Dierk Schaefers Blog

»Ich kam ins Haus der Zucht, du aber bliebst in der Hölle«,

»schreibt Schulz seinem Bruder in diesen Brief, den er bis heute aufbewahrt hat. Zeilen, die etwas merkwürdiges zum Ausdruck bringen: Hölle besser als Zucht? „Ja“, sagt er leise. Und dass die Hölle sich nicht so kalt anfühlt, wenn man glaubt, dass man eine Mutter hat.«[1]

Wie so häufig haben Misshandlungserlebnisse im Kinderheim mehrere Aspekte.

  1. Bei Wolfgang Schulz war das Elternhaus die Hölle. „Der Freund der Mutter trinkt und schlägt und vergewaltigt sie vor den Augen der Kinder.“
  2. Er kommt nach Korntal ins Kinderheim, ins Haus der Zucht, das schlimmer als ein Zuchthaus ist. Und er flieht – zurück in die Hölle: „Diese Erinnerung ist eine der wohl schlimmsten überhaupt: wie er um die Ecke biegt, sein Elternhaus sieht und dann seine Mutter, wie sie über den Hof kommt. Er erwartet, dass sie sich freut. Aber was tut sie? Prügelt, heftiger als der, der inzwischen sein Stiefvater ist.“
  3. Im Unterschied zu manchen anderen bekommt er nach Misshandlung und Missbrauch im Heim sein Leben in den Griff, wenn auch nicht ganz: „Mit 22 absolviert Wolfgang Schulz eine Hochbegabtenprüfung, mit der er studieren kann. Das Studium in Deutsch und Geschichte schließt er mit Auszeichnung ab. Stolz klingt in jetzt in der sonst sonst leisen, manchmal fast zerbrechlich wirkenden Stimme. Vieles sei gut gelaufen in seinem Leben, beteuert er, von außen betrachtet. Spannende Berufe hat er gehabt, war Lehrer und zeitweise auch selbständig. Er nahm und nimmt politisch Einfluss, ist Gründer von Bürgerinitiativen und Stadtrat. Aber man müsse auch die andere Seite sehen: vier Lebenspartnerschaften seien zu Bruch gegangen. Vier große Thera­pieblöcke hat er gemacht. Bis heute kann er keinen Mann, selbst die allerbesten Freunde nicht, in den Arm nehmen. Vertrauen – das war mir immer ein fremdes Gefühl.“
  4. Der Kampf um Anerkennung und Entschädigung: „Bundesweit kämpfen zahlreiche Heimopfer um verbale Anerkennungen und Entschuldigung, aber auch um finanzielle Entschädigung ihres Leides. Zusammen mit einer Arbeitsgruppe bemüht Schulz sich inzwischen um Ausgleichszahlungen.“ – Da wird es wohl eher Enttäuschungen geben.

Doch das ist nicht alles. Wir sind in Korntal. „Die Evangelische Brüdergemeinde Korntal ist eine selbständige christliche Gemeinde, die als Körperschaft des öffentlichen Rechts in Kooperation mit der Evangelischen Landeskirche in Württemberg seit 1819 in Korntal bei Stuttgart besteht. … Die Grundordnung von 1819 formuliert: Es ist das Bestreben der Brüdergemeinde, eine brüderliche und tätige Gemeinschaft zu sein, die der Urgemeinde möglichst ähnlich ist, zu einer persönlichen Entscheidung für Christus ruft, das Priestertum aller Gläubigen verwirklicht, die anvertrauten Werke der Liebe verwaltet und fördert und für den wiederkommenden Herrn bereit ist. Sie weiß sich mit allen im Glauben verbunden, die sich zu Jesus Christus als ihrem Herrn bekennen….. In den zwei Kinderheimen der Brüdergemeinde Korntal soll es laut Aussagen von rund 200 ehemaligen Heimkindern in den 1950er bis weit in die 1970er Jahre Misshandlungen in Form von Prügel, psychischer Gewalt sowie sexuellem Missbrauch gegeben haben. Träger dieser Kinderheime ist die Diakonie der Brüdergemeinde. In Folge der Vorwürfe hat die Glaubensgemeinschaft die Landshuter Professorin Mechthild Wolff mit der Aufarbeitung der Fälle beauftragt. Ein Geschädigter versucht derweil auf dem Rechtsweg vor dem Stuttgarter Landgericht eine Entschädigung für das vorgeworfene Unrecht von der Brüdergemeinde zu erstreiten.“[2]

Wikipedia ist nicht ganz auf dem Laufenden. Frau Wolf hat längst „hingeschmissen“ und der Streit um die Aufarbeitung geht weiter.

