Dierk Schaefers Blog

Auf Kindesmissbrauch kann lebenslänglich stehen – für die Opfer

Posted in Geschichte, heimkinder, Kinderheime, Kinderrechte, Kindeswohl, Kirche, Kriminalität, Psychologie, Religion, Täter by dierkschaefer on 29. August 2018

Ich bin ja ziemlich abgebrüht nach vielen Gesprächen mit vielen ehemaligen Heimkindern in den vergangenen Jahren. Was einige von ihnen erlebt haben, sprengt vielfach die Vorstel­lungs­kraft. Sie waren für mich oft auch der lebendige Beweis für die Langzeitfolgen der erlebten Heimerziehung. Untersuchungen im Bereich der Hirnphysiologie untermauern den Befund wissenschaftlich. Wie gesagt: Ich bin viel gewohnt.

Doch gestern erreichte mich ein Aufschrei, der mich zunächst einmal sprachlos machte. So etwas kannte ich nur aus Berichten über Kriegsheimkehrer, die nachts wild um sich schlagen und schreiend aufwachen.

Unsere Beschwichtigungsformeln, mit denen wir versuchen auf Distanz zu gehen, funktio­nieren in solchen Fällen nicht. Auch die Opfer können nicht auf Distanz gehen; zu voll sind sie mit der immer noch bedrängenden ängstigenden Vergangenheit, zu erfüllt sind sie mit Hass auf die Täter. Nein, sie wollen und können keinen ruhig-abschätzenden Blick auf ihre Erlebnisse und die dafür verantwortlichen Einrichtungen werfen, sie wollen und können auch nicht erkennen, dass diese Einrichtungen sich verändert haben. Es gibt ja auch eine nahtlose Fortsetzung nicht der Methoden, aber doch der Abwehr gegen die Ansprüche auf Ehrlichkeit in der Zerknirschung und Großzügigkeit in der Kompensation für erlittenes Leid.

Damit das eigentlich nicht Nachvollziehbare auch allen Lesern deutlich wird, habe ich diesen Aufschrei aus dem Kommentarbereich nach vorn geholt.

Es ging um eine Werbebroschüre der Diakonie.[1]img 13520

»Der Titel der Broschüre belegt die Dummheit der Diakonie. Sie wünscht sich die Erinnerung – und ist in ihrer Schafsblödheit nicht in der Lage zu erkennen, dass GENAU DIE ERINNERUNG die Opfer von Kirche und deren Tochtergesellschaften wie Diakonie fern hält!

In der Erinnerung von Kirchenopfer gibt es nur einen schenkenden Gott und der schenkte: Demütigung, Misshandlung, Zwangsarbeit und Prügel. Und ein Teil der Kinder wurde auch noch Missbrauchsopfer. Auf derlei „Geschenke“ hätten die Kinder nur zu gerne verzichtet.

Wer zu den Geknechteten und Vergewaltigten zählt pfeift auf Hoffnung, leidet unter furchtbaren Erinnerungen. Sie kommen nachts, sie reissen dich aus dem Schlaf, sie nehmen dir die Luft, du schreist deine Angst vor der geilen Drecksau mit Titel Diakon heraus – und wenn du Glück hattest, wachst du in den dich haltenden Armen deines Partners auf. Und irgendwann, wenn sie gross genug sind um zu verstehen, fragen auch deine Kinder nicht mehr, warum der Vater/die Mutter nachts manchmal so schreit. Du siehst es in ihren Augen, du siehst das Mitleid, die Zuneigung, die Liebe und auch die Verschrecktheit. Und erlebst, dass sie bei dem Wort Kirche nur Hass zeigen. Du leidest darunter wie ein Hund, weil du erkennst, dass die Täterschweine auch deine Kinder erreichten.

DIE VERBRECHERISCHEN SCHWEINE DER DIAKONIE MACHTEN AUCH MEINE KINDER ZU OPFERN!«

Fußnote

[1] https://dierkschaefer.wordpress.com/2018/08/27/die-erinnerung-soll-ein-bruder-sein-doch-wohl-eher-eine-schwester/

Mit 15 Jahren ausgebufft und fit fürs Leben. Eine kriminologische Zwischenbilanz

logo-moabit-kGewinner sehen normalerweise anders aus. Dieter Schulz ist mit seinen 15 Jahren Gewinner – im Überlebenskampf, er wäre sonst untergegangen.

Im Knast auf einer klapperigen Justizschreibmaschine schreibt er über seine ungewöhn­liche Kindheit. Mit dem 20. Kapitel ist der Teil weitgehend abgeschlossen, in dem er noch nicht strafmündig war. Waren seine Delikte bis jetzt schon gravierend, so waren sie doch reiner Über­lebenskampf, die Fluchten aus den Heimen zählen dazu.

Schulz schreibt keinen Roman.[1] Hier wird über reales Geschehen und Erleben berichtet. [2]

Zeit für eine Zwischenbilanz.

Das mit dem Gewinner hatte er so noch nicht gesehen. Erst Freitag telefonierte ich mit ihm. Ja, doch, sagte er dann, stimmt, er habe gekämpft und das erfolgreich.

Da liegt das Dilemma. Aus meiner Adoptionsarbeit weiß ich, wie ungeheuer problematisch es sein kann, ein Kind aus der dritten Welt zu adoptieren, das mehrere Jahre erfolgreich auf der Straße gelebt hat. Ein solches Kind hat gelernt, was dort zum Überleben bitter nötig ist: Stehlen, Betrügen, Gewalt, Sex als Tauschware. All das ergibt keine gute Prognose für das Überleben in unserer Gesellschaft, denn es ist äußerst schwierig, Verhaltensweisen abzulegen, mit denen man Erfolg hatte. Das wissen wir auch aus ganz banalen Tierversuchen. Eine Ratte, die im Lernlabyrith gelernt hat, wo das Futter versteckt ist, irrt nicht mehr suchend herum, sondern steuert das Ziel direkt an. Legt man nun das Futter an anderer Stelle ab, so dauert es eine Reihe von Versuchen, bis die Ratte umgelernt hat.

Was hat Dieter gelernt? Wozu wurde er „zugerichtet“?[3]

Er schreibt: Ich bin Jahrgang 1940. Wurde in Königsberg geboren. Und genau an meinem 5ten Geburtstag kam der Krieg nach Königsberg. Erst 1949 wurde die Familie von den Rus­sen nach Leipzig verfrachtet. Drastisch und mit sehr feiner Distanzierung beschreibt er die Vergewaltigungen, Morde, Notprostitution, den Hunger, Vertreibung und die Schieber­geschäfte.

Das haben doch viele andere auch erlebt und sind nicht kriminell geworden, sagte mir jemand. Ein Argument, das mir schon in der Heimkinderdiskussion begegnet ist. Auch dort haben es einige ehemalige Heimkinder trotz aller Belastungen zu einem unauffälligen, manche gar zu einem erfolgreichen Lebenslauf geschafft. Die anderen blieben „Opfer“ – und wurden auch noch Opfer von Vorwürfen, warum sie es nicht gepackt haben, das Leben.

Das kann man mit Schulz nicht vergleichen. Ihn vorschnell als Opfer einzuordnen, liegt nahe. Er hat als Kind gesehen und erlebt, was Kinder besser nicht sehen und erleben sollten. Man spricht sehr leicht von Traumatisierung. Wenn überhaupt, war das aber offensichtlich keine dauerhafte. Der Wille zum Überleben war stärker. Und Schulz hat sich durchgeboxt, durch­getrickst und durchgemogelt. „Erwähnte ich schon, dass ich ein cleveres Kerlchen war?“ fragt er im 21. Kapitel. Das war er tatsächlich, und er steckte voller Lebensenergie. Keine Opfer-, sondern eine Täterpersönlichkeit hat sich früh bei ihm herausgebildet. Vielleicht sollte man besser von Macher-Persönlichkeit sprechen, denn damit ist nicht unbe­dingt eine kriminelle Täterschaft verbunden. Doch auf der Schattenseite des Lebens gelten andere Gesetze – wie in der Dreigroschenoper: „Wir wären gut anstatt so roh, …“[4]

Dieter Schulz hatte gelernt, in einer feindlichen Umgebung zu überleben – was ja nicht wenig ist. Er hatte gelernt, dass es dabei nicht auf Gesetze und auch nicht auf Sitte und Anstand ankommt. Was wir Sozialisierung nennen, hat durchaus stattgefunden, aber nicht in der „bürgerlich-anständigen“ Version.[5]

Und die Fähigkeiten? Auf ihn trifft die Redewendung „klein, aber oho“ zu, umgangssprach­lich meint man damit „klein, aber beachtlich energisch, selbstbewusst, leistungsfähig“. Dieter Schulz sagt von sich, er lerne schnell. So auch Russisch. Das verhalf ihm zu seinen Schwarz­markt­geschäften, Kuppeleien und Betrügereien – als Kind! Dazu kamen Diebstähle, Ein­brüche, Ausbrüche, Brandstiftung und eine Falle, die für zwei Volkspolizisten hätte tödlich ausgehen können.

