Dierk Schaefers Blog

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XXX

 

logo-moabit-kDieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

      Eine Kindheit,

     die keine Kindheit war

Dreißigstes Kapitel

Automatenbetrug ist ein anstrengender Job

 

Von der Endstation des Zuges bis zur Schiffsanlegestelle war es ein ganz schönes Stück des Weges. Und das mit dem Gewicht. Vor allen Dingen durfte ich mir beim Zoll keine Blöße geben. Also hieß es Zähne zusammen beißen, so tun als würde ich ganz normales Gepäck mit mir tragen. Die Tommys haben es so an sich, dass sie nur bei den Einreisenden fast alles durchwühlen. Schnaps und Zigaretten waren in England derart teuer, dass kein Mensch auf die Idee käme, auch nur eine Schachtel oder eine Flasche mit aufs Festland zu nehmen. Umgekehrt waren o.g. Dinge beliebtes Schmuggelgut.

Die nächste schweißtreibende Hürde war dann der schmale und steile Treppenaufgang auf der Fähre selbst. Irgendwie schaffte ich auch dies, etwa sieben Stunden später die gleiche Prozedur in Hoek von Holland. Vom Schiff zum Zug. Im Zug selbst überstieg es fast meine Kräfte, die Koffer in die Gepäckablage zu hieven.

An der Deutsch-Holländischen Grenze hielten die Zollbeamten mich trotz meiner seriösen Kleidung und meines Alters nicht für schützungswürdig. Zwei weitere Personen in meinem Abteil sahen viel fragwürdiger aus. Aber nein, ICH musste meine Koffer vorzeigen. Die Zöllner zeigten sich ganz schön überrascht, so viele englische Münzen vorzufinden. Zwar hatte ich mit solch einer Frage über­haupt nicht gerechnet, fand aber ganz schnell die passende Ausrede, warum ich soviel von den Münzen mit mir herumschleppte. Ich erzählte den Grünen eine plausibel erscheinende Geschichte. Nämlich dass mich englische Freunde von der Navy, in Celle stationiert, gebeten hatten, eben diese Menge 5-Pence Münzen aus London mitzubringen. Die Soldaten hätten nach wie vor noch alte Spielgeräte in ihrem Casino stehen, die immer noch 5-Pence Stücke annehmen würden. In London selbst waren alle Einwurfsschlitze für 5 Pence Münzen längst zugelötet. Denn das englische Pfund hatte in den letzten Jahren ganz schön an Wert verloren, so dass besagte Münzen nicht mehr gefragt waren. Diese meine Aussage zur Verwendung der Silberlinge nahmen die Beamten so hin wünschten mir eine gute Reise.

Im Zug überkam mich das Bedürfnis nach einem guten deutschen Bier. Woher sollte ich bei meiner ersten derartigen Reise auch wissen, dass dies ein Zug aus der Ostzone war. Er befuhr die Strecke Warschau-Hoek von Holland und zurück; dass ich mich in einem Speisewagen der Mitropa[1] befand, hatte ich noch gar nicht so recht realisiert. Stutzig wurde ich erst, als ich genüss­lich das Bier trinken wollte. Verzeiht mir bitte, liebe Dresdner, aber ihr müsst zugeben, das Rade­berger eurer Zeit konnte mit dem unsrigen auf keinen Fall mithalten. Weil ich aber nun fast mein letztes Geld dafür ausgegeben hatte, würgte ich es auch herunter. Bei der Ankunft in Hannover hatte ich schon das erste Problem. Ich wohnte außerhalb von Hannover. Wie dorthin kommen ohne ausrei­chende Barmittel? Die außerplanmäßige Ausgabe für einen neuen Aktenkoffer hatte ein ganz schönes Loch in meiner Kasse hinterlassen. Zudem wusste ich, dass ich zu Hause angekom­men erst einmal den Kühlschrank auffüllen musste. Für die drei vorhersehbaren Tage meiner Abwe­sen­heit hatte ich für meinen 9jährigen Sohn schon gesorgt. Doch wie sollte ich nun so schnell wieder an Bares kommen, damit wir nicht hungern mussten?

Ich wechselte einfach nur meine englischen Pence wieder in D-Mark um.

