Dierk Schaefers Blog

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XXII

logo-moabit-kDieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit, die keine Kindheit war

Zweiundzwanzigstes Kapitel

Der „Goldene Westen“: Vom Grenzschutz beschossen – vom Vater abgeschoben

 

Wie im Großen und Ganzen die ersten 15 Jahre vom Rest meines Lebens verlaufen sind haben Sie ja nun mitverfolgen können. Dabei konnte man ja schon herauslesen, dass ich es dann letztendlich doch geschafft habe in den „Goldenen Westen“ zu flüchten. Dazwischen gab es aber noch eine Begebenheit, die mir die hiesigen, sprich westdeutschen Behörden nicht so recht abnehmen wollten.

Ich meine aber, dass diese Episode hier noch Platz finden sollte. Wir waren wieder mal zu viert aus dem Heim ausgerissen und hatten uns einen Plan erarbeitet, wie es uns doch noch gelingen könnte in die BRD zu gelangen. Dass wir es schon einige Male versucht hatten, aus der Deutschen Diktatorischen Republik (DDR) zu entkommen, habe ich ja bereits geschildert. Im Mai 1955 hatten wir uns wieder mal bis an die Zonengrenze, genauer gesagt bis nach Haldensleben[1] durch­geschlagen. Gut getarnt versteckten wir uns in einem Wäldchen nahe an dem frisch gepflügten und geeggten Grenzstreifen zwischen DDR und BRD. Nach etwa 30 Stunden hatten wir den Rhyth­mus, der dort patrouillierenden Grenzwache ausgekundschaftet. Im 20 Minuten Abstand passierten die beiden Grenzsoldaten unser Versteck. Der Muttertag in Deutschland war schon zwei Stunden alt, da glaubten wir es wagen zu können. Vor uns in greifbarer Nähe lag die damals noch nicht mit Zäunen oder gar Mauern abgegrenzte Freiheit. Vermeintliche Freiheit.

„Kinder haben hier nichts zu suchen!“

Mit reichlich Adrenalin im Blut und flinken Beinen verließen wir unser Versteck und nahmen Anlauf, den schmalen Grenzstreifen zu überbrücken. Wir hatten höchstens noch 30 Meter bis zum west­deutschem Gebiet, da standen wir urplötzlich im gleißenden Scheinwerferlicht und ein sehr reso­lutes „Halt! Stehen bleiben!“ ließ uns das Blut in den Adern gefrieren, was natürlich unsere Beinmuskulatur lähmte. „He, Jungs, was macht ihr den da? Ihr seid doch noch Kinder!“, hatten sich die Bundesgrenzschützer schnell gefasst, als sie im Licht des Scheinwerfers erkannt hatten, wen sie da vor sich hatten. „Los! Nun aber zurück dorthin, wo ihr hergekommen seid. Kinder haben hier nichts zu suchen!“ kam es mit befehlsgewohnter Stimme ganz deutlich bei uns an. „Hallo, ich will doch zu meinem Vater, der in der Nähe von Stade wohnt!“ rief ich verzwei­felt zurück. „Quatsch! Zurück! Marsch, Marsch!“ war die Antwort. Sicherlich waren die ost­deutschen Grenz­bewacher schon auf den alles durchdringenden Scheinwerfer aufmerksam geworden und auf dem Weg dorthin. „Kommt Jungs, erstmal drüben klärt sich das schon auf!“ ermunterte ich die anderen drei zum Endspurt anzusetzen. Aber kaum hatten wir uns in Bewegung gesetzt, sahen wir nur noch Blitze und hörten die Abschüsse der Kugeln, die um unsere Ohren pfiffen. Eine davon streifte mein rechtes Knie, die Narbe davon trage ich wohl bis zu meinem Tode mit mir herum! Und Peter H. konnte auch noch Jahre danach seinen Hals nicht so bewegen wie er wollte. Denn seine rechte Halsseite streifte eine westdeutsche Kugel. Na, da hatten wir endlich begriffen, dass wir wirklich nicht in Westdeutschland er­wünscht waren. Den nur um maximal zwei Millimeter daneben­gegangene Streifschuss, der dann mein Knie zerschmettert hätte, nahm ich zu dem Zeitpunkt noch gar nicht wahr. Wie auch? Waren wir doch mit Adrenalin vollgepumpt. Dieser Kick verschärfte sich noch da­durch, dass nun auch noch Taschenlampen von der Ostseite auf uns gerichtet waren. In West­deutschland waren wir nicht erwünscht, desto mehr freuten sich die auf der Ostseite über ihr Erfolgserlebnis. Später auf der Wache hörte es sich dann so an, als ob die beiden ganz alleine unsere Flucht vereitelt hätten. Wer hörte da schon auf so ein paar Rotzjungen die ihre Schuss­verletzungen als Beweis für ihre Version vorwiesen. Diese Verletzungen hätten wir uns höchstwahr­scheinlich im Wald oder sonst wo selbst zugefügt, hieß es.

