Dierk Schaefers Blog

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XXV

moabit k1Dieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit,

               die keine Kindheit war.

Fünfundzwanzigstes Kapitel

Leinen los! Auf den Weltmeeren – und wieder zurück.

Von wegen, nach einer paar Wochen wieder ins Berufsleben einsteigen. Es sollte über zwei Jahre dauern, bis es wieder soweit war. Zunächst einmal hatte ich das Glück auf einen Landsmann, sprich Ostpreußen, als Chefarzt zu stoßen, der es nicht wahrhaben wollte, dass noch einer der wenigen verbliebenen Ostpreußen ins Gras beißen sollte. Viel gab es derzeit noch nicht, um der Tuberkulose Einhalt zu gebieten. Mit Streptomycin konnte man zwar die Bakterien dazu bringen, sich zu verkapseln, einmal gefressene Löcher aber blieben. Es gab eigentlich nur zwei Möglich­keiten, die Löcher zu entfernen. Schon lange praktiziert wurde: ein paar Rippen brechen, den befal­lenen Lungenflügel herausschneiden; die andere, ganz neue Methode, gerade aus den USA importiert, war die etwas schmerzhafte Methode, in regelmäßigen Abständen eine acht Zentimeter lange, ziemlich dicke Kanüle zwischen die Rippen gestochen zu bekommen, mit deren Hilfe dann die Lunge mit zunächst einmal 300-400 Kubikzentimeter Luft zusammen­gepresst werden sollte. Somit würden die Wundränder der Löcher wieder zusammen­wachsen. Erst einmal sollte diese Prozedur alle drei Tage wiederholt werden. Nach einer gewissen Zeit steigerte man die Luftmenge bis auf 1000 Kubikzentimeter. Dann allerdings nur noch im Abstand von 14 Tagen. Dieser Luft­druck wurde jedesmal vor und nach der Füllung von einer Röntgenaufnahme begleitet. Wenn man bedenkt, welche Strahlungen damals so ein Röntgengerät ausstrahlte, müßte ich heute eigentlich wie eine hellglühende Neonröhre herumlaufen. So wie die Ärzte die Luftmenge erhöht hatten, so wurde diese nach gut zwei Jahren wieder reduziert. Und siehe da, die zusammengepressten Wund­ränder hielten!

Jede Anstrengung sollte ich vermeiden. Ich dagegen ließ keinen Tanzabend aus.

Natürlich war ich nur zu Beginn der Behandlung drei Monate lang in einer Lungenheil­stätte und dann wieder, als die Reduzierung begann, die letzten drei Monate. Dazwischen wurde ich ambu­lant behandelt. Ich frage mich, wieso ich eigentlich noch lebe. Ich verstieß natürlich in meinem jugendlichen Leichtsinn gegen jede Auflage, die mir mit auf den Weg gegeben wurde, wollte ich das Ganze überleben. Jede Anstrengung sollte ich vermeiden. Ich dagegen ließ keinen Tanzabend aus. Holte mit meiner süßen Freundin Preise im Rock’n-Roll-Tanzwettbewerb, legte mich im Som­mer in die Sonne, um braun zu werden. Und ganz nebenbei verdiente ich mir des Nachts als schwarz­arbeitender Kellner so manche Mark zum Krankengeld hinzu.

Jetzt noch eine kleine Anmerkung zu meiner Aussage, dass mein Stiefvater nur schlau aber nicht klug war: Weil ich nun des Nachts häufig mein Krankengeld auffrischte, besuchte meine Freundin oft meine Mutter. Ja, sie nannte diese sogar Mutti. Sie war nämlich auch ein verwaistes Kriegskind und freute sich über den Familienanschluss. Das mit dem Familienanschluss hatte mein Stiefvater wohl in die falsche Kehle bekommen. Hilfsbereit, aber mit Hintergedanken, bot er meiner Freundin an einem dunklen Abend an, sie noch ein Stück mit dem Fahrrad zu begleiten, da wir ziemlich abge­legen von der Stadt auch noch durch die Eilenriede[1] mussten. Irgendwann merkte ich, wie Gisela sich veränderte. Nachdem sie sich sogar weigerte, mit mir zusammen meine Mutter zu besuchen, nahm ich sie richtig zur Brust. Unter Tränen erfuhr ich dann endlich von ihr, was sie so sehr verändert hatte. Willy, der Strolch hatte versucht, sie zu vergewaltigen. Die Rechnung für sein beinahe Ver­gnügen servierte ich ihm prompt. Die leuchtende Narbe quer über seine Stirn hat er mit in sein Grab genommen. Modebewusst wie ich damals war, hatte ich mir natürlich auch einen Silberring in Form eines Löwenkopfes zugelegt. Einer meiner Schläge traf u.a. eben seine Stirn und ließ sie schön aufplatzen. Daraufhin platzte sein Kragen und er gab mir auf Lebenszeit Hausverbot; doch dieses konnte er nicht allzu lange aufrecht erhalten, weil meine Mutter à la Lysistrata[2] han­delte. Der geile Bock hielt das nicht lange aus und ich konnte meine Mutter wieder besuchen, wenn mir danach war. Allerdings vermieden wir es in Zukunft uns im gleichen Raum aufzuhalten.

