Dierk Schaefers Blog

Inklusion und der ideologische Main­stream.

Wer Inklusion nicht rundweg gutheißt, ist ein Unmensch. Der politisch-korrekte Main­stream duldet keine Differenzierungen. Behinderung ist Behinderung und der muss man inklusiv begegnen. Wer diese Meinung nicht teilt, wird gar nicht oder nur feindselig zur Kenntnis genommen.

Vor wenigen Tagen konnte man lesen, dass in Niedersachsen bereits Inklusionskinder in der 5. Klasse des Gymnasiums sind, die den Zahlenraum von 1-10 nicht beherrschen.

Heute schreibt Klaus Ruß in der FAZ über die „dunkle Seite der Inklusion“.[1] Er nennt pseudonymisiert drei Fälle.

Da haben wir Ben: »Eine 7. Realschulklasse wartete jüngst in einem Kleinstadtbahnhof auf den Zug. Die Jugendlichen saßen auf dem Boden und tippten alle auf ihren Handys herum. Niemand sprach. Ein Junge stand abseits, ohne Smartphone, und hörte un­beteiligt zu, als die Lehrerin den „Handy­stumpfsinn“ kritisierte und verlangte: „Jetzt kümmert sich mal jemand um Ben!“ Keine Reaktion, und die Lehrerin er­klärte einem Bekannten auf dem Bahn­steig die Situation: „Die Kinder haben Whatsappgruppen; und weil Ben lernbehindert ist, kann er ein Smartphone nicht bedienen und hat mit den andern auch sonst nichts zu tun. Dem Unterricht kann er nicht folgen. Er sitzt da halt rum, und zweimal in der Wo­che kommt sein Förderlehrer und macht was mit ihm.“«

Und dann Patrick: Im Unterschied zu Ben macht er zusätzlich Arbeit. »Ein hoch­aggressiver Junge, der von einer Schule für Erziehungshilfe in die 3. Klasse einer Grund­schule über­wie­sen wurde und Leh­rerin M. mit dem Gedanken spielen lässt, ihren Beruf aufzugeben. Wenn Patrick zornig wird, wirft er sich auf den Boden und kotet ein. Die Kinder schreien. Frau M. bleibt nur, Patrick aufzuheben und zur Schulleiterin zu schleppen. Die wie­derum behilft sich mit süffisanten Bemer­kungen zur pädagogischen Kompetenz von Frau M. und empfiehlt „mehr Gelas­senheit“. Wer als Lehrer ohne ein­schlägige Therapie­ausbildung mit psy­chisch kranken oder schwer lernbehinderten Kindern umgeht (und das noch umge­ben von den ande­ren Kindern der Klas­se), vergeht sich am Wohl dieser Kinder. Und wer solches anordnet, weiß in der Re­gel nicht, was er tut; die Fähigkeit zum Umgang mit beeinträchtigten Kindern wächst nicht mit der Höhe der Schulhie­rarchie. Patricks Mitschüler erleben die Erosion eines ge­ordneten Unterrichts, werden nicht kun­dig belehrt über sein Verhalten und sind ratlose Zeugen, wie die geliebte Lehrerin ihre Ruhe, Stärke, Autorität und Selbst­achtung einbüßt. Für diese Kinder ist die Schule kein sicherer Ort mehr.«

Schließlich Quentin: »Ärztliche und therapeuti­sche Schweigepflicht, die Amtsverschwie­genheit der Lehrer und sonstige Regelun­gen des Datenschutzes hüllen solch ein Kind wie Quentin schützend ein und ver­eiteln damit alle relevanten Ziele von In­klusion. Dieser Junge besucht mittlerwei­se die 8. Klasse eines Gymnasialzweiges, begleitet von einer „Teilhabe­assistentin“ und einige Stunden pro Woche von einer Förderlehrkraft für „Geistige Entwick­lung“. Am Unterricht seiner Klasse hat er ebensowenig Anteil wie an deren sozia­lem und psychischem Erleben, das stark von der Pubertät geprägt ist. „Ob er dabei ist oder nicht, ist irgendwie egal. Er läuft halt mit“, konstatiert eine Lehrerin, die natürlich anonym bleiben will und keine Ahnung hat, wie lange „dieses Spiel“ noch weitergeht. Die Mitschüler dürfen nicht sagen, Quentin sei „krank“. Auch „behindert“ ist unerwünscht und soll dem Euphemismus „anders begabt“ Platz ma­chen. „Die Kinder re­den dann mit gespaltener Zunge, bloß weil Eltern und einschlägige Ideologen den Tatsachen nicht ins Auge sehen kön­nen. Solche Unwahrhaftigkeit ist Gift für eine Inklusion, die allen Kindern dienen muss.“ In Quentins Schule wird darüber gerätselt, ob er „durchs Abitur geschleift wird“ und weshalb er nicht auf die Haupt­schule geht, deren Lern- und Bildungszie­le er auch nicht erreichen könnte. Handfest ist die Irritation des Schülers Jonas, der ein Schuljahr wiederholen muss: „Wie kann es denn sein, dass Schü­ler mit schlechten Leistungen sitzenblei­ben oder gar von der Schule geschmissen werden und Quentin bleibt, obwohl er ja gar nichts kann? Das ist nicht seine Schuld, aber manche Sitzenbleiber ha­ben auch keine guten Chancen mitbe­kommen.“ Diese Form der Ungerechtig­keit ist Kindern nicht zu erklären.«

Es scheint der geheime Plan der Inklusionsideologen zu sein, Schule überhaupt in ihrem Lernanspruch zu nivellieren[2]. Kinder mit Behinderungen geistiger oder verhaltensmäßiger Art behindern die normalen Kinder, auch die hochbegabten. Darf man solche Differenzierungen überhaupt noch machen?