Zunächst einmal warf ich zwei 5-Pence Münzen in ein großes Schließfach[2], verstaute mein schweres Gepäck darin. Ich behielt lediglich die Umhängetasche mit ca. 500 Münzen bei mir. Markstück bleibt Markstück, dachte ich mir. Ich steuerte eine von den beiden Spielhallen[3] im Bahnhof an. Pro­bieren geht über Studieren, besagt ein Sprichwort. Und siehe da, auch dieser Groschenräuber schluckte meine Münzen. Nicht dass ich so dämlich war, auf mein Glück zu hoffen, indem der Auto­mat mir eine ordentliche Serie schenkte. Ich wollte ja auch schnell nach Hause. Wollte duschen und wieder mal richtig ausschlafen. Deshalb wechselte ich einfach nur meine englischen Pence wieder in D-Mark um. Wenn ich etwa 21 Münzen eingeworfen hatte, zeigte mein Guthaben­konto auf dem Display 20 Mark und Zehn Pfennige an. Ich drückte auf den Rückgabeknopf und erhielt so vier 5-Markstücke und einen Groschen zurück. Das machte ich dann sechsmal, dann kamen schon die 2-Markstücke heraus. Das hieß also, dass die 5-Markröhre ausgeschöpft war. Etwas später spuckte der Automat nur noch Markstücke aus, da wurde es Zeit für mich das Feld zu räumen. Ich hatte zwar von Beginn an gehört, dass meine Münzen gar nicht in der Auto­matenröhre hängen blieben, sondern schnurstracks in den Safe abglitten. Der Safe war immer mit drei Spiel­auto­maten verbunden, und darin ergoss sich der Gewinn von den drei aneinander gekoppelten Automaten. Ach ja, zwischendurch hatte ich auch noch etwas Glück. Ich hatte ohne eine Risiko­taste gedrückt zu haben im Laufe meiner Fütterung des Automaten mit 5-Pence Münzen eine 20er als auch eine 50er Serie zu bekommen. Im Endeffekt hatte ich in etwa die gleiche Menge Mark­stücke rausgeholt wie ich an Pencemünzen reingesteckt hatte.

Etwa 200 Münzen waren noch in meiner Umhängetasche. Jetzt, wo es so großartig lief, schon auf­hören? Mal sehen wie die Fahrkartenautomaten auf englisches Geld reagierten. Zahlte man in Hannover direkt beim Bus- bzw. Straßenbahnfahrer, so kostete eine Fahrt 2 Mark. Holte man sich aber am Automaten gleich ein Sechserpack der Fahrscheine, dann kostete dies ganze 9 Mark. Sollte der Automat auch meine Münzen annehmen, so hieß das, dass mich dieselben sechs Karten laut Wechselkurs gerade mal 1Mark80 kosten. Bereitwillig spuckten auch die Fahrkartenautomaten solche Sechserpacks aus, sobald ich diese mit 9 Münzen gefüttert hatte.

Na, da machte ich meine Tasche doch gleich ganz leer. Am/Im Bahnhof gab es mehrere solcher Automaten, die ich immer abwechselnd benutzte. Ich wollte ja schließlich kein Aufsehen erregen, indem ich allzu lange am gleichen Automaten stehen blieb. Außerdem war schon wenige Hundert­meter weiter die nächste Haltestelle der U-Bahn in der Passe­relle.[4] Auch dort gab es gleich meh­rere solcher Automaten. Gierig geworden holte ich gleich nochmal Nachschub aus dem Schließ­fach. Damit brauchte ich dann auch nicht mehr so ein schweres Gewicht nach Hause schleppen. Ich wusste ja von Bekannten, dass die Kioskbesitzer, wenn sie für die ÜSTRA die Fahrkarten ver­kauften, mal so eben nur Pfennige daran verdienten. Bot ich diesen aber an, den gleichen Sechser­pack für 6 Mark zu erwerben, und dabei steuerfrei 3 Mark daran zu verdienen, konnte keiner widerstehen. Verständlich, dass meine Laune stieg, ich mir ein Taxi leistete und nach Hause fuhr, wo ich von meinem Sohn freudig begrüßt wurde. Wieder Land in Sicht, dachte ich bei mir und spürte rein körperlich wie die Anspannung der letzten Tage von mir abfiel. Kurzer Hand lud ich meinen Sohn zum Italiener ein. Den Stress, gleich noch einkaufen gehen zu müssen, anschließend auch noch das Essen zuzubereiten, den wollte ich mir nicht antun.

