Dierk Schaefers Blog

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« Kap. 37 f

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Dieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit,

die keine Kindheit war

Siebenunddreißigstes Kapitel

Zwei große Dinger parallel

So sitze ich nun vor einem PC und haue wieder im Zweifingersuchsystem in die Tasten. Das fällt mir jetzt umso leichter, weil sich der Kreis bei mir zu schließen beginnt. Dass dies jemals der Fall sein könnte, habe ich mir zu Beginn meiner Aufzeichnungen noch nicht einmal träumen lassen.

Die Vertreibung aus meinem Geburtshaus in der Nähe von Königsberg. Aus Königsberg generell und meine Rückkehr dorthin. Zwar nur mit einem Visum ausgestattet hatte ich das unwahrschein­liche Glück, in das Innere unseres kleinen Häuschens in Neudamm sehen zu können. Jedoch um diesen Kreis zu schließen, muss ich hier noch ziemlich viel Aufklärungsarbeit leisten. Bin ich doch wieder einmal völlig aus der Reihe getanzt in meiner Erzählung. Alles was ich bisher geschrieben habe, schreiben werde, ist ohne weiteres von mir belegbar. Sie lesen hier keinen Roman! Nur, hier taucht bei mir die Frage auf: wollen die Menschen überhaupt erfahren, wie ein Mensch zum Ver­brecher wird? Ich meine damit das Vorspiel. Alles im Leben hat ein Vorspiel. Nicht nur beim Sex. Was wäre ein Buch ohne Vorspiel? Um zum Höhepunkt zu kommen, muss der Kopf einge­schaltet werden. Zum Vorspiel gehört meines Erachtens auch, dass ich Ihnen meine Beweg­gründe zum Verfassen dieses Buches darlege. Jetzt kann ich Ihnen ja auch gestehen, dass ich damals versäumt hatte, meinen Kopf einzuschalten, als ich mich den Vorschlag von Harry einließ. Puh! Ich hoffe, ich habe wieder die Kurve erwischt, wo ich bei meiner Erzählung aus der Bahn gekommen bin.

Geiz ist geil, sagt ein moderner Werbeslogan. 1990 war dieser Spruch noch völlig unbekannt. Ich aber war da bereits geizig. Ich sparte mir sogar das Denken. Das Nachdenken darüber, wozu ich mich da verpflichtet hatte. Mein Gewissen beruhigte ich dahingehend, indem ich mir sagte: „Dieter, du bist ja nur der Fahrer“. Eine Waffe in die Hand zu nehmen, andere gar damit zu bedrohen, war so gar nicht mein Ding. Hatte ich doch selbst schon als Kind am eigenen Leibe spüren müssen, wie man sich in solch einer bedrohlichen Situation fühlt. Ich meine damit, von einer Waffe bedroht zu werden.

Das große Projekt

Vorläufig konnte ich [mich] noch durch ein anderes Projekt ablenken, welches ich mit einem Detlev Kaufmann in Angriff genommen hatte. Dazu war allerdings eine Menge Anfangskapitel notwendig. Meine Wut darüber, von meinem Ex-Geschäftspartner reingelegt worden zu sein, war noch nicht verraucht, da traf ich in der City zufällig wieder auf einen ehemaligen Bekannten aus dem Knast und stolperte in die nächste Abzockfalle! Im Knast hatte dieser Mann schon allenthalben für Aufmerksamkeit gesorgt. War er doch der einzige Strafgefangene, der doch tatsächlich ständig mit Zivilklamotten, mit Schlips und Kragen, über die Flure lief. Fast immer trug er dabei auch noch irgendeinen Akten­ordner unter dem Arm. Mister Wichtig wurde er deshalb schon von den übrigen Gefangenen genannt. Durch Tricksereien, die er sich aus den einschlägigen Gesetzesbüchern herausgelesen hatte, hatte er sich diesen Sonderstatus übers Gericht erkämpft, dass er seine Privatklamotten auch im Knast tragen durfte. Intelligente Menschen hatten mich schon immer beeindruckt. Deshalb hatte er leichtes Spiel, mich für seine Geschäftsidee zu begeistern. Schnell hatte er gecheckt, dass ich finanziell ganz gut da stand. Für sein Vorhaben war ich genau der richtige Mann. Er hatte das Know-how, ich konnte mit einer ordentlichen Finanzspritze seine Idee verwirklichen. Wenige Tage später schon holte ich ihn mit meinem Auto vom Knast ab. Er wurde nach Verbüßung von 2/3 seiner Strafe entlassen. Im Gefängnis selbst hatte er nie eine Hand gerührt, um sich mit primitiver Arbeit etwas zu verdienen. In den letzten Monaten seiner Haft hatte er den Freigängerstatus erreicht, hatte im Büro seiner Schwester einen Job angenommen. Beinahe hätte ich umsonst vor dem Gefängnistor auf ihn gewartet. Seine Schwester hatte nämlich nie die fälligen Beiträge an die Gefängnisverwaltung abgeführt, die nun einmal erhoben werden, wenn ein Gefangener außerhalb der Anstalt arbeitet. Irgendwie schaffte er aber auch diese Hürde.

