Dierk Schaefers Blog

Wen wundert’s? Seelische Krüppel haben auch in den Kirchen Karrierevorteile.

Manche scheinen nicht einmal zu wissen, was Anstand ist.

Wenn aber jemand in einer menschlich schwierigen Situation hilfreich ist, macht er sich verdächtig. Dazu weiter unten.

Wer den Artikel „Sexuelle Gewalt in der Kirche: Angst vor der Wahrheit“[1] liest und keine Ahnung hat, dass es bei Kirchens nicht anders zugeht als in anderen Chefetagen, die bereits mit der Führungsnormalroutine überfordert sind, der mag sich noch wundern. Nicht erst seit der Heimkinderdebatte kenne ich diese Charakterschwächen – oder soll man gar von fehlen­dem Charakter sprechen? Da wurden die Heimkinder nach Strich und Faden von der unheili­gen Allianz von Staat und Kirche über den Runden Tisch gezogen. Betroffenheitsgestammel[2] gab es auch damals. So nun auch beim Missbrauchsskandal. Der schlägt höhere Wellen, als die Misshandlungen und Demütigungen in den staatlichen, meist aber kirchlichen Heimen. Denn „sex sells“ auch hier und macht Schlagzeilen. Und wieder gibt es die Abwehrreflexe. Man marschiert getrennt, jede Landeskirche für sich, das lässt Bein­freiheit im Umgang mit Opfern, die man auch besser gar nicht selbst zu Wort kommen lässt. Man weiß doch schon, was die brauchen. Entschuldigungen und allgemeine Aufar­beitung. Das erste gibt’s umsonst, für die Aufarbeitung gibt man – nicht gerade gern, aber notgedrun­gen – Geld aus[3]. Sogar Aufarbeitung von außen wird erwogen, hält auch sie immerhin die Opfer auf Abstand – und ihre Forderungen nach rechtlich einklagbarer Ent­schädigung. Man wird wohl auch – wieder jede Landeskirche für sich – „Missbrauchs­beauftragte“ ausgucken. Ein wichtiger aber undankbarer Job. Doch wer der vox populi und den Medien folgend, von hoher Position danach ruft, profiliert sich als das gute Gewissen der Kirche.[4] Die Predigt der Bischöfe Ulrich und Fehrs zum Ahrensburger Missbrauchs-Skandal war allerdings eher peinlich.[5] Schön, wenn man sich am Palmsonntag auf den demütigen Palmesel-Jesus berufen und „Erbarmen“ als Lösung anbieten kann, Erbarmen auch für das Versagen der Institution.Palmsonntag.jpg

 

Auffiel der damalige bayrische Landesbischof. Er setzte sich für ein Missbrauchsopfer ein. Wie kam er dazu? fragten sich die Richter beim EKD-Gericht, rügten die seelsorgerliche Begleitung durch den Landesbischof während des Disziplinarverfahrens und stellten die Ordnung wieder her. „Das Gericht unterstellte dem Bischof, es ginge ihm lediglich um die Verurteilung des Angeschuldigten“[6]. Der Täter plauderte mit den Richtern, das konsternierte Opfer war zwar extra angereist, wurde aber gar nicht erst angehört.[7] Auch das VELKD[8]-Gericht scheint aus furchtbaren Juristen zu bestehen: »Das Landeskirchenamt hatte dem Pastor „schwerwiegende Amtspflichtverletzungen“ vorgeworfen und beim unabhängigen Kirchengericht seine Entfernung aus dem Dienst beantragt. Das Kirchengericht dagegen hatte Mitte November das Verfahren gegen H. ohne Beweisaufnahme eingestellt. Eine „Entfernung aus dem Dienst“ sei aus Gründen der Verhältnismäßigkeit „nicht gerechtfertigt“, hatte der Vorsitzende Richter erklärt. Missbrauchsopfer hatten die Einstellung kritisiert.«[9]

Wenn ich an den Palmsonntagsgottesdienst der Nordkirche denke … Da ist doch der Münchner Erzbischof und Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, dichter am Problem: Er räumte »Versäumnisse der Kirche bei der Aufklärung der Fälle ein. „Wir haben versagt, und wir waren wie in einem Verblendungszusammenhang: nicht hinsehen wollen, nicht wahrhaben wollen, was geschieht, es kleinreden, es nicht anhören, all das ist immer wieder geschehen“, sagte er am Sonntag bei einem Gottesdienst in München.«[10]

Ob er es ehrlich meint? Wer weiß das? Ich will ihm nichts unterstellen. Zumindest weiß er, was erforderlich ist, denn er sieht seine Institution mit dem Rücken zur Wand und reagiert angemessen. Jetzt fehlt nur noch eine angemessene Entschädigungsregelung.

