbestimmt! Einige leben noch, die wissen, wie es dazu kam, nur wenige wissen, dass es SO nicht kommen musste. Viele, gute Menschen sind verloren gegangen. Viele für alle Zeit verflucht. Wessen Herz brennt vor Scham? Wessen Mund schweigt deswegen beklommen? Wer weiß denn noch, was es heißt den Weg zu gehen, den schweren – am Wegesrand die vielen Toten, die Trümmer zu durchwühlen nach Überlebenden; hohlwangigen Kindern das Grauen aus den Augen abzulesen, das sie gesehen? Wer kennt das schon, außer von den alten Bildern?

Wer jemals jene Zeit vergisst, wird selbst vergessen sein!

Nicht das Dunkel macht viel ungeschehen. Im Dunkeln sucht man!

Den Zenit meines Lebens längst überschritten mache ich mich noch einmal auf den Weg, das Dunkel meiner Vergangenheit aufzuhellen.

Ich bin immer noch auf der Suche nach meiner Kindheit. Hab’ nie damit aufgehört! Neugierig? Will jemand erfahren was mich dieser Gesellschaft so frustriert entgegentreten lässt?

Ich fühle mich schon längst nicht mehr, wenn überhaupt jemals, dazugehörig, weil……….. [3]

PDF-Fassung 01 erstes kapitel

 §§§

Nächstes Kapitel: In Dönschten, am Arsch der Welt … ach Monika!

Was gab’s bisher?

Editorische Vorbemerkung – https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/06/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt/ https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/06/00-editorische-vorbemerkung.pdf

§§§

Fußnoten

[1] Hier zitiert Schulz Johannes R. Becher.

»Mein Leben kann euch als ein Beispiel dienen,

Und darum ist mein Leben lesenswert.

Euch ist in mir ein solcher Mensch erschienen,

Der maßlos hat vor Zeiten aufbegehrt.

Und Höllen waren, und er fand in ihnen

Einlaß und ist in allen eingekehrt,

Und hat vernichtet und sich selbst verheert

Und riß sein Leben nieder zu Ruinen.

Ein Schlachtfeld lag ihm mitten in der Brust.

Danieder lag er. Welche Niederlagen!

Zerschlagen hörte er die Leute sagen:

„Den Hoffnungslosen laßt verlorengehn!“

Und aus Verlorensein und aus Verlust

Ergab sich Wandlung und ein Auferstehn.«

nach http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-41123815.html

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/W%C3%A4hrungsreform_1948_(Westdeutschland)

[3] Meine ursprüngliche Notiz zu diesem Kapitel: „Dieser Teil sollte radikal gekürzt werden zu einer Art reflektierendem Vorspiel für das Buch. Maximal drei Seiten.“ Ich hab’s aber gelassen.

9 Antworten

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  1. dieter schulz said, on 31. Juli 2016 at 10:15

    inzwischen bin ältergeworden….76 jahre alt.meine erinnerungen aber bleiben ewig jung.

    • dierkschaefer said, on 31. Juli 2016 at 10:47

      Prof. Kerner mailte: Wunderbar, dass doch noch was Schönes aus dem langgezogenen Vorhaben wird.

  2. Werner Bösen said, on 31. Juli 2016 at 21:19

    Danke Dieter Schulz für deinen Beitrag, denn das Langzeitgedächtnis vergisst wenig und ich hatte früh erkannt, dass mich dies im Alter einholen wird. Dann kam im Jahre 2008 die Bundestagskommission Runder Tisch Heimerziehung der 1950er und 1960er Jahre (RTH), an die ich Hoffnungen knüpfte für die Anerkennung von Kinderrechten, wie sie die Vereinten Nationen bereits im Jahre 1959 beschrieben haben. Ich hoffte, dass nun Kinderheime, jene Relikte diktatorischer Vergangenheit und die Kapitulation der Erwachsenenwelt vor der Kinderwelt, nun begraben werden würden. Doch meine Hoffnungen blieben „Träumereien“. Die politischen Vertreter in der Bundestagskommission waren beauftragt, Schaden vom deutschen Volke abzuwenden und versuchten es mit Schuldeingeständnissen, die juristisch bereits verjährt waren, zeigten Reue und insbesondere die kirchlichen Vertreter baten um Vergebung. Was nutzt jedoch Vergebung, wenn der seelische Schaden irreparabel ist? Dann kam gewissermaßen der KO-Schlag für mich, benannt im Abschlussbericht der Bundestagskommission RTH mit dem Begriff der politischen Verantwortungskette. Es wurden ca. 10 Verantwortungsträger genannt, die für die Kinderheimmisere verantwortlich waren, doch keiner konnte mehr direkt zur Verantwortung gezogen werden. Es war jedoch für mich das Signal, meine eigene Heilung selbst voranzutreiben, denn nur auf schulmedizinische Leistungen zu warten, bleibt unzureichend. Ich fand den Weg zu schamanischen Heilern mit christlicher Prägung und erhielt die Bestätigung, dass die Liebe zum Menschsein, zur Natur, zu Gott, ein lebenslanger Reifungsprozess ist und es sich für mich gelohnt hatte, daran festzuhalten. Selbst viele Fachleute verstehen dies nicht und es wird zuweilen persifliert (geistig verspottet) mit dem Satz: Liebe allein genügt nicht.
    Jedes Leben ist einmalig. Den problemlosen Menschen gibt es nicht. Die einzigen, die keine Probleme mehr haben, liegen auf den Friedhöfen.
    Meine Antworten auf das Menschsein liefert mein Buch: Wer bin ich und wer bist du? Mensch-Totem!, erschienen 2016 im epubli Verlag.
    Werner Boesen, Baujahr 1955, von 1962-1968 im Kindergefängnis, danach in Pflegefamilien erzogen worden.
    Diplom-Kaufmann und zertifizierter Trauerbegleiter nach den Qualitätskriterien des Bundesverbandes Trauerbegleitung e.V.