Andere Einrichtungen haben eingestanden, dass es Misshandlungen und Missbrauch gegeben hat, haben unabhängige Wissenschaftler mit der Aufarbeitung beauftragt (und ruhen sich nun auf den Ergebnissen des Runden Tisches Heimkinder aus). Korntal hinkt hinterher. Warum? Es mag mit dem Selbstverständnis zu tun haben, eine besonders fromme Gemein­schaft zu sein. Das kann zur Verdrängung von Widersprüchlichkeiten führen. Oder ist man schlicht und einfach nur geizig? Pietisten zeichnen sich auch vorbildlich darin aus, für ihre Glaubensüberzeugungen viel zu spenden. Doch diese Verbrechen stehen völlig konträr zu gewollten und meist auch geübten frommen Lebenswandel. Generell sind Geschlechtsteile für den schwäbischen Pietismus gar nicht vorhanden, wie es Thaddäus Troll karikierte.[3]

Ich wurde per Mail auf den Artikel im FOCUS aufmerksam gemacht, und darf das Mail auch veröffentlichen:

Heute in der Focus

ich bin mit Wolfgang befreundet und habe viele mit ihm über seine Erlebnisse im Heim gesprochen. Nachdem er seine Horrorgeschichte zu Papier gebracht hatte, habe ich ihm einen Verleger organisiert.

Ich selbst war als Zivi in diesem Heim und wurde, nachdem die Kinder begannen mir ihre Erlebnisse zu beichten von der Heimleitung kaltgestellt. Ich habe zwei mal an den Landesbischof July geschrieben und von den Zuständen in dem Heim geschrieben, aber es geht ihn nichts an. Dies hat auch dazu geführt, dass ich der Kirche den Rücken gekehrt habe.“

Es war leider für mich nicht neu, dass meine Kollegen sich bei diesem Thema komplett oder mehrheitlich wegducken und nicht verstehen, dass es nicht ums Nestbeschmutzen geht, sondern ums Nestputzen. Das Wegducken reicht bis rauf zum Landesbischof. Nicht zuständig sei er. Doch die Landeskirche hat Aufsichtsrecht (Visitationsrecht) über die Korntaler Einrichtungen.[4] Warum duckt sich der Bischof weg?

»Nur wenige Landes­kirchen sind so stark vom meist strikt konservativen Pietismus geprägt wie die württember­gische. ›Sie durchsetzen die Württembergische Landeskirche wie die Hefe den Teig‹, sagt der Schorndorfer Dekan Volker Teich.“[5]

Der Bischof dieser Landeskirche ist um seine Aufgabe nicht zu beneiden. Er muss zwei Gruppen austarieren, um sie in der Kirche zu halten: die einen, damit sie nicht aus- und in die bereitstehenden Parallelstrukturen umziehen, die anderen, damit sie bei aller Gleichgültigkeit und Kirchendistanz nicht einfach austreten, weil ihnen diese Hinterwelt die kirchliche Begleitung ihrer Lebensphasen suspekt macht, suspekt auch in der immer normaler werden­den Nicht-Kirchlichkeit ihres sozialen Umfelds. [6] Dies wurde auch kürzlich in der Entscheidung der Landessynode deutlich, keine Segnungen für gleichgeschlechtliche Paare in der Kirche zuzulassen.

Damit ist schon fast alles gesagt. July zeigt am Beispiel des tolerierten Nebeneinanders …, welche Gratwanderung die Aufgabe der Leitung seiner Landeskirche ist. Da muss er wohl zum Thema Korntal jede Ausrede nutzen, sich nicht zu äußern. Doch da er das Visitationsrecht hat, macht er sich unglaubwürdig.

Fußnoten

[1] Zitate soweit nicht anders vermerkt aus: https://www.focus.de/familie/h-h_id_7875394.html

[2] Die Vorwürfe werden hier von einer Person erhoben, die als glaubwürdig angesehen werden kann. https://de.wikipedia.org/wiki/Evangelische_Br%C3%BCdergemeinde_Korntal . Man lese auch das im Artikel abgedruckte Interview mit dem Trauma-Experten Georg Pieper.

[3] Thaddäus Troll, Deutschland, deine Schwaben, Hamburg, 198320, S. 230f

[4] https://dierkschaefer.wordpress.com/?s=July

[5] http://www.focus.de/regional/stuttgart/kirche-6000-pietisten-bei-christustag-ablehnung-von-homosexualitaet_id_4728008.html.

[6] Stark zusammengefasst aus: http://www.pfarrerverband.de/pfarrerblatt/archiv.php?a=show&id=4037

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7 Antworten

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  1. mikesch1234 said, on 11. Januar 2018 at 10:10

    Deine Darstellung und Sichtbarmachung von Ungeheuerlichem gefällt mir
    nicht das Ungeheuerliche –
    es muss öffentlich gemacht werden!
    Danke :)))

    Alles Gute für 2018 und
    viel Glück und viel Segen und
    LG;
    Hiltrud

  2. Ludwig Pätzold said, on 11. Januar 2018 at 11:14

    Nicht nur Wikipedia ist nicht auf dem laufenden. Seit gut einem Jahr läuft die Aufarbeitung mit der ehemaligen Richterin Dr. Brigitte Baums-Stammberger und den Erziehungwissenschaftler Prof. Hafeneger. Es wurden über 70 Interviews geführt, durchweg mit positiven feed back. Prof. Hafeneger hat die Auswertung der Akten abgeschlossen und arbeitet an einer Dokumentation in der auch die Erkenntnisse aus den den Interviews einfließen. Die Brüdergemeinde hat sich selbst als „Täterorganisation“ bezeichnet und den Opfern Anerkennungsleistungen von 5.000 € bis 20.000 € versprochen. Ausführliche Informationen findet man auf .