Wer von meinen Heimkameraden kann schon von sich behaupten, jemals in Afrika an der Gold- oder Elfenbeinküste gewesen zu sein.

Ich hatte seinerzeit großen Gefallen an dem Tor zur Welt Hamburg, gefunden. Auch die Seeluft auf Sylt fehlte mir. Ich hatte gehört, wie gefragt „Überseefrachtbegleiter“ in Hamburg waren. Da der Familienfrieden in Hannover ohnehin gestört war und ich mich ziemlich flügge fühlte, begab ich mich direkt ins Heuerbüro in der Nähe vom Landungsbrückencafé. Paul stellte mir sofort gleich mehrere Angebote zur Auswahl. Ein reines Passagierschiff stand derzeit nicht zur Auswahl. Aber ein Kombischiff gefiel mir. Es war ein Bananenjäger[3], kombiniert mit Passagier­plät­zen, der hatte es mir sofort angetan. Man stelle sich vor: ein 137 Meter langes, blitzweißes Schiff, welches neben 18.000 BRT Fracht auch noch 48 Passagiere befördern konnte. Der Kapitän sagte mir, dass er für die Passagiere einen zweiten Steward benötigte. Er nannte mir Häfen und Länder, die das Schiff anlaufen würde. Bei all diesen Namen musste ich wohl gerade mal wieder im Erd­kundeunterricht gefehlt haben. Aber bei der Aussicht, all diese Länder mal persönlich kennen zu lernen, wurde mir ganz anders ums Herz. Etwas Englisch hatte ich ja schon während meiner Kellnerlehre aufge­schnappt und auch bei der Bundeswehr. Deshalb behauptete ich rotzfrech auf diese Frage vom Kapitän, dass ich damit keine Probleme hätte. Schulz war ja anpassungsfähig und lernbegierig. Es kam deswegen auch nie eine Beschwerde zu seinen Ohren.

Wer von meinen Heim­kameraden kann schon von sich behaupten, jemals in Afrika an der Gold- oder Elfen­beinküste gewesen zu sein. Na, wer von euch ist durch den Panamakanal geschippert, hat Guate­mala betreten, hat Southampton in England, Bilbao in Spanien, Abo in Finnland[4], Rotterdam oder den Fruchthafen in Hamburg mit einem Schiff angelaufen? Bei meinen wenigen Besuchen war Mutter richtig stolz auf ihren weltreisenden Sohn. Stolz zeigte sie ihren wenigen Besuchern auch die spezifischen Geschenke, die ich ihr aus den jeweiligen Ländern mitbrachte. In ihrem 500 qm großen Garten war sie besonders stolz über ihre Gladiolen, die sie besonders liebte. In jedem angelaufenen Land war ich immer auf der Suche nach einer Gladiolenart, die es sonst nirgendwo gab. So kann ich sagen, dass niemand in und um Hannover rum solch eine Sammlung aufweisen konnte, wie sie meine Mutter besaß.

Ich könnte hier so einige Episoden aus meiner Seefahrtszeit einfügen, die lohnenswert wären berich­tet zu werden. So zum Beispiel, dass unser Schiff samt Besatzung und Passagieren vor der westafrikanischen Küste von schwarzen Rebellen gekapert wurde. Die Kolonialmächte hatten sich aus ihren Kolonien zurückgezogen. So begann in den besagten Ländern ein Hauen und Stechen, um die Regierungs­macht. Welchem von den Herren -Mobuto[5]-Kasawubu[6] oder Lumbumba[7] unsere Kidnapper angehörten, kann ich nicht sagen, aber uns ging allesamt der Arsch auf Grund­eis beim Anblick der hauptsächlich mit Macheten und Messern bewaffneten Schwarzen. Zwar hatte ich dem Tod schon in meiner frühen Kindheit bei den Bombenangriffen der Engländer auf Königs­berg in die Augen geblickt, oder die Salven der russischen Tiefflieger, die auf unseren Flüchtlings­treck abgefeuert wurden. Mutter hatte mich, den Jüngsten, auf einen Schlitten neben unser Hab und Gut einge­mummelt festgezurrt. Die Leuchtspurmunition schlug neben dem Schlitten ein, ließ den Schnee zu Fontänen neben mir aufstieben. Damals aber war ich noch zu jung, um den Ernst der Lage zu begreifen. Dann aber der Vorfall im Skagerak, den nahm ich mit meinen 23 Jahren schon ganz bewusst wahr.

