Dierk Schaefers Blog

Die Zurichtung des Menschen zu seiner völligen Verfügbarkeit: Nicht mein, sondern dein Wille geschehe! Der große Fehler im System.

Der Film „Gottes missbrauchte Dienerinnen“[1] empört – und er macht nachdenklich. Da widmen Menschen ihr Leben Gott und der Nachfolge Jesu. Sie geloben in der „Ewigen Profess“ verbindlich Armut, Keuschheit und Gehorsam, und ordnen damit ihre Persönlichkeit unter die Aufsicht Anderer, die über sie bestimmen.

Sexualität sei nicht das Problem, sagte mir eine Franziskanerin, aber der Gehorsam. Demut wird verlangt. Evangelischen Nonnen, Diakonissen genannt, geht es nicht anders, wenn sie bekennen: „Mein Lohn ist, dass ich dienen darf“.[2]

Eigentlich braucht es diesen Film nicht, um zu erkennen, dass ein Fehler im System liegt.

1. Dieser Gehorsam kann missbraucht werden, denn andere fehlbare Menschen bestimmen, wie man gehorchen soll. Es geht nicht nur um den sexuellen Missbrauch von Nonnen, die aus der Gehorsamsfalle nicht herauskamen und mit sich geschehen ließen, was nun wirklich nichts mit Keuschheit zu tun hat. Es geht um etwas Grundsätzliches: Um die Zustimmung zu geistiger/geistlicher Knechtschaft. „Wenn wir eine Glaubensfrage haben, dann fragen wir unseren Exerzitienmeister“, sagte meine Tante, sie war Vinzentinerin. Damit war dann wohl alles geschwätzt.[3] Wie konnte die Kirche diesen Machtanspruch gegenüber ihren Gläubigen, zumindest soweit sie Kleriker waren oder einer Klostergemeinschaft angehörten durchsetzen? Immerhin hatte Kant deutlich gesagt »Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstan­des ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. ‚Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!‘«

Doch man hatte die, Lunte gerochen und versucht, den Teufel mit dem „Antimodernisteneid“ zu bannen.[4]

Doch generell ist die Herrensemantik „Herr Gott/Herr Jesus“ nicht nur eine Höflichkeitsformel im Umgang mit dem „Vater“ im Himmel. Immer noch übergeben manche Leute nach einem religiösen Erweckungserlebnis ihr Leben „dem Herrn Jesus“. Wenn es doch nur diese genannten Herren wären. Schlimm sind ihre Stellvertreter, die Usurpatoren[5].

2. Womit begann es – zumindest in der christlichen Tradition? Im „Alten“ Testament begann es mit der Opferung Isaaks. Abraham wurde zum Vorbild des Gehorsams gegen Gott, weil er bereit war, seinen eigenen Sohn auf Gottes Weisung hin zu opfern. Der Ruhm seines Gehor­sams reicht bis ins „Neue“ Testament. Das nun greift diesen Vorgang auf und präsentiert Gott als Vater, der seinen eigenen Sohn nun tatsächlich opfert: Im Garten von Gethsemane bittet Jesus seinen Gott-Vater, der Kelch des Leidens, die Kreuzigung möge an ihm vorübergehen. Aber: Nicht mein, sondern dein Wille geschehe! Diese nächtliche Szene ist an vielen Kirchen in einer Figurengruppe dargestellt:[6] Jesus auf den Knien, abseits drei schlafende Jünger, und die „Häscher“ zusammen mit dem „Verräter Judas“ sind bereits im Anmarsch.