Schon am nächsten Wochenende fuhr ich mit meiner Familie, Helga, mein Sohn und dessen Freun­din nach Amsterdam. Bis nach Essen folgte uns seine Schwester mit ihrem klapprigen Ford Capri. Dort bog sie dann mit ihrem Bruder in Richtung Düsseldorf (Köln?) ab. Wir setzten unseren getarnten Familienausflug gen Amsterdam fort, während Detlev sich bei einer Spezialmesse umschauen wollte. Er hatte sich schlau gelesen. Auf besagter Messe wurden die neuesten Modelle von Fotokopierern vorgeführt. Solch ein Gerät benötigten wir unbedingt, um unsere Geschäftsidee umzusetzen. Ich hätte zu der Zeit gut und gerne jeden Tag ein Kilo Haschisch an den Mann brin­gen können, holte aber nur vier bis fünf Kilo pro Fahrt. Und das zweimal im Monat. Mein Dealer in Amsterdam wusste wohl, dass ich ohne weiteres eine größere Menge abnehmen könnte, wenn ich nur wollte. Deshalb machte er mir einen Vorschlag. Sollte ich mich dazu ent­schlie­ßen können, Mengen in der Größenordnung ab 20 Kilo abzunehmen, garantierte er mir die Lieferung frei Haus nach Deutschland. Bei solchen Dimensionen jedoch schreckte ich zurück.

Zunächst einmal durfte ich die Unkosten finanzieren, die bei Detlevs Schwester anfielen. Sie betrieb ein Übersetzungsbüro in der City von Hannover, wo in einem zweiten Raum Detlev selbst eine Zei­tung herstellte und zu vertreiben versuchte. Beide Geschäfte gingen aber nur mit sehr mäßigem Erfolg. Ich jedenfalls war von seiner Geschäftsidee dermaßen begeistert, dass ich die Unkosten des bestehenden Büros übernahm.[1] Dieses Büro war enorm wichtig, um überhaupt ins Geschäft zu kommen.

Ein Fotokopierer für 80.000,00 DM

Die erste Firma, von der Detlev den begehrten Fotokopierer beziehen wollte, machte allerdings einen Rückzieher. Die hatten natürlich bei diesem 80 000 Mark Projekt, wenn auch nur auf Leasingbasis, die Kontenbewegungen angeschaut. Hindernis erkannt, Hindernis beseitigt. Ich sorgte mit Hilfe von Helga und deren Familienmitgliedern für einen regen Geldfluss auf dem Konto von Detlevs Schwester. Ein paar Wochen später eine andere Firma, die das gleiche Kopiergerät vertrieb, und wir sollten ein derartiges Gerät geliefert bekommen. Die nächste Hürde musste noch genommen werden. Wir benötigten Spezialpapier, welches den echten DM Scheinen am nächsten kam. Gar nicht so einfach da ran zu kommen, kann ich ihnen sagen. Ab einer gewissen Prozent­zahl[2] stand das Papier überall auf dem Index, wo nicht gleich jeder bestellen konnte. Was also tun? Über unseren bestehenden Verlag als Firma eingetragen bestellten wir europaweit bei Herstel­lungs­firmen Muster ihrer Produktionspalette. Das neu herausgekommene Geld sollte ja, so laut Bundesbank, fälschungssicher sein. Irgendeine Firma hatte dann in dem Album, welches wir erhielten, ein Papier dabei, das in etwa 75 % der Kriterien erfüllte. Um aber nicht aufzufallen, bestellten wir zunächst vier verschiedene Muster in begrenzter Anzahl von Bögen bei der betref­fenden Herstellungsfirma. Bei der zweiten Bestellung waren es dann nur noch zwei verschieden­artige Papierbögen in einer schon größeren Menge. Auch diese Bestellung wurde uns anstandslos geschickt. Unsere letzte Bestellung enthielt nur noch die eine Sorte Papier, auf die wir scharf waren. Auch die von uns benötigte Menge wurde uns prompt geschickt.

Dann konnte es ja mit der Produktion losgehen, nachdem inzwischen auch der Kopierer eingetrof­fen war. Das ganze musste ich natürlich finanzieren, auch die Büromiete. Von meinen Drogenge­schäf­ten blieb mir kaum noch ein Gewinn übrig. Das alles geschah im Monat November 1990. Parallel zu meinem Versprechen, als Fahrer bei einem Banküberfall zu fungieren. Ich war zwar nicht gerade pleite, aber ein zusätzlicher Geldregen, dagegen hatte ich nichts einzu­wenden. Außerdem hatte ich ja ein Versprechen abgegeben.[3]

Bei meiner letzten Rückfahrt aus Amsterdam kommend gerieten wir in einen kilometerlangen Stau in der Höhe von Minden. Zu Hause angekommen fand ich auf dem Wohnzimmertisch einen Zettel vor. Darauf hatte mein Sohn geschrieben, dass ein gewisser Harry angerufen hätte. Er wollte es um sechs Uhr wieder versuchen. Ich solle mich bereithalten. Helga ging ins Schlafzimmer, ich dagegen blieb gleich im Wohnzimmer auf der Couch liegen. Schnurlose Telefone waren derzeit noch nicht erfunden. Nach nur knapp drei Stunden Schlaf riss mich das Telefongebimmel in die Wirklichkeit zurück. Harry stand schon mit Reisegepäck am Bahnhof und wartete darauf, dass ich ihn dort abhole. Wolfgang wartete auch schon startbereit zu Hause. Innerhalb einer halben Stunde war ich dann auch soweit, nachdem ich mir eine Dusche und Tasse Kaffee gegönnt hatte.

Das kleinere Ding

Kaum waren wir aus Hannover raus, auf der Autobahn, fragte Harry mich auch schon, ob ich was zum Kiffen mitgebracht hätte. Ich muss gestehen, ich weiß bis heute nicht, wie ich auf den Trichter gekommen war, ein kleines Sortiment von meiner Ware einzustecken, bevor ich losfuhr, die beiden abzuholen. Ich hatte acht Gramm in der Tasche, von dem am nächsten Abend wieder zurück in Hannover kein Krümel mehr übrig war. Ich selbst konnte zu dem Zeitpunkt dem Zeug überhaupt keinen Geschmack abgewinnen. Erst viel später im Knast widmete ich mich aus Gesundheits­gründen der Heilpflanze Cannabis. Ganz ehrlich! Erläuterung kommt später!

