Dierk Schaefers Blog

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« IX

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 Dieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit,

die keine Kindheit war

 

Neuntes Kapitel

Aber nun wieder zurück nach Berlin

Knautschke, wohl das berühmteste Flusspferd des Berliner Zoos aller Zeiten. Es gibt bestimmt auch heute noch leichaltrige im Rentenalter, die sich an dieses unförmige Ungetüm erinnern können.[1]

Dem kleinen Jungen floss das Herz über, weil glück­lich

Ich konnte mich an Knautschke kaum sattsehen, war verliebt in dieses Tier. Wir hatten auch noch das Glück, dass gerade Fütterungszeit war. Ganze Brotlaibe wurden ihm in den weit aufgerissenen Rachen geworfen. Völlig unbeschwert genossen wir diesen Zoo­besuch. Bei solch einer Gelegenheit, wo einem kleinen Jungen das Herz überfloss, weil glück­lich, vergaß man ganz, dass man sich ja eigentlich auf der Flucht befand. Aber genau das waren ja unsere Beweggründe gewesen. Ein paar unbeschwerte Stunden zu erleben, außerhalb des militäri­schen Drills im Heim. Eigentlich waren wir schon recht bald wieder auf dem Boden der Tatsachen. Ohne festen Plan waren wir ratlos geworden, wie es nun weitergehen sollte. Wir durchstreiften Berlin in alle Richtungen. Wirkliche Grenzen innerhalb der Stadt gab es ja im Prinzip derzeit noch gar nicht. Wir sahen zum ersten Mal in unserem Leben schwarze Men­schen. An einem Flughafen – auch das war völlig neu für uns – marschierten sie in viel schmuckeren Uniformen als die Russen gemischt mit weißen Soldaten entlang. Die weißen Schnüre an ihren Schultern sowie die weißbehand-schuhten Hände, mit denen sie ihre Gewehre hielten, verliehen ihnen etwas von Vornehmheit. Erst viele Jahre später konnte ich in Moskau feststellen, dass auch die Russen so schöne Paradeuniformen anlässlich der Feier­lichkeiten auf dem Roten Platz trugen. In die Richtung unseren Weg fortsetzend, woher die schmucke Truppe gekommen war, standen wir auch bald vor dem Haupteingang des Flug­platzes. Ein schöner, großer, sauberer Platz. Wir staunten die herausgeputzten Pferde vor den Pferdedroschken an, die dort auf Fahrgäste warteten. Ich weiß bis heute nicht, wo wir uns damals eigentlich befanden. Ziel- und wahllos durchstreiften wir Berlin.

Diese Erinnerungen aufzufrischen wäre bestimmt sinnlos, bei dem Bauboom in und um Berlin. Manchmal trafen wir auf Schilder auf denen zu lesen war: „Sie verlassen den Westsektor Berlins“ oder aber auch: „Sie verlassen den Ostsektor…..“.[2]

Soviel wussten selbst wir schon, dass Berlin in vier Sektoren eingeteilt war.

In Deutsch und Russisch konnte ich es ja gut lesen. Bei den anderen beiden Sprachen konnten wir nur raten, dass dies das gleiche zu bedeuten hatte. Durch das ‚the’-Schriftbild einigten wir uns darauf, dass dies Englisch sein müsste. Blieb als letztes nur noch Französisch übrig. Soviel wussten selbst wir schon, dass Berlin in vier Sektoren eingeteilt war. Wir waren richtig stolz auf unsere Sprachkenntnisse. Eine richtig ausgelassene Stimmung aber wollte bei uns trotz der Freiheit, die wir genossen, nicht so recht aufkommen, nachdem wir durch vieles Rumfra­gen erfahren hatten, dass wir keine Chance hätten, von Westberlin direkt nach Westdeutsch­land zu kommen. Clever (?) wie ich war, rief ich sogar bei einer Behörde an, deren Telefon­nummer uns wiederum ein freundlicher Mensch gegeben hatte, erkundigte mich welche Aussichten bestanden, per Luftweg in den Westen zu meinem Vater zu gelangen. Als Minder­jähriger ohne den Beistand eines Elternteils gab man mir keine Chance. Hätte ich damals schon etwas mehr über die Kirche und deren Funktion gewusst, hätten wir es viel­leicht auf diesem Wege versuchen können, mit meinem Vater in Kontakt zu kommen. Bloß gut, dass ich damals noch nicht auf diese Idee gekommen bin. Ich hätte bei meinem Vater ein Fiasko aus­ge­löst, wie sich knapp zwei Jahre später herausstellen sollte. Seine spärlichen Briefe klangen ja immer sehr liebevoll und besorgt seinem Sohn gegenüber. ABER! …. Ich will nicht vorgreifen.

