Dierk Schaefers Blog

Ein virtueller Stolperstein für Familie Heymann[1]

Hannover stolpert über nicht verlegte Stolpersteine – Die Entwicklung einer ehrbaren Provinzposse.


Stolpersteine bilden das flächenmäß größte Kunstwerk der Geschichte. Der Künstler Demnig hat sich zur Lebensaufgabe gemacht, an jüdische Opfer des Nationalozialismus zu erinnern und sie damit zu ehren. https://de.wikipedia.org/wiki/Gunter_Demnig  Vor ihrem letzten Wohnsitz kniet er nieder und verlegt eigen­händig quadratische Steine im Pflaster. Sie tragen auf einer Messingplatte die Namen, Geburtsdatum, und, soweit bekannt, Verbleib und Todesdatum dieser Menschen, „ermordet in …“. Eine grandiose Idee. Freiwillige #diepolierer, halten diese Messingplatten blank und leuchtend sichtbar. Die Steine werden gestiftet und bei der Verlegung formiert sich ein kleiner Kreis von Men­schen; sie wollen die Erinnerung wachhalten und es gibt auch eine kleine Ansprache zur Würdigung der Toten; manchmal sind es ganze Hausgemeinschaften, die in den Tod geschickt wurden.

Warum nur virtuell, warum im Netz?

Nach offizieller Gedächtnispolitik der Stadt Hannover werden nur Juden gewürdigt, die tat­sächlich ums Leben gebracht wurden[1]. Wer sein Leben durch Flucht retten konnte, ist eines Stolpersteins nicht würdig, es sei denn, Hinterbliebene beantragen einen.

 

Das Kapitel 1 über das Stolpern der Stadt (1.1 bis 1.10) ist nur peinlich und man kann es getrost überschlagen und gleich runterscrollen zu:

„3 Ungehaltene Rede zur Verlegung eines Stolpersteins für die Familie Heymann“

1 Das Stolpern der Stadt

1.1 Vor schon längerer Zeit beantragte ich per Mail bei den zuständigen Personen der Stadtver­waltung einen Stolperstein für die Familie Heymann. Der Antrag blieb ohne Antwort.[2]

1.2 Von einem Freund erfuhr ich dann von der merkwürdigen Stolperpolitik der Stadt Hanno­ver und legte resignierend den Vorgang beiseite. Doch viele Monate später mailte mir dieser Freund, es gebe wohl doch eine Möglichkeit. Also ein zweiter Versuch. Diesmal wollte ich nichts falsch machen.

1.3 Ich schrieb am 8. März 2022 an die „Geschäftsstelle Städtische Erinnerungskultur“, nannte die mir bekannten Daten der Familie Heymann und fügte hinzu: „Ich habe diesen Antrag vor langer Zeit schon einmal bei Herrn Dr. K. gestellt. Damals blieb ich ohne Antwort. Mag sein, dass ein Mail nicht die angemessene Form gewesen ist, mag aber auch sein, dass anscheinend nur ermordete Juden einen Stolperstein bekommen sollten und Anträge keine Beachtung finden. Darum ein zweiter Anlauf, der nun­mehr Erfolg haben sollte.“

Also nicht per Mail, sondern per Brief und mit vollem Ornat meiner drei Universitäts­ab­schlüsse und, vielleicht eher ausschlaggebend, mit Veröffent­lichung im Verteiler von Jürgen Wessel.

„Sehr geehrte Frau S, wie ich über Herrn Jürgen Wessel erfuhr, sind Sie zuständig für Anträge auf Stolpersteine für von den Nationalsozialisten verfolgte Personen mit jüdischem Hinter­grund. In Hannover werden inzwischen auch Stolpersteine für Personen verlegt, die ihrer Vernichtung durch Flucht entkommen sind. Die Familie Heymann konnte flüchten …“

Diesmal kam die Antwort prompt, aber nicht von Frau S., sondern von Dr. G, eine Etage höher. – Eine freundliche Absage: „vielen Dank für Ihren erneuten Antrag zur Verlegung von Stolpersteinen für die Familie Theodor Heymann in Hannover. Bedauernswerterweise müssen wir Ihnen mitteilen, dass in der Stadt Hannover Stolpersteine grundsätzlich nur für während der Zeit des Nationalsozialismus Ermordete und gewaltsam zu Tode gekommene Menschen verlegt werden. Aus Respekt vor den (nächsten) Hinterbliebenen können aber auch für über­lebende bzw. emigrierte NS-Verfolgte Stolpersteine verlegt werden, sofern dies der ausdrück­liche Wunsch der Angehörigen ist. Vor diesem Hintergrund können wir Ihrem Antrag aktuell leider nicht entsprechen. Vielleicht können Sie aber noch Verwandte ausfindig machen, die eine Verlegung wünschen. Wir würde das auf jeden Fall begrüßen.“

1.4 Ich kündige die Verlegung eines Stolpersteins im Netz an[3]:

„Lieber Jürgen, die Absage hat mich eigentlich nicht gewundert, nur kam sie diesmal von einer höheren Etage. Nun, ich spare Kosten. Doch die Stadt vergisst, dass man über verlegte Stolpersteine achtlos drüber­latschen kann, über virtuelle nicht, die eignen sich zum Werfen.

Die Heymanns werden also einen Stolperstein im Netz bekommen.

Titel: Hannover stolpert über nicht verlegte Stolpersteine.

Es wird ein grundsätzlicher Artikel werden.“

1.5 Darüber stolperte Dr. B., „Direktor des ZeitZentrum Zivilcourage und in dieser Funktion auch Leiter der Städtischen Erinnerungskultur.“ Das Ganze, wie schon in der Absage von Dr. G.  unter dem Briefkopf des Oberbürgermeisters.

Zunächst lobt er mein Engagement, bleibt aber bei der Absage: „Wir vertreten weiterhin die Ansicht, dass Stolpersteine eine herausgehobene Ehrung für Menschen sein sollten, die unmit­telbar aufgrund der Verfolgung im Nationalsozialismus zu Tode gekommen sind. Für Über­lebende verlegen wir Stolpersteine daher nur auf Wunsch von Angehörigen.“ … „Über die Frage der Verlegung von Stolpersteinen für Überlebende gibt es inzwischen bundesweit unter­schiedliche Standpunkte, so dass sich auch in den einzelnen Kommunen unterschiedliche Vorgehensweisen entwickelt haben.“

Bautz, der Stolperer liegt auf der Nase. Denn müsste er nun sagen, warum Hannover so und andere anders. Tut er aber nicht, sondern stolpert weiter:

1.6 „Wie Herr Dr. G. betont hat, würden wir es sehr begrüßen, wenn Sie Kontakt zu Angehö­rigen der Familie Heymann herstellen könnten, so dass für die Familie Stolpersteine verlegt werden können.“

Wenn ich davon absehe, dass er mir seine Aufgabe zuschieben will, heißt das doch: die Ange­hörigen der Familie Heymann, Juden also, sollen sich tummeln, damit Juden einen Stolper­stein bekommen können, der anderswo auch ohne speziell jüdisches Engagement möglich wäre[4]. So ist das mit dem Stolpern: Man meint sich noch auffangen zu können, dann liegt man krachend auf der Nase. Doch er will sich – und die Stadt – wieder aufrichten und klagt:

1.7 „Etwas irritiert bin ich über den Ton und die Unterstellungen, die in den Mails von Ihnen und Herrn Wessel erkennbar sind. Ich weiß nicht, wie bei Ihnen der Gedanke aufkommen kann, dass für die Stadt Hannover nur ermordete Juden „gute Juden“ sein sollen. Das Schick­sal aller Verfolgten steht im Zentrum der Tätigkeit der Städtischen Erinnerungskultur, das ist unschwer an unseren zahlreichen Veranstaltungen, Veröffentlichungen und weiteren Akt­iv­itäten zu erkennen. Differenzierung ist dabei jedoch ebenso wichtig. Daher verstehen wir die Stolpersteine weiterhin in erster Linie als Würdigung derjenigen Menschen, die das schlimm­ste Verfolgungsschicksal erlitten haben, nämlich den Tod. Ebenso habe ich auch den Zusam­menhang mit der Ankunft von Flüchtlingen heutzutage nicht verstanden. In Hannover sind zahlreiche Stolpersteine für Menschen verlegt, die zunächst ins Ausland fliehen konnten und im Laufe der deutschen Eroberungen während des Zweiten Weltkrieges doch noch den natio­nalsozialistischen Verbrechen zum Opfer gefallen sind. Dadurch wird die Tatsache gewürdigt, dass Flucht immer einen existenziellen Einschnitt bedeutet und nicht mit Rettung gleich­zu­setzen ist.“

Da liegt er schon wieder danieder. Eine Opferhierarchie! Flucht darf sein, sollte aber durch Nazi-Hand vom Tod gekrönt werden. Was ist mit denen, die sich lieber selber umbrachten, weil Flucht unmöglich war? Auch dafür gibt es Namen, beispielsweise Jochen Klepper und seine Frau. Der Gedanke, dass manche Überlebende die Toten beneideten, scheint undenkbar.

1.8 Doch er baut vor: „Sie schreiben ja über Ihre Planungen, für die Familie Heymann virtu­elle Stolpersteine zu verlegen und dies mit einem grundsätzlichen Artikel zur Verlege­praxis in Hannover zu kombinieren. Was halten Sie davon, wenn wir ebenfalls einen Artikel beisteu­ern, in dem wir die Gründe für das Vorgehen der Stadt Hannover darlegen? Dann könnte man sich dort gleich ein umfassendes Bild machen und eine Diskussion anstoßen.“

Aber ja doch, gerne, sehr geehrter Herr Dr. B!

1.9 „Vielen Dank für die schnelle Antwort. Ich will Sie nicht warten lassen. Es versteht sich von selbst, dass man in die unbequeme Rolle bei einem Paraklausithyron versetzt letztlich sich einer gewissen Polemik nicht enthält. Die werde ich auch nicht aufgeben. Zur Fairness gehört es, Ihnen nach Fertigung meines Artikels die Gelegenheit zur Darstellung der hanno­verschen Position innerhalb meines Artikels zu geben und Sie nicht auf die Kommentar­möglichkeit zu verweisen. Ich behalte mir allerdings vor, Ihre Erwiderung gegebenenfalls zu kommentieren“.

1.10 Zur Ehrenrettung von Hannover

Bevor Dr. B. hier den zugesagten Platz bekommt, will auch ich etwas zur Ehrenrettung meiner Heimatstadt Hannover sagen:

Man beachte die Adresse

Landeshauptstadt Hannover

Zentrale Angelegenheiten Kultur (41.03)

ZeitZentrum Zivilcourage

Direktion

Theodor-Lessing-Platz 1a

30159 Hannover

Mit Theodor Lessing[5] wird an herausragender Stelle, mehr Stolperstein geht nicht[6], ein han­noverscher Jude gewürdigt, der nicht nur von Nazis ermordet, sondern von der hanno­verschen Gesellschaft, seiner Hochschule und der Justiz lange vor seinem Exil „ausgesondert“ wurde. Lessing war ein selbstbewusster jüdischer Gelehrter und hatte über die engen Grenzen bürger­licher Toleranz hinweg auch sehr geärgert und herausgefordert mit seiner Berichterstattung über den Prozess gegen den Massenmörder Haarmann. [7]

2 Richtlinien der Stadt Hannover zur Verlegung von Stolpersteinen.[8]

Die Beteiligung der Landeshauptstadt Hannover an der künstlerischen Aktion „Stolpersteine“ seit dem Jahr 2007 erfolgte auf Grundlage der ursprünglichen Konzeption, nach der Stolper­steine als herausgehobene Form des Gedenkens für Opfer des Nationalsozialismus gedacht waren, die unmittelbar durch die Folgen der Verbrechen zu Tode gekommen sind. Vor jeder Verlegung eines Stolpersteins wird dabei grundsätzlich recherchiert, ob noch Angehörige der betreffenden Person leben, um deren Zustimmung einzuholen. Seit mehreren Jahren werden in einigen Kommunen auch Stolpersteine für Opfer verlegt, welche die Verfolgung überlebt haben. In der Folge wurden auch entsprechende Anträge an die Stadt Hannover gestellt. Daher wurden die Kriterien für die Verlegung im Jahr 2011 neu gefasst und dem Rat der Stadt Hannover zur Kenntnis gegeben. Die Stadt Hannover hält weiterhin grundsätzlich daran fest, dass die Stolpersteine eine besondere Form der Erinnerung darstellen, die das Gedenken an den allgemeinen Gedenkorten wie auf dem Opernplatz ergänzen. Diese besondere Form des Gedenkens sollte unserer Ansicht nach weiterhin in erster Linie den unmittelbar durch die Verfolgung zu Tode gekommenen vorbehalten bleiben. Dadurch entsteht eine differenzierte Form des Gedenkens, bei der an zentralen Orten allgemein der Verfolgung einzelner Gruppen gedacht wird, während ergänzend an die unmittelbaren Todesopfer individuell im Stadtbild durch die Stolpersteine erinnert wird. Wir halten diese Form der differenzierten Erinnerung weiterhin für gerechtfertigt. Die Verfolgung im Nationalsozialismus war für alle davon Betroffenen ein existenzieller Einschnitt. Doch während die Überlebenden die Chance erhielten, nach 1945 selbstbestimmt ihr weiteres Leben zu gestalten, bedeutete für die Todesopfer die Verfolgung das unwiderrufliche Ende.

