Dierk Schaefers Blog

Die Sieger schreiben die Geschichte.

Das stimmt immer noch. Doch nicht ganz.

»Zeitzeugen gesucht!

Für den Bayerischen Rundfunk recherchieren wir über Medikamententests an Heimkindern. Wir sind auf der Suche nach Menschen, vorzugsweise aus Bayern, die sich an Medikamenten­gaben erinnern können: Haben Sie den Verdacht, dass an Ihnen Experimente für die Pharmaindustrie? gemacht wurden? Können Sie sich erinnern, solchen Tests Ihr Einverständnis gegeben zu haben? Oder gab es Medikamentengaben, die Sie sich im Nachhinein nicht erklären können, beispielsweise weil Sie nicht krank waren und trotzdem Medikamente bekommen haben?

Für unsere Recherche würden wir auch gerne mit ehemaligen Mitarbeitern von Kinderheimen sprechen, die sich erinnern können, Medikamente zu Testzwecken verabreicht zu haben.

Wir möchten allen Spuren nachgehen, nach Möglichkeit die Verantwortlichen konfrontieren und Unrecht aufdecken.

Sie erreichen uns unter den E-Mail-Adressen Christiane.Hawranek@br.de und Simon.Plentinger@br.de«

 

Zeitzeugen, Betroffene, Opfer schreiben Geschichte von unten. Die wird meist nicht gedruckt, aber das Internet ist ein großes Archiv und jeder kann dort Spuren hinterlassen, Spuren, die lästig sind für die Gewinner. https://dierkschaefer.wordpress.com/2010/09/09/wenn-die-ohrenzeugen-der-augenzeugen-verstummt-sind-beginnt-die-geschichtsschreibung/ Wenn dann noch jemand kommt, der über diese Spuren in größerem Rahmen berichten will – und die Mittel dazu hat – wird Geschichte lebendig. Das Buch von Peter Wensierski war so ein Weckruf und brachte die Geschichte der Kinder in kirchlichen und staatlichen Heimen ins Bewußtsein der Öffentlichkeit. All die Leugnungs- und Vertuschungsversuche der Täternach­folger liefen ins Leere, auch ihre Drohungen. Doch außer Öffentlichkeit ist nicht viel gewesen, denn am Runden Tisch unter der „Moderation“ von Antje Vollmer konnten Staat und Kirche in Tätergemeinschaft das für sie Schlimmste verhindern: Eine Entschädigung der ehemaligen Heimkinder. https://dierkschaefer.wordpress.com/2011/01/31/der-runde-tisch-heimkinder-und-der-erfolg-der-politikerin-dr-antje-vollmer/

Aber das Vertuschen hat aufgehört. Die Täter stehen im Rampenlicht – und sie machen durch die Bank eine schlechte Figur.

Im Aufruf des Bayrischen Rundfunks geht es um Kinder als Versuchskaninchen. Schon am Runden Tisch war die Rede von Medikamentengaben, die nichts mit einer Krankheit der Kinder zu tun hatten. Doch wie beim Thema Zwangsarbeit war Frau Vollmer auch dafür taub. Sie schützte die Täter. Nachdem nun Sylvia Wagner mit ihrer Arbeit dieses dunkle Kapitel publiziert hat, http://duepublico.uni-duisburg-essen.de/servlets/DerivateServlet/Derivate-42079/04_Wagner_Heime.pdf liegen auch diese Verbrechen offen zutage. Ich habe hier im Blog bereits im Februar 2016 darüber berichtet. https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/02/03/demenz-die-medikamente-dafuer-wurden-an-heimkindern-getestet/ , im September folgte https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/09/19/kinder-als-versuchskaninchen/ . Der Forschungsbericht von Sylvia Wagner wurde im Juni publiziert.

Am Freitag voriger Woche haben wir Helmut Jacob das letzte Geleit gegeben. Es war ihm sehr wichtig, dass die Verbrechen an den Heimkindern nicht in Vergessenheit geraten.

Ich bitte darum die Leser meines Blogs, den Aufruf des Bayrischen Rundfunks zu verbreiten und alle von den Medikamentenversuchen Betroffenen, von ihren Erfahrungen zu berichten, auch wenn nicht mehr dabei herauskommt, als das alles herauskommt.

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Ein Krimi und die Schüsse an der Startbahn West

„Tod im Internat“ – der Film im ZDF läßt Erinnerungen lebendig werden. Einige der älteren Beteiligten waren in die Demonstrationen gegen die Startbahn West am Frankfurter Flughafen verwickelt und die damalige Tatwaffe, die Dienstpistole (Marke Sig-Sauer, Modell P 6, Nummer M 402293) des Frankfurter Kriminalhauptmeisters Manfred Bauer ist Tatwaffe im aktuellen Mordfall.

Der Film greift also weit zurück. Die Polizeibeamten Klaus Eichhöfer und Thorsten Schwalm wurden am 2. November bei ihrem Einsatz an der Startbahn West von Andreas Eichler erschossen. Ich hatte nicht gedacht, dass ich an diesen Vorfall noch einmal erinnert würde.

Damals war ich Polizeipfarrer und die Polizei bat uns zwei Polizeiseelsorger um einen Trauer­gottesdienst in Tübingen. Ich schlug die Tübinger Stiftskirche vor. Der Kirchen­gemein­derat erkundigte sich nach dem Charakter des geplanten Gottesdienstes. Er solle keine Demon­stration sein, sagte ich, sondern die kirchliche Form der Begleitung der Trauer einer durch die Morde aufgewühlten Berufsgruppe. Die Stiftskirche war dann am 10. November „gesteckt voll“, wie man im Schwäbischen sagt. Mein Kollege Werner Knubben und ich hatten ausgemacht, dass ich die Predigt halten werde.

Die habe ich nun, nachdem ich den ersten Teil des Films gesehen hatte, wieder gelesen. Dazu habe ich per Google mir die damalige Situation vor Augen geführt und festgestellt, dass die heutige Lage schlimmer ist als damals. Unsere Gesellschaft ist inzwischen noch stärker gespalten und tödliche Angriffe haben ein völlig anderes Ausmaß erreicht. Doch ansonsten: Meine Predigt ist nicht nur ein Zeitdokument, sondern leider immer noch aktuell.

Predigt – Trauergottesdienst_2

 

Der Film „Tod im Internat“

https://www.zdf.de/filme/tod-im-internat/tod-im-internat-1-100.html

 

Links zum Thema Schüsse an der Startbahn West

https://de.wikipedia.org/wiki/T%C3%B6tungsdelikte_an_der_Startbahn_West

http://www.faz.net/aktuell/rhein-main/polizistenmord-an-der-startbahn-west-blutiges-ende-eines-verlorenen-kampfs-11946906.html

http://www.zeit.de/1987/46/zum-jahrestag-ein-doppelmord/komplettansicht

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13494525.html

http://www.taz.de/!1375224/

Zur heutigen Lage: Ein Riß geht durch Deutschland – Erst jetzt?

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/09/25/ein-riss-geht-durch-deutschland-erst-jetzt/

Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung – Nachtrag

Zwei Steine am Rande der Erinnerung[1]

Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung, so steht es auf dem einen Stein. Er steht vor der neuen Ulmer Synagoge und führt um den Davids-Stern herum gruppiert die Namen all der jüdischen Holocaust-Opfer aus Ulm auf[2].

Das Geheimnis der Versöhnung heißt Erinnerung, steht auf dem anderen Stein. An diesem Mahnmal haben am vergangenen Sonntag auf dem Gelände des Wittekindshofes bei Bad Oeynhausen nach einem Gedenkgottesdienst der Vorstandssprecher und Gemeindemitglieder einen Kranz niedergelegt.[3]

Der Gedenkstein vor der Synagoge verweist eindeutig auf die Holocaust-Opfer. Der Wittekind-Gedenkstein stellt den Spruch, soweit auf dem Photo ersichtlich, in keinen konkreten Zusammenhang. Die Schleife auf dem Kranz nennt ganz allgemein die „Opfer von Gewalt und Terror.“

Beide Spruchversionen werden auf eine „jüdische Weisheit“ zurückgeführt. Welche Version stimmt und welche Rückschlüsse lassen sich führen?

„Das Exil wird länger und länger des Vergessens wegen, aber vom Erinnern kommt die Erlösung“(Sefer Ba’al Schem Tov, II, 190 § 8)[4]. Der Satz des Ba’al Schem Tov ist etwa in Yad Vashem, der Jerusalemer Gedenkstätte für die Opfer der Shoah, zu finden. Desgleichen traf Anita Eckstaedt die Entscheidung, ihrem „Nationalsozialismus der ‘zweiten Generation’“ (1989) die – wie sie formuliert – „Jüdische Weisheit“ (S.9) voranzustellen: ‘Das Vergessenwollen verlängert das Exil, und das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung’.

Es geht also um die Erlösung des jüdischen Volkes aus Verfolgung und Exil. Erinnern ist für die jüdische Tradition etwas Grundlegendes, das soll hier aber nicht weiter ausgeführt werden.

Und die Versöhnung?

Für diese Version des Spruches gibt es viele Belegstellen. Ich nenne nur die Weihnachtsan­sprache des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker.[5]

Warum sind die Unterschiede wichtig?

Kurt Grünberg schreibt: »Die Sache mit dem Zitat hat allerdings einen nicht unbedeutenden ‘Haken’: Das genannte Zitat ist nämlich verfälscht! Das Wort ‘Erlösung’ im ursprünglichen Text wurde durch den Begriff ‘Versöhnung’ ersetzt. … [Es] scheint … erklärungsbedürftig, wie ein Konzept von ‘Versöhnung’ in diesen Kontext gelangen kann. Bei der Beschäftigung mit dem Genozid eines Volkes steht die Anwendung des Versöhnungs-Konzeptes für die Individualisierung eines gesellschaftlichen Massen-Phänomens. Es geht also bei dieser Begriffsverwendung um ein Abwehrphänomen. … Psychoanalytisch gesehen geht es um einen Abwehrvorgang, in dem zum Zwecke der Über-Ich-Entlastung Schuld, möglicherweise auch ein Schuldgefühl, abgewehrt wird. Bezogen auf Menschen, die erst nach dem Nationalsozialismus geboren wurden, mag es sich um ein ‘entlehntes unbewußtes Schuldgefühl’ … handeln.«

Weiter schreibt Grünberg: »Mitunter wird christlich-jüdische ‘Begegnung’ gesucht, die die durch die nationalsozialistische Judenverfolgung geschaffene Kluft zwischen Juden und Deutschen überwinden helfen soll. Spätestens jedoch, wenn die Hand zur Versöhnung gereicht oder zuweilen gar verlangt wird, spätestens dann wird auf jüdischer Seite häufig ein gewisses Unbehagen spürbar; der Gedanke kommt auf, vielleicht doch ‘im falschen Zug’ zu sitzen. Dann erkennen Juden, daß sie ‘eingebunden’ werden sollen, daß sie sich als Teil eines „Gedächtnistheaters“ (Bodemann 1996) zur Verfügung stellen sollen, um den Deutschen zu helfen, mit der „Last Deutscher zu sein“ (Giordano 1987) besser fertig zu werden. Juden erkennen, daß sie letzten Endes mißbraucht werden sollen.«[6]

Was geschah auf dem Wittekindshof? Was gab den Anlaß zur Kranzniedelegung und zum Gedenkgottesdienst?

Zum Thema Judenverfolgung ist ein Absatz auf der Home-Page der Anstalt zu finden.[7] Zwangssterilisationen wurden bejaht, der Abtransport zur Vernichtung zwar nicht verhindert, aber auch nicht unterstützt.

Angesichts der zeitlichen Distanz haben wohl allenfalls heutige Angehörige der damaligen Opfer am Gedenkgottesdienst teilnehmen können.

Die andere Opfergruppe, von denen wohl einige zugegen waren, wird auf der Home-Page nicht erwähnt, vermutlich aber in der Predigt. Es sind die ehemaligen Heimkinder, die zwar nicht sterilisiert oder ins KZ transportiert wurden. Was ihnen aber geschah und wie mit diesem Erinnern umgegangen wurde, lässt sich bei Helmut Jacob nachlesen.[8]

Für beide Opfergruppen, für Juden wie für ehemalige Heimkinder, ist die Einladung zur Versöhnung eine Zumutung, auch wenn eine Freud’sche Fehlleistung zugrunde liegt. Die ist aber umso tiefgründiger. Die Nachfolger von Tätern sprechen von Erinnerung, haben aber ihre Home-Page von Erinnerungen bereinigt, Erinnerungen, für die es noch Leidenszeugen gibt. Und nun laden die Täter-Vertreter die Opfer zur Versöhnung ein. Ja, geht’s denn noch? Versöhnung könnte allenfalls ein Angebot der Opfer sein. Doch dazu sind die wohl kaum bereit. Denn die warten immer noch auf die tätige Reue[9].

2012 hatte ich dem Anstaltsleiter geschrieben.

»Was könnte also in Ihren Möglichkeiten liegen? Ehemalige Heimkinder haben einen Horror davor, wieder „ins Heim“ zu müssen. Das wäre ein Ansatz. Sie könnten – nicht für alle ehemaligen Heimkinder – aber für die ehemaligen „Wittekinder“ eine Pflegeassistenz organisieren und finanzieren, die ihnen eine Heimeinwei­sung erspart oder wenigstens weit hinausschiebt. Das ist zwar unökonomisch, sollte aber ange­sichts der Vergangenheit vertretbar sein. Vertretbar sollte auch sein, daß Ihre Einrichtung dabei ansonsten in den Hintergrund tritt, weil Vertrauen bei den Opfern wohl kaum noch bewirkt werden kann, aber vielleicht doch im Nebenergebnis die Anerkennung des Strebens nach Wahrhaftigkeit und tätiger Verantwortungsübernahme. Der barmherzige Samariter übergab den unter die Räuber Gefallenen einem Wirt, bezahlte ihn und versprach, etwaige Mehrkosten zu übernehmen (Lk. 10, 25 – 37). Die Vertreter der „Amtskirche“ waren einfach vorbeigegangen – und auf deren Verhalten zielt das Gleichnis. Im unserem Fall waren Kinder unter die Räuber in Gestalt von kirchlichen und staatlichen Erziehern gefallen – und wir sind, trotz aller Verjährung, die Rechtsnachfolger. Was spricht also dagegen, einen „Wirt“ außerhalb der kirchlichen Einrichtungen mit der Pflege zu beauftragen und zu bezahlen (und zu kontrollieren!)? Wir, die Kirche, hätten damit immerhin nachträglich gezeigt, daß gute Werke aus der uns von Gott geschenkten Gnade erwachsen.«[10]

Doch diese Vorschläge blieben ohne Antwort.

 

Nachtrag / 19. Oktober 2017, Ein Mail an den Leiter des Wittekindshof

Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Starnitzke,

vielen Dank für die Übersendung Ihrer Predigt. Ich habe zur Kenntnis genommen, dass die ehemaligen Heimkinder vom Wittekindshof dort vorgekommen, also nicht ganz vergessen sind. Das will ich der Korrektheit halber meinem Artikel im Blog hinzufügen, indem ich dieses Mail dort einstelle.

Es betrifft nicht nur die Kirchen, sondern schlechthin die Stellung von Opfern in unserem Rechtssystem. Ritualhaftes Gedenken gibt es, aber tätige Reue eher nicht. Die Zahlungen an die ehemaligen Heimkinder sollen erklärtermaßen keine Entschädigung sein (also kein Rechtsanspruch); die ehemaligen Heimkinder aus Behinderteneinrichtungen wurden zusätzlich noch schlechter gestellt – und lange hingehalten.

Ich habe zwar Verständnis für Ihre Position als Leiter einer Sozialeinrichtung, die „am Markt“ bleiben muss. Doch damit stellt sich die Frage nach der „Zusatzleistung“ einer christlichen Einrichtung. Sollten es tatsächlich nur Rituale sein?

Ihre Erwähnung der ehemaligen Heimkinder in Ihrer Predigt im Gedenkgottesdienst entspricht leider der Einschätzung, die Helmut Jacob damals angesichts Ihres Grußwortes zur Publikation Verbrechen unterm Kronenkreuz – Buchdokument des Grauens im „Wittekindshof“ abgegeben hat. https://www.amazon.de/gp/aw/cr/rR14IRR5OXWWI01 .

Herr Jacob ist übrigens vor zwei Tagen gestorben https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/10/18/helmut-jacob-ist-tot-ein-nachruf/ Ihm lag sehr daran, dass die Vergangenheit der kirchlichen (wie auch staatlichen) Einrichtungen für schutzbedürftige Kinder in Erinnerung bleibt. Von „Versöhnung“ sprach er nie, nur von seiner abgrundtiefen Enttäuschung über den Umgang der Nachfolgeeinrichtungen mit den damaligen Verbrechen und den Verbrechern. Diese Enttäuschung teile ich.

Mit freundlichem Gruß

Dierk Schäfer, Freibadweg 35, 73087 Bad Boll, Tel: 0 71 64 / 1 20 55

Fußnoten

[1] Stolpersteine sind auch diese, wenn sie auch nicht an der verdienstvollen Stolpersteinaktion des Künstlers Gunter Demnig, https://de.wikipedia.org/wiki/Stolpersteine teilhaben.

[2] https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/8235958298/in/photostream/

[3] Den Unterschied in der Widmung habe ich durch Fettdruck hervorgehoben. Den Wittekind-Stein kann ich aus ©-Gründen nicht abbilden. Hier aber der Link zum Photo und zum Pressebericht: http://www.nw.de/lokal/kreis_minden_luebbecke/bad_oeynhausen/bad_oeynhausen/21925448_Gedenkgottesdienst-fuer-Opfer-von-Gewalt.html

[4] So »die die vielzitierte Aussage des Ba’al Schem Tov, des Begründers des Chassidismus (Sefer Ba’al Schem Tov, II, 190 § 8; zitiert nach Grözinger, a.a.O., S. 32). Hier zitiert nach http://www.hagalil.com/2011/02/versoehnung/

[5] Weihnachtsansprache 1984 http://www.bundespraesident.de/SharedDocs/Reden/DE/Richard-von-Weizsaecker/Reden/1984/12/19841224_Rede.html

[6] Versöhnung über Auschwitz? http://www.hagalil.com/2011/02/versoehnung/

[7] 1933 bis 1945 – Machtergreifung und Tod

In der Zeit des Nationalsozialismus steht der Wittekindshof unter großem Druck. Bereits Ende 1933 wird der Vorstand von Mitgliedern der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) dominiert. In der Mit­arbeiterschaft gewinnt die nationalsozialistische Deutsche Arbeitsfront (DAF) an Einfluss. Durch Satzungs­ände­rungen versuchen die Behörden den christlichen Charakter der Einrichtung aufzuheben.

Ab 1934 werden mit Billigung des Vorstandes Zwangssterilisationen im Krankenhaus Bethanien vorgenommen. Die Tötung von Menschen mit Behinderung hingegen wird strikt abgelehnt. 1940 treffen Meldebögen des Reichs­innenministeriums ein, mit denen die Heimbewohner in Heil- und Pflegeanstalten zu erfassen sind. Im Wittekindshof werden sie ausgefüllt, aber nicht abgeschickt. Auf staatliche Anordnung werden im gleichen Jahr sechs jüdische Bewohner verlegt und kurze Zeit später ermordet.

Im Juni 1941 unternimmt eine Ärztekommission aus Berlin eine „erbbiologische Bestandsaufnahme“. Im Witte­kindshof leben 1.330 Menschen mit Behinderung. 958 davon werden im Herbst in staatliche „Provinzial­anstal­ten“ verlegt. Dem nationalsozialistischen Euthanasieprogramm fallen etwa 400 Bewohnerinnen und Bewohner des Wittekindshofes zum Opfer.

In der Folgezeit richtet die Wehrmacht auf dem Gründungsgelände ein großes Lazarett ein. https://www.wittekindshof.de/unternehmen/geschichte/

[8] https://www.amazon.de/gp/aw/cr/rR14IRR5OXWWI01 Dazu auch mein Blog-Beitrag vor wenigen Tagen: https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/09/24/das-geheimnis-der-versoehnung-heisst/

[9] Jedenfalls eine, die über das Angebot der „Stiftung Anerkennung und Hilfe“ hinausgeht. Denn dort werden die Heimkinder mit Behinderung erneut diskriminiert durch zweitklassige Leistungen.

[10] https://dierkschaefer.wordpress.com/2012/05/09/fortsetzung-meines-teils-der-korrespondenz/

Was tut ein weißer Hase im Internet?

„Es hatte bestimmt alles seine Ordnung“, schreibt Günter Scheidler. Doch das stimmt nicht. Nichts war in Ordnung. Seine Mutter hatte ihn nach seiner Geburt in die Obhut des Staates übergeben, unfähig und unwillig sich seiner anzunehmen. Sein Vater wusste nichts von seiner Geburt und so verbrachte er das erste halbe Jahr seines Lebens an dem Ort, an dem er das Licht der Welt erblickte. Später, im Kinderheim, wenn jedes Wochenende viele Kinder Besuch von Ihren Eltern bekamen, blieb er stets allein und niemand sagte ihm warum. Einmal, zu Weihnachten, bekam er einen Freund. Einen Hasen. Einen kleinen weißen Plüschhasen.Weißer Hase

„Ich war plötzlich nicht mehr allein, dort am Ende der Welt, und wenn mich schon niemand dort besuchen kam, so hatte ich nun endlich jemanden, der mir immer zuhörte.“

Doch im März 1965 kam ein dunkler VW Käfer. „Es war kein Platz im Auto für meinen einzigen Freund, den kleinen weißen Hasen. Als wir an der großen schweren Eingangstür vorbeifuhren, drehte ich mich kurz um und sagte leise: „Keine Angst weißer Hase, ich bin bald wieder da“. Ich wusste nicht, dass ich mein Versprechen nicht halten werde. Das Auto brachte mich auf direktem Weg in die Hölle.“

Wer mit Heimkinderschicksalen vertraut ist, kann kaum noch erschüttert werden. Doch jedesmal läuft es mir eiskalt über den Rücken, wenn ich von eiskalt-sadistischen Erziehern lese und hätte gern ihr Psychogramm. Warum tickt ein Mensch so wie Schwester Elisabeth?

Auf dem Gelände der Anstalt, gab es ein Kriegerdenkmal mit vielen Namen von gefallenen Soldaten. „Es sah aus wie ein Friedhof, für uns war es ein Friedhof. Schwester Elisabeth wusste das. Beim letzten Spaziergang nahm sie mich zur Seite, zeigte auf den großen Stein und sagte zu mir „Und da kommst Du auch hin“. „Im Bewusstsein, dass man zu jeder Zeit willkürliche Bestrafungen erfuhr und dass das Leben eines Kindes hier keinen großen Wert zu haben schien, versuchte ich nicht aufzufallen und heil durch den Tag zu kommen.“

Heimwechsel: In der Kinderpsychiatrie musste ich mich nur vor den Schwestern, Pflegern und Ärzten fürchten. Hier musste ich jeden fürchten. „Du bist also der aus dem Irrenhaus“ sagte sie schließlich. Ich stand wie angewurzelt und wagte es nicht zu antworten. Sie drehte sich zu den sitzenden Kindern und sagte laut: ,Kinder, das ist der neue, von dem ich Euch erzählt habe. Er ist nicht ganz richtig im Kopf und kommt direkt aus dem Irrenhaus. Er wird nicht mit Euch zur Schule gehen, dafür ist er zu dumm, ihm werden hier auch keine Extra­würste gebraten. Schlimm dass so etwas bei uns aufgenommen wird, aber wir werden ihm schon zeigen wie wir hier mit solchen Kindern umgehen.’ Ein Raunen ging durch den Raum. Dann drehte sie sich zu mir und sagte genauso laut: ,Ich bin Schwester Therese. Mit Dir werde ich schon fertig. Jetzt geh und setz´ Dich in die letzte Reihe, wage es ja nicht albern zu sein.’“ Schwester Therese war schlimmer als Schwester Elisabeth. „Wie ein Pfarrer bei der Segnung legte Schwester Therese eine Hand, manchmal auch beide auf den Kopf des oder der Badenden, sprach ein schnelles ,Herr vergib ihm/ihr’ und tauchte dann mit aller Kraft den Kopf des Kindes unter Wasser. Manchmal einmal, manchmal mehrmals.“

Wie schon gesagt: Ich hätte gern ein Psychogramm.

Die ganze Geschichte von Günter Scheidler kann man nun online lesen.

http://guenter-scheidler.de/wp-content/uploads/2017/09/Weisser-Hase-Scheidler-van-Haaken.pdf

Und der weiße Hase? Verwandelt! Er taucht in anderer Farbe, aber weiterhin als wichtiger Freund eines Kindes, wieder auf im Buch von Marie-Aude Murail, Simpel. Eine Rezension dazu unter https://dierkschaefer.wordpress.com/2010/03/21/im-herzen-der-finsternis/ . Es ist die zweite der unter diesem Link zu findenden Rezensionen.

Ein Riß geht durch Deutschland – Erst jetzt?