Um es deutlich zu sagen: Kinder sollen gefördert werden, auch nach individuellem Bedarf. Wenn sie das Klassenziel (nach Lehrplan) verfehlen, müssen sie wiederholen (doch das soll folgerichtig möglichst auch abgeschafft werden, wie auch die Noten). Wenn Kinder erkennbar von Beginn an in der gewählten Schulart keine Chance auf Erfolg haben, muss man ihnen die Beschämung ersparen und sie so beschulen, wie es ihren Fähigkeiten entspricht; dort treffen sie auf Fachleute, die den pädagogisch-förderlichen Umgang mit solchen Kindern gelernt haben. Dies entspricht dem Kindeswohl sowohl der Kinder mit speziellen Behinderungen und dem der anderen Kinder, die nun ihren Fähigkeiten angemessen unterrichtet werden können.

Kinder mit einer körperlichen Behinderung können in der Regel gut „inkludiert“ werden, weil sie dem Unterricht folgen können und nur „logistische“ Hilfen benötigen. Hier müssen die Kommunen als Schulträger für die erforderliche Ausstattung ihrer Schulen sorgen.

Doch das Inklusionsprojekt ist ohnein als Moralanspruch gestartet und als Sparmodell gelandet.

 

Hier im Blog war Inklusion schon mehrfach Thema.[3]

Fußnoten

[1] Leider bisher nur in der Printausgabe verfügbar. FAZ, Donnerstag, 5. Oktober 2017, S. 8, Zitate sind diesem Text entnommen. Ich habe den gesamten Text gescannt und schicke ihn gern per Mail zum persönlichen Gebrauch.

[2] Das sind die Leute, die das Gymnasium am liebsten abschaffen wollen. Sie halten Eliten für überflüssig, gar für schädlich. Lediglich im Sport wollen sie die dörfliche Fußballmannschaft nicht in die Bundesliga inkludiert sehen.

[3] https://dierkschaefer.wordpress.com/2013/04/03/die-illusion-der-inklusion/

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/05/18/wenn-inklusion-bloss-illusion-waere/

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/04/07/kinderrechte-inklusion-macht-kinder-zu-verlierern/ Man beachte auch die Kommentare!

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#TELEKOM – Namen sind nicht nur Schall und Rauch.

Posted in Bürokratie, Erlebnispädagogik, Firmenethik, Kultur, Leben, Medien, Moral, News, Recht, Soziologie, Wirtschaft by dierkschaefer on 26. November 2016

Namen zeigen zuweilen, wo’s brennt. Bei der TELEKOM ist die TELEKOMmunikation verstümmelt. Das Logo zeigt’s noch deutlicher: Ein T gefolgt von drei Pünktchen – ein Offenbarungseid in Sachen Kommunikation: T

„Bin grad ohne Telefon – Telekom“, sage ich meinen Bekannten und stoße auf gequältes Mitleid. „Machen Sie sich auf fünf Wochen gefaßt!“

Ich hatte leichtsinnigerweise dem Vorschlag auf „Umstellung auf IP“ zugestimmt.

Die T hatte mir versichert, meine Fritz!Box und meine EUMEX-Anlage seien kompatibel. Ich müsse auch nicht daheim sein, das laufe alles im Hintergrund.

Aus dem Urlaub zurück war mein Telefon tot. Aber ich fand ein nicht bestelltes Paket vor mit „Speedport“ und „Speedportadapter“. Den Speedport legte ich zur Seite, ich hatte ja meine Fritz!Box, und begann zu adaptieren. Mein Telefon blieb tot.

Unter der Service-Nummer der T … begrüßte mich ein verräterisch-überbetontes „Herzlich willkommen!“ Das war der Empfangsautomat, der gleich gouvernantenhaft-helfend die Richtung wies: „Kundennummer bereit halten – Leider sind alle unsere Mitarbeiter zurzeit im Gespräch“ – und dann der an- und abschwellende Bocksgesang der Warteschleifenmusik. Bei meinen vielen Kommunikationsversuchen mit der T habe ich fast Heimatgefühle entwickelt.

Also: Fast nichts gegen die Mitarbeiter der T , die sind durchweg freundlich bemüht, einem zu helfen – und ich habe viele kennengelernt, immer wieder neue. Kontinuierliche Kommunikation ist bei T nicht möglich. Immer wieder aufs neue die Kundennummer und das Problem genannt, bis ich mich beinahe selbst als Problem wahrnahm. Nur einmal hat mich einer kommentarlos in den Orbit der Warteschleife zurück-katapultiert und einmal geriet ich an einen, der sich nur mit Produktziffern und anderen Abkürzungen verständlich machen wollte. Der Techniker, der schließlich bei mir auftauchte, ein Nerd wie er im Netz steht, befand, die Leitung sei in Ordnung – und verschwand.