Während der Fahrt gen Osten kristallisierte sich heraus, dass die beiden weder ein bestimmtes Ziel, noch überhaupt einen Plan hatten, wo und wie der Banküberfall ablaufen sollte. Mein Vorschlag Frankfurt/Oder, wo ich mich etwas auskannte, wurde dann auch akzeptiert. Fast vierhundert Kilometer von Hannover entfernt, befuhren wir die Straßen der Stadt, hielten nach Bankinstituten Ausschau. Nicht nur die Begehbarkeit der Bank an sich musste berücksichtigt werden. Ein viel versprechender Fluchtweg war maßgeblich. Aber genau daran haperte es, wie wir bei unserer Erkundungsreise durch Frankfurt feststellen mussten. Das lag vor allem daran, dass eine Flucht­möglichkeit nur in einer Richtung gegeben war. Schließlich zog die Oder eine natürliche Grenze zu Polen. Etwas wirklich Geeignetes fanden wir in dieser Stadt also nicht. Harry und Wolfgang hatten gut reden, „dann versuchen wir es eben morgen woanders!“ Die beiden hatten ja noch nicht ein­mal soviel Geld in der Tasche, dass sie mir einen Spritkostenanteil geben konnten. Somit würde ich auch noch die Hotelkosten berappen können. Jetzt war ich nicht nur Fahrer der beiden, sondern auch noch der Versorger. Klar, dass sie auch noch Hunger hatten. Beim Haschisch­konsum bekommt man leicht einen Heißhunger. Bei der Gelegenheit, so dachte ich mir, könnte ich mich ja auch gleich mal wieder bei meiner Schwester in Eisenhüttenstadt sehen lassen. Eisenhüttenstadt[4] lag ja gleich um die Ecke.Hannover-Eisenhüttenstadt.jpg Ganze 27 Kilometer entfernt. Mein Vorschlag dorthin zu fahren wurde von den beiden angenommen. Blieb ihnen ja auch nichts anderes übrig. Irgendwie waren sie ja von mir abhängig.

Bei meiner Schwester klingelte ich dann vergebens. Sie war auf Schichtdienst in der Großbäckerei der Stadt. Die Nachbarin, die uns nach vergeblichem Klingeln diese Auskunft gegeben hatte, beschrieb uns auch den Weg dorthin. Meine Schwester war erfreut, ihren Bruder wiederzusehen. Hatten wir uns doch seit 1955 nur ein paar Mal kurz gesehen. Bei der Beerdigung unserer Mutter 1973, als sie dafür ausreisen durfte, und später fuhr ich mit unserem Vater zweimal zu ihr in den Osten. 1989, als unser Vater starb, trafen wir uns auch kurz wieder. Erst die Wiedervereinigung brachte uns auch wieder näher. Welch ein Wunder also, dass sie sich von ihrem Dienst befreien ließ, eine Vertretung mobilisierte und mit uns zur Wohnung fuhr.

Sie ließ es einfach nicht zu, dass wir uns in Eisenhüttenstadt in einem Hotel einmieteten. Sie überließ uns ihr Schlafzimmer, nächtigte selbst auf der Couch im Wohnzimmer. Natürlich war in ihrer Gastfreundschaft auch ein von ihr serviertes Abendessen drin. Auf ihre Frage, was uns denn nach Eisenhüttenstadt getrieben hätte, so ganz ohne Anmeldung, erfand ich eine Geschichte, die ziemlich plausibel klang. Mit Wolfgang, der sich, wie erwähnt, gerne als Gentlemen kleidete, war meine Ausrede erklärbar. Angeblich wollten die beiden sich in Frankfurt ein Objekt ansehen, wo sie sich geschäftlich niederlassen wollten. So war es nur logisch, dass wir am nächsten Morgen wieder nach Frankfurt fahren müssten.

Nichts war vorbereitet.

Mir machte schon den ganzen Tag über während der langen Fahrt von Hannover nach Frankfurt eine Sache Kopfzerbrechen. War doch mit Harry im Vorfeld ausgemacht, dass er irgendwie an zwei Autonummernschilder kommen müsse, die an meinen Passat passen würden. Noch nicht einmal das hatte der erfahrene Knacki auf die Reihe bekommen. Ich selbst war für Diebstahl oder gar Einbruch so gar nicht geeignet, hatte ich doch zwei linke Hände, was das Technische anging. Also war mal wieder mein Improvisationstalent gefragt. War ich nicht darauf geeicht zu improvisieren?

Meiner Schwester gaukelte ich vor, zum einen, einen Verdauungsspaziergang zu benötigen nach ihrem frugalen Mahl und zum anderen wollten wir dabei noch das morgige Geschäft besprechen. „Gut!“ meinte mein Schwesterherz. Derweil würde sie für uns das Nachtlager in ihrem Schlafzim­mer vorbereiten und das Geschirr abwaschen. Es war bereits nachtdunkel draußen, als wir an diesem 19. November gegen 17 Uhr aus dem Haus gingen. Längst hatte ich erkannt, dass Harry und Wolfgang sich mehr um die Funktionalität ihrer Waffen Gedanken machten als um den ebenso wichtigen Rest, der bei einem Banküberfall von Nöten war. So langsam machte ich mir Gedanken darüber, worauf ich mich da bloß eingelassen hatte.