Es rumste gewaltig, als die Schiffsschraube abbrach. Vorsichts­halber ließ ich mich von unserem Kapitän nottaufen.

Wie sagt man so daher? Ein Unglück kommt selten alleine? So kam es dann auch sprichwörtlich auf unser Schiff zu. Das doppelte Unglück! Ein Sturm der Windstärke 12 war auf hoher See keine Seltenheit. Doch im Skagerak war das schon etwas Besonderes, vor allen Dingen, wenn die Maschi­nen nicht mit voller Kraft arbeiten. Während die beiden Maschinisten alles taten, um den Schaden zu beheben, tobte der Sturm immer heftiger, machte unser Schiff zum Spielball der haus­hohen Wellen. Bei der Achterbahnfahrt durch die Wellentäler setzte das Heck des Schiffes kurz auf einen Felsen auf. Es rumste gewaltig, als die Schiffsschraube abbrach. Völlig ohne den Antrieb der Schraube nützte das Ruder gar nichts. Das überkommende Wasser konnten die vom Notaggregat betriebenen Pumpen gar nicht schaffen. Wenn ich sage Alle, so meine ich damit auch die 34 Pas­sa­giere, die wir an Bord hatten, die mussten im Wechsel an die Handpumpen ran. Vorsichts­halber ließ ich mich von unserem Kapitän nottaufen. Wusste ich doch nicht, ob meine Mutter mich in Kriegs­zeiten hatte taufen lassen. Es konnte ja nicht schaden, diese Vorsichtsmaßnahme getroffen zu haben, wenn man da oben vor dem Herrn stand. Wobei ich vorausschicken möchte, dass ich davon überzeugt bin, einmal in den Himmel zu kommen. Habe ich doch die Hölle bereits auf Erden erlebt und meine Sünden mit 17 Jahren Knast abgebüßt.

Ja, eben diese 17 Jahre Knast waren ja auch eigentlich meine Intention, warum ich dieses Buch zu schreiben begann. Ich habe in mich hineingehorcht. Mich gefragt, ob schon am ersten Tag vom Rest meines Lebens alles in dem großen Buch des Schicksals niedergeschrieben war, was mich so alles erwarten würde. Hatten mich die Lebensumstände zu dem gemacht, was ich heute bin? Ein oft deprimierter Rentner, dem das Sozialamt zur Minirente noch was drauf zahlen muss, um über die Runden zu kommen.

An einer Haft­strafe hängt noch ein ganzer Rattenschwanz von Strafen, die sich erst nach der Entlassung bemerk­bar machen.

Dabei habe ich doch, wie man nachlesen kann, jede Arbeit angenommen, niemals wegen der vielen Überstunden aufgemuckt. Ja, auch während der Zeit im Knast habe ich gearbeitet. Nur, Rentenbeiträge hat der Staat für mich nie abgeführt.[8] Es ist ja nicht so, dass man(n) Jahre seines Lebens in einem Wohnklo verbringen muss. Der Verlust der Freiheit ist das Eine. An so einer Haft­strafe hängt noch ein ganzer Rattenschwanz von Strafen, die sich erst nach der Entlassung bemerk­bar machen. So kam ich beim Renteneintrittalter gerade mal auf 30 Beitragsjahre. Selbst diese 30 Jahre hätten ausgereicht, mir eine zwar bescheidene, aber gut auskömmliche Rente zu gewähren. Normalerweise. Aber was ist schon normal? Zumindest was mein Leben betrifft.

