Dierk Schaefers Blog

Die Bilanz von Nikolaus Schneider

Posted in heimkinder, Kirche by dierkschaefer on 6. November 2014

»Was waren Höhepunkte Ihrer Amtszeit?

Die Begegnungen mit den beiden Päpsten Benedikt XVI. in Erfurt und Franziskus in Rom gehören sicher dazu. Bei beiden Begegnungen wurde deutlich, dass unsere Kirchen sich gemeinsam in der Nachfolge Christi verstehen, sich in ihrer Verschiedenheit respektieren und auch herausfordern. Sehr bewegend waren auch die Treffen mit dem ökumenischen Patriarchen Bartholomäus in Istanbul und im Berliner Dom.«[1]

Nach den Tiefpunkten seiner Amtszeit wurde er nicht gefragt. Ihm wären dabei aber wohl kaum, ebenso wenig wie dem Interviewer, die ehemaligen Heimkinder eingefallen.

Schwamm drüber?

[1] http://www.ekd.de/aktuell/edi_2014_11_05_nikolaus_schneider.html

Wird Nikolaus Schneider noch heiliggesprochen?

Posted in Kinderrechte, Kirche, Kriminalität, Religion, Theologie by dierkschaefer on 9. August 2014

Eine Antwort auf https://dierkschaefer.wordpress.com/2014/08/08/fur-die-belange-der-ehemaligen-heimkinder-hat-sich-der-ratsvorsitzende-in-seiner-amtszeit-besonders-und-auch-personlich-eingesetzt/

OKR Dr. Christoph Thiele
Kirchenamt der EKD
Herrenhäuser Str. 12
D-30419 Hannover

Sehr geehrter Herr Dr. Thiele,

sehr geehrter Herr Oberkirchenrat!

Sie haben Herrn Werner stellvertretend für den Ratsvorsitzenden der EKD, Dr. h.c. Nikolaus Schneider per Mail geantwortet. Ich habe es in meinem Blog veröffentlicht und möchte gern stellvertretend für Herrn Werner, allerdings ohne Auftrag, darauf antworten.

Zunächst das Positive:

1. Das ist die Antwort überhaupt. Es ist leider alles andere als selbstverständlich, daß Personen in hohen Ämtern antworten oder antworten lassen.

2. Dann will ich Ihnen zugute halten, daß Sie den Sachverhalt nicht oder nur unvollständig kennen. Das kann ich aber schon nicht mehr voll dem Positiven zurechnen. Denn mit den Verbrechen an Kindern in zumeist kirchlichen wie aber auch staatlichen Einrichtungen dürfte es inzwischen so sein, wie Joseph Peter Stern von den Mitläufern gesagt hat: „Man wußte immer so viel, daß man es vorzog, nicht mehr wissen zu wollen.“[1]

3. Doch nun das Negative:

Was Sie über Herrn Schneider schreiben, stimmt nicht. Selbst wenn man de mortuis nihil nisi bene auf die abeundis anwenden will, schreien doch die vielen Beiträge im Netz das Gegenteil. Betroffenheitsgestammel und ein Versöhnungsgottesdienst sind kein persönlicher Einsatz für die ehemaligen Heimkinder. Was Herr Schneider auch persönlich immer dabei gefühlt haben mag, stand er doch als EKD-Vorsitzender in der Gesamtverantwortung für die Vorgänge am Runden Tisch. Und es ist belegbar, daß die ehemaligen Heimkinder, (ganz abgesehen von den Heimkindern in den Behinderteneinrichtungen und Säuglingsheimen, die wurden und werden völlig außen vor gelassen) in ihrer Vergangenheit ausgebeutet, mißhandelt und um ihre Zukunftsaussichten gebracht[2], am Runden Tisch betrogen wurden von einer Phalanx von staatlichen wie kirchlichen Vertretern unter dem Vorsitz einer Politikerin[3], die zudem Pfarrerin ist, betrogen um einen halbwegs angemessenen finanziellen Ausgleich. Die Zahlungen die es gibt, werden großzügig unter Betonung des nicht-existenten Rechtsanspruchs auf Antrag gewährt. Meine Kirche, die mit Ewigkeitswerten handelt, beruft sich auf Verjährung und brüstet sich mit der Großzügigkeit ihrer Mitfinanzierung des Heimkinderfonds. Ich schäme mich für meine Kirche und ihre Repräsentanten, angeführt von Herrn Schneider[4]. Sein Namensvetter, der Heilige Nikolaus, verteilte der Legende nach Goldklumpen. Das zählt zur Hagiographie und ist so wenig glaubwürdig, wie der Einsatz von Herrn Schneider.

Doch nun zum Allgemeinen: Was ich vermisse, ist eine theologische Aufarbeitung sowohl der Vorkommnisse in den unterschiedlichsten Heimen als auch die der Kirchen am Runden Tisch, die des Staates eingeschlossen. Welche Rolle spielte der Rettungsgedanke, welche das Menschenbild, welche die Vorstellungen vom ewigen Heil, welche die finanziellen Aspekte? Eine Antwort darauf könnte allerdings gravierende Folgerungen für die Systematik unserer Glaubensvorstellungen haben.

Zurzeit sehe ich nicht, daß es an diesen Fragen Interesse gibt, weder in den theologischen Fakultäten, noch in den kirchlichen Akademien. Wo bleibt das große Symposion für diese Fragen?

Ich befürchte jedoch, daß man mehr die finanziellen Folgen befürchtet als die theologischen.

Ob Sie mir antworten?[5] Ich weiß, daß ich gegen die kirchliche „Kleiderordnung“ verstoße, wenn ich als kleiner Ruhestandspfarrer vom Lande meinen „Oberen“ solche Briefe schreibe – und noch dazu öffentlich. Doch das soll nicht mein Problem sein. Wie Sie das Ihre lösen, werde ich sehen.

Mit freundlichem Gruß

Dierk Schäfer

[1] Geradezu typisch für diese Haltung ist der Bericht, den ich heute erhielt: Ich wurde am 17. Juli 1950 in der Philippus- Nathanel-Kirche evangelisch getauft. Als ich mich nach Jahren als ehemaliges misshandeltes Heimkind durch die Diakonie überwunden hatte meine Gemeinde in 2012 einmal aufzusuchen begegnete mir der Gemeindepfarrer und fragte mich ob er mir behilflich sein könne und was ich denn suche. Ich erzählte ihm das ich ein ehemaliges misshandeltes Heimkind seiner Gemeinde bin und mich nur mal umsehen wollte wo ich vor Jahrzehnte getauft wurde. Aber davon wollte der junge Herr Pfarrer nichts wissen und meinte man solle doch solche Geschichten ruhen lassen. Es kümmerte ihn wenig wie es einen seiner ehemaligen Gemeindemitglieder erging und ging. Fundstelle: https://dierkschaefer.wordpress.com/2014/08/09/die-kirchen-bluten-aus-stellt-die-welt-fest/#comments

[2] Dazu: https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2010/05/essay-pfarrerblatt.pdf

[3] https://dierkschaefer.wordpress.com/2011/01/31/der-runde-tisch-heimkinder-und-der-erfolg-der-politikerin-dr-antje-vollmer/

[4] https://dierkschaefer.wordpress.com/2011/09/13/das-war-spitze-herr-ratsvorsitzender/

[5] Ein Schreiben haben Sie ja, wie ich sehe, in der Sache bereits bekommen: http://helmutjacob.over-blog.de/article-einsatz-des-ratsvorsitzenden-der-ekd-nikolaus-schneider-fur-die-heimopfer-ein-brief-als-weitere-de-124327475.html

O, hättest du doch geschwiegen, Bruder Nikolaus!