  3. Werner Boesen said, on 11. Januar 2018 at 21:58

    Sie fokussieren mit einem erfolgreich Studierten auf die Paradoxie des Wahrhabenwollens des zugefügten Schadens durch Täterorganisationen: Jemand, der erfolgreich studiert hat, kann nicht so massiv geschädigt worden sein. Auch ich studierte erfolgreich. Wie mir ein Psychiater sagte: Sie haben doch studiert, dann gelten sie als belastbar. Als er dann noch wissen wollte, was denn posttraumatische Belastungen sind, habe ich seine Praxis verlassen. Es hat dann gedauert, die richtigen Fachleute und Selbsthilfegruppen zu finden, die mich zur Selbstheilung und zum Umgang mit Posttraumata befähigten.

  4. dierkschaefer said, on 11. Januar 2018 at 22:15

    Der Zusammenhang ist ein anderer: Dem „erfolgreich Studierten“, der nicht in in wirtschaftlich prekären Verhältnissen lebt, kann man nicht so leicht unterstellen, dass er lügt, um an eine Entschädigung zu kommen.

  5. Werner Boesen said, on 12. Januar 2018 at 10:44

    Nach meiner letzten Info seitens eines Landesjugendamtes steht eine Entschädigung nur jemandem zu der bedürftig ist. Da ich in keinen wirtschaftlich prekären Verhältnissen lebe, erübrigt sich die Frage nach einer Entschädigung zumindest seitens der Täterorganisationen. Wenn ein Erwachsener sechs Jahre unschuldig in einem Gefängnis saß, steht ihm eine Entschädigung zu ohne Rücksicht auf seine wirtschaftliche Situation. Dass ich als Kleinkind in einem Kindergefängnis (von der Politik Waisenhaus genannt) verweilen mußte, muß erst einmal in der Fachwelt und dann in der Politik verstanden werden. Neben der Tatsache des Kindergefängnisses kommen dann noch die Züchtigungen, die zusätzlich entschädigungsfähig sind. Dies bleibt unbezahlbar. Verständlich wenn dann Täterorganisationen ein Minimum setzen, dass als Maximum verkauft wird und die Zeit läuft zugunsten der Täterorganisationen, denn sie überdauern die Einzelschicksale.

  6. dierkschaefer said, on 12. Januar 2018 at 11:34

    Sehe ich auch so. Aber Sie wissen doch: Laut Beschluss des Runden Tisches, Frau Vollmer, hat es trotz aller Belege nie nicht so etwas wie Kinderarbeit gegegeben. Sie schloss frei nach Morgensterns Palmström, dass nicht sein kann, was nicht sein darf. [https://www.oppisworld.de/morgen/palm09.html] Also: Keine Kinderarbeit, keine Empörung, kein Geld. It’s economy, stupid.

  7. Werner Boesen said, on 12. Januar 2018 at 19:33

    Mir war nicht bekannt, dass Frau Vollmer keine Kinderarbeit wahrgenommen hat in staatlichen und kirchlichen Einrichtungen. Sie will es wohl nicht wahrhaben wollen, ansonsten würde es ihr Verstand nicht verkraften. Der Mensch ist ein Meister der Verdrängung und ich schließe mich davon auch nicht aus. Doch wenn viele Mitmenschen gleiches berichten ist dort ein Kern Wahrheit dran, wie auch in jedem Mythos. So ist auch das Elternrecht ein Mythos (nach Phillip Montague), ich bezeichne es als Fiktion, eine Täuschung der Kinderwelt und das noch weitestgehend verfassungsrechtlich garantiert in Artikel 6 Grundgesetz. Frau Vollmer inszenierte nach politischer Vorlage ein zeitlich befristetes Schauspiel. Dank der Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen muss die Bundesrepublik am Ball bleiben und unsere Politiker bekennen sich, so mit der Ratifizierung von OP3-CRC. Nicht umsonst gibt es die sog. Aufarbeitungskommission, http://www.aufarbeitungskommission.de
    Es bleibt viel zu tun. Das Elternrecht hat zwar inzwischen unser Bundesverfassungsgericht relativiert und sieht nicht mehr immer eine Unterordnung des Kinderrechts unter den Elternwillen, doch ein Mythos, der erst einmal in den Köpfen der Menschen geprägt wurde, ist kaum aus der Welt zu schaffen. Die Gefahren, die aus Mythen entstehen, verstehen selbst die meisten Fachleute nicht.


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