Dierk Schaefers Blog

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XIX

logo-moabit-kDieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit,

die keine Kindheit war

 

Neunzehntes Kapitel

Überhaupt, in der DDR gab es keine Kriminalität[1]

Etwas besser wurde es dann aber schon im Sommer 49. Es wurde wieder einmal eine Sam­mel­aktion veranstaltet. Von Seiten der Russen, versteht sich. Wieder stand eine lange Reihe von Viehwaggons auf einem Bahnhof in Insterburg bereit. Diesmal aber mit einer Lok vorne und einer hinten. Ich weiß nicht mehr die Anzahl der Passagiere, die in solch einem Waggon untergebracht wurden. Jedenfalls hatte jeder genügend Platz, um sich ausstrecken zu können. Einmal am Tage wurde der Zug auf einsamer Strecke gestoppt. Dann wurden die Riegel draußen an der Türe hochgeschoben und wir durften unsere Beine vertreten oder unsere Not­durft verrichten. An beiden Seiten des Zuges standen aber in gleichmäßigen Abständen bewaff­nete Soldaten und passten auf, dass auch ja niemand den Zug versäumte, wenn er wei­ter fuhr. Für die übrigen Stunden der Fahrt konnte man ein Brett im Waggon zur Seite schie­ben und sich etwas Wind um den Hintern wehen lassen. Manchmal fuhr der Zug ja auch. Doch viel öfter blieb er irgendwo auf einem Neben­gleis ste­hen. Mal musste ein entgegenkom­men­der Zug vorbei gelassen werden, ein anderes Mal wurde auf Verpflegung gewartet. Dann fehlte wieder Kohle oder musste deswegen wieder ein Stück zurück fah­ren, um dort die Tender wieder aufzu­füllen. Welche Gründe uns auch immer für das lang­same Vorwärts­kom­ men genannt wurden. Nach genau 20 Tagen Hin- und Hergeschiebe kamen wir in Löbau an.insterburg - löbau.jpg[2]

Ein riesiges Barackenlager nahm uns auf. Ich weiß noch, dass ich die meiste Zeit um die Baracken schlich und nach Kippen Ausschau hielt. Der russische Machorka war meiner Mut­ter längst ausgegangen. Irgendwann in der stressigen Zeit hatte sie zu rauchen begonnen. Mein Vater war später darüber sehr entsetzt. Selbst aber ließ er seinen Rotzkocher, wo immer ein Stumpen drin steckte, nie ausgehen. Wer in Löbau den Sachbearbeitern ange­ben konnte, dass er im „Westen“ Verwandte hatte, wurde dorthin auf Reisen geschickt. Wer aber gar keine Ahnung hatte wo, wenn überhaupt, Verwandte wohnten, der wurde nach Gutdünken irgendwohin verwiesen.

Umlernen bei der Orientierung

leipzig - engelsdorfWir landeten in Leipzig-Engelsdorf.[3]

Eine Einraumwoh­nung für drei. Toilette auf halber Treppe. Unten im Haus gab es einen Kaufmanns­laden. Eines Tages schickte meine Mutter mich los, um Mostrich zu holen. „Haben wir nicht“, hieß es da. Ich suchte und fand einen anderen Laden, ich glaube, es war ein Metzgerladen. Ich fragte nach Mostrich, „haben wir nicht!“. Ich irrte weiter durch die Straßen. Ich sah wieder einen Laden. Ich rein. „Ich hätte gern Mostrich“ sagte ich zu der freundlichen Verkäuferin. Die schaute mich ganz komisch an. „Sag mal, du warst doch gerade hier. Wir haben keinen Mostrich“.