Fußnoten

[1] https://www.zeit.de/2018/47/sexuelle-gewalt-evangelische-kirche-vertuschung-betroffene/komplettansicht

[2] Der Begriff stammt von Helmut Jacob. Nicht wegen seiner Heimerfahrungen trat er aus der Kirche aus, sondern wegen seines in diesen Fragen völlig unsensiblen Ortspfarrers. https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/10/18/helmut-jacob-ist-tot-ein-nachruf/ + https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/11/28/ein-nachruf-waere-angemessen-gewesen-doch-die-groesse-zur-demut-hatten-sie-nicht/

[3] Neue Studien, mehr Geld: Wie die Evangelische Kirche sexuellen Missbrauch untersuchen will. Ein Betroffener fragt: „Was nützt es, wenn die Vertuscher nicht bestraft werden?“ twitterte Detlev Zander, Betroffener und Sprecher von „Missbrauch in der Brüdergemeinde Korntal“ #BrüdergemeindeKorntal #Aufklärungsskandal #Aufarbeitung

[4] Hanno Terbuyken‏ twitterte: Ganz ehrlich und ganz persönlich: Ich finde es befremdlich, wenn die #EKDsynode nach dem Bericht zu #missbrauch von Kirsten Fehrs stehend applaudiert. Wem denn? Der Performance der Bischöfin? Der mangelnden Aufarbeitung? Angemessen wäre, erstmal in Scham zu schweigen. Unwürdig.

Das Hamburger Abendblatt veröffentlichte: „Der zur Zeit größte bekannte Missbrauchsskandal der Evangeli­schen Kirche Deutschlands aus Sicht einer Pastorin und Missbrauchsüberlebenden.“ Zitat: »Frau Bischöfin Fehrs: „Und auch wenn ich zu der Institution gehöre, die den Täter ungewollt geschützt hat und so schwerfällig aufklärt.“« Diese Umschreibung ist unerträglich. Wollen die höchsten Vertreter unserer Kirche mit so einer Aussage: „Täter ungewollt geschützt“, aus den „Schleifen der Selbstrechtfertigung“ herauskommen? http://www.stimme-der-opfer.de/new/Ahrensburger_Missbrauchsskandal_Artikel_Mai_2012.pdf

[5] Man kann diese Dialogpredigt auf youtube nacherleben: https://www.youtube.com/watch?v=pDLEQ36BrFk , die Tonspur lässt etwas zu wünschen übrig, dennoch wird das typisch kirchliche Geschwiemel hier deutlicher als im Predigtnachdruck: https://www.nordkirche.de/nachrichten/nachrichten-detail/nachricht/1-april-2012-dialogpredigt-mit-bischof-ulrich-zu-joh-1212-ff/

[6] Bayrische Landeskirche – Was nun? https://dierkschaefer.wordpress.com/2013/07/05/4356/ +

[7] Das Opfer wurde von der Vorsitzenden Richterin auf die Nachfrage, warum sie nicht aussagen durfte mit der Antwort abgefertigt: »Das war nicht unser Thema. https://dierkschaefer.wordpress.com/2013/07/03/ein-hochstrichterliches-skandalurteil-des-ekd-gerichtshofs/

[8] https://de.wikipedia.org/wiki/Vereinigte_Evangelisch-Lutherische_Kirche_Deutschlands

[9] https://www.nordkirche.de/nachrichten/nachrichten-detail/nachricht/kirchenamt-fordert-neues-gerichtsverfahren-gegen-ahrensburger-ruhestandspastor/

[10] https://www.welt.de/vermischtes/article184085062/Kardinal-Marx-ueber-Missbrauch-Wir-haben-versagt.html?wtrid=socialmedia.socialflow….socialflow_twitter