Posted in heimkinder, Kirche, News by dierkschaefer on 19. April 2010

O, hättest du doch geschwiegen, Bruder Nikolaus!

Die Medien verbreiteten die Nachricht, die wirklich eine Nachricht war/gewesen wäre:

»„Die Kirchen werden sich der Forderung nach materieller Entschädigung für erlittenes Leid in staatlichen und kirchlichen Kinderheimen nicht entziehen.“ Er sprach von einem sehr bedrückenden Kapitel.
Dass die Kirchen dafür heute in Haftung genommen würden, sei richtig, sagte Schneider. Schließlich hätten die Kirchen die Heime damals mitgetragen.«

http://www.focus.de/politik/weitere-meldungen/entschaedigung-ekd-plant-wiedergutmachung-fuer-heimkinder_aid_498791.html

Nun kommt die Korrektur (laut FAZ vom Montag, 19. April 2010).

Richtig ist,die Kirche werde sich dem Gespräch über Entschädigungen nicht entziehen.“

Das ist nun wahrlich keine Nachricht wert. Das Gespräch ist längst im Gange.

Was also ist die Botschaft?

Wir können mal darüber reden. Reden kostet nichts. Solange wir reden, brauchen wir nichts zu tun – und derweil werden die ehemaligen Heimkinder weniger, dann gibt es auch weniger zu tun, wenn wir schon genötigt werden sollten, überhaupt etwas zu tun.

Es ist für mich als evangelischer Christ und Pfarrer schmerzhaft zu sehen, wie der amtierende Ratspräsident hinter die Aussagen seiner Vorgängerin zurückfällt.

O, hättest du doch lieber ganz geschwiegen, Bruder Nikolaus!

Nachtrag, nach dem Hören des Interviews auf

http://www.inforadio.de/programm/schema/sendungen/interview/201004/140157.html

das klingt insgesamt nicht unsympathisch, wenn er auch ein paar kautelen einbaut. der o-ton scheint glaubhaft.
schneider hatte halt das pech, daß die erste meldung inhalte hatte, die er dann korrigiert hat. er sollte nun positiv nachlegen.

„Aufrecht“ sterben – Fragen an Gesundheitsminister Spahn – Ein offener Brief in einer Angelegenheit von öffentlichem Interesse

Posted in Bürokratie, Deutschland, Ethik, Gesellschaft, Justiz, Kirche, kirchen, Kultur, Leben, Medien, Moral, News, Philosophie, Politik, Recht, Seelsorge by dierkschaefer on 20. Februar 2019

Sehr geehrter Herr Minister,

heute entnahm ich dem Tagesspiegel[1] Ihre Handhabung der Abgabepflicht tödlich wirkender Medikamente an Schwerst­kranke und wende mich deshalb an Sie, vorausgesetzt dass die Darstellung der genannten Zeitung stimmt.

Mir ist klar, dass es sich um eine komplexe Thematik mit Missbrauchsmöglichkeiten handelt. Aber ich[2] halte es für ethisch verwerflich, Sterbende mit ihren existentiellen Anliegen auf die lange Bank des Hinhaltens oder der Nichtbefassung zu schieben und dies mit allen Mitteln, die der bürokratische Abschiebebahnhof bietet, noch dazu, wenn sie rechtlich zumindest problematisch sind.

img 13946 b.jpg

Ich darf Ihnen aus meinem derzeitigen Alltag einen Mailausschnitt zitieren[3]:

„Meine Ärzte stellten mir eine ziemlich eindeutige Diagnose. Ich habe mein Haus bestellt, wie es so schön heisst, ich bereite die letzte Fahrt nach xxx vor, meine „ärztliche“ Tochter wird mich begleiten. Wenn es gut kommt, darf ich den Sommer nochmals geniessen, vielleicht aber auch den Herbst, er ist ein Geschenk. Ich werde kein bettlägeriger Fall, ich habe meine Frau und Tochter als Medizinerinnen, die mich vor langen Leiden schützen. Deshalb xxx, das schon immer meine 2. Heimat war: es hat eine andere Gesetzgebung.“

Von einem solchen Weg ins Ausland sprach öffentlich bereits Nikolaus Schneider, der frühere Ratsvorsitzende der EKD. Er werde seine an Krebs erkrankte Frau, wenn sie Sterbehilfe wolle, auch in die Schweiz begleiten.[4] Schneider hat damit persönlich eine sichtbare Distan­zierung zur in der Kirche herrschenden Meinung[5] vollzogen, die aktive Sterbehilfe ablehnt und auf palliative Maßnahmen setzt: Schmerzbekämpfung/Schmerz­dämpfung, auch in der Todeskampfphase.

Meine Fragen an Sie, sehr geehrter Herr Minister:

  • Müssen bei uns Menschen andere Rechtsräume aufsuchen, um so sterben zu können, wie sie es für sich wünschen?
  • Ist dieser letzte Wunsch nicht auch ein Menschenrecht?
  • Soll es dieses Recht nur für die geben, die es sich leisten können?
  • Soll die quälende Langsamkeit des Sterbeprozesses nur die finanziellen Interessen der professionellen palliativmedizinischen Begleiter bedienen?
  • Warum ist uns in Deutschland nicht vergönnt, so aufrecht zu sterben, wie wir das wollen unter Vermeidung der demütigenden Situation nur noch Objekt medizinischer Bemühungen zu sein?

Vor einigen Tagen erschien in der NZZ ein menschlich mich sehr berührender Artikel über Eltern, die mithilfe einer schweizer Sterbehilfeorganisation gemeinsam aus dem Leben scheiden[6]. Wenn Sie diesen Artikel gelesen haben: Wie ging es Ihnen damit?

Ich schicke Ihnen diesen Brief vorab als Mail und werde ihn morgen in meinen Blog stellen, um Ihnen die Gelegenheit zu geben, ihn als erster zu lesen. Ihre Antwort werde ich selbstverständlich in vollem Wortlaut auch in meinem Blog veröffentlichen.

Mit freundlichem Gruß

Dierk Schäfer, Freibadweg 35, 73087 Bad Boll, Tel: 0 71 64 / 1 20 55

PS: Doch noch ein paar Worte zum im Zeitungstext genannten Gutachten. Die Position des Gutachters sei bekannt gewesen. „95.200 Euro zahlten die Behörden für ein Rechtsgutachten – dessen Ergebnis feststand“, ist dort zu lesen.

Das wirft eine doppelte ethische Frage auf, einmal an den, der ein Gefälligkeitsgutachten in Auftrag gibt – und das für eine erhebliche Summe, die nicht einmal er selbst bezahlen muss. Zum andern für den Gutachter: Wie objektiv war er, um ein unabhängiges Gutachten zu erstellen? Für mehr als neunzigtausend Euro tun manche manches.

Da ich selber auch Gutachten erstelle (und von solcher Honorierung nicht einmal zu träumen wage), weiß ich, dass ich bei wenn auch begründeter Befangenheit lediglich eine gutachterliche Stellungnahme abgeben kann. Wie war das bei Ihrem Gutachter?

ds

—————————

Graphik aus: Dierk Schäfer und Werner Knubbenin meinen Armen sterben? : Vom Umgang der Polizei mit Trauer und Tod, Hilden/Rhld. 19962 Seite 8, ISBN 3-8011-0345-5

Umschlagtext: Dierk Schäfer, Kirchenrat und Diplompsychologe, 48 Jahre alt, und Werner Knubben, Polizeidekan und Kriminalhauptkommissar a. D, 44 Jahre alt, arbeiten beide als Seelsor­ger im Regierungsbezirk Tübingen, Ihre umfangreiche Erfahrung mit Todesfällen und den davon direkt oder beruflich betroffenen Menschen hat sie gedrängt, dieses Buch zu schreiben, um Verständnis und Verstehenshilfe anzubieten.