Im Jahr 2011 wurde festgelegt, dass von der Praxis, Stolpersteine nur für durch die Verfolgung zu Tode gekommene zu verlegen, abgewichen werden kann, wenn Angehörige von Verfolgten dies beantragen. In der städtischen Erinnerungskultur der Landeshauptstadt Hannover ist die Perspektive der Verfolgten und ihrer Angehörigen seit jeher zentral, ihre Wünsche und Anliegen genießen eine herausragende Priorität. Dies ist im humanitären Aspekt des Auftrages der Erinnerungskultur begründet, nach dem die Familien der Betrof­fenen bei der Bewältigung der Folgen der Verfolgung unterstützt werden sollen, so weit es möglich ist. Daher kann Anträgen auf die Verlegung eines Stolpersteins durch Dritte nur entsprochen werden, wenn eine Zustimmung von Angehörigen derjenigen Person vorliegt, für die der Stolperstein verlegt werden soll.

Dr. B., Direktor des ZeitZentrum Zivilcourage der Landeshauptstadt Hannover“

3 Ungehaltene Rede zur Verlegung eines Stolpersteins für die Familie Heymann[9]

Als Kind kam ich regelmäßig am Grundstück Dieckbornstraße 7, Ecke Wittekindstraße[10] vorbei. Ein abgeräumtes Trümmergrundstück, so habe ich es in der Erinnerung. Ein paar Schritte weiter ging es zu Herrn Bolte, bei dem wir unsere Milch kauften.

Aus den Erzählungen meiner Mutter und meiner Oma wusste ich, dass hier die Heymanns ihren Laden hatten, eine Kolonialwarenhandlung, wie das damals hieß.[11] Man ging gern dort hin und Frau Heymann hatte auch immer gute Ratschläge zum Kochen und Backen, sie kannte sich aus. Die Heymanns waren Juden und meine Mutter kaufte dort, mit Parteiab­zeichen am Revers. Das war keine Heldentat, aber es hieß ja: Deutsche, kauft nicht bei Juden. Wenn die Judenhetze im Radio hochkochte, blieb meine Mutter eine Zeitlang weg. Wenn sie wiederkam, sagte Frau Heymann, „Nun ist auch meine letzte Kundin wieder zurück.“ Meine Mutter hat wohl nie daran gedacht, dass andere mutiger waren.

In unserem Besitz waren vier oder fünf silberne Kaffeelöffel, zwei habe ich noch. Die gab es jeweils als Jahresgabe zur Kundenbindung, wie man heute sagen würde.

Die Heymanns hatten einen Sohn, der altersmäßig zu meiner Mutter gepasst hätte; das war Anlass für scherzhafte Anspielungen von Frau Heymann.

Meine Mutter war Parteimitglied und Stenotypistin im HJ-Büro. Dort war sie unter „Kamera­den“, lauter Nazis, die kein Verständnis dafür hatten, dass meine Mutter sich 1941 kirchlich trauen ließ. Hitlers „Mein Kampf“ gab es auf dem Standesamt als Äquivalent zur Traubibel.

Trotz aller Kirchlichkeit bin ich in einer „normal antisemitischen“ Familie aufgewachsen. Mit normal meine ich das übliche Halbwissen über Juden, auch den Sprachgebrauch mit „nur keine jüdische Hast“ oder „es geht ja zu, wie in der Judenschule“. Meine Oma klagte über „die Kaftan-Juden“. Nach den Gebietsabtrennungen nach dem Ersten Weltkrieg waren wohl viele Juden aus Galizien nach Hannover gekommen[12], die in Gruppen auf dem Bürgersteig gehend keinen Platz ließen, so dass sie meinte, auf die Straße ausweichen zu müssen.

Meine Mutter hätte ganz sicher keinen Juden geheiratet, unabhängig von der Nazi-Hetze. Sie erstellte brav die Ahnentafel, um einen Unteroffizier heiraten zu dürfen[13]. An einer Stelle, zum Glück weit hinten, kam sie nicht weiter. „Da muss wohl ein Jude dringesteckt haben“, mutmaßte meine Oma. Doch meine Mutter erwies sich als hinreichend arisch.

Dieser Abstammungswahn war bereits eine Steigerung des bürgerlich-normalen Antisemi­tismus. Man hielt Distanz, wenn man auch bei Juden einkaufte oder zu einem jüdischen Zahnarzt ging – oder zu einem Geldverleiher. Diese Distanz war endemisch im christlichen Abendland, mit übelsten Verbrechen. Ich muss hier keine Geschichte des Antisemitismus ausbreiten. Doch dieser endemisch-rassistische Antisemitismus war der Nährboden für die Ermordung der europäischen Juden. Assimilation half nicht, die Aussonderung blieb. [14] + [15] Als ich mit meiner Mutter in Yad Vashem war, bekam sie einen Schwächeanfall angesichts der Berge von Menschenhaaren, Schuhen und Brillen.

Der Sohn Heymann, ich habe seinen Namen vergessen, ergatterte Ausreisepapiere für die Familie nach – Shanghai.[16] Den mir vorliegenden Daten zufolge war die Ausreise nach Februar 1939, vermutlich aber vor Kriegsbeginn.

Shanghai – so weit weg, sagte meine Oma in erschreckt-mitfühlendem Ton. „Weit von wo?“ Wie es Juden im Ghetto von Shanghai erging, lässt sich, wenn auch in Romanform, lesen in: Ursula Krechel, Shanghai, Fern von wo. Aufschlussreich ist auch die Darstellung, nach der Nazi-Deutschland über die Botschaft in Tokio versuchte, auch die geflüchteten Juden im von Japan besetzten Shanghai zu vernichten.

Die Bevölkerungsdichte im Ghetto war höher als im damaligen Manhattan. Durch japanische Soldaten unter dem sadistischen Befehlshaber Kano Ghoya streng abgeschottet, durften Juden das Ghetto nur mit spezieller Erlaubnis verlassen. Etwa 2000 Juden starben im Ghetto von Shanghai.[17]

Ob es in chinesischen bzw. japanischen Unterlagen Informationen über einzelne geflüchtete Juden aus der Zeit gibt, weiß ich nicht, doch das dürfte in diesem Zusammenhang nicht erheblich sein.

Aber hier liegt eine Aufgabe für die Stadt Hannover. Im Netz gibt es eine Fülle von Texten über das Shanghaier Ghetto und das Schicksal der geflüchteten Juden.[18] Dies sind zwar allgemeine Informationen, doch könnte man sicher an die Liste herankommen, die von Josef Meisinger[19] den Behörden übergeben wurde: Der erklärte, „er habe von Berlin den Auftrag, den japanischen Behörden die Namen aller „Anti-Nazis“ unter den Deutschen zu melden. „Anti-Nazis“ seien in erster Linie deutsche Juden, von denen 20.000 nach Shanghai emigriert seien.“

Resümee

Doch, insoweit hat die Stadt recht, andere wurden ermordet, viele fanden „ihr Grab in den Lüften“ (P. Celan). Stolpersteine zum Hören gibt es bereits[20], da mag es angemessen sein, wenn es nun Stolpersteine in den Wolken des Internets gibt für die wie auch immer „glücklich-Davongekommen.“

Aber vielleicht ändert die Stadt Hannover doch noch ihre Haltung?


[1] https://www.hannover.de/Kultur-Freizeit/Architektur-Geschichte/Erinnerungskultur/ZeitZentrum-Zivilcourage/St%C3%A4dtische-Erinnerungskultur/Stolpersteine

[2] Mein Antrag vom 24.10.2011, nachgehakt am 13. Dezember 2011

[3] Mit CC an Dr. G.

[4] Hier mag der Platz sein, etwas zu dem „Goi“ zu sagen, der sich unberufenerweise in originär jüdische Angele­gen­heiten mischt. Ich, Dierk Schäfer, bin ein Lindener Butjer, wie meine Großmutter sagte. Das können Interes­sierte nachlesen unter „Eine Kindheit und Jugend in Linden“ https://www.digitales-stadtteilarchiv-linden-limmer.de/wp-content/uploads/2020/03/Kindheit-und-Jugend-in-Linden.pdf

Meine Familie wohnt zwar seit 1967 in Süddeutschland, doch meine Verbundenheit mit Linden ist geblieben. So lud ich mithilfe von Jürgen Wessels Verteiler zu meinem 70sten Geburtstag zu einer Lindenmatinee ein.

[5] Karl Theodor Richard Lessing (* 8. Februar 1872 in Hannover; † 31. August 1933 in Marienbad, Tschechoslowakei) war ein deutscher Philosoph, Schriftsteller und Publizist. Der von drei Attentätern in der Tschechoslowakei erschossene Autor gehört zu den ersten bekannten Opfern des Nationalsozialismus. https://de.wikipedia.org/wiki/Theodor_Lessing

[6] oder doch? Ein Denkmal? Aber vor dem Rathaus steht schon eins. – Ironie an! Photo Dierk Schäfer https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/51951958319/in/dateposted-public/  –  Ironie aus!

[7] Zur lohnenden weiteren Lektüre empfehle ich nicht nur wiki, sondern auch die Biographie von Rainer Marwe­del, Theodor Lessing, 1872-1933, Darmstadt, Neuwied, 1987 „Theodor Lessings Leben ist eine Einführung in die Katastrophengeschichte dieses Landes.“

[8] Mein Artikel hat der Stadt bisher nicht vorgelegen, nur die Gliederung.

„Wenn sie auf den Artikel reagieren möchten, geht das im Kommentarteil. Sie wollten ja „ebenfalls einen Arti­kel beisteuern, in dem wir die Gründe für das Vorgehen der Stadt Hannover darlegen … und eine Diskussion anstoßen.“

[9] Diese Form der Rede hat im Unterschied zu einer tatsächlich gehaltenen den Vorteil, dass ich mich umfang­reicher – und mit Fußnoten – äußern kann.

[10] Auf dem Stadtplan von 1912 ist die Nummer schon eingezeichnet, die Ecke aber noch unbebaut. Nach der Zerstörung des Eckhauses war hier lange Zeit nur das aufgeräumte Trümmergrundstück, später dann ein Super­markt und danach ein Getränkemarkt: https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/51951689376/in/dateposted-public/

[11] Heute würde man von „Tante Emma Laden“ sprechen. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass heutzutage dank Globalisierung kaum noch zu unterscheiden ist, was alles aus den weltweiten Kolonialreichen in unsere Läden kommt, aber die „Dritte-Welt-Läden“, inzwischen „Eine-Welt-Läden“, nicht Kolonialwarenhandlungen genannt werden.

[12] Das Jüdische Lexikon von 1927 zählt in der Übersichtskarte für Hannover Gemeinden mit 5-10.000 „Jüdische Seelen“ auf (Jüdisches Lexikon, enzyklopäd. Handbuch d.  jüd. Wissens in 4 Bd., Bd. 4 – 2 S-Z, Seite 673,  Nachdruck 1982). Der Artikel über Hannover in Bd. 2, D-H, referiert die Geschichte der Juden in Hannover, nennt aber keine damals aktuellen Zahlen.

[13] Ein erheblicher Aufwand wurde für die Ahnenpässe getrieben, viele Schreiben, um an standesamtliche Daten zu kommen, die ja lange Zeit nur in Kirchenbüchern vermerkt wurden. Einen vergleichbaren Aufwand durfte meine Mutter später treiben auf der Suche nach meinem als vermisst gemeldeten Vater.

[14] Ein SS-Mann wurde zitiert mit: „Was der Jude glaubt, ist einerlei, in der Rasse legt die Schweinerei.“

[15] S. auch: http://www.haz.de/Hannover/Aus-der-Stadt/Uebersicht/Roehrbein-und-Thielen-veroeffentlichen-neues-Buch-Juedische-Persoenlichkeiten-in-Hannovers-Geschichte „Joseph Joachim: Er würde „peinliche Empfin­­dungen zeitlebens nicht überwinden“ können, wenn er in der Hofkapelle durch seine Taufe privilegiert wäre, „während meine Stammesgenossen in derselben eine demütigende Stellung einnehmen“, schrieb er verbittert.“

[16] Das Ehepaar Heymann wird in der „Liste über auswanderungsverdächtige (!) Personen“ ebenfalls aufgeführt. Die Angaben mit Verweis auf zwei Aktenvorgänge aus dem Februar 1939 lauten: „Heymann, Theodor Kolonial­warenhdl. u. Frau Rahel geb. Magnus, Hannover-Li, Dieckbornstr. 7“ Bemerkung zum Auswanderungsziel: „Nach Schanghai“.