Zunächst einmal hatte ich eine Lösung für die fehlenden, falschen Autonummernschilder gefunden. In einer Drogerie erstand ich eine Rolle weißen Heftpflasters. Damit konnte ich das H in meinem Nummernschild zu einem I abkleben. Derzeit fuhren noch die meisten Ostautos mit ostdeutschen Kennzeichen durch die Gegend. Das I stand für Berlin. Aus den zwei Achten im Nummernschild ließen sich sehr gut zwei Dreien machen. Dann musste ich auch noch in die Tasche greifen, um den beiden je eine gestrickte Schimütze zu kaufen. Noch nicht einmal daran hatten sie gedacht, mit einer Maske in die Bank zu gehen. Das kennt, glaube ich, jeder, der schon mal einen Krimi gesehen hat. Bankräuber zieht sich seine Pudelmütze ins Gesicht, darin sind zwei Schlitze für die Augen rein geschnitten. Wenigstens hatten die beiden an Handschuhe selbst gedacht. Der Fin­gerabdrücke wegen. Sie verstehen? Jetzt glaubte ich, dass die Ausrüstung stimmte. Nur einen richtigen Plan hatten die beiden immer noch nicht, wie es weitergehen sollte. Zunächst einmal taten sie, wieder bei Schwester in der Wohnung, nichts anderes, als was sie schon während des ganzen Tages getan hatten. Sie rauchten einen Joint nach dem anderen von meinem Vorrat, den ich bei mir hatte. Dazu stand noch eine große Flasche Wodka und reichlich Bier auf dem Tisch. Da ich mir als Fahrer der Verantwortung bewusst war, schlürfte ich im Laufe des Abends gerade mal an zwei dünnen Weinschorlen. Meine Schwester bat mich mal nachzuschauen, ob es wohl so recht wäre, wie sie ihr Schlafzimmer für drei zurechtgemacht hätte. Dort hatte ich schon mit Helga und meinem Sohn während der Sommerferien die Nächte verbracht. Beim Besichtigen des Schlafzim­mers fiel rein zufällig mein Blick durchs Fenster.

Nehmen wir doch ganz einfach die Dresdner Bank, direkt vor der Haustür.

Natürlich! Das war es! durchfuhr es mich wie ein Blitz. Wie schon in den Ferien konnte ich durchs Fenster einen Teil der Bank erkennen, die schon zu Ostzeiten dort ansässig gewesen war. Jetzt allerdings prangte dort in greller Leuchtschrift der Name einer bekannten Bank. Dresdner Bank!

Ich musste an diesem Abend ein zweites Mal meine Schwester anlügen. Unter einem an den Haa­ren herbeigezogenen Vorwand brachte ich die beiden noch nicht ganz besoffenen Harry und Wolfgang dazu, mir noch mal nach draußen zu folgen. Erstaunt folgten sie mir sogar gehorsam. Nicht schnurstracks auf die Bank zugehend, meine Schwester hätte uns ja sehen können, führte ich die beiden zu der Bank. Die Lage war einfach ideal für unser Vorhaben! Der Spaziergang in der frischen, kalten Novemberluft machte die vollgekifften und angesoffenen Köpfe meiner Tatgenos­sen wieder aufnahmefähig. Sofort baldowerten wir einen geeigneten Fluchtweg aus. Ich dachte gar nicht daran, direkt vor der Bank mit laufendem Motor auf meine Komplizen zu warten. Dabei hätten allzu viele Passanten in dieser kleinen Einkaufsstraße Gelegenheit, sich Einzelheiten an meinem Auto zu merken. Hinzu kam noch, dass sich die Bank am Ende einer Sackgasse befand. Vom Sommer her kannte ich die Bauweise dieser erst in den 50er Jahren aus dem Nichts erbauten Stadt. Fantasielos waren sämtliche Plattenbauten immer im gleichen Stil angelegt. Mir das Vorbild des Hauses, in dem meine Schwester wohnte, vor Augen haltend begingen wir den vorgesehenen Fluchtweg. Wie nicht anders zu erwarten, waren die vorderen Eingangstüren nicht abgeschlossen. Die aus Plastik bestehenden Schlüssel und Schlösser hätten nur allzu oft ausgewechselt werden müssen. Ins Haus zu kommen war also kein Problem. Vier oder fünf Stufen hoch, an zwei Woh­nungs­türen vorbei, vier, fünf Stufen runter, und man stand vor der Hintertür. Die auch nicht abgeschlossen war. Noch nicht einmal am späten Abend, sowie in der Nacht. Cirka 50 Meter Kiesplattenweg, und dort würde ich bei laufendem Motor und angelehnten Autotüren auf meine Kumpane warten. Soweit der erste Teil unseres Fluchtplanes, den ich so bestimmte. Die beiden, die mich ja lediglich als Fahrer des Fluchtautos engagiert hatten, waren vollauf begeistert von meinem Plan.

 

Achtunddreißigstes Kapitel

Der Banküberfall

Ich fragte mich wie die beiden nach so langer Alkoholabstinenz im Knast diese Mengen von Alko­hol vertragen konnten. Ich selbst hätte mich schon zehnmal bekotzt. Zumal ja auch noch das Dope hinzukam, welches sie sich da reinzogen. Es störte sie gar nicht, als ich sie ermahnte am nächsten Morgen fit zu sein und die Nacht um 8 Uhr zuende wäre. Ich jedenfalls entzog mich der Säufer­runde und machte lieber Matratzenhorchdienst. Meine Schwester, die ich gebeten hatte, uns gegen acht Uhr zu wecken, hatte uns einen reichhaltigen Frühstückstisch zubereitet. Als wir gegen neun Uhr aus dem Haus gingen glaubte sie, dass wir einen Termin in Frankfurt hätten. Wir erweckten bei ihr sogar den Eindruck, dass wir im Laufe des Tages wieder zu ihr zurückkehren würden. Der Ein­druck wurde noch dadurch verstärkt, indem wir unsere kargbestückten Reisetaschen bei ihr stehen ließen. Ursprünglich war ja auch vorgesehen, dass ich die beiden Bankräuber unmittelbar nach Vollendung der Tat mit der Beute an der Hintertür meiner Schwester absetzen würde, ich selbst in Kauf nahm, in eine Kontrolle zu geraten. Was konnte mir schon passieren, wenn man bei mir im Auto weder einen zweiten Mann noch eine Geldbeute vorfand? Am Abend, als dieser Plan in mir reifte, hatte ich weder die Jahreszeit noch einen anderen Umstand in Erwägung gezogen. Ich wunderte mich nur dass meiner Schwester der Gestank nicht auffiel, den die beiden Kiffer in ihrem Wohnzimmer hinterließen.