Natürlich bestand mein Leben nicht nur aus Arbeit. Wochenlang auf See gönnte ich mir beim Land­gang auch schon mal was. Konnte ich mir auch ganz gut erlauben. Brauchte ich doch kaum mal meine eigentliche Heuer anzugreifen. Ich lebte hauptsächlich von dem Geld, welches ich von den Passagieren als Trinkgeld bekam. Sie wussten es zu schätzen, dass ich ihnen nicht nur das Essen servierte, sondern auch die Kajüten sauber hielt, einschließlich Betten bauen, Schuhe putzen und auch deren Hemden bügelte. So konnte ich tatkräftig dabei mithelfen, aus der ursprünglichen Gartenlaube meiner Mutter ein richtiges kleines Häuschen zu gestalten. So konnte ich sie nicht zuletzt damit überraschen, ihr flie­ßendes Wasser ins Haus legen zu lassen. Hatte sie doch bis dahin immer an der Pumpe im Garten ihr Wasser holen müssen.

Inzwischen hatte ich auch eine Frau kennengelernt. Allerdings wohnte sie etwa 220 Kilometer von Hannover entfernt und hatte bereits zwei Kinder. War auch ganz gut, dass sie so weit entfernt von Hannover lebte. So kam mein Stiefvater wenigstens nicht in Versuchung, sich an dem von ihm so geliebten jungen Gemüse zu vergreifen. Bei meinen seltenen Deutschlandbesuchen blieb es nicht aus, dass ich zu der Meinung kam, dass unsere Beziehung keine Zukunft hatte. Außerdem musste ich meine wenige Landgangszeit immer zwischen meiner Mutter und meiner Geliebten teilen. Wobei die große Entfernung zwischen den beiden noch hinzukam. Ich war aber fair genug, meiner Geliebten die Trennungsabsichten mitzuteilen. Kann man sich mein Erstaunen vorstellen, als ich nach einer Guatemalareise im Seemannsheim von Rotterdam-Schiedam im Rezeptionsbereich meine Geliebte sitzen sah? Sie hatte über meine holländische Reederei erfahren, wann und wo ich demnächst anzutreffen sei. Der Zweck ihrer weiten Reise war die Tatsache, dass sie mir mitteilen wollte, dass sie von mir schwanger sei. Na toll! Meine Erziehung sagte mir, dass ich die Frau nicht mit einem Kind von mir hängen lassen konnte. War sie mir gut genug gewesen, mit ihr mein Ver­gnü­gen zu haben, so konnte ich sie doch nicht mit dem Kind sitzen lassen. Ihr Ex Mann saß im Knast und sie musste schon mit ihren beiden Kindern vom Sozi leben. Sie wohnte mit ihren beiden Kindern in einer Wohnsiedlung in Bochum-Harpen, dessen Adresse man besser nicht bei einer Neu­einstellung in einem Betrieb nannte. Es war ganz schlicht und einfach ein Ghetto. Die Politik hatte schon immer eine Vorliebe dafür gezeigt, Minderbemittelte zuhauf in eine bestimmte Gegend abzuschieben. Auf dem Flur, wo sie sich mit ihren beiden Kindern ein Zimmer teilte, lebten noch zwei ältere Schwestern, auch in einem Zimmer, sowie ein Ehepaar, welches sich ebenfalls ein Zimmer mit ihren zwei Kindern teilte. Alle drei Mietparteien teilten sich eine Küche und eine Dusche. Wer gerade kochen oder duschen wollte, musste groschenweise die Gasuhr füttern. Und so lebten alle Bewohner der etwa 15 Häuser in diesem Stadtviertel. Um dem zu erwartenden Kind einen ehrlichen Namen zu geben, meldeten wir uns beim Standesamt an. Zwei Stunden nach unserer Trauung, saß ich auch schon wieder im Zug, um meiner Arbeit auf dem Schiff nachzu­kommen.

Schon wenige Monate nach der Geburt meines ersten Sohnes setzte ich auch schon den nächsten an. Die gerade erst in Umlauf gekommene Pille war noch relativ unbekannt. Meiner Frau brauchte man ja auch nur ein paar Herrenpantoffel vors Bett zu stellen und schon war sie schwanger.