[17] https://de.wikipedia.org/wiki/Josef_Meisinger

[18] https://de.wikipedia.org/wiki/Shanghai#Shanghai_als_Fluchtort_europ%C3%A4ischer_Juden

https://de.wikipedia.org/wiki/Shanghaier_Ghetto

http://www.exil-archiv.de/grafik/themen/exilstationen/shanghai.pdf

http://www.shanghaighetto.com/

http://www.shanghaighetto.com/about.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_der_Juden_in_Japan#Juden_im_chinesischen_Shanghai

https://de.wikipedia.org/wiki/J%C3%BCdisches_Fl%C3%BCchtlingsmuseum_in_Shanghai

https://www.zeit.de/reisen/2012-01/shanghai-juden

https://www.deutschlandfunkkultur.de/emigration-juedisches-leben-in-shanghai-100.html

https://www.fr.de/panorama/spuren-vorfahren-11053263.html

http://www.exil-archiv.de/grafik/themen/exilstationen/shanghai.pdf   

[19] Die Liste enthielt u. a. die Namen aller Juden mit deutschem Pass in Japan.

In Japan und dem japanisch besetzten China widmete sich Meisinger immer wieder der Judenverfolgung. 1941 intervenierte er bei japanischen Dienststellen und forderte sie auf, die etwa 18.000 jüdischen Flüchtlinge aus Österreich und Deutschland im von den Japanern besetzten Shanghai zu ermorden. https://de.wikipedia.org/wiki/Josef_Meisinger

[20] https://de.wikipedia.org/wiki/SWR2_Stolpersteine_zum_H%C3%B6ren

alle Links: Sonntag, 20. März 2022

Noch ein Spendenaufruf,

Posted in Deutschland, Kindeswohl, kirchen, Krieg, Kriegskinder, Leben, Menschenrechte, Zeitgeschichte by dierkschaefer on 27. März 2022

diesmal „an alle Kirchengemeinden, Bezirkskonsistorien, Pfarrämter, kirchlichen Werke und Einrichtungen sowie an die hauptamtlichen und ehrenamtlichen Mitarbeitenden der Kirche“

„Noch ein Spendenaufruf“ trägt der Tatsache Rechnung,

  • dass an die beiden großen deutschen Spendenadressen nach Zeitungsmeldung bereits 250 Millionen € eingegangen sind,
  • dass Ungarn in einer ganzseitigen Anzeige in der FAZ unter dem Stichwort „Ungarn hilft“ um Spenden wirbt
  • und dass zahlreiche private Hilfeangebote gestartet sind.

Warum also noch ein Spendenaufruf?

Einerseits hat wohl nicht jeder prinzipiell Hilfewillige schon gespendet,

andererseits möchte jeder gern Gewissheit haben, dass seine Spende tatsächlich direkt bei den Flüchtlingen ankommt,

und schließlich ist ein spezieller Spenderkreis angesprochen: kirchliche Einrichtungen (und damit alle Personen), die kirchlichen Einrichtungen in Rumänien Geld für direkte Hilfe anvertrauen.

Im Aufruf, (hier als PDF beigefügt) heißt es: „Wir haben das Glück, dass unser ökumenischer Verein AIDRom sehr aktiv vor Ort ist und konkret hilft, wo die Not am Größten ist. So rufen wir hiermit zu einer schnellen und effek­tiven Spendenaktion auf, gerade weil der Flüchtlingsstrom zunimmt und jede Hilfe nicht früh genug ankommen kann. Diese Geldhilfen werden vor Ort eingesetzt für die Beschaffung von Lebensmitteln, Kindernahrung, Medikamenten, Transportmitteln, u.v.a.m.“

Bankverbindung – Spenden Sie bitte unter dem Vermerk: „Soforthilfe Ukraine” an:

BANCA TRANSILVANIA SUCURSALA SIBIU
IBAN: RO84BTRL 0330 1205 A579 5105
COD SWIFT: BTRLRO22

Dazu ein Link: https://www.evang.ro/nachricht/artikel/ekr-spendenaufruf-fuer-gefluechtete/

Missbrauchsfall im Haus Maffei in Feldafing – Es war nicht nur ein Fall, es war nicht „nur“ Missbrauch, es war sadistische Kinderquälerei. Sendung: Kontrovers, im Bayerischen Fernsehen, Mittwoch, 16.06.2021, 21:15 h  

„Viele von Ihnen kennen die Leidensgeschichte meines Mannes,“ schreibt die Ehefrau eines Feldafing-Opfers in einem Mail. Ich kenne die Leidensgeschichte und gebe das Mail hier im vollen Wortlaut wieder. Hinzugefügt habe ich das Photo von einer Skulptur des Künstlers Eckhard Kowalke[1].

KONICA MINOLTA DIGITAL CAMERA

„Sehr geehrte Damen und Herren,

der Einfachheit halber benutze ich heute nur diese Anrede, wohl wissend, dass einigen unter Ihnen eine andere Anrede zusteht. Dies bitte ich vorab zu entschuldigen.

Mit dem einen oder anderen von Ihnen hatte ich die letzten Jahre mehrfach oder mindestens einmal Kontakt. Es war nicht immer einfach, den Kontakt aufrecht zu erhalten, manchmal kam keine Antwort, ein anderes Mal Wochen oder Monate später.

Das liegt wohl an unserer Deutschen Bürokratie oder vielleicht auch an Desinteresse, weil es ja einen selbst nicht betrifft und ja noch so viel Zeit für eine Antwort ist und tätig werden, ach auch das hat doch Zeit…. …. dachten sich sicher viele und denken es immer noch, warum beeilen, vielleicht erledigt sich das „Problem“ von selbst.

Aber es gab auch Menschen denen eine Antwort sofort wichtig war, auch ohne vorläufiges Ergebnis, das hat mich und meinen Mann (der Betroffene) immer besonders gefreut.

Viele von Ihnen kennen die Leidensgeschichte meines Mannes, manche nur im Ansatz. Um nun den Menschen dahinter zu sehen und um die Bürokratie ruhen zu lassen, möchte ich dringlich auf folgende Fernsehsendung im Missbrauchsfall im Haus Maffei in Feldafing hinweisen. Diese findet statt:

Mittwoch, 16.06.2021

Bayerisches Fernsehen, Name der Sendung: Kontrovers

Uhrzeit:  21:15 Uhr.

Bemerken möchte ich noch, dass es meinem Mann (in der Sendung Frank Waldheim) und den anderen beiden Betroffenen unsagbar schwergefallen ist, die Aufzeichnung dieser Sendung durchzustehen, sie wollten aber, dass all die Menschen endlich erfahren wie es wirklich war und ihnen endlich nach langen Jahren des Leids geglaubt wird. Allen dreien Betroffenen ist dies am wichtigsten.

Hier hilft keine Entschuldigung egal von welcher Stelle, das erwarten sie nicht. Es muss geholfen werden und das sehr schnell. Keiner von den Opfern hat Zeit noch länger abzu­warten, sie benötigen jetzt Hilfe auch in Form einer mehr als angemessenen Entschädigung, die zwar das Leid nicht ungeschehen machen kann, aber den letzten Lebensabschnitt dieser Menschen erheblich verbessert.

Da werden einerseits Therapiekosten in Aussicht gestellt, um diese Kosten aber ganz schnell wieder zu streichen, weil sich herausstellt, dass eine Therapie ja nicht nur ein halbes Jahr dauert, sondern Jahre. Da stellt man das lieber um und machte daraus eine kleine Summe auf Anerkennung des Leids, es betrifft sage und schreibe DREI Personen! An anderer Stelle wird versprochen, dass in aller Kürze Hilfe erfolgt, an dieser Stelle wird „in Kürze“ wohl verwech­selt mit monatelanger Wartezeit. Wieder an anderer Stelle verweigert man den Betroffenen einfach weitere Hilfe.

Es wird dies und das versprochen. Es ist unmenschlich zu erwarten, dass die Opfer sich immer wieder von selbst bei Ihnen melden müssen, damit es vorangeht. Sie kommen sich wie arme „Bettelleute“ vor und ich finde das einfach würdelos im Hinblick auf das große Leid, das sie ihr Leben lang herumtragen und für das sie nichts können, denn sie waren unschuldige Kinder die u.a. unfassbar grausamen „Kirchendienern“ wehrlos ausgeliefert waren.

Die Warterei muss doch endlich ein Ende haben. Für was so viele Kommissionen und Aufarbeitungsstellen gründen? Das hilft Ihnen, nicht aber den armen Menschen. Tun Sie das ruhig, aber geben Sie endlich! Hilfe.

Keiner kann sich nur ansatzweise vorstellen wie es ist, ein Leben lang unter dem Missbrauch der Kirche und anderen Einrichtungen zu leiden. Und nicht nur die Betroffenen leiden, auch die Angehörigen.

Diese Lebensqualität ist keine.

Deshalb bitte ich Sie, sich die Sendung anzusehen, um zu sehen wie die Opfer wirklich leiden. Denn hier sehen Sie den „Menschen“, nicht unsere nüchterne Bürokratie.

Vielleicht möchte der eine oder andere mit ein paar persönlichen Worten auf meine email antworten.

DANKE!

Freundliche Grüße sendet Ihnen

Brigitte L. Ehefrau“


[1] Eckhard Kowalke …  Mit seinen teils schockierenden Kunstaktionen zu den geschändeten Kindern in den kirchlichen Heimen zwischen 1945 und 1975 hat er vor sechs Jahren Aufsehen erregt und die Aufarbeitung der Geschehnisse ins Rollen gebracht. https://www.art-kowalke.com/freistatt/

Das Netzwerk nicht nur klerikaler Kinderschänder

… aufgedeckt von einer privaten Recherchegruppe, wird, endlich, morgen in der Süddeutschen Zeitung vorgestellt.

Es ist ein Netzwerk weltlicher und klerikaler Pädokriminalität. Der Staat hat sich bis heute nicht zu einem Ermittlungsausschuss mit staatsanwalt­lichen Vollmachten durchringen können. Die private Recherchegruppe, ich habe ihr den Namen SoKo-Missbrauch gegeben, hat das getan, was der Staat gescheut hat. Sie lieferte die Fallstudie eines organisierten Verbrechens.

Installation des Künstlers Eckhard Kowalke[1]

Die Recherchegruppe teilt dazu ein „Vorläufiges Resümee“ mit.

Zitat:

I. Soweit uns berichtet wurde, lässt sich die Mehrheit aller Vorfälle auf die Fünfzi­ger, Sechziger und Siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts beschränken. Diese Beschränkung dient nur der Vereinfachung der Unter­suchung und unserer Überlegungen. Dass davor und danach sexuelle, psy­chische und physische Gewalt an den Kindern im Untersuchungsraum (Werdenfelser Land, Pfaffenwinkel, Alpen­vor­land) verübt wurde, nicht nur in den von uns untersuchten Institutionen, liegt auf der Hand. Wir verbinden nur beschreibend die Spitzen einiger Eisberge, das gesamte Gebirge ist noch nicht in den Blick genommen. Noch wissen wir wenig über andere Heime der Niederbronner Schwestern[2] im süddeutschen Raum. Speyer dient uns vorläufig als Modell zur Beschreibung der Vorgänge in Oberbayern, wo derselbe Nonnenorden sein Geschäftsmodell betrieb.

Wir entschieden uns, auch um den Untersuchungsumfang einzugrenzen, für eine Zeitspanne, die gesetzt ist mit der Öffnung und Schließung des Heimes des Paritäti­schen Wohlfahrtsverbandes[3] in Feldafing von 1952 bis 1972, dessen Erzieher die ihnen anbe­fohlenen Heiminsassen folterten, sie finanziell und sexuell ausbeuteten und die von dem zu beschreibenden Netz von Misshandlung und Missbrauch auch selbst in sexueller und sadistischer Weise profitierten.

II. Beteiligte/verstrickte Täter-Institutionen:

  1. Das Kloster Ettal;
  2. Das Stadtjugendamt München;
  3. Die Kinderheime der Stadt München in Oberammergau: das Hänsel- und Gretelheim und das Rotkäppchenhaus;[4]
  4. Die Villa Maffai in Feldafing, ein Heim für lernschwache Kinder des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes;
  5. Die Pfarrei in Feldafing (Pfarrer Otto Öhler);
  6. Das Salesianum in München (Pater Kaindl, Pater Koch, auch andere);
  7. Die Regensburger Domspatzen (Leitung Georg Ratzinger);
  8. Das Kinderheim in der Engelsgasse 2 in Speyer;
  9. Das bischöfliche Ordinariat in der Engelsgasse gegenüber;
  10. Die Verwaltung/Zentrale des Bayerischen Paritätischen Wohlfahrts­verbandes von 1952 bis 1972 und darüber hinaus.
  11. Das Kolping-Heim in Vilshofen (Pater Kaiser, Pater Limmerick)
  12. Jugendwerk Birkeneck der Herz-Jesu-Missionare

III. TäterInnengruppen[5]:

  1. Mönche aus Ettal, womöglich auch aus anderen Benediktinerklöstern;
  2. Nonnen in Oberammergau und Speyer, die Niederbronner Schwestern vom göttlichen Erlöser (Niederbronner Schwestern);
  3. Dispatcher im Münchner Stadtjugendamt, Pädophile im Amt?
  4. Fast das gesamte Heimpersonal in Feldafing;
  5. Der Dorfpfarrer Otto Öhler von Feldafing, die Pfarrerkollegen aus dem Umkreis;
  6. Klerikale Sextouristen im Werdenfelser Land, unter ihnen Pater Hermann Schartmann;
  7. Lokale Politprominenz in Speyer und Dorfnomenklatura in Oberammergau;
  8. Kleriker im Umkreis der Regensburger Domspatzen.
  9. Klerikales Erzieherpersonal in Birkeneck und Vilshofen.