Von wegen leicht verdientes Geld

Als Nebeneffekt lernte ich Hannover erst so richtig kennen, während ich das fremde Geld in bare Münze umsetzte. Von wegen leicht verdientes Geld, wie sich später der Staatsan­walt darüber äußerte. Immer abends, wenn mein Sohn im Bett war, machte ich mich auf den Weg. Bis spät in die Nacht hinein schleppte ich eine große Sporttasche mit mir herum, hielt Ausschau nach Zigaret­ten­automaten. Die Umhängetasche war gefüllt mit Mark­stücken. Pardon, ich sollte wohl besser sagen: Mark-Ersatzstücken.

Es war ja nun auch nicht so, dass jeder Automat bedingungslos das Ersatzgeld akzeptierte. Es dauerte eine Weile bis ich so einige Tricks dazu lernte. Einige Automaten gaben die Ware ohne weiteres heraus. Da hätte ich ebenso gut passend geschliffene Kieselsteine einwerfen können. Und dann gab es da schon einige sehr gut justierte Münzprüfer, die sich überhaupt nicht überlisten ließen. Manche wollten, dass ich die Münzen mit einem Schwung hinein schnip­sen musste, andere wiederum reagierten nur, wenn ich die Münzen ganz sachte hineingleiten ließ. Dann kam es auch schon mal vor, Geld-Tütedass ein Automat, der schon einige Schachteln herausgerückt hatte, plötzlich verstopft war. Irgendwann kriegte ich auch spitz woran das lag. In den abgewogenen Plastik­beuteln, wie ich sie in London bei den Banken erhielt[5], waren nicht immer nur eng­lische Münzen. Hauptsache das Gewicht stimmte. So verirrten sich des Öfteren aus­ländische Geldstücke darin. Und häufig waren aber auch die echten Münzen derart bearbeitet worden, dass sie erhebliche Macken aufwiesen, so dass sie im Automatenschlitz hängen blieben und alles verstopften. Rückgabeknopf drücken war dann auch zwecklos, die Münze hing irgendwo fest. Meine Richterin, die mich später zu verurteilen hatte, war selbst Opfer solch einer verstopften Münzröhre geworden, als sie sich mal am späten Abend aus einem von mir zuvor besuchten Zigarettenautomaten bedienen wollte. Sie hatte natürlich bei dem Aufsteller angerufen. Dieser hatte ihr natürlich den Grund dafür genannt.

Während ich so durch die Nacht wanderte, bekam ich natürlich auch schon mal Durst. An meiner Apfelschorle nippend schaute ich mir auch die beiden obligatorischen Geldspiel­automaten in der Kneipe an. Einige Londonreisen später hatte ich soviel dazu gelernt, dass ich noch lange nicht in jede Kneipe ging, wenn mich der Durst überkam. Bald schon hatte ich gecheckt, welche Automa­ten meine Münzen auch wechselten und welche nicht. In jedem Hunderterbeutel befanden sich bis zu drei unbrauchbare Münzen. So machte ich mich daran, während mein Sohn in der Schule war, Beutel für Beutel durchzusehen. Das lohnte sich sogar in doppelter Hinsicht. Zum Einen vermied ich dadurch, dass Automaten mit irgendwelchen deformierten Münzen verstopft wurden, zum Anderen stellte ich dabei fest, dass die 5-Pence Münzen aus drei Epochen stammten. Den größten Anteil machten die neueren Ausgaben, wo die Queen mit einer Krone drauf abgebildet war. Etwa 70%. Diese hatten, wie ich heraus bekam, den geringsten Silberanteil und hatten dement­sprechend ein erheblich abweichendes Gewicht von unseren DM Stücken. 20% der Münzen zeigte die Queen noch mit Zopf. Die Zigaretten – und Spielautomaten nahmen diese bezopfte Münze zu fast 90% an.