Hin und wieder leisteten wir uns eine Cola, sofern wir genügend weggeworfene Verschluss­kappen der besagten Marke fanden, die wir sammelten und für eine bestimmte Menge gegen eine Flasche eintauschten. War wohl eine Werbeaktion der Amis für ihr Produkt.

Noch zu jung für den Strich

Zweimal ging einer meiner Kumpels mit einem Typen mit, wichste dem einen für ein paar Mark ab. Ich hatte ja schließlich schon vorher für reichlich Geld gesorgt. Jetzt sollten die beiden anderen auch mal was für unsere Reisekasse beitragen. Ich erschien den Freiern anscheinend doch etwas zu jung; durch meine mickrige Körpergröße wäre ich glatt als Zehnjähriger durchgegangen. Es kam noch hinzu, dass die Freier, wie mir meine Reisege­fährten hinterher berichteten, gerne etwas Spritziges in die Hand oder in den Mund wollten. Dies traute man mir nicht zu, dass ich dazu fähig war. Dabei hatte ich doch genau an meinem 13ten die Bettdecke vollgesaut, und war deswegen bei meiner Mutter in Erklärungsnot gera­ten. Irgendwann kamen wir dann doch noch an eine einigermaßen erträgliche Geldquelle. Vor dem Funkturm war derzeit ein riesiger freier Platz, der als Parkplatz genutzt wurde. Dort sah ich dann auch (außer zu Kriegszeiten) zum ersten Mal Unmengen von Autos. Zum Teil zwar noch Vorkriegsmodelle, aber auch ganz andere, wie wir sie nur zu Messezeiten hin und wieder in Leipzig sehen konnten.

Wie alle interessierten Jungs in dem Alter stillten wir unsere Neugierde und erforschten in fast jedem Westauto das Innere (Pfui! nicht was Sie jetzt denken lieber Leser). Wir wurden von einem Mann angesprochen, ob wir uns nicht etwas Geld verdienen wollten. Nein, diesmal war es kein Schwuler. Natürlich waren wir sofort Feuer und Flamme. Wir sollten während seiner Abwesenheit auf sein Auto aufpassen und, wenn wir Lust auf eine extra Mark hätten, könnten wir ja in der Zeit seinen Wagen waschen. Sollte es zu seiner Zufriedenheit ausfallen, würde er uns zwei Mark geben. Aber Hallo! Das wären ja umgerechnet 11 Colas. Einen kleinen Eimer und Putzlappen hatte er sogar in seinem Kofferraum. Wasserhydranten gab es auch in der Nähe.

So verdienten wir uns ganz redlich unsere ersten zwei Westmark. Das brachte uns natürlich auf die Idee, auch anderen Autobesitzern unsere Dienste anzubieten. Es klappte vorzüglich. Soviel ich weiß, gab es für uns noch keine Konkurrenz von professionellen Waschanlagen.[3] [4] Bei uns klappte es vorzüglich. Wenn es nach uns gegangen wäre, hätten wir drei eine Lebens­stellung daraus gemacht. Hatten uns schon selbst mit den nötigen Putzutensilien ausgestattet.

Leider machten uns die Schupos einen Strich durch die Rechnung. Erstens kommt es anders, zweitens als du denkst, sagte schon meine Mutter oftmals. Wir liebäugelten ja schon mit dem Gedanken, uns in einen der auch hier geparkten Laster, die nach Westdeutschland fuhren, zu schmuggeln. So sah ich auf dem Parkplatz einen Schwerlaster mit dem Herkunftsschild Buxtehude. Buxtehude? Das gab es wirklich? Ich hatte immer geglaubt das sei ein Märchen, wo sich Hase und Igel gute Nacht sagen.[5] Diese Pläne konnten wir dann aber bald abhaken.