Die Graphik war nicht Bestandteil des Vorabmails an den Minister.

Fußnoten

[1] https://www.tagesspiegel.de/politik/gesundheitsminister-ignoriert-urteil-jens-spahn-verhindert-sterbehilfe/24010180.html

[2] Zu meiner Person: Ich bin Pfarrer i.R. und habe 15 Jahre lang für Polizeibeamte berufsethischen Unterricht erteilt.

[3] Dieses Abschiedsmail erhielt ich vor wenigen Tagen, die persönlichen Daten und alle Ortsangaben habe ich unkenntlich gemacht.

[4] https://dierkschaefer.wordpress.com/2014/07/21/demokratisierung-der-todeszuteilung/

[5] Ob ich hier allgemein von „der Kirche“ reden kann, weiß ich nicht. Dort melden sich nur die „Hirten“ zu Wort, die „Schafe“ schweigen.

[6] https://www.nzz.ch/gesellschaft/wenn-die-eltern-gemeinsam-aus-dem-leben-scheiden-ld.1455660

Wenn man schon sterben muss: Einfach wegdämmern …

… wer möchte das nicht nach einem weithin zufriedenstellend gelebten Leben? Auch wenn’s kein „erfülltes“ war, aber keine Erfüllung mehr zu erwarten ist. Wir müssen ohnehin einmal sterben, dann doch lieber so. Besser als der letale Schlaganfall, denn das Fallen könnte man noch merken. Doch nur wenige möchten, dass ihr Dämmerzustand über Wochen hinweg verlängert wird durch die künstliche Aufrechterhal­tung ihres Stoffwechsels. Einfach wegdämmern können ist angesichts der Alternativen die beste aller denkbaren Möglichkeiten.

Schlimmer noch, wenn der Dämmerzustand von schmerzhaften Phasen unterbrochen wird und man nicht mehr die Kraft hat zu rufen: Schwester, ich habe Schmerzen! Oder wenn die Ausweglosigkeit bei vollem Bewusstsein durchlitten werden muss.

Ein Urteil des Bundesverwaltungsgerichts[1] hat die Periletalexperten aufgescheucht. Die EKD-Mitteilung nennt sie und schreibt vorsichtshalber, sie wolle »zu dem Fall erst dann Stellung neh­men, wenn der Text des Urteils vorliegt. Generell wies eine Sprecherin darauf hin, dass die evange­lische Kirche das menschliche Lebens als Gabe Gottes betrachte, das auch bei starken Ein­schrän­kungen und Leiden seine Würde nicht verliere. Wichtig sei zudem, die palliativme­di­zi­nische Versorgung von schwer kranken und sterbenden Menschen zu verbessern. Auch die Kirche stehe vor der Herausforderung, die „Seelsorge an Schwerkranken und Sterbenden zu verstärken“« [2].

Was hat die Periletalexperten so aufgescheucht? Es ging um die Frage der professionellen Beihilfe zum Suizid. Der „Zugang zu einem Betäubungsmittel, das eine schmerzlose Selbst­tötung ermöglicht, darf in extremen Ausnahmesituationen nicht verwehrt werden“, so der Tenor der Gerichtsentscheidung. Die verknüpft damit das allgemeine Persönlichkeitsrecht[3]. Dieses umfasse „auch das Recht eines schwer und unheilbar kranken Patienten, zu entschei­den, wie und zu welchem Zeitpunkt sein Leben beendet werden soll, vorausgesetzt, er kann seinen Willen frei bilden und entsprechend handeln. Daraus kann sich im extremen Einzelfall ergeben, dass der Staat den Zugang zu einem Betäubungsmittel nicht verwehren darf, das dem Patienten eine würdige und schmerzlose Selbsttötung ermöglicht.“

Die Menschenwürde, auch die des Sterbenden, ist kein unbestimmter Rechtsbegriff wie das vielstrapazierte Kindeswohl. Doch es wird versucht, Menschenwürde besserwisserisch oder gar im eigenen Geschäftsinteresse gegen den Willen des Würdeträgers zu definieren und diese Definition auch durchzusetzen. Dies geschah am 3. Dezember 2015 durch ein Änderungsge­setz zu Paragraf 217 StGB, seit dem 10. Dezember ist es in Kraft. [4]

»Das Gesetz hat damals die Debatte um die Sterbehilfe, Suizidbeihilfe und Palliativmedizin zu beenden versucht, indem es von allen diskutierten Vorschlägen den restriktivsten, freiheits­feindlichsten und obrigkeitsstaatlichsten umsetzte. Wie üblich geschah dies unter großem Moralin- und Argumentationsaufwand und natürlich mit den allerbesten Absichten. Es gab (mindestens) drei Gesetzesvorschläge mit unterschiedlich restriktiver Handhabung. Der am meisten rückwärtsgewandte, am meisten bevormundende, am wenigsten menschenfreundliche wurde Gesetz. Eine breite Mehrheit der Bürger hätte sich – laut zahllosen Umfragen und Untersuchungen – anders entschieden. So viel Vertrauen in die Vernunft ihrer Untertanen aber wollten die GesetzgeberInnen nicht aufbringen.«[5]

Und nun stört das Bundesverwaltungsgericht den gegen die Bürger durchgesetzten Rechts­frieden – die Moralinstanzen und Geschäftsinteressenten maulen.

Klar, dass sich die verfasste Ärzteschaft wehrt; auch die Palliativmediziner sehen ihr Geschäfts­modell bedroht[6], doch manche Ärzte werden sich nicht dadurch vertreten sehen.[7]

Geschäftsmodelle sind ethisch zunächst neutral zu bewerten. Wer wird einem Bäcker vor­werfen wollen, dass er mit unserem Hunger sein Geld verdient. Wir als Kunden von wem auch immer können für unser gutes Geld eine professionelle Dienstleistung bzw. qualitativ gute Ware und ein angemessenes Preis-Leistungs-Verhältnis erwarten. Das gilt auch für die Begleitung in der Lebensendphase. Die Palliativmedizin ist ein wichtiger Dienstleister, der allerdings Mühe hatte, sein Geschäftsmodell durchzusetzen.[8] Eine beabsichtigte Lebens­verkürzung wurde jedoch zugunsten des assistierten Dahindämmerns ausgeschlossen.[9]

Die anerkannten Dienstleister dulden keine Konkurrenz, jedenfalls keine geschäftsmäßige, also professionionelle, die – horribile dictu – vielleicht noch durch die Stiftung Warentest zertifiziert werden könnte. Doch warum eigentlich sollen wir nicht nur bei der palliativen Sterbebegleitung, sondern auch bei der Suizidassistenz  Professionalität einfordern?[10] Schließlich soll auch der Suizid „gelingen“, wenn ich ihn denn schon will und akzeptable Gründe dafür habe?

