Dierk Schaefers Blog

Eine Romanze noch vor der Romantik?

Posted in Geschichte, Gesellschaft, Justiz, Kriminalität, Kriminologie, Moral, Politik, Theologie, Tod by dierkschaefer on 28. August 2016

Ein Knochenfund in Hannovers Leineschloß erinnert daran.

»Die Geschichte des Grafen Königsmarck ist galant, romantisch und eine Kleinigkeit gruse­lig. Sie ist eine der Geschichten, die Thron und Alkoven nahe zusammenrücken und Seligkeit und Elend des menschlichen, allzu menschlichen Herzens mit dem Glanz und Gloria fürst­lichen, allzu fürstlichen Daseins verbrämen.

Sie hat die Geschichtsforscher auf ihre Spuren gelenkt, um so mehr, als vieles hier im Dunkeln geblieben ist. Sie hat immer wieder Literatoren zu historisierenden, gefühlvollen Darstellungen inspiriert.

Der schwedische Graf Philipp Christoph von Königsmarck war der Bruder Auroras, der Mätresse des Kurfürsten August von Sachsen, des Starken. Er war reich, aus großem Haus, im Sattel so gut zu Hause wie am Spiel- und Trinktisch und in Boudoirs, ein abenteuernder Barockkavalier.

Er war 30, als er 1689 am hannoverschen Hof auftrat. Er war 35, als er im Schloß zu Hannover spurlos verschwand, in einer Sommernacht 1694. Monate danach wurde der hannoversche Kurprinz Georg Ludwig, später der erste der wenig beliebten hannoverschen George auf Englands Thron, von seiner Frau Sophie Dorothea, geborenen Prinzessin von Celle, geschieden[1]

»Theodor Fontane behandelt die Geschichte ausführlich in seinen Wanderungen durch die Mark Brandenburg (1862). Nach seiner Darstellung hatte sich von Königsmarck nur in das Schloss zu Hannover begeben, um von der Kurprinzessin Abschied zu nehmen. Dort sei er getötet und innerhalb der Schlossmauern begraben worden.«[2]

In seinem Gedicht beschreibt er die Moritat:

»Wer geht so spät zu Hofe,

Da alles längst im Schlaf?

Im Vorsaal wacht die Zofe –

Schon naht der schöne Graf.

Er sprach: „Eh ich nach Frankreich geh,

Muß ich sie noch umarmen,

Prinzessin Dorothee.“

Gräflein, du bist verraten,

Verraten ist dein Glück,

Die böse Gräfin Platen

Ersann ein Bubenstück.«[3]

»Mord im Leineschloss vor 322 Jahren – Lag hier die Leiche von Graf Königsmarck?« fragt BILD nach dem aktuellen Knochenfund im Leineschloss. »Königsmarck soll eine Affäre mit der Herzogin Sophie Dorothea gehabt haben, angeblich planten die beiden ihre Flucht. Doch die Pläne wurden verraten, der Graf verschwand. Wurde er wegen der heimlichen Liebschaft mit der Gattin seines Landesherren ermordet?

Die Knochen sollen jetzt an die Stadt Hannover übergeben, einer mitochondrialen DNA-Untersuchung unterzogen werden, bei der geringste biologische Spuren für eine Identifi­zierung reichen. Oberstaatsanwalt Thomas Klinge: „Es spricht einiges dafür, dass es sich um die Überreste von Philipp Christoph Graf von Königsmarck handelt.“

Die Spur des Adligen verliert sich im Sommer 1694 im Leineschloss, der Residenz des damaligen Herzogs von Braunschweig und Lüneburg und späteren Königs Georg I. von England.

Herzogin Sophie Dorothea von Braunschweig-Lüneburg (1666–1726) wurde nach Bekanntwerden der Affäre verbannt.«[4]

»Die Geschichte hätte das Zeug zum Historienfilm: Es geht um verbotene Liebe, einen mysteriösen Mord und um den vielleicht größten politischen Skandal jener Zeit.