Er hat noch etwas gelernt: Gefühle machen angreifbar, man muss sie verstecken. »Nachts weinte ich auch schon mal unter der Bettdecke. Immer nur den Abgebrühten spielen war für meine kleine Jungenseele doch nicht so leicht wegzustecken, wie es den Anschein haben mag.«

Dieses ganze Potential liegt nun für den zweiten Teil seiner Autobiographie bereit – und er nutzt es, wenn er in Schwierigkeiten kommt, – kriminell, warum auch nicht? und endet schließlich an der Knastschreibmaschine, auf der er nicht nur die Frage stellt, War es den Aufwand wert, dieses beschissene Leben vor den Bomben zu retten?![6]

Auch wenn er sich im Rückblick zurecht als „Ergebnis“ einer heillosen Zeit darstellt, geschieht auch dies noch mit der Absicht, ein warnend Beispiel abzugeben. Selbst in der Opferrolle noch tatorientiert.

Das Sündenregister des Kindes und Jugendlichen ist auch eine weitere kriminologische Überlegung wert. Denn Pardon wird nicht gegeben. Ich lernte bereits im Studium, dass es nicht gut ist, eine Akte beim Jugendamt zu haben. Ist die erst einmal angelegt, wird alles gesammelt und bei Bedarf hervorgeholt. Kinder aus „guten Familien“ haben selten eine Jugendamtsakte, weil diese Familien Devianzen meist selber regeln können. Bei Dieter Schulz kommt Heimausbruch zu Trebe[7] zu Heimausbruch. Seine „Gefährlichkeit“ wächst von Mal zu Mal. Pädagogische Neuanfänge gibt es nicht, immer nur das Heim, also mehr vom Selben, obwohl man weiß, dass das nicht hilft. So führt pädagogisches Versagen dazu, dass in solchen Fällen die Jugendamtsakte nahtlos in die Strafakte überführt werden kann. Im Volksmund heißt es, der Teufel schitt immer auf den größten Hucken. Wenn noch nix da ist, schit hei nich.

Doch es gibt hin und wieder einen Nachlass. Die Öffentlichkeit regt sich oft auf, wenn wegen „mangelnder Nestwärme“ o.ä. der Strafrahmen nicht voll ausgeschöpft wird. Hätte Dieter Schulz vielleicht auch gekriegt, „wenn der Richter das gelesen hätte“. Hatte er aber nicht, denn seine Autobiographie gab’s noch nicht, nur sein Vorstrafenregister: 16 Vorstrafen werden strafverschärfend im Urteil aufgeführt.Ist der Leumund gut, also keine Vorstrafen, ist die Sozialprognose gut. Leute mit positivem Sozialisationshintergrund sind aus der „Normalsicht“ lebenstüchtiger, zuweilen aber auch erfolgreicher in der Kriminalität, als die von Kind auf geschädigten. Eigentlich müßte man ihnen vor Gericht ihre bisherige Unbescholtenheit zum Vorwurf machen: Sie hatten privat wie beruflich einen unbelasteten, sorgenfreien Werdegang und blieben bisher unbescholten. Dennoch haben Sie bewusst Schrott­immobilien verkauft und viele Menschen in den Ruin getrieben. Das müssen wir straf­verschärfend werten.

Dieter Schulz sieht sich auch weiterhin als Winner. Er ist überzeugt, einmal in den Himmel zu kommen. Habe ich doch die Hölle bereits auf Erden erlebt und meine Sünden mit 17 Jahren Knast abgebüßt.

Auf wen er dort wohl alles treffen wird?

Fußnoten

[1] Verschiedene Genres kämen infrage, wenn es ein Roman wäre:

  1. Schelmenroman: »Der Schelm stammt aus den unteren gesellschaftlichen Schichten, ist deshalb ungebildet, aber „bauernschlau“. Er durchläuft alle gesellschaftlichen Schichten und wird zu deren Spiegel. Der Held hat keinen Einfluss auf die Geschehnisse um ihn herum, schafft es aber immer wieder, sich aus allen brenzligen Situationen zu retten. «https://de.wikipedia.org/wiki/Schelmenroman
  2. Bildungsroman: »Bildung soll beim Bildungsroman nicht nur das Thema des Romans sein, sondern auch dem Leser vermittelt werden. Ähnlich wie im didaktischen Aufklärungsroman geschieht dies durch das „missiona­rische Überlegen­heits­gefühl eines sich selbst bewussten Erzählers, der seinen Bildungsvorsprung gegenüber Held und Leser geltend machen [kann]“. Dieser distanzierte, oft ironische Erzähler ist also neben dem Helden und dem Leser die wesentliche Figur eines Bildungsverhältnisses, das als Bildungsgeschichte bezeichnet wird.« https://de.wikipedia.org/wiki/Bildungsroman . Dieter Schulz ist einerseits „Held“ der Geschichte, andererseits aber oft auch der distanzierte und ironische Erzähler. Das kann nicht jeder Memoirenschreiber, dennoch hat dieser Lebensbericht Parallelen
  3. zu „Memoiren“: https://de.wikipedia.org/wiki/Memoiren und
  4. zur Autobiographie. https://de.wikipedia.org/wiki/Autobiografie .

[2] Die ersten 20 Kapitel sind bereits hier im Blog erschienen, damit ist der Teil abgeschlossen, den Dieter Schulz spontan auf der Justizschreibmaschine verfasst hat: auf dünnem Durchschlagpapier in Zeilen mit von Rand zu Rand hüpfenden Buchstaben, mit unterschiedlicher Anschlagstärke und abenteuerlicher Rechtschreibung getippt.

Die nächsten rund 20 Kapitel erreichten mich per Mail. Schulz war inzwischen frei und wurde von uns ermutigt, weiterzuschreiben.

[3] Dierk Schäfer, Die Zurichtung des Menschen – auch ohne Religion, Deutsches Pfarrerblatt – Heft: 9/2016, http://www.pfarrerverband.de/pfarrerblatt/index.php?a=show&id=4128

[4] http://lyricstranslate.com/de/bertolt-brecht-erstes-dreigroschenfinale-lyrics.html

[5] Diese ist allerdings nicht in allen Fällen ein zuverlässiger Weg zu einem Leben frei von Kriminalität, nicht einmal von schwerer Kriminalität. Das zeigt ein Blick auf die gerade aktuell sichtbaren Machenschaften erfolgreicher Firmen und ihrer Manager. Auch diese sind Täterpersönlichkeiten, sonst hätten sie in ihrem Umfeld nicht reüssieren können. Selbst wenn sie mal zur Rechenschaft gezogen werden, fallen sie weich. Dieter Schulz aber lebt ärmlich von Sozialhilfe, sitzt im Rollstuhl und hin und wieder fährt man ihn zum Discounter-Einkauf.

[6] https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/03/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xvii/

[7] http://umgangssprache_de.deacademic.com/26403/Trebe

 

In Kapitel 21, geht es weiter. Titel: Erwähnte ich schon, dass ich ein cleveres Kerlchen war? Darin erfahren wir, wie er es angestellt hat, ins Schiebergeschäft einzusteigen, wirklich sehr clever.

_Inhaltsverzeichnis

 

 

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XVI

moabit k1Dieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit,

            die keine Kindheit war

Sechzehntes Kapitel

Was also blieb uns übrig, als aufs Ganze zu gehen?