In meine Vorstellungen von Menschenwürde mischen sich ungefragt Moralinstitutionen ein, die mir sagen wollen, wie ich würdig zu sterben habe. Die evange­lische Kirche betrachtet das menschliche Lebens als Gabe Gottes, heißt es in der EKD-Mitteilung. Nikolaus Schneider, der ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) hat erklärt, er werde seine an Krebs erkrankte Frau, wenn sie Sterbehilfe wolle, auch in die Schweiz begleiten. Er distanziert sich damit privat von dem, was die Kirchen gern als absolute Schöpfungs­ord­nung hinstellen.[11] »Das Leben, das Gott gegeben hat, dürfe der Mensch nicht beenden. Das sei „Gottes gnädigem Ratschluß“ vorbehalten, wie es immer noch in Traueranzeigen heißt. Diese Meinung ist zu respektieren. Wer aber diese Sicht anderen aufoktroyieren will, egal mit welchen Methoden, der ist nicht ehrlich, wenn er nicht zugleich deutlich macht, daß in der Geschichte der Menschheit bis in unsere Tage diese Sicht der „letzten Dinge“ zumeist keine Berücksichtigung fand beim von oben verordneten Tod. Die Machthaber aller Zeiten spielten Potentaten-Schach und opferten ihre „Bauern“ ganz nach Kalkül und Bedarf im Krieg. Die Justiz verhängte Todesurteile, nicht nur in Hexen- und Ketzerprozessen. Kriege und Todes­urteile, diese Todeszuteilung von oben bekam in aller Regel Zustimmung und Assistenz durch „Feldgeistliche“, und auch keine Hinrichtung ohne seelischen Beistand eines Priesters. Über das Lebensende wurde nicht von ganz oben, durch den Allmächtigen verfügt, sondern durch die „Oberen“ in Staat und Justiz.«[12]

Ich vermisse in der Kirchenmeinung den Respekt vor dem Menschen, der sterben will und dazu in seinem „Angewiesensein als Grunddimension des Menschseins“ die Hilfe verstän­diger Mitmenschen erbittet. Sicherlich wird man nicht jeden Sterbewunsch unverzüglich erfüllen wollen und können. Sicherlich wird man auch fragen müssen, wer sonst noch aus einer wie auch immer unerquicklichen Situation „erlöst“ wird (Mitleiden, Pflegeaufwand, Kosten, Erbschaft). Doch nach reiflicher Überlegung wird man das „Mach End, o Herr, mach Ende“ auch ganz innerweltlich verstehen und den Arzt um Hilfe bitten dürfen.

Der „Tod als Erlösung“ brachte am 5. März 2017 bei Google „10.500 Ergebnisse“.

„Die letzten drei Monate hätten nicht mehr sein müssen“, sagten die Angehörigen. „Da hat er sich nur noch gequält“.

Gott sei uns gnädig und gebe uns einen gnädigen Arzt.[13]

 

Nachtrag 1

Philipp Greifenstein referiert in seinem differenzierten Beitrag[14] auch die Veröffentlichung von Friedrich Wilhelm Graf, emeritierter Professor für Systematische Theologie und Ethik.[15] Die Frist für den kostenlosen Download habe ich leider verpaßt. (Wer ihn hat, schicke ihn mir bitte per Mail!) Doch die Web-Seite des Merkur spendiert immerhin einige Zitate aus dem Essay: „In einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hat Reinhard Kardinal Marx, der neue Vorsitzende der Bischofskonferenz, ernsthaft gesagt: »Gebt uns die Sterbenden, denn wir sind ganz besonders für die Leidenden und Sterbenden da.« Warum eigentlich? Weil Jesus von Nazareth einen grausamen Kreuzestod gestorben ist? Oder weil Caritas und Diakonie sich einbilden, in Sachen palliativer Sterbebegleitung kompetenter zu sein als andere Akteure, etwa säkulare Hospizvereine? Sind »die Leidenden und Sterbenden« vielleicht auch aus finanziellen Motiven für Caritas und Diakonie eine interessante Klientel?“ (Hervorhebung von mir)

 

Nachtrag 2

Ein Kollege kommentiert das Verwaltungsgerichtsurteil unter dem Titel Ein seltsames Urteil zur Suizidhilfe.[16] Merkwürdig, weil nicht berücksichtigt worden sei, dass andere, legale Möglichkeiten bestanden hätten, den gewünschten Tod herbeizuführen. Ich schickte ihm einen schon älteren Leserbrief, den ich im Pfarrerblatt zum Thema geschrieben hatte, und leitete provozierend ein mit den Worten: „man muss sich schon auskennen, im irrgarten zur korrekten selbsttötung. da sind doch das gute alte aufknüpfen am fensterkreuz oder der sprung vom dach übersichtlicher gewesen. wer hat, der nimmt ein schießeisen und steckt es in den mund.“

Das war ihm wohl zu starker Tobak. Er hat meinen Kommentar nicht freigeschaltet.

Nachtrag 3

Aus unserer Patientenverfügung: Generell erscheint uns beiden der Zustand eines Wesens, das auf die Aufrechterhal­tung seines Stoffwechsels reduziert ist, ähnlich wie bei einem Baby, doch ohne Perspektive, menschenunwürdig.

Fußnoten

[1] http://www.bverwg.de/presse/pressemitteilungen/pressemitteilung.php?jahr=2017&nr=11

[2] http://www.ekd.de/aktuell_presse/news_2017_03_03_03_verbaende_kritik_sterbehilfe-urteil.html

[3] Art. 2 Abs.1 i.V.m. Art. 1 Abs. 1 GG

[4] § 217 Geschäftsmäßige Förderung der Selbsttötung
(1) Wer in der Absicht, die Selbsttötung eines anderen zu fördern, diesem hierzu geschäfts­mäßig die Gelegenheit gewährt, verschafft oder vermittelt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.
(2) Als Teilnehmer bleibt straffrei, wer selbst nicht geschäftsmäßig handelt und entweder Angehöriger des in Absatz 1 genannten anderen ist oder diesem nahesteht. – zitiert nach: Fischer im Recht, http://www.zeit.de/gesellschaft/2017-02/sterbehilfe-vom-leben-und-vom-tod-fischer-im-recht/komplettansicht

[5] http://www.zeit.de/gesellschaft/2017-02/sterbehilfe-vom-leben-und-vom-tod-fischer-im-recht/komplettansicht

[6] https://www.tagesschau.de/inland/kritik-urteil-bverwg-101.html

[7] http://www.zeit.de/2015/09/sterbehilfe-aerzte-brechen-tabu/komplettansicht

[8] Ich hatte die Ehre, eine Podiumsdiskussion mit Cicely Saunders, der „Urmutter“ der Hospizbewegung zu moderieren. Sie hätte den Begriff Geschäftsmodell sicherlich zurückgewiesen. Doch wie wohl alle humanitär inspirierten Initiativen unterliegt auch die Hospizbewegung den Gesetzmäßigkeiten und Zwängen der Institutionalisierung. Man wehrt sich gegen Konkurrenz.

[9] https://de.wikipedia.org/wiki/Hospizbewegung

[10] Ob man effektive Schmerzmittel bekommt, ist ohnehin nicht gesichert: https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/09/28/gott-sei-uns-gnaedig-und-gebe-uns-einen-gnaedigen-arzt/

[11] Das tun auch andere frei denkende, dem christlichen Glauben verbundene Zeitgenossen: https://www.publik-forum.de/Wissen-Ethik/prominente-theologen-fuer-sterbehilfe#. Den hier genannten wäre auch Prof. Friedrich Wilhelm Graf hinzuzufügen.

[12] https://dierkschaefer.wordpress.com/2014/07/21/demokratisierung-der-todeszuteilung/

[13] https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/09/28/gott-sei-uns-gnaedig-und-gebe-uns-einen-gnaedigen-arzt/

[14] Wie hältst Du es mit dem Sterben? http://www.theologiestudierende.de/2015/06/20/wie-haeltst-du-es-mit-dem-sterben/

[15] Friedrich Wilhelm Graf, Apodiktische Ethik mit Lügen . Die deutschen Kirchen und der ärztlich assistierte Suizid: Merkur, Jahrgang 69, Heft 792, Heft 05, Mai 2015.