Königsmarck, ein ausgemachter Lebemann, der chronisch verschuldet war und keine Feier ausließ, stand seit 1689 als Oberst und Regimentskommandeur in hannoverschen Diensten. An jenem Abend war er unterwegs gewesen zu einem diskreten Schäferstündchen mit seiner Geliebten. Diese war nicht irgendwer, sondern die Kurprinzessin Sophie Dorothea persön­lich. Verheiratet war die Herzogstochter aus Celle mit Hannovers Thronfolger Georg Ludwig – dem die Affäre seiner Frau ein Dorn im Auge sein musste.

„Damals wurde bei Hofe mit zweierlei Maß gemessen“, sagt Thomas Schwark, Direktor des Historischen Museums: Während Männer sich selbstverständlich Mätressen halten durften, galt die Affäre einer verheirateten Frau als Skandal. Sophie Dorothea, deren Ehe mit Georg Ludwig eine dynastische Zweckverbindung gewesen war, begehrte also gegen die höfischen Spielregeln auf – und ihr Emanzipationsversuch hatte dramatische Konsequenzen.

Nach dem Verschwinden von Königsmarcks wurde die Kurprinzessin von ihrem Mann geschieden und fortan im Schloss Ahlden am Rande der Lüneburger Heide gefangen gehalten. Mehr als dreißig Jahre lang blieb die „Prinzessin von Ahlden“ eine Gefangene, bis zu ihrem Tod. Ihr Sohn wurde später König von England, ihre Tochter wurde später Königin in Preußen – doch die Gefangene sah ihre Kinder nie wieder.«[5]

So sieht das aus, wenn man diese Love-Story mit modernen Augen liest: Damals wurde bei Hofe mit zweierlei Maß gemessen … Emanzipationsversuch. Das galt nicht nur bei Hofe, sondern bis weit in die Neuzeit. Junge Männer sollten sich erst einmal die Hörner abstoßen, danach aber eine Jungfrau heiraten.

Ob es wirklich eine Liebesgeschichte war?

»Graf Königsmarck stammte aus einem alten märkischen Adelsgeschlecht. Er war der Enkel des deutsch-schwedischen Feldmarschalls Hans Christoph von Königsmarck. … Seit seinen Kindertagen, als er als Page am Hof von Celle verbrachte, war er mit der ein Jahr jüngeren Erbprinzessin von Braunschweig-Lüneburg, Sophie Dorothea von Celle, befreundet. Diese wurde im Alter von 16 Jahren mit ihrem Vetter, dem Herzog Georg Ludwig zu Braunschweig und Lüneburg und Prinz von Calenberg, dem späteren Kurfürsten von Braunschweig-Lüneburg und als Georg I. König von Großbritannien, verheiratet. Die politisch motivierte Ehe war wohl eher unglücklich. … Im April 1690 kam er allein nach Hannover zurück.

Hier begann er offensichtlich eine durch einen umfangreichen Briefwechsel dokumentierte Liebesbeziehung mit der Erbprinzessin Sophia Dorothea von Celle. Die historische Forschung konnte nachweisen, dass Sophie Dorothea, trotz aller ihrer gegensätzlichen Bekundungen, mit dem Grafen auch den Geschlechtsverkehr vollzogen hat und nur wenig tat, Gerüchte zu unterbinden. Im Sommer 1694 schließlich planten die beiden ihre gemeinsame Flucht«[6]

Liebesgeschichte oder auch nicht, jedenfalls sehr abenteuerlich. Mit im Spiel auch zwei der Mätressen des Ehemannes Herzog Georg Ludwig, der offenbar den Mordauftrag gab.

Was mag sein Motiv gewesen sein? Eifersucht wohl kaum, persönliche Kränkung vielleicht. Hier jedoch ging es um Hochverrat. Wieso?