IV. Opfer:

  1. Kinder aus den Oberammergauer Heimen
  2. Kinder aus dem Feldafinger Heim des Paritätischen Wohlfahrtsver­bandes
  3. Kinder aus uns noch nicht bekannten Heimen
  4. Jugendliche in Vilshofen und Birkeneck.

V. Kammern und Orte des Schreckens im Einzelnen 

1. Die Vorfälle von Feldafing: Gewalt, Folter und die ritualisierten Formen sexueller Gewalt stehen im topografischen Zentrum der uns geschilderten Verbrechen und verweisen auf mehrere Orte. Der Keller des Heims und die Sakristei der alten Dorfkirche sind Zentrum einer abartigen Parallelwelt. Das Werdenfelser Land sehen wir als Zielgebiet eines klerikalen Sextourismus. Nicht nur Mönche und Priester der Umgebung, auch aus der Mitte Deutschlands reisen Kleriker an, z.B. der Marist[6] Hermann Schartmann aus Köln, dort Pfarrer der Herz-Jesu-Gemeinde.

2. Das Münchner Stadtjugendamt begreifen wir als Mittelpunkt eines, wie wir vermuten, Pädophilennetzes, von wo aus entsprechend „geeignete“ Kinder, oft aus prekären Familienverhältnissen und schon misshandelt und missbraucht, vorgemerkt und vorangekündigt und mit Insider-Informationen nicht nur nach Feldafing weiter­gereicht wurden, natürlich auch in andere Heime, darunter in die beiden Ober­ammergauer Heime. Ein Amt als Platzanweiser der ihm Anvertrauten? Unsere Recherchen lassen diese Vermutung zu.

3. Das Besucherzimmer im Oberammergauer Hänsel- und Gretelheim ist nach unseren Recherchen Ziel von Mönchsbesuchern aus Ettal, aber auch von Ange­stellten des Münchner Sozialreferats. Reiner Edenhofer, Betroffener aus Oberam­mergau, berichtet darüber. [7]

4. Der Schlafsaal in Regensburg, wo während der Ferien auch Kinder aus Felda­fing hingeschickt wurden, und hochprominente Theologen übergriffig wurden. N. L. wird nicht das einzige Opfer gewesen sein.

5. Die Folterkeller/Verliese des Klosters Ettal, wohin Heimkinder aus umliegenden Heimen während der Ferien transportiert wurden. Nonnen fungierten als Schlepperinnen und schafften Heimkinder, z.B. aus Feldafing herbei, um den Mönchen, die während der Ferien fehlenden Internatsinsassen durch Heimkinder zu ersetzen, die gegen Bares die Stiftungskassen ihres Ordens aufzu­füllen hatten.

6. Unterstützt bzw. als symbolisch zu betrachtender Protagonist zusammen gehalten werden diese Zusammenhänge von klerikalen Sextouristen wie dem Maristenpa­ter Hermann Schartmann, der nach unseren Recherchen allein aus unseren näheren Bekanntenkreis mindestens fünf Kinder über Jahrzehnte hinweg atta­ckiert hat, in Oberammergau unseres Wissens mindestens fünf, in Speyer wohl ebenso viele, ein letztes Opfer 1984 in Speyer. Er wird nicht der einzige Sex-Tourist gewesen sein. Dieser Tourismus funktionierte unter aktiver Teilhabe der Niederbronner Schwestern, die in Oberammergau und in Speyer (und natürlich auch an anderen Orten). Sie betrieben Pro­stitution initiativ und aktiv und kas­sierten dafür Geld. Für Patres stand in Oberam­mergau ein Gästehaus zur Verfügung. So kam Schartmann aus Köln von der Herz-Jesu-Gemeinde, fuhr nach unseren Recherchen mehr als dreißig Jahre immer auf der gleichen Route gen Süden und machte dort Halt, wo etwas ging und er nur bezahlen musste: Von Speyer und Oberammergau wissen wir dies, es werden noch andere Orte und Heime gewesen sein.  

VI. Grobfazit: München liefert, Feldafing unter anderem verteilt, Nonnen trans­portieren und kassieren vornehmlich von Klerikern. Die Speyrer „Preisliste“[8] mag als Maßstab dienen. Regensburg ist nur eine Luxus-Spielart des Ettaler Kellers. Pointiert: Oberammer­gau und Speyer sind im eigentlichen Sinn nicht als pädagogische Wirkungsstätten zu betrach­ten. Dort ist Erziehung Mittel und Camouflage zu dem Zweck, die Ordens­kassen zu füllen. Die eifrigsten Klienten sind Kleriker, aber auch lokale Nomenklaturen sind in diesen Heimen gern gesehene und erbetene Gäste/Freier. Nicht zu vergessen: Das Feldafinger Heimpersonal missbraucht und kassiert und ist an der Weitergabe der Kinder zu sexuellen Zwecken zur Gänze beteiligt.

Ein wichtiges, neues Forschungsfeld der Zeitgeschichte ließe sich aus den bishe­rigen Ausführungen ableiten: Die enormen Summen, die durch Prostitution in einem noch zu definierenden Zeitraum (1952-1972?) abgeflossen sind, lassen sich nun durch K. Os. Blätter aus dem von ihm so genannten „Kinderbuch“ mit annähernder Wahrscheinlichkeit hochrechnen und für Forschungszwecke vorläufig definieren. Um endgültige Gewissheit über die Zahlen zu gewinnen wäre es erforderlich, das Archiv zu eruieren, aus dem die anonyme Sendung kam und Materialien, sprich: alle so genannten „Kinderbücher“ zu beschlagnahmen und auszuwerten. So wären die Summen zu ermitteln, die die Nieder­bron­ner Schwestern durch Pro­stitution erwirtschaftet haben. Möglicherweise finden sich solche „Kinder­bücher“ auch in Archiven anderer Erziehungsstätten der Niederbronne­rinnen. In einem weiteren Schritt ist dann der Frage nachzugehen, inwieweit dieses Kapi­tal sich in Investitionen verwandelt hat: Die „Transsubstantiation“ von Prostitu­tions­geldern in Stiftungskapital oder nur die Verwandlung von katholischer Geldwäsche in welche Form von Geldanlage auch immer? Ob in diesen Archiven ergänzendes Material aus den Archiven der Nonnen noch verfügbar ist, ist eine spannende Frage. Ebenso: Wie ertragreich hat dieses Kapital bis zum heutigen Tag arbeiten können? 

Passau und Mainz, im Oktober 2020

Vladimir Kadavy und Jörg Jägers

Ende des Zitats

Es bleiben Fragen:

Warum musste privat recherchiert werden?

Wann kommt endlich der Staat seiner Aufgabe nach, Rechtsfrieden herzustellen, auch über Verjährungsgrenzen hinweg?

Immerhin: Eine Richterin (Andrea Herrmann, Sozialgericht Darmstadt) hat sehr beherzt in einem wegweisenden Urteil das Martyrium eines der Opfer aus der Recherche­gruppe anerkannt und ihm eine Rente nach dem OEG, dem Opferentschädigungs­gesetz zugesprochen. Dieses Urteil wurde – pseudonymisiert – hier im Blog veröffentlicht[9], was zu Aufmerksamkeit führte, die sich auch in den Medien niederschlug.


Fußnoten

[1] Ausstellung in Freistatt: „Eckhard Kowalkes Kunst bewirkt den Dialog“ http://www.shz.de/lokales/eckernfoerder-zeitung/eckhard-kowalkes-kunst-bewirkt-den-dialog-id12378471.html Aufgerufen: Dienstag, 7. April 2020

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Schwestern_vom_G%C3%B6ttlichen_Erl%C3%B6ser

[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Deutscher_Parit%C3%A4tischer_Wohlfahrtsverband

[4] beide nun „Marie-Mattfeld-Haus“

[5] Man möge mir das Binnen-I nachsehen. Es handelt sich um ein Zitat.

[6] https://de.wikipedia.org/wiki/Maristenpatres

[7] Seine Website ist seit 7.4.2020 gesperrt. Eine pdf-Datei könnten wir zuschicken.

[8] Bei der „Preisliste“ handelt es sich um eine Seite der handschriftlich geführten Buchungsvermerke – in Foto­kopie, die ein netter Mensch in den Briefkasten von K. O. warf. Sie enthält die Namen von Tätern und die Höhe der für die sexuellen „Dienstleistungen“ gezahlten Beträge. K. O. nennt diese Seite „Kinderbuch“. Er und weitere Kinder werden auf dieser Seite aufgeführt.

[9] https://dierkschaefer.wordpress.com/2020/11/20/oeg-urteil/

Selbstsicher und verantwortungsbewusst sollen unsere Kinder ins Leben gehen – Manchmal geht das schief.

Zunächst eine Vorbemerkung.

Ich habe hier einen 29seitigen Essay[1] auf gut fünf Seiten „eingedampft“. Ziel ist, dem Leser, der mit Entschädigungsfragen infolge staatlich zu verantwortender „Erziehungsfehler“ zu tun hat, einen ersten Überblick über die Kausalzusammenhänge und die rechtlichen Möglichkeiten zu geben. Eine Vertiefung in die Materie ist nach diesem Überblick erleichtert. Man folge den Hinweisen auf den Original­artikel.

Zu beachten ist auch das erste sozialgerichtliche Urteil, das in der Logik der hier dargestellten Erkenntnisse steht.[2] Dieses Urteil liegt mir vor. Es ist noch nicht veröffentlicht. Es ist eine Sternstunde deutscher Gerichtsbarkeit. Hier hat eine Richterin – wohl ohne entsprechende Vorbildung – in einer unübersichtlichen Situation juristisch „ins Schwarze“ getroffen. Ich habe eine pseudonymisierte Arbeitsfassung erstellt, die ich als PDF beifüge.[3]

Wenn meine Kurzfassung des Essays ehemaligen Heimkindern und ihren Rechtsvertretern Zugang zu einer juristisch erfolgreichen Argumentation eröffnet, werde ich meine Mühe für sinnvoll investiert betrachten.

Nun zum Sachverhalt

Wenn wir auf die Welt kommen, sind wir noch lange nicht „fertiggebacken“. Aber wir haben es erlebt, das Paradies, die Rundumversorgung im Mutterleib: In wohliger Wärme kam rund um die Uhr alles, was wir brauchten.

Erst später lernten wir, dass schon dieses Paradies bedroht war. Doch wenn unsere Mutter nicht trank[4] oder Drogen nahm, wenn sie nicht selber – warum auch immer – unter Dauer­stress stand, kam von ihr nur Gutes zu uns rein. Und wenn wir nicht vorzeitig abgetrieben wurden, wuchsen wir heran, bis uns das Paradies zu eng wurde. Wir mussten da raus. Und dann wurde es kritisch. Da war der enge Geburtskanal – und danach?

Danach wurde es unerwartet kalt und viel zu hell. Die Hebamme gab uns einen Klaps auf den Po, damit wir schreien und sich unsere Lungen entfalteten. Nun waren wir in der Welt. Wir wurden abgetrocknet, da wars schon nicht mehr so kalt, in ein Kissen gewickelt und jeman­dem in den Arm gelegt. Keine Ahnung, wer das war. Später sagte man mir, es war mein Vater. Der trug mich im Kreissaal im Kreis herum, und die Hebamme sagte: Jetzt haben wir die Nachgeburt noch vor dem Kind gewogen. Die hatte Sorgen. Ich hatte andere. Die ganze Welt stürzte auf mich ein, fremd. Erst einmal: Augen zu!