Foto: Dierk Schäfer

7 Antworten

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  1. Werner Bösen said, on 19. November 2018 at 10:53

    Wer mit dem Rücken zur Wand steht hat keinen Raum mehr zur angemessenen und rationalen Reaktion, denn die Fluchtmöglichkeit ist nicht mehr gegeben. Wer helfen kann ist der Clown, früher der Hofnarr, denn er durfte sie alle belustigen mit seinen Illusionen. Wer den Spuk durchschaut braucht ihn nicht mehr. Der Bischof verzichtet auf einen Hofnarren, denn er hat Gott im Gepäck und erbittet Gnade und Beistand. An Gottes Seite spielt er gar den Märtyrer. Es braucht das irdische Gericht. Der Bischof ist Vertreter eines potentiellen Täters seiner eigenen Organisation und damit mit angeklagt. Unser Rechtssystem stellt dazu einen Verteidiger, doch der Bischof spielt selbst den Verteidiger, dank des Konkordates von 1933. Es ist für die Opfer eine Perfidie und Persiflage auf Gott, denn Gott hat uns das Leben geschenkt und nur Gott entscheidet über den Tod. Wer sich zum Märtyrer macht, begeht einen Frevel gegen Gott.
    Auch als Heimkind stand ich mit dem Rücken zur Wand. Die Erzieher gebärdeten sich als die „Hofnarren des Königs“ und wenn der Spuk nicht reichte, wurde Gewalt praktiziert, ein Dasein zwischen Leben und Tod, dem Seelentod. Ich wünsche niemandem den Tod, doch der Bischof sollte versuchen zu verstehen, was es bedeutet, als Kind einen Seelentod zu durchleben. Wie soll darauf eine angemessene Reaktion aussehen? Ein Leben im Paradies? Dazu wären Millionenentschädigungen nötig wie in Australien und den USA ermöglicht. Das kann einen Bischof in die Pleite führen und das wäre mir eine angemessene Entschädigung für den in Kauf genommenen Seelentod an Kindern.

    • ekronschnabel said, on 19. November 2018 at 18:38

      Werner, Du sagst u.a. , dass der Bischof versuchen möge, den Seelentod eines (geschundenen) Kindes zu verstehen. Der Seelentod eines Kindes, das Opfer der Firma Kirche wurde, hat noch keinen einzigen Bischof interessiert. Das zeigt die Verweigerung von Entschädigungen. Statt derer streuten sie mit Hilfe der in Kirchendiensten stehenden „Unabhängigen Kommissionen“ Brosamen unter die Opfer und nennen diese Krümel „Zahlungen in Anerkennung erlittenen Leides“. Selbst damit könnten einige Opfer leben, was sie allerdings erneut seelisch tötete ist die Verweigerung echter Schuldübernahme.

      Ich erinnere nur an das schweinische Benehmen einiger Täternachfolger wie beispielsweise die Brüder von Korntal. Ich erinnere an das großkotzige Verleugnen von Schuld. Erst als nichts mehr zu beschönigen war, legten sich die beauftragten Schauspieler von Gottes Gnaden auf die Fußböden und heuchelten Reue. Göttlich daran waren nur die Qualen beim Aufstehen der fettleibigen Handelsvertreter der Konzerne. Die geheuchelte Reue verflog schlagartig, als es an’s Bezahlen ging! Da bot man dann 5.000,- Euronen aus dem Klingelbeutel, schacherte mit den Opfern und gebärdete sich als Zuhälter der Täter.

