Dierk Schaefers Blog

Die gesellschaftliche Konstruktion von Vergangenheiten und ihre Bewirtschaftung

Posted in Geschichte, Gesellschaft, Kultur, Kunst by dierkschaefer on 13. Januar 2019

Valentin Groebners Buch mit dem Titel „Retroland“ handelt vom „Geschichtstourismus“ und der „Sehnsucht nach dem Authentischen“[1]. Der Autor ist vielgereist und da viele von uns auch Vielreisende sind, gibt es vieles, was wir kennen, was aber nun einen Aha-Effekt auslöst. Denn manches, was wir für echt gehalten haben, ist – gelinde gesagt – „auf echt“ stilisiert, manchmal sogar ein pures Artefakt der am Tourismus interessierten Kreise. Tourismus, so lernen wir, ist der weltweit drittstärkste Wirtschaftszweig.

Da spielen natürlich religiös konnotierte Zielorte eine wichtige Rolle für religiös interessierte Bildungsbürger. Ein Tourismusunternehmen nennt sich sogar „Biblisch Reisen“. So nimmt uns der Autor mit zu den Sacri Monti in Piemont[2].

sacri monti

Auch wenn wir vor den lebensgroßen Darstellungen biblischer Szenen nicht in religiöse Verzückung fallen, so stehen wir in Varollo doch staunend vor dem blutüberströmten Jesus im begehba­ren Grab. „Die Auferste­hung hat noch nicht stattgefunden, und du bist dabei.“ Für den Glaubenden ist dies die „Wiederaufführ­barkeit der Vergangenheit“.[3]

Diesem katholischen Beispiel schließen sich die Gedanken an Wallfahrten und der Reliqienglaube an. Doch wie steht es mit unseren Krippenspielen zur Weihnachtszeit? Bleiben wir evangelisch und folgen dem Autor durch die Luther-Dekade – von einem Erinnerungsort zum andern – und der verblassende Tintenfleck auf der Wartburg wird immer wieder aufgefrischt. Valentin Groebner stellt die kommerziellen Zwecke bei der „Rekonstruktion“ der Vergangenheiten heraus, Rekonstruktionen, die man gezielt nicht nur pflegt, sondern ihnen auch erfindungsreich nachhilft. – So weit, so erhellend wie auch unterhaltsam.

Doch es bleiben Fragen. Nicht nur stören zuweilen die Redundanzen: Teile des Buches wurden zuvor schon anderweitig publiziert, eine gewisse Straffung wäre gut gewesen. Auch manch unterstelltes Motiv von Reisenden erscheint etwas plakativ. Bedeutender sind allerdings zwei Desiderate.

Der Autor ist kein Wissenssoziologe. Das Standardwerk der Wissenssoziologie, Berger/Luck­mann, Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit, sucht man im umfangreichen Literaturverzeichnis vergeblich. Doch während Berger/Luckmann die gesellschaftliche Konstruktion von Realität (einschließlich der Sinn-Welt) beschreiben und im Grundsätzlichen bleiben, so greift Groebner einen Teilaspekt heraus: Die Bewirtschaftung der Vorstellungen von Vergangenheiten zu beiderlei Nutzen, dem ihrer Marketingexperten und dem ihrer zahlenden Konsumenten.

Der Autor ist auch kein Theologe. Sonst hätte er wohl die Bedeutung seiner Überlegungen für Theologie und Kirchengeschichte erkannt. Da geht es nicht nur um so etwas wie die Konstan­tinische Schenkung und die gut gemeinten frommen Rückdatierungen von Klostergründungen und der gefakten Urkunden. Es geht vielmehr um das „Kerngeschäft“ der Verkündigung: „Er ist (damals) wahrhaftig auferstanden“ und er errettet uns heute. Dieses Kerngeschäft ist die Bewirtschaftung der Vergangenheit, einer Vergangenheit, die trotz und wegen aller theologi­schen Forschung – so nach der ipsissima vox – sich als konstruiert erweist, wenn sie auch historische Kernelemente haben mag. Der Prozess der Vergangenheitskonstruktion fand bereits im Altes Testament statt – Stämmeamphiktionie, er wurde fortgesetzt mit den Berichten im Neues Testament, die vieles als erfüllte Weissagung aus dem Altes Testament zur Konstruktion des Lebens und des Todes Jesus übernommen haben. Es gehört zu den grandiosen Leistungen der frühen Christenheit, im Rückblick auf das Wirken und Leiden Jesu von Nazareth und mit Rückgriff auf die Facetten des alttestamen­tarischen Gottes eine Gottes­vorstellung entwickelt zu haben, die mit der Figur des Heiligen Geistes zukunftsoffen ist, zukunftsoffen auch über unsere Endlichkeit hinaus. Dazu gehören das Ringen um ein „gültiges“ Credo, die Kanonbildung, die Fortentwicklung der Dogmatik und die Weiterentwicklung der „Gottesbilder“.