Bevor ich es richtig verarbeitet hatte, was die Frau mit dem, du warst doch gerade erst hier, gemeint hatte, mischte sich eine Kundin ein. „Natürlich haben sie Mostrich! Der Junge möchte Senf haben“, übersetzte sie mein Ostpreußisch ins Deutsche. Die Verkäuferin hatte begriffen und ich gelernt, dass es hier zwar keinen Mostrich, aber dafür Senf gab, was das­selbe sein sollte. Mir sollte es recht sein, Hauptsache ich kam nicht mit leeren Händen zu meiner Mutter. Mutter war nämlich etwas kränklich! Ich bekam meinen Mostrich, entschul­digung, Senf und ging zur Türe, die so schön bimmelte, wenn sie auf- oder zuging. „Sag mal, bist du nicht der kleine Schulz, der bei uns oben im Haus wohnt?“ fragte mich die Verkäu­ferin. Ich? Wieso wohnte ich hier oben im Haus? Desto länger ich in diesem Laden stand, umso bekannter kam er mir vor. Ja, richtig. Es war genau der, wo ich als erstes drin gewesen war. Folglich war ich ja auch gleich zu Hause. Ich hatte bei meiner Rumrenne­rei und ohne mich vorher mich zu vergewissern, wie meine Umgebung aussah, auf die Suche nach Mos… Senf gemacht. Tja, in den Trümmern von Königsberg oder Insterburg hätte ich mich nicht verlaufen. Ich musste ganz schnell umdenken lernen. Hier richtete man sich nicht mehr nach Mauern, die jeden Monat umzukippen drohten oder an Fenster, die eigentlich gar keine Fen­ster mehr waren, aber doch immer wieder anders aussahen. Mal rußgeschwärzt, mal nur zur Hälfte herausgeschossen. Hier konnte man sich an farbigen Tor-Tür Eingängen orien­tieren, an Bäumen und Sträuchern, die vor oder in der Nähe der Häuser noch wuchsen. Oben in der Wohnung wurde ich wegen meines langen Wegbleibens getadelt.

Syphilis! Auch ein Kriegsgeschenk.

Dann war Mutter fast ein halbes Jahr lang nicht da. Keiner, der so richtig schimpfen tat. Auf das Gezänk meiner Schwester gab ich nichts. Es wurde mir gesagt, dass meine Mutter schwer krank sei, aber bald wieder kommen würde. Viel später erst erfuhr ich, welche Krankheit meine Mutter so lange im Krankenhaus aufgehalten hatte. Syphilis! Ziemlich weit fortge­schritten. Auch ein Kriegsgeschenk.[4] Abgesehen davon, dass es von nun an immer genügend Brot gab, kam alles andere doch bald wieder aus der Nase wieder raus. Tagein tagaus Erbs­wurstsuppe[5]. War ja genau so ekelhaft auf die Dauer wie das ewige „Spinat-essen“ (Brennnessel und Melde[6]).

Etwas ganz Neues kam in Leipzig auf mich zu. Heutzutage freuen (?) sich Kinder schon ab dem vierten Lebensjahr darauf, endlich in die Schule zu kommen. Ich kannte das Wort Schule kaum. Jedenfalls hatte ich keine genaue Vorstellung davon. Bald schon sollte ich eine davon bekommen. Mit meinen fast neun Jahren, musste ich mich mit solchen Rotzlöffeln von 6jähri­gen in einem Raum aufhalten. Ganz ruhig auf einer Bank sitzen, das ABC lernen und anhand einer Uhr die Zahlen von 1-12 auswendig lernen. Aus einem A und einem U und noch einem A wurde dann das Wort aua, dann Auto, Autobus usw. Meine Schiefertafel und den daran hängenden Schwamm nebst Griffel hatte ich aufs Sorgsamste zu pflegen, wurde mir gesagt. Das alles hätte Vater Staat für mich bezahlt, und Vater Staat verlangte von mir, dass ich sein Eigentum schütze. Dabei wurde uns doch aber gleichzeitig beigebracht, dass alle Besitztümer dem Volke gehörten. Damit ich auch ja die richtigen Buchstaben in der richtigen Reihenfolge aufschrieb, drückte meine Schwester, diese Zicke, meinen Zeigefinger, mit dem ich auf den zu bestimmenden Buchstaben wies, so fest auf die Fibel, dass mir der Finger dabei fast abbrach, wenn ich mich mal verhaute. Oh ja, das Lesen und Schreiben hat sie mir schon beigebracht. Möchte nur mal wissen, woher sie das eigentlich konnte?

Alles süße Bonbons! Alle für mich!