Hilferuf an Fritz!Box: „Ist meine Box kompatibel?“ Keine Warteschleife, Problem geschildert. „Ich schaue nach.“ Dann ein Mail (mein Netzanschluss war zum Glück intakt geblieben): „Nicht kompatibel“.

Wieder die Warteschleife der T . „Ich will hinter die IP-Umstellung zurück!“ – „Die Rückgabefrist ist abgelaufen, 14 Tage im Fernabsatzgeschäft. Nun haben Sie einen Speedport an der Backe“(sic!). Wie beruhigend. Ich sehe mich betrogen, koppele meine Fritz!Box ab und schließe meinen (?) Speedport an. Das Telefon bleibt tot.

Wieder die Warteschleife, wieder die scheußliche Musik, und immer wieder Mitarbeiter, die mich freundlich fernsteuern für die Einrichtung des Speedports.

Entgegen der Bedienungsanleitung: „Den Adapter brauchen Sie trotzdem. — Machen Sie doch mal … dies … und das“. T : „Dann ist wohl der Adapter kaputt. Wir schicken einen neuen“. – „Wann kommt der?“

Seit einer Woche ohne Telefon, angewiesen auf mein Prepaid-Handy und immer in Kontakt mit der inzwischen fast lieb gewonnenen T .

„O, bitte, bitte, Telekom, komm, komm, komm!

Doch bei der Kommunikationsmethode der T , Automaten mit Zufallszuweisung an menschliche Mitarbeiter, da wird’s wohl noch dauern.

Auch mein Arzt sagte erfahrungsgequält: „Machen Sie sich auf fünf Wochen gefaßt!“

Ein Kind — totgeschlagen

Posted in Bürokratie, Justiz, Kindeswohl, Kriminalität, Kriminologie by dierkschaefer on 16. September 2015

Die Liste der Leidensstationen des kleinen Alessio lesen wir im Südkurier[1]:

  • Juli 2013: Alessio, damals zwei Jahre alt, wird zum ersten Mal in der Uniklinik Freiburg behandelt. Die Ärzte setzen sich mit dem Kinderschutzzentrum in Verbindung. Das Jugendamt leitet daraufhin ein Kinderschutzverfahren ein.
  • Juli 2014: Erneute Einlieferung in die Klinik. Die Ärzte diagnostizieren blaue Flecken, Einblutungen ins Gehirn und einen Bluterguss am Hodensack. Sie stellen daraufhin Anzeige gegen Unbekannt und fordern das Jugendamt auf, Alessio nicht in die Familie zurückkehren zu lassen.
  • August 2014: Die Kinder und ihre Mutter werden vom Vater getrennt. Das Jugendamt ordnet an, dass Alessio alle 14 Tage vom Kinderarzt kontrolliert werden muss.
  • Oktober 2014: Mit Zustimmung des Jugendamts lebt die Familie wieder zusammen, aber unter Auflagen: Familientherapie, Mutter-Kind-Kur, weitere regelmäßige Kontrollen durch den Kinderarzt – die letzte erfolgt Ende Dezember 2014.
  • Januar 2015: Alessio stirbt beim Kinderarzt. Der Stiefvater hat ihn selbst dorthin gebracht.

Mehrere andere Medien berichten über Kritik am Jugendamt. Es soll Warnungen ignoriert und Alessio nicht ausreichend geschützt haben. Obwohl Kinderärzte und Staatsanwälte davor warnten, habe die Behörde den kleinen Alessio in der Familie und allein beim Stiefvater gelassen, als die Mutter zur Kur und später in einer Klinik war. Nachdem mehrere Bürger Anzeige erstattet haben, ermittele die Staatsanwaltschaft wegen möglichen Behördenversagens.“[2]

Nun steht der Vater vor Gericht[3]. So wie es aussieht, gehören auch die zuständigen Mitarbeiter des Jugendamtes dort hin, sowohl straf- wie auch zivilrechtlich. Dabei kann es nicht darum gehen, den Tod des kleinen Alessio zu „rächen“. Wir brauchen vielmehr ein deutliches Zeichen, dass Fahrlässigkeit von Jugendämtern einschneidende Folgen für die Verantwortlichen hat. Nur dann wird sich etwas ändern.