Posted in BRD, Politik by dierkschaefer on 25. September 2017

Die Funktionseliten unseres Landes haben im Rausch der wirtschaftlichen Erfolge die Kollateralschäden übersehen, die der korrumpelhafte Erhalt und Ausbau ihrer Macht bewirkt hat. Sie sonnten sich im Lichte und sahen die im Dunkel nicht. Wer Einblick in prekäre Verhältnisse hat, wer trotz aller Großbauprojekte die marode Infrastruktur dieses Landes sieht, wundert sich nicht über die Quittung, die leider nicht nur die Funktionseliten, sondern wir alle mit dieser Wahl bekommen haben. Das Ressentiment der Modernisierungsverlierer hat den Wahlkampf bestimmt und die AfD in Sachsen an die Spitze getragen. Ohnehin: Es begann mit dem Anschluss des Ostens an die wirtschaftlichen Interessen der westdeutschen Konzerne, zuvor der Versicherungen. Es folgte der Auszug der leistungsbereiten jungen Generation in den Westen – zurück blieben die weniger fitten und die Alten, dafür haben wir ihnen die maroden Städte denkmalsgeschützt restauriert – doch wer will schon Statist im Freilichtmuseum sein? Überlagert wurde die innerdeutsche Entwicklung durch die Globalisierung. Das Prekariat der Welt produzierte billiger als das unsere. Wer nicht einmal Hungerlohnarbeit fand machte sich auf den Weg, denn unser Wohlstand überstrahlte die Gefahren. Damit war der Verteilungskampf um Geld und Aufmerksamkeit eröffnet. „Die kriegen alles in den Arsch geschoben!“ Das wurde angeheizt durch Sprüche von Besserverdienenden: „Hättste was ordentliches gelernt, bräuchteste keine drei Minijobs.“ Wer so abgefertigt wird, geht entweder gar nicht zur Wahl oder wählt Protest – meist rechts. Vorher hat er schon gesehen, wie Banken gerettet wurden – aber er nicht, gesehen, wie die Autoindustrie als kriminelle Vereinigung den Staat vorgeführt hat. Nur die Autoindustrie? Sofern er sich überhaupt noch politisch informiert, hat er auch gesehen, dass die Parteien Transparenz fürchten, wie der Teufel das Weihwasser.

Nicht nur die Infrastruktur dieses Landes ist marode, sondern auch seine politische und seine Sozialstruktur. Hoffentlich sind die verdientermaßen gebeutelten Funktionseliten jetzt lernfähig und fügen die auseinanderstrebenden Schichten wieder zusammen. Sonst siegt das Ressentiment. Es äußert sich beängstigent.

Das Magazin der Stuttgarter Staatstheater gibt in seiner Herbstausgabe einen Blick in den Abgrund frei: mordgesindel

Die Öffis sind uns teuer und kommen uns teurer als nötig

Posted in BRD, Gesellschaft, Medien, Staat by dierkschaefer on 27. August 2017

Die Öffentlich-rechtlichen Sender sollen eine Grundversorgung an Information sicherstellen, dies weitgehend staatsfern. Dafür brauchen sie Einnahmen. Soweit, so gut, volle Zustimmung. Am besten ginge das über eine Rundfunksteuer. Diese Einnahmen sollten vom Staat garantiert werden ohne Einflussnahme auf das Programm. Damit das nicht hinterrücks geschieht, sollte der Steueranteil für die Unterhaltung der Sender dynamisiert werden. Wenn das nicht aussreicht, z.B. wegen erhöhten Bedarfs zur Beschaffung und Ausstrahlung der Informationen, wird ein politisch-unabhängiges Gremium über die Angemessenheit befinden müssen, Richter beispielsweise. Die „Öffis“ sollten uns teuer sein.

Aber brauchen wir zwei davon? Zwei, die sich beide spreizen und aufhübschen mit Sonderkanälen? Zwei, die beide meinen, sie müssten auch zur Massenunterhaltung beitragen, die übrigens bei den Öffis zunehmend weniger Zuspruch findet?

Klar, die können nicht den ganzen Tag Nachrichten senden, über die politischen Hintergründe informieren und Kommentare dazu absetzen. Das würde nur Info-Freaks interessieren und damit den Auftrag auf Grundversorgung an Information aushöhlen. Doch eine Mischung, wie sie der Deutschlandfunk hinbekommt, wäre doch eine Möglichkeit. Der berichtet sogar über Sport – was mich nicht interessiert, und bringt Kultur, die andere nicht interessiert. Es gibt ja den Ausschaltknopf – oder die „Privaten“, die von der Quote leben. Die können das ganz gut und brauchen dafür keine zwangsfinanzierte öffentlich-rechtliche Konkurrenz, die den Wettbewerb verzerrt. Die Öffis sollten so gut finanziert werden, dass sie auf Werbeeinnahmen nicht angewiesen sind und uns folglich damit auch nicht behelligen.

Die Wettbewerbsverzerrung ist durch die Aufbläung der Öffis bei den Zeitungen angekommen. Jürgen Kaube geht in der FAZ darauf ein und schreibt ganz richtig:

»Niemand in den Zeitungen schätzt gering, was das Deutschlandradio und andere Sender leisten. Oder Arte, 3sat, ARD-alpha. Aber das Gros des zwangsfinanziert Ausgestrahlten hat nichts mit der Demokratie, einem Bildungsauftrag oder auch nur dem Anregen von Gedanken zu tun, die anders als durch immer höhere Pflichtabgaben nicht zu haben wären.«[1]

Ob die Zeitungen allerdings gut davonkämen, wenn die Öffis sich auf ihren Grundauftrag konzentrieren würden, darf bezweifelt werden. Ich nutze die Öffis fast ausschließlich im Autoradio. Wenn ich viel unterwegs war, bin ich am nächsten Tag mit meiner Zeitung sehr schnell fertig und kann dann auch den dortigen Anzeigen kaum Aufmerksamkeit widmen.

[1] http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/von-staatsrundfunk-und-zwangsgebuehr-kommentar-zum-rundfunkbeitrag-15168540.html, Hervorhebung von mir.

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« Kap. 41 f

moabitDieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit,

           die keine Kindheit war

 

Einundvierzigstes Kapitel

Mir fehlt die Ader zum rachsüchtigen Menschen.

Fantasie besaßen sie ja, was das Aussuchen eines Observierungspunktes betraf. Weil sich nun aber keine Häuserreihe auf der gegenüberliegenden Straßenseite befand, weil dort ein Park ange­legt war, hatte man sich das Eisstadion zunutze gemacht. Das befand sich schräg gegenüber der Wohnung. Das Dach des Eisstadions bestand aus Zeltplane. Und da sich die Wohnung des zu Observierenden in der ersten Etage befand, konnte man mit einem guten Nachtsichtgerät genau ins Wohn- und Schlafzimmerfenster der beiden hineinschauen. Vielleicht sparten die Bullen sogar Geld dabei? Brauchten sie sich doch keine Pornofilme ausleihen.

Auch das Auto von unserem „Dummfick“ hatte man ständig im Blickfeld, welches vor dem Haus geparkt wurde. Auf diese Weise wurde die Polizei Zeuge, wie noch spät in der Nacht vom „Dummfick“ und Paule ein größeres Bündel aus dem Haus zum Auto geschleppt wurde. Nachdem die beiden das Bündel im Kofferraum verstaut hatten, fuhren sie los. So gut der Beobach­tungs­standort auch gewählt war, hatte man eines nicht bedacht. Die Hindernisse, die man zu überwinden hatte, um zum eigenen Auto zu kommen, um eine eventuelle Verfolgung aufzunehmen, dazu war ihr Standort völlig ungeeignet. Längst war der nichtsahnende Paule aus deren Sichtweite entschwunden, als das SEK[1] dort ankam wo es, bzw. sie, losgefahren waren.

Nachdem Paule und „Dummfick“ sich beraten hatten, wohin mit der Leiche, um die Leiche von Wolfgang handelte es sich schließlich, wurde der erste Gedanke wieder verworfen. Der erste Gedanke war gewesen, Wolfgang auf dem Friedhof in ein frisches Grab dazuzulegen. Der zweite Plan war dann doch vielversprechender. In der Nähe von Osnabrück hatte Paule einige Jahre seines Lebens bei einem Onkel auf dem Lande verbracht. Dort kannte er sich aus. Weitab vom Straßenrand, wo kein Hund so schnell hinkam und eventuell eine Spur aufnehmen konnte, grub man ein gut zwei Meter tiefes Loch im Acker. Die letzte Ehre, die man Wolfgang erwies, war die Tatsache, dass man ihm anlässlich des ersten Adventssonntags eine große rote Schleife um den Teppich, worin er eingepackt war, band. So weit, so gut! In den nächsten hundert Jahren hätte man Wolfgangs Überreste wahrscheinlich nicht gefunden.

Wie Reni zum Beinamen „Dummfick“ kam.

Wären da nicht die impernenten[2] Bullen gewesen, die unbedingt wissen wollten, was da so mitten in der Nacht aus dem Haus geschleppt worden war. Selbstverständlich bereiteten sie sich gründ­lich vor, bevor sie am nächsten Tag an der Wohnungstüre von „Dummfick“ klingelten. Sie hatten im Vorfeld recherchiert, dass die Adelige noch nie etwas mit der Polizei zu tun hatte. Solch unbe­darfte Bürger konnte man viel leichter überrumpeln als einen gewieften Verbrecher wie Wolfgang. Doch der war nun schon tot und Reni allein zu Haus. In dem Moment, wo Reni den Bullen die Türe öffnete, hatte sie sich von mir den Beinamen „Dummfick“ [3] verdient. Die Überrum­pelungs­taktik der Bullen bei unbescholtenen Menschen besteht darin, sobald die Türe geöffnet wird, einen Fuß dazwischen zu stellen, damit man ihnen nicht wieder die Türe vor der Nase zuknal­len kann, sobald sie sich mit ihren Polizeimarke ausgewiesen haben. Knallhart sagte man ihr auf den Kopf zu, dass sie nicht leugnen könne, in der vergangenen Nacht mit einem Mann zusammen Waffen aus der Wohnung getragen zu haben, um sie woanders zu verstecken. „Wie? Waffen? Wir haben die Leiche von Wolfgang Dietrich aus der Wohnung entfernt!“ So hübsch wie die echte Blondine war, so gut sie im Bett war, wie Wolfgang geprahlt hatte, zu einem Zeitpunkt, als er das alles noch lebend genießen konnte, so blöd war sie auch. Deshalb auch, warum ich sie fortan nur noch „Dummfick“ nannte. Bereitwillig zeigte Dummfick dann auch den Ort, wo sie Wolfgang verbuddelt hatten. Dass die Bullen sie deshalb gleich mit an den Arsch kriegen würden, hatte sie gar nicht bedacht. Wie auch? Sie war ja von Natur aus blond! Vielleicht spielte auch ein wenig der Inzucht­adel eine kleine Rolle dabei. Irgendwo muss ja ein Grund dafür vorhanden sein, dass sich soviel Dummheit in einem Kopf vereinigte. Ihren IQ, der mal gerade knapp über Zimmertemperatur lag, bewies sie dann ja gleich nochmal der Polizei gegenüber. Bei der Durchsuchung der Wohnung fiel den Beamten auf, dass ungewöhnlich viel hi-tec, und nicht gerade von der billigsten Sorte, vorhanden war. Dummfick wurde gefragt, wer denn das teure Zeug angeschafft hätte. „Na, Wolf­gang!“ – „Wie, Wolfgang? der bezieht doch nur Arbeitslosengeld. Davon hat er das alles ange­schafft?“ – „Wieso Arbeitslosengeld? Mir hat er gesagt, er sei Bankräuber von Beruf“, ant­wortete die wahrheitsliebende Komtess. Hätte das Weib gewusst, dass ich dem Wolfgang die teu­ren Geräte für ’nen Appel und Ei besorgt hatte, hätte sie mich bestimmt auch noch in die Pfanne gehauen und ich hätte eine weitere Anklage wegen Hehlerei am Hals gehabt. Jetzt, knapp 16 Jahre später, frage ich mich noch immer, da die Bullen kein Geld gefunden haben, wo denn das Geld aus dem Bankraub abgeblieben war. Während der einen Woche, wo er noch zu leben hatte, konnte er die Summe doch nicht schon verbraten haben! Soviel Interna mir Paule später in der gemeinsamen Knastzeit auch verriet, auf diesbezügliche Fragen ging er nicht ein.

Die Staatsanwaltschaft schaffte es bei weitem nicht, innerhalb eines halben Jahres eine Anklage­schrift zu verfassen. Dummficks Rechtsanwalt stellte deshalb einen Antrag auf Haftentlassung. Das Gesetz schreibt es jedenfalls so vor. Die Anklageschrift muss vor Ablauf von sechs Monaten stehen, ansonsten muss der Angeklagte aus der U-Haft entlassen werden. Paule gab mir auf dem Hof die Begründung zu lesen, mit der man diesen Antrag auf Haftentlassung im Falle von „R von K“[4] ablehnte. Besagte Person stand unter dem dringenden Tatverdacht, Beihilfe zum Mord gelei­stet zu haben. Im Falle, dass man „R von K“ bis zur Verhandlung auf freien Fuß setze, stehe zu befürchten, dass sie sich weiterhin in Unterweltskreisen bewegen würde. Diese Vermutung sei dadurch bestätigt, dass sie laut eigener Aussage zunächst mit dem Berufsverbrecher Wolfgang Dietrich, dann mit dem gefährlich eingestuften Bruno Reckert eine Liaison eingegangen sei, zu dessen weiteren Bekanntenkreis auch der Mitangeklagte Paul M … und andere Unterweltgrößen gehörten. Einige dieser Sätze sind bei mir haften geblieben. Das übrige übliche Bla Bla, mit vielen Paragraphen gespickt, habe ich vergessen.

Der Polizei reichten die dürftigen Angaben.

Eigentlich hätte ich ja das Kapitel, was diese Tussi betraf abhaken können. Wäre ihr Name nicht Monate später wieder aufgetaucht. Nämlich in meiner Anklageschrift betreffs des Bankraubes in Eisenhüttenstadt. Dass es überhaupt zu der Anklageschrift kam, dabei hatte eben Dummfick einen kleinen Anteil. Natürlich hatte man sie bei den Vernehmungen ausgepresst wie eine Zitrone. Sie musste ja so einiges über die Aktivitäten von Wolfgang und Bruno Reckert wissen. Was sie wusste plauderte sie natürlich auch aus. In der Hoffnung ihren eigenen Arsch dadurch zu retten. So gab sie auch an, dass Wolfgang mit anderen, aber ohne Bruno Reckert, mit dem hätte sie sich ja an diesem Tage verlobt, in die Ex DDR gefahren sei, um seinem Beruf als Bankräuber nachzugehen. Auch dass Wolfgang dabei sehr erfolgreich gewesen sein müsse, da er eine große Summe Geld vorzeigen konnte. In dem Knastbetrieb, wo ich arbeitete, zeigte mir ein Mitgefangener einen Artikel im Stern. Die Überschrift lautete: „Die Spur des Bruno Reckert führt bis in die neuen Länder“. Na und? Was ging mich das noch an? Ich hatte doch mit dem kein Ding zusammen gedreht. Mir kam gar kein Gedanke, dass in Wirklichkeit Harry, Wolfgang und ich damit gemeint sein könnten. Wie bei den Medien so üblich wurde hier etwas aus dem Zusammenhang gerissen. Hätte die Presse allerdings korrekt berichtet, dass Bruno lediglich eine seiner Waffen, nämlich besagter Magnum Revolver, an uns verliehen hatte, wären bei mir sämtliche Alarmglocken angeschlagen.

Der Bankraub an sich war höchstwahrscheinlich bei den zuständigen Stellen schon längst in der Ablage gelandet. Doch als die Polizei in dem Mordfall zu ermitteln begann, den Hinweis von Dummfick erhielt, verfolgte man natürlich auch diese Spur. Einen bewaffneten Raubüberfall auf­geklärt zu haben, machte sich immer gut in der Personalakte und war einer Beförderung sehr dienlich. Die gelegte Spur von dem Weib war brandheiß. Konnte man diese doch auf einen bestimmten Tag einkreisen. Der Polizei reichten die dürftigen Angaben der Blondine, um letzt­endlich auch auf Harry und mich zu kommen. Endlich konnten die Bullen ihr weniges Hirn benut­zen, um Zusammenhänge zu konstruieren. Noch einmal Bingo für die Polizei.

Seit sieben Monaten schon hatte ich mich wieder an den Knastalltag gewöhnt. An einem Junitag ging ich nach der Arbeit sofort zu der Beamtenloge und meldete ein ausgehendes Telefon­ge­spräch an. Als ich dann endlich an der Reihe war, mein fünfminütiges Gespräch führen zu dürfen, bekam ich auch gleich Helga an der Strippe. Obwohl ich eindeutig ihre Stimme erkannte, dachte ich zuerst, eine verkehrte Nummer eingetippt zu haben. Ich konnte nicht verstehen, was Helga da sagte. „Entschuldigen SIE bitte, ich werde IHNEN gleich antworten, ich muss nur noch meinen Besuch rauslassen!“ Einwandfrei, das war Helga am anderen Ende der Leitung. Aber was redete sie da für einen Mist. Von wegen SIE und Ihnen? Im Hintergrund ein paar Männerstimmen, dann das Schließen der Türe. Helga ließ hörbar Luft ab, als sie sagte: „So jetzt können wir reden!“ – „Was ist denn da los?“- „Stell dir vor, das war gerade die Polizei, die hier war. Deshalb konnte ich nicht anders sprechen. Die haben mich gefragt, ob du eine Schwester in Eisenhüttenstadt wohnen hast und haben auch dein Auto auf der Straße fotografiert!“ Jetzt ging bei mir endlich ein Licht auf. So hell wie Osram: Der kürzlich erschienene Sternbericht………..!

Mit sich überschlagenden Gedanken im Kopf war ich aus dem Weg zurück zu meiner Zelle. Da rief auch schon ein Bekannter aus dem Rotlichtviertel zu mir hoch; „He, Dieter, hast du schon gehört? Harry haben sie verhaftet!“ Kein noch so gut gesichertes Gefängnis kann verhindern, dass der Nachrichtendienst bestens funktioniert. Jetzt war es nur noch eine Frage der Zeit, bis sie auch zu mir kommen würden. Eine ziemlich unruhige Nacht hatte ich verbracht, trotzdem ging ich am nächsten Morgen zur Arbeit. Schon bald kam einer der Werkmeister an meinen Arbeitsplatz und sagte, ich solle mich bei der Oberaufsicht melden, ich hätte Besuch. Natürlich konnte ich mir denken, wer mich da besuchen wollte. „Nö, keine Lust!“ sagte ich dem Beamten. „Ich habe weder einen Besuchstermin, noch hat sich mein Anwalt angemeldet!“. Minuten später kommt der Beamte zurück. „Schulz, du musst hochgehen, dein Anwalt ist außerplanmäßig gekommen!“. Ich kannte ja bereits die Methoden hier in der Anstalt. Bei einer erneuten Weigerung würde das Rollkommando eintreffen und mich gefesselt nach oben schleppen. Bei der Oberaufsicht angekommen sagte man mir, dass ich zu Zimmer 4 gehen solle. Es gab eine ganze Reihe solcher Zimmer. Dort traf man sich mit seinem Anwalt zu einem Gespräch oder aber auch mit der Kripo, falls diese noch etwas wissen wollten.

Unser mickriger Bankraub

Zimmer Nummer 4 stand weit offen. Darin saßen gleich drei männliche Typen und weiter hinten in der Ecke, saß eine Frau hinter einer Schreibmaschine. An der Kleidung erkannte ich sofort, dass zwei der Kerle aus dem Osten kommen mussten. Der offensichtliche Westbulle stand doch tatsäch­lich auf und wollte mich mit Handschlag begrüßen. Die ausgestreckte Hand übersah ich geflissent­lich, sagte statt Guten Tag, „Oh, ich muss mich im Zimmer geirrt haben. Ich wollte zu meinem Anwalt!“- „Nein, nein, Sie sind hier schon richtig! Sie sind doch Herr Dieter Schulz?“

Ich hatte natürlich sofort die Taktik des „guten“ Bullen durchschaut. Äußerlich kehrte ich den Coo­len heraus, so tuend als würde ich so gar nicht wissen, worum es hier eigentlich ging. Ich will hier nicht das ganze Gespräch wiedergeben. Nur soviel: ich weigerte mich auf die Vorwürfe bezüg­lich Eisenhüttenstadt auch nur irgendetwas auszusagen. Somit hatte die extra dafür mitge­brachte Schreibkraft am Fenster nicht all zuviel zu schreiben. Aber dieses ausgekochte Biest hatte es faust­dick hinter den Ohren. Im Polizeidienst mit allen Wassern gewaschen legte sie mich doch rein. Wie das? Selbst ich, der ja bereits viele gemeine Tricks unseres Justizwesens kannte, fiel auf ein kleines Wörtchen herein. Ich übersah einfach ein kleines Wort von gerade mal vier Buchstaben, welches die Tippse eingefügt hatte. Im Originaltext sollte es heißen: Zu den mir am heutigen Tage gemachten Vorwürfen möchte ich keine Aussagen machen. Das wollte und konnte ich unter­schreiben. Diese hinterlistige Ziege hatte ein bedeutungsvolles Wort dazwischen gepackt, woran sich später bei der Verhandlung der Richter immer wieder festbiss. Zwischen den Worten möchte ich keine Aussagen machen, hatte sie listigerweise das Wort NOCH keine Aussagen machen, gehängt. Für das Gericht kam dieses kleine Wort NOCH einem Geständnis gleich.

Mir fehlt die Ader zum rachsüchtigen Menschen.

Mein Fehler; warum vertraute ich auch blind der blinden Justitia. Die Beweislage gegen mich und Harry war sehr dünn, was ja auch bei der langen Prozessdauer zum Tragen kam. Die meisten Mord­fälle werden viel schneller abgehandelt und verurteilt. Unser mickriger Bankraub, wo noch nicht mal eine einzige Person zu Schaden gekommen war, zog sich über fünf Monate und 25 Prozesstage hin. Zunächst einmal verlegte man mich ganz schnell in eine weit entfernte JVA. Täter­trennung nennt man so was. Wegen der dürftigen Beweislage musste man unbedingt vermeiden, dass Harry sich mit mir die Aussagen absprechen konnte. Innerhalb derselben Anstalt hätte es immer eine Möglichkeit dazu gegeben, selbst wenn man in ganz anderen Häusern untergebracht war.

Bei dem letzten Besuch in Hannover konnte ich Helga noch, mit der Genehmi­gung der Anstalts­leitung selbstverständlich, vier Blankoschecks übergeben. Ich wollte nicht, dass die Bullen mein Konto plünderten in der Annahme, dass mein Guthaben aus dem Bankraub stammte. Ebensogut hätte ich aber das Konto so belassen kön­nen. Denn Helga, von der ich geglaubt hatte, dass ich auf ihre Treue zu mir Häuser bauen könne, ließ mich schon bald wissen, dass sie sich nicht mehr als meine Ver­lobte betrachte. Nur sehr wenige Sachen aus meinem Privatbesitz durfte ein Freund von mir später noch aus dem Keller holen. Das war der Dank dafür, dass ich sie vor Gericht aus allem herausgehalten hatte. Selbst nachdem sie sich brieflich von mir losgesagt hatte, hätte ich immer noch alles bei der Polizei beichten können. Anhand von Fotos z.B. wäre img 13780 b.jpgsie überführt worden, zumindest an meinem England- als auch Amster­damreisen beteiligt[5] gewesen zu sein. Ebenso: ihre Mitwisserschaft vom Bankraub hätte ihr ein paar Jährchen gesiebte Luft eingebracht. Doch mir fehlt die Ader zum rachsüchtigen Menschen.[6]

 

 

Zweiundvierzigstes Kapitel

Neustart mit 61 Jahren

So wurden wir, Harry und ich, zu 9 bzw. 7 Jahren zum Studium von Knast und Gitterkunde verur­teilt. Ein reiner Indizienprozess, waren doch extra 2 x 2 Beamte der Kripo und zwei unterschied­liche Aussagen von Beamten der JVA Hannover geladen worden. Nach dem ersten Mal musste die Kripo zurück nach Hannover, um sich eine Aussagegenehmigung zu holen, beim zweiten Mal drucksten sie auch nur herum. Erst als ich meinem Anwalt ins Ohr flüsterte, eine ganz bestimmte Frage zu stellen, verriet sich der gerade im Zeugenstand Sitzende halbwegs. Den Rest konnte ich mir selbst zusammenreimen, was meinen schon längst gehegten Verdacht aufs trefflichste bestä­tigte. Nach der Frage, wer denn der Tippgeber [gewesen sei], der der Kripo den Hinweis auf [mich] abgegeben hatte, wurde erklärt, dass man dem Aussagenden Vertraulichkeit zugesagt hatte. Meine Frage über den Anwalt wurde dahingehend gestellt, welchem Ressort die beiden denn in Hannover zugehörten. „Falschgeld“,—- erschrocken innehaltend verbesserte er sich ganz schnell: „Banden­diebstähle, besonders Autodiebstahl“ stotterte er.