Weihnachten 49. Es wurde wieder darüber gesprochen, dass es so etwas überhaupt nicht gab. Jahrelang wurde lieber darüber geschwiegen, um den Fragen der Kinder zu entgehen. Mutter war für kurze Zeit von der „Kur“ heimgekehrt. Es gab Tannenzweige und Kerzen, aus Bunt­papier geschnippelte Sternchen und Engel. Räucherstäbchen und Wunderkerzen. Verwunderte Augen bei mir! Was es nicht alles gab auf dieser Welt!? Mein allererstes Spielzeug (mit dem ich auch etwas anzufangen wusste) bekam ich. Ein Pappmachépferd! Etwa 20 cm groß. Das war aber noch nicht alles. Meine begehrlichen Blicke, immer wenn wir beim Bäcker vorbei gingen und ich die Süßigkeiten nicht aus den Augen ließ, waren meiner Schwester nicht entgan­gen. Sie musste bei meiner Mutter gepetzt haben. Eine halbe Monatsration der Zucker­marken opferte meine Mutter dafür. Ich bekam eine ganze Tüte voll. Kleine, etwa jedes einen Zentimeter groß, rote, blaue, weiße, grüne und andere Farben, Sterne, Halbmonde, Buch­staben und verschiedene Tiere waren an den Formen zu erkennen. Alles süße Bonbons! Alle für mich! Ich hatte eine kleine Ecke für mich. Auf einem Stück es Pappe reihte ich sie zunächst nach Farben, dann nach Formen und Buchstaben auf. Die Sorte, die die längste Reihe bildete, wurde nach und nach, Stück für Stück in den Mund gesteckt. Wo denken sie hin? Nicht doch! Nein, nicht alle auf einmal, jeden Tag wurde neu geordnet und gezählt. Am 27. Januar hatte ich immer noch genug davon, um meinen Geburtstag zu feiern. Ein Nach­bars­junge bekam sogar aus jeder Reihe eines ab. Die Schule machte Fortschritte. Es gab nur noch sehr selten etwas mit dem Rohrstock auf die Finger, oder ein Stück Kreide an den Kopf geworfen, wenn man den Unterricht störte. Ein Lehrer hatte die hässliche Angewohnheit einem mit einer verblüffenden Zielgenauigkeit den nassen Schwamm von der Tafel an den Kopf zu werfen, sobald er einen Sünder ertappt hatte. Ich habe eigentlich nur seine Treff­sicherheit bewundert, auch aus der Drehung heraus, wenn man glaubte, er schreibe an die Tafel. Sonst habe ich ihn gehasst! Sein Schlüsselbund, welches er ebenfalls als Wurfgeschoß benutzte, tat gemein weh, wenn es traf. Meistens traf er auch damit. Dafür schmuggelte ich ihm ab und zu mal eine tote Maus, Ratte oder gar eine halbverweste Katze in seine Akten­tasche. Das machte ihn aber auch nicht freundlicher uns Schülern gegenüber. Bloß gut, dass ich dieses Ekel nur ein knappes Jahr ertragen musste. Die Schule stand 1990 immer noch an ihrem Platz!

Wir zogen erst noch mal innerhalb von Engelsdorf um. Meine Mutter durfte dort in einem schönen großen Haus einen alten Mann (tot-)pflegen. Danach gehörte das Haus auto­matisch dem Staat, da keine Erben vorhanden waren. Dass der alte Herr König (so hieß er wirklich!) meiner Mutter das Haus vermacht hatte, wollte man nicht wahr haben. Ein paar Möbel und vom Geschirr durften wir mitnehmen.

Dann durfte meine Mutter sich am Aufbau des Sozialismus beteiligen.