Bei der Geburt meines ersten Sohnes hatte ich gerade Urlaub, konnte somit selbst die Hebamme alarmieren und bei der Geburt Handreichungen machen. Nachdem das gesunde Baby da war, vergrub ich die Nachgeburt gegenüber dem Haus, wo es zur Welt gekommen war. Ein paar Jahre noch musste auf diesem Kornfeld das Getreide besonders gut gewachsen sein. Später stand dort eine riesige Wohnsiedlung. Bei der Geburt meines zweiten Sohnes hatte ich der Seefahrt bereits mit schwerem Herzen Adieu gesagt, mich in Bochum um eine neue Stelle bemüht. Mein derzeitiger Chef hatte im Stadtteil Langendreer ein Hochhaus bauen lassen. Dieses Hochhaus schenkte er seinem Sohn zu seinem 21. Geburtstag. In mein Lebensbuch dagegen stand geschrieben, dass ich erst mit 25 meine erste eigene Wohnung mit Familie beziehen konnte. In der 14ten von insgesamt 16 Etagen vermietete mir der Sohn eine Dreizimmerwohnung. Fahrstuhl und Müllschlucker inklu­sive. Natürlich wehrte ich mich jetzt erst recht nicht gegen Überstunden. Hatte ich doch eine Fami­lie zu versorgen. Meine Frau mitarbeiten? Wie denn, bei vier Kindern? Dadurch ging mir ein Teil meiner Rentenansprüche verloren. Schon mal was von Versorgungsausgleich gehört? Daran kön­nen Sie leicht erkennen, dass diese Ehe nicht von Bestand war. Während ich mich darum bemühte, unsere sechs Mäuler satt zu bekommen und deshalb bis zu 16 Stunden am Tag außer Haus war, war meine Frau mit dem Versorgen der Kinder nicht ausgelastet. Na ja, dass ich nach solch langen Arbeitstagen auch nicht immer meinen Mann stehen konnte, kann der eine oder andere Leser vielleicht nachvollziehen? Wohnte ich näher an Dortmund heran, so befand sich meine Arbeits­stelle in genau in der entgegengesetzten Richtung Essen. Für ein Auto reichte mein Verdienst bei weitem nicht. Also waren Bahn und Bus angesagt. Das Haus der Hochzeiten, wie meine Arbeits­stelle im Volksmund genannt wurde, weil wir jedes Jahr mehr als 300 Hochzeiten ausrichteten, brachte es mit sich, dass ich immer erst spät in der Nacht nach Hause kam. Meine Frau erkundigte sich immer geflissentlich, wann denn mit meinem Heimkommen zu rechnen sei. Bei Hochzeiten dauerte die Arbeitszeit sehr oft bis in die frühen Morgenstunden. Vor allem dann, wenn ich für die jeweilige Party als Chef de Rang[9] eingeteilt war. Das hieß dann, dass ich bis zur Abrechnung und dem anschließenden Aufräumen bleiben musste. Demnach stand mein Dienstplan fest, wovon immer eine Kopie zu Hause lag.

Das Schicksal wollte es so. Eine flambierte Eisbombe war immer der Höhepunkt eines Hochzeits­menus. Meist war schon Mitternacht vorbei, wenn nach dem vier, fünf oder sechs Gänge-Menu das Licht im Hochzeitssaal ausgeschaltet wurde, nur noch die Tischkerzen ein anheimelndes Licht im Saal verbreiteten. Gleichzeitig wurde die Schallplatte mit dem Hochzeitsmarsch aufgelegt und mehrere Kellner betraten den Raum mit einer flambierten Eistorte. Im Gänsemarsch und im Gleich­schritt mit dem Vorlegebesteck den Takt zur Musik klappernd bewegten wir uns auf das Hochzeits­paar zu. Jeder Kellner kannte seinen Platz, wo er anzufangen hatte, anhand der bereits vorge­schnit­tenen Tortenteile. Beim Brautpaar angekommen beugten sich alle Kellner vor, um gleichzeitig mit dem Vorlegen zu beginnen. Diese Zeremonie wurde stets von den anwesenden Gästen aus­giebig beklatscht. Ich nehme an, dass es auch in der Nacht so ablief, wo ich durch einen blöden Unfall daran gehindert wurde, meine Arbeit planmäßig zu beenden. Die vom Patissier vor­bereitete Eistorte wurde immer in eine Eistruhe gestellt. In der Regel hatten die Köche längst Feierabend, wenn der Akt mit der Hochzeitstorte vollzogen wurde. So holten wir Kellner uns die Torten selbst aus der Küche. An diesem schicksalsträchtigen Tag bewegte ich mich wohl ein bisschen zu hektisch in der Küche. Die Küche, die erst am frühen Morgen gründlich gereinigt wurde, schwamm um diese Mit­ternachtszeit vor verspritztem Fett auf dem gefliesten Fußboden. Ein Kellner bewegt sich auch ganz anders als ein Koch. Außerdem haben Köche auch ganz anderes Schuhwerk an. Wäh­rend ich nun mit meinen ledersohlenbehafteten Schuhen Richtung Kühltruhe renne (wegen des Zeitdrucks renne ich mal eben!), rutsche ich prompt aus. Da die Öfen in einem Gaststättenbetrieb immer eine Anzahl von Zentimetern Luft bis zum Fußboden haben müssen, wegen der Hygiene, knallte mein linker Fuß gegen die Trittleiste und unter den Ofen. Gegen diesen Schmerz war ein Beinbruch gar nichts. Die starke Prellung ließ mich vergessen, ob ich nun Männlein oder Weiblein war. Mein Chef hatte diesen Vorfall zufällig gesehen. Sofort war er bei mir, wollte mir aufhelfen. Zusehends schwoll mein Fuß an. Um Schlimmeres zu verhüten, löste er meine Schnürsenkel am Schuh. Er bestellte auf seine Kosten ein Taxi für mich. Eigentlich sollte ich damit ja zum Kranken­haus fahren. Ich dagegen wollte so schnell wie möglich nach Hause, um mir bei meiner Familie Trost zu holen und lieber einen Notarzt nach Hause kommen lassen. Statt eines Notarztes aber war kurz darauf ein Polizei­arzt in Begleitung einer Horde Polizisten in unserer Wohnung. Wieso das denn? Werden Sie sich jetzt fragen.