Die Grenze war nicht weit und wir würden es auch ohne die Hilfe des Onkels schaffen. Es wäre doch gelacht. Was der konnte, schafften wir schon lange. Die Alteingesessenen im Schlaf­­saal wollten natürlich Einzelheiten über uns erfahren. Wir logen ihnen einfach die Hucke voll. Sie gaben sich mit dem, was sie über uns erfahren hatten, zufrieden und schliefen auch bald ein. Wir auch. Wer weiß, wann wir wieder in solch frischgemachten Betten schla­fen würden. Nach der halb durchwachten vergangenen Nacht schliefen wir auch bald den Schlaf der Gerechten. Die anderen mussten in die Schule, wir waren davon befreit. Dafür durften wir uns im Tagesraum mit Mikado, Halma oder Schach die Zeit vertreiben. Wie wir so schön beisammen saßen, konnte ich meine Kumpane mit meinem neuen Fluchtplan über­raschen. Nach der zweiten großen Pause unten auf dem Schulhof begaben wir uns wieder in den Schlafsaal mit dem Hinweis, dass wir Schlaf nachzuholen hätten. Es wurde uns auch gestattet. Wir wurden aber darauf aufmerksam gemacht, dass sich für den Nachmittag einige Herren angemeldet hätten, die noch einige Fragen an uns haben würden. Auch gut. Sollten die fragen, wen sie wollten. Am Nachmittag wollten wir schon über alle Berge sein. Ach so, hier gab es nur Flachland? Egal, dann eben an der Grenze. Ich hatte mich am Stand der Sonne orien­tiert und erkannte, wo Westen lag. In diese Richtung mussten wir, um an die Grenze zu kommen. Aus dem Haus und über die Mauer waren wir schnell. Direkt zwischen dem Haus und der Mauer wuchs nämlich eine mächtige Eiche. Deren Äste dienten uns als Brücke. Klar, etwas Mut musste man schon aufbringen, um die etwa anderthalb Meter freien Raum zu überspringen und sich an einem Ast festzuhalten. Nur dem Mutigen gehört die Welt! Wir hatten die weite Reise doch nicht unternommen, um sie hier schon wieder enden zu lassen. Oder? Herz gefasst, gesprungen, rübergerobbt. Über die Mauer und nichts wie weg! Die Richtung, in der wir uns bewegten war richtig. Bald sahen wir die ersten Hinweisschilder. Halberstadt[1]. Das musste doch schon in der Nähe der Grenze liegen, wenn ich die Deutsch­land­karte richtig im Kopf hatte? Ausgelassen vor Freude darüber, wieder in Freiheit zu sein und den anderen wieder mal ein Schnäppchen geschlagen zu haben, hüpften, ja tanzten wir fast die Straße entlang. Wir hätten ja auch vom Bahnhof aus (wer hätte uns schon so nahe beim Heim gesucht?) einen Zug in Richtung Halberstadt nehmen können. Der Schienenstrang wies zumindest in die Richtung.

Ein „Zimmer“ mit schwedischen Gardinen

Doch gewitzt durch die innerdeutsche Grenze zu Berlin konnte ich mir denken, dass auch hier in dieser Grenznähe ähnliche Kontrollen stattfinden könnten. Auf ein paar Stunden kam es jetzt auch nicht mehr an, bis wir „Drüben“ sein würden. Oh, kindliche Unbeschwertheit. Du kennst nicht die Fallstricke, mit denen Erwach­sene dir das Leben zur Hölle machen. In unse­rer Ausgelassenheit zeigten wir mehr oder weniger den vorbeibrausenden, meist LKW-Fah­rern, unseren Daumen. Was wir gar nicht zu hoffen gewagt hatten, traf dann aber doch ein. Einer der vorbeifahrenden ging vom Gas auf die Bremse. Wir liefen schnell hin. „Wo soll es denn hingehen?“ „Halberstadt!“ „In Ordnung Jungs! Springt hinten drauf!“ Ein oben offe­ner, mit grünen Kübeln beladener Kasten nahm uns auf. Und ab ging die wilde Fahrt. Wir ließen uns ordentlich den Wind um die Nase wehen, als wir über das Führerhaus gebeugt den Weg verfolgten, den der Wagen nahm. Das war dann aber auch schon die letzte Nase voller Wind, den wir in Freiheit genossen. Denn zu unserem Entsetzen, bog der Wagen nicht nach links ab, wo das Schild nach Halberstadt wies, sondern brauste mit fast unverminderter Geschwindig­keit in die Rechtskurve. Wir brauchten nicht allzu lange nachgrübeln, wohin die Fahrt uns führen würde. Rechts freies Feld, links freies Feld. Doch nur wenige hundert Meter wuchs in dieser Landschaft ein Gebäudekomplex heraus. Umgeben von einer grün gestriche­nen Mauer. Durch das weit geöffnete Tor brauste der Wagen auf den Hof. Hatten wir ein „Glück“! Unser freundlicher Fahrer brachte gerade das Mittagessen aus irgendeiner Groß­küche zu seinen Kol­legen von der Grenzpolizei. Soweit konnte diese also gar nicht mehr entfernt sein. Das nützte uns aber herzlich wenig. Für uns war die Grenze wieder einmal unerreichbar geworden. Natürlich beka­men wir von den Bullen kein Mittagessen ab. Das mussten wir unter hämischem Grinsen der Anderen im Heim einnehmen. Mahlzeit! Durch diesen Vorfall gewarnt kamen wir nicht wieder in unseren alten Schlafsaal. Man hatte hier vielleicht schon schlechte Erfahrungen mit anderen Aspiranten gemacht. Für solche Kunden hatte man sogar ein „Zimmer“ mit schwedi­schen Gardinen[2]. Durch das Hinein­zwängen von vier Betten wurde es ziemlich eng. Für uns aber sehr gemütlich. Außer dass sich mehrere Herren die Zähne mit ihren Fragen an uns aus­bissen und wir ein Spielemagazin zu Verfügung hatten, gab es kaum Abwechslung. Wir waren selbst sehr gespannt darauf, wann man endlich dahinter kommen würde, wohin wir gehörten. Unter den Bullen, die uns bisher vergeblich in dieser Beziehung vernommen hatten, musste doch ein etwas helleres Köpfchen dabei gewesen sein. Zwei von uns sächselten aber zu sehr, als dass das nicht auffallen konnte. Man hatte anscheinend ganz richtig in diese Rich­tung recherchiert. Nach ca. drei Wochen kam einer der Herren uns im Tages­raum triumphie­rend entgegen, als hätte er eine Glanztat voll­bracht, dabei war es nur reine Routinearbeit gewe­sen, und verkündete mit vor Stolz geschwell­ter Brust, dass man nun wisse, woher wir ‚Früchtchen’ (also doch ein Standardsatz, der bei der Polizeischule gelehrt wurde) kämen. Eine komplette Namensliste mit Heim und Heimanschrift las er uns vor. Na bitte, dann konnte unsere Rückreise ja beginnen! Mehr als von meinem Onkel, dass wir auf den Weg nach „Drüben“ waren, konnten sie in ihren Akten nicht vermerken. Waren die vielleicht blöd!? Nach einer weiteren Wartezeit von zwei Tagen hatte man endlich eine Tante vom Jugendamt aufgetrieben, die uns zurück nach Dönschten bringen sollte. Die Trapo[3] in Leipzig sei auch schon informiert teilte sie uns mit. Dort würden wir bis zum Weitertransport unsere Zeit über­brücken. Das hatte mir gerade noch gefehlt. Von denen hatte ich schon längst die Schnauze gestrichen voll.[4]

Schon bei dem Wort „Pissen“ zuckte sie furchtbar zusammen

Ich hatte schon gar keine Lust mehr, überhaupt so weit mitzufahren. Auch diese Dame hatte einen Vierkantschlüssel, womit sie Zugabteiltüren öffnen und schließen konnte, ganz nach Belieben. Sobald einer von uns musste, bemühte sie den Schaffner, der uns bis an die bewusste Tür begleiten musste. Ich hatte sehr bald bemerkt, dass die Dame aus einer besseren Familie stammen musste. Schon bei dem Wort „Pissen“ zuckte sie furchtbar zusammen und bekam einen puterroten Kopf. Das reizte mich dazu, mit den anderen Jungs ein wirklich schlüpfriges Gespräch zu beginnen. Die schliefen ja auch nicht auf einem Baum. In ihrer Stimme lag überhaupt keine Autorität, als sie uns aufforderte, solch schmutzige Worte zu unterlassen. Besonders reißfest waren ihre Nerven nicht gerade. An ihrem Verhalten merkten wir Schlingel, dass sie einer Ohnmacht nahe war. Sie wusste, je länger es dauerte schon gar nicht mehr, wohin sie in ihrer Verlegenheit noch schauen sollte.

Mit fahrigen Bewegungen zupfte sie an ihrem Rock herum und hielt dabei die ganze Zeit den Vierkantschlüssel, das Objekt unserer Begierde, – nicht ihr Körper, wie sie zu glauben schien – zwischen ihren Fingern fest. Irgendetwas musste geschehen. Wir näherten uns Leipzig mit D-Zug-Geschwindigkeit. Draußen lief der Schaffner vorbei und verkündete den nächsten Zug­halt. Ich glaube, will es aber nicht beschwören, es war Schkeuditz[5]. Unsere Begleitdame, so sehr sie sich auch unserer Gegenwart schämte, schien nicht bereit zu sein, uns aus dem Abteil zu werfen. Etwas nachhelfen mussten wir schon noch. Während Peter einen besonders schmut­zigen Witz erzählte, den ich sogar behalten habe, hier aber nicht wiedergeben kann, lauschten sie meinem leisen Vorschlag, den ich ihnen zu machen hatte, um aus diesem Abteil und rechtzeitig in Schkeuditz (?) aus dem Zug zu kommen. Das sei ein tolles Stück, fanden sie. Ich auch. Aber nur am Tage war ich Narr. Nachts weinte ich auch schon mal unter der Bettdecke. Immer nur den Abgebrühten spielen, war für meine kleine Jungenseele doch nicht so leicht wegzustecken, wie es den Anschein haben mag.