„Armoured!“ stand ganz groß an der Seite des Wagens.

Gleich nach den zwei Brötchen drehten die beiden sich eine Tüte, um sich aus der realen Welt zu beamen. Durch eine große Toreinfahrt erreichten wir das Innere des Karrees, wo sich die Bank befand. Allerdings die Rückseite der Bank, was ja auch so vorgesehen war, damit niemand sehen konnte, aus welchem Auto die Bankräuber ausgestiegen waren. Vorher waren wir noch zu dem Sportflugplatz etwas außerhalb der Stadt gefahren. Dort, völlig abgeschieden, beklebte ich mein Nummernschild wie oben beschrieben mit dem weißen Heftpflaster um eine ganz andere Nummer vorzutäuschen, den Wagen fuhr ich über eine Regenpfütze, bespritzte mit dem Schlammwasser das auffallend weiße Heftpflaster ordentlich mit dem Schlamm, um das ganze echt wirken zu lassen. Danach konnte man selbst bei genauerem Hinsehen nicht mehr erkennen, dass an dem Num­mern­schild manipuliert wurde. Alles sah schön echt aus. Unser vorgesehener Zeitplan wurde dann aber ganz ordentlich durcheinander gebracht. Gut vorbereitet, die Pudelmützen waren für einen derartigen Novembertag ohne weiteres angebracht, fuhr ich also in die Nähe der Bank. Fragte die beiden noch mal, ob sie sich den Fluchtweg auch gut eingeprägt hätten, den sie zu Fuß zurück­legen müssten, bevor sie mein Auto erreichten, da erwartete uns auch schon eine Überraschung. Am Hintereingang der Bank, die wir vorhatten um etwas Bares zu erleichtern, stand ein Geldtrans­porter. Was solch ein Gefährt zu bedeuten hatte, wusste jedes kleine Kind. Es stand ja auch ganz groß an der Seite des Wagens: „Armoured!“ Wir konnten dies im Vorfeld ja nicht ahnen, dass gerade um diese Zeit bewaffnete Geldabholer mit einem gepanzerten Wagen vor Ort sein würden. Mit Sicherheit wäre es zu einer Schießerei gekommen, wären meine Kumpels jetzt von vorne in die Bank eingedrungen, um abzukassieren. Also hieß es warten. Um ihr Herz wieder aus der Hose zu holen, baten sie mich, ihnen doch ein Mutwässerchen zu besorgen. Um nicht unnötig aufzufallen, fuhr ich zunächst einmal in eine Seitenstraße und holte vom Kiosk gegenüber der Bank eine Fla­sche Wodka. Ohne dass ich mich daran beteiligen musste, schafften die beiden in Null­kom­ma­nichts die Flasche zu leeren. So nebenbei sorgten sie auch noch dafür, dass meine acht Gramm Haschisch so langsam zur Neige gingen. So langsam fragte ich mich, ob wohl alle Bankräuber sich derart betäubten, bevor sie trauten eine Bank zu überfallen. Tags zuvor hatte ich ja auch noch versucht, den beiden ein paar Sätze in russischer Sprache einzupauken, um den Eindruck zu erwecken, hier seien Osteuropäer am Werk. Selbst wenn mir dies Tags zuvor gelungen wäre, ich glaube kaum, dass sie bei ihrer Aktion noch dazu in der Lage gewesen wären. Bei der Gerichtsver­handlung erfuhr ich erst, dass Harry zwei Anläufe benötigte, um über den Bankschalter zu jumpen. Seine Koordinationsfähigkeit hatte um einiges gelitten. Ich hatte den beiden auch klargemacht, dass sie sich auf keinen Fall länger als zwei Minuten in der Bank aufhalten dürften. Diese Zeit hatte ich ihnen vorgegeben, weil ich die Strecke zum einzigen Polizeirevier abgefahren hatte. Unter den allergünstigsten Umständen, die man immer in Betracht ziehen musste, konnte die Polizei in zwei­einhalb Minuten am Ort des Geschehens eintreffen. Das war jedenfalls meine Überlegung.

Auch das noch! Eine ganze Horde Kindergartenkinder.

Zunächst aber kam ich noch einmal in Bedrängnis. Der Geldtransporter war weggefahren, ich hatte die beiden abgesetzt, wollte zum vereinbarten Treffpunkt fahren. Beim Begehen am Abend war die Absperrung noch nicht vorhanden. Aber jetzt! Im Zuge des Geldflusses im Rahmen Wie­der­aufbau Ost war man dabei, auch in Eisenhüttenstadt die maroden Häuser zu sanieren. Aus­gerechnet auf unserem Fluchtweg war die Sanierung in vollem Gange. Angefangen hatte man damit, die von Bäumen bewachsenen Flachdächer zu entrümpeln. Unten, auf dem Plattenweg, hatte man vorsorglich abgesperrt. Was ja auch der Vorschrift entsprach. Nur ich musste jetzt wie ein Verrückter kurbeln, um auf diesem engen Weg wenden zu können. Hatte ich doch lediglich zwei Minuten und ein paar Sekunden laut meiner eigenen Vorgabe Zeit, den vereinbarten Treffpunkt zu erreichen. Geschafft! Dann aber kam mir zu allem Überfluss auf meinem Umweg auch noch eine ganze Horde Kindergartenkinder entgegen. Zu meinem Glück hatten die Betreuerinnen ihre Kinder aber gut im Griff. Schnell machten die Gören mir bereitwillig Platz. Mir kam das ganze wie eine Ewigkeit vor. Dennoch musste ich noch eine unendliche Weile auf meine Kumpane warten. Im Rückspiegel sah ich sie auf unser Auto zu rennen. Soweit schien ja alles bestens geklappt zu haben.