Welche Reichtümer wir da in unseren Händen hatten, wurde uns erst viel zu spät bewusst. Nach und nach wanderte der Zierrat, der an Möbeln dran hing, in den Ofen. Alles geschnitzte Handarbeit aus bestem Holz und von antiquarischem Wert. Und erst eine riesige Menge ech­ten Meißner Porzellans, nebst kleinen Nippfiguren. Alles mit den Schwertern dieser so berühm­ten Porzellanmanufaktur versehen. Man stelle sich vor, wir hatten kaum genug, um die Schüsseln zu füllen, die das blaue Zwie­bel­muster zeigten, und wussten gar nicht, wie reich wir waren. So mancher Nabob hätte dafür ein Vermögen auf den Tisch geblättert. Nur, wir lebten im Jahre 50 in der DDR! Um einmal an ein Eis zu kommen oder anderes Begehrens­wertes, was ein Kinderherz höher schlagen lässt, musste ich schon selbst dafür sorgen, dass ich es auch bekam. Ich sammelte ganze Schuhkartons voll Maikäfer (richtige Maikäfer, sol­che die heute in der Zeitung abgebildet werden, sofern man solch ein Exemplar vorweisen kann!) und bekam dafür ein paar Groschen von jemandem, der seine Hühner damit fütterte. Was derjenige mit den Mäusen fütterte, der pro Stück lebender Maus 10 Pfennige zahlte, ist mir nicht bekannt geworden. Wir machten aber zu zweit oder dritt Jagd auf diese possier­lichen Tierchen. Nachdem die Kartoffelfelder abgeerntet waren, machten wir die größte Beute. Unter dem zuhauf geworfenen Kartoffel­kraut hielten sie (die Mäuse) sich am liebsten auf. Zu dritt ging es am besten. Einer hob mit einer Heugabel den Haufen hoch und die ande­ren gut postiert um den Haufen, brauchten nur noch möglichst schnell so viele als es nur ging von den davon huschenden Pelztierchen einfangen.

Das Karussellfahren auf dem Dorfanger, wenn mal eins da war, hatten wir umsonst. Oder zumindest fast umsonst. Zwei oder drei schoben oben auf einem breiten Brett herum laufend das Karussell, die die mitfuhren mussten einen Gro­schen löhnen. Hatte man nun ein paar Runden geschoben, durften das die anderen tun und man selbst durfte sich schieben lassen. War doch eine nette Geste des Karussell­besitzers, finden Sie nicht auch?

Dann durfte meine Mutter, wieder vollkommen genesen, den armen Herrn König totgepflegt, sich am Aufbau des Sozialismus beteiligen. Damit sie ihre Arbeits­kraft auch gut dafür ein­setzen konnte, bekamen wir schon eine Stadtwohnung. Dabei spielte es überhaupt keine Rolle, dass man dort keinen Gegenstand gerade hinstellen konnte. Die Treppe ließ es zu, dass wir auf ihr unbeschadet unsere geerbten Möbel hinaufschleppten. Ansonsten wiesen die Fuß­böden ein solches Gefälle auf, dass wir das Regenwasser gar nicht aufwischen brauchten, was von oben herein kam. Alles lief immer in die gleiche Ecke, ziem­lich schnell sogar, und ver­sickerte dort genau so schnell. Einbrecher hätten bei uns keine Chance gehabt. Wer sich nicht im Haus auf jedem Quadratmeter genauestens auskannte, brach sich unweigerlich das Genick, schon auf der Treppe. Da meine Mutter bei ihrem Steine­klopfen nur Aktivistin wurde, aber keine Reichtümer ansparen konnte, blieben wir von sol­chen Heimsuchungen verschont. Überhaupt, in der DDR gab es keine Kriminalität. In diesem Staate war das Volk in allen Belangen glücklich und zufrieden. Bei einem Wochenlohn von ca. 60 Mark, bar auf die Kralle, kostete ein Pfund Kaffee, wenn es ihn mal gab, ganze 40 Mark. Zigaretten gab es auch schon zu erschwinglichen Preisen. Sogar einzeln konnte man sie in der nächsten Kneipe kaufen.

Lieber einen warmen Hintern als einen leeren Schrank in der Wohnung.

Für ein Dreipfundbrot brauchte man nur ganze 72 Pfennige auf den Ladentisch zu legen. Fleisch/Fisch gab es auch. 480 Gramm im Monat. Auf PC Lebensmittelmarken[7] versteht sich. Dafür aber war diese Menge garantiert. Mit oder ohne Knochen, das lag immer ganz an dem Verkäufer. Der musste ja auch noch etwas für seine „zahlenden“ Kunden übrig behalten. Holz und Kohle gab es auch auf Bezugsschein. Nur der Winter durfte nicht zu hart ausfallen. Dann vergriff man sich eben an Möbelstücken. Lieber einen warmen Hintern als einen leeren Schrank in der Wohnung.