„Geldfälscher der Polizei ins Netz gegangen.“

Mir war alles klar! Bekam ich doch wenige Tage nach meiner Inhaftierung am 6.12.90 die ver­klau­sulierte Nachricht, [dass] die Produktion der Blüten abgeschlossen sei. Besonders meine Kochkünste wurden hervorgehoben, die ihm nun abgehen würden. Damit konnte er nur meinen, dass ihm finanziell die Luft ausgeht. Ein paar Tage später schon große Schlagzeilen in den Medien: „Geldfälscher der Polizei ins Netz gegangen.“ Kaufmann hieß der Dandy; mit ihm und seiner Schwester hatte ich das Ganze aufgezogen. Doch als ich wegen der Haschischgeschichte hops-genommen wurde, gingen den beiden meine Geldzuschüsse verloren, wovon sie ausschließ­lich gelebt hatten. Hatten sie sich doch außerhalb von Hannover einen Bauernhof gepachtet, damit die Schwester ihrem Hobby, Pferde, nachgehen konnte. Schon im Vorgefühl des zu erwar­ten­den Geldsegens hatten sie sich diesen Luxus geleistet. Die laufenden Kosten konnten sie nicht mehr bedienen. So machte sich denn Kaufmann auf dilettantische Weise daran, das Falschgeld zu waschen. Von Hannover über Hamburg, Bremen schlug er einen Bogen über NRW bis ins süd­deutsche Gebiet. Ausgerechnet in der Hochburg der deutschen Beamten wurde er auch prompt auf frischer Tat erwischt. Seine Masche war immer die gleiche. Er tauchte immer schon kurz nach Öffnung diverser Kaufhäuser dort als Kunde auf. Bis er in Karlsruhe auftauchte, waren einige Tage vergangen und diverse Scheinchen bei der Bundesbank aufgefallen. Großalarm! Hatte man doch im Vorfeld damit geprahlt, das neue Geld sei fälschungssicher.[7] Woher die Blüten kamen, konnte man ganz gut zurückverfolgen. So wurden sämtliche Kaufhäuser der BRD gewarnt. Kaufmann, der immer vorgab, ein Kaufmann zu sein, war ein ganz simpler Schlosser. Sein Einkommen reichte allerdings nie, sich das teure Hobby, Strichjungs, zu finanzieren. So hatte er sich schon sehr früh das Image eines Geschäftsmannes zugelegt. Diese Rolle spielte er nur zu gerne. Deshalb auch seine Auftritte mit Privatklamotten einschließlich Krawatte, und ständig wichtigtuerisch. Selbst im Knast einen dicken Akten­ordner unterm Arm. So hatte ich ihn kennen gelernt. Aber erst nach der Haftentlassung wegen der Münzgeschichte traf ich ihn draußen und ließ mich von seinem Auftre­ten blenden und einwickeln. Der Mann hatte sich in den vielen Haftjahren, die er schon hinter sich hatte, ein gewisses Pseudowissen angeeignet. Immer die gleiche Masche in den Kaufhäusern: Er kaufte sich teure Rasierwässerchen in der einen Abteilung, ebenso teure Unterwäsche in einer anderen. Weiter ging es in die Krawattenabteilung; das gleiche Spiel. Er fühlte sich sehr sicher. [Nun] hatte die Bundesbank ihre Warnungen herausgegeben und sämtliche Angestellten [waren] gleich am frühen Morgen diesbezüglich gebrieft worden. [So] ergab es sich, dass ein ziemlich gelangweilter Kaufhausdetektiv an diesem Morgen in Karlsruhe nichts anderes zu tun hatte, als den einzigen Kunden in der Abteilung zu beobachten. Er folgte Kaufmann auch zur nächsten Kasse. Erst beim dritten Einkauf klingelten beim Beobachter die Alarmglocken. Jedes Mal zahlte Detlev an der Kasse mit einem 200er. Während er den Zahlschein aus der rechten Innentasche hervorholte, [ließ er] das Wechselgeld in die linke Tasche verschwinden. Wem wäre das nicht eigenartig vorgekommen? Daraufhin bat der Detektiv Herrn Kaufmann ihm ins Büro zu folgen.

Schnell war die Polizei vor Ort. Man fand noch reichlich Zweihunderter in seinen Taschen nebst einem Schließfachschlüssel, wo sich weitere Tausende fanden. Zum xten Male wegen Betrugs vor Gericht hatte er sich sicherlich SV[8] verdient, was ihm ja bereits angedroht worden war. Um sich bessere Karten zu verschaffen, ließ [er] mich lieber über die Klinge springen, um vor Gericht einen für ihn günstigen Deal herauszuschlagen. Was ja auch geklappt hat.

Bewährungswiderruf wegen der 5-Pence Geschichte und Haschisch-Deal brachten mir im End­effekt 11 Jahre und 8 Monate Gesamtstrafe ein. Wobei ein Monat enthalten war wegen Missach­tung des Gerichts. Meine einzige Aussage vor Gericht selbst waren die Worte: „Ich weiß ja, dass sie mir nicht glauben; für den Glauben ist jemand ganz anderes zuständig: Gott !“ Erst nach zwei Jahren stand meine endgültige Strafe fest. Nachdem alle Rechtswege ausgeschöpft waren, stellte ich einen [Antrag auf] Strafzusammenzug[9]. Erst wurde der Antrag verworfen. Doch nach einer Beschwerde darüber wurde dem stattgegeben. Doch dafür war es nötig, dass ich persönlich noch mal in Frankfurt/Oder vor Gericht erschien. Ich hatte dem Gericht angeboten, einige Ungereimt­heiten des Indizienprozesses aufzuklären. Was die federführende Staatsanwältin Frau K. aus Eisen­hütten­stadt veranlasste, sofort persönlich nach Frankfurt zu kommen. Ich legte ein umfas­sendes Geständ­nis ab. Ich hatte ja nichts mehr zu verlieren. Was sie besonders interessierte war, wie wir trotz umfangreicher Sperren einschließlich der [durch die] Wasserschutzpolizei entkommen konnten und ob bei dem Überfall echte Waffen oder Attrappen im Spiel waren. Ich hatte ja selbst bei unserem Halt in dem Wald beim Geldzählen die Waffen zu Gesicht bekommen.

Es waren eine Magnum 457[10] magnum web-photo horizontalnebst einer 8mm-Pistole, geliehen von Bruno Reckert. Dem konnte ich nicht mehr weh tun; kurz bevor er aus Hamburg nach Cottbus zur Aussage eingeflogen werden konnte, verstarb dieser urplötzlich, sportlich auf der Höhe und gerade mal so erst um die 40.[11] Soweit hörte sie aufmerksam zu und machte fleißig Notizen. So gar nicht daran interessiert war sie über die Tatsache der tatsäch­lich in unsere Hände gefallenen Raubsumme. Zumindest habe ich mir durch die nachträgliche Aufklärung inform eines Geständnisses 1 Jahr und 8 Monate erspart.

Wieder zurück in die JVA Celle bezog ich wieder mein altes Wohnklo von 8,7 qm. Wegen Platz­man­gel wurden diverse Pensumarbeiten in der Zelle verrichtet. Ich hatte zusätzlich eine Nähma­schine, womit ich mein mageres Taschengeld verdiente. Kaffee und Tabak nebst einiger Zusatzkost konnten wir monatlich einkaufen. Ein Teil des Verdienstes ging zur Rücklage für die Zeit nach der Entlassung. All die Jahre im Knast gearbeitet, doch nur ein Arbeitslosengeld wurde später bewilligt, wofür ich meine Beiträge abgezogen bekam. Doch die ganzen Jahre gingen von meiner Renten­anwartschaft ab[12].

„Prominenz“ im Celler Knast

Was habe ich da in Celle für „Prominenz“ kennengelernt, von der RAF über die IRA und jede Menge Kindesmörder, Mörder im allgemeinen, schließlich saß kein Gefangener in Celle ein, der weniger als 8 Jahre abzusitzen hatte: Winter, an denen der Atem an den Wänden gefror, Hitze­som­mer wie in einer Sauna, keine Ventilatoren mehr im Celler Handel zu erhalten.

Im Rahmen der Weihnachtsamnestie kam ich schon am 21 Dezember [2002] auf freien Fuß. Ich kam zunächst einmal bei meiner Brieffreundin unter. Ich sehnte mich regelrecht nach Arbeit, und ich fand auch welche. In einem Szenelokal arbeitete ich als Koch, schwarz natürlich. Mein Sohn hatte sich wegen seinem schlechten Gewissen, all die Jahre nicht bei mir gemeldet, keine Weih­nachts­karte, geschweige denn zum Geburtstag. Hatte er doch mit Harry, der sich noch auf freiem Fuß befand, meinen „Drogenbunker“ (Wert: 75.000 DM) leergeräumt. Dieter, kein kleiner Dum­mer, spürte seinen Sohn wieder auf. Ich hatte mir im Januar ein paar Mal den Arsch abgefroren, konnte ihm eine schriftliche Nachricht zukommen lassen. In etwa, dass Blut dicker als Wasser sei, und: scheiß auf das verlorene Geld! Ich hätte für alles Verständnis und sei auch nicht mehr böse. Ich möchte nur meinen Sohn wiederhaben. Meine Telefonnummer als Unterschrift.

Vielfacher Opa!

Wenige Tage später erreichte ihn meine Nachricht. Ich machte gerade ein Mittagsschläfchen, als meine Brieffreundin mir das Telefon brachte. Mein Hals schnürte sich zu, meine Tränendrüsen waren auch beteiligt. Wann und wo wir uns sehen könnten, fragte mein Sohn. Ich konnte halb­wegs stammeln; die Adresse und bei wem er klingeln solle. Überhaupt keinen Sinn mehr, den unterbro­chenen Mittagsschlaf fortzusetzen, nachdem er gesagt hatte, dass er mit seiner Freundin ohnehin ganz in der Nähe sei. Als es klingelte raste ich zum Türspion. Aus dem Fahrstuhl trat ein echt stattlicher Mann, im Schlepptau, in seiner Begleitung eine zierliche, nett anzusehende weib­liche Person. Und noch jemand kam aus dem Fahrstuhl, ein kleiner Junge von ca. 5 Jahren, mein Enkel! Davon hatte ich deren zwei und dazu noch eine Enkelin, wie ich gleich darauf erfuhr. Mein Sohn war sogar schon verheiratet gewesen. Die Enkel allerdings hatten drei verschiedene Mütter. Dieser Schlawiner. Mein Sohn war hoffnungslos verschuldet. Bald suchte ich eine eigene Woh­nung, groß genug, wo mein Sohn samt Freundin mit einzog. [13]

Witz komm raus, du bist umzingelt

Bald schon wieder war ich meinen Job los, weil der Wirt glaubte, ich hätte zuviel Interesse an sei­ner Frau gezeigt. Seiner Statur gemäß wurde mein Sohn gerne bei einer Security-Firma ange­stellt. Durch seine Fürsprache wurde auch ich in der Firma angenommen. Witz komm raus, du bist umzin­gelt. U.a. wurde ich bei der Eishockey-Europameisterschaft in Hannover [eingesetzt], ausge­tragen auf dem Expogelände[14]. Wenig später schon wurde die CeBIT[15] eröffnet. Was heute wohl kaum noch möglich ist: ich als vorbestrafter Bankräuber wurde dazu eingeteilt (ua. weil ich mit einem schönen schwarzen Anzug bekleidet war), den Tisch zu bewachen, an dem später nach der Eröffnungsrede unser Bundeskanzler Schröder mit einer russischen Delegation Platz nahm. Erst als ich den Job gekündigt hatte, schickte man mir diverse Papiere zu, wo ich erklären sollte, nicht vorbestraft zu sein………ha..ha.

Mein Kündigungsgrund allerdings war: Während der Eröffnungsfeierlichkeiten wurde in meinem Bereich reichlich Hektik verbreitet. Im Hintergrund wurde ein riesiges Büffet aufgebaut, in unmittel­barer Nähe von mir mühte man sich ab, Tische und Stehtische für den kommenden Ansturm vorzu­bereiten. Die Menge an Personal war gar nicht so leicht zu rekrutieren. Man hatte alles genom­men, z.B. Schüler und Studenten; mein Kellnerprofiherz begann zu bluten, was ich da an Dilettan­tismus mir ansehen musste. Ein schwarzgekleideter Herr im Frack und einem gepflegten Schnäuzer versuchte etwas Ordnung da reinzubringen. Da er ein Namensschild an seinem Frack trug, fragte ich ihn geradeheraus, ob er, da ja die CeBIT mit vielen Restaurants bestückt war, ob man noch Fachleute benötige. Ich brauchte nur das Hotel zu benennen, in dem ich gelernt hatte, da schaute er auf seine Uhr, bedauerte, dass es schon zu spät sei, gab mir eine Telefonnummer, wo ich unbe­dingt am nächsten Morgen anrufen sollte. Schon bei der Personalchefin avisiert sollte ich mich sofort auf den Weg machen, wurde ich beschieden. Ich war wieder voll in meinem Ele­ment und der Verdienst war auch nicht schlecht. Nicht nur während der Messe war ich gefragt, im Laufe des Jahres gab es auf dem Expogelände reichlich Events und Betriebsfeiern. Ich meldete mich ganz brav für die Tage, wo ich einen Job hatte, beim Arbeitsamt ab, nahm noch einen zweiten Aushilfsjob als Kellner an und der Aufstieg begann mit sage und schreibe 61!!

§§§

Hier endet die in sich geschlossene und von ihm vorgelegte Darstellung des Lebenslaufs von Dieter Schulz. „Der Aufstieg begann mit sage und schreibe 61!!“, schreibt er.

Doch wie ging es weiter?

Sein Kontakt zu mir begann am 30. März 2005 mit einem Mail, da war Schulz 64 Jahre alt: „Guten Tag Herr Schaefer, wie das Leben einem so mitspielt, dachte ich erst gestern, als ich im ZDF den bewußten Bericht über Kriegskinder sah.“

Ich hatte an der Evangelischen Akademie Bad Boll zu der Zeit insgesamt drei „Kriegskinder­tagungen“ organisiert. Er hatte im Netz nach Schicksalsparallelen gesucht und war dabei auf mich gestoßen. Ich ging auf ihn ein und erfuhr von seinem Manuskript. Der Mailwechsel hatte mich neugierig gemacht und ich hatte gemerkt, dass Dieter Schulz Gesprächspartner suchte. Er war, wie er schrieb, in einer „Depri-Phase“. Zwei Dinge halfen ihm, da rauszu­kommen. Der Kontakt mit mir und die Aussicht, sein Leben in einem Buch, vielleicht gar in einem Film darzustellen, und dann seine „Wahlfamilie“ in Königsberg. Dort wollte er sein Leben beschließen. Dazu mehr im Anhang.

Am 12. August 2005 lernten wir uns aus Anlass eines Gesprächs mit den Dokumentarfilmern Dr. Krieg und seiner Frau Monika Nolte in Köln persönlich kennen. Ich hatte ihm am 9. August gemailt: „Dr. Krieg übernimmt Ihre Fahrtkosten. Ich stehe ab 14:12 h am Aufgang zu Gleis 10 und halte eine blaue Kriegskinder-Dokumentation, die Sie ja kennen, in der Hand. Dann fahren wir gemeinsam mit der S-Bahn nach Deutz. Ich melde uns für spätestens 15:15 bei Dr. Krieg an, dann haben wir noch ein bißchen Luft, uns vorher persönlich kennenzu­lernen.“

Er war zu dieser Zeit „voll-fit“; wir sprachen lange miteinander und er erzählte von seinem Leben nach der Niederschrift seiner 111-Seiten-Autobiographie. Wir bekamen einen Einblick in das Milieu von Unterschichtkriminalität und staunten. Das wollten wir natürlich als Fort­set­zung der bisherigen Biographie für ein Buch- und Filmprojekt haben. Schulz sagte zu und lieferte bis hin zu dem hier mit Kapitel 42 abgeschlossenen Teil. Das Filmprojekt mit Dr. Krieg lief an, eine Fahrt mit Dieter Schulz nach Königsberg mit Einsatz der Handkamera und Recherchen nach im Text genannten Personen. Alles sehr erfolgreich. Doch Dr. Krieg konnte keine Geldgeber für den geplanten Doku-Film auftreiben und ich keinen Verlag für das Buch.

Das 42. Kapitel konnte Herr Schulz nur unter Mühen schreiben, denn er hatte zu diesem Zeitpunkt zwei Schlag­anfälle hinter sich, war seit 2007 auf einen Rollator angewiesen und konnte nur einhändig tip­pen. Er mailte es mir am 24.8.2011. Der Gesundheitszustand (bei klarem Kopf) erklärt die durchgängige Kleinschreibung in seinem Mail und wohl auch die sonstigen Ausfallserschei­nungen schon zum Zeitpunkt der Abfassung seines Mails. Es machte ziemlich viel Mühe, dieses Mail werkgetreu zu überarbeiten. Inzwischen sitzt Dieter Schulz nach mindestens dem dritten Schlaganfall im Rollstuhl und in Telefongesprächen habe ich oft Schwierigkeiten, ihn zu verstehen. Dann blieb das Projekt trotz mancher Versuche einen Verlag zu finden erst einmal liegen; schließlich kam ich auf die Idee, es kapitelweise hier im Blog zu veröffentlichen. Dieter Schulz stimmte zu – und meine Arbeit begann im Juli 2016. Sie ist noch nicht abgeschlossen.

Wie soll es weitergehen?

Geplant ist eine PDF-Gesamtfassung mit Vor- und Nachwort sowie einem Materialanhang hier im Blog; wenn’s klappt bis Ende des Jahres. PDF deshalb, weil die typographischen Möglichkeiten in meinem Blog nicht zufriedenstellend sind. Vielleicht wird es auch ein echtes eBook oder ein Buch in einer krimino­lo­gischen Reihe geben. Toll wäre es, wenn sich jemand aus dem Bereich Sozialpsychologie­/Psy­chologie/Kriminologie finden ließe, der am Beispiel von Dieter Schulz eine Masterarbeit zu Fragen krimineller Karrieren verfasst. Das wäre zwar das sprichwörtliche weite Feld, das aber abzugrenzen wäre. Auch der Mailverkehr mit Dieter Schulz ist eine wahre Fundgrube wie auch einiges aus seinem Besitz, mir von ihm zur Verfügung gestellt.

cover mit umriss

 

 

Das „Cover“ aber steht schon und wird bei Veröffentlichung der Gesamtausgabe hier im Blog wieder auftauchen.

 

 

 

 

 

 

Mir hat der Lebenslauf von Dieter Schulz die Augen geöffnet für meine oft unverdienten Chancen im eige­nen Leben und ich habe Respekt gewonnen für seine Lebens­leistung, auch wenn sie über weite Strecken hinweg eine kriminelle war.

Dierk Schäfer

Fußnoten

[1] Dieter Schulz benutzt SEK (Spezialeinsatzkommando) https://de.wikipedia.org/wiki/Spezialeinsatzkommando stets in maskuliner Form. Das hat mich gestört. Ich war 15 Jahre Polizeipfarrer und habe mit SEK und MEK https://de.wikipedia.org/wiki/Mobiles_Einsatzkommando gearbeitet. Ich hab’s verbessert.

[2] Natürlich die „impertinenten“ Bullen. https://de.wikipedia.org/wiki/Impertinenz Ich hab’s nicht verbessert, weil Schulzes Umgang mit Fremdwörtern zuweilen an die sympathische Figur des „Bräsig“ aus Fritz Reuters Ut mine Stromtid erinnert.

[3] Dieter Schulz benutzt in grimmiger Überzeugung für Reni, Freifrau, Renate von … die Bezeichnung „Dummfick“. Immerhin hat schließlich ihre unbedachte Äußerung gegenüber der Polizei zur Aufklärung des Bankraubs und seiner Verurteilung geführt, auch wenn er mit der Mordsache nichts zu tun hatte. „Ich nenne sie nur noch Dummfick“, sagte er mit viel Affekt in der Stimme bei unserem Gespräch in Köln. Im Folgenden werde ich die Anführungszeichen bei Dummfick weggelassen.

[4] Die Initialen mit Adelstitel.

[5] Helga auf der steilen Treppe des Amsterdamer Drogenlieferanten. Photo aus dem Besitz von Dieter Schulz.

[6] Dazu mehr im Anhang der Gesamtausgabe

[7] „Der neue Schein ist zwar computerlesbar und automatensicher, aber in puncto Kopierer ist er schlechter als der alte.“ Hier wird auch der Komplize Wolf-Detlev Kaufmann erwähnt: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13488254.html

[8] Sicherheitsverwahrung

[9] § 55, Nachträgliche Bildung der Gesamtstrafe https://dejure.org/gesetze/StGB/55.html

[10] http://smith-wessonforum.com/s-w-hand-ejectors-1896-1961/132608-big-magnum-bigger-magnum.html

[11] Im Telefongespräch zweifelte Dieter Schulz einen natürlichen Tod an und meinte: Der wurde gestorben.

[12] Noch heute werden Strafgefangene für ihre Arbeit im Gefängnis um ihre Rentenansprüche betrogen.

[13] Mail vom 5. Oktober 2007: Das Neueste ist: ich bin mit meinem Sohn in ein Haus in Wunstorf eingezogen. Einer meiner größten Fehler des Lebens! Ich bin schon wieder auf der Suche nach einer Bleibe. Das haut heutzutage einfach nicht hin, drei Generationen unter einem Dach.

[14] https://de.wikipedia.org/wiki/Expo_2000

[15] https://de.wikipedia.org/wiki/CeBIT

Inhaltsverzeichnis _Inhaltsverzeichnis

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« Kap. 39 f

logo-moabit-kDieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

       Eine Kindheit,

       die keine Kindheit war

Neununddreißigstes Kapitel

Banküberfall erfolgreich abgeschlossen – wohin mit dem Geld?

Dieser gehirnbenebelte Idiot war drauf und dran unsere Aktion vorzeitig zu beenden. Wollte er doch auf den Polizeiwagen ballern, der sich auf der in Gegenrichtung befindlichen Fahrbahn mitten in einem Stau befand. Es ist doch ganz natürlich, dass man in einer Stadt mal einem Poli­zeiwagen begegnet. Wäre unser Auto schon zur Fahndung ausgeschrieben, hätte man irgendwo Straßensperren errichtet,  unmittelbar nach dem Raub die Ausfallstraßen aus Eisenhüttenstadt heraus. Ich zweifelte ja gar nicht daran, dass er mit seinem Ballermann mit einem gezielten Schuss den Motor des Polizeiautos außer Gefecht setzen könne. Nur würde das dann wirklich eine Jagd auf uns auslösen. Mit diesen Argumenten konnte ich ihn dann doch noch wieder beruhigen. Wolfgangs Hektik musste ich dann noch ein zweites Mal unterbinden. Kurz vor dem ehemaligen Grenzübergang Marienborn/Helmstedt hörten wir das typische Geräusch, welches Polizeiautos so an sich haben, wenn sie schnell zu einem Einsatzort müssen. Wieder hatte Wolfgang seinen Schieß­prügel zur Hand das Seitenfenster heruntergedreht. Ob er denn meine, die Polizei sei so doof, sich mit Martinshorn anzumelden, wenn sie drei bewaff­nete Bankräuber im Begriff sei fest­zunehmen? Wahrscheinlich, wovon wir dann auch schnell überzeugt wurden, wären die zu einem Autobahnunfall unterwegs. Kein Wunder, dass Wolfgang überall Gespenster sah. Wann war er schon mal mit einem Auto unterwegs gewesen? Zumindest in den letzten 20 Jahren. Wieder gelang es mir Wolfgang zu beruhigen.

Sie habe sich neu verlobt.

Sehr bald steckten wir in einem Stau. Wir erreichten gerade noch so eben die Autobahnraststätte Marienborn, ergatterten einen der letzten noch freien Parkplätze. Den so erzwungenen Aufenthalt nahmen wir dann auch gleich für eine Nahrungsaufnahme, die erste seit dem Frühstück. Wolf­gang, inzwischen ganz euphorisch, nutzte die Fahrtpause dazu, seine adelige Freundin in Han­nover anzurufen. Er kündigte an, recht bald wieder zuhause zu sein. Sie solle, falls Gäste in der Woh­nung wären, diese wegschicken. Sie beide hätten allen Grund eine kleine Privatfeier zu starten. Wie ich erst viel später erfuhr, hatte Reni gar nicht daran gedacht ihre Gäste weg zu schicken. Im Gegenteil. Sie konfrontierte ihren Verlobten mit der Aussage, dass sie sich neu verlobt hätte. Und zwar mit seinem ehemaligen Knastbruder Bruno Reckert. Sie erinnern sich? Das war der meistge­suchte Verbrecher von Deutschland zu der Zeit, weil er sich mit einer Waffe aus der JVA Lingen selbst entlassen hatte. Wolfgang nahm diese Kündigung gelassen hin. Voller Stolz zeigte er den Anwesenden seine Beute und meinte, dass er ein paar Tage brauche, um sich selbst eine Woh­nung zu suchen. Diese authentischen Insider-Informationen erhielt ich später in der JVA Celle von einem der an diesem Abend Anwesenden. Paule traf ich dort wieder, weil er 15 Jahre sitzen musste und im Anschluss an die 15 Jahre noch einmal LL[1]. Die 15 Jahre Höchststrafe für die Überfälle, die er gemeinsam mit Bruno Reckert begangen hatte. LL gibt es nur für Mord! Aber darauf komme ich noch zurück.

Am 20ten November 1990, einem Freitag, waren wir 13 Stunden nach dem Banküberfall wieder in Hannover. Für den kommenden Sonntag hatten wir ausgemacht, dass ich ihm[2] 200 Gramm Haschisch vorbeibringen würde. Für seinen jüngeren Bruder, der bei der Bundeswehr diente. Schon bei diesem Besuch merkte ich, dass zwischen Wolfgang und Reni nicht alles so war, wie bei mei­nen früheren Besuchen. Ich sprach ihn deswegen an, als wir eine Weile alleine im Wohnzimmer saßen. Wolfgang meinte nur, dass er mich die Tage anrufen würde. Er wollte sich dann mit mir treffen und alles erklären. Es kam aber zu keinem weiteren Treffen.