[16] https://einwuerfe.wordpress.com/2017/03/02/ein-seltsames-urteil-zur-suizidhilfe/ Veröffentlicht am 2. März 2017 von michaelcoors

»Für die Belange der ehemaligen Heimkinder hat sich der Ratsvorsitzende in seiner Amtszeit besonders und auch persönlich eingesetzt.«

Posted in heimkinder, Kinderrechte, Kirche, Kriminalität by dierkschaefer on 8. August 2014

Nun wissen wir’s.

 

»Sehr geehrter Herr Werner,

 

der Ratsvorsitzende der EKD, Dr. h.c. Nikolaus Schneider, hat Ihre Mail vom 2. Juli 2014 erhalten. Er dankt Ihnen für die Anteilnahme am Schicksal seiner Frau und für die guten Wünsche, die Sie ausgesprochen haben.

Als zuständiger Referent im Kirchenamt der EKD möchte ich zugleich Ihr im Weiteren geäußertes Anliegen, die ehemaligen Heimkinder betreffend, zum Anlass nehmen, auf Folgendes hinzuweisen: Für die Belange der ehemaligen Heimkinder hat sich der Ratsvorsitzende in seiner Amtszeit besonders und auch persönlich eingesetzt. So wurde die von ihm vorgetragene förmliche Bitte um Verzeihung von vielen Betroffenen als sinnvolles Zeichen angesehen. Darüber hinaus ist Ihnen sicher bekannt, dass sich die evangelischen Kirchen und ihre Diakonie von Beginn an an der Aufarbeitung der Heimkindererziehung in den Nachkriegsjahrzehnten beteiligt und am Runden Tisch mitgearbeitet haben. An der Umsetzung von dessen Empfehlungen im Hinblick auf Maßnahmen der Rehabilitierung und finanzielle Maßnahmen u. a. zur Überwindung von Folgeschäden und für Rentenersatzleistungen für Betroffene beteiligen sich die evangelischen Kirchen und die Diakonie mit großen Geldbeträgen. Kirchliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter standen und stehen im Übrigen für persönliche Gespräche mit ehemaligen Heimkindern zur Verfügung. Auch der Ratsvorsitzende hat in seiner Amtszeit viele solcher Gespräche persönlich geführt. In diesem Einsatz für die ehemaligen Heimkinder wird die Evangelische Kirche auch in Zukunft nicht nachlassen.

 

Mit freundlichen Grüßen

In Vertretung

 

OKR Dr. Christoph Thiele«

Demokratisierung der Todeszuteilung

Posted in Geschichte, Gesellschaft, Kirche, Religion, Soziologie, Theologie by dierkschaefer on 21. Juli 2014

Nikolaus Schneider, der ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) hat erklärt, er werde seine an Krebs erkrankte Frau, wenn sie Sterbehilfe wolle, auch in die Schweiz begleiten. Ich halte es für anmaßend, die persönlichen Aspekte der Entscheidung des Ehepaares Schneider zu kommentieren.

Nun ist Schneider eine Person öffentlichen Interesses und man wird auf einige andere Aspekte eingehen dürfen. Diese betreffen die Position der EKD zur Sterbehilfe und den Zusammenhang von Amtsträger und Privatperson.

Beginnen wir mit dem zweiten Punkt: Schneider hat sich entschieden, seine Absicht öffentlich zu machen und damit auch die Differenz zwischen kirchenamtlicher Position und persönlicher Abweichung. Das verdient höchsten Respekt. Schließlich könnte das Ehepaar ja auch pro forma ganz einfach einen Schweizurlaub antreten.[1] Schneider hat damit persönlich eine sichtbare Distanzierung zur in der Kirche herrschenden Meinung vollzogen, die aktive Sterbehilfe ablehnt und auf palliative Maßnahmen setzt: Schmerzbekämpfung/Schmerz­dämpfung, auch in der Todeskampfphase. Schneiders Distanzierung stellt für die protestantische Theologie keine Revolution dar, schließlich ist der Gläubige letztlich vor Gott und seinem Gewissen verantwortlich und nicht vor der Kirche und deren Lehrmeinungen.[2]

Und der Konflikt mit der Rolle der Amtsperson? Formal ganz einfach: Schneider ist bereits zurückgetreten und nimmt sich die Freiheit, an die inhaltlichen Vorgaben dieses Amtes nicht mehr in jedem Punkt gebunden zu sein. Dankenswerterweise gibt die anhaltende Prominenz des ehemaligen Ratsvorsitzenden dem Thema die wünschenswerte Publizität. „Nun kommt frischer Wind in die Debatte“, habe ich bei Bekanntwerden seiner Position getwittert.

 

Damit zum Kernthema.

Die Kirchen, evangelisch wie katholisch, vertreten die Position der Palliativmedizin[3]. Ob palliative Maßnahmen in jedem Fall ausreichend sind, soll hier nicht erörtert werden. Es geht um die Frage der Tötung auf Verlangen, also des assistierten Suizids.

Zunächst zum Suizid: Die moralisch-ethisch ablehnende Haltung zum Suizid hat eine lange Tradition in Theologie und Kirche[4]. Für mich erkennbar wurde sie zum ersten Mal erschüttert, als nach dem Krieg der Suizid des bewusst christlichen Schriftstellers Jochen Klepper[5] bekannt wurde. Er hatte gemeinsam mit seiner jüdischen Frau diesen Weg gewählt, um sie nicht der Mordmaschinerie der Nazis auszuliefern.[6] Dieser Suizid aus Solidarität hat einige Parallelen zur heldenhaften Selbstaufopferung[7] im Kampf, wie sie oft genug heroisiert wurde ohne die grundsätzliche Frage zu stellen, ob der Mensch berechtigt ist, seinem Leben in solchen Fällen selber ein Ende zu setzen[8]; eine Frage, die für den „klassischen“ Suizid immer verneint wurde.

Auch bei der Frage des Suizids unter Beihilfe ist ein wesentliches Moment, ob der Mensch selber über seinen Tod entscheiden darf. Jeder Mensch konnte bisher schon immer zum Strick oder sonst was greifen, um seinem Leben ein Ende zu setzen[9]. Nun beansprucht er in seiner hilflosen Lage fremde Hilfe, um aus dem Leben zu scheiden, und zwar fachliche Hilfe, sei es durch Rat oder durch Bereitstellung passender Medikamente oder gar durch direkte Hilfe. Der „klassische“ Suizidant war ein Selbstmörder, ein Täter also, der bestraft wurde durch Verweigerung eines „christlichen“ Begräbnisses und die Heraufbeschwörung der Höllenstrafen. Dem in Todesbanden liegenden Kranken wird niemand so etwas wie Täterschaft unterstellen wollen, obwohl er aktiv über seinen Tod verfügt, indem er ihn in einer aktuellen Notsituation einfordert oder schon in seiner Patientenverfügung bestimmt hat.