Plan B war angesagt.

Rein ins Auto und ab! Kaum hatte ich den Wagen in Fahrtrichtung rangiert, da kam mir auch schon das nächste Hindernis entgegen. Den schmalen, asphaltierten Weg im Inneren des Karrees versperrte eine Frau mit ihrem Kinderwagen. Während sie sich nur sehr langsam dazu bequemte an die Seite zu fahren, traten mir die Schweißperlen auf die Stirn. Mich wie vorgesehen auf dem Weg zum Haus meiner Schwester befindend musste ich feststellen, dass jetzt ganz andere Umstände herrschten, als ich sie vom Sommer her in Erinnerung hatte. Die im Sommer grünen Bäume und Büsche im Karreebereich boten in dieser Jahreszeit überhaupt keine Deckung mehr. Längst hatte ich bemerkt, dass uns die Arbeiter auf dem Dach sehr gut mit ihren Blicken verfolgen konnten. Den Plan, die beiden hinter dem Wohnhaus meiner Schwester abzusetzen, konnte ich getrost ad acta legen. Plan B war angesagt. Einfach so, aus dem Bauch heraus!

Zwei Torbogen von meiner Schwester entfernt fuhr ich, dabei eine Unterbodenwäsche meines Wagens kostenlos in Kauf nehmend, mit Karacho auf die John Scheer Straße. An der Kreuzung, wo sich auch das Städtische Krankenhaus befand, parallel zu der Straße wo, wenn überhaupt, um diese Zeit längst die Polizei zum Tatort unterwegs sein musste, fuhr ich diesen entgegen. Ein paar hundert Meter weiter hatten wir auch schon die Peripherie der Stadt erreicht. An der Kreuzung warf ich einen Blick nach rechts, wo sich das Polizei- und Gerichtsgebäude befand. Dort konnte ich keine irgendwie gearteten Aktivitäten feststellen. Ich jedenfalls bog nach links ab. Wie später aus den Gerichtsakten ersichtlich traf die Polizei erst nach 12 Minuten bei der Bank ein. Meine Güte. Hätten wir das gewusst, wir hätten noch in die Hinterräume der Bank eindringen können und dort weitere Hunderttausende, die gerade aus dem Nachttresor zusammengezählt wurden, mitnehmen können. Oder doch nicht? Meine so angeblich cleveren Kumpane hatten ja noch nicht einmal an eine Plastiktüte gedacht, worin sie ihre Beute verstauen konnten. So gab ich ihnen in letzter Minute mein Verbandskissen aus dem Auto. Dieses musste ich aber vorher noch leeren. Stellen Sie sich mal vor, ich wäre in eine Verkehrskontrolle geraten und hätte dieses notwendige Utensil nicht vorweisen können. Das hätte mich mindestens 10 Mark Geldstrafe gekostet. Zum Glück gerieten wir in keine Verkehrskontrolle. Noch in Sichtweite der Stadt überquerten wir einen kleinen Hügel. Ich hielt an, entfernte die Klebestreifen an den Nummernschildern, um nicht doch noch aufzufallen. Ich nahm, ohne überhaupt einen Plan zu haben, die nächste Abzweigung nach links. So genau, wie ich es Ihnen hier schildere, habe ich es viel später noch nicht einmal der Staatsanwaltschaft erklärt. Tatsache aber ist, dass die Bullen sich vier Jahre lang die Köpfe darüber zerbrachen, wie wir aus Eisenhüttenstadt entkommen konnten. Diese Stadt lag genauso wie Frankfurt genau auf der Grenze zu Polen.

Die Aussicht in Geld wühlen zu können ernüchterte selbst Harry.

Man hatte sofort die Wasserschutzpolizei alarmiert, die daraufhin diesen Fluchtweg absperrte. Die beiden Ausfallstraßen in Richtung Frankfurt als auch Bautzen waren schneller dicht gemacht worden, als dass die Polizei bei der Bank selbst eintraf. Ich selbst wusste ja auch nicht so recht, wo ich mich eigentlich befand, als ich nach links abgebogen war. Was die Ossis damals als Straßen bezeichneten, wäre hier im Westen gerade mal als Feldweg der dritten Kategorie durchgegangen.

Anfangs winkten unserem Westkennzeichen [?] ja noch Feldarbeiter fröhlich zu. Dann aber landeten wir in einem Kiefernwaldgebiet. Ich befürchtete schon auffällig zu werden, wenn uns jetzt ein Fahrzeug entgegenkommen würde. Doch wir befanden uns in einem Gebiet, wo zumindest um diese Jahres­zeit keine Menschenseele etwas verloren hatte. Ich aber dachte in westlichen Maßstäben. Ich rechnete sogar damit, dass Hubschrauber eingesetzt werden könnten. Ich wusste aus Verwandt­schafts­kreisen, das sich etwa 50 Kilometer entfernt eine Hubschrauberstaffel befand. Um der Überwachung aus der Luft zu entgehen, parkte ich in einem sehr dichtbewaldeten Stück.