  3. dieter schulz said, on 1. August 2016 at 11:09

    sie sagen es ! schuldeingeständnisse kommen immer erst dann wenn alles verjährt ist.

  4. Werner Bösen said, on 1. August 2016 at 13:31

    Nach christlicher Theologie gibt es keine Verjährung, nur Reue, Vergebung und Buße. Die Kirchenvertreter konnten sich mit dem „Trick“ behelfen, sich auf das Konkordat von 1933 berufen, nach dem Meinungsverschiedenheiten zwischen Staat und Kirche in beiderseitigem Einvernehmen zu klären sind. Aufgrund der Unabhängigkeit von Staat und Kirche obliegt jedoch die Strafverfolgung nur dem Staat. Hier hätte dies allein aufgrund der Verjährung jedoch dem Rechtsfrieden nicht vollends genügt und die Kirchen zeigten sich erkenntlich, sie baten um Vergebung und bestimmten ihren Anteil der Buße. Insofern müssen m.E. auch nur die Kirchen die Entschädigungsgelder bereitstellen und nicht die staatlichen Steuertöpfe. Da die Kirchen ihre Einnahmen primär durch Betteln erhalten (die Kirchensteuern sind nichts anderes als erbettelte Einnahmen im Gegensatz zu den staatlichen Steuereinnahmen, die primär kraft der Leistungsfähigkeit des Volkes erzielt werden), kann im Schadensfall auch nur wenig oder garnichts zurückgegeben werden. Die Entschädigungssummen sind in den Kirchensteuerberichten nur im niedrigsten Promillebereich ausgebbar und werden den Kirchen nicht wehtun. Die Opfer behalten ihre seelischen Leiden, die Entschädigungsgelder sind für manchen ein kleines Trostpflaster, das schnell aufgebraucht ist. Wie Entschädigungen aussehen können, zeigen die Strafverfolgungen von straffälligen Kirchenvertretern in den USA. Dort riskieren die Kirchen auch ihren finanziellen Untergang, wenn der Nährboden strafrechtlichen Tuns nicht grundlegend beseitigt wird. Hier bleiben Nährböden bestehen, denn Kindern in Kinderheimen fehlt das Recht auf kindliche Autonomie als Teil einer elterlichen Autonomie und Privatsphäre. Die potentiellen Täter müssen künftig noch vorsichtiger agieren, den Opfern wird die Beweisführung weiter erschwert. Der Täter der Kirchenorganisation wird nach seiner Reue und Buße in einen anderen weit entfernten Kirchenbezirk versetzt und darf dort neu anfangen, auch mit seinen Sünden. Wie es einem Täter ergeht, der rein weltlichen Organisationen angehören will, haben Sie selbst erfahren können. In einer Leistungsgesellschaft wird alles dafür getan, die Leistung hoch zu halten und das ist auch gut so. Deshalb ist alles zu vermeiden, was auf Leistungsschwäche hindeutet wozu auch eine kriminelle „Karriere“ gehört. Insofern habe ich auch nach meinem Studium tunlichst vermieden einen Arbeitgeber auf mein Kinderheimschicksal hinzuweisen und hatte Erfolg damit. Kinderheime sind für mich krimineller Nährboden, glücklicherweise wird nicht jedes Heimkind kriminell.

  5. Robert Krieg said, on 9. August 2016 at 18:01

    Sehr gut, dass nun die Biographie von Dieter Schulz das verdiente Licht der Öffentlichkeit erblickt!


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