Und doch haben beide etwas gemeinsam, der „Selbstmörder“ und der Todkranke. Sie lehnen sich gegen etwas auf, das als absolute Schöpfungsordnung hingestellt wird. Das Leben, das Gott gegeben hat, dürfe der Mensch nicht beenden. Das sei „Gottes gnädigem Ratschluß“ vorbehalten, wie es immer noch in Traueranzeigen heißt. Diese Meinung ist zu respektieren. Wer aber diese Sicht anderen aufoktroyieren will, egal mit welchen Methoden, der ist nicht ehrlich, wenn er nicht zugleich deutlich macht, daß in der Geschichte der Menschheit bis in unsere Tage diese Sicht der „letzten Dinge“ zumeist keine Berücksichtigung fand beim von oben verordneten Tod. Die Machthaber aller Zeiten spielten Potentaten-Schach und opferten ihre „Bauern“ ganz nach Kalkül und Bedarf im Krieg. Die Justiz verhängte Todesurteile, nicht nur in Hexen- und Ketzerprozessen. Kriege und Todesurteile, diese Todeszuteilung von oben bekam in aller Regel Zustimmung und Assistenz durch „Feldgeistliche“, und auch keine Hinrichtung ohne seelischen Beistand eines Priesters.[10] Über das Lebensende wurde nicht nur von ganz oben, durch den Allmächtigen verfügt, sondern durch die „Oberen“ in Staat und Justiz. Die Feudalherrschaft über Leib und Leben wurde dann abgelöst durch andere Formen der Herrschaft, die auch das Privileg der Todeszuteilung für sich beanspruchten.

Wenn nun der einzelne Bürger sich anschickt, selber über sein Lebensende bestimmen zu wollen und dafür Hilfe einfordert, dann ist das – wenn nicht Auflehnung – so doch die Demokratisierung des Rechtes, über den – eigenen – Tod entscheiden zu können. Wer dies tut, nimmt ein, er nimmt sein Menschenrecht wahr. Niemand anderes, als dieser Mensch selbst, befinde darüber.

Es sollte allerdings niemand gegen sein Gewissen zur Assistenz verpflichtet werden. Solange ein Mensch in der Lage ist, selbst Hand an sich zu legen, und sei es durch die Einnahme eines ihm zur Verfügung gestellten Medikamentes, mag man meinen, dann solle er es doch auch selbst tun. Körperliche Gebrechlichkeit, Altersdemenz oder andauernde Bewusstlosigkeit/­Koma erfordern jedoch die Hilfe von anderen, von Verwandten oder Fachkräften.

Und wo beginnt die Assistenz, wo ist die Grenze, ab der man sich auch verweigern können muß? Bereits bei der Mitfinanzierung des erforderlichen Medikamentes durch die Krankenkasse, oder erst bei der Mitfinanzierung des Einsatzes von Sterbehelfern, oder erst dann, wenn man selber tätig werden soll?

Der Teufel steckt im Detail. Wer meint, ethisch-religiös völlig „sauber“ durch dieses Leben gehen zu müssen, wird bereits aus Gewissensgründen jedwede Mithilfe verweigern, auch jede Mitfinanzierung. Der Staat kann und sollte immerhin die Mitfinanzierung erzwingen[11].

Doch wer stellt das Medikament und setzt die Spritze? Inzwischen setzen wir für fast alles und jedes auf Spezialisten. Sterbebeihilfe gehört zu den wenigen gefühlsbetonten Bereichen, für die eine „organisierte“ Form abgelehnt wird. Darum der Widerstand gegen das „Geschäft mit dem Tod“, das wir aber dem Arzt und dem Bestatter zubilligen[12].

Wer also könnte und sollte es tun? Ich denke, daß man schon ein starkes Sendungsbewußtsein braucht oder eine sehr spezielle Mentalität, um hauptberuflich „Todesengel“ zu sein. Wir sollten uns hüten, mit dem Sterbehelfer einen gesellschaftlich verpönten Beruf zu etablieren. Doch wie wäre es, wenn die Ärztevertretung ihre strikte Gegnerschaft aufgeben und es in das Belieben der Ärzte[13] stellen würde, ihren Patienten diesen letzten Dienst zu erweisen? Und das ohne Honorierung für die – medizinisch ja nicht sonderlich aufwendige – Geste der Menschlichkeit. Dann könnte man seinem Hausarzt die Gretchenfrage stellen[14]: Wie hältst du’s mit der Religion – und ihrem Suizidverbot? – Gegebenenfalls wechsele ich dann den Arzt, denn der soll ja vor meinen Tode an meinen nicht-tödlichen Krankheiten seinen Lebensunterhalt verdienen können.

 

Ein Problem bleibt aber dennoch. Von der Demokratie ist der Weg nicht weit zur Pöbelherrschaft. Der Pöbel ruft dem auf dem Brückengeländer Stehenden zu: Nun spring doch! Er will seinen Spaß haben. Im Fall der demokratisierten Sterbehilfe wird er sparen und gar nicht erst den Todeskampf abwarten wollen. Schließlich sind die Gesundheits- und Pflegekosten in der Abschlußphase des menschlichen Lebens meist exorbitant hoch. Das ließe sich doch abkürzen. Die Schere im Kopf ist schon geöffnet mit der Maxime: Ich will meinen Kindern mal nicht zur Last fallen. Wenn dann die finanzielle und organisatorische Eigenvorsorge nicht (mehr) reicht, wem reicht es dann? Mit anderen Worten: Der Druck, „freiwillig“ aus dem Leben zu gehen, steigt. Die Demokratisierung der Todeszuteilung mag als Beitrag zu Humanisierung gestartet sein. Sie könnte bei der Brutalisierung enden: Nun kratz doch endlich ab! – Ich geh ja schon.

Ich fürchte, daß es so kommen wird. Nur bis zum Schluß starke, „starrköpfige“ Personen werden sich der allgemeinen Barbarei widersetzen können, und auch die, die von der Liebe ihrer Mitmenschen getragen und geschützt werden.

 

[1] Wenn ich hier anerkennend von Respekt spreche, mag man das auf dem Hintergrund sehen, daß ich Schneider in seiner (amtlichen) Haltung in der Heimkindersache massiv angegriffen habe und nichts davon zurückzunehmen gedenke. https://dierkschaefer.wordpress.com/2011/09/13/das-war-spitze-herr-ratsvorsitzender/

[2] So sah bereits Augustinus die Bedeutung des Gewissens. Diese Meinung hat sich zwar auch der Augustinermönch Luther zueigen gemacht, ist jedoch in der katholischen Kirche leider untergegangen.

[3] So aktuell referiert in http://www.ekhn.de/aktuell/detailmagazin/news/scherf-ueber-sterbehilfe-debatte-um-ekd-ratsvorsitzenden-schneider.html

[4] Dies auch in anderen Gesellschaften außerhalb der christlichen Tradition.

[5] http://de.wikipedia.org/wiki/Jochen_Klepper , http://de.wikipedia.org/wiki/Unter_dem_Schatten_deiner_Fl%C3%BCgel

[6] Andere Beispiele: Maximilian Kolbe http://de.wikipedia.org/wiki/Maximilian_Kolbe , Janusz Korczak http://de.wikipedia.org/wiki/Janusz_Korczak

[7] Nur erwähnt sei, daß nach herrschender Meinung in Theologie und Kirche Gott sich in der Person seines Sohnes selbst geopfert hat als Sühnopfer für die Menschen, die sich dadurch erlöst sehen können.

In einer Überordnung Vater-Sohn war der Tod Jesu ein von oben verordneter, jedoch gehorsam-demütig hingenommener: suicide by mankind. Ob die Annahme eines innertrinitarischen „Betriebsunfalls“ aus dem theologischen Dilemma heraushilft, bezweifle ich.

[8] Die erbärmliche Variante des Selbstmordattentäters soll hier nicht erörtert werden. Dazu Dierk Schäfer, Terror – MACHT – Terrorismus: http://www.pfarrerverband.de/pfarrerblatt/dpb_print.php?id=3452

[9] Hierzu zählt auch der suicide by cop, http://de.wikipedia.org/wiki/Suicide_by_cop ,bei dem ein Mensch durch Geiselnahme oder Amoklauf eine Situation herbeiführt, in der er seine Tötung durch die Polizei regelrecht provoziert. Siehe dazu Dierk Schäfer, Amok, unveröffentlichte Seminararbeit, erhältlich bei Dierk Schäfer

[10] In Unrechtssystemen gibt es nicht einmal die Fiktion der Gemeinschaft auch im Todesurteil.