1956, als es darum ging in Westdeutschland Papiere zu erhalten zum Nachweis, dass man am Leben war, trug ich diese Begebenheit bei der Behörde vor. Ich solle nur nicht versuchen mich mit einer erfundenen Geschichte interessant zu machen. Das könne ganz schön nach hinten losgehen, mir eine Anzeige einbringen, wurde ich abgewimmelt. Knapp vier Jahre später, als ich voll in Westdeutschland integriert war, durfte ich sogar zur Bundeswehr und zur Not mit der Waffe in der Hand die bösen Kommunisten totschießen, wenn es nötig werden würde. Ausgerechnet während der Zeit, wo ich selbst lernte mit einer scharfen Waffe umzugehen, wurde die Angelegenheit mit dem Streifschuss noch mal aufgegriffen. Meinem Ausbilder war während einer Sportstunde die schlecht vernarbte Wunde an meinem rechten Knie aufge­fal­len. Er fragte nach dem Ursprung und ob es mich auch nicht behindern würde. Endlich hörte mir mal jemand wirklich interessiert zu. Mein Ausbilder war nämlich, welch ein Zufall, bevor er zum Bund ging selbst beim Grenzschutz. Nicht dass er jetzt in die gleiche Kerbe geschla­gen hätte wie die vorherigen Beamten, denen ich die Geschichte vorgetragen hatte. Ganz im Gegenteil. Er hatte immer noch ein paar ehemalige Freunde beim Grenzschutz und wollte ver­suchen der Sache nachzugehen. Er erklärte mir sogar, wie er dabei vorgehen wollte. Jeder Grenz­schützer, bekam bei Dienstbeginn eine eingetragene Waffe mit der dazugehörigen, abge­zählten Munition. All das musste bei Dienstschluss auch wieder vollzählig abgeliefert werden. Fehlten nun aber Patronen bei der Rückgabe, war darüber ein Proto­koll anzufertigen wann, wo, warum die Munition verbraucht wurde. Auf diesem Wege begann er seine Nach­forschungen. Aber siehe da, ausgerechnet von der Nacht zum Muttertag 1955 existierte kein Protokoll. Na ja, so etwas hängt man nirgends an die große Glocke, dass man auf Kinder geschossen hatte. Sowas wird gerne unter den berühmten Teppich gekehrt.

Vier von 18 Geschwistern hatten den Krieg überhaupt in Ostpreußen überlebt.

Dass es mir dann doch noch gelang im gleichen Jahr, nur drei Monate später, in den Westen zu kommen, lag an dem schlauen Geliebten, meiner Mutter der später auch mein Stiefvater wurde. Ich betone, dass er schlau, aber nicht klug war. Schlau, wie er es einfädelte, dass es ihm, meiner Mutter und mir ermöglicht wurde, auf ziemlich legalem Wege in den Westen auszureisen, wo neben meinem Vater ja auch die überlebenden Geschwister meiner Mutter, bis auf eine in Schönebeck, bereits wohnten. Übrigens, vier von 18 Geschwistern hatten den Krieg überhaupt in Ostpreußen überlebt.