So gut diese Szene überliefert ist: Wer war dabei und kann sie bezeugen? Niemand. Diese Szene ist eine theologische Schöpfung – und als solche erklärbar. Der Gehorsam wurde Jesus zugeschrieben. Doch Geschichten, wenn sie auch „nur“ Geschichten sind, haben ihre Wirkungen. Sie werden für wahr gehalten, sie werden nachgebildet, sie dienen als Vorbild für „gottgefällige“ Menschen und können von Menschen missbraucht werden für deren eigene Zwecke

Bibelkritik[7] steht am Beginn der Aufklärung. Sie hat viele Geschichten in ihrem ursprüng­lichen Kontext verortet und damit Mut bewiesen, sich des eigenen Verstandes zu bedienen, ohne Leitung eines anderen und hat den Menschen aus seiner Unmündigkeit befreit, so er den Mut aufbringt, frei zu werden.

Tröstlich ist, dass der Film auch Kleriker zeigt, die für die Entmündigten eintreten.

Doch nicht nur nebenbei: Es hieß einmal, es sei süß und ehrenhaft, für das Vaterland zu sterben. „Herrenmenschen“ gibt es in vielerlei Gestalt.


[1] https://www.youtube.com/watch?v=fwS2g0XgD3I

[2] http://diakonissen-neuendettelsau.de/fileadmin/user_upload/Diakonissen/Bilder/Was_wir_wollen/Diakonissenspruch2.jpg

[3] Sie hatte allerdings dennoch nicht ihren Verstand an der Klosterpforte abgegeben, sondern blieb Zeit ihres Lebens ein unbequemes Mitglied ihrer Klostergemein­schaft. Ihre Schwester hingegen, keine Nonne, aber Lefebvre–Anhängerin, meinte, sie würde gern mit mir diskutieren, aber ich sei in der falschen Konfession.

[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Antimodernisteneid

[5] https://de.wikipedia.org/wiki/Usurpation

[6] https://www.flickr.com/search/?text=Gethsemane

[7] https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_der_modernen_Bibelkritik

2 Antworten

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  1. Erika Tkocz said, on 12. März 2019 at 16:25

    Gehorsam verbinde ich eher mit Kindern und da mag es auch sinnvoll sein, wenn ein Kind auf den Rat der Eltern hört, weil ein Kind in vielen Bereichen noch nicht so wirklich einschätzen kann, was bestimmte Entscheidungen, Handlungen etc. für Folgen haben kann. So ist es aber auch von den Verpflichtungen der Eltern her nachvollziehbar, denn nicht umsonst heißt es „Eltern haften für ihre Kinder“.
    Sicherlich gibt es auch in der „Erwachsenenwelt“ Beispiele wo „Gehorsam“ eine Rolle spielt und da fällt mir natürlich die Bundeswehr ein oder auch die Feuerwehr. Beides Bereiche die nur durch diese Form der Hierarchie mit ihren Anordnungen und Befehlen in der Lage sind in „brenzlige Situationen“ auch schnell reagieren zu können und deshalb auch diese Befehlshierarchie und der dadurch bedingte Gehorsam nachvollziehbar ist. Immer dort, wo eine schnelle Handlung notwendig ist um Gefahren abzuwenden ist es nun einmal so, aber natürlich muss man auch dort immer wieder kritisch hinschauen, besonders bei der Bundesweh
    r. Was nun aber soll der Gehorsam in der Kirche und den Orden?? Geht es da auch darum möglichst schnell sinnvolle Entscheidungen zu treffen die unter Umständen großen Gefahren verhindern? Natürlich nicht, aber was genau hat es mit dem Gehorsam denn auf sich?
    Gehorsam selber ist –abgesehen bei Kindern- nicht wirklich grundsätzlich etwas positives und wenn man nicht nachweisen kann, dass Gehorsam auch einen wichtigen Wert hat-wie bei Kinder dieser als Schutz gilt -kann man Gehorsam schon auch als ein Unterdrückungsmechanismus betrachten und in der Kirche und in den Orden kann man es deutlich sehen wie weit das geht, bis zur eigenen Unterdrückung der Seele, des Körpers und zurück bleibt dann wenig „Menschliches“ und man muss sich da schon fragen, ob man es da nicht vermehrt mit Zombies zu tun hat. Irgendwie erinnern mich diese „Kirchendiener“ an Zombies.