Zufällig stoße ich heute auf einen Beitrag zur Kontrolle von Polizisten[4]. „Quis custodit custodes?“ – „Wer überwacht die Wächter?“ heißt es dort. Und weiter: „In Deutschland liegt das Gewaltmonopol beim Staat. „Gewaltmonopol“ bedeutet, dass ausschließlich staatliche Organe physischen Zwang ausüben dürfen und dass jede Form der Selbstjustiz durch Bürgerinnen und Bürger verboten ist. Der zentrale Akteur des staatlichen Gewaltmonopols ist die Polizei. Sie hat den Auftrag, öffentliche Sicherheit und Ordnung zu gewährleisten. Aber wer überwacht eigentlich die Polizei? Und wie kann sichergestellt werden, dass diejenigen, die den Gesetzen Geltung verschaffen sollen, dies auch angemessen tun?“

Jugendämter haben zwei Funktionen. Neben den Dienstleistungen steht auch die des Wächteramtes für das Kindeswohl, also die Eingriffsbefugnis, die im Fall der akuten Bedrohung des Kindeswohls eine Eingriffspflicht ist. Eltern erleben solche Eingriffe als Gewalt, die zuweilen nicht gerechtfertigt sein mag. Doch auch diese Form staatlicher Gewalt muss kontrolliert und sanktioniert werden – ebenso auch das Unterlassen eines ausreichenden Kinderschutzes, wie wohl im Fall von Alessio.

Doch Jugendämter unterliegen keiner Qualitätskontrolle, sie haben keine Fachaufsicht. Das ist ein unhaltbarer Zustand in einem Rechtsstaat, dessen Tun und Lassen rechtliche Konsequenzen haben muss.

Ich möchte nicht falsch verstanden werden. Auch Jugendamtsmitarbeiter sind nicht unfehlbar. Entscheidungen gerade in Kinder- und Jugendlichenangelegenheiten können sich als falsch erweisen. Doch sie müssen „nach bestem Wissen und Können“ getroffen sein. Ich habe nicht den Eindruck, dass dies im Fall Alessio der Fall war.

[1] http://www.suedkurier.de/nachrichten/baden-wuerttemberg/Prozess-im-Fall-8222-Alessio-8220-beginnt-in-Freiburg-Stiefvater-des-getoeteten-Jungen-gesteht-Schlaege;art417930,8153792

[2] http://www.swr.de/landesschau-aktuell/bw/teilgestaendnis-vor-landgericht-freiburg-stiefvater-von-alessio-gesteht-brutale-schlaege/-/id=1622/did=16157858/nid=1622/8klh26/ http://www.focus.de/panorama/dreijaehriger-starb-qualvoll-er-pruegelte-den-kleinen-alessio-zu-tode-stiefvater-legt-ein-gestaendnis-ab_id_4948461.html http://www.bild.de/regional/stuttgart/prozess/vater-legt-gestaendnis-im-fall-alessio-ab-42583098.bild.html

[3] Man lese den Bericht im Südkurier: Die immer wiederkehrende Gewaltgeschichte; schon die Eltern waren Opfer und machen die Kinder wieder zu Opfern. Das Versagen des Kinderschutzes geht von Generation zu Generation.

[4] http://www.bpb.de/politik/innenpolitik/innere-sicherheit/201425/kontrolle-der-polizei

Wer Augen hat zu lesen, der lese …

Posted in Bürokratie, Deutschland, Geschichte, Menschenrechte, Politik by dierkschaefer on 8. September 2015

… und ihm werden die Augen aufgehen. Ein emeritierter Professor[1] für alte Sprachen (Richard) gerät eher zufällig, dann aber recherchierend in Kontakt mit schwarzafrikanischen Flüchtlingen. Er entdeckt dabei nicht nur sie, ihre Länder und die dortigen Lebens- und Fluchtbedingungen, entdeckt nicht nur die hiesigen Lebensbedingungen für schwarzafrikanische Flüchtlinge, sondern er entdeckt auch seine Lebensbedingungen in diesem immer merk- und fragwürdiger erscheinenden Deutschland.

Von Jenny Erpenbeck sachkundig und faszinierend geschrieben. Sollte man unbedingt lesen, denn dabei gehen einem die Augen auf – Zyniker und andere Menschenverächter ausgenommen.

[1] (mit DDR-Hintergrund)

Hier ein Auszug:

Jenny Erpenbeck

GEHEN, GING, GEGANGEN

Roman

Die Afrikaner müssen ihre Probleme in Afrika lösen, hat Ri­chard in letzter Zeit häufig Leute sagen hören. Hat Leute sagen hören: Dass Deutschland überhaupt so viele Kriegsflüchtlinge aufnehme, sei sehr großzügig. Im gleichen Atemzug sagen sie: Aber wir können nicht ganz Afrika von hier aus ernähren. Und sagen außerdem: Die Armutsflüchtlinge und Asylbetrü­ger nehmen den wirklichen Kriegsflüchtlingen, das heißt also den Kriegsflüchtlingen, die auf direktem Wege nach Deutsch­land kommen, die Plätze in den Asylbewerberheimen weg.

Die Probleme lieber in Afrika lösen. Richard stellt sich einen Moment lang vor, wie ein Erledigungszettel für die Männer, die er in den letzten Monaten hier kennengelernt hat, dann aussehen müsste.