Die Legitimität feudaler Herrschaft lag in der Erbfolge.[7] Legitimer Herrscher konnte nur sein, wer aus einer legalen Ehe seines Vorgängers stammte. Dieser konnte seinen Samen streuen, wie und wo er wollte. Doch seine Frau hatte ausschließlich ihm zu gehören, damit kein Kuckucksei die legitime Thronfolge störe.[8] Selbst der Verdacht, ein Sohn sei nicht der Sohn des Herrschers, war der Legitimität abträglich. Es wäre nun allerdings überzogen, die Liebesaffäre als Emanzipationsversuch zu betrachten. Sophie Dorothea war eine Figur im feudalen Schachspiel. Sie wurde verheiratet unter Gesichtspunkten dynastischer Machtab­sicherung – und –vermehrung. So war das üblich. Liebe musste nicht sein, war wohl auch selten. Der Herrscher konnte ausweichen, seine Frau musste sublimieren. Dabei ging es den Herrschern nicht immer nur um Sex[9]. Mätressen waren oft auch gebildete und interessante Gesprächs­partnerinnen; sie hatten oft viel Einfluss – auch auf die Regierungsgeschäfte. Sophie Dorotheas Seitensprung war also Hochverrat und machte zudem den Herrscher lächerlich. Aber dann ein Mord?

Das war in Preußen anders. Dort gab es ein Gerichtsverfahren, als der Kronprinz zusammen mit seinem Kameraden und wohl auch Liebhaber fliehen wollte. Sophie Dorothea ist übrigens die Großmutter dieses Kronprinzen, des späteren Friedrich II.

Doch es geht um den Fall „Katte“

»1730 klagte im berühmten „Kronprinzenprozeß“ der Vater den eigenen Sohn an, weil dieser vor den unerträglichen erzieherischen Torturen ins Ausland fliehen wollte. Sein Freund, der junge Leutnant von Katte, ein Schöngeist wie er selbst, war in die Pläne der scheiternden Flucht eingeweiht. Vor den Augen seines Sohnes ließ der „Soldatenkönig“ Katte aus Gründen der Staatsräson hinrichten. Kattes Tod brachte die Wende im Leben des Prinzen, brach seinen Willen.«[10]

Landesverrat auch hier, denn was ist es sonst, wenn ich mit dem Sohn des Herrschers durchbrennen will? Ergebnis ein Gerichtsverfahren. »Beide wurden vor ein Kriegsgericht im Schloss Köpenick gestellt und Katte zu lebenslanger Festungshaft verurteilt (hinsichtlich des Kronprinzen erklärte sich das Gericht für nicht zuständig). Friedrich Wilhelm I. verschärfte die Verurteilung v. Kattes zu einem Todesurteil und ordnete die Exekution an.«[11]

War das Willkür?

Liest man bei Fontane nach, der die Gerichtsakten eingesehen hat, kommt man zu einem anderen Urteil.

Fontane: „Das sind so einige der »Species facti«; nur einige, aber gerade genug, um seinen König und Herrn mit allem Fug und Recht aussprechen zu lassen: »Und da denn dieser Katte mit der künftigen Sonne tramiret, auch mit fremden Ministern und Gesandten allemal durcheinander gestecket, er aber nicht davor gesetzet worden mit dem Kronprinzen zu complottiren, au contraire es Sr. K. Majestät hätte angeben sollen, so wissen Se. Majestät nicht, was vor kahle raisons das Kriegs-Recht genommen und ihm das Leben nicht abgesprochen hat.«

Es ist nur eines, was uns in diesem Schreckensschauspiel – denn ein solches bleibt es – widerstrebt und widersteht: der König wechselt hier die Rolle mit dem Richter. Er läßt das Recht über die Gnade gehen. Und das soll nicht sein.

Wenn aber etwas damit versöhnen kann, so ist es das, daß er dies im eigenen Herzen empfunden hat. Hören wir noch einmal ihn selbst: »Wenn das Kriegs-Recht dem Katten die Sentence publiciret, so soll ihm gesagt werden, daß es Sr. Königlichen Majestät leid thäte; es wäre aber besser, daß er stürbe, als daß die Justiz aus der Welt käme.«

 

Es wäre besser, er stürbe, als daß die Justiz aus der Welt käme.

Diese Haltung unterscheidet Preußen von Hannover.