An jenem Freitagabend setzte ich Harry in seinem geliebten Rotlichtviertel ab. Er überredete mich, doch wenigstens einmal auf unseren gelungenen Coup anzustoßen. In einer von ihm bevorzugten Bar bestellte er zwei Bier für uns und fragte natürlich die anwesenden Animierdamen und den Wirt selbst, ob sie mit ihm was mittrinken würden. Natürlich ließen die sich nicht großartig bitten. Wofür waren sie schließlich Animierdamen? Harry, der von mir vornehmlich kleine Scheine von der Beute erhalten hatte, holte selbstverständlich einen von den wenigen Zweihundertern heraus und zahlte seine Zeche sofort. Alle sollten sehen, dass er wieder einmal ein Vollstecker[3] war. Dementspre­chend war er auch mit dem Trinkgeld mehr als großzügig. Ich nuckelte man gerade aus Höflichkeit an meinem Bier. Harry dagegen hatte seine Flasche mit fast einem Zug geleert. Und schon hieß es für ihn eine neue Runde. Für alle versteht sich. Ich selbst lehnte dankend ab. Ich musste ja noch Auto fahren. Ich durchschaute sein Spielchen. Wieder zahlte er aus der Tasche, wo sich die Zwei­hunderter befanden. Diese Großkotzigkeit schien man hier am Steintor von Harry schon zu kennen. Allen war klar, dass Harry wieder ein größeres Ding mit Erfolg abgezogen hatte. Ich dachte gar nicht daran, mich von den Animierdamen becircen zu lassen. Anders dagegen Harry. Der hatte schon längst eines der Mädchen auf seinem Schoß sitzen und seine Finger sonst wo. Trotz aller Überredungskünste ließ ich mich nicht darauf ein, mich weiterhin von Harry einladen zu lassen. Ich wollte ganz einfach nach Hause, zu meinem Sohn und meiner Lebensgefährtin.

Wann in meinem Leben wurde ich auch schon mal belobigt?

Helga wollte natürlich eine Erklärung von mir, warum ich so plötzlich und so lange die Wohnung verlassen hätte. Sie war auch gerade erst von ihrer Spätschicht nach Hause gekommen. Mein Ver­trauen zu Helga war derzeit noch riesengroß. Hinzu kam noch, dass auch ich endlich meiner ange­stauten Freude über das Gelingen des Raubzuges Luft verschaffen musste. Ein wenig Bewun­de­rung, was meiner Seele gut tun würde, hatte ich mir verdient. Wortlos zog ich den Reißverschluss meiner Erste-Hilfe-Tasche auf und schüttete die Geldbündel zwischen uns auf die Couch. Solch einen Geldsegen hatte meine hochverschuldete Helga noch nie auf einem Haufen gesehen. Ihre schönen großen Augen, in die ich mich eigentlich verliebt hatte, wurden noch viel größer. An dem Tag, als ich von ihrem miesen Kontostand erfuhr, hatte ich ihr versprochen, dass wir zusam­men das wieder auf die Reihe kriegen würden. Mit diesem Einreden [?] konnte ich mein Verspre­chen einlösen. Zunächst einmal konnte sie gar nicht glauben, was sie da sah. Sie wollte dafür eine Erklä­rung haben. Die gab ich ihr auch, ohne etwas an der Wahrheit zu beschönigen. Ihre bewun­dernden Blicke gingen mir wie Honig herunter. Wann in meinem Leben wurde ich auch schon mal belobigt?

Am nächsten Tag schon ließ ich mich auch bei meinem Geschäftspartner im Büro blicken und konnte ihm grünes Licht für unser Vorhaben geben. Das heißt, ich konnte ihm verkünden, dass die weitere Finanzierung gesichert sei. Im Glauben daran, dass ein Geschäftspartner, mit dem ich ein viel größeres Ding abzuziehen im Begriff stand, der ja selbst ein vielfach Vorbestrafter war, den könnte ich ebenfalls einweihen, woher das Geld stammte, schenkte auch ihm reinen Wein ein. Meine Gutgläubigkeit an Menschen war eben grenzenlos. Ich unbelehrbarer Idiot lernte wohl nie aus! Ich brachte noch schnell das Haschisch unter die Leute. War ich doch nach meiner Einkaufs­reise nach Amsterdam gleich zu dem anderen Coup abberufen worden, hatte somit noch den gesamten 3-Kilo-Vorrat im Bunker. Nicht dass ich jetzt unbedingt Geld benötigt hätte. Das Warm­halten meines Großdealers in Amsterdam gehörte ganz einfach zu meinen zukünftigen Plänen in Verbindung mit den selbsthergestellten Geldscheinen. Längst hatte ich das volle Vertrauen meines Geschäftspartners in Amsterdam erworben.

Ich glaubte, ich würde fliegen.

Der Besitzer eines pikfeinen Coffee-Shops in der City von Amsterdam hatte natürlich niemals solche großen Vorräte im Haus, wie ich sie jedesmal haben wollte. Haschisch an sich war in Hol­land ganz legal zu erwerben, aber auch nur bis zu fünf Gramm pro Person. Zählte er die ersten Male noch ganz pingelig die Scheine ab, die ich ihm beim Kauf der Ware rüberreichte, so legte er später meine Geldbündel ziemlich achtlos zur Seite und bestand darauf, dass ich die Ware auch noch selbst prüfte. Ich jedoch begnügte mich damit die Qualität mit meinem Geruchssinn festzu­stellen. Einmal hatte ich aus der Wasserpfeife ein paar Züge getan. Als ich die 500 Kilometer lange Rückfahrt nach Hannover antrat glaubte ich, hinter dem Steuer meines Autos sitzend, ich würde fliegen. Ich schaffte es gerade mal bis zur Autobahn. Dann übergab ich das Steuer an Helga und legte mich auf die Rückbank zum Schlafen hin. Diese verfehlte dann auch prompt die Abzweigung in Richtung Venlo.

So wie er mir also vertraute, vertraute ich ihm, was die Qualität anging. Auf Drängen meiner Abnehmer in Hannover fuhr ich einmal an einem Sonntag nach Amsterdam. Sein Personal gab sich alle Mühe, ihren Chef aufzutreiben. Bis der dann endlich eintraf, die benötigte Ware beisam­men hatte, das Ganze schön vakuumverpackt bereit zum Transport war, vergingen Stunden. In der Zwischenzeit wurden ich und Helga hofiert wie Staatsgäste. Es wurde nicht zugelassen, dass wir in ein nahegelegenes Restaurant gingen. Der Chef persönlich besorgte uns eine Speisekarte und holte dann auch selbst das ausgesuchte Menu. In besagten Coffee-Shops wurde laut Gesetz auch kein Alkohol ausgeschenkt. Ein Bier zum Essen wurde ebenfalls aus der Nachbarschaft herbeige­schafft. Während wir uns mit Speis und Trank stärkten, drehte man wegen der übrigen Gäste die Musik auf volle Lautstärke. Die eilig herbeigeschafften Einzelteile, die für das Vakuumverpacken nötig waren, wurden im Getränkelager aufgebaut. Die laute Musik deshalb, weil der eigentliche Vorgang beim Absaugen und Verschweißen in Frischhaltefolien einen unheimlichen Krach machte. Diesem sonntäglichen Stress wollte sich mein Geschäftspartner nicht unbedingt noch einmal unter­ziehen. Deshalb gab er mir seine direkte Durchwahl-Telefonnummer. Damit konnte ich meine Bestellung schon vor Abfahrt aus Hannover durchgeben. Was den Vorteil hatte, dass alles schon säuberlich verpackt war, wenn wir dort ankamen. Längst hatte er mir das Angebot unterbreitet, doch mal eine Sammelbestellung zu machen. Bei der Abnahme von 20 Kilo und mehr würde er alles frei Haus liefern. Schon als die Sache mit der eigenen Geldherstellung Konturen annahm machte ich ihm Hoffnungen, dass ich daran arbeiten würde. Einige solvente Türken in Hannover würden mich schon länger bedrängen, für sie nicht nur Haschisch mitzubringen. Was ja auch den Tatsachen entsprach.

Ich sagte Detlev nicht, wie ich das Geld waschen wollte.

Ich gab dem Mann in Amsterdam vorsorglich schon mal einen Tipp, in welcher, wenn überhaupt, Größenordnung ich da einsteigen würde, weil ich ja das Risiko tragen würde und es sich von daher auch schon lohnen müsse. Skeptisch fragte ich ihn, ob er solch eine Menge auch bewerkstelligen könne. Er schien beleidigt zu sein. Ich bin daraufhin eine so schmale Treppe hinaufgestiegen.[4] [Die gibt es] noch nicht einmal auf einem Schiff. treppe NL 1.jpgVoller Stolz zeigte er mir sein Warenlager. Es mussten Millionenwerte sein, die er vorrätig hielt. Generös bot er mir eine Nase Koks an. Ich, keine Ahnung wie man das Zeugs anwendete, tat das, was man mir mal darüber gesagt hatte, wie man die Qualität testen könne. Ich rieb mir etwas davon aufs Zahnfleisch. „Papperlapapp! So macht man das!“. Er bereitete zwei Linien auf einem Spiegel vor und zog sich diese mit einem silbernen Röhrchen in die Nase. Beim Weglegen des Röhrchens stieß er versehentlich mit dem Ellenbogen gegen das noch fast volle Päckchen mit dem übrigen Koks. Es fiel auf den Teppichboden, verteilte sich dort. Er machte sich erst gar nicht die Mühe das Häufchen wieder in den Beutel zu kratzen. Er trat ganz einfach mit seinem Schuh drauf und verrieb es in den Teppich. Auf welche Weise ich vorhatte unser Geld zu waschen, hatte ich Detlev bisher nicht verraten. Aus welchen Gründen auch immer. Mein Plan war, auf keinen Fall mehr als 1,5 Millionen in Umlauf zu bringen. Und das möglichst gezielt an einer Stelle. Dann sollte durch drei geteilt werden und Schluss. Notfalls, so hatte ich ihm und seiner Schwester erklärt , die ja die eingetragene Geschäftsführerin war, würde ich das Kopiergerät eigenhändig zerstören. Mit jeweils einer halben Million konnte man sich sehr gut ein solides, legales Geschäft aufbauen. Können Sie sich schon denken, worauf ich abzielte?

Obwohl ich das volle Vertrauen meines Amsterdamer Geschäftspartners genoss, hatte ich mir schon längst ein Pseudonym zugelegt. Auch hatte er nie mein Auto zu Gesicht bekommen. So konnte ich ihm weismachen, dass ich aus Frankfurt käme und dort ein mehr schlecht als recht gehendes Immobilienbüro betreibe. Weshalb ich auch dieses Nebengeschäft betreibe. Im Falle, dass unser großangelegtes Geschäft zum Tragen kommen würde, hätte ich kurzfristig ein Büro in Frankfurt angemietet, ein dementsprechendes Aushängeschild angebracht und mir die Ware dorthin schicken lassen. Wie später von der Bundesbank bestätigt wurde, war unser „Geld“ wirklich gut. Es dauerte Wochen bis man dies entdeckte. Wie also sollte mein Lieferant den Betrug auf Anhieb erkennen? Er wäre damit zurück nach Holland gefahren, hätte allerfrühestens nach ein paar Tagen den Beschiss bemerkt. Wahrscheinlich wäre er sogar im Knast gelandet. Selbst wenn er so einen langen Arm gehabt hätte, mich suchen zu lassen, hätte er sich daran die Zähne ausge­bissen. Bis er oder seine beauftragten Häscher festgestellt hätten, dass es mich in Frankfurt gar nicht gab, wäre ich schon längst im „Erholungsurlaub!“

Gezielt im Knast untertauchen

Ich hatte schon lange genügend Connec­tion bei gewissen Türken aufgebaut, um zu wissen, dass es kein Problem darstellte, Marihuana, Koks und auch Heroin in dieser Größenordnung mit einem Schlag loszuwerden. Natürlich nicht zu meinem Einkaufspreis. Detlev brauchte ja nicht zu wissen, dass ich dabei mein eigenes Süppchen kochte. Mir wären dabei nämlich unter dem Strich etwa zwei Millionen übrig geblieben, während er und seine Schwester die vereinbarten Fünfhunderttau­send bekamen. Abzüglich der von mir verauslagten Unkosten, versteht sich. Sobald besagtes Geschäft abgeschlossen war, hätte ich mich, um mich vor eventuellen Verfolgern aus Holland zu schützen, beim Gericht gemeldet und darum gebeten meine laufende Bewährungsstrafe zu wider­rufen. Mit vorgeschobenen Begrün­dungen hätte man meinem Ersuchen zustimmen müssen. Ich würde meine Bewährungsstrafe resultierend aus der Münzgeschichte als Erholungsurlaub betrach­ten. Meine letzte Reise nach Amsterdam hatte ich auf zwei Krücken gehend angetreten. Schuld daran war so ein böser Rottweiler, der mir kräftig ins Bein gebissen hatte. Eine schmerzhafte aber nicht zu ändernde Tatsache. Ansonsten lief alles bestens.

Die Geschichte mit Eisenhüttenstadt, wo wir uns ein Darlehen gegen eine Sicherheit von nur 9mm[5] geholt hatten, schien längst in Vergessenheit geraten zu sein. Zumindest hatte die Polizei dort schon längst die Hoffnung aufgegeben, den Fall noch lösen zu können. Ein kleiner, beleidigter Straßendealer seines Zeichens Junkie, den ich nicht mehr für wert hielt von mir Ware zu beziehen, weil er seine Schulden bei mir nicht bezahlte, machte meine ganzen Zukunftspläne zunichte. Mit 500 Gramm Hasch im Auto fuhr ich in die City, wo ich einen Liefertermin einhalten wollte. Helga war zu ihrer Spätschicht gefahren, mein Sohn hatte sich mit seinen 15 Lenzen schon bei seiner Freundin einquartiert. Ich hatte Langeweile, fuhr deshalb schon frühzeitig in die Stadt. Wie ich so an meinen Krücken durch die Passerelle humpele, werde ich von gleich vier Zivilbullen eingekreist.

 

Vierzigstes Kapitel

Ein fast perfekter Mord, wenn Frau „Dummfick“ nicht gewesen wäre.

Mir ihre Hundemarken vor die Augen haltend verlangen sie von mir die Taschen zu leeren. Dum­mer­weise hatte ich ganz gegen meiner Gewohnheit 24 Gramm der verschiedensten Hasch­sorten in meiner Hemdtasche. Das genügte natürlich, mich gleich aufs Revier zu schleppen. Nackt ausziehen war angesagt. Jedes Teil meiner Kleidung wurde akribisch durchsucht. Dabei ließ man mich mit nackten Füßen auf den dezemberkalten Fliesen stehen. Wie „gut“ unsere Polizei geschult ist erkannte ich daran, dass sie den kleinen Zettel (vier Mal zwei Zentimeter) geflissentlich übersah. Darauf war allerdings eine holländische Vorwahlnummer und die Direktwahl meines Lieferanten vermerkt. Dadurch, dass die Schlafmützen von Polizisten diesen so wichtigen Zettel nicht weiter beachteten, konnte ich später meine Verteidigungsstrategie vor Gericht aufbauen und gleichzeitig meine persönliche kleine Rache an meinem ehemaligen Geschäftspartner auskosten, der während meiner Abwesenheit in MEINEM Büro das Schloss ausgewechselt hatte. Sie erinnern sich, dass ich erwähnte ihm zu einer Kochlehre im Gefängnis verholfen zu haben?

Ich dachte gar nicht daran, der Polizei ihre Arbeit leicht zu machen.

Den so wichtigen Zettel in meiner Brieftasche hatten die Bullen übersehen. Sie übersahen aller­dings nicht, dass sich an meinem Schlüsselbund ein Autoschlüssel befand. Sie wollten wissen, wo das Auto steht. Wusste ich doch, dass ich aus dieser Nummer nicht mehr herauskommen würde, würde man das Auto durchsuchen und die 500 Gramm darin finden. Ich versuchte sie deshalb hinters Licht zu führen, behauptete, dass meine Verlobte damit zur Arbeit gefahren sei und dies nur ein Zweitschlüssel sei. Offiziell lief der Wagen ja sowieso auf ihren Namen. Leider glaubten sie mir diese Geschichte nicht. Nach etwa einer halben Stunde kamen zwei meiner Häscher triumphierend zurück zur Wache. Meinen Aktenkoffer in der Hand, worin sich die 500 Gramm befanden. Ade, du schönes, weiches Bett zu Hause!

Ich dachte gar nicht daran, der Polizei ihre Arbeit leicht zu machen. Wenn sie mich schon für ein paar Jahre einbuchten wollten, sollten sie gefälligst auch etwas dafür tun. Zunächst bemühten sie sich, einen Drogenspürhund aufzutreiben. Selbstverständlich hatten sie vor, auch meine Wohnung nach weiteren Drogen zu durchsuchen. Weit und breit war kein solcher Hund verfügbar. Nicht einmal der Zoll vom Langenhagener Flugplatz konnte ihnen helfen. So mussten die Bullen sich auf ihre eigenen Nasen verlassen. Als erstes rissen sie die schmiedeeiserne Flurgarderobe aus der Verankerung, als wir in der Wohnung ankamen. Ein zweiter stieß die Badezimmertüre mit einem Fußtritt auf, stürmte bis ans Ende zur Toilette hin, trat auch dort kräftig gegen den Klodeckel und riss fast den Wasserkasten aus der Wand. Mit den Türen des Alibertschrankes ging er auch nicht gerade zimperlich um. Dies alles geschah aus Frust darüber, dass sie mir keine ihnen genehme Aussage hatten entlocken können. Nachdem er sich im Badezimmer ausgetobt hatte, nahm er sich die Küche vor. Dort, so wusste ich, würde er pfundig[6] werden.

Der Begriff Vandalismus bekam für mich eine ganz neue Bedeutung.

Im Regal, gleich über dem Gewürzständer lag eine Zigarilloschachtel aus Blech. Darin befanden sich ein paar Gramm. Das waren kleine Bruchstücke, die von den Haschischplatten abgesplittert waren, wenn ich die Platten auf genau 100 Gramm zurechtschnitt. Die Menge war kaum der Rede wert, nachdem man ja schon 500 Gramm im Auto gefunden hatte und fiel nicht weiter ins Gewicht. Mit einer Acht an den Händen gefesselt stieß man mich im Wohnzimmer auf die Couch und erlaubte mir sogar, mir eine Zigarette zu drehen. „Hier ist bestimmt noch mehr!“ kam der aus der Küche freudestrahlend ins Wohnzimmer. Dabei wies er auf die kleinen Bruchstücke in der Blechschachtel aus der Küche. Dann begab er sich in das Zimmer, wo mein Sohn noch bis vor kurzem sein Domizil gehabt hatte. Ein anderer filzte das Wohnzimmer, wobei er sämtliche Schubladen herausriss. Noch nicht einmal den Sittichkäfig ließ er aus. Ich dagegen beobachtete angespannt, was der im Kinderzimmer anstellte. Darin stand auch unser Staubsauger. In diesem Staubsauger hatte ich als Notgroschen 5000 Mark versteckt. Würde der Bulle das Geld finden? Was würde er mit dem Fund tun? Würde er der Versuchung widerstehen, die nicht gerade uner­hebliche Summe einzustecken? Würde er so denken wie ich? Es war ja nicht davon auszugehen, dass ich ihn fragen würde, ob er die 5000 Mark gefunden hätte. Er hätte sich also gut und gerne die etwa zwei Monatsgehälter unbemerkt einstecken können. Immerhin dauerte es fast ein halbes Jahr, bis ich Gewissheit darüber erhielt, ob das Geld im Staubsauger gefunden worden war. Im Beschlagnahmeprotokoll jedenfalls stand nichts davon. Was allerdings gar nichts heißen sollte. Aber auch dieser Mann hatte eine schlechte Polizeischule besucht oder nicht gut genug aufgepasst.

Dafür aber überraschte mich der Typ aus dem Schlafzimmer. Kurz zuvor hatte ich ihn noch gefragt, ob er das bei sich zu Hause auch machen würde, nämlich sich mit den Schuhen auf meinem Bett­laken stehend räumte er den Kleiderschrank auf. Und wie. Wahllos zerrte er alles daraus hervor, ließ alles auf die Erde fallen, ohne sich zu vergewissern, ob sich zwischen den Kleidungsstücken nicht etwas versteckt sei. Der Begriff Vandalismus bekam für mich eine ganz neue Bedeutung. Seine Antwort auf meine Beschwerde, dass er mit Schuhen auf meinem Bett stand, tat er mit den Worten ab: „Das macht gar nichts. In diesem Bett wirst du in den nächsten Jahren ohnehin nicht mehr schlafen!“ Dass ich seitdem kein gutes Verhältnis mehr zu unserem Freund und Helfer aufbauen konnte, werden Sie vielleicht verstehen!?

„Bingo!“ – „Der Nikolaus war da!“

Das war aber gar nicht die angekündigte Überraschung. Erst als der Kerl meine Seite des Doppelbettes hochgeklappt hatte und eine Keksbüchse hochhielt und „Bingo!“ rief, erkannte ich den Grund seiner Freude. Bei den Kilomengen Hasch, die ich fast immer vorrätig hatte, war mir gar nicht aufgefallen, dass mir 700 Gramm irgendwie fehlten. Als der Bulle seine Trophäe in die Höhe hielt und Bingo rief, fiel mir siedend heiß ein, wieso ihm dieser Fund gelingen konnte. Tage zuvor war ich gerade im Begriff gewesen aus dem Haus zu gehen, um eine bestellte Lieferung pünktlich abzuliefern, klingelte das Telefon. Eine weitere Bestellung wurde mir angetragen. Diese musste ich dann noch abwiegen. Das nahm seine Zeit in Anspruch. Mein Pünktlichkeitswahn ließ es nicht zu, dass ich den Rest wie vorgesehen wieder zu dem eigentlichen Bunker (Bunker = Versteck) bringen konnte. So deponierte ich die 700 Gramm eben noch schnell im Bettkasten. Wo ich die 700 Gramm dann auch prompt vergaß. Keine Frage, dass sich die Fahnder darüber sehr freuten. So sangen sie dann auch auf der Fahrt zum Polizeipräsidium, wo sich auch das Haftge­fäng­nis befand. Dort verblieb der vorläufig Festgenommene bis zur Vorführung bei einem Haftrichter.

Wollen Sie auch wissen was die so erfolgreichen Fahnder sangen? Weil sich meine Verhaftung am 6. Dezember ereignete, sangen sie passend dazu: „Der Nikolaus war da!“

Ich, eigentlich aus dem Alter heraus, wo man noch an den Nikolaus glaubt, hätte mir wenn schon eine ganz andere Bescherung gewünscht, als ich sie nun serviert bekam. Bevor die Bullen meine Verhaftung mit besagtem Gesang feiern konnten, mussten sie erst noch einen Polizei Bulli bestel­len. Außer der nicht gerade geringen Menge Haschisch beschlagnahmten sie auch noch sechs originalverpackte CD Player, einige schnurlose Kopfhörer und anderes zu damaliger Zeit noch recht teures Elektro-Equipment. Einige „Kleinabnehmer“ hatten nicht immer das nötige Kleingeld, um meine Ware zu bezahlen. In der Szene war es durchaus üblich, sich mit Dingen bezahlen zu lassen, deren Herkunft nicht ganz koscher war. Was sollte das? Wenn man nicht gerade im Pleitefeuer brannte, sich Zeit lassen konnte, konnte man auch an dieser Ware seinen Reibach machen. Im Verlauf der nächsten drei Monate konnte die Ermittlungsbehörde nicht feststellen, woher die bei mir gefundenen Gegenstände kamen. Zähneknirschend teilte die Polizei mir mit, dass ich mir mein „Eigentum“ wieder abholen könne. Diese Scherzkekse! Zum einen mussten sie doch wissen, dass ich mich längst in Haft befand, ich die Sachen somit nicht abholen konnte, zum anderen sagte ich ihnen am Telefon, dass sie mir die Dinge genauso wieder in die Wohnung bringen sollten, wie sie sie mitgenommen hatten. Was also blieb ihnen übrig, mir die zu unrecht beschlagnahmten Sachen auf Steuerkosten wieder ins Haus zu schaffen.

Die Strafe? Peanuts. Doch es kam noch viel dicker.

Natürlich wurde dieses Thema später bei Gericht nochmal angeschnitten. Der Richter wollte dann schon wissen, wie soviel neue Technik in mein Haus gekommen sei. Meine diesbezügliche Erklä­rung konnte man schlecht widerlegen. Hatte ich doch im gerade wiedervereinigten Deutschland, in der Ex-DDR eine Schwester samt Kinder und Enkelkinder. Es war doch ganz natürlich, dass ich in der Vorweihnachtszeit schon mal passende Geschenke eingekauft hätte. Auch die bei meiner Fest­nahme konfiszierten 1.900 Mark musste man wieder herausrücken. Gehörte das Geld doch gar nicht mir, sondern Helga, meiner schwer arbeitenden Lebensgefährtin. Das wurde dazu auch noch glaubhaft belegt, in dem wir einen Kontoauszug vorlegen konnten. Daraus ging einwandfrei hervor, dass Helga tags zuvor 2.000 Mark von ihrem Konto abgehoben hatte. Die Strafe, die ich für diesen Geschäftszweig erhielt, waren Peanuts gegen das, was danach noch dazu kommen sollte.