Was also blieb uns übrig, als aufs Ganze zu gehen? Alles, was ich an Männlichkeit zu bieten hatte, holte ich, mich direkt vor die Dame aufbauend, aus meiner Hose. Meine Güte, machte die ein Wesen daraus. Wie nur würde sie reagieren, wenn ihr mal was Richtiges unter die Augen kam und nicht nur so ein kleiner Zipfel, wie ich ihn zu bieten hatte. Sie hätte ja rein­beißen können, dann hätte sie ihre Ruhe vor mir gehabt. Dicht genug stand ich ja vor ihr. Aber nein, sie fuchtelte wild mit ihren Händen vor ihrem Gesicht herum und strampelte mit ihren Füßen. Warum nicht gleich so? Der Schlüssel flog ihr aus der Hand, einer der Jungen fing ihn geschickt auf, öffnete die Schiebetüre. Ich musste nur noch den kleinen Zipfel weg­stecken und mich den anderen anschließen. Wegstecken musste ich ihn schon, soviel Zeit musste sein. Ich wollte mich ja schließlich nicht zum Gespött der Leute machen, die uns im Zug begeg­neten. Ach ja, ich hatte mir auch noch die Zeit dazu genommen, die Abteiltür von außen zu verriegeln. Auch das musste sein, weil gerade jetzt der Zug seine Geschwindig­keit zu ver­mindern begann. Wir kamen unbehelligt aus dem Zug und von ihm weg. Nicht dass wir uns auf direktem Wege auf Leipzig zu bewegten. Oh nein! So leicht wollten wir es den Bullen nun doch nicht machen! Für die restlichen ca. 20 km ließen wir uns zwei Tage Zeit und mach­ten dabei eine Menge Lauben unsicher. Um uns zu ernähren, hatten wir ja unsere Notgroschen noch in der Hose. Das Geld konnte ja nicht ewig reichen. Deshalb verblödete ich mich nicht, in Leipzig wieder für Nachschub zu sorgen. Für dubiose Diebstähle, wie vorgeschlagen wurde, hatte ich nicht viel übrig. Ich war in diesem Metier nicht sehr bewandert und es schien auch nicht kalkulierbar genug, die Beute, die man dabei machte. Wir brauchten Bargeld und nicht irgendwelchen Tand, der erst noch verhökert werden musste. Solange wir uns nicht gerade alle auf einem Haufen aufhielten, und somit unnötig auffallen mussten, sah ich kaum Gefahr darin, erwischt zu werden. Ich fand in der Höhle des Löwen seien wir am besten geschützt. Deshalb hielten wir uns auch ganz kackfrech auf dem Hauptbahnhof in Leipzig auf. Leipzig sollte angeblich der größte Sackbahnhof Europas sein (?). Wie dem auch sei, ich wusste jedenfalls, dass jeder Zug, der hier eintraf, immer auch russische Offiziere ausspuckte. Aus allen Richtungen der DDR kamen sie hier an. Viele davon kamen hauptsächlich nur des­halb hierher, weil sie vor ihrem Heimaturlaub noch schnell ein paar Dinge einkaufen wollten, um ihren Frauen, Müttern und sonstigen Lieblingen etwas Besonderes mitzubringen. Nähere Einzelheiten über mein „Geschäft“ werden an anderer Stelle eingehender behandelt, ohne das ich deswegen Geheimnisse preisgebe, die nicht schon längst überholt wären. An guten Tagen, wenn ich nur intensiv genug arbeitete, vorausgesetzt, es war genügend Soore[6] auf dem Markt, konnte ich mit Leichtigkeit an so einem Tag mehr verdienen, als der Monatslohn eines Bullen ausmachte.

Härte wurde abverlangt und, gezeigt!

An den nächsten Tagen lief alles wie geschmiert. Übermütig geworden, nicht ich, aasten die Bengels mit dem Geld herum. Wir dachten uns nicht viel dabei, als eines Abends S. nicht zu unserer Laube zum Schlafen kam. Er war wohl wieder mal bei seinem Bruder. Er stammt aus Leipzig. Unsere Alarmglocken schlugen erst an, als es bereits zu spät war. Grelles Scheinwer­fer­licht und hereinstürmende, bewaffnete Bullen (oder war es umgekehrt?) rissen uns aus dem wohlverdienten Schlaf. Den Grund unseres Entdecktwerdens sahen wir dann auf dem Polizei­revier, wohin wir gebracht wurden. Nein, nicht angetrunken, nicht betrunken, sturzbesoffen war unser lieber Mitausreißer S., den wir dort wiederfanden. Ich wunderte mich nur, wie die Bullen etwas aus diesem Suffkopp hatten herausbekommen können, vor allen die präzise Lage unserer Laube. Zu seiner Schande gestand er uns, dass er es selbst nicht mehr wüsste, wo man ihn aufgelesen, was er ihnen alles erzählt hatte. Schicksal! Das Kind war in den Brun­nen gefallen. Da half auch kein Vorwurf etwas. Mit Hallo und der obligatorischen Ver­haue wur­den wir wieder in Dönschten empfangen.

Peter und ich passten uns danach wieder dem Heimleben an, bemühten uns die Dinge für den kommenden Weihnachtsmarkt fertig zu machen. Ich war glücklich Monika, wieder zu sehen und schmachtete zu ihrem Fenster hinauf.

Nur zwei aus unserer 27er Kindergruppe durften über Weihnachten nach Hause fahren. Wir restlichen verbliebenen erlebten ein ziemlich trost­loses Weihnachtsfest. Briefe von zu Hause wurden so oft gelesen, bis sie von den Tränen sich aufzulösen begannen. Natürlich sah das niemand. Ausheulen tat man sich nicht vor den Augen anderer. Selten dass man solch einen Intimfreund hatte, dem man auch seine wahren Gefühle anvertrauen konnte. Es war schon ein Kreuz mit den Gefühlen. Zur Härte erzogen, sich gegen jeden und alles stellend, um sich einigermaßen durchsetzen zu können, waren wir doch alle nur kleine Jungs, die sich viel lieber mal an die Mutterbrust gekuschelt hätten, als den starken „Mann“ vorzukehren. Ob einer Rücksicht auf die Gefühle anderer genommen hätte? Nicht einmal Kinder untereinander akzeptierten die Gefühle des anderen. Gefühle wur­den als Schwäche ausgelegt. Schwäche erbarmungslos ausgenutzt. Solange man sich nicht selbst bei einer Gefühlsduselei erwischen ließ. Nach außen hin ließ man sich eher auseinan­der­reißen als Gefühle zu zeigen. Zusammenbrechende Herzen ließen keine Geräusche nach außen dringen. Härte wurde abverlangt und, gezeigt!

Tja, man muss manchmal im Kreis laufen, um auf den richtigen Weg zu gelangen. Ich habe begonnen mein Leben zu beschreiben an einer Stelle, die viele Fragen offen lässt, wie es zu diesem Leben überhaupt kommen konnte. Ich habe meinen Gedanken freien Lauf gelassen. Wie mich meine Erinnerungen eingeholt haben, so habe ich es angefangen niederzuschreiben. Bewusst auf meine Vergangenheit gelenkt gaben dann in der Folgezeit die Hirnzellen noch viele Erinnerungen preis. Nebelschleier hoben sich, gaben längst vergessen Geglaubtes wie­der frei. Manche gravierende Vorfälle wurden hinter diesem Vorhang deutlich sichtbar, andere nur verschwommen. Um das Bild aber abzurunden, so finde ich, muß der Hintergrund noch weiter aufgehellt werden. Wenn ich so daran zurück denke wie meine Jungs groß gewor­­den sind, glaube ich schon, dass meine Kindheit etwas Besonderes war. Diese aufzuzeigen, ob das etwas bringt? In dem Sinne, dass es Menschen zur Besinnung bringt, und davon über­zeugt, wie sinnlos Kriege sein können, MÜSSEN! Bevor ich schildere, wie es mir dann doch gelungen ist in den „goldenen Westen“ zu flüchten, was mich dort erwartete, möchte ich doch zuerst noch mehr von mir berichten.

Vater, du Arsch hast nur vom Krieg und den Puffs geschwärmt.

