Dierk Schaefers Blog

Und Gott schaut weg – was sollte er auch sonst tun? Ist ja auch nur ein Mensch …

… hätte ich beinah geschrieben. Menschen schauen weg, das ist das größere Problem. Was Gott tut oder unterlässt ist nur ein theologisches. All die Greuel auf der Welt belegen, dass er ohnmächtig oder unwillig sein muss. Wie sonst könnte er den Holocaust, den Holodomor, die Gulags, die Kriege und auch die alltäglichen Verbrechen, gar die an Kindern zulassen? Die „Theodizee-Frage“ ist längst zu einer Frage an die Menschen geworden, zur Anthropodizee-Frage: Wie können wir das zulassen? Schauen auch wir einfach weg?Kind

[1]

„Und Gott schaut weg“ hat Detlev Zander sein Buch genannt[2]. Wenn ich hinschaue, dann sehe ich Fürchterliches.

Ein Beispiel soll reichen: der „Steh-Karzer“ in der Korntaler Diakonie:

»Zwischen zwei Gruppenwohnungen gab es Doppeltüren. Zwischen diesen beiden Türen war gerade so viel Raum, dass ein dort eingeschlossenes Kind sich weder umdrehen noch hinlegen konnte. Die Kinder wurden dort nachts für viele Stunden in völliger Dunkelheit zwischen beiden Türen eingeklemmt. Diese Methode dient auch zur Erzeugung von Klaustrophobie und Panik­attacken bei zuvor noch gesunden Kindern. Die Kinder sollten ja nicht nur in diesem Moment bestraft werden, sondern nachhaltig und für ihr ganzes Leben.«[3]

Wer je eine Kernspin-Untersuchung[4] erlebt hat, kann sich das in etwa vorstellen: Eingezwängt in eine enge Röhre unter beängstigendem Lärm – und das nur für eine halbe Stunde, die ewig erscheint, wenn man sich nicht psychisch konditioniert. Das gelingt nicht allen Erwachsenen, die haben aber einen Notfallknopf in der Hand und können auf „Abbruch“ drücken. Und Kinder? Kürzlich hatte eins der unseren eine solche Untersuchung. Ich habe ihm alles erklärt, so dass er wusste, was auf ihn zukommt, und ich bin mit rein. Nicht in die Röhre, aber dicht daneben und habe ihn durch Streicheln am Bein ständig „gesagt“: Du bist nicht allein, es ist alles in Ordnung.

Anders im frommen Korntal. Man muss daran erinnern, dass die Diakonie aus der „Inneren Mission“ hervorgegangen ist. Mission – Die Verkündigung der frohen Botschaft Gottes? Nein, in Korntal nicht. Dort wurde auch der Teddy-Bär, der als letzten Halt verbliebene Schutzengel des Kindes Detlev Zander vor seinen Augen ins Feuer geworfen. Man möchte wegschauen.

Doch es gibt Menschen, die sich am Zuschauen verlustieren. Die müssen wir im Auge behalten und ihnen Einhalt gebieten.[5]

Andere schauen einfach weg. So ein Kollege, der in seinem Blog als „Kirchenberater“ firmiert: Der ist „mit diesem Thema, also dem von der Kirche zu verantwortenden sexuellen Missbrauch, bisher nicht konfrontiert worden“, das schreibt er am 5. Juli 2020! In welcher Welt lebt der Mann?[6]

Nicht genau hingeschaut haben die Bischöfe der Württembergischen Landeskirche. Die Brüdergemeinde Korntal ist zwar unabhängig[7], doch sie wird vom Bischof unserer Landeskirche „visitiert“, d.h.: es finden Kontrollbesuche statt.[8]

„Und nur wer hinschaut, wird die wahre Dimension dieses Sumpfes erkennen.“[9]

Wir müssen genau hinschauen. Gott tut es wohl nicht.

[1] Photo: ds

[2] https://books.google.de/books/about/Und_Gott_schaut_weg.html?id=z7D9CAAAQBAJ&redir_esc=y

[3] http://www.opferhilfe-korntal.de/pages/taten.php

[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Magnetresonanztomographie

[5] »„Das Schrecklichste sind die Bilder. Und Sie müssen, wenn Sie das auswerten, sich auch die Tonspuren anhören. Das ist sehr schrecklich, und wenn man dann sieht, dass zwei Kinder von vier Männern missbraucht werden, wechselseitig und über Stunden, dann ist das, glaube ich, nicht mehr irgendwie zu beschreiben. Das ist schon der Abgrund, was man da gesehen hat.“ (Kriminalhauptkommissar Joachim Poll, Ermittlungsleiter im Fall Münster) … „Und nur wer hinschaut, wird die wahre Dimension dieses Sumpfes erkennen.“ (Peter Biesenbach, Justizminister in Nordrhein-Westfalen)« https://www.deutschlandfunk.de/debatte-um-umgang-mit-missbrauchsfaellen-fachwissen-in-der.1148.de.html?dram:article_id=481065 Montag, 3. August 2020

