Dierk Schaefers Blog

»künftig soll letztendlich das Jugendamt ent­scheiden«

Posted in Kinder, Kinderrechte, Kindeswohl, Moral, News, Parteien, Pädagogik, Politik, Psychologie, Recht, Staat by dierkschaefer on 13. Oktober 2016

Das klingt nicht gut. Doch wenn die Fachverbände Kritik an einer Gesetzesreform üben, so muss man genau hinschauen.

Mehr Staat muss nicht falsch sein, es sei denn, er will hauptsächlich an den Interessen von Kindern und Jugendlichen vorbei Sparmodelle durchsetzen, – und so sieht es aus: »sofern „infrastrukturelle Angebote“ den Bedarf decken könnten, also etwa der günstigere Besuch von Mütter-Kind-Treffs, sollen diese vor individuell zugewiesenen Sozialarbeitern bevorzugt werden. Für junge Volljährige soll die allgemeine Jugendsozialarbeit, wie beispielsweise Ausbil­dungshilfen, sogar regelhaft Einzelhilfen ersetzen. Und Kleinstheime, in denen eine fami­lienähnliche Lebenssituation besteht, sollen laut Hammer nicht mehr als Einrichtung zählen, sondern als schlechter finanzierte Pflegefamilie.«[1]

Kein Wunder, dass die Fachverbände sturm laufen, – weniger Geld, weniger Macht auch für sie. »Länder und Kommunen könnten dann nach Gutdünken Standards absenken, Angebote und Hilfen streichen. … „Die Träger der freien Jugendhilfe werden de facto rechtlos gestellt“«.

Wenn die Fachverbände an die Kandare der Evidenzbasierung von Jugendhilfe-Maßnahmen gelegt würden, hätte das durchaus Vorteile für die Kids – und auch für die Gesellschaft. Die Fachverbände haben in der Vergangenheit eine für sie vorteilhafte Lobby-Arbeit geleistet und ihre Rechtsbestände gesichert, so dass den vielgescholtenen Jugendämtern oft nicht einmal die Möglichkeit von fachlichen Vorgaben, geschweige denn effektiven Kontrollen offen steht. Die Sozialministerin aus Schleswig-Holstein hat sich eine blutige Nase geholt, als sie versuchte hier durchzugreifen.[2]

Fazit: Die Interessen von Kindern und Jugendlichen – und ihren Familien – werden wieder einmal Fremdinteressen untergeordnet. Politik ist die Kunst des Machbaren. Da bleibt für die Kids nur das Nachsehen.

[1] alle Zitate aus: http://www.taz.de/Neufassung-Kinder–und-Jugendgesetz/!5344434/

[2] Die Zahnlosigkeit der Gesetze zum Recht von Schutzbefohlen, 24. Juni 2015, https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/06/24/die-zahnlosigkeit-der-gesetze-zum-recht-von-schutzbefohlen/

3 Antworten

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  1. Werner Boesen said, on 14. Oktober 2016 at 15:55