Wolfgang konnte meiner Argumentation folgen, Harry dagegen wollte jetzt den Macker heraus­hängen lassen. Er wollte unbedingt ausprobieren, wie sich so ein echter Schuss anhörte. Mit viel Überredungskunst konnte ich ihn jedoch davon abbringen. Ich konnte ihm klar machen, dass gerade in dieser Jahreszeit Förster unterwegs waren, um Bäume zu markieren, die in der Frostpe­ri­ode gefällt werden sollten. Und so ein Schuss könnte einen Waldbegeher auf uns aufmerksam machen. Erst richtig von seinem Vorhaben konnte ich ihn aber erst ablenken, als ich ihn fragte, ob er denn gar nicht wissen wolle, was sie bei dem Überfall erbeutet hätten. Wodka und Haschisch hatten schon völlig sein Hirn vernebelt. Die Aussicht in Geld wühlen zu können ernüchterte selbst Harry. Mein Adrenalinspiegel hatte sich schon seit dem Augenblick aufs Normalmaß gesenkt, als wir kurz hinter der Stadt meine Nummernschilder wieder in den Normalzustand versetzt hatten. Ein sichern­der Rundblick, dann setzten wir uns alle drei ins Auto. Ich breitete auf der Rückbank eine Decke aus und entleerte nun das zweckentfremdete, prallgefüllte Erste-Hilfe-Kissen.

Harry, der hinter den Bankschalter gesprungen war, während Wolfgang an der Eingangstüre der Bank stehen geblieben war, um die anwesenden Bankkunden sowie das Personal in Schach zu halten, hatte in seiner Gier sogar einige Rollen Fünfmarkstücke eingesackt. Zunächst verschaffte ich mir einen Überblick über die Gesamtsumme. Ich bitte den geneigten Leser darauf zu achten, was ich jetzt niederschreibe! Die Höhe der Beute betrug genau 153.750 DM!!! Warum ich dies betone? Nun, in der späteren Anklageschrift wurde uns vorgeworfen, dass die Dresdner Bank einen Verlust von genau 31.517,32 DM[5] erlitten hätte.

Seltsam, sehr seltsam!!! Dabei hatte doch jeder von uns nach der Beuteteilung schon 51.250 DM in der Tasche. Das heißt, ich hatte ein wenig mehr. Hatte ich mir doch erlaubt gleich die Unkosten, die ich bisher getragen hatte, abzuziehen und Harrys Schulden bei mir abzurechnen. Um die Diskrepanz zwischen den beiden Summen zu erklären bedarf es keiner großen Phantasie.

1.) Für den Fall eines Bankraubs steht in einer Versicherungsklausel, dass an einem geöffneten Bankschalter jeweils nur 15.000 DM Bargeld (+ 10%) vorrätig gehalten werden dürfen. Diese Vorschrift wurde erlassen, um den Anreiz für einen Raub so niedrig als möglich zu halten. Und eben o.g. Summe ist auch nur versichert. Es ist sehr selten, dass die Bank das geraubte Geld vom Räuber zurück erhält, sofern man diesen nicht unmittelbar nach der Tat samt Beute einfängt. Um den Schaden einigermaßen einzugrenzen hatte die Bank, um wenigstens den Versicherungsanteil erstattet zu bekommen für die beiden geöffneten Bankschalter die Phantasiesumme von 31.517,32 DM angegeben. Wobei ich noch erwähnen möchte, dass sich unter der Beute kein einziges Markstück, geschweige denn Pfennige befand.

2.) So meine zweite These: Die Bank hatte selbst Dreck am Stecken. Erst wenige Wochen bevor wir abkassierten war die DM im Osten als offizielles Zahlungsmittel eingeführt worden. Wer weiß schon wie die Banken bei der Umtauschaktion gekun­gelt haben. Wäre die tatsächliche Beutesumme angegeben worden, hätte die Bank nicht nur die Versicherungssumme nicht bekommen, sondern es hätte höchstwahrscheinlich eine genauere Überprüfung der Bankunterlagen stattgefunden. Dabei könnte ja so Einiges ans Tageslicht kom­men. Also hielt man sich lieber bedeckt. Selbst als ich knapp vier Jahre später der Staatsanwältin alle offen gebliebenen Fragen in allen Einzelheiten erzählte, weil alle Rechtsmittel ausgeschöpft waren, an meiner langen Haftstrafe ohnehin nicht mehr zu rütteln war, wurde der Sache nicht mehr nachgegangen. Hier bewahrheitet sich wieder mal ein Sprichwort: Die Kleinen fängt man, die Großen lässt man laufen.

Ich soll der eigentliche Boss der Aktion gewesen sein.

Bei der Aufteilung der Beute durch drei achtete ich peinlichst genau darauf, ob sich unter den Geldbündeln nicht etwa ein Sicherheitspaket befand. Die meisten Bedenken hatte ich bei den 200er-Scheinen, die dazu auch noch mit fortlaufenden Seriennummern versehen waren. Im Gegensatz zu meinen Komplizen hatte ich ja zuhause noch einiges an Rücklage. Da lag es nur Nahe, dass ich die gefährdeten Geldbündel für mich behielt. Angeblich, laut Propaganda, war das neue Geld ja fälschungssicher. Gerade deswegen wurde ja bei Einkäufen besonders auf größere Scheine geachtet. Ich konnte ja davon ausgehen, dass sich unter diesen Scheinen NOCH keine Fälschungen befanden. Schließlich arbeitete ja Detlev in Hannover noch an der Produktion unseres Geldes. Da kam diese Beute hier sehr zupass. Jedes Geschäft bedarf einer Investition. Detlev war so klamm, dass er weder die Büromiete, geschweige denn die Leasingkosten für den Kopierer, noch das nötige Papier finanzieren konnte. 2.000 Mark kosteten alleine die drei Farbpatronen, die gerade mal zur Herstellung von ca. 150.000 Mark reichten. Aber zurück zum eigentlichen Geschehen.