Nachdem meine Mutter als mehrfach ausgezeichnete Aktivistin als Trümmerfrau und politisch als unbedarft eingestuft worden war, durfte sie jedes Jahr ihre Geschwister in Westdeutschland besu­chen. Diese Tatsache machte sich mein schlauer Stiefvater-in-spe zu nutze. Er schlug meiner Mutter vor, für die im August 1955 anstehende Reise in den Westen für ihren minderjährigen Sohn gleich mit einem Antrag zu stellen. So was war möglich, da Kinder, die noch zur Schule gingen, mit im Ausweis des Erziehungsberechtigten eingetragen waren. Da die ausstellende Behörde ja nicht wissen konnte, dass der Ableger meiner Mutter eigentlich in einem Heim für Schwererziehbare untergebracht war, bekam sie auch für mich das benötigte Papier. Das passte auch von der Zeit sehr gut. Waren doch im August die großen Ferien in der DDR. So fiel es niemanden auf, das heißt, bis zum Tag unserer Abreise.

Wie immer, wenn ich wieder mal auf Trebe war, besorgte ich mir auf bekannte Weise, nämlich bei den Russen, das nötige Kleingeld. An dem Tag, wo sich unser Leben ändern sollte, war ich sehr gut mit Ostmark bestückt. Obwohl der einzige Zug gen Westen erst am frühen Abend vom Haupt­bahn­hof Leipzig abfahren würde, waren wir schon sehr früh vom Reisefieber gepackt. Keiner hatte mehr an Gepäck bei sich, als man unbedingt brauchte. Gut durchdacht von Willy meinem Stief­vater. Denn an der Grenze in Marienborn hatten wir ein älteres Ehepaar weniger in unserem Zug­abteil. Die hatten doch gleich zweimal komplettes Federbettzeug mit in den „Urlaub“ nehmen wol­len. Wir verließen schon am Vormittag mit relativ leichtem Gepäck die Lilienstrasse in Leipzig-Reud­nitz. Wissend dass meine reichlich vorhandenen Ostmark im Westen nur einen Dreck wert waren (kannte ich ja von unserem Berlin Ausflug!), ließ ich mir von einem Coiffeur eine schicke Wasserwelle legen, wir gingen wir nochmal in Auerbachskeller chic essen und am Nachmittag auch noch in ein Café. Eine innere Unruhe ließ mich den Vorschlag unterbreiten, dass wir doch mit einem Taxi nach Halle/Saale fahren sollten und dort in den Zug einsteigen sollten. Meine beiden erwachsenen Begleiter ließen sich sogar darauf ein. Meine Vorahnung, wie sich später heraus­stellte, war völlig berechtigt. Während wir in Halle im Wartesaal auf unseren Zug warteten, kam eine Durchsage. Der Zug aus Leipzig über Halle, Magdeburg, Hannover nach Köln hätte voraus­sichtlich 30 Minuten Verspätung. Zu dem Zeitpunkt ahnte keiner von uns, dass ausgerechnet ich an dieser Verspätung schuld sein sollte. Es war aber so, wie wir später von meiner Schwester erfuh­ren. Gerade an diesem besagten 29. August 1955, ein Tag vor meiner Mutters Geburtstag, war wieder einmal eine Razzia in deren Wohnung angesagt. War doch ihr Sohn schon wieder seit eini­gen Tagen aus dem Heim in Dönschten abgängig, wie das so schön im Beamtendeutsch heißt. Weil man in der Lilienstrasse 22 in Leipzig niemanden antraf, wurde im Vorderhaus nachgefragt. Dort erfuhren die Häscher dann auch, dass Frau Schulz wie jedes Jahr in Urlaub in den Westen fahren würde. Da muss dann wohl bei einem der Beamten was geklingelt haben. Bei der Passstelle nachgefragt erfuhren sie auch noch, dass Frau Schulz ihren minderjährigen Sohn in diesem Jahr zum ersten Mal hatte mit eintragen lassen.

Hatte ich mit der Flucht in den „Goldenen Westen“ wirklich das große Los gezogen?