Während auf seinem eigenen Zettel zum Beispiel stünde:

  • Monteur für Reparatur Geschirrspüler bestellen
  • Termin beim Urologen ausmachen
  • Zähler ablesen

würde auf der Erledigungsliste für Karon stattdessen stehen:

  • Korruption, Vetternwirtschaft und Kinderarbeit in Ghana abschaffen

Oder bei Apoll:

  • Klage gegen den Konzern Areva (Frankreich) einreichen
  • neue Regierung in Niger einsetzen, die sich durch aus­ländische Investoren nicht bestechen oder erpressen lässt
  • unabhängigen Tuareg-Staat Azawad gründen (mit Yussuf besprechen)

Und bei Raschid stünde da:

  • Christen und Muslime in Nigeria miteinander versöhnen
  • Boko Haram davon überzeugen, die Waffen niederzu­legen

Zuletzt sollten Hermes, der Analphabet mit den goldenen Schuhen, und Ali, der zukünftige Krankenpfleger, sich ge­meinsam um diese beiden Aufgaben kümmern:

  • Verbot von Waffenlieferungen an Tschad (USA und China)
  • Verbot, im Tschad Erdöl zu fördern und außer Landes zu bringen (USA und China)

Sag einmal, fragt Richard Karon, wie groß müsste ein Grund­stück in Ghana sein, von dem sich deine Familie dort selb­ständig ernähren könnte?

Karon überlegt einen Moment und sagt dann: Ein Drittel vom Oranienplatz etwa.

Und wieviel würde das kosten?

Karon überlegt wieder und sagt: Ich denke, zwischen 2000 und 3000 Euro.

Noch im Sommer vor anderthalb Jahren hätte Richard sich beinahe ein Surfbrett gekauft (1495,- Euro), aber be­vor er sich hatte entscheiden können, war schon der Herbst dagewesen, und im letzten Sommer, nachdem der Mann im See ertrunken und nicht mehr aufgetaucht war, hatte ihm natürlich nichts ferner gelegen als der Kauf eines Surfbretts. Dagegen wäre der Kauf eines staubsaugenden Roboters (799,- Euro) sicher auf jeden Fall eine gute Idee, auch einen …

S. 252f

Knaus-Verlag, München, 2015

»Mehr Geld für ehemalige Heimkinder« – Ja, haben die denn immer noch nicht genug?

Posted in Bürokratie, Gesellschaft, heimkinder, Kinderrechte, kirchen, Staat by dierkschaefer on 2. September 2015

Korrekte Meldungen[1] können falsche Reflexe auslösen, das sollten Journalisten bedenken. Aber „Heimkinderfonds: Niedersachsen bessert nach“ ist dem stellvertretenden Leiter des Themenbereichs Politik und Wirtschaft der Zeitung (Neue Osnabrücker Zeitung, NOZ) nicht eingefallen.

Worum geht’s?

Der Heimkinderfonds vergibt Gelder, die ehemalige Heimkinder auf Antrag aber ohne Rechtsanspruch erhalten können in schwierigen Lebenslagen, die in Verbindung mit ihrem Aufenthalt in Kinderheimen gebracht werden können, und müssen. Werden die Antragsteller gut beraten und stoßen sie auf gutwillige Bewilliger, können sie bestenfalls zehntausend Euro erhalten, oft für ein Leben, dass gründlich fehlgeleitet/verpfuscht wurde durch die pädagogischen Leistungen in kirchlichen und staatlichen Erziehungsheimen.[2] Diese Zah­lungen, meist deutlich weniger, sollen auch Therapiekosten abdecken, auch für verspätete Psychotherapien wegen posttraumatischer Störungen, die aus der Heimzeit resultieren. Zusätzlich werden pauschal Entschädigungen gezahlt für nicht entrichtete Sozialversiche­rungs­beiträge für die Zwangsarbeit der ehemaligen Heimkinder.[3] Schließlich werden aus dem Fonds auch noch die anfallenden Verwaltungskosten bezahlt.

Der Fonds wurde mit 120 Millionen Euro ausgestattet, finanziert je zu einem Drittel durch den Staat (die Länder) und die beiden Großkirchen. Plausible Schätzungen gehen davon aus, dass von den rund 800.000 ehemaligen Heimkindern noch 500.000 leben und einen Antrag stellen konnten. Das sind wohl auch die Angstzahlen von Kirchen und Staat gewesen. Entgegen deren Befürchtungen wurden nur zu einem geringen Prozentsatz Anträge gestellt – warum auch immer. Doch auch dafür war der Fonds zu schmal und muss nachgebessert werden.

Nun ist immerhin die Summe überschaubar, denn die Frist für Anträge, kurzfristig gesetzt, ist Ende des letzten Jahres abgelaufen. Dennoch tun sich manche Bundesländer schwer, aufzustocken. Niedersachsen, so der Kern der Zeitungsmeldung, bessert nach.

Der vermeintlichen Jubelmeldung der NOZ folgte ein Leserkommentar:

»Ach Gottchen: Welch gnädiger Akt! Zahlreiche Opfer dieser Staats- und Kirchenpolitik sind längst verstorben. … Heute nun kommen diese Gutmenschen daher und schütten aus übergroßer gnadenreicher Sicht der Dinge ein paar Almosen für die Überlebenden aus alter Zeit aus. Welch ein übermenschlicher Zug!«

Dem ist nichts hinzuzufügen.