„Der fast perfekte Mord“

Zwischen dem Rottweilerbiss und meiner Verhaftung geschah aber noch etwas Gravierendes. Es lagen immerhin zwischen dem Ding in Eisenhüttenstadt und meiner Verhaftung wegen Drogenbe­sitzes ganze 16 Tage. Zunächst tangierte es mich nur peripher, als mir beim Besuch in einer Rotlichtkneipe eine Zeitung vor die Nase gelegt wurde. Ich selbst war gerade aus Frankfurt zurück­gekehrt, wo ich mich schon mal nach einem geeigneten Büro umgeschaut hatte für das viel grö­ßere anstehende Geschäft. So war ich als fleißiger Zeitungsleser nicht auf dem Laufenden. Irgend­wie, wahrscheinlich durch Harrys Propaganda, war ich zu einer Nummer im Milieu gekommen. Gespannt beobachtete man mich als ich die Überschrift las.

„Der fast perfekte Mord“ stand da in großen Lettern als Überschrift. Dass der fast perfekte Mord an meinem Mittäter beim Banküberfall in Eisenhüttenstadt stattgefunden hatte, erfuhr ich erst aus dem fast ganzseitigen Artikel der Zeitung. Na und? Welche Schuld traf mich dabei? fragte ich mich. So eine enge Freundschaft hatten wir ja nicht gepflegt, als das es mich weiter belastete. An den Tod war ich schon während meiner Kindheit gewöhnt worden. Der Zeitungsartikel war wie gewöhnlich in solchen Fällen ziemlich reißerisch aufgemacht. Jedoch dachte ich nicht daran mich bei der Polizei zu melden, um einiges richtigzustellen. Es waren ja auch nur Vermutungen, die das in der Zeitung Geschilderte in gewissen Punkten hätten widerlegen können. An Wolfgangs Tod ließ sich ohnehin nichts mehr ändern. Mein Kopf war mit ganz anderen Problemen beschäftigt. Ganze acht Tage hatte Wolfgang sich an seiner Beute noch erfreuen können, während ich einen Großteil meiner Beute in das nächste Geschäft investiert hatte. Dieses Geschäft wollte gut durchdacht sein, wollte ich mich doch danach endgültig aus diesem Milieu verabschieden.

Doch wie bereits bekannt sollte es dazu nicht mehr kommen. Das Schicksal hatte eine andere Zukunft für mich vorgesehen. Die so gar nicht meinen rosaroten Träumen entsprach. Ich wurde also ins Polizeigefängnis verbracht. In einem zweiten Polizeiauto, welches zur gleichen Zeit mit uns dort eintraf, saß Helga. Weil die 700 Gramm Hasch in unserem Doppelbett gefunden wurde, hatte man sie natürlich gleichfalls in Verdacht, dass sie an dem nicht ganz legalen Drogenhandel beteiligt sei. Was im Grunde genommen ja auch stimmte. War sie doch jedesmal bei meinen Amsterdamreisen dabei gewesen, hatte selbst Bestellungen am Telefon angenommen, wenn ich nicht da war. Obwohl sie an allen Aktivitäten, einschließlich der Londonreisen teilgenommen hatte, sie auch die erste war, die von der Bankbeute wusste und davon profitierte, habe ich es geschafft, sie vor Gericht da vollkommen rauszuhalten. Ihren Dank dafür bekam ich erst später präsentiert.

Die Selbstmordgefahr ist in der ersten Haftnacht am größten.

Aus Frust darüber, dass die Bullen mir kein Geständnis hatten entlocken können, hatten sie mich trotz meiner Gehbehinderung mit auf dem Rücken gefesselten Händen durch die Stadt kutschiert. Selbstverständlich waren die Handschellen bis an den Anschlagspunkt eingerastet worden. Purer Sadismus musste dabei eine Rolle spielen, wenn sie die Kurven so nahmen, dass ich auf dem Rücksitz hin und her geschleudert werden musste. Mit den Füßen fand ich auch keinen Halt. Hatte man mir doch im Krankenhaus ganz schön viel Fleisch rund um die Bissstelle herausgeschnitten und vernäht. Jede Anstrengung tat höllisch weh. Noch saurer als sie ohnehin schon waren, wurden die mich begleitenden Bullen, als sich der Wachhabende an der Gefängnispforte weigerte, mich krückenbehafteten Neuzugang überhaupt anzunehmen. Er verlangte ordnungsgemäß von meinen Begleitern ein ärztliches Attest über meine Haftfähigkeit. Diesen konnten die natürlich nicht vor­weisen. Mit viel Überredungskunst gelang es ihnen dann doch noch den Wachhabenden dazu zu überzeugen, uns einen Raum zur Verfügung zu stellen, wo wir auf das Eintreffen eines Arztes warten könnten. Es dauerte aber eine geraume Weile, bis ein solcher auftauchte. Währendessen moserte einer der Beamten herum. Wegen der Überstunden, die er meinetwegen schieben musste, und dass er wegen mir eine Fortsetzung von „Mission Impossible“ verpasse. Was gingen mich deren Probleme an. Meine Uhr hatte seit etwa 10 Stunden begonnen von meiner 10 jährigen Haftstrafe herunter zu ticken. Dann kam er endlich. Der Arzt. Nein, nicht etwa der Notarzt. Wozu hatte man seine eigenen Polizeiärzte, der aber musste erstmal seinen Job im 30 Kilometer entfernten Neustadt am Rübenberge erledigen, bevor er zu uns nach Hannover kam. Der Arzt hatte noch nicht einmal die übliche Notfallarzttasche dabei, der löste lediglich meinen Verband am Bein, besah sich die frische Wunde, erklärte mich für hafttauglich. Jeder Laie hätte den Verband besser wieder anlegen können als es dieser Arzt anschließend wieder tat. Nach ein paar Stunden Schlaf auf der versifften Strohmatratze in der Gefängniszelle hätte ich mir aus dem gelösten Verband einen Strick drehen können. Gürtel, Schnürsenkel, alles, was zum Selbstmord tauglich war, wurde ja vorsorglich jedem Gefangenen abgenommen. Es ist ja statistisch bewiesen, dass die erste Haftnacht die selbstmord­gefährdeste ist. Wenige Stunden später, im richtigen Gefängnis, wo eine Zugangsuntersuchung Pflicht ist, schüttelten die Sanis dort nur den Kopf wegen meines notdürftigen Verbandes. Die drückenden Beweise, die die SOKO (dass eine SOKO eigens für mich installiert worden war, erfuhr ich erst jetzt!) gegen mich gesammelt hatte, machten es dem zuständigen Haftrichter leicht, sich für einen Haftbefehl zu entscheiden. Daran konnte auch der von Helga, die inzwischen schon wieder auf freiem Fuß war, alarmierte Rechtsanwalt nichts ändern.

Die vielfältigen Rückschläge, die ich in meinem bisherigen Leben bereits erlitten hatte, ließen es mich nicht ganz so tragisch nehmen, was mich nun erwartete. Es gibt im Leben nun mal keine Zeit, die man zurückdrehen könnte, einmal gemachte Fehler korrigieren kann man allenfalls in einem Diktat. Dass alles noch viel schlimmer kommen würde, daran dachte ich zu dieser Zeit überhaupt nicht. Einschließlich der noch offenen Bewährungsstrafe rechnete ich damit, die nächsten vier Jahre aus dem Verkehr gezogen zu werden. Im guten Amtsdeutsch begründet man eine Gefängnisstrafe mit dem Hinweis, dass durch die Inhaftierung die übrige Bevölkerung für eine Weile vor den Straf­tätern geschützt wird. Erst kürzlich hatte die Polizei ja wieder einen guten Fang gemacht. Sie konnte vermelden, dass der gefährliche Serienräuber Bruno Reckert wieder in das Netz des SEK gegangen war. Dass dies überhaupt möglich geworden war, lastete man meinem Mittäter Wolfgang Dietrich an. Das war auch der Grund, dass er nicht älter als 39 Jahre wurde. Sie erinnern sich? Am späten Abend des 20ten November waren wir von unserem erfolgreichen Beutezug aus Eisenhüttenstadt zurückgekehrt. Vorgesehen war aus Wolfgangs Sicht eine Feier mit seiner Verlobten. Aus seiner himmelhochjauchzenden Euphorie wurde ein Absturz der feinsten Sorte. In der Wohnung ange­kommen, bekam er statt eines Begrüßungsküsschen vor den Latz geknallt, dass Reni ihre Verlobung aufgelöst hätte, sich dafür seinen „Freund“ Bruno Reckert als neuen Verlobten auserkoren hatte. Nach wochenlanger Abwesenheit aus der JVA, einigen erfolgreichen Bank und Supermarktüber­fällen wurde Reckert ausgerechnet drei Tage nach seiner Verlobung mit dem Fräulein von K……aus seinem Versteck geholt.

Der Streit eskalierte schließlich.

Für „Paule“ war klar, dass Wolfgang der Tippgeber gewesen sein musste. In der Wohnung des adeligen Fräuleins, wo Wolfgang noch ein Bleiberecht hatte bis er etwas anderes gefunden hatte, kam es zwischen Paule und Wolfgang zum Streit. Eben wegen des Vorwurfs, der Verräter von Bruno gewesen zu sein. Der Streit eskalierte schließlich. Paule griff sich eine in der Ecke stehende Hantelstange und zog dem Wolfgang seinen Scheitel etwas nach. Das adelige Fräulein will angeblich von dem Streit nichts mitbekommen haben. Dabei spielte sich das Ganze nur knapp einen Meter vor der Schlafzimmertüre ab. Bei der Obduktion stellte man in der Pathologie auch noch Würgemale an dem Hals des Toten fest. Meine bescheidene Insidermeinung ist die, dass ich glaube, dass Reni Wolfgangs Krawatte etwas enger zog, nachdem er schon mal ganz friedlich und wehrlos auf dem Boden lag, und sie dem Wolfgang das Weiteratmen verweigerte. Paule wurde deswegen zu LL verurteilt. Reni dagegen zu nur 7 Jahren. Während die in meinen Augen jedenfalls eigentliche Schuldige keine 5 Jahre ihrer Strafe absaß, erblindete Paule im Knast. Meine letzte Information besagt, dass er bis vor drei Jahren immer noch als Blinder im Knast saß.

Und ich dachte immer das Verbrecher eingesperrt werden, um die Bevölkerung vor weiterem Unheil zu schützen. Quizfrage: Wen kann ein Blinder noch gefährden?

An dieser Stelle könnte ich ja eigentlich aufhören, über den Fortgang meines Lebensweges zu schreiben. Dafür könnte ich ein paar Hundert Seiten Gerichtsakten kopieren und dem geneigten Leser es selbst überlassen zu entscheiden, was Recht und Gesetz sind. Ich meine aber, dass ein jeder mal, vor allen Dingen diejenigen, die selbst noch nie vor Gericht gestanden haben, erfahren sollte, welche Fallstricke die Justiz zur Verfügung hat. Klar, vor dem Gesetz sind alle Menschen gleich. Nur! Einige sind etwas gleicher!

Ich will dabei gar nicht auf Gerichtsurteile verweisen, wo die Großkopfeten aus Politik und Wirt­schaft nie eine Zelle von innen gesehen haben. Einen kleinen Zigarettenautomatenbetrüger kann man getrost ein paar Jahre gesiebte Luft verpassen. Das geht aber auf keinen Fall bei einem gewissen Grafen oder Milliardenbetrüger der Großindustrie. Die Einzigen wirklich „Prominenten“, die ich während meiner langjährigen Haftzeit kennengelernt habe, waren Männer aus der RAF, ebenso der IRA. Beide Gruppen, wovon ich einige persönlich kennenlernen und mich mit ihnen unterhalten konnte, stehen mir viel näher als die „unschuldigen“ Großabzocker. Die standen wenigstens zu ihren Taten und Ansichten. Bei mehrfachen Gesprächen mit einem gewissen Knut habe ich erst den von der Presse geprägten Ausdruck: Stockholm Syndrom[7] verstanden.

Hier darf ich noch einfügen, dass die beiden oben genannten Gruppen sich im Knast von den 15 übrigen, gemeinen Verbrechern distanzierten. Ich hatte es nur meinen Fremdsprachenkenntnissen zu verdanken, dass ich überhaupt von denen anerkannt wurde. Ohne mir teure Bücher kaufen zu müssen habe ich viel mehr von der irischen Geschichte erfahren, als ich hätte nachlesen können. Ebenso erging es mir bei dem Kontakt mit dem RAF Mann. Man möge mir meine wiederholten Abschweifungen vom eigentlichen Thema verzeihen. Doch zehnjähriges Eingesperrtsein, bedeutet noch lange nicht, dass alles spurlos an einem vorübergeht. Ereignisse finden überall statt. Ob ich nun als nackter „Wilder“ durch den Urwald husche oder mich im Großstadtdschungel bewege, so natürlich auch in einer Haftanstalt, wo es nur so von Menschen wimmelt. Menschen mit den verschiedenartigsten Charakteren. Allein das alltägliche Leben, aber insbesondere die herausra­genden Ereignisse während einer langjährigen Haftzeit, würden ein dickes Buch hergeben. So einige habe ich kennengelernt, die so gar nicht scharf darauf waren, was ihnen die Haftzeit so an Abwechslungen zu bieten hatte. Sie hängten sich einfach weg. Natürlich habe auch ich oft daran gedacht. Aber ich finde dazu gehört viel Mut. Den hatte ich nun mal nicht. Ich sitze also in U-Haft, warte darauf wie es weitergeht. In der Freistunde draußen auf dem Gefängnishof treffe ich auf Paule, erfahre die näheren Umstände, die zum Tode von Wolf­gang geführt haben und muss wieder mal innerlich über die Dummheit der Polizei grinsen, als ich von Paule erfahre wie der „Fast Perfekte Mord“ schließlich doch aufgeklärt wurde. Nicht die vielgepriesene Polizeiarbeit führte zum Erfolg. Eher würde ich dazu sagen, „Witz komm raus, du bist umzingelt.“ Natürlich stand davon kein Wort in der Zeitung, WIE der Mordfall aufgeklärt wurde. Es war wirklich der fast perfekte Mord, wäre den Bullen nicht Kommissar Zufall zu Hilfe gekommen. Oder besser noch Reni, die ich fortan nur noch „Dummfick“ nannte. Darf ich das hier näher ausführen? Ich tu es einfach, vielleicht lernen Sie ja dabei etwas über die Polizeiarbeit im Allgemeinen. Etwas weiter oben konnten Sie lesen, dass man den gefährlichen Verbrecher Bruno Reckert endlich wieder eingefangen hatte. Damit aber gab sich die Kripo nicht zufrieden. Sie wollte natürlich auch seine Mittäter dingfest machen. Alle ausgewerteten Spuren nach diversen Raubüber­fällen wiesen darauf hin, dass Bruno nicht alleine die Überfälle begangen hatte. Jetzt hieß es, die Verbrechensaufklärungsquote zu vervollständigen. Brunos Mittäter waren ja nicht weniger gefähr­lich. Außerdem hatte man bei Brunos Festnahme keine Beute noch die Tatwaffen gefunden. So observierte man schon etwas länger einen potentiellen Verdächtigen, der als Mittäter in Frage kam. Aus den Akten von Bruno Reckert, die in jedem Gefängnis fleißig vervollständigt werden, hatte das SEK recherchiert, mit wem der Bruno besonderen Kontakt im Gefängnisalltag gepflegt hatte. Weil auch deren Entlassungszeitpunkt ziemlich nahe beinander lag, hatte man ganz schnell auch den Paule in Verdacht, dem Bruno bei seiner Flucht geholfen, als ihm auch ein Versteck besorgt zu haben. Damit lagen sie gar nicht so falsch.

Fußnoten

[1] Lebenslänglich

[2] Gemeint ist Wolfgang

[3] [?] Laut Netzauskunft synonym für Gerichtsvollzieher https://www.mundmische.de/bedeutung/22878-Kuckuckskleber

[4] Photo aus dem Besitz von Dieter Schulz

[5] Gemeint ist das Kaliber der Schusswaffe

[6] Eine Freud’sche Fehlleistung? Gemeint ist fündig

[7] Unter dem Stockholm-Syndrom versteht man ein psychologisches Phänomen, bei dem Opfer von Geiselnahmen ein positives emotionales Verhältnis zu ihren Entführern aufbauen. Dies kann dazu führen, dass das Opfer mit den Tätern sympathisiert und mit ihnen kooperiert. https://de.wikipedia.org/wiki/Stockholm-Syndrom

Inhaltsverzeichnis _Inhaltsverzeichnis

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« Kap. 37 f

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Dieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit,

die keine Kindheit war

Siebenunddreißigstes Kapitel

Zwei große Dinger parallel

So sitze ich nun vor einem PC und haue wieder im Zweifingersuchsystem in die Tasten. Das fällt mir jetzt umso leichter, weil sich der Kreis bei mir zu schließen beginnt. Dass dies jemals der Fall sein könnte, habe ich mir zu Beginn meiner Aufzeichnungen noch nicht einmal träumen lassen.

Die Vertreibung aus meinem Geburtshaus in der Nähe von Königsberg. Aus Königsberg generell und meine Rückkehr dorthin. Zwar nur mit einem Visum ausgestattet hatte ich das unwahrschein­liche Glück, in das Innere unseres kleinen Häuschens in Neudamm sehen zu können. Jedoch um diesen Kreis zu schließen, muss ich hier noch ziemlich viel Aufklärungsarbeit leisten. Bin ich doch wieder einmal völlig aus der Reihe getanzt in meiner Erzählung. Alles was ich bisher geschrieben habe, schreiben werde, ist ohne weiteres von mir belegbar. Sie lesen hier keinen Roman! Nur, hier taucht bei mir die Frage auf: wollen die Menschen überhaupt erfahren, wie ein Mensch zum Ver­brecher wird? Ich meine damit das Vorspiel. Alles im Leben hat ein Vorspiel. Nicht nur beim Sex. Was wäre ein Buch ohne Vorspiel? Um zum Höhepunkt zu kommen, muss der Kopf einge­schaltet werden. Zum Vorspiel gehört meines Erachtens auch, dass ich Ihnen meine Beweg­gründe zum Verfassen dieses Buches darlege. Jetzt kann ich Ihnen ja auch gestehen, dass ich damals versäumt hatte, meinen Kopf einzuschalten, als ich mich den Vorschlag von Harry einließ. Puh! Ich hoffe, ich habe wieder die Kurve erwischt, wo ich bei meiner Erzählung aus der Bahn gekommen bin.

Geiz ist geil, sagt ein moderner Werbeslogan. 1990 war dieser Spruch noch völlig unbekannt. Ich aber war da bereits geizig. Ich sparte mir sogar das Denken. Das Nachdenken darüber, wozu ich mich da verpflichtet hatte. Mein Gewissen beruhigte ich dahingehend, indem ich mir sagte: „Dieter, du bist ja nur der Fahrer“. Eine Waffe in die Hand zu nehmen, andere gar damit zu bedrohen, war so gar nicht mein Ding. Hatte ich doch selbst schon als Kind am eigenen Leibe spüren müssen, wie man sich in solch einer bedrohlichen Situation fühlt. Ich meine damit, von einer Waffe bedroht zu werden.

Das große Projekt

Vorläufig konnte ich [mich] noch durch ein anderes Projekt ablenken, welches ich mit einem Detlev Kaufmann in Angriff genommen hatte. Dazu war allerdings eine Menge Anfangskapitel notwendig. Meine Wut darüber, von meinem Ex-Geschäftspartner reingelegt worden zu sein, war noch nicht verraucht, da traf ich in der City zufällig wieder auf einen ehemaligen Bekannten aus dem Knast und stolperte in die nächste Abzockfalle! Im Knast hatte dieser Mann schon allenthalben für Aufmerksamkeit gesorgt. War er doch der einzige Strafgefangene, der doch tatsächlich ständig mit Zivilklamotten, mit Schlips und Kragen, über die Flure lief. Fast immer trug er dabei auch noch irgendeinen Akten­ordner unter dem Arm. Mister Wichtig wurde er deshalb schon von den übrigen Gefangenen genannt. Durch Tricksereien, die er sich aus den einschlägigen Gesetzesbüchern herausgelesen hatte, hatte er sich diesen Sonderstatus übers Gericht erkämpft, dass er seine Privatklamotten auch im Knast tragen durfte. Intelligente Menschen hatten mich schon immer beeindruckt. Deshalb hatte er leichtes Spiel, mich für seine Geschäftsidee zu begeistern. Schnell hatte er gecheckt, dass ich finanziell ganz gut da stand. Für sein Vorhaben war ich genau der richtige Mann. Er hatte das Know-how, ich konnte mit einer ordentlichen Finanzspritze seine Idee verwirklichen. Wenige Tage später schon holte ich ihn mit meinem Auto vom Knast ab. Er wurde nach Verbüßung von 2/3 seiner Strafe entlassen. Im Gefängnis selbst hatte er nie eine Hand gerührt, um sich mit primitiver Arbeit etwas zu verdienen. In den letzten Monaten seiner Haft hatte er den Freigängerstatus erreicht, hatte im Büro seiner Schwester einen Job angenommen. Beinahe hätte ich umsonst vor dem Gefängnistor auf ihn gewartet. Seine Schwester hatte nämlich nie die fälligen Beiträge an die Gefängnisverwaltung abgeführt, die nun einmal erhoben werden, wenn ein Gefangener außerhalb der Anstalt arbeitet. Irgendwie schaffte er aber auch diese Hürde.

Schon am nächsten Wochenende fuhr ich mit meiner Familie, Helga, mein Sohn und dessen Freun­din nach Amsterdam. Bis nach Essen folgte uns seine Schwester mit ihrem klapprigen Ford Capri. Dort bog sie dann mit ihrem Bruder in Richtung Düsseldorf (Köln?) ab. Wir setzten unseren getarnten Familienausflug gen Amsterdam fort, während Detlev sich bei einer Spezialmesse umschauen wollte. Er hatte sich schlau gelesen. Auf besagter Messe wurden die neuesten Modelle von Fotokopierern vorgeführt. Solch ein Gerät benötigten wir unbedingt, um unsere Geschäftsidee umzusetzen. Ich hätte zu der Zeit gut und gerne jeden Tag ein Kilo Haschisch an den Mann brin­gen können, holte aber nur vier bis fünf Kilo pro Fahrt. Und das zweimal im Monat. Mein Dealer in Amsterdam wusste wohl, dass ich ohne weiteres eine größere Menge abnehmen könnte, wenn ich nur wollte. Deshalb machte er mir einen Vorschlag. Sollte ich mich dazu ent­schlie­ßen können, Mengen in der Größenordnung ab 20 Kilo abzunehmen, garantierte er mir die Lieferung frei Haus nach Deutschland. Bei solchen Dimensionen jedoch schreckte ich zurück.

Zunächst einmal durfte ich die Unkosten finanzieren, die bei Detlevs Schwester anfielen. Sie betrieb ein Übersetzungsbüro in der City von Hannover, wo in einem zweiten Raum Detlev selbst eine Zei­tung herstellte und zu vertreiben versuchte. Beide Geschäfte gingen aber nur mit sehr mäßigem Erfolg. Ich jedenfalls war von seiner Geschäftsidee dermaßen begeistert, dass ich die Unkosten des bestehenden Büros übernahm.[1] Dieses Büro war enorm wichtig, um überhaupt ins Geschäft zu kommen.

Ein Fotokopierer für 80.000,00 DM

Die erste Firma, von der Detlev den begehrten Fotokopierer beziehen wollte, machte allerdings einen Rückzieher. Die hatten natürlich bei diesem 80 000 Mark Projekt, wenn auch nur auf Leasingbasis, die Kontenbewegungen angeschaut. Hindernis erkannt, Hindernis beseitigt. Ich sorgte mit Hilfe von Helga und deren Familienmitgliedern für einen regen Geldfluss auf dem Konto von Detlevs Schwester. Ein paar Wochen später eine andere Firma, die das gleiche Kopiergerät vertrieb, und wir sollten ein derartiges Gerät geliefert bekommen. Die nächste Hürde musste noch genommen werden. Wir benötigten Spezialpapier, welches den echten DM Scheinen am nächsten kam. Gar nicht so einfach da ran zu kommen, kann ich ihnen sagen. Ab einer gewissen Prozent­zahl[2] stand das Papier überall auf dem Index, wo nicht gleich jeder bestellen konnte. Was also tun? Über unseren bestehenden Verlag als Firma eingetragen bestellten wir europaweit bei Herstel­lungs­firmen Muster ihrer Produktionspalette. Das neu herausgekommene Geld sollte ja, so laut Bundesbank, fälschungssicher sein. Irgendeine Firma hatte dann in dem Album, welches wir erhielten, ein Papier dabei, das in etwa 75 % der Kriterien erfüllte. Um aber nicht aufzufallen, bestellten wir zunächst vier verschiedene Muster in begrenzter Anzahl von Bögen bei der betref­fenden Herstellungsfirma. Bei der zweiten Bestellung waren es dann nur noch zwei verschieden­artige Papierbögen in einer schon größeren Menge. Auch diese Bestellung wurde uns anstandslos geschickt. Unsere letzte Bestellung enthielt nur noch die eine Sorte Papier, auf die wir scharf waren. Auch die von uns benötigte Menge wurde uns prompt geschickt.