Natürlich hatte der Staatsanwalt recht, als er sagte, dass ich bei meinen Taten eine kriminelle Energie entwickelt hätte.

Am liebsten mochte ich aber die ganz alten Münzen. Darauf abgebildet war irgendein ehema­liger King. Zu der Zeit hatte das englische Pfund, bzw. die 5-Pence Münze noch einen richtigen Wert. Diese Art von Münze hatte meiner Erfahrung nach 98% von unserer DM. Leider fand ich im Durch­schnitt immer nur 7-8 solcher Münzen in einem Beutel. Anfangs fiel fast jeder dritte Zigarettenauto­mat selbst auf die ganz neuen englischen Münzen herein. Dann aber begannen die Aufsteller zu reagieren. Es wurde immer schwieriger an anderer Leute Geld bzw. Zigaretten zu kommen. Die beiden letztgenannten Münzsorten hob ich mir für die Geldspielautomaten auf, obwohl manche davon auch die erst genannten schluckten. Ich habe dann sogar Tagebuch darüber geführt. Konnte ich 1000 Münzen in einem Groschengrab unterbringen bekam ich als Gegenwert 1100 Mark heraus; das lag daran, dass ich nicht zockte und auch jede noch so kleine Serie einfach laufen ließ und so kam ich viel besser voran als bei den Zigaretten.Die Schachtel Zigaretten verkaufte ich für 2 DM. Leicht auszurechnen, dass dabei nur 660 DM für mich herauskamen. Immer von 1000 englischen Münzen ausgehend.

Wenn ich mal wieder einen Automaten gefunden hatte, der funktionierte, wurde ich nicht gleich gierig. Stets ließ ich die nötige Vorsicht walten. Man konnte ja nie wissen, wer an Schlaflosigkeit litt und deshalb am Fenster saß. Oder diejenigen, die einen leichten Schlaf hatten und sich von dem ständigen „Ratsch-Bumm!“ beim Herausziehen und wieder Hineinschieben der Schublade, wo die Zigaretten herauskamen, gestört fühlten. Nur sehr selten stand ein Automat so günstig, dass ich diesen auch vollkommen leer machen konnte. Ansonsten begnügte ich mich mit drei bis vier Schachteln bei einem Gang. Suchte den Automaten dann natürlich nach einer Stunde wieder auf.

Natürlich hatte der Staatsanwalt Recht, als er sagte, dass ich bei meinen Taten eine kriminelle Energie entwickelt hätte. Hatte ich noch nach meiner ersten Reise die Münzen in der Innenstadt planlos verteilt, war so finanziell nach vorne gekommen, machte ich mir schon nach der zweiten Reise einen Plan. Das heißt ich nahm mir den Stadtplan von Hannover vor. Ich schnitt ein Plan­quadrat heraus und graste diese Gegend systematisch ab.

War doch klar, dass ich meine Unkosten niedrig halten wollte.

Der Absatz machte mir keine Schwierigkeiten. Zu der Zeit hatte ich noch einen großen Freundes­kreis. Die Raucher darunter nahmen mir die verbilligten Zigaretten mit Handkuss ab. Ein Kiosk­besitzer direkt vor der größten U-Bahn Station konnte laufend die Sechserpacks von Fahrkarten gebrauchen. Nur leider war die ÜSTRA schon bald dagegen, dass sich da jemand so billig bediente. Wochenlang prangte ein hellrot leuchtender Pfeil, der auf den Münzschlitz wies, mit der schwarzen Aufschrift: “nimmt keine Markstücke an!“ an den Fahrkartenautomaten. Es dauerte eine ganze Weile, um neue Münzprüfer[6] zu entwickeln. Ich glaube, das hat mehr gekostet, als ich jemals an Fahrkarten herausgeholt habe.