Zu dem Zeitpunkt, als ich gebohrt [sic![7]] wurde, hatte Großdeutschland schon damit begon­nen, sein Tausendjähriges Reich wieder zu zerstören. Meiner Rechnung nach muss das im April 1940 geschehen sein. Mir ist nicht bekannt (solch ein gutes Verhältnis konnte ich zu meinem Vater nie aufbauen), ob ihn seine Beschäftigung zum Zeitpunkt meiner Geburt – 27.01.41 – ebenso viel Freude bereitet hat, wie die, als ich von ihm gebohrt wurde. Das Wenige, was ich in der Folgezeit über meinen Vater erfuhr, war, dass er in seinem Beruf keine Perspektive mehr sah. Er war Schweitzer von Beruf[8], wie er seine Kuhbauerntätigkeit zu beschönigen versuchte. In Deutschland scheint dieser Berufsstand ausgestorben zu sein, sofern es ihn überhaupt mal gab. Tatsache ist, dass er auf einem großen Rittergut (wir waren aber keine Rittersgutbesitzer, wie sich viele geflüchtete Ostpreußen damit schmückten, als der Zusammenbruch perfekt war und sie, ohne dass es groß nachgeprüft werden konnte, sich als solche ausgaben) haufenweise Kühe gemolken hat, auch etwas von der Behandlung kranker Kühe verstand und Milch zu Butter verarbeiten konnte. Kuh-Schäfer, würde ich sagen, wäre der richtige Ausdruck für seine Beschäftigung gewesen. Für seine Tätigkeit, und dafür, dass der Rest der Familie im Laufe des Jahres bestimmte Tage des Jahres dem Junker seine Felder zu bestellen hatte, Kinder nicht ausgenommen, dafür durften sie im Winter ja auch zur Schule gehen, bekam er eine Behau­sung gestellt und ein paar Morgen Land[9] zur eigenen Nutzung. Kötter[10], nannte man wohl solche billigen Arbeitskräfte. Wie dem auch sei, ich habe eine sehr, sehr schwache Erinnerung daran, dass mein Vater mal als Weihnachtsmann verkleidet bei uns zu Besuch war. Es kann sich dabei nur um das Weihnachtsfest 1942 oder 1943 gehan­delt haben. Mein größerer Bruder bekam einen Panzer geschenkt. Aufgezogen rasselte er durch die Wohnstube und aus seinem Rohr vorne kamen kleine Blitze. Richtig stilgerecht zu dama­liger Zeit. Was ich erhielt, dass entzieht sich meinem Erinnerungsvermögen. Fasziniert hat mich eben nur der Panzer. Ich weiß nur noch, dass ich mehr schlecht als recht das Weih­nachts­gedicht „Lieber guter Weihnachtsmann, schau mich bitte nicht…..“ aufsagte und mei­nen eigenen Vater dabei nicht unter seiner Maske und Verkleidung erkannte. Ich kannte ja noch nicht einmal seine Stimme. Die hörten wohl mehr seine Untergebenen, die er an seiner Flak befehligte. Mein Vater hatte rechtzeitig erkannt, dass es doch besser sei, sich dem Her­ren­menschentum anzuschließen und auch dabei helfen, den Krieg zu gewinnen, damit auch er, der Kuhjunge, ein Stück vom Braten abbekam. Nur verdiente Helden sollten damit belohnt werden, einmal über andere Menschen zu herrschen. Armer alter Narr. Gegen Kriegsende hast du dir einen Bauchschuss eingehandelt. Du hattest Glück im Unglück. Du kamst in amerika­nische Gefangenschaft und nicht in russische, was wohl Sibirien bedeutet hätte. Ich habe später viele von daher wiederkehren sehen. Denen ging es gar nicht so gut, wie dir, als ich dich nur wenige Jahre später vorfand. Aber ich will nicht vorgreifen. Zunächst ging es uns ja auch ganz gut. Obwohl kein Vater im Haus war, brauchte Mutter keine Hand zu krümmen, um das Land und den Stall zu bewirtschaften. Dafür bekamen wir polnische Kriegsgefan­gene.[11] Du, Vater, hast meiner Mutter zum Vorwurf gemacht, anscheinend nur, um deine eigenen Unzulänglichkeiten zu verdecken, sie hätte sich mit diesen Plenjis ins Heu gelegt. Du Arsch hast gar nicht gemerkt, wenn du bei den wenigen Gelegenheiten, die wir miteinander verbrachten, vom Krieg und den Puffs schwärmtest, dass du dich doch selbst widersprochen hast. Dir kann ich den Segen nicht geben, den ein Toter sonst von seinen Kindern bekommt. Später, Vater, werde ich noch mehr mit dir ins Gericht gehen müssen!

Ich sehe meine Mutter auf einem Schwein reiten.

Bilder aus der Zeit, die nur an mir vorüber huschen, die ich versuche einzufangen, um sie naturgetreu wiedergeben zu können, kommen auf mich, desto mehr ich in meiner Vergan­genheit grabe. Ich sehe meine Mutter auf einem Schwein reiten. Nicht, dass sie dafür eine besondere Begabung gehabt hätte oder eine Zirkusnummer einstudieren wollte. Eines dieser Mistviecher war aus dem Stall ausgebüchst und trieb sich im Obstgarten herum. Das Fallobst war viel zu kostbar, so fand es wohl meine Mutter, als dass es von Schweinen aufgefressen werden sollte. Sie jagte das Schwein aus dem Obstgarten. Versuchte es zumindest. In seiner eigenen Panik lief das Vieh meiner Mutter genau zwischen die Beine. Die Beine meiner Mutter waren nicht gerade die längsten. So kam es, dass sie das Schwein, oder das Schwein meine Mutter, durch den Obstgarten ritt. Nichts Weltbewegendes, werden Sie jetzt sagen. Für mich schon! Das sind nur ganz wenige Augenblicke meiner Kindheit, der ich mich erfreuen konnte. Alles was danach kam, war nur noch Stress und Kampf ums Überleben. Wofür eigentlich?

Fußnoten

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Halberstadt

[2] Falls der Begriff inzwischen veraltet sein sollte: Gemeint sind Gitter vor dem Fenster. Schweden war als bedeu­tender Eisenexporteur bekannt.

[3] Die Transportpolizei (Trapo) war die Bahnpolizei der Deutschen Demokratischen Republik. https://de.wikipedia.org/wiki/Transportpolizei

[4] Schulz: Das Warum erfahren sie in einem der nächsten Kapitel.

[5] https://de.wikipedia.org/wiki/Schkeuditz

[6] Sore steht für ein Wort der deutschen Gaunersprache für (Hehler-)Ware, Diebesgut oder Beute, das aus Jiddisch sechoro „Ware“ entlehnt ist. https://de.wikipedia.org/wiki/Sore

[7] Kein Druckfehler. Schulz meint damit den Geschlechtsverkehr, der zur Zeugung führt..

[8] https://de.wikipedia.org/wiki/Schweizer_(Beruf)

[9] https://de.wikipedia.org/wiki/Morgen_(Einheit) https://www.aid.de/forum/index.php/forum/showExpMessage/id/47131/page1/3/searchstring/+/forumId/3

[10] https://de.wikipedia.org/wiki/K%C3%B6tter

[11] Der dürfte so ausgesehen haben:                             panzer                     Quelle: NSDAP, Weihnachten, „Kinder malen“, S. 9a

[12] http://www.expolis.de/schlesien/texte/maas.html

Was gab’s bisher?

Editorische Vorbemerkung – https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/06/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt/ https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/06/00-editorische-vorbemerkung.pdf

Kapitel 1, Die Ballade von den beschissenen Verhältnissen – oder – Du sollst wissen, lieber Leser: Andere sind auf noch ganz andere Weise kriminell – und überheblich. https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/07/29/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-erstes-kapitel/ https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/07/01-erstes-kapitel.pdf

Kapitel 2, In Dönschten, am Arsch der Welt … ach Monika! https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/08/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-ii/https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/08/02-ach-monika.pdf

Kapitel 3, Weiter im Kreislauf: Heim, versaut werden, weglaufen, Lage verschlimmern. https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/09/28/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iii/ https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/09/03-weiter-im-kreislauf.pdf

Kapitel 4, 17. Juni 53: Denkwürdiger Beginn meiner Heimkarriere https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/10/24/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iv/                                                                      04-beginn-meiner-heimkarriere-17-juni-53_2

Kapitel 5, Von Heim zu Heim https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/11/21/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-v/              PDF: 05-von-heim-zu-heim

Kapitel 6, Wieder gut im Geschäft mit den Russen https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/12/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-vi/  06-wieder-gut-im-geschaft-mit-den-russen

Kapitel 7, Lockender Westen https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/04/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-vii/           PDF 07-lockender-westen

Kapitel 8, Berlin? In Leipzig lief’s besser. https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-viii/  PDF: 08-berlin-in-leipzig-liefs-besser

Kapitel 9, Aber nun wieder zurück nach Berlin https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/17/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-ix/  PDF: 09-aber-nun-wieder-zuruck-nach-berlin

Kapitel 10, Bambule  https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/02/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-x/              PDF: 10-bambule

Kapitel 11, Losgelöst von der Erde jauchzte ich innerlich vor Freude https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/06/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xi/                                                                   PDF: 11-losgelost-von-der-erde

Kapitel 12, Ihr Lächeln wurde um noch eine Nuance freundlicher. Süßer!https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/07/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xii/                                                 PDF: https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2017/02/12-sc3bcc39fer.pdf

Kapitel 13, Von Auerbachs Keller in den Venusberg  https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/19/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xiii/   PDF: 13-von-auerbachs-keller-in-den-venusberg

Kapitel 14, Ein halbes Jahr Bewährungsprobe. Wo? Im Heim!   https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/21/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xiv/                                                                           PDF: ein-halbes-jahr-bewahrungsprobe

Kapitel 15, Spurensuche – und der Beginn in Dönschten  https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/22/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xv/  PDF: 15 spurensuche

Kapitel 16, Was also blieb uns übrig, als aufs Ganze zu gehen? https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/03/07/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xvi/                                                                  PDF: 16 Was also blieb uns übrig

 Wie geht es weiter?