Da aber nur der eine Zug Richtung Westdeutschland am Abend in Leipzig abfuhr, filzte man diesen natürlich gründlich. Somit war auch die Durchsage wegen der Verspätung in Halle zu erklären. Was da in Leipzig abging, wusste ich zwar nicht, aber dennoch war mir kotzübel. Mein Magen rebellierte wie in den ersten Tagen meines beschriebenen Hungerstreiks im Heim. Eingedenk des­sen, mit wie vielen Hoffnungen ich schon Anläufe genom­men hatte, zu meinem Erzeuger in den Westen zu gelangen, und wie kläglich das schief gegangen war, wollte ich erst an mein Glück glauben, wenn ich die Grenze überfahren hatte. Bloß gut das in Leipzig niemand auf die Idee gekom­men war, in Marienborn anzurufen. Erst nach endlosem Aufenthalt an der Grenze, wo man auch so einige aus dem Zug geholt hatte, wovon nicht alle wieder den Zug bestiegen, und der Zug sich wieder in Bewegung setzte, waren auch schlagartig meine Magenbeschwerden verschwunden.

Aber! Hatte ich wirklich das große Los gezogen? Wären mir im Osten die 17 Jahre Knast erspart geblieben, die ich im Laufe der Zeit danach hier abgesessen habe? Irgendwie wäre ich auch drü­ben nicht so ohne weiteres nach Beendigung der Schule wieder in ein freies Leben entlassen wor­den. Immerhin lag ja noch der Motorradunfall in der Luft, den ich noch hätte sühnen müssen. Und danach? Wäre ich ein guter, angepasster Kommunist geworden? Das Schicksalsbuch wurde jedem Menschen schon bei der Geburt geschrieben.

Zunächst war die Enttäuschung schon mal riesengroß, als ich zum ersten Mal meinem Vater gegen­überstand und ich statt einer väterlichen Umarmung nur ein überraschtes, blödes Gesicht vor mir sah. Und dann war es an mir, ein dummes Gesicht zu machen. An der Bushaltestelle in Ahler­stedt (bei Stade), wo ich am besagten 30 August 1955, einem Samstag (unvergesslich für mich!) meinen Vater erwartete, wovon er allerdings nicht die geringste Ahnung hatte, drängte sich eine fünfjährige Göre zwischen meinen Vater und mich und fragte ganz empört: „Warum sagst du Papa zu meinem Papa, dass ist mein Papa und nicht dein Papa“. (Verstehen Sie jetzt mein dummes Gesicht? Ich hatte doch keinen blassen Schimmer davon, dass ich auch noch eine Halbschwester hatte. Jedenfalls hatte mein Vater in keinem seiner wenigen Briefe an mich etwas davon erwähnt).

Brachte es mein Vater schon nicht übers Herz seinen einzig verbliebenen Sohn in den Arm zu neh­men, so siegte dann doch seine Neugier zu erfahren, wie ich es geschafft hatte, so plötzlich vor ihm zu stehen. Nachdem sich auch meine schwergewichtige Stiefmutter aus der für sie viel zu engen Bustüre gezwängt hatte, wollte er sicherlich eine peinliche Szene an der Dorf-Bushaltestelle vermeiden.

„Na, dann komm mal mit nach Hause, dort erkläre ich dir alles!“ Dabei warf er einen vielsagen­den Blick auf das Mädchen, welches dagegen protestiert hatte, dass ich zu ihrem Papa ebenfalls Papa gesagt hatte. Zu meiner zukünftigen Stiefmutter sagte er nur ganz kurz: „Das ist Dieter!“ Na, zumindest wusste sie darüber Bescheid, dass es mich gab. Auf dem kurzen Weg zu deren Haus schlugen meine Gedanken Purzelbäume. Abgesehen davon, dass ich von der (Nicht)- Begrüßung enttäuscht war, drängte sich Ingrid, meine Halbschwester ganz bewusst zwischen mich und unse­rem Vater, hängte sich an seinen Arm. In diesem Moment fragte ich mich schon, wozu ich eigent­lich solche riskanten Unternehmungen gestartet hatte, um zu meinem Vater zu kommen. Ich konnte bisher nie darüber lachen, wenn ich mal irgendwo das Wort Herzensleid las oder hörte. Es mag Men­schen geben die dieses Wort zu schmalzig finden. Auch ich unterlag manchmal dieser Versuchung. Doch dann fiel mir immer sehr schnell ein, dass ich es ja selbst erfahren hatte. Genau damals mit meinen 15 Lenzen auf dem ersten gemeinsamen Weg mit meinem (?) Vater! Bei meinem ersten Gang zu meines Vaters Haus nahm ich gar nicht so recht wahr, an wie vielen ande­ren Häusern wir vorbei gingen oder gar wie diese beschaffen waren. Die Häuserreihe nahm ein Ende, wir bogen in einen Feldweg ein. Zwischen Kartoffel- und Maisfeldern tauchte dann auch das letzte Haus auf. Schlicht und einfach, aber es war ein Zuhause. Nur sollte es nie das meine werden.