Jedem ist wohl bekannt, dass die Engländer eine Berufsarmee haben. Gerade hier in Niedersach­sen gab es jede Menge dieser Besatzungs-Berufssoldaten. Damit diese Soldaten ihre Lieben in der Heimat oder die aus der Heimat ihre Liebsten, Söhne, Väter besuchen konnten, hatte sich ein reger Buspendelverkehr entwickelt. Ich erfuhr davon. Und, ich erfuhr auch, dass man ohne weiteres auch als Deutscher diese preiswerte Reise in Anspruch nehmen konnte. Das ganze kostete aber im Gegen­satz zu der Zugfahrt (340 DM) nur 101 DM! War doch klar, dass ich meine Unkosten niedrig halten wollte. Hinzu kam noch, dass ich mir das lästige Umsteigen und Schleppen des schweren Gepäcks sparen konnte. Ich setzte mich gegen 17 Uhr in den Bus, war am nächsten Morgen in London. Warum ich diese Details schildere? Nun, seit 1990 gibt es keine derartigen 5-Pence Münzen mehr und Deutschland hat den Euro[7] eingeführt.

Diesen hier beschriebenen „Job“ führte ich von 1983 – 1990 aus.

Mit einer zweijährigen Unterbrechung. Besser gesagt einer Zwangspause von zwei Jahren. Nein, keine Krankheit war schuld daran. Oder doch? Ich männliches Weichei hatte mich mal wieder verliebt.

Es kam wie es kommen musste. Wir landeten zusammen im Bett.

Hier korrigiere ich mich lieber. Nicht ich hatte mich zunächst verliebt, vielmehr wurde mir Liebe vorgeheuchelt. Ich muss gestehen, dass ich mich geschmeichelt fühlte von solch einer hübschen jungen Frau (ich 45, sie 19!!!) auserkoren zu sein. Erst viel später, zu spät! erkannte ich die Beweg­gründe, warum ich solch große Chancen bei ihr hatte. Sie war schon mit 16 aus Berlin von ihren Eltern abgenabelt, lebte derzeit von Sozialhilfe mit einer Freundin zusammen. Ich wäre viel zu schüchtern gewesen sie zu fragen, ob sie mit mir nach Hause kommen würde. Eigentlich war ich ja nur in die Stadt reingefahren, um Staubsaugerbeutel einer bestimmten Marke zu kaufen. In einem Lokal wollte ich mir noch einen Gerstensaft zu Gemüte führen, bevor ich wieder zu meinem Sohn nach Hause fuhr. Ich hatte gerade eine „Mark“ meiner speziellen Sorte in die Musikbox geworfen, da stand sie auch schon mit ihrer Freundin neben mir und fragte, ob sie eine Platte ihrer Wahl drücken dürfe. Warum auch nicht? Die nächste Frage aber war auch schon, ob ich ihr ein Bier ausgeben könnte. Ich dachte mir wirklich nichts dabei, ihr auch diesen Wunsch zu erfüllen. Inzwischen war ich ja wieder ein gut betuchter Mann geworden.

Seltsam der Name ihrer Freundin fällt mir jetzt sofort ein, während ich mich so gar nicht mehr an den Namen meiner dritten Ehefrau erinnern kann. Ehrlich! Allenfalls fällt mir ihr Mädchenname gerade mal ein. Den Vornamen hat mein Gehirn völlig verdrängt. Na ja, bei dem einen Bier blieb es natürlich nicht. Und wo sie doch mit ihrer Freundin da war, konnte ich diese schlecht aus­schließen. Auch das machte mich nicht viel ärmer. Schließlich war dies eine ganz normale Kneipe und keine Animierbar. Ich genoss es, mich mit der recht witzigen kleinen Person zu unterhalten. Hatte ich doch schon viele Monate kaum Kontakte gepflegt und mich fast ausschließlich nur mit meinem Sohn unterhalten können. Zwar konnte ich meinem Sohn jetzt wieder alle seine Wünsche erfüllen, viel mit ihm gemeinsam unternehmen, seine Hausaufgaben beaufsichtigen, ansonsten steckte ich meine Nase wieder verstärkt in die Bücher, sah fern, blieb einsam. Von diesem, meinem derzeitigen Leben berichtete ich auch, als ich danach gefragt wurde. Würde mir der Vorname ein­fallen würde ich jetzt schreiben, N.N. wollte mir nicht glauben, dass ich als alleinerziehender Vater mit meinem 9jährigen Sohn alleine eine Dreizimmerwohnung am Stadtrand von Hannover bewohne. Aus dem Nachmittag wurde Abend. Ich rief meinen Sohn zu Hause an, dass er doch so lieb sein möchte alleine ins Bett zu gehen, Vati kommt heute etwas später nach Hause. Dieser nahm das auch ohne zu murren hin. Die Freundin meiner Frau in spe (wovon ich zu dem Zeitpunkt noch nicht einmal zu träumen wagte, von in spe) verabschiedete sich und wir beide wechselten die Lokalität. Während ich zwischendurch immer mal wieder eine Cola trank, konnte sie einen ordent­lichen Stiefel Bier vertragen. Gegen Mitternacht ging mein Bares zur Neige. Jedenfalls das, was ich bei mir getragen hatte.