Kapitel 17, War es den Aufwand wert, dieses beschissene Leben vor den Bomben zu retten?!

Kapitel 18, Ich war doch der einzige „Mann“ in der Familie …

Kapitel 19, Überhaupt, in der DDR gab es keine Kriminalität.

Kapitel 20, Wie schnell sich doch die Weltgeschichte ändert!

 

Behinderte werden als Menschen zweiter Klasse behandelt. Der „Bundesverband evangelische Behindertenhilfe“ (BeB) begrüßt das.

Nicht zu glauben. Ein Verband für die Unterstützung der Belange von Menschen mit Behinderung begrüßt in einer Pressemitteilung die Ungleichbehandlung seiner Klientel.[1]

Da rieb ich mir die Augen und fragte nach.

Mein Mail zur Pressemitteilung vom 18. Juni stand im Blog.[2] Es kam keine Antwort. Kann ja mal ein Versehen sein.

Am 11. Juli habe ich nachgehakt: „Da es mancherlei Gründe geben kann, Aufgaben aufzuschieben, schicke ich Ihnen mein Mail noch einmal, bevor ich publiziere, dass der Bundesverband evangelische Behindertenhilfe e.V. eine Regelung begrüßt, die Menschen mit Behinderung zu Menschen zweiter Klasse macht, und das in Euro messbar.“

Ja, es wird ein Versehen gewesen sein. Gleich am 14. Juli kam die Antwort.[3] Die erste beigefügte Pressemitteilung[4] belegt eine Aktivität des BeB am 16.3.2010. Belege für das „Störfeuer“ seitens der Kirchen konnte ich also nicht geben, da war wohl die kobinet-info[5] falsch. Immerhin haben, wenn nicht „die Kirchen“, so doch der BeB rechtzeitig Laut gegeben. Das habe ich ihm auch zugestanden.[6]

Doch ich hatte noch mehr gefragt und schrieb:

»Das gleiche Recht auf Anerkennung bedeutet aber offensichtlich nicht das gleiche Recht auf finan­zielle Zuwendung für die Heimkinder aus den Kinderpsychiatrien u.ä.. »Was die Benachteili­gung der Heimkinder aus den Kinderpsychiatrien u.ä. betrifft, so haben mich Ihre Argumente in keiner Weise überzeugt«[7].

»Keine Antwort habe ich von Ihnen erhalten auf die Frage, ob die Einrichtungen für Behinderte, wie sie behaupten, in den Heimkinderfonds eingezahlt haben, obwohl der für diese Gruppe nicht zuständig ist, und falls wenn, was aus diesen Geldern geworden ist.« Und schließlich: »Sie sehen, dass auf einen Verband, der die Regelung für die Heimkinder mit Behinderung aus den Behindertenheimen begrüßt, unangenehme Fragen zukommen, die er um seiner eigenen Glaubwürdigkeit willen beantworten sollte – oder aber diese Regelung öffentlich und nachhaltig kritisieren.«

Die Antwort kam am 2.8.: »Sehr geehrter Herr Schäfer, ich bitte um Nachsicht, dass ich nicht so prompt und ausführlich antworte, wie Sie es vielleicht erwarten, aber ich habe noch andere Aufgaben zu erledigen. Unter anderem laufen derzeit parallel drei Gesetzgebungsverfahren, bei denen wir uns einbringen, um die aktuellen Lebensbedingungen von Menschen mit Behinderung zu verbessern. Umgekehrt haben Sie mir auch keine Belege für das „Störfeuer“ seitens der Kirchen genannt. Und ich habe ohnehin den Eindruck, dass unsere Positionen sehr weit auseinan­derliegen und eine inhaltliche Auseinandersetzung angesichts der doch recht „feststehenden Meinungsbildung“ kaum möglich ist. Da Sie ja zudem meinen, meine PR sei nicht effektiv, sehe ich an dieser Stelle von weiteren Ausführungen ab. Ich darf Sie aber noch darauf hinweisen, dass sich die Öffentlichkeitsarbeit des BeB in erster Linie an unsere Mit­glieder, an andere Verbände, die Politik sowie eine Fachöffentlichkeit richtet. Einzelpersonen sind in der Regel nicht unsere Adressaten. Mit freundlichen Grüßen Thomas Schneider«

Helmut Jacob erhielt gleichzeitig auch eine Antwort auf seine Fragen. Man vergleiche:[8]

 

Ein Resümee:

  1. Die Haltung des BeB ist erbärmlich. Er verrät seine Klientel, die Menschen mit Behinderung. Er mag ja begrüßen, dass es nun nach so vielen Jahren überhaupt Zahlungen geben soll. Doch wie steht es mit seiner Kernaufgabe? Er kritisiert eben nicht die Verletzung des Gleichbehandlungsgrundsatzes.
  2. Herrn Dr. Schneider wurden von mir, wie auch von Herrn Jacob, Argumente vorgetragen.[9] Aber er kneift und macht ansonsten PR für seinen Verband. Auch dies ist erbärmlich. Was soll man von einem Pressesprecher halten, der zuständig ist für „Politische Kommunikation/PR“, aber sich nicht in der Lage sieht – oder nicht willens ist argumentativ auf Positionen einzugehen die „sehr weit auseinander­liegen“? Ich verstehe schon: Genau das ist Politische Kommunikation.
  3. Erbärmlich ist auch die oberflächliche Abwimmelung seiner Gesprächspartner, wenn er uns überhaupt als Partner akzeptiert haben sollte. Der auch zum Schluss wieder­holte Vorwurf, keine Belege für das „Störfeuer“ seitens der Kirchen genannt zu haben, war gegenstandslos, nachdem ich seinen Beleg anerkannt hatte.
  4. Ob die Selbstbescheidung auch erbärmlich ist, dass sich die Öffentlichkeitsarbeit des BeB in erster Linie an unsere Mitglieder, an andere Verbände, die Politik sowie eine Fachöffentlichkeit richtet, will ich nicht beurteilen. Der illustre Verband wird jedenfalls nicht in der Bundestagsliste der Lobbyisten aufgeführt.[10] So frage ich mich, wofür wird der Kommunikator bezahlt und von welchen Geldern?

Bis Ende August ist er im wohl verdienten Urlaub.

Danach kann man ihm schreiben: schneider@beb-ev.de

Ich werde ihm nur den Link zu diesem Post schicken, auch wenn’s vergeblich sein wird, da »unsere Positionen sehr weit auseinanderliegen und eine inhaltliche Auseinandersetzung angesichts der doch recht „feststehenden Meinungsbildung“ kaum möglich ist.«

 

Fußnoten

Für die Fußnoten muss ich mich diesmal entschuldigen. Sie kamen zusammen, um die vielfachen Mails in ihrer Argumentation verständlich zu machen. Man sollte sie lesen.

[1] http://beb-ev.de/inhalt/bundesverband-evangelische-behindertenhilfe-begruesst-errichtung-der-stiftung-anerkennung-und-hilfe/ zuletzt eingesehen: Mittwoch, 3. August 2016

[2] https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/06/18/bundesverband-evangelische-behindertenhilfe-begruesst-errichtung-der-stiftung-anerkennung-und-hilfe/ zuletzt eingesehen: Mittwoch, 3. August 2016

[3] Sehr geehrter Herr Schäfer, Ihre Mail vom 18. Juni habe ich leider nicht erhalten. Anbei übersende Ihnen beispielhaft eine Pressemitteilung des BeB vom 18.03.2010 sowie eine gemeinsame Pressemitteilung mit der Diakonie Deutschland vom 24.11.2014. Aus beiden sollte hervorgehen, dass das Engagement des BeB in dieser Sache schon einige Jahre zurückreicht und wir uns sehr deutlich für das gleiche Recht auf Anerkennung für Menschen mit Behinderung oder psychischer Erkrankung, die als Kinder und Jugendliche in Heimen Unrecht und Leid erfahren haben, eingesetzt haben. Darf ich umgekehrt fragen, welche substantiellen Belege es für das „Störfeuer“ seitens der Kirchen gibt? Was die Unterstützungsleistungen betrifft, ist zu berücksichtigen, dass bei der Stiftung „Anerkennung und Hilfe“ ein gegenüber dem Fonds Heimerziehung deutlich vereinfachtes Antragsverfahren vorgesehen ist. Bei den Rentenersatzleistungen sind zum einen die unterschiedlichen Rentenregeln für Menschen mit Behinderung, zum anderen die Tatsache, dass es sich bei den von Ihnen genannten 25.000 Euro um einen Höchstbetrag handelt und der Durchschnitt deutlich darunter liegt, zu bedenken. Im Übrigen verweise ich auf die Informationsveranstaltung des BMAS, die am 15. Juli (also morgen) stattfinden wird. Mit freundlichen Grüßen – Thomas Schneider

[4] http://beb-ev.de/inhalt/beb-bedauert-unrecht-und-leid/ Dort wird auch auf zwei weitere Pressemitteilungen aus dem Jahr 2014, aus 2010 verlinkt.