Ich hatte es nicht sehr weit bis zur Ernst-Thälmann-Straße. Eine der beliebtesten und größten Straßen, die ich bis dahin je kennengelernt hatte. Ich lief gern dort­hin, wenn es mal was zu besorgen gab. Irgendjemandem war irgendwann mal der Einfall gekommen, dass man eine Straße auch mit einer Holzdecke versehen könnte. Irgendjemand anders hatte dies auch für gut befunden und ließ diese Idee in die Tat umsetzen. Mir ist nie in meinem weiteren Leben solch eine Straße wieder unter die Füße gekommen. Dabei bin ich schon über viele Straßen in vielen Städten und Ländern gelaufen. Diese Straße also war für mich das Größte. Über eine Kreuzung waren Drähte gespannt. Schön hoch. Dort wo die Drähte zusammenliefen, logischerweise in der Mitte der Kreuzung, hing eine Ampel. Gar nicht zu übersehen – im Uhrzeigersinn drehte sich ein Zeiger. Oben und unten zeigte der Zeiger auf grün. Rechts und links auf rot. Natürlich galt das immer nur für die Richtung aus der man kam.[8] Dort wo ich das eine Mal, wovon ich gerade rede, über die Straße wollte, zeigte der Pfeil ganz eindeutig für mich die Grünphase an. Nicht nur noch ein bisschen, wo das Hinüberkommen über die Straße schon mit einem Risiko ver­bunden gewesen wäre. Ich hätte ganz einwandfrei über die Straße schleichen, dabei eine Schnecke an der Leine mit­führen können.

Soviel Glück hat nicht jeder, dass er einen Unfall hat und aus dem Auto, das ihn gerade beinahe zu Tode gefahren hätte, gleich ein Arzt aussteigt.

Wie ich schon fast auf der Mitte der Fahrbahn bin, der Zeiger der Ampel hatte gerade etwa eindrittel der grünen Marke überschritten, war es bereits zu spät. Schließlich, und gerade als Kind, verlässt man sich darauf, dass die Erwach­senen die Verkehrszeichen beach­ten. Das ich heute noch lebe, habe ich nur dem Umstand zu verdanken, dass, irgendjemandem irgendwann mal der Einfall gekommen war, dass man eine Straßendecke auch aus Holz her­stellen könne, und das irgendjemand anders diese Idee auch hatte verwirklichen lassen. Der gute alte Petrus da oben hatte auch seinen Anteil daran, dass ich heute noch am Leben bin. Wäre die Holzstraße nämlich nicht vom Regen so glitschig gewesen, hätten mich die Räder des Autos glatt überrollt. So aber schoben mich die abge­brem­sten Räder des Wagens nur ein paar Meter über das nasse Parkett. Parkettartig waren die Holzstücke auf der Straße verlegt. Hatte ich also ein Glück. Soviel Glück hat nicht jeder, dass er einen Unfall hat und aus dem Auto, das ihn gerade beinahe zu Tode gefahren hätte, gleich ein Arzt aussteigt. Dieser Arzt hatte es nur ganz eilig gehabt, weil er dringend zu einem Patienten musste. Sagte er! Doch nun hatte er auf einmal eine Menge Zeit übrig. Die aufge­brachte Menge, die alle Zeugen von seinem Ver­schul­den waren, hätten ihn am liebsten gelyncht. Sicher, ich war wohl ziemlich blass um die Nase, der Schreck war aber größer als der Schmerz. Mein Hemd war hinüber, die Hose taugte auch nicht mehr für die Schule, reich­lich Hautabschürfungen, die aber von dem grünlichen, moosähnlichem Zeug herrührte, das aus den Ritzen des Parketts stammte, und Schlamm, der mich nicht zuletzt so gut über die Straße hatte gleiten lassen, bedeckten meinen Körper und ließen alles viel gefährlicher aus­sehen, als es war. Der besorgte Arzt, der mehr Angst vor der Polizei zu haben schien als vor der Menge, beruhigte und säuberte mich, mit Jod, dieses Scheusal. Erst jetzt hatte ich Schmer­zen, und das nicht zu knapp. Er wurde nicht gelyncht! Ich jammerte mehr wegen meiner schö­nen Sachen, die dabei unbrauchbar geworden waren und … wegen des Jods auf meinen Schürf­wunden. Genau gegenüber auf der anderen Straßenseite gab es ein Konfektions­geschäft. Der Doktor ging dort mit mir hinein. Und, ich bekam die erste lange Hose meines Lebens. Bis dahin trug ich, wie fast jeder andere Junge, wenn es kälter wurde, ein Leibchen mit Strippen dran und lange Strümpfe. Heute besser als Strapse bekannt und nur noch zur Erotisierung der Männer angewandt. Ein Zwanziger diente als Trostpflaster nachdem ich neu eingekleidet den Heimweg antrat.