Als ich mich von N.N. verabschieden wollte, bestand sie darauf mitzukommen. Sie wollte mir partout nicht die Geschichte mit dem alleinerziehenden Vater abnehmen. Die Zeit, wo noch Straßenbahnen oder Busse fahren, war schon längst überschritten. Ein Schelm, wer jetzt Böses denkt, wenn ich sage, dass ich sie im Taxi mitnahm. Zu Hause angekommen bat ich sie im Taxi zu warten, weil ich erst Geld aus der Wohnung holen müsse. Darauf wollte sie sich so gar nicht einlassen. „Nee, nee dann bleibe ich auf den Fahrtkosten sitzen!“ meinte sie. Der Taxifahrer ließ sich darauf ein, dass wir beide nach oben gingen, als ich ihm meine Brieftasche mit sämtlichen Papieren zu Pfand gab. Noch bevor ich Bargeld aus meinem Vorrat hervorholen konnte, bestand sie darauf, erstmal meinen Sohn sehen zu wollen. Also führte ich sie zum Kinderzimmer, machte das Licht an, und da lag selig schlummernd mein Sohn, wie sie sich selbst überzeugen konnte. Aber immer noch misstrauisch inspizierte sie, nachdem wir den Taxifahrer entlohnt hatten, das Badezimmer und schaute in die Schränke. Sie suchte nach Spuren, ob ich nicht doch ein weibliches Wesen beherbergte.

Es kam wie es kommen musste. Wir landeten zusammen im Bett.

 

Fußnoten

[1] Die MITROPA, später MITROPA AG, war eine Bewirtungs- und Beherbergungsgesellschaft, die die Versorgung von Reisenden in Bahnhöfen und auf Autobahnraststätten bereitstellte und durchführte. Sie wurde 1916 zum Betrieb von Schlaf- und Speisewagen gegründet. „MITROPA“ ist ein Akronym, das sich aus „MITteleuROPäische Schlaf- und Speisewagen Aktiengesellschaft“ ableitet. https://de.wikipedia.org/wiki/Mitropa

[2] Die Leistung des Automaten wird erschlichen, indem der Täter den Kontrollmechanismus des Geräts überlistet. Dies kann beispielsweise durch das Verwenden von Falschgeld zur Überwindung eines Münzprüfers geschehen https://de.wikipedia.org/wiki/Erschleichen_von_Leistungen

[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Spielhalle  https://de.wikipedia.org/wiki/Spielautomat Soll keine Einladung sein: https://www.onlinecasinobluebook.com/de/wissen/tutorials/spielautomaten/

[4] Die Einkaufspromenade in der Innenstadt von Hannover, … entstand in den 1970er-Jahren beim unterirdischen Stadtbahnbau und hieß ursprünglich Passerelle bis zu ihrer Umbenennung im Jahr 2002 zu Ehren der Künstlerin Niki de Saint Phalle. https://de.wikipedia.org/wiki/Niki-de-Saint-Phalle-Promenade

[5] Aus dem Besitz von Dieter Schulz

[6] Münzprüfer (auch: Münzer) sind Geräte, die Münzen nach bestimmten Vorgaben sortieren. Sie werden in Automaten eingesetzt, um Falschgeld, Fremdwährung oder unerwünschte Münzwerte zu erkennen und auszu­sortieren. https://de.wikipedia.org/wiki/M%C3%BCnzpr%C3%BCfer

[7] An der Euro-Einführung kann es zu diesem Zeitpunkt nicht gelegen haben. https://de.wikipedia.org/wiki/Euro

 

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