    Wer ist der Staat? Eine Person? Eine Sache? Der Staat ist alles und auch nichts! Mit dem Begriff „Staat“ ist keinem Kind geholfen. Der Staat ist ein Rechtsystem, dass die Beziehungen der Staatsangehörigen untereinander regelt. Der Staat fixiert in Artikel 6 Grundgesetz das Elternrecht und übernimmt diese Aufgabe, wenn Eltern fehlen oder die Erziehungsaufgaben nicht wahrnehmen können. Der Staat kann jedoch keine Eltern ersetzen, sondern nur für Elternersatz sorgen. Dazu bedarf es einer Familie, einer Ersatzfamilie. Und hierbei schießt unser Staat über sein Ziel hinaus, denn was als Familienersatz begriffen wird sind primär Verwahranstalten, genannt Kinderheime und keine Ersatzfamilien.
    Nun sind Kinderheime teuer. Ersatzfamilien gibt es quasi umsonst, ist doch einerlei ob leibliches oder fremdes Kind erzogen werden. Für Kleinkinder bedarf es zumindest einer dauerhaften Bezugsperson. Es geht auch mehr, wie SOS- und Albert-Schweitzer-Kinderdörfer seit Jahrzehnten musterhaft zeigen. Nun wird unserem Staat der Kostendruck überall zu groß und Alternativen sind ja da, doch es gibt Widerstände. Der Staat nährte seine Missionierer und „Hofnarren“, sprich Fachverbände bzw. als Fachverbände getarnte Religionsgemeinschaften, und nimmt ihnen nun die Verantwortung weg, der sie eh kaum entsprechen konnten. Vielleicht hat ja die Bundestagskommission Runder Tisch Heimerziehung der 1950er und 1960er Jahre (RTH) etwas bewirkt, nämlich den Unsinn erzieherischer Kompetenzen in Verwahranstalten aufzuzeigen. Der Abschlußbericht des RTH spricht eine eindeutige Sprache und ist nicht nur dem damaligen Zeitgeist geschuldet.
    Politik eines Landes ist damit nicht nur die Kunst des Machbaren sondern auch die des Lernens. Hierbei sind oft auch andere Ideen wie die einer Bundestagskommission hilfreich, wie beispielsweise die der Vereinten Nationen mit ihrer Kinderrechts-Charta. Als ehemaliges Heimkind wäre mir sehr geholfen, wenn aus den damaligen Fehlern die nötigen Konsequenzen für die Verwahranstalten gezogen würden, denn Kinderheime sind damals wie heute so unnötig wie ein Kropf.
    In seiner Neuauflage zu Kinderrechten gibt David Archard genügend Informationen wie Mißbräuche an Kindern weitestgehend vermieden werden können und stellt klar, dass Kinderheime keine Familien sind. Mein Werk „Entfremdung und Heimkehr“ zeigt aus Sicht von ehemaligen Heimkindern die Wirkungen geschlossener Einrichtungen auf Kinder in psychologischer, soziologischer und philosophischer Hinsicht auf. Unsere Politik begreift es langsam, auch wenn der Staat nun ein Ersparnispotential sieht. Kann mir als ehemaliges Heimkind nur recht sein, denn was nutzten große Häuser, kalte Mauern, herzlose und überforderte Erzieher/innen. Sie ließen jegliche Liebe erfrieren und schlugen die Herzen der Kinder zur Unkenntlichkeit.
    Fazit: Politik ist die Kunst der Balance zwischen den Rechtsträgern. Wenn Kinder für ihre Interessen gleichberechtigte Rechtsträger zu den übrigen Rechtsträgern sind, dann brauchen sie kein Nachsehen zu haben und können ihre Rechte eigenständig mit Hilfe des Staates wahrnehmen. Dann wäre auch körperlicher und seelischer Missbrauch weitestgehend vermeidbar.

    • dierkschaefer said, on 14. Oktober 2016 at 18:36

      »Der Staat nährte seine Missionierer und „Hofnarren“, sprich Fachverbände bzw. als Fachverbände getarnte Religionsgemeinschaften, und nimmt ihnen nun die Verantwortung weg, der sie eh kaum entsprechen konnten.« Das ist mir zu holzschnittartig vereinfacht. Bitte lesen Sie: https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/01/10/die-rechte-tur-zum-himmel/

      • Werner Boesen said, on 15. Oktober 2016 at 10:31

        Holzschnittartig, lt. Duden grob, ohne Feinheiten, d.h. auch auf das wesentliche beschränkt. Ja, darauf kommt es mir an. Ich brauche mich nicht mehr in Details verlieren und setze bei den menschlichen Grundphänomenen an. Natürlich kann ich mich selbst davon nicht ausnehmen. Jeder Mensch, auch ein Fachexperte, handelt erstmal aus Eigennutz und stellt allzu gern den Fremdnutzen über seinen Eigennutz. Ich setzte den Begriff Hofnarren in Anführungszeichen und allgemein bekannt ist, wozu Hofnarren am Königshofe gebraucht wurden. Sie vollbrachten natürlich nicht nur Gutes für den König, sondern vollzogen auch Böses, in dem sie dem König das „Elend“ vom Halse hielten und dabei konnte ihnen jedes Mittel recht sein. Insofern dienten Hofnarren zur Bespaßung von Kindern (das Gute) in Kinderkäfigen (das Böse), denn der Zweck heiligt die Mittel.
        Laut Artikel 6 Grundgesetz ist es die Aufgabe des Staates für Elternersatz zu sorgen, wenn die Kinder ihre Eltern verlieren oder sich nicht um ihre Kinder kümmern können. Es ist somit keine originäre Aufgabe einer Religionsgemeinschaft oder Privatvereins für Elternersatz zu sorgen gleichwohl ist den Religionen ihre Religionsfreiheit garantiert und der Staat entlastet sich mit „Privatvereinen“. Der Staat kann den Elternersatz nicht dadurch realisieren, dass er Verwahranstalten anbietet, obwohl er bis heute daran festhält wider besserer Erkenntnisse diverser wissenschaftlicher Fachdisziplinen wie Psychologie, Soziologie und Philosophie. Der Staat verhilft hier den Wissenschaften zum Status von Hofnarren, denn ihr Privileg ist es, die Wahrheit sagen zu dürfen. Irgendwann wird jedoch die Wahrheit verstanden und versucht umzusetzen. Ich freue mich darauf und kämpfe darum nach meinen noch verfügbaren Kräften und danke für jede Unterstützung.


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