    Da darf dann auch einmal die Frage gestellt werden, wie denn ein Mensch ist der z.B. Gott dienen will und sich kritiklos der Kirche unterwirft? Zumindest bedient sich so ein Mensch nicht seines Verstandes und hat offensichtlich auch kein Bedürfnis für sich und sein Leben die Verantwortung zu übernehmen und das deutet auf wenig Reife, bzw. Selbstbewusstsein hin.

    Sie Herr Schäfer fragen zu Recht: „Wie konnte die Kirche diesen Machtanspruch gegenüber ihren Gläubigen, zumindest soweit sie Kleriker waren oder einer Klostergemeinschaft angehörten durchsetzen?“
    Natürlich ist die Bibel und damit die christliche Tradition geradezu beispielhaft für Gehorsam, was sich ja darin gipfelt, sich selbst gehorsam zur Schlachtbank führen zu lassen wie Jesus. Na und wenn Jesus sein Leben für uns geopfert hat und damit gehorsam war-auch wenn er ein paar Minuten des Zweifels hatte-die dann aber auch sehr schnell weggewischt wurden- kann man logischerweise wohl davon ausgehen, dass man sich selber auch „opfern“ kann, bzw. dienen kann, sich unterwerfen einer höheren „Gewalt“ und bildet sich damit ein, Gott zu dienen. Wenn man die Geschichten der Bibel nicht für bare Münze nehmen soll, weiß ich dann auch nicht wieso Jesus geopfert wurde.

    Da Herr Schäfer hilft es mir nicht wirklich weiter, wenn sie auch auf andere Gebiete hinweisen. Soll dadurch etwa der Gehorsam in der Kirche relativiert werden? Ich hoffe doch nicht, immer da wo es Missstände gibt sollte man nicht darauf verweisen, dass es ja auch noch andere-ähnliche Missstände gibt, weil dadurch dann auch so gar nichts an den Missständen selber geklärt wird und schon gar nichts verändert werden kann.
    Und die Missstände in der Kirche sind schon im Kontext von Gehorsam zu betrachten und Zombies kann man nun nicht klar machen, dass ihr Leben es wert sein sollte, selber zu fühlen, zu denken und das Bedürfnis zu haben Verantwortung zu übernehmen.