Alles Paletti! – Dachten wir.

Nicht dass wir Kinderarbeit leisteten, war der Bahnpolente vom Bahnhof Zoo aufgefallen. I wo! Gegen Abend hielten wir uns gerne vor dem Bahnhof auf. Tagsüber standen dort allenthalben Obst­stände herum, die an Reisende verkauften. Wir hatten schnell herausbekommen, wann diese Stände wieder abgebaut wurden. Dabei fiel dann eine ganze Menge angeschlagenes, unver­käufliches Obst ab. Kartons und Obstkisten, nebst Holzwolle wurden aufgeschichtet und (welch eine Verschwendung aus der Sicht von uns Ostdeutschen) verbrannt. Wir freuten uns über das angeschlagene Obst, die Stand-besitzer darüber, dass wir ihnen beim Verbrennen halfen und sie selbst somit früher nach Hause kamen. Brauchten sie nun doch nicht unnötig lange auf das Feuer zu achten. Das erledigten wir für sie. Dabei konnten wir uns auch noch an den kühlen Sommerabenden am „Lagerfeuer“, wie wir es romantisch verträumt nannten, wärmen. Dieser Platz, wenige Schritte vom Haupteingang entfernt, wo sich heute Busse und Taxis breit gemacht haben, gehörte anscheinend zum Bahnhofsbereich und in die Zuständig­keit der Bahnbullen. Jedenfalls kamen eines Abends zwei Bahnbullen direkt auf uns zu und fragten, was wir hier täten. Eine blöde Frage! Das sahen sie doch! Vor der Obrigkeit, dazu noch in Uniform, kuschten wir natürlich. Wieder einmal hatten wir unsere Schularbeiten nicht gründlich genug gemacht. Zu sorglos geworden, hatten wir nicht im Entferntesten daran gedacht, vor ein Problem dieser Art gestellt zu werden. Der Mensch, zumal mit 13 Jahren, lernt eben nie aus. Bei der Nennung der Namen hatten wir noch keine Schwierigkeiten. Wir hatten uns für den Fall solcher Fälle jeder einen anderen Namen eingeprägt und dies auch immer wieder geprobt, ob der Angesprochene darauf richtig reagierte. Alles Paletti! Dachten wir. So, hofften wir, würden sich die Bullen die Zähne daran ausbeißen müssen, um unsere wahre Herkunft heraus­zubekommen. Von daher drohte uns von der West­polizei das geringste Übel. Glaubten wir jedenfalls. Doch als die Frage nach dem Woher und dem Wohin kam, gerieten wir doch schon etwas ins Stottern. Zumindest meine beiden Kumpane, die ein wirklich einwandfreies sächsisch spra­chen und es zu verbergen versuchten. Das schon genügte den Bullen, miss­trauisch zu werden. „Na, dann kommt doch mal mit“, hörten wir den gefürchteten Satz aus berufenem Munde sagen. Ich konnte mir gar nicht denken, was die Uniformierten überhaupt von uns wollten. Mir war doch ganz fließend ein Straßenname aus dem Ostteil der Stadt über die Lippen gekommen, auch die Hausnummer. Ich kann nicht behaupten, dass die Bahnbullen irgendwie unfreundlich oder gar handgreiflich uns gegenüber wurden. Von direkter Freund­lichkeit konnte man allerdings auch nicht sprechen.