Wer hat schon mal versucht eine erschreckte Glucke zu beruhigen?

Leider! war meine Mutter schon zu Hause. Misstrauisch wegen meiner funkelnagelneuen-piekfeinen Kluft hieß sich mich diese sofort auszuziehen, weil sie glaubte, die könnte ich mir nur unrechtmäßig ange­eignet haben. Überzeugt davon, dass ich ihr die Wahrheit gesagt hätte, dass die Sachen mir gehörten und sie gerne mit mir in das Geschäft gehen könnte, um es sich bestätigen zu lassen, war sie der Sorge enthoben, ihr Sohn sei ein Dieb. (Die kleinen Dinge, die wir in unserer Heimat hatten mitgehen lassen, gehörten zu Überlebenskampf, wie sie zu sagen pflegte!) Trotzdem bestand sie drauf, dass ich diese schönen Sachen, die ich mir verdient hatte, wie ich ihr glaubhaft versicherte, gleich ausziehen solle, sie seien zu schade, um damit in der Woh­nung oder auf der Straße rumzu­toben. Liebe Mutter, wärest du nicht mit so einer robusten Natur ausgestattet gewesen, hätte der Krieg uns nicht schon abgehärtet, du wärst bestimmt in Ohnmacht gefallen, als du endlich, nach längerem Sträuben meinerseits, deinen Willen durch­gesetzt hattest und ich mich auszog! Ich habe es ja bereits erwähnt, alles sah viel schlimmer aus, als es war! Zweifellos stand ich lebendig vor meiner Mutter, doch sie benahm sich als würde ich bereits im Sterben liegen, oder Ähnliches! Zwischen Schreck und Sorge um mich, wechselte ihre Stimmung. Wer hat schon mal versucht eine erschreckte Glucke zu beruhigen? Ich brauchte einige Anläufe bis ich meine Mutter zum Zuhören bewe­gen konnte. Bis dahin hatte ich die Erfahrung gemacht, dass sich nur Kinder sehr schwer von einer einmal vorgefaßten Meinung abbringen ließen. Doch auch Erwachsene konnten sich manchmal unvernünftig benehmen. Zum Glück hatte mir der Arzt auch noch so etwas wie eine Visitenkarte mitgegeben. Erst als es mir einfiel, diese meiner Mutter auch noch als Beweis vorzulegen, dass gleich ein Arzt an Ort und Stelle gewesen sei, benahm sie sich wieder normal. Das, was sie mir dann auf meine „Wunden“ schmierte, war viel angenehmer zu ertragen als das Jod von dem Scheusal von Arzt.

Fußnoten

[1] https://www.cilip.de/2004/02/29/ddr-kriminalstatistik-immer-mit-blick-richtung-westen/   https://www.geschichtscheck.de/2016/10/10/war-die-kriminalitaet-in-der-ddr-geringer-als-in-der-brd/

[2] Karte: https://www.google.de/maps/dir/Insterburg,+Oblast+Kaliningrad,+Russland/L%C3%B6bau(Sachs),+L%C3%B6bau/@52.7852821,13.7628315,6z/data=!3m1!4b1!4m13!4m12!1m5!1m1!1s0x46e3e9392d4379df:0x9dcf2cb794c28ad4!2m2!1d21.8311353!2d54.6312721!1m5!1m1!1s0x4708e29ef8503bfb:0xef7b61ac366daefc!2m2!1d14.671941!2d51.099447

[3] Karte: https://www.google.de/maps/place/Engelsdorf,+Leipzig/@51.3372963,12.4442049,13z/data=!3m1!4b1!4m5!3m4!1s0x47a6ff3573fa7d45:0xb2ff2b2913df2d41!8m2!3d51.3382024!4d12.4799296

[4] Da wird die Mutter kaum gesagt haben dürfen, dass dies ein Geschenk der sozialistischen Bruderarmee war. https://dietrommlerarchiv.wordpress.com/2017/03/09/waffenbruederschaft/amp/ .