In der Küche Platz nehmend durfte ich zwischen Milch, Hagebuttentee und Kakao wählen. Natür­lich entschied ich mich für eine Tasse Kakao. Neugierig drängte sich die ganze Familie um den Tisch, an dem ich nun mit meinem Vater saß. Wenn ich hier Familie sage, so gehörte neben mei­ner Halbschwester, noch eine Tochter und ein Sohn aus erster Ehe von Monika dazu. Die beiden Kinder, die Tochter ein Jahr jünger als ich, der Sohn ein Jahr älter, begafften mich wie ein seltenes Tier. Mein Vater steckte sich einen billigen Zigarrenstumpen in die Pfeife. Erst als der Rotzkocher zu seiner Zufriedenheit qualmte, zeigte er mit dem Saugrüssel seiner Piepe auf mich und sagte: „Nun erzähl mal!“

Ich erzählte ihm nun wie uns die Flucht aus der DDR gelungen war und wie es der Zufall wollte, lebte genau am anderen Dorfende eine Schwester meiner Mutter, die von ihr jedes Jahr besucht wurde. Bei dem Wort UNS verschluckte sich mein Vater an dem Tabakqualm den er gerade ein­gezogen hatte. Dies übersah ich geflissentlich und fuhr fort zu erzählen. Eben dass meine Tante mir verraten hatte, wo und wann ich meinen Vater mit meiner Anwesenheit überraschen konnte. In so einem kleinen Dorf, weiß jeder von jedem, wann er furzt. So war meiner Tante auch bekannt, dass mein Vater an diesem Samstag mit seiner zukünftigen Frau nach Buxtehude gefahren sei um Ver­lo­bungsgeschenke einzukaufen. Es war auch abzusehen, dass der Vater gegen 14 Uhr mit dem letzt­möglichen Bus wieder in Ahlerstedt eintreffen würde.

So, da war ich also und legte mein weiteres Schicksal in seine Hände. Ohne mich anzusehen beschäf­tigte sich mein Erzeuger ausgiebig mit dem erneuten Ingangsetzen seiner Pfeife und begann dann erst mit einer Erklärung über seine neuen Familienverhältnisse. Dabei holte er etwas weiter aus, bevor er auf den eigentlichen Punkt kam. Dabei erfuhr ich etwas über seine Lebens­geschichte. So erfuhr ich, dass er Obergefreiter bei einer Flakbatterie gewesen sei und kurz vor Kriegsende bei München stationiert gewesen sei. Dort habe er sich noch einen Bauchschuss einge­handelt. Nach einigen Wochen Krankenhausaufenthalt hatten ihn die amerikanischen Besatzer als unbedenklich eingestuft und ihn laufen lassen.Von seinen Ersparnissen hätte er sich ein Pferd samt Wagen angeschafft und sei gegen Norden gezogen, weil er erfahren hatte, dass dort noch Ver­wan­dte (meine Tante) aus Ostpreußen leben würden. Über seine eigene Familie habe er keine Auskünfte erhalten können, so dass er davon ausgehen musste, dass wir den Krieg nicht überlebt hatten. Es habe sich dann so ergeben, dass er in Monika, die Kriegerwitwe geworden war, eine neue Gefährtin gefunden habe. Bei dem rasanten Wiederaufbau in Deutschland habe er auch sehr schnell Arbeit gefunden. Er verdiene sich sein Geld jetzt als Eisenflechter. Allerdings sei er nur jedes zweite Wochenende in Ahlerstedt, da es eine weite Reise sei von seinem derzeitigen Arbeitsplatz. Ich hätte ja großes Glück gehabt, dass er ausgerechnet an diesem Wochenende zu Hause sei.