Ganz einfach routinemäßig lief das Ganze ab. In einen Nebenraum gesteckt, wo außer einer langen Bank nichts weiter vorhanden war, harrten wir gelassen der Dinge. Es dauerte gar nicht lange da kam ein grinsender Oberbulle und dazu noch zwei weitere in unsere Zelle. Ganz freundlich, eigentlich viel zu freundlich, erfragte er nochmals die Hausnummer, die ich ihm genannt hatte. Ich hatte ganz spontan die 22 genannt, weil dies wirklich die Hausnummer war, in der ich in Leipzig bei meiner Mutter wohnte. Verplappern konnte ich mich diesbezüg­lich nicht. Und die genannte Straße gab es ja auch in Ostberlin. „Na, dann kommt doch mal mit“, wurden wir immer noch freundlich und grinsend aufgefordert. Heute würde so ein Grinsen im Gesicht eines Bullen sofort sämtliche Alarmglocken läuten lassen. Man halte mir aber bitte zugute, dass ich in dem Alter immer noch das Gute in jedem Menschen sah, eben ein blutiger Anfänger, was den Umgang mit den Bullen anging. Am besten man pflegt überhaupt keinen Umgang mit solchen Typen. Ich will damit sagen, man geht ihnen am besten aus dem Wege und lässt sich erst gar nicht erwischen. Aber wer denkt schon, während er sich am Lagerfeuer wärmt, an etwas Böses? Die Hausnummer wurde uns zum Verhängnis! Die Straße gab es unbestritten. Auch die Hausnummer. Im Prinzip, laut Radio Eriwan[6]. Vor dem Krieg hatten darin sogar Menschen wohnen können. Inzwischen aber waren ein paar niedliche Bomben daraufgefallen und hatten nur einen Trümmerhaufen zurückgelassen. Dies wiesen mir/uns die Bullen voller Häme im Gesicht anhand einer Spezialkarte von Berlin nach. „Ihr seid doch faule Früchtchen!“ wurde uns auf den Kopf zugesagt. Schon wieder diese Bezeichnung. Früchtchen, ob die das überall auf der Polizeischule lernten? Ich glaube, in dem Heim, wo wir die folgende Nacht schlafen durften, hätte sogar ich heimisch werden können. Nach einer Fahrt mit einem neuwertigen Westauto von etwa einer halben Stunde erreichten wir ein schmuckes Haus, welches in etwa die Größe eines Zweifamilienhauses hatte. Drinnen war alles so adrett und sauber, zum Teil mit Glastüren versehene Zimmer. Eigentlich war ja schon längst Schlafenszeit für die Heimkinder, aber bei unserer Ankunft sprach es sich sehr schnell herum, dass noch Neuankömmlinge erwartet würden. So wurden wir natürlich von neugierigen Jungs und Mädchen in adretten Schlafanzügen, bzw. Nachthemden begrüßt. Wir durften Milch, Kakao oder Früchtetee zu dem reichlichen Brot und Aufschnitt wählen. Irgendwie mussten im Osten die Propagandafilme über den kapitalistischen Westen ver­tauscht worden sein. Darin jedenfalls wurde uns vorgeführt, wie Westkinder sich ihr Essen aus den Mülltonnen fischten. Fast die Verhältnisse, die man uns mit den Filmen untergejubelt hatte, herrschten schon am nächsten Tag in Rummelsburg. Wir hatten in wundervoll weichen Betten geschlafen, mit frischer Nachtwäsche ausgestattet, nachdem wir auch noch hatten duschen dürfen. Köstlich frische Brötchen (die bekamen alle, nicht nur wir, um uns etwas vorzutäuschen) zum Frühstück und …… Kakao satt! Es sollten danach Jahre vergehen, bis ich wieder solch einen Gaumengenus bekommen sollte.

Leider verbrachten wir dort nur etwa 12 Stunden, deshalb zähle ich dieses Heim auch nicht den anderen neun Heimen während der 26 Monate, die ich darin verbringen musste hinzu. Die Frau, die uns dann wieder mit einem schicken Westauto zu irgendeinem Berliner Bahnhof brachte, lieferte uns dort auf dem Bahnsteig an zwei finster dreinblickende Herren ab. Mit einem Blick, welcher soviel heißen sollte wie: „ihr armen Würstchen“, wurden wir noch von der Frau bedacht, bevor sie sich umdrehte und davonging. Ohne Kommentar wurden wir von den beiden Herren in die Mitte genommen und in den anfahrenden Zug verfrachtet.