[5] http://www.kobinet-nachrichten.org/de/1/nachrichten/33971/Gleichbehandlung-sieht-anders-aus.htm

[6] Mein Mail vom 21.7. „Sehr geehrter Herr Dr. Schneider, vielen Dank für Ihre Antwort! Was das „Störfeuer der Kirchen“ betrifft, haben Sie mich mit Ihrer Pressemitteilung vom 24.11.14 überzeugt: »Die Diakonie Deutschland und der Bundes­verband evangelische Behindertenhilfe (BeB) setzen sich seit langem mit Nachdruck dafür ein, dass auch Menschen mit Behinderung oder psychischer Erkrankung, die als Kinder und Jugendliche in Heimen Unrecht und Leid erfahren haben, das gleiche Recht auf Anerkennung bekommen.«“

[7] Auf die in der kobinet-info vorgestellte Vergleichsrechnung war er nämlich nicht eingegangen, sondern hatte das „vereinfachte Verfahren“ gelobt.

[8] Sehr geehrter Herr Jacob, ich bitte um Verständnis, dass ich nicht jede Ihrer Fragen sofort beantworten kann, aber ich hatte in den letzten Wochen noch andere Aufgaben zu erledigen. Unter anderem laufen derzeit parallel drei Gesetzgebungsverfahren, bei denen wir uns einbringen, um die aktuellen Lebensbedingungen von Menschen mit Behinderung zu verbessern. In meiner letzten Mail schrieb ich Ihnen bereits, dass die gemeinsame Arbeitsgruppe aus Bund, Ländern und Kirchen beim BMAS am 15. Juli erneut tagen und die genauen Regelungen der Stiftung „Anerkennung und Hilfe“ beschließen würde. Wenn die Stiftung errichtet wird, wird es sicherlich auch eine Begründung für die gefundenen Lösungen und die Höhe der finanziellen Leistungen geben. Umgekehrt haben Sie mir auch keine Belege für das „Störfeuer“ seitens der Kirchen genannt. Da ich ohnehin den Eindruck habe, dass unsere Positionen sehr weit auseinanderliegen und eine inhaltliche Auseinandersetzung angesichts der doch recht „feststehenden Meinungsbildung“ kaum möglich ist, würde ich an dieser Stelle von weiteren Ausführungen absehen. Mit freundlichen Grüßen – Thomas Schneider

[9] Fußnoten scheint er souverän nicht zur Kenntnis zu nehmen. Darin gleicht er Herrn Kronschnabel, der schreibt: „Lieber Herr Schäfer, wenn ich auf Ihre Fußnoten nicht eingehe, dann hat das seine Gründe, die in der Abgebrühtheit der Kirchenfürsten zu finden sind. Ich müsste ja versuchen, mit diesen Typen, die jegliche Menschlichkeit gegenüber ihren Opfern vermissen lassen, von Mensch zu Mensch zu sprechen.“ [ https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/07/28/auge-um-auge-fuer-den-rechtsfrieden/#comment-7546 ]. Herrn Kronschnabel sehe ich das nach, Herrn Dr. Schneider nicht.

Herrn Dr. Schneider hatte ich geschrieben: »Nur weil es Ihrem Mail beigefügt war: In Ihrer Pressemitteilung vom 16.3.10 erwähnen Sie Volmarstein positiv. Das sehen die Betroffenen anders [ http://www.gewalt-im-jhh.de/hp3/Webmaster_privat_-_Private_Ver/Eingelullt_und_abgehakt_-_Wie_Tatervertreter_ihre_Heimopfer_abservieren_wollen.pdf . (Hier funktioniert der Link zur Fußnote 6 nicht, man nehme dafür: http://www.amazon.de/gp/aw/cr/rR14IRR5OXWWI01 ], wenn sie auch konzedieren, dass Volmarstein sich in Einzelfällen großzügig erweist – doch das sind keine Präzedenzfälle. Almosen sind nicht einklagbar. Sie begrüßen die kritische Aufarbeitung in den Einrichtungen und nennen als positives Beispiel den Wittekindshof. [ https://dierkschaefer.wordpress.com/2012/04/24/sulze/ ]. Das sehe ich anders. Die Wissen­schaftler, voran Schmuhl/Winkler arbeiten sich zwar tapfer und untadelig durch die diversen Heimgeschichten, meist jedoch eingebettet in jeweilige Firmenjubiläen. [Sie sind leider auch keine Psychologen, wie mir Frau Dr. Winkler sagte, und darum nicht in der Lage Psychogramme der Gründer bzw. Leiter dieser Einrichtungen zu erstellen: Leider können sie auch nicht auf die damaligen theologischen Motive eingehen. Dafür habe ich Verständnis, wenn ich sehe, wie meine Kollegen sich um diese Fragen drücken.] Die dicken Forschungsbände ergeben viele – auch entlastende – Aufschlüsse, doch das Vorwort schreibt der Leiter der jeweiligen Einrichtung, was meist zu durchaus zerknirschten Betroffenheits­formulierungen führt, doch einhergeht mit Relativierungen unterschiedlicher Art, um schließlich einen positiven Ausblick auf die nunmehr doch völlig anderen Lebensbedin­gungen in den Heimen zu geben. Echt PR! Damit meint man meist seine Schuldigkeit getan zu haben. Nur durch ihr Vorhandensein halten Jubiläumsbände in der Bibliothek allerdings die Geschichte nicht präsent. Es geht ohnehin nicht um die bloße Geschichte, sondern um das Verständnis dessen, was pädagogisch, theologisch, organisatorisch und rechtsbeugend zu Demütigung, Ausbeutung, Misshand­lung und auch Missbrauch geführt hat. Erst wenn diese Aspekte fest in den Curricula der Studien- und Ausbildungsgänge verankert sind, erst wenn die Heimaufsicht, intern wie extern, ihren Namen verdient, dann ist man dabei, mit der Vergangenheit konstruktiv umzugehen. Eine effektive Heimaufsicht hat allerdings auch heute kaum Chancen. [Die shz.de benennt dafür: „AWO, DRK, Diakonie & Co.“ Link unter https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/06/24/die-zahnlosigkeit-der-gesetze-zum-recht-von-schutzbefohlen/ ].

Was die Aufarbeitung der Vergangenheit innerhalb der Einrichtungen betrifft, sind wir – mit wenigen Ausnahmen, und trotz aller wissenschaftlichen Bemühungen – noch weit entfernt. In Himmelsthür [https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2015/01/rezension-himmelsthc3bcr.pdf ] hängen immer noch die Porträts der Leitungsdynastie unkommentiert in der Direktionsetage, was besonders im Fall des letzten Vertreters dieser Dynastie auf massives Unbehagen stößt, wie mir eine Ehemalige nach einem dortigen Besuch empört mitteilte. Die Einrichtungen für Menschen mit Behinderung haben sich lange gewunden, für ihre Ehemaligen überhaupt Leistungen zu erbringen. Haben sie aus den Vorgängen um die ehemaligen Erziehungs­zöglinge etwas anderes gelernt als Hinhaltetaktik und pure Symbolik? Wie verbleiben wir, sehr geehrter Herr Dr. Schneider? Ich würde gern über Ihren Verband positiver berichten wollen als ich es nach Ihrer ersten Antwort kann. Geben Sie mir wohl noch eine zweite Antwort, in der Sie offen auf die kritischen Fragen eingehen? Mit freundlichem Gruß – Dierk Schäfer.

[10] https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/08/diese-lobbyisten-haben-zugang-zum-bundestag.pdf

»Wo sollten wir hin … wär wollte uns ja schon«

»Wo sollten wir hin … wär wollte uns ja schon«

Hier spricht im Rückblick die noch bis heute andauernde Not. Man müsste schon sehr abgebrüht sein, um auf diesen kurzen Kommentar mit kritischer Schärfe zu reagieren oder einfach zum Tagesgeschäft überzugehen: »Alle Heim Kinder sind Geschädigt ob Behindert oder nicht Sie sind in den 50 und 60Jahren ihre Menschen Würde und Schutz des Kindes beraubt worden sie hatten alle keine Rechte und beide groß Kirchen haben sich nicht an das gebot der Nächsten Liebe gehalten es ging ihr nur um Geld und nicht um Würde aber wo sollten wir hin es blieb uns ja nichts anderes als Heim wär wollte uns ja schon«[1]

 

Wer wollte uns schon heißt: Wir waren mutterseelenallein – und schutzlos.

 

Zwei Schlüsselwörter tauchen auf.