[11] Wer meint, dann immer noch Widerstand leisten zu müssen, wird zum Märtyrer und spätestens dann ein gutes Gewissen haben.

[12] Das „Geschäft mit dem Tod“ umfasst eine ganze Palette von Periletalexperten, die damit ihr täglich Brot verdienen, in der Regel auf honorige und gesellschaftlich anerkannte Art und Weise. Zum Begriff Periletalexpeten: Dierk Schäfer, Werner Knubben, … in meinen Armen sterben?, VDP-Sachbuch, Hilden 1996, 2. Auflage, ISBN 3-8011-0345-5

[13] Eine vielleicht abenteuerlich erscheinende Alternative wären die Hebammen. Sie helfen uns ins Leben. Warum nicht auch – mit Zusatzausbildung – wieder hinaus?

[14] (bevor man sich auf einen Liegend-Transport in die Schweiz einstellt)

Völlig naiv oder gewieftes Schlitzohr?

Posted in Kirche by dierkschaefer on 15. April 2014

»Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Nikolaus Schneider, verbindet mit Papst Franziskus Hoffnungen für die Ökumene.«

 

http://aktuell.evangelisch.de/artikel/93884/ekd-ratsvorsitzender-papst-bringt-hoffnung-fuer-die-oekumene

Das Wächteramt der Kirche

Posted in Gesellschaft, Kirche, Soziologie, Theologie by dierkschaefer on 14. April 2014

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Nikolaus Schneider dozierte am 11. März 2014 auf einem Symposium von EKD und Evangelischer Polizeiseelsorge in Berlin über das Wächteramt der Kirche. [1]

Für Theologen ist das nicht weiter spannend, weil nicht neu.

Nicht-Theologen, auch nicht-Christen könnten fragen, ob ein Wächteramt der Kirche einerseits eine Anmaßung, vielleicht gar Bedrohung ist, und ob andererseits die Kirche die angemaßte Rolle tatsächlich ausfüllen kann und in der Vergangenheit ausgefüllt hat.

Ehemaligen Heimkindern könnte beim Stichwort Wächteramt auch noch die Wächterfunktion der Jugendämter einfallen. Doch das Thema Anmaßung will ich nicht vertiefen.

Interessanter erscheint mir ein anderer Zusammenhang. Wer etwas beansprucht, sollte Referenzen vorweisen können. Schneider erwähnt öffentliche Debatten, die auch in konkreter Wahrnehmung ihres kirchlichen Wächteramtes inspiriert waren. Sie hätten sogar unsere Kirche vor manche Zerreißprobe gestellt. Schneider erinnert an die Formulierung V in der Barmer Theologischen Erklärung[2]: »Sie (die Kirche) erinnert an Gottes Reich, an Gottes Gebot und Gerechtigkeit und damit an die Verantwortung der Regierenden und Regierten.«

Mit der Verkündigung des Evangeliums an »alle Welt« ist als Auftrag mit gesetzt, die Gebote in aller Welt zur Geltung zu bringen. …Wir sehen es als Aufgabe, in Auslegung des Dekalogs [10 Gebote] und in Aufnahme der Weisungen Jesu den Ordnungsrahmen des Gemeinwesens zu beschreiben. Unser Reden schöpft einerseits aus dem Kern der biblischen Botschaft und ist andererseits sachlich argumentierend. In diesem Sinne gibt es tief in der biblischen Überlieferung verwurzelte Grundentscheidungen, die für unsere ethische und politische Kultur prägend sind. Ich nenne nur die Stichworte: Menschenwürde, Freiheit, Gerechtigkeit, Rechtsstaatlichkeit, Sozialstaatlichkeit und Schutz der Schwachen.1

 

Nun, da mag er ja Recht haben. Auch ich bin der Meinung, daß wir Christen den Auftrag haben, Gerechtigkeit und Menschlichkeit nicht nur zu praktizieren, sondern auch einzufordern und uns in den politischen Prozeß einzumischen, und dies auch dann, wenn es Nachteile bringt.

Doch wer mit diesem Anspruch fordert, sollte auch liefern. Dabei denke ich nicht an die Verbrechen in kirchlichen Erziehungseinrichtungen in der Vergangenheit. Die hat Schneider nicht zu verantworten. Ich denke an den Betrug an den ehemaligen Heimkindern in der Gegenwart. Entschuldigungsgestammel gab es – nach geraumer Anlaufzeit – zuhauf. Aber die Kirchen haben den ehemaligen Heimkindern jede Entschädigung versagt. Wo waren da Menschenwürde, Gerechtigkeit und Schutz der Schwachen?

Da blieb dann wohl allein die Rechtsstaatlichkeit, dank derer die Kirche sich mit der Verjährungseinrede aus der Bredouille ziehen konnte.

So wurde eine theologisch wie ideengeschichtlich interessante Vorlesung zum Wortgeklingel und damit zur Täuschung der Öffentlichkeit. Wächteramt in christlicher Verantwortung sieht anders aus.

 

[1] epd-Dokumentation 16/14 Polizeiseelsorge

[2] http://de.wikipedia.org/wiki/Barmer_Theologische_Erkl%C3%A4rung

Meinten Sie nicht alle „der Spatz“ sei „besser“ für ehemalige Heimkinder „als“ eine angemessene Entschädigung?

Posted in heimkinder, Kinderrechte, Kirche, Kriminalität, Politik by dierkschaefer on 23. August 2013

… und werden als solche in die Geschichte Deutschlands eingehen …

 

[Unbearbeitetes Mail von Martin Mitchell/Australien von mir in diesen Blog gestellt]

Ursula von der Leyen (CDU)
Dr. Sven-Olaf Obst [CDU]
Dr. Kristina Schröder (CDU)
Hermann Kues (CDU)
Dr. Antje Vollmer (GRÜNE)
Marlene Rupprecht (SPD)
Josef Philip Winkler (GRÜNE)
Lutz Stroppe (Bundesregierung-Interessenvertreter/BMFSFJ/Kinder- u. Jugendhilfe)
Georg Recht (Bundesregierung-Interessenvertreter – Versicherungsangelegenheiten)
Nikolaus Schneider (EKD)
Johannes Stockmeier (Diakonie)
Dr. Hans Ulrich Anke (EKD)
Maria Loheide (EKD / DIAKONIE – DWEKD)
Johannes Stücker-Brüning (RKK / DBK)
Georg Gorrissen (überzeugter Baptist, Jurist, ex-parteiloser Landespolitiker S.-H.)
Dr. Peter Schruth
Dr. Christian Schrapper
Dr. Hans Siegfried Wiegand
Erika Tkocz
Elenore Fleh
Sonja Djurovic
Wolfgang Bahr
Michael-Peter Schiltsky
Wolfgang Petersen
Miccaelá Potter-Dulva
Marianne Döring
Renate Drews
Holger Wendelin
Katharina Loerbroks (EKD / DIAKONIE)
GRÜNER Grefrather Ratsherr Andreas B. Sonntag aka »NINGUNO«

–––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––

Ehemalige Heimkinder wollen nicht mit Peanuts abgespeist werden.