In Rummelsburg[7] erwartete uns eine triste Kasernenhofatmosphäre. Das Gelände war unheim­lich groß. Von der Kleiderkammer, wo wir mit viel zu großen Klamotten ausgestattet wurden – Hosen ohne Gürtel, Schuhe ohnehin zu groß, auch noch ohne Schnürsenkel – hatten wir, bedingt durch das Festhalten der immerwährend rutschenden Hosen und den viel zu großen Botten an den Füßen, ein ganz schönes Stück Weg bis zu unserer eigentlichen Unterkunft zurückzulegen. Viele Erinnerungen von dort gibt es nicht mehr. Nur dass am Gelände ein Fluss (oder war es ein größerer See?) angrenzte, der so breit war, dass an ein Entkommen nicht zu denken war. Es lag in einiger Entfernung ein abgesoffenes Schiff (also doch ein Fluss?) halb aus dem Wasser ragend darin. Unmöglich es schwimmend zu erreichen. Von unserem Zim­mer­fenster aus lernte ich wieder etwas Neues von der Welt kennen. In einem fast kreisrunden Stadion fuhren Motorräder, die am hinteren Ende Stangen samt Querstange hatten und sich abstrampelnde Radfahrer bemühten, dran zu bleiben. Das laute Geknatter der stinkenden Motorräder und die schwitzenden Radfahrer dahinter zu beobachten war eigentlich die einzige Abwechslung, die wir in Rummelsburg während unseres Aufent­haltes dort hatten. Ich habe die Tage nicht gezählt, die wir dort verbringen mussten. Außer dem täglichen Hofgang gab es ja nichts. Und deshalb kam uns die Zeit wohl auch doppelt lang vor, die wir dort verbringen mussten. Nur immer am Abend war dann wieder das Motorgeknatter der Trainierenden im Stadion zu hören.

Dafür hatten wir dann mit einem Typen, der uns gleich furchtbare Prügel androhte, falls wir auch nur einen Fluchtversuch andeuten würden, ein ganzes Zugcoupé für uns. Er hatte eigens einen Schlüssel vom Schaffner bekommen, falls mal einer aufs Klo musste. Er hielt die Türe von innen verschlossen, solange wir fuhren. Mit ihm war wirklich nicht gut Kirschen essen. Er unterband sogar jedes Gespräch unter uns. So ging das bis Dresden. In Dresden blieben wir aber nicht. Das Heim war tatsächlich schon für die koreanischen Waisenkinder geräumt wor­den. So blieben wir nur wenige Stunden auf einem Polizeirevier, bis wir von einem fast geschlos­senem Kastenwagen in eine Gegend verfrachtet wurden, dessen Weg wir nicht nach­vollziehen konnten, weil wir ja nichts von der Landschaft erkennen konnten. Wie ich erst 1990 von meiner Schwester erfuhr, hatte sie viele Stunden gebraucht, um von Dresden aus dorthin zu kommen, nachdem ihr mein derzeitiger Aufenthaltsort bekannt wurde, um mich zu besuchen. Mir war es trotz aller Briefzensur gelungen, ihr eine Nachricht zukommen zu las­sen, dass ich mich in einem Heim in der Nähe von Königsbrück befand. Danach trieb ich mich jeden Tag auf der einzigen Landstraße herum und erwartete sehnsüchtig meine Schwester. Jeder Brief, der geschrieben wurde, wurde von der Heimleitung gelesen. Stand auch nur ein verdächtiges Wort darin, wurde er zu den Akten geheftet. Und man erfuhr noch nicht einmal, war der Brief nun abgeschickt oder nicht. Meine Mutter wusste meist längere Zeit nicht, wo ich mich gerade befand. Kein Wunder bei dem Tempo, mit dem ich die Heime wechselte. Das war nach jeder Flucht angesagt. In der Abgeschiedenheit von jeglicher Zivili­sation erfuhr ich dennoch, dass wir uns in der Nähe von Königsbrück, Kreis Kamenz, Bezirk Dresden befan­den.

Irgendwann hatten wir alle das Gammeldasein satt.