Und nun kommt die Mordsache nach über 300 Jahren vielleicht zu einem Abschluß:

»Mord verjährt nie – nach so langer Zeit könnten die Ermittlungen aber schwierig werden. Der Oberstaatsanwalt schmunzelnd: „Aber am Ende klären wir alle“.«[12]

 

Nachtrag:

Es war wohl wirklich eine Liebesgeschichte:

»600 Liebesbriefe und ein Fluchtplan – doch der Plan flog auf. Die Affäre zwischen Sophie Dorothea von Celle und Christoph Graf von Königsmarck dauerte wohl rund zwei Jahre. Königsmarck war ein Offizier und Hofkavalier und lebte mit seinem Hausstand von 29 Die­nern und 52 Pferden in Hannover. Mit Sophie Dorothea war er seit seiner Jugend befreun­det. Mit 16 Jahren musste sie allerdings ihren Vetter, Herzog Georg Ludwig zu Braunschweig und Lüneburg, den späteren König Georg I. von Großbritannien, heiraten. Die politisch motivierte Ehe war aber wohl eher unglücklich. Mit Graf von Königsmarck schrieb Sophie sich mehr als 600 Liebesbriefe – darin war auch immer wieder von gemeinsam verbrachten Nächten die Rede. Die Eltern von Sophie Dorothea hatten ihrer Tochter verboten, ihren Mann zu verlassen – und kurz vor der schon akribisch geplanten Flucht nach Wolfenbüttel oder Sachsen wurde Christoph Graf von Königsmarck schließlich offenbar beseitigt. Wie sich jetzt herausstellt, vermutlich direkt unter dem Leineschloss, dem heutigen Niedersächsischen Landtag.«https://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/hannover_weser-leinegebiet/Nach-322-Jahren-Mordopfer-unter-Landtag-entdeckt,graf230.html

 

Einige Briefe aus dem Briefwechsel des Liebespaares wurden nun im Netz

publiziert:Briefwechsel

[1] http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-44419593.html

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Philipp_Christoph_von_K%C3%B6nigsmarck

[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Philipp_Christoph_von_K%C3%B6nigsmarck

[4] http://www.bild.de/regional/hannover/leineschloss/lag-hier-die-leiche-von-graf-koenigsmarck-47519788.bild.html

[5] Simon Benne, Verbotene Liebe / HAZ 28.8.2016 mehr bei https://de.wikipedia.org/wiki/Sophie_Dorothea_von_Braunschweig-L%C3%BCneburg

[6] https://de.wikipedia.org/wiki/Philipp_Christoph_von_K%C3%B6nigsmarck

[7] Im kirchlichen Raum haben wir als Pendant die successio apostolica https://de.wikipedia.org/wiki/Apostolische_Sukzession

[8] Die Theologie hat die göttliche Abstammung Jesu anders bezeugt. Die andauernde Jungfernschaft Marias. Die Position von Joseph als Hahnrei wurde nicht thematisiert. Eine Jungfrauenschwangerschaft zum Zwecke der Prätention göttlicher Zeugung ist übrigens auch im Totentempel der Hatschepsut belegt.

[9] Sex spielte aber eine große Rolle und ging in seinen Spielarten weit über das hinaus, was die Bevölkerung wissen durfte. Ich erinnere mich noch über die Empörung meiner Großmutter, sie stammte aus Celle, als wir ihr ein Buch über die Celler Prinzessin Sophie Dorothea zu lesen gaben. Wir hatten es vorher nicht gelesen und ganz naiv gedacht, ein Buch über Celler Personen mache ihr Freude.

[10] http://www.berliner-zeitung.de/zur-urauffuehrung-der-kammeroper-friedrich-und-katte–von-wolfgang-knuth-am-theater-in-minden-die-wunde-der-hohenzollern-16747712 Die Oper, aus deren Besprechnung dieses Zitat stammt, leistet eine „stringente psychologisie­rende Rückführung der Tragödie auf einen eklatanten Fall unterdrückter (bei Friedrich Wilhelm II.) und gelebter (vom jungen „alten Fritz“) Homosexualität.“. Was beim Vater ideell die „langen Kerls“ waren, sei beim Sohn eben Hans Hermann von Katte gewesen, dies auch körperlich.

»Rowse behauptet, Katte sei der aktive Partner einer homosexuellen Beziehung mit Friedrich gewesen«, nach https://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Hermann_von_Katte

[11] https://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Hermann_von_Katte

[12] http://www.bild.de/regional/hannover/leineschloss/lag-hier-die-leiche-von-graf-koenigsmarck-47519788.bild.html

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