[6] http://wolff-christian.de/die-basis-broeckelt-leise-anmerkungen-zu-den-kirchenaustritten/?replytocom=13950#respond

[7]Die von Ihnen genannten Vorfälle beziehen sich auf Einrichtungen der Diakonie der Evangelischen Brüdergemeinde Korntal gGmbH, die der Evangelischen Brüdergemeinde Korntal und nicht der Evangelischen Landeskirche in Württemberg zugeordnet ist.“ https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/07/31/blieb-der-juli-ohne-july-korntal-war-keine-chefsache/  – so auch das folgende Zitat

[8] Die Landeskirche hat das Visitationsrecht über die unabhängige Brüdergemeinde in Korntal und ihrer Filiale in Wilhelmsdorf. Visitation ist Dienstaufsicht nach Plan. Korntal kommt allerdings in der Visitationsordnung der Landeskirche nicht vor. – Egal, – wenn der Landesbischof sogar die Hühner der Brüdergemeinde zur Chefsache macht, frage ich mich, wie die früheren Landesbischöfe ihre Visitationspflicht wahrgenommen und ob sie vom Missbrauch in Korntaler Einrichtungen erfahren haben. War die Visitation zu oberflächlich? Oder hat man die Ergebnisse nicht ernstgenommen, gar verschwiegen?

[9] Fußnote 5

3 Antworten

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  1. ekronschnabel said, on 4. August 2020 at 07:30

    Ich war ein Idiot, ich hätte Detlefs Zanders Buch an jedes Mitglied der sogenannten „Unabhängigen Kommission“ der Landeskirche Hannovers schicken sollen, als die damit begonnen haben, die Sexualopfer
    der kirchlichen Kinderficker zu „entschädigen“.Ja, ich nenne diese Schweine NUR so, denn ich bin es leid, dieses saublöde Schöngerede immer wieder zu hören! Auch im Bereich der Landeskirche Hannovers liefen
    damals dieselben Schweinereien wie in Korntal, auch in allen anderen Landeskirchen-Bezirken lief es so!

    Und heute vergewaltigen die Täternachfolge-Organisationen die Opfer von damals erneut, sie arbeiten
    mit abgefuckten Fragebogen, retraumatisieren die Opfer gezielt! Ich hatte alleine schon DREI Fälle im Zu-ständigkeitsbereich der LK Hannovers, die entsetzt abwinkten, als sie die perversen Fragen in diesem
    schweinischen Fragebogen lasen. Und die „Erfinder“ dieser Perversität? Die lehnten die Zurückziehung
    des Fragebogens ab, ich habe das entsprechende Schreiben auf Festplatte.

    Und die Kommissions-Mitglieder? Gestandene Leute, ein pensionierter Richter, eine Ex-Landtags-Abgeordnete,
    ein Ex-Regierungspräsident, ein Pastor aus dem Bereich LK Hannover. Was ging in den Köpfen dieser Leute
    vor, als sie den perversen Fragebogen – mit z.B. der Frage nach der Uhrzeit der Tat – akzeptierten? Den ak-
    zeptierten sie, aber einen Psychologen oder Psychiater ließen sie aussen vor, sie blieben unter sich, alle in
    kirchlichen Pöstchen verbandelt, also RICHTER IN EIGENER SACHE! Befangenheitsgründe kennt der Vorsitzende als ehemaliger Berufsrichter, sie interessierten ihn einen Dreck! Ich befragte einen Landgerichts-
    präsidenten nach seiner Meinung zu Befangenheiten und schilderte den Fall der „Unabhängigen Kommission“
    der LK Hannovers. Herr Präsident lachte und meinte, dass das nur innerhalb solcher „Hobby-Gerichtsbarkeiten“
    machbar ist.