Alles nur Fake? Die Frage ist falsch gestellt. Im Unterschied zu den Formen des gehobenen Tourismus und der unbestrittenen Fortwirkung und Stilisierung des Erlebten im Erinnern, geht es bei der Pflege christlicher Tradition (wie auch in wohl den meisten Religionen) um die Vermittlung von Sicherheit in der Gegenwart und um Zukunftshoffnung über Leid und Tod hinaus.

[1] Valentin Groebner: „Retroland“. Geschichtstourismus und die Sehnsucht nach dem Authentischen.

  1. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2018. 219 S., Abb., br., 20 – €.

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Sacri_Monti

https://www.swr.de/schaetze-der-welt/sacri-monti-italien-schaetze-welt-erbe/-/id=5355190/did=8735442/nid=5355190/ioon3n/index.html

swr.de

https://www.swr.de/schaetze-der-welt/sacri-monti-italien-schaetze-welt-erbe/filmtext-video/-/id=5355190/did=8735442/mpdid=8883686/nid=5355190/1sxea99/index.html

[3] Dieser Passus, ab „Varollo“, und das Photo aus der Rezension von HANNES HINTERMEIER, FAZ/24.8.18, S.10

2 Antworten

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  1. ekronschnabel said, on 13. Januar 2019 at 10:54

    In Ihrer Rezension spricht mich der letzte Absatz besonders an, ich zitiere „…..geht es bei der Pflege christlicher Traditionen (wie auch wohl in den meisten Religionen) um die Vermittlung von Sicherheit in der Gegenwart und um Zukunftshoffnung über Leid und Tod hinaus.“

    Genau dieses Prinzip benutzt auch die Politik. Ich belege das mal mit aktuellen Geschehnissen in den neuen
    Bundesländern. Die Menschen lebten bis zur Wende in einem totalitären System, das ihnen eine gewisse Sicherheit und eine „Rundum-Betreuung“ bis hin zur Abnahme des Selbstdenkens lieferte. Dann kam die „Wende“, plötzlich war Eigeninitiative gefragt, eine erschreckende Sache – und verständlich, weil ein völlig neues System mit all seinen „Schrecken“ den Alltag steuerte. Und die kommunistischen Heilsbringer, die sich „Sozialisten“ nannten und nennen, konnten das viel besser, weil sie der Konkurrenz Kirche per Macht solche
    Getriebeschäden zufügten, dass die älteste Unterdrückerfirma Kirche auf der Strecke blieb.

    Die Menschen klammern sich stets an das, was sie als Sicherheit empfinden, sei es der Arbeitsplatz, sei es die politische Realität, sei es die Religion. Alle Herrschenden erkannten das. Die religiösen und weltlichen Volksverdummer arbeiten noch heute mit diesem Wissen, versprechen den Unmündigen „Gläubigen“ das Heil,
    wollen ihnen angeblich Sicherheit und Wohlleben liefern. Die Religionen gehen dabei sogar noch perverser vor, bedrohen die „Ungläubigen“ mit dem „ewigen Tod“, weil es sich mit dem Märchen von der Wiederauferstehung
    schon immer mehr Kohle wie mit einer Bank verdienen ließ. Mich graut’s, wenn ich daran denke, dass ich nach dem Tod nochmals all den A….löchern begegnen sollte, die ich in diesem Leben ertragen muss(te). Andere Deppen sehnen sich offenbar nach der Wiederauferstehung! Diese Nasen brauchen Bevormundung durch die Kirche, das sehe ich ein. Für die schwereren Fälle haben wir die Psychiatrien… Auf den Zusammenhang kam ich erst, als ich begriff, wie clever manche Seelsorger doch vorgehen, wenn die neben der Theologie auch noch Psychologie studieren…SOLCHE Leute braucht die Fischerei, denn die wissen wie man fischt!