[ Nach Korrektur dieser Einleitung (am 23.08.2013) ] Die in diesem (gleich anschließend, weiter unten, geschilderten) institutionellen Missbrauchsfall mandatierten Rechtsanwälte der österreichischen Rechtsanwaltskanzlei RECHTSANWÄLTE BRANDTNER & DOSHI – mit Kläger-Anwalt Sanjay Doshi vorwiegend damit befasst – haben es geschafft für den ersten ihrer vielen Mandanten in solchen Missbrauchsfällen / Misshandlungsfälleneine angemessene Entschädigung“ in Höhe von 250.000 Euro zu erstreiten, bzw. einen Vergleich auszuhandeln ! ( für einen anderen, weiteren ihrer Mandanten hatten sie schon zuvor ungefähr 75.000 Euro erstritten, bzw. einen Vergleich ausgehandelt ) :

( Der deutsche Rechtsanwalt Robert Nieporte und der österreichische Rechtsanwalt Gabriel Lansky, soweit bekannt, befassen sich ebenso – auch weiterhin – mit ähnlichen Missbrauchsfällen / Misshandlungsfällen, auf gleicher Basis, und hoffen ebenso, für ihre Mandanten, „eine angemessene Entschädigung“ zu erstreiten ! )

ANFANG DES ZITATS AUS EINER ÖSTERREICHISCHEN TAGESZEITUNG.

[ Österreich ] KURIER.AT @ http://kurier.at/chronik/oesterreich/250-000-euro-fuer-ein-missbrauchsopfer/23.442.668?fb_action_ids=646104935407314&fb_action_types=og.recommends&fb_ref=s%3DshowShareBarUI%3Ap%3Dfacebook-like&fb_source=other_multiline&action_object_map=%7b%22646104935407314%22%3A318891088247828%7d&action_type_map=%7b%22646104935407314%22%3A%22og.recommends%22%7d&action_ref_map=%7b%22646104935407314%22%3A%22s%3DshowShareBarUI%3Ap%3Dfacebook-like%22

Letztes Update am 21.08.2013, 06:00

[ mit Foto: Das Kloster Mehrerau in Bregenz, Vorarlberg ]

250.000 Euro für ein Missbrauchsopfer

[ das vielfach von einem Pater, Pater Johannes, im Internat vergewaltigt wurde ]

Das Vorarlberger Kloster Mehrerau stimmte einem außergerichtlichen Vergleich zu.

[ und wird auch alle bisher anfallenden Anwaltskosten übernehmen (heißt es aus dem Umfeld der Opfer) ]

Zwischen 5000 und 25.000 Euro gesteht die katholische Kirche jenen Betroffenen zu, die in ihren Einrichtungen körperlicher und sexueller Gewalt ausgesetzt waren.

Nun traf das Zisterzienser-Kloster Mehrerau in Bregenz [ WIKIPEDIA @ http://de.wikipedia.org/wiki/Mehrerauer_Kongregation ] eine möglicherweise richtungsweisende Entscheidung: Einem ehemaligen Internatsschüler des Stiftsgymnasiums, den ein Pater Anfang der 1980er-Jahre mehrfach vergewaltigt hatte, sollen außergerichtlich 250.000 Euro zugestanden worden sein. Kloster und Anwalt des Opfers haben über die Entschädigungssumme eine Schweigeklausel vereinbart.

Mit der Rekordsumme an die Öffentlichkeit ging die Plattform Betroffener kirchlicher Gewalt, die den Mann bei seiner Klage finanziell unterstützte. „Natürlich war es der Wunsch des Klosters, dass die Summe geheim bleibt“, erklärte Sepp Rothwangl, Sprecher der Plattform, dem KURIER. „Wir finden es aber eine extrem wichtige Information für alle Opfer von Gewalt, wie viel die Kirche zu zahlen bereit ist, wenn man klagt. Das ist das Zehnfache von den Almosen, die man von der Klasnic-Kommission erhält.“ Laut Rothwangl werde der Prozessausgang Schule machen. „Weniger Fälle als bisher angenommen sind verjährt.“

Das 47-jährige Opfer berichtete von vielfachen Vergewaltigungen durch Pater Johannes. Erschütternd ist die Gleichgültigkeit, mit der das Kloster den amtsbekannten pädokriminellen Pater auf Kinder losgelassen hat. Bereits 1968 war Pater Johannes wegen sexuellen Missbrauchs zweier Buben zu vier Monaten bedingter Haft verurteilt worden. Der damalige Abt suspendierte ihn für einen Monat von kirchlichen Tätigkeiten.

Dann durfte der Mann seinen Dienst im Stiftsgymnasium – als Lehrer, Erzieher und Regens – wieder aufnehmen. Wie Pater Johannes später gestand, hat er bis zu seiner Absetzung weitere „fünf bis zehn“ Internatsschüler sexuell missbraucht. Im Jahr 1982 meldeten Eltern dem Kloster sexuelle Übergriffe durch den Pater. Der wurde jedoch nicht angezeigt, sondern in die Pfarre Sauters in Tirol versetzt.

Erst im Jahr 2004 drohte dem Vergewaltiger Ungemach. Ehemalige Internatsschüler zeigten ihn wegen sexueller Übergriffe an. Pater Johannes legte damals ein Geständnis ab (siehe Faksimile des Vernehmungsprotokolls). Da die Taten bereits strafrechtlich verjährt waren, wurde das Verfahren eingestellt.

Im Vorjahr wagten zwei Opfer einen erneuten Anlauf und klagten das Kloster zivilrechtlich auf Schadenersatz und Verdienstentgang. Sowohl das Landesgericht Feldkirch als auch das Oberlandesgericht Innsbruck lehnten die vom Kloster vorgebrachte Einrede der Verjährung ab. Mit einem Opfer, einem 59-Jährigen, hat sich die Abtei im April 2013 verglichen – als Summe werden 50.000 bis 70.000 Euro genannt.

Der zweite Fall endete nun ebenfalls mit einem außergerichtlichen Vergleich. Die kolportierte Summe von 250.000 Euro ist höher als jede gerichtlich verfügte Schadenersatzzahlung, die bisher in Österreich ausbezahlt wurde.

In den USA greift die katholische Kirche weit tiefer in ihr Erspartes: Alleine in Los Angeles wurden 508 Missbrauchsopfern 660 Millionen Dollar (491 Millionen Euro), knapp 1,3 Millionen Dollar pro Kopf, ausbezahlt.

Geständnis: Der Pater, Pater Johannes, aus Mehrerau hat bereits 2004 sexuelle Übergriffe zugegeben:
»Ich habe gehofft, daß der Bube nichts erzählen wird, was aber nicht der Fall war, denn seine Eltern sind dann ins Kloster gekommen und haben Meldung gemacht. Damals war ich noch stark sexuell auf Buben bezogen. Damals war mein Drang so stark, daß ich die Folgen einfach in Kauf nahm. Heute denke ich mir, daß ich wahnsinnig war …«
»Pater B……… gab bei seiner Einvernahme am 13.10.2004 von sich aus an, ab den 70er Jahren bis 1982 ingesamt ca 5 bis 10 seinerzeitige Internatsschüler sexuell mißbraucht zu haben, u.a. einen Knaben mit Familiennamen V………… V………… oder ähnlich.«

[ QUELLE: ] (KURIER) ERSTELLT AM 21.08.2013, 06:02

ENDE DES ZITATS AUS EINER ÖSTERREICHISCHEN TAGESZEITUNG.

–––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––

Bitte auch an all diejenigen weiterleiten / weiterreichen, die meinerseits nicht erreichbar sind

wie zum Beispiel auch, insbesondere

Dr. Hans-Siegfried Wiegand
Eleonore Fleth

Tagged with: ,