[5] https://de.wikipedia.org/wiki/Erbswurst

[6] Die Melden (Atriplex) sind eine Pflanzengattung in der Familie der Fuchsschwanzgewächse (Amaranthaceae). Mit etwa 300 Arten ist dies die artenreichste Gattung der Familie. Der Name Melde ist vom „bemehlten“ Aussehen der behaarten Pflanzen abgeleitet.[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Melden

[7] https://de.wikipedia.org/wiki/Lebensmittelmarke

[8] Heuer-Ampel https://de.wikipedia.org/wiki/Ampel#/media/File:Heuerampel.png

Was gab’s bisher?

Editorische Vorbemerkung – https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/06/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt/ https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/06/00-editorische-vorbemerkung.pdf

Kapitel 1, Die Ballade von den beschissenen Verhältnissen – oder – Du sollst wissen, lieber Leser: Andere sind auf noch ganz andere Weise kriminell – und überheblich. https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/07/29/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-erstes-kapitel/ https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/07/01-erstes-kapitel.pdf

Kapitel 2, In Dönschten, am Arsch der Welt … ach Monika! https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/08/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-ii/https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/08/02-ach-monika.pdf

Kapitel 3, Weiter im Kreislauf: Heim, versaut werden, weglaufen, Lage verschlimmern. https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/09/28/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iii/ https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/09/03-weiter-im-kreislauf.pdf

Kapitel 4, 17. Juni 53: Denkwürdiger Beginn meiner Heimkarriere https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/10/24/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iv/     04-beginn-meiner-heimkarriere-17-juni-53_2

Kapitel 5, von Heim zu Heim https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/11/21/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-v/   PDF: 05-von-heim-zu-heim

Kapitel 6, Wieder gut im Geschäft mit den Russen https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/12/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-vi/    06-wieder-gut-im-geschaft-mit-den-russen

Kapitel 7, Lockender Westen  https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/04/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-vii/ PDF 07-lockender-westen

Kapitel 8, Berlin? In Leipzig lief’s besser. https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-viii/   PDF: 08-berlin-in-leipzig-liefs-besser

Kapitel 9, Aber nun wieder zurück nach Berlin  https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/17/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-ix/    PDF: 09-aber-nun-wieder-zuruck-nach-berlin

Kapitel 10, Bambule  https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/02/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-x/   PDF: 10-bambule

Kapitel 11, Losgelöst von der Erde jauchzte ich innerlich vor Freude https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/06/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xi/   PDF: 11-losgelost-von-der-erde

Kapitel 12, Ihr Lächeln wurde um noch eine Nuance freundlicher. Süßer! https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/07/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xii/   PDF: https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2017/02/12-sc3bcc39fer.pdf

Kapitel 13, Von Auerbachs Keller in den Venusberg https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/19/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xiii/    PDF: 13-von-auerbachs-keller-in-den-venusberg

Kapitel 14, Ein halbes Jahr Bewährungsprobe. Wo? Im Heim! https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/21/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xiv/    PDF: ein-halbes-jahr-bewahrungsprobe

Kapitel 15, Spurensuche – und der Beginn in Dönschten https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/22/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xv/   PDF: https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2017/02/15-spurensuche.pdf

Kapitel 16, Was also blieb uns übrig, als aufs Ganze zu gehen? https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/03/07/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xvi/    PDF: 16 Was also blieb uns übrig

Kapitel 17, War es den Aufwand wert, dieses beschissene Leben vor den Bomben zu retten?! https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/03/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xvii/           PDF: 17 War es den Aufwand wert

Kapitel 18, Ich war doch der einzige „Mann“ in der Familie … https://wordpress.com/post/dierkschaefer.wordpress.com/8148 PDF: https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2017/03/18-der-einzige-e2809emanne2809c-in-der-familie.pdf

Kapitel 19, Überhaupt, in der DDR gab es keine Kriminalität. https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/03/19/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xix/   PDF: 19 in der DDR gab es keine Kriminalität

 Wie geht es weiter?

Kapitel 20, Wie schnell sich doch die Weltgeschichte ändert!

 

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