    Doch zurück zum Beispiel neue Bundesländer. Durch den Zusammenbruch der DDR verloren die Leute die „Sicherheit“. Das wirkt bis heute, ich erlebe es täglich. Ich erlebe auch die tägliche Jagd nach Sicherheit und begreife auch die Hinwendung zu den neuen politischen „Heilsbringern“, die aus allen Parteien heraus auf Menschenfang gehen. Da kommen dann Dinge wie Asylrecht und Asylanten genau richtig. Ein Brandmüller lallt was von ausufernder Sexualität (sein Pech, wenn er altersbedingt nichts mehr bringt, aber Neid bringt auch nichts) und die rechts- oder linkshändig fischenden Heilsbringer hetzen auf ihre Weise, benutzen nur andere Themen und fördern die Angst der Ängstlichen. ALLE versprechen SICHERHEIT, denn damit fördert man Angstabbau.Endlich jemand da, der einem Sicherheit verspricht, der einem das Denken abnimmt, der die Unbilden des Lebens beseitigen wird!

    Die Kirchen konnten diese Volksverblödung viel besser, die kamen mit einem Bedrohungspotential daher, dass selbst die Wiederauferstehung infrage stellte und mit Aufenthalt in der Hölle droht. Dabei weiss selbst der blödeste Depp, dass die wenigsten Kirchen im Winter vernünftig geheizt sind! Da bleibe ich doch beim Teufel, laut Kirche heizt der seine Bude wenigstens anständig.

    Die Kirchen wurden nur so größenwahnsinnig, dass sie glaubten, dass ihren Machtgelüsten keine Grenzen gesetzt seien. Sie hielten sich eigene Kinderbordelle sprich Heime, sie schütz(t)en die Täter, sie leisten sich so idiotisch blöde Zunftvertreter wie Brandmüller oder EKD-Laller, sie leisten sich Kirchenjuristen, die Sexualopfer kirchlicher Täter durch Retraumatisierung erneut zu Opfern machen, wenn die „Entschädigung“ verlangen.

    Kann man all das „Pflege christlicher Traditionen“ nennen? JA, MAN KANN – denn Kirche tat seit zwei Jahrtausenden genau das, was sie heute noch tut! Sie geht den Pfad aller Machtgeilen, die Kollateralschäden sind ihr so scheissegal wie sie den weltlichen Despoten waren und sind. Tradition der Zerstörung heisst KIRCHE.

    • dierkschaefer said, on 13. Januar 2019 at 22:49

      Guten Abend, lieber Herr Kronschnabel,
      ich bin zwar seit vier Uhr wach (alter Mann hat Schlafstörungen) und hatte kaum Möglichkeit, Schlaf nachzuholen, dennoch sollten Sie auf Ihr Wort zum Sonntag noch am Sonntag Antwort erhalten.
      Was irritiert Sie denn mehr, der Theologe oder der Psychologe? Vermutlich die Kombination.
      Wie dem auch sei. Ich habe vernommen, dass Sie Ihren Platz in der Hölle sehen – an die Hölle glaube auch nur noch wenige katholische Theologen. Nicht nur weil es dort wärmer ist, Sie scheinen sich auszukennen, sondern auch, weil Sie bestimmten Leuten dort nicht begegnen wollen. Diese Leute können ja nur in die Hölle kommen. Oder sahen Sie Ihren Platz eher im Himmel und gingen davon aus, dass diese Typen dank Vitamin B vom Chef dort eingelassen werden?
      Mit der Werkgerechtigkeit (und damit auch der Verdammnis) hat Luther aufgeräumt. Ein Protestant mag und soll zwar gute Werke tun, doch diese haben keinen Einfluß auf einen Platz im Himmel.
      Damit bin ich bei Ihrem blinden Fleck. Sie sehen nicht und wollen nicht sehen, dass nicht nur Kinderficker bei Gottes (???)Firma (???) beschäftigt sind, sondern auch andere, die ohne auf den Himmel zu schielen, ihren Mitmenschen als Nächsten sehen und ihm helfen, soweit er Hilfe braucht. Ich denke gerade mal an die vielen, die sich für die Flüchtlinge einsetzen und Zeit und Geld investieren. Es gehört zu den Stärken der Kirchen und ihrer Einrichtungen, Menschen für Menschen zu motivieren. Sie aber sehen nicht nur immer das Negative, sondern müssen das Positive schwarz einfärben.
      Sie gehen sehr ungnädig mit Ihren Mitmenschen um, indem Sie ihnen unlautere Beweggründe unterstellen. Auch wenn alles Illusion ist, Märchen, wie Sie belieben zu schreiben, die Sehnsucht nach dem, was nicht von dieser Welt ist, steckt in vielen und sie finden Lebensmut darin. Ich bereite gerade meinen 75en vor und werde „aus dem Leben eines Glückspilzes“ erzählen. Beginnen werde ich mit einem Schlager, einer Sehnsuchtsschnulze:

      „Irgendwo auf der Welt gibt’s ein kleines bißchen Glück
      Und ich träum davon in jedem Augenblick.
      Irgendwo auf der Welt gibt’s ein bißchen Seligkeit
      Und ich träum davon schon lange, lange Zeit.
      Wenn ich wüßt, wo das ist, ging ich in die Welt hinein,
      Denn ich möcht‘ einmal recht so von Herzen glücklich sein.
      Irgendwo auf der Welt fängt mein Weg zum Himmel an,
      Irgendwo, irgendwie, irgendwann.“
      Wir sind eben nicht nur von dieser Welt bzw. aus guten Gründen mit dieser Welt nicht zufrieden. Natürlich werde ich diese Himmelssehnsucht erden.
      Wer den Weg zum Himmel findet, ist zu beneiden. Nehmen Sie das Grabmal der Maria Magdalena Langhans. Auf dem Grabdeckel ist zu lesen: „Herr, hier bin ich und das Kind, so du mir gegeben hast!“ In unserem Buch zum Tod schrieb ich vor vielen Jahren dazu: „Faszinierend ist unter diesem Aspekt das Grabmal der Pfarrfrau Maria Magdalena Langhans, die im Kindbett starb. Die Grabplatte zeigt die Frau, wie sie zusammen mit ihrem Kind das Tor des Todes sprengt und sich zum Jüngsten Gericht stellt: Herr, hier bin ich, und das Kind, das du mir gegeben hast! Wer seine Toten so aufgehoben weiß, kann getröstet leben und dem eigenen Tod getrost entgegen sehen.“ Dies sah ich ohne jede Bedeutung für mich persönlich. Darum zitierte ich damals unter der Überschrift „… und Gott wird abwischen
      alle Tränen von ihren Augen …“ den heute bekanntesten Soziologen:
      „Aufgabe der Religion ist es, dem menschlichen Leben und Erleben einen Sinn und damit eine Antwort auf das So-und-nicht-anders-Sein der Welt anzubieten, also auch die Ungereimtheiten dieser Welt erklärend erträglich zu machen. Dies besagt nichts anderes als die harte Notwendigkeit, auch angesichts existentieller Krisen – wie etwa der Todesdrohung – dem Lebensverlauf einen Sinn zu verleihen.
      In der modernen Gesellschaft, die fast keine gemeinsam geglaubten religiösen Vorstellungen und sinnstiftenden Werte mehr kennt, kann dies nur noch vom jeweils Betroffenen selbst geleistet werden. Menschen, die ihm viel bedeuten, können dabei eine wichtige Hilfe sein.
      Auch menschliche ‚Ur-Signale‘ wie etwa Schutzgesten, Spiel, Hoffnung, Verdammung und Humor sind hilfreich, weil sie über das normale Alltagsverhalten hinausweisen, das in seiner ausschließlichen Funktions- und Nutzenorientierung keine sinnstiftende Menschlichkeit mehr bezeugt.“ (nach: Armin Nassehi, Georg Weber, Tod, Modernität und Gesellschaft, 1989, Opladen, 416-421, Textbearbeitung: Dierk Schäfer)
      Welche Bedeutung diese Funktion von Religion hat, können sie z.B. am Liederdichter Paul Gerhard sehen. Das Gottesvertrauen trug ihn nicht nur durch die Schrecken des 30jährigen Krieges hindurch, sondern auch über den Tod seiner Kinder hinweg, – kaum nachzuvollziehen, wenn man seine Lieder liest.
      Wir sind heute weiter, aber nicht besser dran. Einen Weg zurück gibt es nicht.
      Übrigens: Den Taufspruch, den wir für unseren Micha ausgesucht hatten, fand ich (ohne Text), in einem Fester im Ulmer Münster wieder https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/41611565272/ .
      Noch ein Übrigens: Meine Rezension ist im aktuellen Pfarrerblatt erschienen. Ich bin gespannt, ob und wie meine Kollegen auf die „Bewirtschaftung der Vergangenheit“ reagieren.

      Ich wünsche Ihnen und mir eine gute Nacht.


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