[1] http://www.noz.de/deutschland-welt/niedersachsen/artikel/612023/mehr-geld-fur-ehemalige-heimkinder

[2] Es geht dabei ausschließlich um Fürsorgeerziehung. Ehemalige Heimkinder, soweit sie Insassen von Behindertenheimen, psychiatrischen oder sonstigen Einrichtungen waren, hatten es zwar nicht besser, wurden aber bisher nicht bedacht. Die Bundesländer konnten sich noch nicht auf einen Modus einigen – derweilen sterben die Leute halt weg.

[3] Diese Zahlungen sind kein Ausgleich für nicht gezahlte Löhne, sondern betreffen ausschließlich die Rente. Dies aber nur für ehemalige Heimkinder, die bei der Zwangsarbeit mindestens 14 Jahre alt waren. Regelrechte Kinderarbeit, also von Kindern unter 14 Jahren, gab es nachweislich auch, doch die darf es nicht gegeben haben, also gibt es auch keinerlei Entschädigung dafür.

Es geht nicht um die Kinder.

Posted in Bürokratie, Erlebnispädagogik, Kinderheime, Kinderrechte, Kriminalität, Pädagogik by dierkschaefer on 3. Juli 2015

Jugendamt Gelsenkirchen: Die Stadt habe ganz genau gewusst, was Herr Frings da in Ungarn tut, sagt sein Anwalt. »Zusammen mit dem ehemaligen Jugendamtsleiter Wissmann war er an einem Kinderheim und einem Reiterhof dort beteiligt. Durch Mauschelei sollen sich beide finanziell bereichert haben. Frings und Wissmann hätten ihre Nebentätigkeit aber ganz normal bei der Stadt angemeldet – diese habe dann alles genau geprüft und weitgehend gestattet«[1].

Die Kündigung der beiden ist strittig. Im Oktober geht die Verhandlung vor dem Gelsenkirchener Arbeitsgericht weiter.

Was auffällt: Es geht im Geld, um das Geld der Stadt und um das Geld der Gekündigten. Es geht nicht um die Kinder. Wann und wo wird es um die Kinder und ihre Behandlung durch die Gelsenkirchener Jugendhilfe gbehen?

[1] http://www.radioemscherlippe.de/emscher-lippe/lokalnachrichten/lokalnachrichten/article/-218859530a.html

Mehr zum Fall:

https://dierkschaefer.wordpress.com/category/heimkinder/

https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/05/10/allein-aus-nrw-247-kinder-und-jugendliche-in-22-landern-untergebracht-mehr-oder-weniger-uber-den-ganzen-globus-verteilt/

https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/05/05/heimspiele-zweier-jugendamter-und-ihre-auswartsspielereien/

http://www.welt.de/regionales/nrw/article140976111/Wenn-Schutzbefohlene-in-Faenge-der-Fuersorge-geraten.html

http://www1.wdr.de/daserste/monitor/sendungen/mit-kindern-kasse-machen-heimkinder-104.html

Ohne Urne – Gedenkgottesdienst für ein ehemaliges Heimkind

Posted in Bürokratie, heimkinder by dierkschaefer on 24. Juni 2015

Der Vorfall ist makaber genug. Da ist wohl jemand bzw. seine Urne clam-heimlich verbuddelt worden, zum Sozialtarif; keine würdige Bestattung also, wenn man sich darunter das vorstellt, was die Wiener eine „schöne Leich“ nennen. Dabei hätte der Verstorbene Geld dafür haben können, … hätte, hätte. Den Anspruch auf das Geld hätte er zu Lebzeiten erheben müssen. Das hatte er auch. Doch er hatte versäumt, das schon bewilligte Geld noch zu Lebzeiten für seine Beisetzung zu reklamieren. Die Behörden reagieren — ich sag einmal: kindisch nach dem Kinderspruch „Weggegangen – Platz vergangen“. Das wurde in diesem Blog schon zweimal behandelt.[1]

Mir persönlich sind Bestattungsfragen nur von theoretischem Interesse. Doch sie können bedeutend werden, hier als Politikum. Staatsbegräbnisse sind auch ein Politikum, aber eher langweilig in ihrer gestelzten Würde. In diesem Fall steht der Verstorbene symbolisch für viele andere, die in staatlichen und kirchlichen Heimen für ein normales Leben unfähig gemacht wurden, und das betrifft auch ihre wirtschaftliche Lage. Die Inkompetenz der Jugendhilfe und ihrer freien Träger Kinder für die Welt fit zu machen[2], diese Inkompetenz der Jugendhilfe zeigt ihre terminalen Ergebnisse beispielhaft in diesem Fall.

Man wird den Veranstaltern des Gedenkgottesdienstes vorwerfen, den Todesfall zu instrumentalisieren. Er wurde längst instrumentalisiert, von den Behörden und ihren herzlosen Bürokraten. Sie zeigen unverhüllt die Fratze ihrer Menschlichkeit.

Hier nun der Wortlaut der Einladung zum Gedenkgottesdienst.

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Sehr geehrte Damen und Herren,

ich möchte Sie herzlichst einladen, am Gedenkgottesdienst für ein ehemaliges Heimkind teilzunehmen und darüber zu berichten.

Für weitere Infos und Aussagen, stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung, auch um Ihnen aufzuzeigen, warum wir den Bestattungsgottesdienst für Herrn Humeny ohne Urne gestalten müssen. Herr Humeny war bis zu seinem Tod, praktizierender Katholik.