Dann konnte es ja mit der Produktion losgehen, nachdem inzwischen auch der Kopierer eingetrof­fen war. Das ganze musste ich natürlich finanzieren, auch die Büromiete. Von meinen Drogenge­schäf­ten blieb mir kaum noch ein Gewinn übrig. Das alles geschah im Monat November 1990. Parallel zu meinem Versprechen, als Fahrer bei einem Banküberfall zu fungieren. Ich war zwar nicht gerade pleite, aber ein zusätzlicher Geldregen, dagegen hatte ich nichts einzu­wenden. Außerdem hatte ich ja ein Versprechen abgegeben.[3]

Bei meiner letzten Rückfahrt aus Amsterdam kommend gerieten wir in einen kilometerlangen Stau in der Höhe von Minden. Zu Hause angekommen fand ich auf dem Wohnzimmertisch einen Zettel vor. Darauf hatte mein Sohn geschrieben, dass ein gewisser Harry angerufen hätte. Er wollte es um sechs Uhr wieder versuchen. Ich solle mich bereithalten. Helga ging ins Schlafzimmer, ich dagegen blieb gleich im Wohnzimmer auf der Couch liegen. Schnurlose Telefone waren derzeit noch nicht erfunden. Nach nur knapp drei Stunden Schlaf riss mich das Telefongebimmel in die Wirklichkeit zurück. Harry stand schon mit Reisegepäck am Bahnhof und wartete darauf, dass ich ihn dort abhole. Wolfgang wartete auch schon startbereit zu Hause. Innerhalb einer halben Stunde war ich dann auch soweit, nachdem ich mir eine Dusche und Tasse Kaffee gegönnt hatte.

Das kleinere Ding

Kaum waren wir aus Hannover raus, auf der Autobahn, fragte Harry mich auch schon, ob ich was zum Kiffen mitgebracht hätte. Ich muss gestehen, ich weiß bis heute nicht, wie ich auf den Trichter gekommen war, ein kleines Sortiment von meiner Ware einzustecken, bevor ich losfuhr, die beiden abzuholen. Ich hatte acht Gramm in der Tasche, von dem am nächsten Abend wieder zurück in Hannover kein Krümel mehr übrig war. Ich selbst konnte zu dem Zeitpunkt dem Zeug überhaupt keinen Geschmack abgewinnen. Erst viel später im Knast widmete ich mich aus Gesundheits­gründen der Heilpflanze Cannabis. Ganz ehrlich! Erläuterung kommt später!

Während der Fahrt gen Osten kristallisierte sich heraus, dass die beiden weder ein bestimmtes Ziel, noch überhaupt einen Plan hatten, wo und wie der Banküberfall ablaufen sollte. Mein Vorschlag Frankfurt/Oder, wo ich mich etwas auskannte, wurde dann auch akzeptiert. Fast vierhundert Kilometer von Hannover entfernt, befuhren wir die Straßen der Stadt, hielten nach Bankinstituten Ausschau. Nicht nur die Begehbarkeit der Bank an sich musste berücksichtigt werden. Ein viel versprechender Fluchtweg war maßgeblich. Aber genau daran haperte es, wie wir bei unserer Erkundungsreise durch Frankfurt feststellen mussten. Das lag vor allem daran, dass eine Flucht­möglichkeit nur in einer Richtung gegeben war. Schließlich zog die Oder eine natürliche Grenze zu Polen. Etwas wirklich Geeignetes fanden wir in dieser Stadt also nicht. Harry und Wolfgang hatten gut reden, „dann versuchen wir es eben morgen woanders!“ Die beiden hatten ja noch nicht ein­mal soviel Geld in der Tasche, dass sie mir einen Spritkostenanteil geben konnten. Somit würde ich auch noch die Hotelkosten berappen können. Jetzt war ich nicht nur Fahrer der beiden, sondern auch noch der Versorger. Klar, dass sie auch noch Hunger hatten. Beim Haschisch­konsum bekommt man leicht einen Heißhunger. Bei der Gelegenheit, so dachte ich mir, könnte ich mich ja auch gleich mal wieder bei meiner Schwester in Eisenhüttenstadt sehen lassen. Eisenhüttenstadt[4] lag ja gleich um die Ecke.Hannover-Eisenhüttenstadt.jpg Ganze 27 Kilometer entfernt. Mein Vorschlag dorthin zu fahren wurde von den beiden angenommen. Blieb ihnen ja auch nichts anderes übrig. Irgendwie waren sie ja von mir abhängig.

Bei meiner Schwester klingelte ich dann vergebens. Sie war auf Schichtdienst in der Großbäckerei der Stadt. Die Nachbarin, die uns nach vergeblichem Klingeln diese Auskunft gegeben hatte, beschrieb uns auch den Weg dorthin. Meine Schwester war erfreut, ihren Bruder wiederzusehen. Hatten wir uns doch seit 1955 nur ein paar Mal kurz gesehen. Bei der Beerdigung unserer Mutter 1973, als sie dafür ausreisen durfte, und später fuhr ich mit unserem Vater zweimal zu ihr in den Osten. 1989, als unser Vater starb, trafen wir uns auch kurz wieder. Erst die Wiedervereinigung brachte uns auch wieder näher. Welch ein Wunder also, dass sie sich von ihrem Dienst befreien ließ, eine Vertretung mobilisierte und mit uns zur Wohnung fuhr.

Sie ließ es einfach nicht zu, dass wir uns in Eisenhüttenstadt in einem Hotel einmieteten. Sie überließ uns ihr Schlafzimmer, nächtigte selbst auf der Couch im Wohnzimmer. Natürlich war in ihrer Gastfreundschaft auch ein von ihr serviertes Abendessen drin. Auf ihre Frage, was uns denn nach Eisenhüttenstadt getrieben hätte, so ganz ohne Anmeldung, erfand ich eine Geschichte, die ziemlich plausibel klang. Mit Wolfgang, der sich, wie erwähnt, gerne als Gentlemen kleidete, war meine Ausrede erklärbar. Angeblich wollten die beiden sich in Frankfurt ein Objekt ansehen, wo sie sich geschäftlich niederlassen wollten. So war es nur logisch, dass wir am nächsten Morgen wieder nach Frankfurt fahren müssten.

Nichts war vorbereitet.

Mir machte schon den ganzen Tag über während der langen Fahrt von Hannover nach Frankfurt eine Sache Kopfzerbrechen. War doch mit Harry im Vorfeld ausgemacht, dass er irgendwie an zwei Autonummernschilder kommen müsse, die an meinen Passat passen würden. Noch nicht einmal das hatte der erfahrene Knacki auf die Reihe bekommen. Ich selbst war für Diebstahl oder gar Einbruch so gar nicht geeignet, hatte ich doch zwei linke Hände, was das Technische anging. Also war mal wieder mein Improvisationstalent gefragt. War ich nicht darauf geeicht zu improvisieren?

Meiner Schwester gaukelte ich vor, zum einen, einen Verdauungsspaziergang zu benötigen nach ihrem frugalen Mahl und zum anderen wollten wir dabei noch das morgige Geschäft besprechen. „Gut!“ meinte mein Schwesterherz. Derweil würde sie für uns das Nachtlager in ihrem Schlafzim­mer vorbereiten und das Geschirr abwaschen. Es war bereits nachtdunkel draußen, als wir an diesem 19. November gegen 17 Uhr aus dem Haus gingen. Längst hatte ich erkannt, dass Harry und Wolfgang sich mehr um die Funktionalität ihrer Waffen Gedanken machten als um den ebenso wichtigen Rest, der bei einem Banküberfall von Nöten war. So langsam machte ich mir Gedanken darüber, worauf ich mich da bloß eingelassen hatte.

Zunächst einmal hatte ich eine Lösung für die fehlenden, falschen Autonummernschilder gefunden. In einer Drogerie erstand ich eine Rolle weißen Heftpflasters. Damit konnte ich das H in meinem Nummernschild zu einem I abkleben. Derzeit fuhren noch die meisten Ostautos mit ostdeutschen Kennzeichen durch die Gegend. Das I stand für Berlin. Aus den zwei Achten im Nummernschild ließen sich sehr gut zwei Dreien machen. Dann musste ich auch noch in die Tasche greifen, um den beiden je eine gestrickte Schimütze zu kaufen. Noch nicht einmal daran hatten sie gedacht, mit einer Maske in die Bank zu gehen. Das kennt, glaube ich, jeder, der schon mal einen Krimi gesehen hat. Bankräuber zieht sich seine Pudelmütze ins Gesicht, darin sind zwei Schlitze für die Augen rein geschnitten. Wenigstens hatten die beiden an Handschuhe selbst gedacht. Der Fin­gerabdrücke wegen. Sie verstehen? Jetzt glaubte ich, dass die Ausrüstung stimmte. Nur einen richtigen Plan hatten die beiden immer noch nicht, wie es weitergehen sollte. Zunächst einmal taten sie, wieder bei Schwester in der Wohnung, nichts anderes, als was sie schon während des ganzen Tages getan hatten. Sie rauchten einen Joint nach dem anderen von meinem Vorrat, den ich bei mir hatte. Dazu stand noch eine große Flasche Wodka und reichlich Bier auf dem Tisch. Da ich mir als Fahrer der Verantwortung bewusst war, schlürfte ich im Laufe des Abends gerade mal an zwei dünnen Weinschorlen. Meine Schwester bat mich mal nachzuschauen, ob es wohl so recht wäre, wie sie ihr Schlafzimmer für drei zurechtgemacht hätte. Dort hatte ich schon mit Helga und meinem Sohn während der Sommerferien die Nächte verbracht. Beim Besichtigen des Schlafzim­mers fiel rein zufällig mein Blick durchs Fenster.

Nehmen wir doch ganz einfach die Dresdner Bank, direkt vor der Haustür.

Natürlich! Das war es! durchfuhr es mich wie ein Blitz. Wie schon in den Ferien konnte ich durchs Fenster einen Teil der Bank erkennen, die schon zu Ostzeiten dort ansässig gewesen war. Jetzt allerdings prangte dort in greller Leuchtschrift der Name einer bekannten Bank. Dresdner Bank!

Ich musste an diesem Abend ein zweites Mal meine Schwester anlügen. Unter einem an den Haa­ren herbeigezogenen Vorwand brachte ich die beiden noch nicht ganz besoffenen Harry und Wolfgang dazu, mir noch mal nach draußen zu folgen. Erstaunt folgten sie mir sogar gehorsam. Nicht schnurstracks auf die Bank zugehend, meine Schwester hätte uns ja sehen können, führte ich die beiden zu der Bank. Die Lage war einfach ideal für unser Vorhaben! Der Spaziergang in der frischen, kalten Novemberluft machte die vollgekifften und angesoffenen Köpfe meiner Tatgenos­sen wieder aufnahmefähig. Sofort baldowerten wir einen geeigneten Fluchtweg aus. Ich dachte gar nicht daran, direkt vor der Bank mit laufendem Motor auf meine Komplizen zu warten. Dabei hätten allzu viele Passanten in dieser kleinen Einkaufsstraße Gelegenheit, sich Einzelheiten an meinem Auto zu merken. Hinzu kam noch, dass sich die Bank am Ende einer Sackgasse befand. Vom Sommer her kannte ich die Bauweise dieser erst in den 50er Jahren aus dem Nichts erbauten Stadt. Fantasielos waren sämtliche Plattenbauten immer im gleichen Stil angelegt. Mir das Vorbild des Hauses, in dem meine Schwester wohnte, vor Augen haltend begingen wir den vorgesehenen Fluchtweg. Wie nicht anders zu erwarten, waren die vorderen Eingangstüren nicht abgeschlossen. Die aus Plastik bestehenden Schlüssel und Schlösser hätten nur allzu oft ausgewechselt werden müssen. Ins Haus zu kommen war also kein Problem. Vier oder fünf Stufen hoch, an zwei Woh­nungs­türen vorbei, vier, fünf Stufen runter, und man stand vor der Hintertür. Die auch nicht abgeschlossen war. Noch nicht einmal am späten Abend, sowie in der Nacht. Cirka 50 Meter Kiesplattenweg, und dort würde ich bei laufendem Motor und angelehnten Autotüren auf meine Kumpane warten. Soweit der erste Teil unseres Fluchtplanes, den ich so bestimmte. Die beiden, die mich ja lediglich als Fahrer des Fluchtautos engagiert hatten, waren vollauf begeistert von meinem Plan.

 

Achtunddreißigstes Kapitel

Der Banküberfall

Ich fragte mich wie die beiden nach so langer Alkoholabstinenz im Knast diese Mengen von Alko­hol vertragen konnten. Ich selbst hätte mich schon zehnmal bekotzt. Zumal ja auch noch das Dope hinzukam, welches sie sich da reinzogen. Es störte sie gar nicht, als ich sie ermahnte am nächsten Morgen fit zu sein und die Nacht um 8 Uhr zuende wäre. Ich jedenfalls entzog mich der Säufer­runde und machte lieber Matratzenhorchdienst. Meine Schwester, die ich gebeten hatte, uns gegen acht Uhr zu wecken, hatte uns einen reichhaltigen Frühstückstisch zubereitet. Als wir gegen neun Uhr aus dem Haus gingen glaubte sie, dass wir einen Termin in Frankfurt hätten. Wir erweckten bei ihr sogar den Eindruck, dass wir im Laufe des Tages wieder zu ihr zurückkehren würden. Der Ein­druck wurde noch dadurch verstärkt, indem wir unsere kargbestückten Reisetaschen bei ihr stehen ließen. Ursprünglich war ja auch vorgesehen, dass ich die beiden Bankräuber unmittelbar nach Vollendung der Tat mit der Beute an der Hintertür meiner Schwester absetzen würde, ich selbst in Kauf nahm, in eine Kontrolle zu geraten. Was konnte mir schon passieren, wenn man bei mir im Auto weder einen zweiten Mann noch eine Geldbeute vorfand? Am Abend, als dieser Plan in mir reifte, hatte ich weder die Jahreszeit noch einen anderen Umstand in Erwägung gezogen. Ich wunderte mich nur dass meiner Schwester der Gestank nicht auffiel, den die beiden Kiffer in ihrem Wohnzimmer hinterließen.

„Armoured!“ stand ganz groß an der Seite des Wagens.

Gleich nach den zwei Brötchen drehten die beiden sich eine Tüte, um sich aus der realen Welt zu beamen. Durch eine große Toreinfahrt erreichten wir das Innere des Karrees, wo sich die Bank befand. Allerdings die Rückseite der Bank, was ja auch so vorgesehen war, damit niemand sehen konnte, aus welchem Auto die Bankräuber ausgestiegen waren. Vorher waren wir noch zu dem Sportflugplatz etwas außerhalb der Stadt gefahren. Dort, völlig abgeschieden, beklebte ich mein Nummernschild wie oben beschrieben mit dem weißen Heftpflaster um eine ganz andere Nummer vorzutäuschen, den Wagen fuhr ich über eine Regenpfütze, bespritzte mit dem Schlammwasser das auffallend weiße Heftpflaster ordentlich mit dem Schlamm, um das ganze echt wirken zu lassen. Danach konnte man selbst bei genauerem Hinsehen nicht mehr erkennen, dass an dem Num­mern­schild manipuliert wurde. Alles sah schön echt aus. Unser vorgesehener Zeitplan wurde dann aber ganz ordentlich durcheinander gebracht. Gut vorbereitet, die Pudelmützen waren für einen derartigen Novembertag ohne weiteres angebracht, fuhr ich also in die Nähe der Bank. Fragte die beiden noch mal, ob sie sich den Fluchtweg auch gut eingeprägt hätten, den sie zu Fuß zurück­legen müssten, bevor sie mein Auto erreichten, da erwartete uns auch schon eine Überraschung. Am Hintereingang der Bank, die wir vorhatten um etwas Bares zu erleichtern, stand ein Geldtrans­porter. Was solch ein Gefährt zu bedeuten hatte, wusste jedes kleine Kind. Es stand ja auch ganz groß an der Seite des Wagens: „Armoured!“ Wir konnten dies im Vorfeld ja nicht ahnen, dass gerade um diese Zeit bewaffnete Geldabholer mit einem gepanzerten Wagen vor Ort sein würden. Mit Sicherheit wäre es zu einer Schießerei gekommen, wären meine Kumpels jetzt von vorne in die Bank eingedrungen, um abzukassieren. Also hieß es warten. Um ihr Herz wieder aus der Hose zu holen, baten sie mich, ihnen doch ein Mutwässerchen zu besorgen. Um nicht unnötig aufzufallen, fuhr ich zunächst einmal in eine Seitenstraße und holte vom Kiosk gegenüber der Bank eine Fla­sche Wodka. Ohne dass ich mich daran beteiligen musste, schafften die beiden in Null­kom­ma­nichts die Flasche zu leeren. So nebenbei sorgten sie auch noch dafür, dass meine acht Gramm Haschisch so langsam zur Neige gingen. So langsam fragte ich mich, ob wohl alle Bankräuber sich derart betäubten, bevor sie trauten eine Bank zu überfallen. Tags zuvor hatte ich ja auch noch versucht, den beiden ein paar Sätze in russischer Sprache einzupauken, um den Eindruck zu erwecken, hier seien Osteuropäer am Werk. Selbst wenn mir dies Tags zuvor gelungen wäre, ich glaube kaum, dass sie bei ihrer Aktion noch dazu in der Lage gewesen wären. Bei der Gerichtsver­handlung erfuhr ich erst, dass Harry zwei Anläufe benötigte, um über den Bankschalter zu jumpen. Seine Koordinationsfähigkeit hatte um einiges gelitten. Ich hatte den beiden auch klargemacht, dass sie sich auf keinen Fall länger als zwei Minuten in der Bank aufhalten dürften. Diese Zeit hatte ich ihnen vorgegeben, weil ich die Strecke zum einzigen Polizeirevier abgefahren hatte. Unter den allergünstigsten Umständen, die man immer in Betracht ziehen musste, konnte die Polizei in zwei­einhalb Minuten am Ort des Geschehens eintreffen. Das war jedenfalls meine Überlegung.

Auch das noch! Eine ganze Horde Kindergartenkinder.

Zunächst aber kam ich noch einmal in Bedrängnis. Der Geldtransporter war weggefahren, ich hatte die beiden abgesetzt, wollte zum vereinbarten Treffpunkt fahren. Beim Begehen am Abend war die Absperrung noch nicht vorhanden. Aber jetzt! Im Zuge des Geldflusses im Rahmen Wie­der­aufbau Ost war man dabei, auch in Eisenhüttenstadt die maroden Häuser zu sanieren. Aus­gerechnet auf unserem Fluchtweg war die Sanierung in vollem Gange. Angefangen hatte man damit, die von Bäumen bewachsenen Flachdächer zu entrümpeln. Unten, auf dem Plattenweg, hatte man vorsorglich abgesperrt. Was ja auch der Vorschrift entsprach. Nur ich musste jetzt wie ein Verrückter kurbeln, um auf diesem engen Weg wenden zu können. Hatte ich doch lediglich zwei Minuten und ein paar Sekunden laut meiner eigenen Vorgabe Zeit, den vereinbarten Treffpunkt zu erreichen. Geschafft! Dann aber kam mir zu allem Überfluss auf meinem Umweg auch noch eine ganze Horde Kindergartenkinder entgegen. Zu meinem Glück hatten die Betreuerinnen ihre Kinder aber gut im Griff. Schnell machten die Gören mir bereitwillig Platz. Mir kam das ganze wie eine Ewigkeit vor. Dennoch musste ich noch eine unendliche Weile auf meine Kumpane warten. Im Rückspiegel sah ich sie auf unser Auto zu rennen. Soweit schien ja alles bestens geklappt zu haben.

Plan B war angesagt.

Rein ins Auto und ab! Kaum hatte ich den Wagen in Fahrtrichtung rangiert, da kam mir auch schon das nächste Hindernis entgegen. Den schmalen, asphaltierten Weg im Inneren des Karrees versperrte eine Frau mit ihrem Kinderwagen. Während sie sich nur sehr langsam dazu bequemte an die Seite zu fahren, traten mir die Schweißperlen auf die Stirn. Mich wie vorgesehen auf dem Weg zum Haus meiner Schwester befindend musste ich feststellen, dass jetzt ganz andere Umstände herrschten, als ich sie vom Sommer her in Erinnerung hatte. Die im Sommer grünen Bäume und Büsche im Karreebereich boten in dieser Jahreszeit überhaupt keine Deckung mehr. Längst hatte ich bemerkt, dass uns die Arbeiter auf dem Dach sehr gut mit ihren Blicken verfolgen konnten. Den Plan, die beiden hinter dem Wohnhaus meiner Schwester abzusetzen, konnte ich getrost ad acta legen. Plan B war angesagt. Einfach so, aus dem Bauch heraus!

Zwei Torbogen von meiner Schwester entfernt fuhr ich, dabei eine Unterbodenwäsche meines Wagens kostenlos in Kauf nehmend, mit Karacho auf die John Scheer Straße. An der Kreuzung, wo sich auch das Städtische Krankenhaus befand, parallel zu der Straße wo, wenn überhaupt, um diese Zeit längst die Polizei zum Tatort unterwegs sein musste, fuhr ich diesen entgegen. Ein paar hundert Meter weiter hatten wir auch schon die Peripherie der Stadt erreicht. An der Kreuzung warf ich einen Blick nach rechts, wo sich das Polizei- und Gerichtsgebäude befand. Dort konnte ich keine irgendwie gearteten Aktivitäten feststellen. Ich jedenfalls bog nach links ab. Wie später aus den Gerichtsakten ersichtlich traf die Polizei erst nach 12 Minuten bei der Bank ein. Meine Güte. Hätten wir das gewusst, wir hätten noch in die Hinterräume der Bank eindringen können und dort weitere Hunderttausende, die gerade aus dem Nachttresor zusammengezählt wurden, mitnehmen können. Oder doch nicht? Meine so angeblich cleveren Kumpane hatten ja noch nicht einmal an eine Plastiktüte gedacht, worin sie ihre Beute verstauen konnten. So gab ich ihnen in letzter Minute mein Verbandskissen aus dem Auto. Dieses musste ich aber vorher noch leeren. Stellen Sie sich mal vor, ich wäre in eine Verkehrskontrolle geraten und hätte dieses notwendige Utensil nicht vorweisen können. Das hätte mich mindestens 10 Mark Geldstrafe gekostet. Zum Glück gerieten wir in keine Verkehrskontrolle. Noch in Sichtweite der Stadt überquerten wir einen kleinen Hügel. Ich hielt an, entfernte die Klebestreifen an den Nummernschildern, um nicht doch noch aufzufallen. Ich nahm, ohne überhaupt einen Plan zu haben, die nächste Abzweigung nach links. So genau, wie ich es Ihnen hier schildere, habe ich es viel später noch nicht einmal der Staatsanwaltschaft erklärt. Tatsache aber ist, dass die Bullen sich vier Jahre lang die Köpfe darüber zerbrachen, wie wir aus Eisenhüttenstadt entkommen konnten. Diese Stadt lag genauso wie Frankfurt genau auf der Grenze zu Polen.

Die Aussicht in Geld wühlen zu können ernüchterte selbst Harry.

Man hatte sofort die Wasserschutzpolizei alarmiert, die daraufhin diesen Fluchtweg absperrte. Die beiden Ausfallstraßen in Richtung Frankfurt als auch Bautzen waren schneller dicht gemacht worden, als dass die Polizei bei der Bank selbst eintraf. Ich selbst wusste ja auch nicht so recht, wo ich mich eigentlich befand, als ich nach links abgebogen war. Was die Ossis damals als Straßen bezeichneten, wäre hier im Westen gerade mal als Feldweg der dritten Kategorie durchgegangen.

Anfangs winkten unserem Westkennzeichen [?] ja noch Feldarbeiter fröhlich zu. Dann aber landeten wir in einem Kiefernwaldgebiet. Ich befürchtete schon auffällig zu werden, wenn uns jetzt ein Fahrzeug entgegenkommen würde. Doch wir befanden uns in einem Gebiet, wo zumindest um diese Jahres­zeit keine Menschenseele etwas verloren hatte. Ich aber dachte in westlichen Maßstäben. Ich rechnete sogar damit, dass Hubschrauber eingesetzt werden könnten. Ich wusste aus Verwandt­schafts­kreisen, das sich etwa 50 Kilometer entfernt eine Hubschrauberstaffel befand. Um der Überwachung aus der Luft zu entgehen, parkte ich in einem sehr dichtbewaldeten Stück.

Wolfgang konnte meiner Argumentation folgen, Harry dagegen wollte jetzt den Macker heraus­hängen lassen. Er wollte unbedingt ausprobieren, wie sich so ein echter Schuss anhörte. Mit viel Überredungskunst konnte ich ihn jedoch davon abbringen. Ich konnte ihm klar machen, dass gerade in dieser Jahreszeit Förster unterwegs waren, um Bäume zu markieren, die in der Frostpe­ri­ode gefällt werden sollten. Und so ein Schuss könnte einen Waldbegeher auf uns aufmerksam machen. Erst richtig von seinem Vorhaben konnte ich ihn aber erst ablenken, als ich ihn fragte, ob er denn gar nicht wissen wolle, was sie bei dem Überfall erbeutet hätten. Wodka und Haschisch hatten schon völlig sein Hirn vernebelt. Die Aussicht in Geld wühlen zu können ernüchterte selbst Harry. Mein Adrenalinspiegel hatte sich schon seit dem Augenblick aufs Normalmaß gesenkt, als wir kurz hinter der Stadt meine Nummernschilder wieder in den Normalzustand versetzt hatten. Ein sichern­der Rundblick, dann setzten wir uns alle drei ins Auto. Ich breitete auf der Rückbank eine Decke aus und entleerte nun das zweckentfremdete, prallgefüllte Erste-Hilfe-Kissen.