Das Neugeborene ist mit einer Art „Notfallset“ ausgestattet, da ist nur ein Tool drin: Es kann schreien und seine Umwelt unter Druck setzen. Ganz egoistisch fordert es sein Recht auf Nahrung und Geborgenheit, von Rücksichtnahme keine Spur. Normalerweise spuren „seine“ Leute, meist die Mutter. Sie versorgt das Baby, nimmt es in den Arm und spricht mit ihm in einer Tonlage, die sie sonst nicht „drauf“ hat. Zwar nicht mehr im Paradies lernt das Baby: Wenn ich schreie, kommt jemand, und dann ist alles wieder gut. Dank „mothering“ ist eine Bindung entstanden, ein Band des Vertrauens. Dann kann das Baby ja bald die Welt erkun­den, runter vom Schoß, krabbeln! Stößt es sich irgendwo und bekommt Angst, dann nichts wie zurück in den sicheren Hafen, die Mutter nimmt es hoch und tröstet es. Alles wieder gut! Auf ein Neues – und die Mutter ermuntert es. Wenn es dann so weiter geht, ist alles gut.

Wenn nicht, wird es schwierig.

Der Essay zielt auf nicht so gut.[5]

Die Autoren nehmen die ehemaligen Heimkinder in den Blick und zeigen auf, welche nachhal­tigen negativen Einflüsse die Heimerziehung[6] auf das sich entwickelnde Gehirn der Heim­kinder gehabt hat. Die Auswirkungen führten zu einer Beeinträchtigung des Selbstbildes und zur deutlichen Verschlechterung der Lebens-Chancen. Was dort geschah, so schreiben die Autoren, seien Menschenrechtsverletzungen, die auch gegen das Grundgesetz verstoßen. Darum hätten diese Heimkinder einen rechtlichen Anspruch auf finanzielle Kompensation – gegen den Staat, der seine Aufsichtspflicht sträflich verletzt habe. Diese Kompensation könne aus juristischen Gründen nur über OEG-Verfahren (OEG=Opferentschädigungsgesetz) erfolgen. Soweit in Kürze.

Nun etwas detaillierter[7].

Der Eigenstandsschaden

Die Autoren gehen von einem Eigenstandsschaden aus. Dies ist ein ungewöhnlicher Begriff. Sie bemühen ihn, um die schädigenden neurologischen und psychologischen Wirkungen der Heimerziehung in den 50er bis 70er Jahren als Verletzung von Art. 1 I, 2 I GG und damit kompensationspflichtig darzustellen.

Was ist mit Eigenstand gemeint?

Gemeint ist die Stärkung der Persönlichkeit des Heranwachsenden, der im Sinne des GG frei – eigenständig – seinen Platz in dieser Gesellschaft einnehmen und behaupten können soll.

  • „Psychologisch operationalisiert beschreibt Eigenstand die schrittweise zu entwickeln­de Fähigkeit des Menschen, überhaupt verantwortliche Entscheidungen im Sinne der Ausgestaltung seines Persönlichkeitsrechtes zu fällen.“

Dazu gehört die Sozialverpflichtung.

  • „Sozialverpflichtung beschreibt die schrittweise zu entwickelnde Fähigkeit des Men­schen, soziale Verantwortung für den Eigenstand und das Persönlichkeitsrecht anderer Menschen zu übernehmen.“

Der Mensch, eine physiologische Frühgeburt

Davon ist der neue Weltbürger noch weit entfernt, so „unfertig“ wie er auf die Welt kommt.[8]

Seit Portman[9] sehen wir den Menschen als physiologische Frühgeburt. Die Autoren differen­zieren: „Der Mensch [kommt] als neuronale Frühgeburt zur Welt. Zur neuronalen Reifung und zur darauf basierenden Teilhabe an der menschlichen Gemeinschaft bedarf er der unmit­tel­baren Fürsorge und Sozialisation. Diese beiden Bedürfnisse [sind] Voraussetzungen erzieherischer Verantwortungsübernahme. Diese Verantwortungsübernahme liegt darin begründet, dass beim Menschen eine stark verzögerte Gehirnentwicklung nach der Geburt (stattfindet), die erst im dritten Lebensjahrzehnt in den Zielzustand einer neuronal ausgereif­ten Person einmündet: Über vielfältige Umbauprozesse des Gehirns … wird die vollständige Reifung des Gehirns beim Menschen erst ab dem 25. Lebensjahr erreicht.“

Der Staat ist in der Pflicht

Der Staat trägt qua Grundgesetz die Verantwortung für die Erreichung des Eigenstandes. Im Normalfall liegt die Verantwortung bei den erziehungsberechtigten Eltern[10], doch in seiner Wächterfunktion (Jugendamt) übergeordnet beim Staat. Wenn er Gründe sieht, das Kind aus der Familie zu nehmen, tritt er direkt in die Verantwortung für die Erziehung ein und wird haftbar für Eigenstandsschäden. Er stellt sich außer­halb des Grundgesetzes und handelt damit verfassungswidrig,[11] wenn er seine Pflicht zur Heimauf­sicht nicht wahrnimmt und es infolge dieser Pflichtverletzung nicht zu pädagogisch-wissenschaftlich fundierter Erziehung und zur Unterbindung von Misshand­lungen und kommt.

Trauma und Erinnerung

Es ist inzwischen allgemein bekannt und anerkannt, dass Traumatisierungen oft erst erheblich zeitverzögert erkannt werden, wenn entsprechende Symptome auftreten und zugeordnet wer­den können. „Ohne Kenntnis dieser Tatsachen ist schlechterdings keine Rechtsbean­spruchung durch die Betroffenen denkbar. Die Kausalitäts­bestimmung der aktuell bei den Betroffenen vorliegenden Symptome zur jahrzehntelang zurückliegenden Heimunter­brin­gung ist nicht ohne Spezialkenntnisse bzw. psychologischer Beratung möglich: der Verlauf der Erkrankun­gen ist schleichend und nicht ohne spezielle Kenntnisse auf die – teilweise den Betroffenen nicht mehr bewussten bzw. verdrängten – Misshandlungen und Vernachlässi­gungen zurück­zuführen.[12] Vielmehr sind [diese] den Betroffenen erst [durch] eine Aufarbeitung der Gescheh­­nisse durch psychologische Hilfestellung möglich. Daher ist dem Gebot der Effek­tivität des Rechtstaatsprinzips und dem mit wirkenden Schutz­gedanken der staatlichen Wächterrolle nach Art. 6 II GG gegenüber den Schädigern Geltung zu verschaffen.“

Worin bestehen diese Schäden?

„Als neuronale Frühgeburt braucht der Mensch adäquat verantwortete entwicklungsfördernde Umwelten, damit sich Eigenstand und Sozialverpflichtungspotential schrittweise entfalten können. Werden ihm diese entwicklungsfördernden Umwelten verwehrt, kommt es zu neuro­wissenschaftlich und psychotraumatologisch feststellbaren Verletzungen und Beeinträch­ti­gungen des inneren Milieus und damit zu einer Beschädigung der inneren Voraussetzungen erwachsener Freiheit und Sozialverpflichtung. Dem Betreffenden wird damit die Möglichkeit genommen, die Voraussetzungen des Persönlichkeitsrechts zu nutzen. Ihm wird die lebens­geschichtliche Möglichkeit erschwert oder genommen, seine Grundrechte geltend zu machen und damit an der Kontinuität der Verfassungsordnung mitzuwirken.“ – „Die Heimerziehung der 1950er bis 1970er Jahre war in dem Sinne bei der Zerstörung der Voraussetzungen des Eigenstandes sehr effektiv: ein beständiger Zustrom von affektiv negativ konnotierten Reizen (Zurückweisung, Bedrohung, Demütigung, Entwürdigung) legten das Fundament für das gestörte Denken, Fühlen und Handeln der Heiminsassen in ihrem späteren Leben.[13]

Anpassung als Überlebensprinzip

Diesen Mechanismus muss man verstehen: „Aus der Perspektive des Heranwachsenden kommt es zu einer optimalen Anpassung an die Umwelt der Erwachsenen. Das neuronale System entfaltet sich also in Richtung auf eine optimale Anpassung an die Stimuli auslösende Umwelt. Das Prinzip ist die für die Lebenssicherung und Arterhaltung optimale Adaption. D.h. auch die menschenunwürdigsten Sozialisationsbedingungen wirken neuroplastisch adaptiv und damit normativ für die Anpassung an eine gegebene Umwelt. Sie befä­higen das kindliche System je früher dies geschieht und je länger dies andauert, desto nachhaltiger sich optimal an jede, mit dem Überleben irgendwie vereinbare Umwelt anzupassen. Diese Adap­tion hat allerdings zur Folge, dass eine spätere Umstellung auf andere, z.b. lebenswertere Lebensbedingungen, wenn nicht verunmöglicht, doch in jedem Fall aber erschwert wird, je früher und zeitlich ausgedehnter die negativen Lebensbedingungen bestanden hatten.“ – Ehemalige Heimkinder tragen „ein epigenetisches Erbe ihrer leidvollen Lebensgeschichte mit sich: bei entsprechenden Stimuli im späteren Leben werden dysfunktionale Netzwerkstruk­turen aktiviert, die im Sinne einer früheren Anpassung an das neuronal destruktive Heim­system einmal überlebensnotwendig waren.“ – „Der Organismus des Kindes [wurde] dauer­haft für Stressreaktionen wie Kampf, Flucht, Angst und Erstarrung vorbereitet. … Die dabei sich entfaltende Hyperaktivität und Hyperreagibilität des Stresshormonsystems sind in Hin­blick auf die dauerhafte Auslieferung an die Gewalt als hoch adaptive und funktional Anpas­sungen an eine …  Ausnahme­zustandssituation zu werten. … Diese mittel- bis langfristigen neuropsychologischen Folgen einer solchen seriellen Gewalt-Exposition führen zu massiven psychischen Symptomen, die innerhalb des Heim­systems zwar funktional, außerhalb des Heimsystems hoch dysfunktional und daher als Folge eines hier neuropsychologisch aufge­schlüsselten Eigenstandsschadens gewertet werden müs­sen und die gesellschaftliche Teilhabe massiv behindern.[14] Im Besonderen sind zu nennen: Bindungsstörungen, erlernte Hilflosig­keit, mangelnde Affektregulation, Selbstwert­störungen, Mangel an emotionaler Berührbarkeit, Unfähigkeit zur sozialen Perspektivenübernahme, Stö­rung der Mentalisierungsfähigkeit, Unfähigkeit Wünsche, Impulse und Bedürfnisse auszu­drücken, Impulsivität, soziales Ver­meidungsverhalten, fragile Selbstwertregulation, posttrau­matische Belastungsstörung, erhöh­tes Risiko für Depressionen und Suizide, Angststörungen und auch Persönlich­keitsstörungen als heimintern adaptive, gesellschaftlich aber dysfunkti­onale Verhaltens- und Erlebensformen. Diese Störungsmuster verflechten sich mit der Persönlichkeitsentwicklung vieler ehemaliger Heimkinder. so dass nun nach den dafür ursächlichen Stimuli gefragt werden soll.

  • Stimuli, deren Mangel zu bestimmten Zeiten die Entwicklung beeinträchtigen, die also in einem bestimmten vulnerablen Zeitfenster gegenwärtig sein müssen
  • Stimuli, die unabhängig von kritischen/sensiblen Phasen auf die Entwicklung neuro­naler Netze des Gehirns wirken
  • In diesen sensiblen bzw. kritischen Phasen der Entwicklung sind bestimmte Stimulus­typen in ausreichender Intensität, Dauer und Menge erforderlich, damit sich eigen­stands- und sozial­verpflichtungsrelevante neuronale Funktionen entwickeln können, wie z.b. Stressinhibition, Selbstwertregulation, Affektregulation und Mentalisierungs­fähigkeiten.
  • In diesen Phasen ist das kindliche bzw. jugendliche Rechtssubjekt einerseits neuronal hochgradig geöffnet für soziales und umweltbezogenes Lernen. Andererseits sind Kin­der und Jugendliche in diesen Phasen aber auch besonders empfänglich für schä­di­gende Einflüsse. … Es können sich neuronale Dispositionen bilden, die, wenn im späteren Leben weitere ungünstige Faktoren hinzutreten, dann den Ausbruch einer manifesten psychiatrischen Erkrankung bedingen.“

„Der schädliche Habitus dem Heimkind gegenüber verunmöglichte die gelingende Ausdiffe­renzierung genetisch vorgegebener kognitiver und emotionaler Potenzen von Säuglingen, Kleinkindern und Heranwachsenden. Dieser hat damit das Recht auf Erziehung nicht nur konterkariert, sondern muss darüber hinaus als direkter Angriff auf die neuronalen Voraus­setzungen des humanen Freiheitsge­brauchs und der damit verbundenen Potentiale sozialer Verantwortungsübernahme gewertet werden. Damit stellt dieser einen direkten Angriff auf den Eigenstand des Menschen dar.“

Staatlich installierte Kindeswohlgefährdung begründet Anspruch auf staatliche Entschädigung

„Zusammenfassend kam es im Einflussbereich der Heime bei den ehemaligen Heimkindern zu einer „Einformung traumatisierender Erfahrungen in die neuronale Struktur des mensch­lichen Gehirns …. Die damit verbundenen Schädigungen des Eigenstandes dürften umso höher zu veranschlagen sein, je früher diese Erfahrungen gemacht werden. …

Die trauma- oder deprivationsbedingte Verhinderung sozialen Lernens und zwischen­mensch­licher Empathie bricht das Recht auf Erziehung … und kann auch heute als neuro­wissen­schaft­liche Basis jugendamtlicher Kriterien für die Gefährdung des Kindeswohls gelten. Auf Grundlage dieser Kriterien tritt man dem deutschen Heimsystem nicht zu nahe, wenn man in ihm Vorgänge einer staatlich installierten Kindeswohlgefährdung erblickt. …

[Sie] begründen bei den Betroffenen sowohl Ansprüche auf Schmerzensgeld als auch weitere Schadensersatzansprüche.  … Die Verantwortung des Schä­digers ist daher weit für sämtliche Folgeschäden, die adäquat in Zusammenhang mit dem schädigenden Ereignis stehen, gefasst.“

„Sämtliche Voraussetzungen für die tatsächliche Ersatzpflicht erfüllen daher Träger und Staat gleichermaßen durch die damalige Praxis der Heimunterbringung.