    • dierkschaefer said, on 13. März 2019 at 01:13

      Liebe Frau Thocz,
      vielen Dank für Ihren ausführlichen Kommentar. Das mit der Frömmigkeit und dem daraus resultierenden Gehorsam kommt wohl allen fremd und unverständlich vor, die keinen Draht zu Frömmigkeit und der Hingabe an Gott haben. Das scheint ja auch aus der Zeit gefallen zu sein. Das Kirchenjahr, beginnend am Vorabend des 1. Advents, bildet in der Abfolge seiner Festkreise den Lebensweg Jesu bis zur Himmelfahrt nach. Die „Nachfolge Christi“ war ein Lebensideal für Fromme und so wie Jesus geduldig gelitten hat bis zur Kreuzigung im Gehorsam gegenüber dem „Ratschluss“ seines Vaters im Himmel , so sollte und konnte auch der Gläubige die Leiden des Diesseits verstehen und auf seine Auferstehung hoffen, wie auch Christus auferstanden ist. Dieses Verständnis des „Gottesknechts“ ließ die gläubigen Menschen das Leid ertragen. Schauen Sie sich die Kirchenlieder von Paul Gerhardt an: Entstanden in der Zeit des 30jährigen Krieges mit all seine Attrocitäten sind sie voll Gottvertrauen. Auch die Passionslieder sind voller Hingabe und Selbstentsagung (Jesu, Deine Passion will ich jetzt bedenken …). Wer in ein Kloster eintrat, fand darin seine Lebensbestimmung: Ihm nachfolgen im Leiden und Sterben und mit ihm auferstehen! Dies Lied steht zum Glück nicht mehr im Gesangbuch: Im Gefühl der tiefsten Schmerzen / dringt das Herz zu Jesu Herzen / immer liebender hinan; / und um eins nur fleht es sehnlich: / mache deinem Tod mich ähnlich, / daß ich mit dir leben kann. (Nach Karl Friedrich Harttmann 1782, Von Albert Knapp 1837).
      Dies alles ist uns, den meisten von uns fremd. Doch Relikte dieses Glaubens und der Selbstentsagung leben weiter, nicht nur in Klöstern, sondern auch – ich weiß, der Vergleich hinkt – im Gehorsam der muslimischen Gotteskrieger. Er hinkt, weil im Unterschied zu einigen Muslimen oder auch von Angehörigen einiger „Sekten“, ein solcher Gehorsam kein Verständnis in der Allgemeingesellschaft mehr findet. Gottseidank! Aber auch, wenn wir dem kein Verständnis mehr entgegen bringen, verstehen können sollten wir das schon, bei aller Ablehnung.
      Den Machtmissbrauch gab es natürlich auch früher schon, angefangen vom Augurenlächeln der Kundigen bis zu Sex-and-crime im Kloster. ( Das Konklave und die Nonnen von Sant’Ambrogio, 12. März 2013, https://dierkschaefer.wordpress.com/2013/03/12/das-konklave-und-die-nonnen-von-santambrogio/ ) Ich muss das nicht weiter ausführen.
      Sie schreiben: „Da Herr Schäfer hilft es mir nicht wirklich weiter, wenn sie auch auf andere Gebiete hinweisen. Soll dadurch etwa der Gehorsam in der Kirche relativiert werden?“
      Natürlich hilft es Ihnen nicht, dass es auch anderswo den Missbrauch von Gehorsam gibt. Sie sind Betroffene, ich nicht. Ich schaue mir ohne eigene Befindlichkeiten das Phänomen an. Wird dabei der Gehorsam in der Kirche relativiert? Ja, er wird eingeordnet. Wer meine Beiträge im Blog kennt, weiß, dass ich die kirchlichen Exzesse in keiner Weise verharmlose, ich spreche also nicht „pro domo“, nicht „pro ecclesia“. Es wäre mir zuwider, eine Opferhierarchie aufzustellen – was vielfach geschieht. Persönliches Leid ist unvergleichbar. Jeder definiert für sich die Bedeutung seines Leidens. Doch wenn ich den Holocaust neben den Holodomor stelle, dann sehe ich mit dem Blick des Nichtbetroffenen Vergleichbarkeiten, ohne damit persönliches Leid relativieren zu wollen. Unmenschlichkeit ist immer bodenlos.
      Sie selber haben andere Vergleiche herangezogen, den nötigen Gehorsam zB der Feuerwehrleute. Ja, stimmt. Stimmt auch für die Polizisten mit dem „Rettungsschuss“, den ich nicht so nennen würde. Es stimmt auch in manchen Situationen bei Militär. Schiller bringt im Wilhelm Tell das Beispiel von Winkelried, der sich aufopferte und die Speere der gegnerischen Front auf sich zog und so den Seinen eine Gasse bildete. Doch wenn wir sehen, wie „Heerführer“ ihre Soldaten in die Schlacht „werfen“, da wird uns schon ganz anders und wir wissen auch, dass militärischer Gehorsam erzwungen wurde durch die Waffen im Rücken der vorderen Frontreihe.
      Zurück zum Gehorsdam in der Kirche. Auch der Diakonisssenspruch von Löhe, „mein Lohn ist, dass ich dienen darf“ ist inzwischen modern kontextualisiert.
      Und, auch das gehört in diese Reihe: Für das, was ich in diesem Blogartikel geschrieben habe, wäre ich früher gefoltert worden und als Ketzer auf dem Scheiterhaufen gelandet.


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