Harry, der hinter den Bankschalter gesprungen war, während Wolfgang an der Eingangstüre der Bank stehen geblieben war, um die anwesenden Bankkunden sowie das Personal in Schach zu halten, hatte in seiner Gier sogar einige Rollen Fünfmarkstücke eingesackt. Zunächst verschaffte ich mir einen Überblick über die Gesamtsumme. Ich bitte den geneigten Leser darauf zu achten, was ich jetzt niederschreibe! Die Höhe der Beute betrug genau 153.750 DM!!! Warum ich dies betone? Nun, in der späteren Anklageschrift wurde uns vorgeworfen, dass die Dresdner Bank einen Verlust von genau 31.517,32 DM[5] erlitten hätte.

Seltsam, sehr seltsam!!! Dabei hatte doch jeder von uns nach der Beuteteilung schon 51.250 DM in der Tasche. Das heißt, ich hatte ein wenig mehr. Hatte ich mir doch erlaubt gleich die Unkosten, die ich bisher getragen hatte, abzuziehen und Harrys Schulden bei mir abzurechnen. Um die Diskrepanz zwischen den beiden Summen zu erklären bedarf es keiner großen Phantasie.

1.) Für den Fall eines Bankraubs steht in einer Versicherungsklausel, dass an einem geöffneten Bankschalter jeweils nur 15.000 DM Bargeld (+ 10%) vorrätig gehalten werden dürfen. Diese Vorschrift wurde erlassen, um den Anreiz für einen Raub so niedrig als möglich zu halten. Und eben o.g. Summe ist auch nur versichert. Es ist sehr selten, dass die Bank das geraubte Geld vom Räuber zurück erhält, sofern man diesen nicht unmittelbar nach der Tat samt Beute einfängt. Um den Schaden einigermaßen einzugrenzen hatte die Bank, um wenigstens den Versicherungsanteil erstattet zu bekommen für die beiden geöffneten Bankschalter die Phantasiesumme von 31.517,32 DM angegeben. Wobei ich noch erwähnen möchte, dass sich unter der Beute kein einziges Markstück, geschweige denn Pfennige befand.

2.) So meine zweite These: Die Bank hatte selbst Dreck am Stecken. Erst wenige Wochen bevor wir abkassierten war die DM im Osten als offizielles Zahlungsmittel eingeführt worden. Wer weiß schon wie die Banken bei der Umtauschaktion gekun­gelt haben. Wäre die tatsächliche Beutesumme angegeben worden, hätte die Bank nicht nur die Versicherungssumme nicht bekommen, sondern es hätte höchstwahrscheinlich eine genauere Überprüfung der Bankunterlagen stattgefunden. Dabei könnte ja so Einiges ans Tageslicht kom­men. Also hielt man sich lieber bedeckt. Selbst als ich knapp vier Jahre später der Staatsanwältin alle offen gebliebenen Fragen in allen Einzelheiten erzählte, weil alle Rechtsmittel ausgeschöpft waren, an meiner langen Haftstrafe ohnehin nicht mehr zu rütteln war, wurde der Sache nicht mehr nachgegangen. Hier bewahrheitet sich wieder mal ein Sprichwort: Die Kleinen fängt man, die Großen lässt man laufen.

Ich soll der eigentliche Boss der Aktion gewesen sein.

Bei der Aufteilung der Beute durch drei achtete ich peinlichst genau darauf, ob sich unter den Geldbündeln nicht etwa ein Sicherheitspaket befand. Die meisten Bedenken hatte ich bei den 200er-Scheinen, die dazu auch noch mit fortlaufenden Seriennummern versehen waren. Im Gegensatz zu meinen Komplizen hatte ich ja zuhause noch einiges an Rücklage. Da lag es nur Nahe, dass ich die gefährdeten Geldbündel für mich behielt. Angeblich, laut Propaganda, war das neue Geld ja fälschungssicher. Gerade deswegen wurde ja bei Einkäufen besonders auf größere Scheine geachtet. Ich konnte ja davon ausgehen, dass sich unter diesen Scheinen NOCH keine Fälschungen befanden. Schließlich arbeitete ja Detlev in Hannover noch an der Produktion unseres Geldes. Da kam diese Beute hier sehr zupass. Jedes Geschäft bedarf einer Investition. Detlev war so klamm, dass er weder die Büromiete, geschweige denn die Leasingkosten für den Kopierer, noch das nötige Papier finanzieren konnte. 2.000 Mark kosteten alleine die drei Farbpatronen, die gerade mal zur Herstellung von ca. 150.000 Mark reichten. Aber zurück zum eigentlichen Geschehen.

Das Geld war also aufgeteilt. Wobei Harry allerdings schmollte. Er meinte, dass er als Ideengeber einen größeren Anteil beanspruchen könnte. Dann frage ich mich nur, warum das Gericht zu dem Urteil kam, dass ich der eigentliche Boss der Aktion gewesen sei. Der Richter führte aus, dass die Nähe der Wohnung meiner Schwester zur Bank hin kein Zufall sei. Und da ich ja bereits im Som­mer dort einige Zeit verbracht hätte, hätte ich das Ganze schon damals ausbaldowert. Konnte aber gar nicht sein. Im Sommer war die ehemalige Ostbank nämlich geschlossen. Zu jener Zeit gab es allenfalls Container und Busse, die die verschiedensten Banken in Eisenhüttenstadt zum Kunden­fang aufgestellt hatten.

Wolfgang holte seine überdimensionale Magnum heraus.

Weil es auch nach zwei Stunden des Versteckspielens unter den Bäumen keinerlei Hubschrauber­ak­ti­vi­täten am Himmel gab, beschloss ich unsere Flucht in Richtung Hannover fortzusetzen. Ich wollte ja auch nicht unbedingt in der früh einbrechenden Dunkelheit in dem mir unbekannten Wald umherirren. Nach einer unendlich erscheinenden Fahrt auf einer Waldschneise stieß ich endlich auf einen Feldweg. Pardon, auf eine Straße. Es musste eine Straße sein. An ihr entlang führte jeden­falls eine Strom- Telefonleitung? Die musste ja irgendwohin führen. Mit viel Risiko verfolgte ich diesen Weg. Risiko deshalb, weil dieser Weg eigentlich mehr für Trecker geeignet war. Es war für meinen Passat unmöglich, die eingefahrene Fahrspur zu benutzen. Das Mittelteil der beiden Spurrillen war derart hoch, dass mein Passat darauf hängengeblieben wäre. So musste ich mich darauf konzentrieren, mit einem Reifenpaar auf dem verbliebenen Hügel in der Mitte der Fahrrille zu balancieren, während die beiden anderen Reifen an der linken Böschung für Höhenausgleich sorgten. Zu meinem Glück wuchsen keine Bäume an der Böschung. Lediglich Ginsterbüsche. Diese fast immergrünen und Gott sei Dank weichen Zweige peitschten gegen mein Auto, zer­schrammten mir den Lack. Noch Tage später fand ich bei der Autowäsche am Unterboden des Autos festgeklemmte Ginsterzweige. Nach wer weiß wie vielen Kilometern erreichte ich endlich eine asphaltierte Straße. Zivilisation war in Sicht. Und siehe da, bald darauf ein Hinweisschild nach Cottbus. In Cottbus angekommen suchte und fand ich einen Wegweiser nach Berlin. Um dorthin zu gelangen, dass heißt die Autobahn zu erreichen, musste ich mich noch durch die Rush Hour in der City durchkämpfen. Ganz schön anstrengend, zumal auch noch ein Platzregen, den die Scheibenwischer kaum schafften, runter kam.

Wolfgang auf der Rückbank beduselt vom Alkohol und Haschkonsum hing in seinem Sitz wie ein Schluck Wasser in der Kurve. Doch wurde er plötzlich hellwach und überaktiv, als ich so nebenher erwähnte, dass sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein Polizeiauto befände. Sofort holte er aus seiner Reisetasche seine überdimensionale Magnum heraus.

Fußnoten

[1] Herr Schulz sagte mir [ca. Oktober 2010, ds], dass er über den dubiosen gemeinnützigen Verein (Cooperative Hilfe Niedersachsen e.V., Gemeinnütziger Verein] die Farbkopien der DM-Noten finanziert hatte. Sein Partner sei allerdings zu blöd für die Geldwäsche gewesen, so dass er in Süddeutschland aufgeflogen sei. [s. Kap. 42]

[2] Gemeint ist offensichtlich die Menge der Kriterien für Fälschungssicherheit bei Banknoten.

[3] Aus einem Mail von Dieter Schulz vom 25. Juli 2005: Noch hatte ich Auto und Führerschein. Beides hatten die Typen nicht, die an mich herantraten und fragten, ob ich wohl als Fahrer bei einem Bankraub mitmachen würde.

Herr Schäfer, Sie werden es vielleicht nicht glauben, wenn ich Ihnen meine Beweggründe schildere, die mich dazu veranlassten JA zu sagen. Ich war ganz einfach frustriert. Frustriert darüber, dass das Arbeitsamt einem 50-jährigen keinen Job mehr vermitteln konnte. Ich konnte mir schlecht auf die Stirn schreiben „Jetzt zeig ich es euch allen mal, wozu ein 50-jähriger noch fähig ist!“ Abenteuer im Blut fiel es mir nicht schwer, JA zu dem Plan zu sagen. Aber was heißt Plan. Keiner der beiden hatte einen Plan. Kreativ wie ich nun einmal bin lief dann alles so ab, wie ICH es mir ausgedacht hatte.

[4] Karte: https://www.google.de/maps/dir/Hannover/Frankfurt+(Oder)/Eisenh%C3%BCttenstadt/Hannover/@52.331475,11.3142521,7z/data=!4m26!4m25!1m5!1m1!1s0x47b00b514d494f85:0x425ac6d94ac4720!2m2!1d9.7320104!2d52.3758916!1m5!1m1!1s0x4707982a02b5fb6f:0x42120465b5e3bc0!2m2!1d14.5505673!2d52.3472237!1m5!1m1!1s0x4707b885b42fafe3:0xe754b8581c20604e!2m2!1d14.6419022!2d52.1436615!1m5!1m1!1s0x47b00b514d494f85:0x425ac6d94ac4720!2m2!1d9.7320104!2d52.3758916!3e0

[5] Schulz gibt hier wie auch im Folgenden 31.517.32 DM an. Doch diese siebenstellige Zahl ist unlogisch, wie auch die durch Punkt abgesetzen zwei letzten Ziffern zeigen. Diese müssen Pfennige bedeuten.

Inhaltsverzeichnis _Inhaltsverzeichnis

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« Kap. 35 f

logo-moabit-kDieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit,

            die keine Kindheit war

Fünfunddreißigstes Kapitel

Drogen aus Amsterdam

Mein Plan, aus meinem Restkapital noch etwas zu machen, nahm immer festere Formen an. Ich fragte Helga, die ja noch nicht viel in der Welt herumgekommen war, ob sie Lust hätte Amsterdam kennen zu lernen. Sie konnte ja nicht ahnen, was ich dort vorhatte. Zunächst sagte ich ihr, dass mir eine Weiterfahrt bis nach Hannover nicht mehr zuzumuten wäre, nach nur drei Stunden Schlaf in den letzten beiden Nächten.

Helga, die, bis sie mich kennen gelernt hatte, eine unbescholtene Bürgerin unseres Landes war, abgesehen davon, dass sie bei einem Unfall einen Menschen totgefahren hatte, was ja als Kavaliersdelikt gilt und gerade mal mit einer Bewährungsstrafe geahndet wird, war auch nicht gerade erbaut davon, dass die bis dato sprudelnde Geldquelle nun versiegt war. Sie hatte nicht nur Gefallen daran gefunden, mich auf meinen Reisen nach London begleiten zu dürfen. Nein, sie hatte mich auch hin und wieder auf meinen Zigarettentouren begleitet, hatte neben mir an einem Spielautomaten gesessen, wenn ich diesen mit unseren aus London mitgebrachten Münzen fütterte. Als es hieß, wir machen Rast in Amsterdam, vermutete sie schon ganz richtig, dass ich damit einen Plan verband, den ich inzwischen ausgeheckt hatte. In völliger Unkenntnis der Stadt dauerte es eine Weile, bis wir eine Pension gefunden hatten. Ganz im Gegensatz zu London fanden wir dann doch ein piksauberes Zimmer. Nur die verfluchten Mücken, die sich in dieser Wasserstadt wohl fühlten und die sich von irgendetwas ernähren mussten, machten uns ganz schön zu schaffen. Nachdem wir uns nach der langen Reise eine Dusche gegönnt hatten, mussten wir auch mal wieder etwas essen. Eine Pension mitten in der City gefunden hatten wir es dann auch nicht weit bis in das pulsierende Leben dieser Weltstadt. Restaurants aller Couleur luden zum Eintreten ein. Wir bevorzugten, wie die meisten anderen Touristen auch, an diesem schönen Sommerabend einen Terrassentisch. Bei einem T-Bone Steak, baked potatoes, Salat und einem Glas Rotwein ver­klickerte ich ihr, wie ich mir gedacht hatte mein Restkapital mindestens zu verdoppeln.

Von Drogenhandel keine Ahnung, aber lernfähig

Jeder der mal eine Zeitung gelesen hatte oder gar einen Fernseher besaß, wußte was Cannabis ist. Oder soll ich sagen Haschisch? Dass damit in Deutschland gute Geschäfte zu machen waren, wusste ich ja von den deswegen bereits Verurteilten, mit denen ich eingesessen war. Auch hatte ich von dem Preisunterschied zwischen Holland und Deutschland gehört. Bloß, wie man an das Zeugs hier in Amsterdam heran kam, dabei hatte ich nicht hingehört, wenn darüber gesprochen wurde. Die vormals weiße Tapete unseres Pensionszimmers sah am nächsten Morgen ziemlich rotgefleckt aus. So manche Mücke hatte ihre Blutgier mit dem Leben bezahlen müssen. Am Frühstückstisch ver­suchte ich unsere Wirtin dahingehend auszuhorchen, wo denn hier in Amsterdam der Treffpunkt der Drogentouristen sei. Wir würden im Auftrag eines befreundeten Ehepaares deren Tochter suchen, die sich vermutlich hier rumtreiben würde. Selbst in Deutschland hatte man schon des Öfteren diesen Treffpunkt im Fernsehen erwähnt oder gar gezeigt. Nur unsere Wirtin stellte sich doof. Konnte, wollte keine Auskunft darüber geben. So kaufte ich mir dann einen Stadtplan und nahm mir vor, von der Pension her immer größere Kreise zu ziehen. Irgendwann mussten wir dann ja auf die Szene stoßen. Fein säuberlich markierte ich die bereits begangenen Straßen und Plätze mit einem Kugelschreiber. Ich weiß nicht mehr die wievielte Grachtenbrücke wir überquert hatten, da fielen mir zwei in Öl gemalte Bilder ins Auge. Diese Bilder angebracht rechts und links neben einer Eingangstüre. Darüber stand in großen Lettern „Coffee-Shop!“. Den Begriff Coffee-Shop hatte ich auch schon mehrfach gehört. Und die beiden „Ölgemälde“ ließen keinen Zweifel darüber aufkommen, was es darin zu kaufen gab. Das linke Bild zeigte einen Mann, der mit breitem Grin­sen eine unverkennbare „Tüte“ rauchte. Auf dem rechten Bild war dargestellt, wie dem Kerl, mit Augen so groß wie Wagenräder, der Kopf platzte. Darüber nur drei große Buchstaben- „WUM!“ Das sagte doch wohl alles! Vor dem Coffee-Shop, auf dem Bürgersteig, standen zwei weiße Plastiktische mit jeweils vier ebensolchen Gartenstühlen. Darauf steuerte ich dann zu, bat Helga draußen Platz zu nehmen, während ich hineinging und um zwei Tassen Kaffee bat. Die junge, weibliche Bedienung hinter dem Tresen schaute kurz von ihrem Dreigroschenheft auf, sagte Jo. Nachdem ich nun draußen darauf wartete, dass uns der Kaffee gebracht würde, steckte ich mir schon die zweite Zigarette an, ohne dass sich etwas tat. Als ich diese Zigarette aufgeraucht hatte, begab ich mich wieder ins Innere des Coffee-Shops. Ich konnte weder erkennen, dass die Kaffeemaschine im Hintergrund in Betrieb war, noch dass die Bedienung ihren Lesestoff beiseite gelegt hatte. Verwundert fragte ich das Mädchen, ob sie denn meine Bestellung nicht verstanden hätte. Als Gegenfrage kam, ob ich denn was kaufen wolle. Ich begriff, dass ich gar nicht lange um den heißen Brei herumreden musste. Zu Trinken bekam man hier erst etwas, wenn man eine Bestellung in Form von Cannabis tätigte. Na, wenn das so war! Während die Bedienung mir diese Frage gestellt hatte, legte sie mir auch schon ein riesiges Album auf den Tresen. Dieses aufschla­gend sah ich, feinsäuberlich in kleine durchsichtige Plastiktüten eingeschweißt die verschiedensten Haschsorten. Jede Sorte beinhaltete jeweils zwei Gramm. Ein daran befestigter Zettel besagte, welche Sorte sich darin befand und was es kosten sollte. Ja, was war das denn? So einfach ging das hier in Holland ab? Dass Cannabis in Holland ganz legal zu erwerben gab, wusste ich ja aus vielen Fernsehberichten, aber so offiziell? Über den Preis, der auf den Tüten angebracht war, war ich dann doch etwas verwundert. Hatte man im Knast nicht erwähnt, dass das Zeugs in Holland viel billiger als in Deutschland auf dem schwarzen Markt gehandelt wurde? Da sagte das Fräulein auch schon in sehr gutem Deutsch, dass, würde ich vier Päckchen kaufen, ein fünftes gratis dazu bekäme. Alles schön und gut, aber lohnte sich bei der Preisspanne überhaupt das Risiko, es nach Deutschland zu schmuggeln? Wenn man schon bei vier Portionen eine dazu gab, fragte ich mich, könnte es doch noch größeren Rabatt geben bei der Abnahme einer größeren Menge. Diesen Gedanken sprach ich dann auch aus. Ich wollte, musste ja ohnehin eine größere Menge mit nach Deutschland nehmen, sollte es sich für mich lohnen. Interessiert fragte mich das Mädchen auch gleich, an welche Menge ich denn gedacht hätte. „Hundert Gramm?“ Ich schüttelte den Kopf und meinte, dass ich mehrere Freunde in Deutschland hätte, die daran interessiert seien. „Zweihundert?“ Eingedenk meiner noch gut 5000 Mark in der Tasche sollte es schon etwas mehr sein. Daraufhin sagte sie mir, dass sie zu Hause noch 270 Gramm liegen hätte. Sie machte mir dafür sogar einen Sonderpreis. Das hörte sich schon ganz gut an. Doch auch damit wollte ich mich nicht zufrieden geben. Dem Mädchen ging fast die Luft aus, als ich ihr die Größenordnung angab, an die ich eigentlich gedacht hatte. Ja, wenn das so sei, dann müsse sie ihren Chef anrufen, nur der könne mit solchen Mengen aufwarten. Sie telefonierte mit ihrem Chef. Es könne aber bis zu einer Stunde dauern, bis er kommen würde, wurde mir übermittelt. „Ok“. Wenn wir nun unseren Kaffee bekommen könnten, würden wir warten. Sofort begann sie frischen Kaffee zu mahlen und versprach ihn nach draußen zu bringen. Dann dauerte es aber doch fast zwei Stunden bis der Chef kam. Wir tranken Unmengen von frisch gepresstem Orangensaft und ließen uns vertrösten.

Im Endeffekt hatte sich das Warten gelohnt. Was ich Laie damals noch nicht wusste, hatte der Chef eine der besten Sorten mitgebracht. Genau 1020 Gramm. Dafür wollte er läppische 4000 Gulden haben. Ich Idiot fragte ihn, ob er auch DM nehmen würde. Natürlich! Hocherfreut nahm er das Geld in DM Scheinen an. Warum ich Idiot? Nun, hätte ich das Geld gleich um die Ecke in einer der vielen Wechselstuben in Gulden eingetauscht, hätte ich sage und schreibe 400 Mark gespart.

Natürlich wußte ich, dass der schwierigste Teil der Reise noch vor mir liegen würde. Die Grenz­kon­trolle beim Zoll. Ich war ja oft genug über die Jahre hinweg über den gleichen Grenzabschnitt gefahren, kannte schon so gut wie alle Beamten dort.

Pernod hält Hunde fern

Kleine Verzögerungen hatte es immer wieder mal gegeben, wobei ich so einiges beobachten konnte. So sah ich denn auch manchmal, wie Hunde durch verdächtig erscheinende Autos getrieben wurden. Ich rechnete nicht unbedingt mit einer gründlichen Filzerei von Seiten der Grenzbeamten vom Zoll. Aber dann gab es ohnehin kein Versteck, das unentdeckt blieb. Die Hunde machten mir daher schon eher Sorgen. Hatte ich nicht schon während meiner Seefahrtszeit einiges gelernt? Noch nie hatte ich meinen Kofferraum öffnen müssen bei meinen Reisen nach London. Zumindest nicht an der Deutsch-Holländischen Grenze. In Dover dagegen war bei der Einreise fast immer eine Kontrolle erfolgt. Der Hunde wegen kaufte ich eben eine Flasche Pernod, verschüttete davon die Hälfte im Kofferraum meines Autos. Diesen Geruch, dass wusste ich, mögen die Hunde gar nicht. Sollte also zufällig ein Hund in die Nähe meines Wagens kommen, würde er ganz bestimmt nicht anschlagen. Bevor man in Dover oder auch anderen Häfen auf die Fähre rauffahren kann, wird man in eine bestimmte Spur eingewiesen, nachdem man sein Ticket vorgewiesen hat und bekommt einen Aufkleber an die Windschutzscheibe geklebt. Diesen Auf­kleber beließ ich auch immer an der Windschutzscheibe, damit man an der Grenze gleich erkennen konnte, woher ich kam. Dadurch wurde das Risiko schon etwas gemindert, überhaupt kontrolliert zu werden. Außerdem ließ ich schön sichtbar mein Fährticket auf dem Armaturenbrett liegen worauf das P&O Label prangte. Die ebenso unübersehbaren Duty Free Einkaufstüten mit dem gleichen Label auf den Rücksitzen sollten auch zeigen, dass ich direkt aus England käme. Im Übrigen, wer vermutete schon, dass ein Paar um die 50 herum sich mit dem Schmuggel von Cannabis abgab? So verlief denn auch unsere Weiterreise nach Hannover ohne jedwedes Hindernis.

In Hannover hätte ich gut und gerne aus den 4000 DM Wareneinsatz meine 20 000 machen können, wäre ich denn das Risiko eingegangen, das Zeugs Grammweise an Straßenhändler zu verkaufen. Das wären dann zu viele Mitwisser gewesen. Immer wieder kam es doch vor, dass so ein kleiner Kiffer von den Bullen hopsgenommen wurde, der wiederum verpfiff natürlich seine Bezugsperson, um die eigene Haut zu retten. Dadurch dass ich meine Ware nicht unter hundert Gramm weg gab, minimierte ich das Risiko erheblich. Statt 500% beließ ich es deshalb lieber bei einem Verdienst von 100% und wähnte mich auf der sicheren Seite.

Das Ganze musste ja über kurz oder lang in die Hose gehen.

Nicht erst seit meinem Zigarettenhandel war ich im hiesigen Rotlichtviertel bekannt. Aber das wäre schon wieder eine andere Geschichte! Ich wollte nur erwähnen, dass ich dort genügend Bekannte hatte, die mir meine, dazu noch preiswerte Ware aus den Händen rissen. Ich hätte schon drei Tage später wieder nach Amsterdam fahren können, um für Nachschub zu sorgen. Hätte ich allerdings gewusst, welches Gesockse sich unter den Junkies befand, ich wäre diese vorübergehende Dro­gen­karriere nie eingegangen. Weil ich aber viel zu wenig Hintergrundwissen über dieses Metier hatte, musste das Ganze ja über kurz oder lang in die Hose gehen.

Irgendeiner meiner Großabnehmer musste dann doch wohl im Vertrauen mich als Lieferanten genannt haben oder war es der Ossi, der Ware auf Kommission bekommen hatte, dann aber nicht zahlen wollte/konnte? Mein Bodygard hatte ihm nach mehrfacher Zahlungsaufforderung kurzer­hand das Nasenbein zertrümmert. Ein weiterer kam in Frage, der der Polizei einen Tipp gegeben haben könnte. Auch der hatte sich mein Vertrauen erschlichen, sich ein paar Mal als kreditwürdig erwiesen. Hätte ich doch erkannt, dass er im Grunde genommen heroinabhängig war, sich durch den Verkauf von meinem Dope lediglich seine Abhängigkeit finanzierte. Solchen Süchtigen kann man nur von heute bis gestern über den Weg trauen. Meine Gutgläubigkeit und meine Devise, leben und leben lassen, sollte mich dann auch nach wenigen Monaten schon wieder hinter schwedische Gardinen verschwinden lassen. Diesmal aber gleich für elf Jahre und acht Monate. Nein, natürlich nicht wegen der 1200 Gramm Haschisch, die man in meinem Besitz fand, als die SOKO mich am 6. Dezember 1990 fest nahm. In der Folgezeit im Kittchen erst sollte ich die Charaktere von Heroinabhängigen kennenlernen. Nur, da war das Kind schon längst in den Brunnen gefallen oder anders gesagt, ich war im Bau gelandet.