      • Werner Boesen said, on 20. November 2018 at 09:52

        Auch wenn es den Bischof nicht interessieren sollte, anhören müsste er sich die irdische Sachlage gestützt von anerkannten weltlichen Experten, z.B. den Tiefenpsychologen. Übrigens waren die Bischöfe beider Konfessionen im letzten Hearing der Aufarbeitungskommission in Berlin dabei und hatten sich einiges anzuhören, auch solches unter der Gürtellinie. Eine echte Schuldübernahme von diesen Bischöfen zu fordern ist nur abstrakt möglich, denn persönlich sind sie nicht betroffen, d.h. sie können sich nur für die anderen entschuldigen kraft ihrer Führungsverantwortung. Wenn Du auf den Klingelbeutel abstellst begibst Du dich auf das Almosenlevel, denn die Kirche lebt von den Spenden und davon kann nur soviel verteilt werden wie es diesem Sinne angemessen entspricht. Die Kirche lebt jedoch nicht nur von den Spenden, sondern von allen Steuerzahlern, denn gerade auch Caritas und Diakonie sind überwiegend staatlich subventioniert. Von einer Säkularisierung (der Lösung von kirchlicher Gebundenheit) sind wir weit entfernt auch dank Konkordat. Insofern werden Entschädigungen nur Almosencharakter haben.

  2. ekronschnabel said, on 19. November 2018 at 12:09

    Ich greife mal den mir wichtigsten Punkt zuerst raus: MISSBRAUCHSBEAUFTRAGTE/R !
    Seit ich mit diesem Thema und diesen sich so nennenden Leuten arbeite, stellte ich nur das fest: Die Tätigkeitsbezeichnung bezeichnet in Wirklichkeit GENAU DIE REALE TÄTIGKEIT! Diese Leute treiben nur zu oft im Namen der Auftraggeber=TÄTERNACHFOLGEORGANISATIONen schamlos MISSBRAUCH und verarschen die Opfer. Sage ich als Opfer dieser Scheinheiligen! Ich betrachte diese Missbrauchsbeauftragten als letztinstanzliche Helfershelfer der Täter und deren Nachfolgeinstitutionen. Wenn sich einer dieser Helfershelfer von mir getreten fühlt, dann soll er hier offen antreten, ich trete dann zum Konter an und beinhart nach! Aber dann bitte nicht jaulen, wenn es richtig rabiat wird…Als vom Lande kommendes Opfer von Kirchens kenne ich mich mit der Bauernweisheit „Der Bauer erkennt seine Schweine am Gang!“ bestens aus.

    Faszinierend ist immer wieder die dummdreiste Blödheit der Führer/innen des Konzerns Kirche=EKD, denn das was diese Gestalten „Aufarbeitung“ nennen ist lediglich beschönigende Vertuschung der grenzenlosen bornierten und selbstgerechten Dämlichkeit im Umgang mit Opfern und der gesamten Öffentlichkeit. Was haben diese Nullen in Führungspositionen zu suchen??? JEDER der diesen Loserclub Kirche mit seinen Steuern unterstützt vergewaltigt die Opfer dieser Konzerne mit dem Kruzifix im Logo erneut. Das liegt auf dem Niveau des perversen Fragebogens, den die juristischen Opferschikaneure der Landeskirche Hannovers den Opfern zumuten. Genau, SIE sind gemeint, Herr Dr. Mainusch!

    • Werner Boesen said, on 19. November 2018 at 18:52

      auch die evangelischen Kirchenfürsten können sich auf dem Konkordat ausruhen und können daher scheinbar nicht verlieren. Selbst der Bischof kann nicht pleite gehen, denn sein üppiges Gehalt erhält er aus dem allgemeinen Steuersäckel. Schimpfkanonaden laufen ins Nirvana. Unsere Politiker ruhen, denn es schreien offenbar zu wenige. Dennoch wurde eine Aufarbeitungskommission bemüht, jedoch hat sie lediglich ein ehrenamtliches Mandat sodass noch viel Zeit ins Land geht. Das Übel ist an der Wurzel zu packen und dazu gehört die Beendigung des Konkordates, ein Gesetzeswerk womit sich Hitler die Kirche vom Halse gehalten hat und Hitler sein Ding drehen konnte. Heute versucht die Kirche sich mittels Konkordat die irdische Gerechtigkeit vom Hals zu halten. Mal sehen wie lange es noch gelingt.

      • ekronschnabel said, on 19. November 2018 at 19:22

        Die irdische Gerechtigkeit hat den Scheinheiligen wenigstens in Sachen konfessionsgebundene Arbeitsplätze eine satte Backpfeife verpasst, es ändert sich gaaaaanz langsam was. Also weitermachen und die Missstände anprangern.

  3. mandolinchen said, on 5. Dezember 2018 at 14:34

    Ihren Worten mögen Taten folgen.


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