Mitten im tiefsten Wald gelegen hatte man ein ehemaliges BDM- Heim, welches zu Hitlers Zeiten dazu diente, junge Mädchen als Köchinnen auszubilden, wieder reaktiviert. Ein Gebäudekomplex in Hufeisenform, etwas bessere Baracken, ca. 40 Zentimeter hoher Stein­sockel, darauf Holzaufbau. 70 Kinder und 5 Erzieher, die uns rund um die Uhr zu betreuen, besser gesagt zu überwachen hatten. Selbst deren Kochkünste mussten wir über uns ergehen lassen. Ein eigenes Gefährt hatte das Heim nicht. Deshalb bekamen wir manchmal etwas Warmes zu essen, oftmals aber auch nicht. Wer für unsere Versorgung verantwortlich war, haben wir nie erfahren. Bei Nachfrage bei den Erziehern hieß es immer nur, dass sie selbst keinen Einfluss darauf hätten. Die Versorgung funktionierte genau so wie eine verrostete Türe. Etwas tiefer noch im Wald gelegen stand ein altes Pulverhäuschen. Das sollte für uns zur Schule umgebaut werden. Nur wann, das wurde uns nicht gesagt. Die reguläre Schulzeit nach den Sommerferien hatte längst begonnen. Da vertrieben wir unsere Zeit damit, Kräuter, Eicheln und Kastanien zu sammeln. Das Ganze, was eigentlich für einen Zoo bestimmt war, wurde niemals abgeholt. Ansonsten spielten wir in den alten Grotten des Elb­sandsteingebirges und im Wald „Russe und feindlicher Faschist.“ Alte, verrostete Knarren und Pistolen fanden wir in den Höhlen genügend vor. Blau- und Preiselbeeren sowie Pilze sammeln und erkennen lernten wir, und andere Dinge in der Natur zu lesen, was den Groß­städtern sonst verwehrt bleibt. Ich begriff gleich, dass es nicht ratsam war, eine gute Tat zu begehen, einem Bauern seine Kartoffelernte beschützen zu helfen, wenn sich eine Wild­schweinfamilie in den Kopf gesetzt hatte, auf einem Kartoffelacker ihre Mahlzeit einzu­nehmen. Mein Knüppel-schwingen und „Ksch-Ksch–Rufen“ verärgerte diese Biester aber ungemein. Zumindest erkannte ich sehr schnell, dass ein Eber seine Hauer nicht nur zur Zierde trug, als er auf mich losstürmte. Ich bekam gerade noch die Kurve, bevor er mich erreichte. Die Rehe waren da schon anderer Natur. Die liefen schon weg bevor man ihre braunen Augen genau erkennen konnte. Seitdem weiß ich auch, warum man im Biologie­unterricht zu ihrem Hinterteil Spiegel sagt. Diesen Spiegel sah man öfter als ihre braunen Augen. Mag sein, dass daher meine Vorliebe für Frauen mit braunen Augen herrührt. So etwas Sanftes und Treues im Blick. Junge, Junge, da wird es einem ganz schwummerig ums Herz. Bei beiden. Den Frauen sowohl als auch bei den Rehen. Ehrlich, ich lernte die Natur lieben. Aber zum einsamen Trapper war ich dennoch nicht geschaffen. Ich musste Trubel um mich haben. Und sei es nur in der Schule. Der Bau der Schule aber ließ auf sich warten. Immer nur Bio auf dem Stundenplan war nicht gerade gut für die Allgemeinbildung. Es mag vielleicht blöd, unwahr klingen, dass ein junger Bur­sche sich nach der Schule sehnt, aber irgendwann hatten wir alle das Gammeldasein satt. Wir kannten im weiten Umkreis jeden Busch und Baum, jede Höhle im Elbsandsteingebirge. Wir wussten, wo alte Waffen herum­lagen, wo ein Hasenlager oder ein Rehgehege war. Wir kannten die Wildwechsel und konnten die Spuren lesen, von welchem Tier sie stammten. Lernten schnell eine Ringelnatter von einer Kreuzotter zu unterscheiden. Selbst die Verteidi­gungstaktik von Hornissen blieb uns kein Geheimnis. Einer der Jungs trieb seine Neugierde soweit, dass er mal so eben in einem Hornissennest unter einem vorspringenden Dachsparren mit seinem Stock (keiner von uns trieb sich ohne einen solchen Stock in der Gegend herum) herumzustochern. In ihrer Ruhe gestört machten die erbosten Hornissen Jagd auf den Frevler. Ganz gezielt auf eben den Jungen, der ihren Frieden gestört hatte, obwohl wir mit mehreren dort herumstanden.