Dem Kerl ging der Arsch auf Grundeis.

Es gab da einige Aspiranten, die sich verkrümelten, nachdem sie mich abgezogen hatten. Einen davon sah ich rein zufällig auf der Straße. Ich ließ mein Auto mitten im Kreisverkehr bei einge­schalteter Warnblinkanlage stehen, verfolgte den Typ. In einer Seitenstraße hatte ich ihn endlich eingeholt. Ich schleuderte den Kerl gegen ein Auto, hielt ihm drohend die Spitze meines Auto­schlüssels an den Hals und fragte ihn, wie er sich die ausstehende Zahlung vorstelle. Dem Kerl ging der Arsch auf Grundeis. Glaubte er doch ein Messer an seinem Hals zu spüren. Als ich ihn dann wieder los ließ, fasste er sich immer wieder an den Hals, dort wo er die kalte Spitze des vermeintlichen Messer gespürt hatte, besah sich seine Finger um zu sehen, ob sich Blut daran befand. In seiner Not versprach er mir das Blaue vom Himmel, nur um aus meiner Nähe zu entkommen. Natürlich sah ich ihn nie wieder! Auch er könnte der Tippgeber gewesen sein. Dabei hatten doch meine Abnehmer einen bei weitem größeren Verdienst an jedem Gramm. Zahlten sie bei mir 8 Mark für das Gramm, verhöckerten sie es grammweise für 20 Mark auf der Straße oder in Discos. Wenn es denn mal immer auch 1 ganzes Gramm gewesen wäre. Durch Verbindungs­leute ließ ich hin und wieder mal von meinen Abnehmern etwas aufkaufen. Selten mal, dass das angebliche Gramm mehr als 0,7-0,8 Gramm auf die Feinwaage brachte. Den einzigen Trost, den ich habe ist, dass die meisten dieser Junkies sich inzwischen mit dem Heroingift totgespritzt haben.

Ich habe nie gelernt, so richtig Nein zu sagen. Oftmals bin ich auch im Knast abgezogen worden. Die Typen verkaufen, wenn es sein muss, Frau und Kinder, Eltern und Großeltern, nur um an das Gift zu kommen. Die erzählen einem herzzerreißende Geschichten, wo man einfach Mitleid bekom­men muss. Erst immer hinterher musste ich feststellen, dass wieder einmal meine Gut­gläubigkeit ausgenutzt worden war. Anstatt Rückzahlung der Schulden bekam ich Schläge angeboten. Außer dass ich die Zigaretten- und Spielautomaten überlistete, sie damit betrog, liegt es mir überhaupt nicht, einen anderen Menschen aus Fleisch und Blut zu betrügen. Deshalb konnte ich auch nie glauben, dass andere Menschen dazu fähig sind. Jedesmal, wenn mir so eine Abzocke bevorstand, sagte ich mir, dass ich denjenigen beleidigen würde, der mir seine Geschichte erzählte und etwas von mir haben wollte. Irgendwann musste ich doch auf einen Mithäftling stoßen, der noch etwas Ehre im Leib hatte und nicht von vornherein an Betrug dachte. Inzwischen bin ich zu der Erkenntnis gekommen, dass Heroinsüchtige vollkommen ohne Gewissen durchs Leben gehen. Die Sucht hat ihnen eine Hornhaut über das Gewissen wachsen lassen.

Nachdem ich einen kleinen Abstecher in meine Zeit als Drogendealer gemacht habe, will ich nun zu dem Punkt kommen, der mir im eigentlich vernünftigen Alter einen Aufenthalt von 10 Jahren und 15 Tagen Knast an einem Stück einbrachte. Doch dazu muss ich nun doch wieder ein wenig zurückgreifen in die Drogenszene. Ein Möchtegern Zuhälter, namens Harry, war ein konstanter Abnehmer meiner SteintorHollandware. Der war am Steintor[1] bekannt, wie ein bunter Hund. Er brauchte seine Ware garnicht erst wie Sauerbier irgendjemandem anbieten. Er machte lediglich seinen Rundgang durch das JIM[2] Rotlichtmilieu. Es hatte sich schnell herumgesprochen, dass er immer gute Ware mit einem ordentlichen THC[3] Gehalt verkaufte. Da ich immer von dem gleichen Händ­ler in Amsterdam meine Ware bezog und das auch gleich kiloweise, bekam ich auch immer die beste Sorte von ihm. Harry verdiente auf diese Weise bis zu 1200 Mark in einer Nacht. Er hatte nur einen Fehler. Er, der er von seinen 40 Lebensjahren die Hälfte davon im Gefängnis verbracht hatte, hatte einen großen Nachholbedarf, was das Leben betraf. Bei einem täglichen Verdienst von Tausend Mark war er spielend in der Lage, zweitausend auszugeben. In diversen Bars und Kneipen im Rotlichtviertel war er sogar kreditwürdig. Jedenfalls konnte er überhaupt nicht mit Geld umgehen. Anstelle dass er sich eine normale Wohnung anmietete, zahlte er lieber mitten im Revier für ein kleines Zimmer in einem Stundenhotel jeden Tag 80 Mark. Für die 2400 Mark Monatsmiete in solch einem Kabuff hätte er sich locker eine schicke Villa mieten können. Aber nein, er fühlte sich gerade hier, zwischen all den Nutten und Ganoven so richtig wohl. Fast jeden Abend brachte ich ihm Nachschub, wobei auch er mir manchmal den Kaufpreis schuldig blieb. Im Laufe der Zeit wuchs sein Schuldenberg bei mir an. Einmal, weil ich ihm eigentlich keinen weiteren Kredit einräumen wollte, legte er mir eine Achtmillimeter dicke Panzerkette mit einem echten Goldeagle als Anhänger hin. Er wollte dafür 50 Gramm haben. Allerdings wollte er diese in den nächsten Tagen wieder einlösen. Dass dieses heiße Ware war, ahnte ich wohl. Wie heiß diese Kette allerdings war nicht.

 

 

Sechsunddreißigstes Kapitel

Die dümmste Aktion meines Lebens

Als ich ein paar Tage später die Zeitung aufschlug, hätte ich beinahe mein Frühstück wieder aus­gekotzt. Ein Bild zeigte einen Mann mit blutüberströmten Gesicht. Man hatte ihm beinahe den Schädel eingeschlagen. Passiert war das vor einer Rotlichtbar. Weil Harry wieder einmal kein Geld hatte, hatte er mir die Kette zur freien Verfügung überlassen. Was sollte ich alter, mickriger Kerl mit solch einer Protzkette anfangen? Ich bot diese bei einem Goldhändler zum Kauf an. Abgesehen davon, dass ich von der Händlerin ganz schön mit dem Preis übers Ohr gehauen worden war, gab sie später vor Gericht auch noch an, das teure Stück eingeschmolzen zu haben. Somit hatte sie einen Verdienst von über 4000 Mark in Sicherheit gebracht. Normalerweise hätte sie die Hehler­ware an den Besitzer zurückgeben müssen. Dadurch aber, dass sie der Polizei, nachdem sie von diesem Raubüberfall aus der Zeitung erfahren hatte, den Hinweis auf mich gab, hatte sie sich gleichzeitig Pluspunkte bei der Polizei geholt. Schließlich führte sie ein seriöses Unternehmen und hatte sich von mir den Ausweis zeigen lassen. Der dicke Reibach blieb bei ihr, und an mir der Polizei zu erklären, wie ich an die teure Kette gekommen sei. Laut Aussage des Geschädigten kam ich persönlich für den Überfall überhaupt nicht in Frage. War er doch von zwei richtigen Kerlen, nicht unter 190, zusammengeschlagen und beraubt worden. Ich hatte die besagte Kette natürlich zwar im Rotlichtviertel beim Billardspielen in der Ritze einer Polsterbank gefunden. Da ich meinen Fund aber nicht dem Wirt abgegeben hatte, bekam ich eine geringfügige Strafe wegen Fund­un­terschlagung. Wobei der Staatsanwalt es lieber gesehen hätte, ich wäre wegen Diebstahls ver­urteilt worden, denn dann hätte er mich ins Gefängnis stecken können, da ich ja wegen Dieb­stahls bereits vorbestraft war. Warum ich den Fund der Kette nicht angezeigt hatte, begründete ich damit, dass ich als armer Arbeitslosenhilfeempfänger der Versuchung einfach nicht hätte widerstehen können, daraus Kapital zu schlagen. Als ich dem Gericht auch noch die Summe nannte, die ich bei der Händlerin erhalten hatte, bekam diese eine gewisse Röte ins Gesicht und der anwesende Geschädigte bekam einen Wutanfall. Die Kette hatte einen tatsächlichen Wert von mehr als 5000 Mark. Dass sie diese eingeschmolzen haben wollte, konnte er nicht glauben. Ich auch nicht! Aber beweise einer das Gegenteil.

Ob Harry selbst an dem Raubüberfall beteiligt war, möchten Sie wissen? Kann ich nicht sagen. Jedenfalls war er keine 1,90m groß. Er war mal gerade 1,86m! Bin ich jetzt zu weit von meiner Geschichte abgewichen? Nein! Ich wollte mit diesem Zwischenbericht nur darstellen wie Harry immer in Geldnöten war. Eines Abends, ich war ohne Auto in der Stadt, setzte ich mich in einer Kneipe mit Harry zusammen und trank mit ihm ein paar Bier. Er übermittelte mir Grüße von ein paar Kiezgrößen, in deren Achtung ich gestiegen war, weil ich mich wegen der Kette vor Gericht so wacker geschlagen, aber niemanden verraten hätte.

Am Ende hatte ich mich auf die dümmste Aktion meines Lebens eingelassen.

Wenige Stunden und ein paar Glas Bier später wurde Harry schon zutraulicher mir gegenüber. Er erzählte mir im Vertrauen, dass er wisse, wo sich derzeit der Staatsfeind Nr. 1, na ja zumindest von Niedersachsen, aufhalte. Dem war näm­lich die Flucht mit Waffengewalt aus dem Gefängnis gelungen. Seine Frau, eine Polizisten­tochter aus Hannover, hatte die Waffe beim Besuch in der JVA Lingen reingeschmuggelt. Nun sei Bruno Reckert[4] schon seit Wochen auf der Flucht und ernähre sich von diversen Raubüberfällen auf Supermärkte und Banken. Es sprach so etwas wie Bewun­derung aus seinen Worten, als er mir dies schilderte. Ja, er brüstete sich damit, mit eben jenem Bruno Reckert, der als Boss der berüchtigten Golfbande[5] in die Schlagzeilen, aber auch in den Knast gekommen war, mit diesem zusammen gesessen hätte, wobei sie gute Freunde geworden waren. Am Ende jener nächtlichen Biersession hatte ich mich auf die dümmste Aktion meines Lebens eingelassen.

Für Harry war klar, seinen nächsten Coup im Osten zu starten.

Zum Teil lag dies natürlich daran, dass ich nicht gerade viel Alkohol vertragen konnte, aber auch an meinem Frust, den ich dem Staat gegenüber mit mir herumschleppte. Hatte man mich schon mit 46 Jahren quasi aus der Kartei der zu vermittelnen Arbeitskräfte ausgesondert, nachdem mein Sohn in dem Alter war, wo ich ohne weiteres wieder ins Berufsleben hätte einsteigen können, so bekam ich nach der Haftentlassung 1988 überhaupt keine Angebote mehr. Deshalb ja auch die Wiederaufnahme meiner Londonreisen. Nachdem dieses Geschäft geplatzt war, hatte ich mich zwangsläufig auf den Haschischhandel verlegt. Doch ehrlich gesagt: dieser Handel behagte mir überhaupt nicht, war ja auch mit viel höherem Risiko behaftet. Ich konnte mir ja schlecht auf die Stirn tätowieren lassen: „So jetzt zeige ich es euch allen mal, wozu ein 50-jähriger noch in der Lage ist!“ Es diente nur zur Stärkung meines Selbstbewusstseins, als ich mich in jener Nacht von Harry als Fahrer für einen Bankraub anheuern ließ. Wie naiv ich war, in Harry einen ganz harten, großen Gangster zu sehen, hatte er doch schon 20 Jahre von seinen 40 Lenzen im Bau verbracht, sollte sich erst viel später herausstellen. Er imponierte mir damit, dass er mir einen Zeitungsartikel zeigte, wo ein erst kürzlich stattgefundener Bankraub in der City von Hannover geschildert wurde. Diesen Raub hatte er mit einem Kumpel begangen, war in der nahe gelegenen U-Bahn Station unter­getaucht. Die Fahndung verlief erfolglos. Inzwischen dürfte auch diese Tat verjährt und die Akten darüber geschlossen worden sein. Bei seinem Lebenswandel hatte er keine Probleme damit, die Beute ziemlich schnell zu verprassen. Ein erneuter Beutezug war fällig. Für seinen nächsten Raubzug hatte er sich den Osten der Republik ausgedacht. Dort war gerade erst die Westmark eingeführt worden. Aus Medienberichten wusste er auch, dass in den neuen Bundesländern die Banken längst noch nicht den Sicherheitsstandard hatten, wie im Westen. Deshalb war für Harry klar, seinen nächsten Coup im Osten zu starten.

Dazu war allerdings ein Auto nötig. Er selbst hatte natürlich weder Auto noch Führerschein, Harry fand, dass ich kaltschnäuzig genug wäre, das Fluchtfahrzeug zu steuern. Damit schmierte er mir Honig ums Maul. Ich wurde wieder mal gebraucht. Mein Talent als guter Autofahrer hatte sich durch eine frühere Aktion im Rotlichtmilieu herumgesprochen. Hatte ich doch ein mich verfolgen­des Auto vollbesetzt mit Zuhältern, die mir ans Leder wollten, trickreich abgehängt. Andere Geschichte!

Erst am nächsten Tag kam mir so richtig zum Bewusstsein, worauf ich mich da eingelassen hatte. Mein Ehrenkodex, ein einmal gegebenes Versprechen niemals zu brechen, aber ließ es nicht zu, dass ich den Schwanz einzog.

Es war abgemacht, dass ich nur als Fahrer fungieren sollte. In die Bank selbst wollte er mit einem anderen Kumpel gehen, um Geld abzuheben, wie er es nannte. Ein paar Tage später rief er mich an, dass er mir seinen Kumpel vorstellen wolle. Ich bereitete ein extra schickes Menu vor, um eine gemütliche Atmosphäre bei unserem „Geschäftsgespräch“ zu haben. Helga war zur Spätschicht außer Haus. Schon nach wenigen Minuten war mir klar, dass ich mit diesem, seinem Kumpel, auf gar keinen Fall solch einen Coup durchziehen würde. In letzter Zeit hatte ich ja genügend Gelegenheit gehabt, die Drogenszene kennen zu lernen. Ich erkannte sehr schnell, dass der Typ, den er da angeschleppt hatte, der Fraktion der Heroinabhängigen angehörte. Harry machte auch gar nicht erst den Versuch mich umzustimmen, als ich ihm geradeheraus sagte, dass der Kerl für mich nicht in Frage käme.

Wie ich später erfuhr, saß ich inmitten von Hunderten von Jahren Knast!

Den nächsten Kandidaten lernte ich dann schon an einem neutralen Ort kennen. Was heißt schon neutral? Es war eine Kneipe, die in Hannover auch als Drogenumschlagplatz bekannt war. Der Kneipenbesitzer war ein Türke und wir vier waren die einzigen Deutschen unter etwa 15 Gästen. Ja, wir waren zu viert. Denn unser dritter Mann hatte seine Braut mitgebracht. Wie ich sehr schnell feststellen konnte, war das Pärchen clean. Na, zumindest nicht von der Nadel abhängig. Etwas abseits von den übrigen Gästen saßen wir auf einer kleinen Empore und unterhielten uns, während wir unsere Pfeile auf eine Dartscheibe warfen. Den uns beobachtenden Gästen, ausschließlich türkische Männer, lief der Sabber über die Lefzen, während sie jede Bewegung der zu uns gehö­renden naturblonden und außerordentlich hübschen Frau mit ihren Augen fickten. Die Frau könnte einem billigen Dreigroschenheft entsprungen sein. Sogar eine Von war sie. Aber daran ver­schwen­deten wir bei unserem Gespräch natürlich keinen Gedanken. Wolfgang, der an diesem Abend noch nicht ahnte, dass dies sein letztes Dartspiel in diesem Leben war, machte bei mir jedenfalls den besten Eindruck. Er hatte so gar nichts knackihaftes an sich, obwohl auch er mit seinen 39 Jahren 20 davon ohne größere Unterbrechung, im Knast verbracht hatte. Er war mit 19 erstmals eingeflogen, hatte Lockerungen, sprich Ausgänge zur Entlassungsvorbereitung bekommen und prompt ein neues Ding gedreht. So ging das ein paar Mal, bis er in das Hochsicherheitsge­fäng­nis nach Celle kam. Dort gab es dann keine Ausgänge oder gar vorzeitige Entlassung. Jetzt befand er sich seit knapp vier Monaten endlich auf freiem Fuß. Hatte natürlich einen enormen Nachhol­be­darf, was das verpasste Leben anging. Dieser Nachholbedarf kostete allerdings Geld. Harry und Wolfgang hatten viele Jahre gemeinsam in der JVA Celle verbracht, sich dort angefreundet. An diesem Abend schien mir, Wolfgang sei einem Modekatalog entsprungen. Sauber rasiert und in Schlips und Kragen lernte ich ihn kennen. Auch hatte er keine Einstichstellen an seinen Armen. Davon hatte ich mich vergewissert. Abgesehen davon, dass Wolfgang ein wirklich gut aussehender Mann mit ausgeprägtem sportlichen Körper durch intensives Krafttraining, wie es viele Spitzbuben zum Zeitvertreib im Knast betreiben, stand besagte Freifrau von … auf zwielichtige Typen, wie ihr ja später auch von der Staatsanwaltschaft bescheinigt wurde.

Nachdem wir uns ausgiebig berochen hatten, hatte Harry noch eine Überraschung an diesem Abend für mich parat. Bis auf den Termin hatten wir soweit alles geklärt. Dann meinte Harry, dass unser Vertrag einen würdigeren Rahmen verdient hätte. Im Taxi fuhren wir zu einem renommierten Italiener, wo wir unseren Hunger stillen wollten, wie Harry meinte. Dieser Schlawiner jagte mir in dieser Nacht noch einen ganz schönen Schrecken ein. Bei dem Italiener „trafen wir rein zufällig“ einen alten Bekannten von beiden. Harry wie auch Wolfgang kannten zumindest einen von den bereits anwesenden Gästen. Kurzerhand wurde ein weiterer Tisch herangeschoben und wie ich später erfuhr, saß ich inmitten von hunderten von Jahren Knast!

Ich ließ mir zunächst einmal meine Piccata Milanese und den Roséwein schmecken. Sambuco[6] wurde gleich flaschenweise von seinem Bekannten bestellt. Damit hielt ich mich aber zurück. Allzu schnell wurde mir schlecht, wenn ich Hochprozentiges trank. Ich wollte das leckere Essen ja nicht gleich wieder auskotzen. Harry allerdings ließ sich gerne immer wieder nachschenken. Für eine Weile zog er sich mit dem Bekannten an einen Nebentisch zurück, tuschelte mit ihm geheimnisvoll, wobei man oft zu mir herüber schaute.

Zu fortgeschrittener Stunde hatte sich das Lokal bis auf unsere Runde geleert. Harrys Bekannter hatte dem Alkohol ganz ordentlich zugesprochen. Nun fand er, dass er seiner Lebensfreude irgend­wie Ausdruck verschaffen müsse. Er stieg auf den Tisch und begann darauf zu tanzen. Na ja, das war nichts Besonderes für mich. Hatte ich doch während meiner Kellnerzeit genügend Partys erlebt, wo ausgelassene Gäste auf den Tischen tanzten. Aber als Harry mich dann ins Vertrauen zog, mir ganz stolz erzählte, dass der Tänzer der meistgesuchte Verbrecher Bruno Reckert sei, da wurde mir doch ganz anders zumute. Fuhren doch ständig Polizeiautos an diesem Lokal vorbei in Richtung der Polizeizentrale am Welfenbunker.[7] Die gesamte Vorderfront des Restaurants bestand aus Glas. Musste sich da nicht irgendwann ein vorbeifahrender Polizist darüber wundern, dass in diesem Nobelrestaurant ein Mann auf der weißen Tischdecke tanzte? Ich hatte nun wirklich keine Lust, mit neugierigen Polizisten zusammenzutreffen. Immerhin hatte ich auch noch 100 Gramm Haschisch bei mir, die ich noch ausliefern wollte. So zog ich dann lieber vor, das Weite zu suchen. Übrigens an diesem Abend hatte Wolfgang, der Bruno Reckert ja ebenfalls aus gemeinsamer Knast­zeit kannte, wie auch Harry, einen Magnum Revolver für den anstehenden Bankraub ausgeliehen. Das erfuhr ich allerdings erst Tage später.

1992, als ich begann darüber nachzudenken, wie ich in diese Bedroullie geraten war, saß ich bereits in der JVA Cottbus in U-Haft.

Wie konnte ich in diesen verpfuschten Lebensverlauf hineingeraten?

Bis zu vier Mal in der Woche wurden Harry und ich mit einem Gefangenentransporter nach Frank­furt/Oder gekarrt, um an unserer Verhandlung wegen des Bankraubs teilzunehmen. 25 Verhand­lungstage, verteilt auf fünf Monate, benötigte das Gericht, um ein Urteil zu fällen. Das dürfte in die Kategorie Seltenheitswert fallen. Wann gibt es das schon, dass ein mickriger Bankraub ein Gericht so lange beschäftigt? Selbst Mordfälle gehen meist schneller über die Gerichtsbühne. Während ich nun auf die sporadischen Gerichtstermine wartend in meiner maroden Gefängniszelle saß, began­nen Depressionen von mir Besitz zu ergreifen, hatte ich immerhin noch soviel Durchblick, dass ich dagegen ankämpfen müsse. Immer wieder fragte ich mich, wie ich in diesen verpfuschten Lebensverlauf hineingeraten konnte.

Die in der JVA tätigen Beamten waren allesamt, bis auf den Anstaltsleiter aus NRW, aus DDR Zeiten übernommen. Denen war ich haushoch überlegen mit meiner Kenntnis vom Strafvollzugsgesetz. Alle Beamten zitterten noch um ihre Jobs. Die Überprüfung ihrer Stasi Vergangenheit war noch in vollem Gange. Wenn überhaupt, kannten die Beamten als Fremdsprache gerade mal etwas Russisch.

So langsam aber füllten sich die östlichen Gefängnisse mit Multi-Kulti Gefangenen. So konnte ich mich des Öfteren bei den Beamten als Dolmetscher nützlich machen. Als Gegenleistung liehen sie mir die vorsintflutliche Schreibmaschine aus dem Vernehmungszimmer aus und gaben mir auch das nötige Schreibpapier dazu. So konnte ich damit beginnen mein Leben aufzuarbeiten. Nicht dass ich etwa den Leser um Verständnis oder gar Mitleid für meine Verbrecherlaufbahn gewinnen möchte. Oder doch ein wenig Verständnis? Jede Ursache hat eine Wirkung; oder wie heißt das Sprichwort? Nachdem der Prozess fünf Monate gedauert hatte, etwa 80 Zeugen ihre Aussagen gemacht hatten, fand das Gericht ein „gerechtes“ Urteil.

Ich war mit meinen Lebenserinnerungen gerade mal auf Seite 111 angekommen. Dann gilbten die Blätter 13 Jahre vor sich hin. Erst dann, als wieder Depressionen mein Leben bestimmten, wurde ich dazu ermuntert, doch weiter an meinem „Buch“ zu arbeiten.

Fußnoten

[1] Platz in Hannover. Kurzbezeichnung für das Steintorviertel, der Rotlichtbezirk in Hannover, ein Rechteck, gebildet aus Reuter-, Goethe-, Reitwallstraße sowie Am Marstall. Karte: https://www.google.de/maps/place/Hannover+Steintor/@52.3751837,9.7321234,17z/data=!4m5!3m4!1s0x47b074bb32d9e8df:0x3303e3185652e5a6!8m2!3d52.376772!4d9.732912

[2] Gemeint sein dürfte das Restaurant Jim Block in Hannover https://www.jim-block.de/restaurant-hannover.html

[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Tetrahydrocannabinol

[4] Bruno Reckert war ein hochkarätiger Krimineller. Neben seine vielen Straftaten und erfolgreichen Fluchten wurde er besonders durch die Flucht mit Geiselnahme aus der Celler JVA bekannt. Ein paar Links: Polizei Djangos und Kamikazes, http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13490936.html

Geiseln – Ungeheurer Dusel, http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13492397.html

Geiselgangster gibt Raubüberfälle zu https://www.neues-deutschland.de/artikel/330514.geiselgangster-gibt-raubueberfaelle-zu.html

Flucht aus der JVA Celle, https://de.wikipedia.org/wiki/Dirk_Dettmar

[5] Auch als GTI-Bande bekannt.

[6] Gemeint sein dürfte Sambuca, ein in der Regel farbloser, klarer Likör mit 38 bis 42 Volumenprozent Alkohol. Er wird mit Anis, Sternanis, Süßholz und anderen Gewürzen aromatisiert. https://de.wikipedia.org/wiki/Sambuca

[7] Welfenbunker, am Welfenplatz, ein Luftschutzbunker aus dem 2. Weltkrieg

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