Einer gerichtlichen Durchsetzung der vorgenannten Ansprüche der Heimkinder steht jedoch die Einrede der Verjährung gem. § 214 BGB seitens der damaligen, heute noch in Form der Träger rechtlich und tatsächlich fortbestehenden Schädiger entgegen. … Zum anderen gilt dies auch für Ansprüche gegen den Staat aus Amtshaftung nach § 839 BGB i.V.m. Art. 34 GG aufgrund unterlassener effektiver Kontrolle und Unterbindung der Misshandlungen in den Trägereinrichtungen.“

„Eine rückwirkende gesetzliche Bestimmung zur Aufhebung der Verjährung für bereits eingetretene Ver­jährungen ist nicht zulässig.“

Die Autoren schlagen eine Ände­rung des geltenden OEG [vor.] [Es] „dürfte … bei einem staatlichen Verschulden legislativ geöffnet werden für die Leistung von Schadensersatz­ansprüchen und Zahlung von Schmer­zensgeld. Daher wäre im OEG eine Erweiterung der Beweiswirkung von ärztlich festgestell­ten psychischen Schäden im Rahmen einer gesetz­lichen Kausalitätsvermutung bei nachweislichen Heimaufenthalten in den Jahren 1950-1975 anzustellen.“


[1] Operationalisierbarkeit des EigenstandsschadensBegründung von Schadensersatz­pflichten durch Verletzung von Art. 1 I und Art. 2. I GG Prof. Dr. Jürgen Eilert*, Prof. Dr. Jan Bruckermann**, Dr. Burkhard Wiebel***

Die Originalfassung kann abgerufen werden unter: https://docplayer.org/169226626-Sozialrecht-4-jahrgang-seiten-operationalisierbarkeit-des-eigenstandsschadens-abhandlungen.html Hier auch die Querverweise und Quellenangaben. Um gezielt auf die Suche zu gehen, kann man auch mein Arbeitsexemplar im WORD-Format anfordern: ds@dierk-schaefer.de

Zitate, soweit nicht anders ausgewiesen, sind dem Essay entnommen.

[2] Sozialgericht Darmstadt, Az: S 5VE25117

[3] https://dierkschaefer.wordpress.com/2020/11/20/oeg-urteil/ Diese Version ist als Vorabmitteilung ausschließlich zum persönlichen Gebrauch bestimmt. Abzuwarten ist die zitierfähige Veröffentlichung durch das Sozialgericht.

[4] In der Schule wurde das Thema Alkohol durchgenommen. Von da an wollte Kevin, ein Pflegekind, nicht mehr zu seiner leiblichen Mutter, denn nun wusste er, warum er behindert war.

[5] Ich folge im Wesentlichen dem Verlauf und gebe den Essay in ausgewählten Auszügen wie­der.

[6] Soweit es allgemein um Hirnentwicklung geht: Schädigende Einflüsse kommen auch außerhalb der Heimer­ziehung vor. Nur dann dürfte es noch schwieriger sein, Ansprüche auf finanzielle Kompensation durchzusetzen. Dasselbe gilt für die pränatalen Schädigungen in der Kriegskindergeneration (hoch stressbelastete Schwanger­schaften bei Bombardierungen).

[7] Wer es noch detaillierter haben will: Elisabeth B. Binder, Folgen früher Traumatisierung aus neurobiologischer Sicht, https://link.springer.com/article/10.1007/s11757-017-0412-9 Doch ich warne. Dieser Text ist nur mit einschlägigen Vorkenntnissen verständlich.

[8] „Primaten kommen mit einem besonders unfertigen Gehirn zur Welt. Je langsamer es sich anschließend entwickelt und je länger es dauert, bis alle Verschaltungen endgültig geknüpft und festgelegt sind, desto umfangreicher sind die Möglichkeiten, eigene Erfahrungen und individuelle Nutzungsbedingungen in seiner Matrix zu verankern“

[9] 1941 veröffentlichte Portman erstmals einen Beitrag zur Sonderstellung des Menschen in der Natur aus ontogenetischer wie phylogenetischer Sicht. In den folgenden Jahren veröffentlichte Portmann kontinuierlich weitere Beiträge zur Sonderstellung des Menschen in der Natur und behandelte verstärkt die ersten Lebensjahre des Menschen aus entwicklungsgeschichtlicher Sicht. Diese Sonderstellung des „physiologisch völlig unspezi­alisierten“, in seiner Entwicklung offenen Menschen unterscheide ihn als „ewig Werdender“ von allen anderen physiologisch höchst spezialisierten, „so-seienden“ Lebewesen. Er prägte die Begriffe der „physiologischen Frühgeburt“ und „Nesthocker“ bzw. „Nestflüchter“, welche auch heute noch Verwendung finden. Der Mensch ist einer späteren Arbeit von ihm zufolge ein „sekundärer Nesthocker“ mit einer offenen Präge- und Lernphase im „sozialen Uterus“ der Familie. https://de.wikipedia.org/wiki/Adolf_Portmann#Wissenschaftliche_Themen

[10] Einer meiner Tagungstitel: Eltern sind Schicksal – manchmal auch Schicksalsschläge.

[11] Der Mensch bleibt „unter den ihm von der Verfassung garan­tierten Möglichkeiten zurück: Grundrechtlich höchstgradig geschützte Rechtsgüter bleiben ungelebt oder können wegen der umfassenden neuropsychischen Störungen nicht oder nur beschädigt geltend gemacht werden, wie z.B. die Fähigkeit andere Menschen als gleichwertig zu erleben (Art. 3 GG), eine Religion zu haben (Art 4. GG), seine Meinung angstfrei frei zu äußern (Art. 5 GG), Ehe- oder Familienleben verantwortlich zu gestalten und Kinder zu erziehen (Art. 6 GG), eine erfolgreiche Schullaufbahn zu bewältigen (Art. 7 GG), öffentlich angstfrei zu demonstrieren (Art. 8 GG), sich in Vereinen zu organisieren (Art. 9 GG), private Kommunikation zu gestalten (Art. 10 GG), sich frei im öffent­lichen Raum bewegen zu können (Art. 11 GG), berufstätig sein zu können (Art. 12 GG), sich mit dem Verfas­sungsstaat identifiziert und sozialverpflichtet zu fühlen (Art. 13 GG), eine eigene Wohnung zu gestalten (Art 14 GG), Eigentum zu erhalten und für die Erben zu sichern (Art. 15 GG).

[12] Eine Verstehenshilfe stellt die „Trauma-Zange“ nach Dr. L. Besser dar: https://dierkschaefer.wordpress.com/2018/11/25/wenn-die-seele-zuckt-trigger/

[13] Leser, denen die damaligen Erziehungsmethoden in Heimen fremd sind, mögen diesen Link anklicken: http://gewalt-im-jhh.de/Erinnerungen_KD/erinnerungen_kd.html

[14] Aus meiner Adoptionsarbeit: Ein Kind, das längere Zeit erfolgreich auf der Straße gelebt hat, ist kaum umzupolen.

Gastkommentar – von Erich Kronschnabel

Zunächst: Vorsicht, wenn Sie retraumatisiert werden könnten. Wer dieses Video anschaut amüsiert sich zuerst. Es gibt aber auch Menschen, die das Grauen der Vergangenheit einholt, weil sich diese qualvollen Schreie in ihre Seelen einbrannten. Es waren diese Kinderschreie, die sie noch heute in ihren Angstträumen hören.

Wenn Sie aber unbesorgt oder gar mutig sind: Starten sie das Video, klicken Sie hier: http://www.youtube.com/watch?v=rCK6zvWEN_Q

Beim Hören dieser Schreie fühlte ich mich in meine Vergangenheit zurückversetzt. Es waren die ersten drei Jahrzehnte nach dem Krieg, die ich hier beschreibe.

Wir waren damals Heimkinder, wir waren im Kinder-KZ Stephansstift – KZ Kronsberg in Hannover eingesperrt. Wir waren den brutalen Schlägern der Diakonie Hannover ausgeliefert. Die Diakonie hielt sich diese Bestien in Menschengestalt als Diakone und nannte diesen menschlichen Abschaum „Erzieher“.

Ich ließ diese qualvollen Schreie aus dem Video in meinen Kopf und „sah“ einen „Bruder“ – so mussten wir den Diakon ansprechen. Ich sah, wie er ein wehrloses Kind schlägt und genussvoll quält. Die Schreie geilen ihn auf, er greift sich das Kind, vergewaltigt es brutal, lässt es dann in all seiner Not liegen.

Die Schreie des gequälten, geschundenen Kindes gellen durch die Nacht. Im Schlafraum nebenan liegen die in dieser Nacht verschonten Kinder. Sie zerbrechen an ihrer Angst, bald selbst wieder Opfer zu werden.

Hören Sie genau hin! Hören Sie die Qual und die Schmerzen des Kindes, an dem sich das perverse Schwein von Diakon vergeht?

„Bruder“ nannte sich das Stück Dreck! „Brüder“ nannten sie sich. Die Schergen der Diakonie missbrauchen und schinden wehrlose Kinder. „Diener des Herrn“ nannten sie sich, Diener des Satans waren sie.

Und heute? Heute tun ihre Nachfolger in den kirchlichen Firmen so, als würden sie die Ver­bre­chen von damals aufarbeiten. Sie stellten eine „Unabhängige Kommission“ zusammen, die „in Anerkennung des erlittenen Leids“ lächerliche Beträge an die Opfer der Kinder­schinder ausreichen. Der höchste von der Landeskirche Hannovers bezahlte Betrag belief sich auf 31.000 Euro. Eine lächerliche Summe als Wiedergutmachung für zerstörtes Leben! Mein Peiniger, das Stück Dreck, bezog PRO JAHR eine höhere Pension, als es das Taschengeld ausmachte, das seine „Brüder im Glauben“ mir hinwarfen.

Die Sexualopfer im Bereich des katholischen Konzerns mit dem Kreuz im Logo erfuhren jetzt, dass sie in „Anerkennung des Leids“ bis zu 50.000 € erhalten können. Und wieso hielt sich die evangelische Konkurrenz so bescheiden zurück und zahlte lediglich einem Opfer lausige 31.000 € ??? Hatten die evangelischen Täter etwa Beschwerden über die missbrauch­ten Kinder vorge­bracht? Waren die sexuellen Leistungen der Kinder schlechter als die von der Glaubens­konkurrenz? Nach welchen Maßstäben messen die Kommissionsmitglieder der Landeskirche Hannovers die Verbrechen ihrer Glaubensbrüder? „Sind ja nur Heimkinder gewesen“?

Sieht man sich die Vita der Mitglieder der „Unabhängigen Kommission“ an, dann stellt man fest, dass jedes Mitglied engstens mit der Kirche verbandelt ist! Wo findet man da die angebliche Unabhängigkeit?: Mitglied der Landessynode, Richter beim kirchlichen Disziplinargericht, Pfarrer i.R.! Und alle Drei unabhängig … aber nicht von der Kirche!

Das Video lässt Kinderschreie hören, wie sie die geschundenen Opfer beider Kirchen aus­stießen. Die einen bekommen bis zu 50.000 €, die anderen bekamen bisher in den meisten Fällen nicht mal die Hälfte von dem, was den Katholiken die Kinderfickerei wert ist.

Die Katholiken fordern die bisher zu gering „entschädigten“ Opfer auf, einen weiteren Antrag zu stellen, der schnellstens beschieden würde, weil der Sachverhalt ja bereits aktenkundig ist.

Die Evangelischen tun diesbezüglich was? Hören sie sich ungerührt die qualvollen Schreie aus dem Video an und verweigern sie die weitere, höhere „Entschädigung“, wie sie die Katholiken ankündigten? Frei nach dem Spruch eines Diakonie-Vorsitzenden, der einem übelst missbrauchten Opfer sagte „Na, Herr Hedd.., so schlimm wird‘sich wohl nicht gewesen sein“?