Das Geld war also aufgeteilt. Wobei Harry allerdings schmollte. Er meinte, dass er als Ideengeber einen größeren Anteil beanspruchen könnte. Dann frage ich mich nur, warum das Gericht zu dem Urteil kam, dass ich der eigentliche Boss der Aktion gewesen sei. Der Richter führte aus, dass die Nähe der Wohnung meiner Schwester zur Bank hin kein Zufall sei. Und da ich ja bereits im Som­mer dort einige Zeit verbracht hätte, hätte ich das Ganze schon damals ausbaldowert. Konnte aber gar nicht sein. Im Sommer war die ehemalige Ostbank nämlich geschlossen. Zu jener Zeit gab es allenfalls Container und Busse, die die verschiedensten Banken in Eisenhüttenstadt zum Kunden­fang aufgestellt hatten.

Wolfgang holte seine überdimensionale Magnum heraus.

Weil es auch nach zwei Stunden des Versteckspielens unter den Bäumen keinerlei Hubschrauber­ak­ti­vi­täten am Himmel gab, beschloss ich unsere Flucht in Richtung Hannover fortzusetzen. Ich wollte ja auch nicht unbedingt in der früh einbrechenden Dunkelheit in dem mir unbekannten Wald umherirren. Nach einer unendlich erscheinenden Fahrt auf einer Waldschneise stieß ich endlich auf einen Feldweg. Pardon, auf eine Straße. Es musste eine Straße sein. An ihr entlang führte jeden­falls eine Strom- Telefonleitung? Die musste ja irgendwohin führen. Mit viel Risiko verfolgte ich diesen Weg. Risiko deshalb, weil dieser Weg eigentlich mehr für Trecker geeignet war. Es war für meinen Passat unmöglich, die eingefahrene Fahrspur zu benutzen. Das Mittelteil der beiden Spurrillen war derart hoch, dass mein Passat darauf hängengeblieben wäre. So musste ich mich darauf konzentrieren, mit einem Reifenpaar auf dem verbliebenen Hügel in der Mitte der Fahrrille zu balancieren, während die beiden anderen Reifen an der linken Böschung für Höhenausgleich sorgten. Zu meinem Glück wuchsen keine Bäume an der Böschung. Lediglich Ginsterbüsche. Diese fast immergrünen und Gott sei Dank weichen Zweige peitschten gegen mein Auto, zer­schrammten mir den Lack. Noch Tage später fand ich bei der Autowäsche am Unterboden des Autos festgeklemmte Ginsterzweige. Nach wer weiß wie vielen Kilometern erreichte ich endlich eine asphaltierte Straße. Zivilisation war in Sicht. Und siehe da, bald darauf ein Hinweisschild nach Cottbus. In Cottbus angekommen suchte und fand ich einen Wegweiser nach Berlin. Um dorthin zu gelangen, dass heißt die Autobahn zu erreichen, musste ich mich noch durch die Rush Hour in der City durchkämpfen. Ganz schön anstrengend, zumal auch noch ein Platzregen, den die Scheibenwischer kaum schafften, runter kam.

Wolfgang auf der Rückbank beduselt vom Alkohol und Haschkonsum hing in seinem Sitz wie ein Schluck Wasser in der Kurve. Doch wurde er plötzlich hellwach und überaktiv, als ich so nebenher erwähnte, dass sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein Polizeiauto befände. Sofort holte er aus seiner Reisetasche seine überdimensionale Magnum heraus.

Fußnoten

[1] Herr Schulz sagte mir [ca. Oktober 2010, ds], dass er über den dubiosen gemeinnützigen Verein (Cooperative Hilfe Niedersachsen e.V., Gemeinnütziger Verein] die Farbkopien der DM-Noten finanziert hatte. Sein Partner sei allerdings zu blöd für die Geldwäsche gewesen, so dass er in Süddeutschland aufgeflogen sei. [s. Kap. 42]

[2] Gemeint ist offensichtlich die Menge der Kriterien für Fälschungssicherheit bei Banknoten.

[3] Aus einem Mail von Dieter Schulz vom 25. Juli 2005: Noch hatte ich Auto und Führerschein. Beides hatten die Typen nicht, die an mich herantraten und fragten, ob ich wohl als Fahrer bei einem Bankraub mitmachen würde.

Herr Schäfer, Sie werden es vielleicht nicht glauben, wenn ich Ihnen meine Beweggründe schildere, die mich dazu veranlassten JA zu sagen. Ich war ganz einfach frustriert. Frustriert darüber, dass das Arbeitsamt einem 50-jährigen keinen Job mehr vermitteln konnte. Ich konnte mir schlecht auf die Stirn schreiben „Jetzt zeig ich es euch allen mal, wozu ein 50-jähriger noch fähig ist!“ Abenteuer im Blut fiel es mir nicht schwer, JA zu dem Plan zu sagen. Aber was heißt Plan. Keiner der beiden hatte einen Plan. Kreativ wie ich nun einmal bin lief dann alles so ab, wie ICH es mir ausgedacht hatte.

[4] Karte: https://www.google.de/maps/dir/Hannover/Frankfurt+(Oder)/Eisenh%C3%BCttenstadt/Hannover/@52.331475,11.3142521,7z/data=!4m26!4m25!1m5!1m1!1s0x47b00b514d494f85:0x425ac6d94ac4720!2m2!1d9.7320104!2d52.3758916!1m5!1m1!1s0x4707982a02b5fb6f:0x42120465b5e3bc0!2m2!1d14.5505673!2d52.3472237!1m5!1m1!1s0x4707b885b42fafe3:0xe754b8581c20604e!2m2!1d14.6419022!2d52.1436615!1m5!1m1!1s0x47b00b514d494f85:0x425ac6d94ac4720!2m2!1d9.7320104!2d52.3758916!3e0

[5] Schulz gibt hier wie auch im Folgenden 31.517.32 DM an. Doch diese siebenstellige Zahl ist unlogisch, wie auch die durch Punkt abgesetzen zwei letzten Ziffern zeigen. Diese müssen Pfennige bedeuten.

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