  1. Es ging den Kirchen nur um Geld und
  2. nicht um Würde.

 

  1. Geld. Ich habe nicht den Eindruck, dass es den „Gründungsvätern“[2] überhaupt um Geld ging. Später erst entdeckten ihre Nachfolger, dass sie ein profitables Wirtschaftsunternehmen führten, das möglichst noch profitabler werden sollte. Zu Beginn ging es um die Rettungsidee, die Rettung der Seelen derer am unteren Rand der Sozialskala, um arme Seelen also. Für die reichen Seelen reichte die ermahnende Sonntagspredigt, zu der die Armen nicht kamen, verwahrlost wie sie waren. Die Reichen reichten Geld und Stiftungen für die Rettungseinrichtungen der Armen. Doch wer vermag schon die Sorge um ihr eigenes Seelenheil trennscharf zu unterscheiden von Mitleid und Mitmenschlichkeit?

Rettungshäuser hatten jedoch vielfache Ausbeutung als „Geschäftsgrundlage“. Im Hintergrund und bei allem Sünderbewusstsein:

Wir sind die Guten.

  • Am Beginn stand die Selbstausbeutung der Gründer und ihrer überzeugten Helfer.diakonissen DBP_1972_710_Wilhelm_Löhe [3]
  • Hinzu kam die „Ausbeutung“ der mehr oder weniger reichen Geldgeber, die trotz allen protestantischen Gegensatzes zur Werkgerechtigkeit etwas Gutes tun und sich vielleicht doch für einen Platz im Himmel qualifizieren wollten. Was „draußen“ die armen Negerkinder waren, für die gespendet werden musste, waren der „Inneren Mission“ die armen, moralisch gefährdeten Proletarierkinder.
  • Schließlich die Ausbeutung der Schutzbefohlenen. Man konnte sie ja nur in ein ordentlich-bürgerliches Leben entlassen, wenn sie arbeiten gelernt hatten und Bedürfnisaufschub; Konsumverzicht sagen wir heute. Dies diente der Selbsterhaltung der Rettungsbetriebe, die vom Staat finanziell knapp gehalten wurden.

Es war wie in den Klöstern: Mit solchen Ausgangsbedingungen musste die Institution zwangsläufig reich werden – und gierig, bigott und verkommen… hier ist an die Geschichte der Klosterreformen zu erinnern[4], die dem selben Zyklus unterlagen.

 

  1. Die Würde. „Mein Lohn ist, dass ich dienen darf“[5]. Es geht nicht um die Menschenwürde nach heutigem Verständnis. In der Demut liegt die Würde. Wer nicht demütig war, wurde gedemütigt. Heraus kamen in ihrer Seele gebrochene Menschen.

Es lohnt sich, unter diesem Aspekt zwei Bildertypen anzuschauen, die Darstellung vom „Gnadenstuhl“ und die der „Pietà“.

Bilder und Skulpturen, die Gnadenstuhl[6] genannt werden, zeigen einen Gottvater, der ohne erkennbare Rührung seinen von ihm geopferten Sohn präsentiert. Die Einheit von Vater und Sohn wird durch die Taube als Symbol des Heiligen Geistes zur Trinität komplettiert. All diese Darstellungen sind gemalte Theologie, fern von menschlichen Regungen.

Anders dagegen die Pietà[7]-Darstellungen. Die „Schmerzensmutter“ Maria hält ihren toten Sohn auf dem Schoß, das Gesicht voller Trauer[8]. Sie ist der Anti-Typ zur eiskalten Theologie.

 

Die ehemaligen Heimkinder waren in der Regel schlecht ausgebildetem Personal ausgesetzt, das betraf die Pädagogik wie die Theologie gleichermaßen. Wären sie wenigstens pädagogisch auf der Höhe der Zeit gewesen! In Theologie hätten sie wohl nur den eiskalten HERRN kennengelernt, der wie Abraham sich nicht scheute, seinen eigenen Sohn um „höherer“ Ziele willen zu opfern. Das Lob von Abrahams Gehorsam durchzieht auch das Neue Testament. Genau diese Theologie teilten auch die Gründungstäter. Menschenwürde als Grundrecht war ihnen unbekannt.

[1] https://dierkschaefer.wordpress.com/2014/10/18/weitere-opfer-sollen-von-heimkinder-fonds-profitieren/#comments

[2] Ein paar „Mütter“ gab es auch.

[3] Photo(ausschnitt): „DBP 1972 710 Wilhelm Löhe“ von scanned by NobbiP – scanned by NobbiP. Lizenziert unter Public domain über Wikimedia Commons – http://commons.wikimedia.org/wiki/File:DBP_1972_710_Wilhelm_L%C3%B6he.jpg#mediaviewer/File:DBP_1972_710_Wilhelm_L%C3%B6he.jpg

[4] http://de.wikipedia.org/wiki/Cluniazensische_Reform

[5] http://www.elk-wue.de/glauben/gedenktage/gedenktage-2008/loehe-wilhelm/

[6] http://de.wikipedia.org/wiki/Gnadenstuhl https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/4422175636/in/set-72157648846029076

[7] http://de.wikipedia.org/wiki/Piet%C3%A0

[8] https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/7973014684/in/set-72157631505820064

„Die Leute sind nicht schockiert, ich verstehe das nicht“

Posted in Kirche, Kriminalität by dierkschaefer on 29. Mai 2014

Die Überreste von bis zu 800 Babys sollen in einem Massengrab in Irland liegen – auf dem ehemaligen Gelände eines katholischen Frauenheims. Eine Bürgerinitiative fordert nun die Aufarbeitung der dunklen Geschichte.

„Die Leute sind nicht schockiert, ich verstehe das nicht“[1]

Na ja, die sind inzwischen abgebrüht. Skandale stumpfen ab. Solchen Schwestern traut man mittlerweile alles zu. So what?

 

[1] http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/katholische-kirche-in-massengrab-in-irland-sollen-800-babys-liegen-a-972285.html

KuK – Kirche und Kastration

Posted in Geschichte, heimkinder, Kinderrechte, Kirche, Menschenrechte, Psychologie, Theologie by dierkschaefer on 13. April 2012

Spät berichtet heute die FAZ über die Zwangskastrationen an holländischen Jungen in katholischen Krankenhäusern, dafür aber recht umfassend.

Es geht um Zwangskastrationen von männlichen Jugendlichen, um (mindestens) ein Erziehungsheim, das als Bordell für Jungen diente, um (mindestens) ein Opfer, das kastriert wurde, weil er „als perverser Homosexueller die Patres verführt“ habe. Es geht auch um mysteriöse Todesfälle und ungewöhnliche Schwerhörigkeit der Justiz samt ungewöhnlicher Nachlaßvernichtung durch die niederländische Polizei. Das alles in der heutigen Print-Ausgabe der FAZ auf Seite 31 unter der Überschrift „Dass sie mich wieder zu packen kriegen“.

Wer die Heimkinderdebatte in Deutschland verfolgt hat, ist abgebrüht und wundert sich über solche Berichte nicht mehr. In den abgeschotteten Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe hatte das Personal alle Freiheiten – und die Kinder keinerlei Rechte; und sie können bis heute keine Rechte einklagen, weil sie am Runden Tisch nach allen Regeln der Kunst betrogen wurden – und die Medien diesen Skandal nicht aufgreifen.

Was die FAZ, kirchennah wie sie ist, nicht aufgreift, ist ein grundlegendes Problem der Kirchen, heute noch speziell der katholischen Kirche: Die Sexuallehre.

Bis heute ist sie nicht in der Lage, ein menschengerechtes Konzept vorzulegen, das den Menschen als Lebewesen mit sexuellen Motiven akzeptiert und ihm Raum läßt für verantwortliches Verhalten auch auf diesem Gebiet. Ehe und Enthaltsamkeit werden dabei nicht mehr als solitäre Positionen haltbar sein, sondern es geht darum, den Raum zwischen diesen beiden Polen zu beschreiben. Dies nicht, weil der böse Zeitgeist, katholisch gesprochen „die Moderne“, dazu zwingt, sondern weil mittlerweile nicht mehr zu leugnen ist, welche Perversitäten die übermäßige Zähmung der Sexualität hervorgebracht hat. Einem Weihbischof wurde in einer unserer Seminarveranstaltungen von einem Studenten (in anderem Zusammenhang) vorgehalten, seine Äußerungen paßten aber nicht zur Realität. Seine Antwort: Um so schlimmer für die Realität! Was zuweilen sogar stimmt.

Von der Gottesebenbildlichkeit des Menschen ist oft die Rede, auch von der Fleischwerdung Gottes in der Person Jesu. Es war aber wohl ein Irrtum, den Vorgang seiner Zeugung auf Maria und den Heiligen Geist zu beschränken.

Man sieht an diesem Beispiel, was für fatale Auswirkungen schöne Geschichten haben können, wenn sie die Realität schamhaft verleugnen.