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Soweit der Gastkommentar. Die Leser meines Blogs kennen Herrn Kronschnabel. Er meldet sich öfter zu Wort und hat seinen eigenen Stil, den er auch in Verhandlungen mit der „Behörden­kirche“ erfolgreich benutzt, um den von ihm vertretenen ehemaligen Heimkindern Zahlungen zu erstreiten. Herr Kronschnabel hatte auch oft einen Platz im Hauptartikel, den ich für den Blog schrieb. Ich erinnere nur an „Ist es legitim, die Obszönitäten von Kronschnabel mit Bonhoeffer in Verbindung zu bringen?“ https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/06/28/ist-es-legitim-die-obszoenitaeten-von-kronschnabel-mit-bonhoeffer-in-verbindung-zu-bringen/

Regelmäßig bin ich bemüht, den Hintergrund seiner aggressiven Verbalinjurien aufzuhellen. Denn abgesehen davon hat er ja Recht. Er weiß zwar, dass man Kirche auch anders erleben kann als von einem Diakon aufgespießt. Doch seine Erfahrungen waren halt andere. Ich schrieb ihm im Vorfeld seines Gastkommentars:

„Im Unterschied zu Ihnen und vielen anderen habe ich mit vielen anderen die Kirche positiv erlebt. Sie machte in unserem Arbeiterstadtteil eine ausgezeichnete Jugendarbeit, auch mit Freizeiten und Ferienfahrten, angefangen vom Kindergarten, der mit allen Kindern für mindestens eine Woche in die Sommerfrische fuhr, wie lange, weiß ich nicht mehr genau, das war etwa 1949, noch zu Nachkriegsbedingungen. Später die Einrichtung einer „Schülertages­stätte“ für „Schlüsselkinder“ u.a. (das war allerdings besser gedacht als gemacht), dann die Kinderkirche, die uns Spaß machte, weil wir den Helferinnen auf der Nase rumtanzen konnten, nach der Konfirmation dann die klassische Jugendarbeit mit wöchentlichen Angeboten, erschwingliche Urlaubsfahrten, am weitesten nach Italien. Und wenn wir mit Werner Brennecke uns im Wald um eine kleine Tanne versammelten und nach und nach eine Kerze für die „Waldweihnacht“ aufsteckten, – das hatte schon was. Die Kirche war ein zweites Elternhaus. Es wäre unfair, dies alles zu vergessen oder gar zu verleugnen.“

Dennoch bekommt Herr Kronschnabel auch weiterhin einen Platz in meinem Blog. Denn „meine Kirche“, die Kirchen überhaupt häufen weiterhin Unrecht auf Unrecht. Frei nach der Trias, die kürzlich Vladimir Kadavy so formulierte: „Kinder schänden, Zeit schinden, Kassen schonen“.

Nachtrag: Herr Kronschnabel kann auch noch ganz anders: https://dierkschaefer.wordpress.com/2020/04/23/singe-o-goettin-vom-zorn-der-geschaendeten-knaben/

Und Gott schaut weg – was sollte er auch sonst tun? Ist ja auch nur ein Mensch …

… hätte ich beinah geschrieben. Menschen schauen weg, das ist das größere Problem. Was Gott tut oder unterlässt ist nur ein theologisches. All die Greuel auf der Welt belegen, dass er ohnmächtig oder unwillig sein muss. Wie sonst könnte er den Holocaust, den Holodomor, die Gulags, die Kriege und auch die alltäglichen Verbrechen, gar die an Kindern zulassen? Die „Theodizee-Frage“ ist längst zu einer Frage an die Menschen geworden, zur Anthropodizee-Frage: Wie können wir das zulassen? Schauen auch wir einfach weg?Kind

[1]

„Und Gott schaut weg“ hat Detlev Zander sein Buch genannt[2]. Wenn ich hinschaue, dann sehe ich Fürchterliches.

Ein Beispiel soll reichen: der „Steh-Karzer“ in der Korntaler Diakonie:

»Zwischen zwei Gruppenwohnungen gab es Doppeltüren. Zwischen diesen beiden Türen war gerade so viel Raum, dass ein dort eingeschlossenes Kind sich weder umdrehen noch hinlegen konnte. Die Kinder wurden dort nachts für viele Stunden in völliger Dunkelheit zwischen beiden Türen eingeklemmt. Diese Methode dient auch zur Erzeugung von Klaustrophobie und Panik­attacken bei zuvor noch gesunden Kindern. Die Kinder sollten ja nicht nur in diesem Moment bestraft werden, sondern nachhaltig und für ihr ganzes Leben.«[3]

Wer je eine Kernspin-Untersuchung[4] erlebt hat, kann sich das in etwa vorstellen: Eingezwängt in eine enge Röhre unter beängstigendem Lärm – und das nur für eine halbe Stunde, die ewig erscheint, wenn man sich nicht psychisch konditioniert. Das gelingt nicht allen Erwachsenen, die haben aber einen Notfallknopf in der Hand und können auf „Abbruch“ drücken. Und Kinder? Kürzlich hatte eins der unseren eine solche Untersuchung. Ich habe ihm alles erklärt, so dass er wusste, was auf ihn zukommt, und ich bin mit rein. Nicht in die Röhre, aber dicht daneben und habe ihn durch Streicheln am Bein ständig „gesagt“: Du bist nicht allein, es ist alles in Ordnung.

Anders im frommen Korntal. Man muss daran erinnern, dass die Diakonie aus der „Inneren Mission“ hervorgegangen ist. Mission – Die Verkündigung der frohen Botschaft Gottes? Nein, in Korntal nicht. Dort wurde auch der Teddy-Bär, der als letzten Halt verbliebene Schutzengel des Kindes Detlev Zander vor seinen Augen ins Feuer geworfen. Man möchte wegschauen.

Doch es gibt Menschen, die sich am Zuschauen verlustieren. Die müssen wir im Auge behalten und ihnen Einhalt gebieten.[5]

Andere schauen einfach weg. So ein Kollege, der in seinem Blog als „Kirchenberater“ firmiert: Der ist „mit diesem Thema, also dem von der Kirche zu verantwortenden sexuellen Missbrauch, bisher nicht konfrontiert worden“, das schreibt er am 5. Juli 2020! In welcher Welt lebt der Mann?[6]

Nicht genau hingeschaut haben die Bischöfe der Württembergischen Landeskirche. Die Brüdergemeinde Korntal ist zwar unabhängig[7], doch sie wird vom Bischof unserer Landeskirche „visitiert“, d.h.: es finden Kontrollbesuche statt.[8]

„Und nur wer hinschaut, wird die wahre Dimension dieses Sumpfes erkennen.“[9]

Wir müssen genau hinschauen. Gott tut es wohl nicht.

[1] Photo: ds

[2] https://books.google.de/books/about/Und_Gott_schaut_weg.html?id=z7D9CAAAQBAJ&redir_esc=y

[3] http://www.opferhilfe-korntal.de/pages/taten.php

[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Magnetresonanztomographie

[5] »„Das Schrecklichste sind die Bilder. Und Sie müssen, wenn Sie das auswerten, sich auch die Tonspuren anhören. Das ist sehr schrecklich, und wenn man dann sieht, dass zwei Kinder von vier Männern missbraucht werden, wechselseitig und über Stunden, dann ist das, glaube ich, nicht mehr irgendwie zu beschreiben. Das ist schon der Abgrund, was man da gesehen hat.“ (Kriminalhauptkommissar Joachim Poll, Ermittlungsleiter im Fall Münster) … „Und nur wer hinschaut, wird die wahre Dimension dieses Sumpfes erkennen.“ (Peter Biesenbach, Justizminister in Nordrhein-Westfalen)« https://www.deutschlandfunk.de/debatte-um-umgang-mit-missbrauchsfaellen-fachwissen-in-der.1148.de.html?dram:article_id=481065 Montag, 3. August 2020

[6] http://wolff-christian.de/die-basis-broeckelt-leise-anmerkungen-zu-den-kirchenaustritten/?replytocom=13950#respond

[7]Die von Ihnen genannten Vorfälle beziehen sich auf Einrichtungen der Diakonie der Evangelischen Brüdergemeinde Korntal gGmbH, die der Evangelischen Brüdergemeinde Korntal und nicht der Evangelischen Landeskirche in Württemberg zugeordnet ist.“ https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/07/31/blieb-der-juli-ohne-july-korntal-war-keine-chefsache/  – so auch das folgende Zitat

[8] Die Landeskirche hat das Visitationsrecht über die unabhängige Brüdergemeinde in Korntal und ihrer Filiale in Wilhelmsdorf. Visitation ist Dienstaufsicht nach Plan. Korntal kommt allerdings in der Visitationsordnung der Landeskirche nicht vor. – Egal, – wenn der Landesbischof sogar die Hühner der Brüdergemeinde zur Chefsache macht, frage ich mich, wie die früheren Landesbischöfe ihre Visitationspflicht wahrgenommen und ob sie vom Missbrauch in Korntaler Einrichtungen erfahren haben. War die Visitation zu oberflächlich? Oder hat man die Ergebnisse nicht ernstgenommen, gar verschwiegen?

[9] Fußnote 5

Lauter Zuständigkeiten, welch ein Zustand! Der Anstand bleibt auf der Strecke.

Wer den epd-Bericht über den »Beauftragtenrat, der sich mit sexualisierter Gewalt im Umfeld der Kirche beschäftigen soll«[1] liest, kommt aus dem Staunen nicht heraus, wenn er kein Insider ist, also die Interna der EKD und ihrer unabhängigen Landeskirchen nicht kennt, auch nicht die Unterschiede zwischen der „verfassten“ Kirche und ihrer Sozialkonzerne, die mit dem Sammelbegriff Diakonie auch nur unzureichend abgebildet sind.[2]

Als Insider weiß man, warum Opfer des sexuellen Missbrauch in kirchlichen Zusammenhängen sich fragen: »„Warum werde ich lediglich an die jeweilig zuständige Stelle der Landeskirche verwiesen, in der mir der Missbrauch angetan wurde?“« –  Das gilt besonders für Entschädigungsfragen, »für die jede Landeskirche … eben selbst … in ihren diskreten Verfahren zuständig [ist].«

»Detlev Zander … hofft, dass er die Gelegenheit hat, den Synodalen ins Gewissen zu reden – und damit echtes Verständnis erfährt«. Das ist sein Anspruch. Ich denke nicht, dass er so naiv ist und meint, sich damit durchsetzen zu können.

Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg, sagt man.

So könnte die EKD als Versammlung der einzelnen Landeskirchen und ihrer Sozialkonzerne unter diplomatischer Berücksichtigung aller Eitelkeiten Zanders Vorschlag für die Anlaufstelle folgen: »Psychologen und Juristen müssten die Geschichten der Anrufenden gleich anonym aufnehmen.«

Dazu müsste allerdings die Anlaufstelle finanziell und personell gut ausgestattet werden. Sie müsste vor allem tatsächlich und erkennbar von jedem denkbar kirchlichen Einfluss unabhängig sein. Im Hintergrund müssten sich die Landeskirchen und kirchlichen Verbände auf einen Entschädigungsrahmen einigen und dafür eine Entschädigungsstelle einrichten, an die die Anlaufstelle im anonymisierten Verfahren aus ihrer Kenntnis des jeweiligen Falls Forderungen stellen kann. Das setzt Vertrauen voraus. Doch warum sollen nur die Betroffenen einer Anlaufstelle und ihrem Personal vertrauen?

Das Ganze müsste nach dem „front-office-“ und back-office“-Prinzip laufen. Wer sich bei der Anlaufstelle meldet, hat nur einen und immer denselben Verhandlungspartner, der gegebenenfalls noch einen psychologischen Beistand vermittelt, sonst aber alle Hintergrundfragen klärt, so dass der Betroffene nicht mit den kuriosen kirchlichen Zuständigkeiten behelligt wird, die nur als Hinhaltetaktik verstanden werden.

In einer Art gentlemen‘s agreement müssten dann die einzelnen Landeskirchen und anderen kirchlichen Einrichtungen, in deren Bereich und Verantwortung die Missbrauchshandlungen fallen, den Entscheidungen zustimmen, die von übergeordneten Stellen getroffen sind, die aber offiziell keine übergeordneten Stellen sein dürfen.

So könnte man‘s machen. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.

Ich habe gelernt, dass wo Widerwille ist, es auch Widerstand gibt – und habe nicht sehr viel Hoffnung.