Mit freundlichen Grüssen,

Uwe Werner

Immelmannstr. 163

41069 Mönchengladbach

02161-5734277

01522-3627521

Werner Uwe

JUPPI-News :

Trotz 3-monatigem Kampf, mit den Behörden, Heimfond-West, Ordnungsamt, Halbschwester…, werden wir von unserem JUPPI wohl erstmal ohne Urne Abschied nehmen müssen.

Dies am Mittwoch, den 1. JULI 2015 um 17.30 Uhr :

Brandts-Kapelle, Mönchengladbach

Rudolfstr. 7

41068 Mönchengladbach

Anfahrt: Linie 15 vom HBF – Richtung Hardt/Rheindahlen

Haltestelle: Waldhausener Höhe (2 Min. Fussweg)

Es wird ein würdiger Gottesdienst werden, mit Blumenschmuck und vielen Kerzen, denn dunkle Zeiten hat Juppi genug gehabt in seinem Leben.

Wer sich mit einer persönlichen Ansprache, sich von JUPPI verabschieden möchte, ist dazu herzlichst eingeladen.

Den Gottesdienst gestaltet die Ordensschwester Stefanie, evtl. aber auch Pfarrer Erlemann, wenn es seine Gesundheit zulässt.

Ich würde mir sehr wünschen, wenn dieser Gottesdienst auch von vielen ehemaligen Heimkindern begleitet wird.

Es sind viele Heimkinder mittlerweile verstorben, welche anonym bestattet wurden und auch für diese werden wir diesen Gottesdienst gestalten und derer gedenken.

Im Leben ihrer Würde beraubt, im Tod werden wir dies zukünftig nicht mehr zulassen. Das dies in einem Land wie Deutschland überhaupt geschehen kann, ist mehr als beschämend und unter aller Würde!!! Noch im Tod , werden ehemalige Heimkinder (aber auch viele ältere einsame Mitbürger), nur noch als Kostenfaktor angesehen. Das muss aufhören!!!

Nach dem Gottesdienst, besteht die Möglichkeit neben der Kapelle im TAK, sich bei Gulaschsuppe, Kaffee und Kuchen noch auszutauschen.

Egal wofür die Behörde und die Halbschwester sich entscheiden, wir sorgen dafür, dass JUPPI in geweihter Erde seine Ruhe finden wird. Eine Abordnung wird zusammen mit Schwester Stefanie, den Ort der Bestattung aufsuchen und zwar gerüstet mit Weihwasser und Weihsprengel !!!

Die Presse wird ebenfalls anwesend sein, z.B. die Rheinische Post… und über den Gottesdienst berichten.

Wer verhindert ist durch Krankheit, oder Entfernung, Arbeit… sollte an diesem Tag dennoch eine Kerze anzünden und an JUPPI denken.

Ebenfalls möchte ich euch bitten, diesen Beitrag zu teilen, damit soll gleichzeitig demonstriert werden, das im Tod alle Menschen gleich sind und somit auch alle ehemaligen Heimkindern, aus Ost und West, Österreich, Schweiz, USA, Australien, Irland, England, Belgien….

Im Sinne von JUPPI, hoffe ich viele von Euch nächste Woche zu sehen.

[1] https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/05/11/memento-mori-auf-rheinische-art/

https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/05/13/theologischerseits-nur-zu-begrusen-die-burokratie-erinnert-ausdrucklich-den-tod-zu-bedenken-gegen-unterschrift/

[2] Ich will hier nicht weiter auf die bekannten Vorwürfe zu Kindesmisshandlungen und Ausbeutung durch Zwangsarbeit eingehen

So großartig ist die Nachricht nicht.

Posted in Bürokratie, heimkinder, Kinderheime, Kinderrechte by dierkschaefer on 31. Mai 2015

»Auch der Fonds für Opfer der Heimerziehung im Westen wird aufgestockt – von 120 auf 302 Millionen Euro.«[1]

Ja und? Der Fonds war voller Hoffnung ganz billig davonzukommen zu knapp gestrickt und das Geld reichte nicht für die vielen Antragsteller. Da hieß es zwangsläufig: nachbessern. Aber »neue Anträge können nicht mehr gestellt werden. Die Frist dafür ist Ende 2014 abgelaufen.« Man ist also weiterhin zu geizig, den Fonds für Neuanträge zu öffnen, nachdem man schon einmal ziemlich kurzfristig eine dead-line gesetzt hatte. Die Verjährungsfalle für die ehemaligen Heimkinder bewährt sich aufs Neue.

Worum geht es eigentlich? Die Bearbeiter der Anträge in den Anlaufstellen brauchen die Aufstockung samt Fristverlängerung des Fonds, weil sie mit dem Geld nicht aus- und mit der Arbeit nicht nachkommen.