Seltsamerweise stach ihn nur eine der Hornissen. Anscheinend beließen die Tiere es mit die­sem Warnhinweis, weil er an ihrem Bau keinen größeren Schaden angerichtet hatte. Nur eine hatte ihn in die Wange gestochen. Ein paar Stunden später konnte man bei dem gesto­chenen Jungen gerade noch erahnen, wo sich mal seine Augen befunden haben mussten. Es gab nur noch verquollene wülstige Lippen eines Negers und eine kartoffeldicke Nase. Sein Anblick hätte ihn ohne weiteres dazu prädestiniert, in einem Horrorfilm mitzuwirken. Einen Arzt aufsuchen? Wie denn? Wo denn? Was denn? Wir hatten ja noch nicht einmal ein Fahrrad auf dem Heimgelände. Außer den Erziehern wusste hier sowieso niemand, in welcher Rich­tung so einer aufzutreiben gewesen wäre. Die wenigen Fremden, Lieferanten meist, die zu uns fanden, kamen alle von rechts. Dort irgendwo musste sich die Welt befinden, wo es noch anderes Leben gab als die Tiere. Unsere Hilfsbedürftigkeit, besonders die des Betroffenen, wurde dahingehend abgetan, dass man meinte, er hätte sich eben nicht mit den Hornissen anlegen sollen. Außerdem würde die Natur schon selbst für sich sorgen. Es wäre nur eine Frage der Zeit bis die Schwellungen weggehen würden. Basta!

Ohne genau zu wissen, wo wir uns eigentlich genau befanden, konnten einem aber auch jegliche Fluchtgedanken vergehen. Ende September! Immer noch keine Schule. Ja, man hatte noch nicht einmal damit begonnen, an dem ohnehin für 70 Schüler zu kleinem Pulver­häus­chen irgendwelche baulichen Maßnahmen vorzunehmen. Marx oder Lenin? Jemand hatte mal gesagt: „Wissen ist Macht!“[8] Diese Macht forderten wir schließlich vollkommen sauer ein. Es setzte Ohrfeigen und Stockhiebe. Mit Prügel hatte schon meine Mutter versucht mich zu erzie­hen, mir meine Rumtreiberei auszutreiben. Mit geringem – ja – fast Null Erfolg. Aber Prügel von Fremden, dazu noch unberechtigt, ließen mich die Hasskappe aufsetzen. Hass gegen die unkompetente Autorität. Hass gegen jede willkürliche Autorität und diese ganze Situation hier. Dass sich hier etwas ändern müsse, darüber sprachen alle. Aber nur Schulzi hatte die Idee wie das zu ändern sei. Einmal die Hasskappe aufgesetzt bekommen, ließ sich sein ostpreußischer Dickschädel nicht mehr beruhigen.

Fußnoten

[1] Knautschke ist tatsächlich legendär. https://de.wikipedia.org/wiki/Knautschke

[2] Zur politischen Geographie der Nachkriegszeit: https://de.wikipedia.org/wiki/Vierm%C3%A4chte-Status

[3] Späterer Zusatz von Schulze: Bei meinen jährlichen Reisen nach Königsberg (Pardon – Kaliningrad) werde ich jedes Mal an diese Zeit erinnert. Sehe ich doch jedes Mal russische Straßenkinder sich auf die gleiche Weise etwas Geld verdienen.

[4] Unter der Nummer DE 1187943 meldeten die beiden Augsburger Unternehmer Gebhard Weigele und Johann Sulzberger am 8. August 1962 die erste selbsttätige Kraftfahrzeug-Waschanlage für Autos an. https://www.welt.de/regionales/muenchen/gallery108510460/Vor-50-Jahren-eroeffnete-die-erste-Autowaschanlage.html

[5] Hier irrt Schulz. In der Redensart sagen sich Fuchs und Hase gute Nacht https://www.redensarten-index.de/suche.php?suchbegriff=~~wo%20sich%20Fuchs%20und%20Hase%20gute%20Nacht%20sagen&suchspalte%5B%5D=rart_ou , Hase und Igel liefen in Buxtehude um die Wette https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Hase_und_der_Igel, dort bellen auch die Hunde mit dem Schwanz http://www.radiobremen.de/nordwestradio/serien/schauplatz-nordwest/buxtehude-dackel104.html

[6] Auch heute noch ein großer Spaß https://de.wikipedia.org/wiki/Radio_Jerewan

[7] „Das zwischen 1854 und 1859 errichtete Friedrichs-Waisenhaus Rummelsburg in der Hauptstraße diente zur Unterbringung elternloser Jungen und Mädchen, die in Berlin und der Umgebung aufgegriffen worden waren. In der Zeit der DDR war auf dem Gelände das Grenzregiment untergebracht, das für die Bewachung der Berliner Mauer zwischen Eberswalder Straße und der Mündung des Landwehrkanals in die Spree verantwortlich war.“ Zum Verständnis der Lage am Wasser lohnt ein Blick auf die Karte: https://de.wikipedia.org/wiki/Berlin-Rummelsburg

[8] Wissen ist Macht https://de.wikipedia.org/wiki/Wissen_ist_Macht

Was gab’s bisher?