Inhaltsverzeichnis _Inhaltsverzeichnis

Fußnoten

[1] Stadtwald in Hannover, https://de.wikipedia.org/wiki/Eilenriede

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Lysistrata

[3] Bananenjager, die weißgemalten schnellen Kühlschiffe https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_seem%C3%A4nnischer_Fachw%C3%B6rter_(A_bis_M)

[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Turku

[5] Die Schreibweise von Dieter Schulz wurde beibehalten. Wer sich für die von westlichen Ländern gestützten kleptokratischen Politiker interessiert, mag den Links folgen. Die Personen stehen leider nicht nur für sich, sondern für die immer noch aktuellen Machtverhältnisse, denen wir die wohlverdiente Völkerwanderung verdanken.

Mobutu Sese Seko Kuku Ngbendu wa Zabanga (geboren als Joseph-Désiré Mobutu; * 14. Oktober 1930 in Lisala, Provinz Mongala, Belgisch-Kongo; † 7. September 1997 in Rabat, Marokko) war von 1965 bis 1997 Präsident der Demokratischen Republik Kongo (von 1971 bis 1997: Zaire). Mobutu herrschte in einer der längsten und korruptesten Diktaturen Afrikas. https://de.wikipedia.org/wiki/Mobutu_Sese_Seko

[6] Joseph Kasavubu (auch Kasa Vubu) (* 1910 – andere Angaben 1913, 1915 oder 1917 – bei Tschela; † 24. März 1969 in Boma) war von 1960 bis 1965 der erste Präsident der Demokratischen Republik Kongo. https://de.wikipedia.org/wiki/Joseph_Kasavubu

[7] Patrice Émery Lumumba (* 2. Juli 1925 in Katako-Kombé; † 17. Januar 1961 in der Provinz Katanga) war ein kongolesischer Politiker und von Juni bis September 1960 erster Premierminister des unabhängigen Kongo (zuvor Belgisch-Kongo, 1971 bis 1997 umbenannt in Zaïre, heute Demokratische Republik Kongo). https://de.wikipedia.org/wiki/Patrice_Lumumba

[8] Daran hat sich nichts geändert. Noch heute werden für die Arbeit von Strafgefangenen keine Sozialabgaben abgeführt. Dabei würde das zur „Resozialisierung“ hinzugehören.

[9] Ein Chef de Rang ist in der Hierarchie eines Serviceteams dem Maître d’hôtel (Restaurantleiter, Restaurant Manager) und dessen Stellvertreter (Assistant Restaurant Manager) unterstellt. In deren Abwesenheit ist er verantwortlich für den reibungslosen Ablauf des Service und somit dem Demichef de rang und dem Commis de Rang überstellt. Um diese Tätigkeit ausüben zu können, werden üblicherweise eine Ausbildung im Hotel- und Gastgewerbe und mehrere Jahre Berufserfahrung gefordert. Darüber hinaus müssen Beschäftigte in der Gastronomie eine Bescheinigung über die Belehrung gemäß Infektionsschutzgesetz besitzen. In der Regel werden auch fundierte Fremdsprachenkenntnisse erwartet. https://de.wikipedia.org/wiki/Chef_de_Rang

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