Oh jemine! – Ich zum Bauern?

Dann ließ er seine Neugierde aber nicht mehr mit seiner Frage, die ihm auf den Nägeln brannte, ruhen. „Du sagtest eingangs, dass es EUCH gelungen sei, hierher zu flüchten. Soll das heißen, dass deine Mutter diesmal nicht nur zu Besuch zu ihrer Schwester gekommen ist wie all die Jahre zuvor?“ Bemerkte ich da etwa ein nervöses Nuckeln an seiner Pfeife, als ich darauf antwortete?

„Genau so ist es. Immerhin hat Mutti es mir mit ihrem Ausweis ermöglicht über die Grenze zu kom­men!“ Ich musste ihm dann noch erklären, wie das genau abgelaufen ist. „Wie soll das nun weiter­gehen?“ fragte er in den Raum hinein. „Du siehst ja, wie viele Personen wir hier sind. Wir leben schon ziemlich beengt. Das Haus gehört der Gemeinde und die obere Etage ist von einer anderen Familie belegt!“ begann er mir den Zahn zu ziehen, falls ich die Hoffnung gehegt hatte bei ihm unter­zukommen. Monika aber dachte zunächst sehr praktisch. „Du musst als erstes bei deiner Firma anrufen und um 2 bis 3 Tage Sonderurlaub nachsuchen. Die werden schon Verständnis für diese Situation haben!“ Vater grummelte sich was in seinen nicht vorhandenen Bart, was soviel hieß: „Ja, dann werde ich wohl gleich am Montag mit ihm nach Stade zum Arbeitsamt fahren müssen. Jetzt in der Erntezeit wird bei den Bauern jede Hand gebraucht!“ Oh jemine! Ich zum Bauern? Waren da nicht richtige, starke Kerle gefragt? Ich, brachte keine 50 Kilo auf die Waage mit meinen gerade mal 155 Zentimetern Körpergröße.

„Aber Vater! Ich habe das Versetzungszeug­nis von der siebten in die achte Klasse in der Tasche. Ich bin doch noch gar nicht mit der Schule fertig!“ – „Für die Arbeit beim Bauern reicht das alle­mal. Und, beim Bauern kriegst du richtig was zu essen und auch Unterkunft zu deinem Lohn. Du bist noch im Wachstum, und auf die Rippen und in die Arme kriegst du dabei auch etwas. Soweit ich zurückdenken kann, sind alle deine Vorfahren irgendwie mit der Landarbeit groß geworden!“ Na, da hatte ich mir ja was eingebrockt.

Nachdem ich noch eine weitere Tasse Kakao getrunken und ein Stück Butterkuchen dazu gegessen hatte, wurde ich zum sonntäglichen Mittagessen eingeladen. Mit verwirrten Gedanken trat ich dann den Weg ans andere Dorfende zu meiner Mutter und Tante an. Obwohl mein Onkel dort einen 120 Morgen großen Bauernhof gepachtet hatte, lebten sie mit ihren vier Kindern auch ziemlich beengt. Gleich drei Besucher überstiegen einfach ihre Bettenkapazitäten. So musste ich mir mit meinem etwa gleichaltrigen Cousin ein Bett teilen. Als ich meiner Mutter darüber Bericht erstattete, wie das Wiedersehen mit meinem Vater abgelaufen war, erkannte ich wie ihre Augen feucht wur­den. Was mein Vater versäumt hatte zu tun, das holte meine Mutter jetzt nach. Sie nahm mich so fest in ihre Arme, das mir die Rippen schmerzten. „Mein Junge, denk daran, was wir schon alles durchgemacht haben. Wir werden auch das überstehen. Kommt Zeit, kommt Rat. Willy und ich können ja auch nicht auf Dauer hier bleiben. Wir haben alle gesunde Hände. Und Arbeit gibt es hier genug!“ tröstete meine Mutter mich.

Fußnote

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Haldensleben

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