    Und der Boss dieser Firma mit Kreuz im Logo? Bischof nennt er sich (so darf auch ich mich nennen, dieser Titel ist nicht geschützt), Wikipedia erklärt die Bedeutung. Meister heißt er, aber der verhielt sich nicht als Meister, er ließ seine Truppe und sein Truppen-Gericht machen, sah zu, ohne einzugreifen, als sein Firmen-Jurist die Re-Traumatisierung der Opfer organisierte und das Truppen-Gericht die Vorgaben (=Fragebogen) kritiklos umsetzte. So sparte die LK Hannovers alleine durch die drei Fälle der, die erneute Vergewaltigung ablehnenden Opfer, mal eben theoretische 75.000,- Euronen. Und in zwei weiteren Landeskirchen landete der perverse
    Fragebogen der Hannoveraner auch, LK Oldenburg und LK Braunschweig nutzen die Dienste der „Unabhängigen Kommission“ der Hannoveraner. Wie nennt man solch ein Geschäftsgebaren? Die Landeskirchen nennen es erfolgreich, die Opfer nennen es mafiös.

    Und die Kirchenfuzzis wissen „Und Gott schaut weg“. Wenn die sich da mal nicht täuschen, denn als ich
    vor ein paar Tagen bei Fielmann war, sah ich dort einen bärtigen Mann, der dem Bild nahe kam, das sich
    der (noch) kirchenhörige Mensch von Gott macht. Aber dem Auto nach zu urteilen, war es eher ein Bischof,
    der seinen feisten Hintern in eine Luxus-Limo hievte…

  2. Werner Boesen said, on 4. August 2020 at 11:31

    Und Gott schaut zu – Aus weiter Ferne!
    Es kann nicht Sinn sein, dass Gott alles richtet. Wozu hätte er sonst dem Menschen den Verstand gegeben? Machet Euch die Erde untertan verheißt die Bibel. Und seht das Göttliche, damit ihr rein werdet, so etwa die Worte Christi. Dann habt ihr das Göttliche in Euch. Leider gebrauchen viele Menschen ihren Verstand nicht und lassen sich ihren Verstand vernebeln. Sie sehen i m Leid der Mitmenschen ihr Pseudo-Heil und verkennen, dass dies nur eine kurze Verweilzeit hat. Obgleich fünf Jahre Lebenszeit für ein Kleinkind eine Ewigkeit ist, ist es für den Erwachsenen ein Planansatz seiner Lebensgestaltung. Neben dem Verstand sind wir mit Gefühlen ausgestattet, die dem Verstand oft im Wege sind und es schwierig machen, Gutes und Böses voneinander zu trennen. Der Mensch ist gleichermaßen gut wie böse je nach Blickrichtung des Menschen. Deshalb braucht er Gesetze, die den Verstand der Menschen herausfordern. Und viele Menschen versuchen Gesetze zu umgehen und betrachten sie als Spielwiese. Deshalb müssen Kinder so früh wie möglich aufgeklärt werden, was erlaubt ist und was nicht. Dazu brauchen Kinder eine neutrale Hilfsperson, wie einen staatlichen Kinderbeauftragten, der Kinderrechte wirksam vertreten kann. Wir sind auf dem Weg dorthin, doch er ist noch recht steinig. Unser Grundgesetz lebt noch vom Mythos und der Fiktion des Elternrechts anstatt vom Recht auf Versorgung des Kindes und von der Erziehungspflicht von Erwachsenen, in erster Priorität die Eltern.

  3. anna meier said, on 6. September 2020 at 12:46

    Ich fände es sehr hilfreich, wenn es sehr hilfreich, wenn für absolute Transparenz gesorgt würde damit, dass die Klarnamen der aktuellen Bearbeiterinnen und Bearbeiter genannt werden, des ehemaligen Richters, der Ex- Landtagsabgeordneten etc pp. Nehmt die Leute so in die Verantwortung. Personenschutz ja; Opferschutz vor Personenschutz; die, denen Schaden zugefügt wurde, haben lebenslänglich zu kämpfen. Die, die weggeschaut haben, da es ihrer Karriere geschadet hätte und da es ihnen schlicht und ergreifend egal war, sollten dafür dann auch die Konsequenzen tragen und öffentlich Rede und Antwort stehen.
    Warum ich das schreibe? Weil ich der Meinung bin, dass Kindesmißbrauch etwas Allgemeines in der Gesellschaft ist, was zu oft vorkommt und was vor allem in Organisationen, bei denen es um Macht, Einfluss und Geld geht, zu oft vorkommt. Weil man bei dem „mein Vater war deutscher General bei der Nato“ weiß, dass es um interfamiliären, systematischen jahrelangen Kindesmißbrauch geht. Die Betroffenen haben dies klar geäußert. Da aber den meisten, die das verhindern sollen, das Vorstellungsvermögen fehlt, passiert nichts und der Mißbrauch geht einfach weiter


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