Editorische Vorbemerkung – https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/06/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt/

https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/06/00-editorische-vorbemerkung.pdf

Kapitel 1, Die Ballade von den beschissenen Verhältnissen – oder – Du sollst wissen, lieber Leser: Andere sind auf noch ganz andere Weise kriminell – und überheblich.

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/07/29/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-erstes-kapitel/

https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/07/01-erstes-kapitel.pdf

Kapitel 2, In Dönschten, am Arsch der Welt … ach Monika!

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/08/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-ii/https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/08/02-ach-monika.pdf

 Kapitel 3, Weiter im Kreislauf: Heim, versaut werden, weglaufen, Lage verschlimmern.

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/09/28/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iii/

https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/09/03-weiter-im-kreislauf.pdf

 Kapitel 4, 17. Juni 53: Denkwürdiger Beginn meiner Heimkarriere

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/10/24/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iv/

04-beginn-meiner-heimkarriere-17-juni-53_2

Kapitel 5, von Heim zu Heim

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/11/21/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-v/

PDF: 05-von-heim-zu-heim

 Kapitel 6, Wieder gut im Geschäft mit den Russen

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/12/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-vi/

06-wieder-gut-im-geschaft-mit-den-russen

 Kapitel 7, Lockender Westen

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/04/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-vii/

PDF 07-lockender-westen

Kapitel 8, Berlin? In Leipzig lief’s besser.

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-viii/

PDF: 08-berlin-in-leipzig-liefs-besser

Kapitel 9, Aber nun wieder zurück nach Berlin

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/17/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-ix/

PDF: 09-aber-nun-wieder-zuruck-nach-berlin

 Wie geht es weiter?

Kapitel 10, Bambule

 

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13 Antworten

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  1. Werner Boesen said, on 18. Januar 2017 at 10:28

    „Mit Prügel hatte schon meine Mutter versucht mich zu erziehen… Mit geringem – ja – fast Null Erfolg. Aber Prügel von Fremden, dazu noch unberechtigt, ließen mich die Hasskappe aufsetzen“

    Als ich erfuhr, dass im Jahre 2000 im Bürgerlichen Gesetzbuch das Prügeln verboten wurde, empfand ich eine innere Beruhigung und dachte, dass sich nun doch die Intelligenz der „schlauen“ Leute durchgesetzt hat. Und meine Mutter als geistig „minderbemittelt“ eingestuft und die nie prügelte, hatte hier alles richtig gemacht.

    Interessant ist die Bemerkung von Dieter: …ließ mich die Hasskappe aufsetzen. Für mich war es mehr wie nur eine Hasskappe, ich fühlte mich wie ein Pulverfass. Doch der Bodensatz im Pulverfass war die Liebe meiner Eltern, sodass das Pulverfass ruhig blieb und ich auf die Suche ging nach jenen Mitmenschen, die die Liebe nährt. Ich fand genügend davon und lernte, dass außer dem Verstand auch die Liebe ein lebenslanger Reifungsprozess ist. Leider verstehen dies auch heute viele Wissenschaftler nicht, so dass immer noch an Kinderheimen für Kleinkinder festgehalten wird und die Heimpädagogik ihre wissenschaftliche Rechtfertigung für Kinderheime mit Kleinkindern versucht zu proklamieren. Es fehlen insofern Kinderrechte in unserer Staatsverfassung, dem Grundgesetz. Für die Heimpädagogik ist das Grundgesetz das „Korsett“ ihrer Ausrichtung. Deutschland ist für Kinderrechte ein Entwicklungsland.

  2. […] 9, Aber nun wieder zurück nach Berlinhttps://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/17/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-…PDF: […]


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