Weiter mit den Jubelmeldungen: »Zudem zeichnet sich eine Lösung für Kinder und Jugendliche ab, die nach dem Krieg in Einrichtungen der Behindertenhilfe und der Psychiatrie untergebracht waren.«

Einerseits ist eine solche Regelung seit Ende des Runden Tisches überfällig, zum andern heißt es: »Bund und Länder hätten hier eine Lösung bis 2016 zugesichert; das sei Teil der Paketlösung.«

Eine Lösung bis 2016! Bis dahin sind wieder einige gestorben und hatten noch nicht einmal die Möglichkeit, Geld für ihre Bestattung zu reklamieren.

Wahrhaftig, eine großartige Nachricht.

O.k., Herr Beverförden kriegt das Verdienstkreuz – und wird böses Blut ernten. Es gibt noch mehr ehemalige Heimkinder, die sich sehr für ihre Schicksalsgenossen eingesetzt haben. So viel Zeit für so viele Kreuze hat Herr Gauck gar nicht.

[1] http://www.noz.de/deutschland-welt/niedersachsen/artikel/580702/ehemalige-heimkinder-grossartige-nachricht

Nachtrag: Gerade kommt mir eine Meldung auf den Bildschirm, die hier genau passt. Es geht um die Forderunhgen der ehemaligen Heimkinder mit Behinderung in entsprechenden Einrichtungen. Man lese: http://www.kobinet-nachrichten.org/de/1/nachrichten/31785/Forderungen-ehemaliger-Heimkinder.htm

Unterzeichnet sind die Forderungen von Prof. Schruth – und ich muss wohl langsam meine Meinung über ihn revidieren.

Der Spatz in der Hand ist besser als die Taube auf dem Dach

Posted in Bürokratie, Geschichte, heimkinder, Politik by dierkschaefer on 24. Mai 2015

Als der Kollege Wiegand das von ihm akzeptierte Ergebnis des Runden Tisches/Heimkinder als Kompromiss anpries, wusste er noch nicht, dass jedes der ehemaligen Heimkinder auch diesen Spatzen erst noch mühsam einfangen musste: Anträge, Begründungen, Rechtsmittelverzicht. Und selbst der Spatz in der Hand, der positive Bescheid auf den Antrag, dieser Spatz gewinnt seine Freiheit aus der erkalteten Hand eines zur Unzeit Verstorbenen[1].

Der Spatz begegnete mir bei Wiki im Artikel über den Film Shining von Stanley Kubrik.

Der Film zeigt die sich steigernden Wahnvorstellungen von Jack Torrance: »In einer Schlüsselszene entdeckt Wendy, dass ihr Mann, der angeblich ein Theaterstück (engl. play) schreiben wollte, monatelang nur einen einzigen Satz auf der Maschine getippt und damit Hunderte von Blättern gefüllt hat: „All work and no play makes Jack a dull boy“ (sinngemäß etwa „Arbeit allein macht auch nicht glücklich“). Diese Szene wurde von Stanley Kubrick mehrsprachig gedreht, nämlich zusätzlich auf deutsch, „Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen“, auf italienisch (Il mattino ha l’oro in bocca, „Morgenstund hat Gold im Mund“), französisch (Un «Tiens» vaut mieux que deux «Tu l’auras», sinngemäß „der Spatz in der Hand ist besser als die Taube auf dem Dach“) und spanisch (No por mucho madrugar amanece más temprano, „Auch wenn man früher aufsteht, wird die Sonne nicht früher aufgehen“).« [2]

Es ist wirklich eine Schlüsselszene, denn nun wird der Wahn offenbar und ich erinnere mich, dass mir ein Schauder über den Rücken lief, als ich zum ersten Mal sah, wie Wendy immer hektischer den Manuskriptstapel durchwühlte.

Und nun mein Schauder, als ich die französische Version sah. Auch Spatzen muss man, wie die Tauben, erst haben und halten können, das darf man nicht verwechseln, welch ein illtum![3]

[1] https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/05/11/memento-mori-auf-rheinische-art/

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Shining_%281980%29

[3] lichtung

manche meinen
lechts und rinks
kann man nicht velwechsern
werch ein illtum

(Ernst Jandl)

Opfer ist und bleibt man

Posted in Bürokratie, Kriminalität by dierkschaefer on 23. Mai 2015

»Die 45-jährige Journalistin Kerstin Claus wurde in der evangelischen Kirche missbraucht. Als man ihr nach langen Jahren des Leugnens endlich zuhörte, sollte sie zuerst eine Verschwie­gen­heits­erklärung unterschreiben. Sie hat sich durch das OEG gekämpft, bis ihr eine Entschä­digung zuerkannt wurde. Doch die zuständigen Ämter streiten, wer nun genau zahlen soll.

Die Folge: Sie war ein Dreivierteljahr ohne Einkommen und dementsprechend auch ohne Krankenversicherung. Mit der Krankenkasse aber hatte sie gerade darum gestritten, ob die eine Traumatherapie bezahlt, in der eine Methode angewandt wird, die nicht im offiziellen Leistungskatalog enthalten ist – nachweislich aber vielen Traumatisierten geholfen hat.

Warum der Entwurf des OEG so lange auf sich warten lässt, kann im Ministerium niemand so recht sagen. Die Betroffenen haben den Eindruck, dass das Engagement vom Anfang schlicht verbraucht ist.«

http://www.taz.de/!160394/ Sonnabend, 23. Mai 2015

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