[1] Zitate aus: https://www.evangelisch.de/inhalte/162004/04-11-2019/sexueller-missbrauch-der-evangelischen-kirche-und-was-getan-wird-im-jahr-2019-bis-zur-ekd-synode Gleich der Auftakt offenbart das Dilemma dieser Kirche, wenn man von ihr überhaupt im Singular sprechen mag: »Sieben Menschen aus hohen Positionen in Landeskirchen und aus der Diakonie bilden seit der EKD-Synode 2018 den Beauftragtenrat, der sich mit sexualisierter Gewalt im Umfeld der Kirche beschäftigen soll. Im Juni 2019 traten sie zum ersten Mal gemeinsam im Kirchenamt der EKD in Hannover auf. Kirsten Fehrs, die Sprecherin des Rates ist, war stolz, dass sie einen Flyer präsentieren konnte. „.help“ – eine Anlaufstelle für Betroffene sexualisierter Gewalt.- Kerstin Claus, aus dem Betroffenenrat des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauch (UBSKM), war auch auf diese Pressekonferenz geladen. Sie stand vor der versammelten Presse und sagte, sie sehe diesen Flyer zum ersten Mal. Betroffene seien in die Ausgestaltung der Anlaufstelle für Betroffene nicht einbezogen worden.«

[2] Sollte sich jemand für Details interessieren, sei auf die Abschnitte „Dienstleistungspartner Kirche“ und „»Landeskirchen«?“ meiner Darstellung im Pfarrerblatt verwiesen: http://www.pfarrerverband.de/pfarrerblatt/index.php?a=show&id=4529 Mein Essay blieb ohne jeden Kommentar. Dieses Thema ist – positiv gewendet – unter meinen Kollegen nicht kontrovers.

Aktueller Nachtrag

„Kirchenjurist Blum zu Missbrauch: Debatte um Entschädigung wäre verkürzt“. Die frische Meldung von https://www.evangelisch.de/inhalte/162426/12-11-2019/kirchenjurist-blum-zu-missbrauch-debatte-um-entschaedigung-waere-verkuerzt  macht deutlich, dass finanzielle Interessen überwiegen, doch hinter Geschwafel verborgen werden: »„Entschädigung ist genau nicht, was wir als Institution leisten können“. Man WILL also keine Entschädigung leisten und setzt auf bewährte Ausweichmethoden: „Statt von Entschädigung spricht die evange­lische Kirche von Anerkennungs- oder Unterstützungsleistungen, über die man sich mit den Betroffenen im Einzelfall verständigen will.“ Die Einzelnen werden über den jeweiligen landeskirchlichen Tisch gezogen. Sie werden vereinzelt, bekommen keinen Rechtsanwalt, keinen Anspruch, sondern Almosen für ihre Bedürftigkeit. Ihnen gegenüber werden nicht Einzelne sitzen, sondern mehrere ausgebuffte Kirchenjuristen mit klarem Auftrag: Es so billig wie möglich zu machen.

Wenn nur die Heuchelei nicht wäre: »Blum sagte, die Forderung nach Zahlungen in diesen Größenordnungen führe zwangsläufig zu Auseinandersetzungen über die Beweisbarkeit. Das seien genau die Verfahren, „die die Betroffenen über lange Zeit stark belasten und retraumatisieren würden“«. Rücksichtnahme zahlt sich aus. Einfach widerlich!

Zeitvergleich

Geschichte wiederholt sich nicht – so heißt es. Doch es gibt merkwürdige Parallelen.

Heute sehen wir einen Artikel aus der Frankfurter Zeitung vom 01.11.1929.[1] 90 Jahre ist es her, dass diese Zeitung eine detaillierte Analyse des Aufstiegs der Nazi-Partei vorlegte. Vier Jahre später galt keine Pressefreiheit mehr, war alles gleichgeschaltet zu einer Nazi-Lügen­presse.

Schnuppern wir doch kurz die Luft der damaligen Freiheit:

»der Kern der Wählerschaft hat an der guten demokratischen Tradition des Landes festgehal­ten; nur ein – allerdings ansehlicher – Bruchteil ist der nationalsozialistischen Werbung wider­standslos erlegen, nämlich der Teil der Bauernschaft und des Bürgertums, den Kriegsende, Umwälzung und Inflation politisch aus dem Gleise geworfen und derart direktionslos gemacht haben, daß er, verstärkt durch wirtschaftlich Unzufriedene aller Art, seit zehn Jahren von Wahl zu Wahl anderen Phantomen nachjagt.« » Für den [badischen] Landtag bedeutet der Einzug der Nationalsozialisten eine Vermehrung der Elemente, die sich weigern, überhaupt fair mitzuarbeiten, die die Aufgabe des Landtags nicht fördern, sondern von innen heraus sabotieren wollen. Zu den fünf Kommunisten kom­men sechs Nationalsozia­listen; ein volles Achtel des Landtags wird damit aus Abgeordneten gegen den Landtag bestehen. Sie treiben ein unehrliches Spiel, indem sie trotzdem die volle Gleich­berechtigung mit den andern Parteien in Anspruch nehmen – die ihnen selbstver­ständ­lich gewährt werden wird –, wie es auch unehrlich ist, selbst einen Staat des Zwanges, der bruta­len Vergewalti­gung aller Andersdenkenden zu propagieren und gleichzeitig laut zu lamen­tieren und vor Entrüstung außer sich zu sein, wenn der bestehende Staat sich gegen ihre Wühlarbeit mit sehr zahmen Mitteln zur Wehr setzt.«

Zeitsprung

»Wo die NSDAP erfolgreich war, ist es heute die AfD. Das erklärt natürlich nicht den ganzen Wahlerfolg der AfD. Aber es ist ein wichtiger Faktor, ähnlich wichtig wie andere Erklärun­gen, die man bislang oft hören konnte:  Arbeitslosigkeit, Verlust von gut bezahlten Jobs im Industriesektor, Unsicherheit wegen der Zuwanderung.«[2] »Was die beiden Parteien gemein­sam haben, ist, dass sie offensichtlich Menschen mit ihren rechtspopulistischen Denkweisen ansprechen, mit relativ schnellen und national gefärbten Lösungen für Probleme und Krisen der Zeit, mit ihrem Insider-Outsider-Denken.«

Dies ist die eine Seite des Problems und seiner Parallelen. Die weiteren Details sollte man den angegebenen Artikeln entnehmen. Dann sieht man auch, dass ein 1:1 Vergleich nicht funktioniert.

Doch auf der anderen Seite des Problems haben wir wieder eine Parallele.

Vor 90 Jahren schrieb die Frankfurter Zeitung: »Die Empfänglichkeit weiter Volkskreise für die nationalsozialistische Agitation könnte nicht so groß sein, wenn die Republik die volle Ueberzeugungs- und Anziehungskraft entfaltet hätte, die gerade einer auf dem demokrati­schen und sozialen Prinzip aufgebauten Institution innewohnen muß. Deshalb muß der Nationalsozialismus der Republik ein Stachel zur Selbstkritik sein; die Republik ist robust genug, um solche unablässige Selbstkritik ertragen zu können.«

Die Überzeugungs- und Anziehungskraft unserer Demokratie ist im Sinken und als enttäusch­ter/empörter Bürger könnte man geneigt sein, mancher AfD-Argumentation zu folgen – wenn es nicht die AfD wäre. Unsere Funktionseliten haben ihre Glaubwürdigkeit weitgehend verloren durch zahlreiche Skandale. Es sind ja nicht nur die Großbauprojekte, die merkwürdi­gerweise nicht von der Stelle kommen, es ist nicht nur der Zustand unserer maroden Infra­struktur, bei dem man sich fragt, wo die Steuergelder hingeflossen sind. Es ist vor allem die Kumpanei mit Wirtschaft und Industrie geschmiert durch die Lobbyvertreter, genannt sei hier nur die Autoindustrie, die gerade durch ihre Betrügereien dabei ist, unsere Wirtschaft gegen die Wand zu fahren. Transparenz in diesen Dingen ist Tabu und die „Abgeordnetenwatch“ ein böser Bube.

Unser Gemeinwesen wird von zwei Seiten bedroht: Von seinen Vertretern, die gekonnt auf der Klaviatur gesetzlicher Möglichkeiten spielen – und dabei auch manchmal falsch spielen. Ihnen muss man auf die Finger hauen und sie bei den Wahlen abstrafen – wenn es da denn Alternativen gibt. Die erklärten Gegner unserer menschenrechtsbegründeten freiheitlichen Lebensweise sind Feinde dieses Staates und der Mehrheit der rechtlich Denkenden. Hier müssen unsere Staatsorgane mit allen rechtlichen Möglichkeiten durchgreifen bis hin zum Parteienverbot. Es wird Zeit. 1929 hatte man nur noch vier Jahre bis zur Machtergreifung der Feinde der Menschheit.


[1]Zitate aus :  https://www.faz.net/aktuell/politik/historisches-e-paper/historisches-e-paper-nsdap-erstmals-im-badischen-landtag-16402663.html

[2] Die gegenwartsbezogenen Zitate sind entnommen aus: https://www.zeit.de/politik/deutschland/2019-02/afd-waehler-rechtsextremismus-nsdap-gemeinden-milieu/komplettansicht

Gott vergibt, Django nie. Gilt das auch für Missbrauch?

Kürzlich kam es bei einer Predigt zum Eklat. »Während der Ausführungen des emeritierten Pfarrers Ulrich Zurkuhlen (79) verließen zunächst ein Teil des Chores, später rund 70 Gottesdienstteilnehmer unter lautem Protest die Kirche.[1]«

Was war geschehen? Der Pfarrer gibt das so wieder:

»„So etwas habe ich in den 54 Jahren meines Lebens als Priester noch nicht erlebt.“ Er sei mit seiner Stimme nicht gegen „den schreienden Mob“ angekommen, habe seinen Standpunkt und vor allem die biblisch so wichtige Bedeutung von Vergebung nicht darlegen können. So habe etwa Jesus der Ehebrecherin und der barmherzige Vater dem verlorenen Sohn vergeben. Das sei ein Vorbild für jeden: „Wir beten ja nicht umsonst im Vaterunser: Vergib uns unsere Schuld wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“«

Unwissenheit schützt aber vor Strafe nicht. Der Kollege hatte naiv-unbedarft ein Minenfeld betreten. Er hat offenbar keinerlei Ahnung von den Auswirkungen des Missbrauchs auf das Leben der Opfer, weiß nichts von den Ängsten und Reaktionsweisen der Opfer, die – noch dazu von einem Täterkollegen – sich nicht ins Gewissen reden lassen wollen, wem und was sie zu vergeben haben. – Aber er sieht sich im Recht, spricht von „Mob“, schließlich hat er Jesus auf seiner Seite. Er kann sich offenbar nicht vorstellen, um in seiner Gedankenwelt zu bleiben, wie Opfer, im Paradies angekommen, empfinden, wenn sie dort ihren Peinigern begegnen, und vielleicht auch noch auf derselben Wolke gemeinsam Halleluja singen sollen.

So naiv darf ein kirchlicher Funktionär nicht sein. Er sollte aus der Missbrauchs- und Vertuschungsdiskussion Empathie mit den Opfern gelernt haben und sollte wissen, dass mit „Schwamm drüber“ und „Friede, Freude, Eierkuchen“, also mit billiger Vergebung die Opfer in ihrer Verletztheit nicht zu erreichen sind oder – besser noch – gegen solche Priester revoltieren.

Er kennt auch die einschlägige Fachliteratur nicht.[2] Ich zitiere:

»Angesichts vielfachen sexuellen Missbrauchs, über die Zahlen könnte man streiten, muss „man“, nicht nur der Pfarrer im Gottesdienst, darauf gefasst sein, dass es unter den Zuhörerin­nen kirchlicher, aber auch sonstwie öffentlicher Rede, missbrauchte Personen gibt, die auf der Suche nach Verständnis sind, aber zudem retraumatisierbar. Doch diese „Fallgruppe“ wird nicht erkannt und berücksichtigt. … Missbrauchte haben ein Recht nicht nur auf Zorn, sondern auch auf Hass. Dem darf man nicht moralisierend begegnen.«[3]

Der leitende Pfarrer der Gemeinde, »Rau, zeigte sich auch deshalb betroffen, „weil wir eine der ersten Pfarreien im Bistum waren, die ein Präventionskonzept verfasst und eingeführt haben. Dazu gehört auch, die Perspektive der von Missbrauch Betroffenen einzunehmen“«.

Das ist lobenswert. Man sollte überhaupt niemanden mehr auf die Kanzel lassen, der das nicht kapiert hat. Insofern gehört das Buch „Damit der Boden wieder trägt – Seelsorge nach sexuellem Missbrauch“ mit zu allen Präventionsbemühungen, auch wenn dort die Seelsorge an denen im Mittelpunkt steht, bei denen Prävention zu spät kommt.

Fußnoten††


[1] Zitate aus: https://www.kirche-und-leben.de/artikel/eklat-bei-predigt-ueber-missbrauch-und-vergebung-in-muenster/

[2] Erika Kerstner / Barbara Haslbeck / Annette Buschmann, Damit der Boden wieder trägt – Seelsorge nach sexuellem Missbrauch, 1. Auflage 2016, 240 Seiten, ISBN: 978-3-7966-1693-8,

[3] Rezension: https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/01/25/damit-der-boden-wieder-traegt-seelsorge-nach-sexuellem-missbrauch/

Photo: dierk schäfer, unter Verwendung von https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/9293646525/in/photolist-oJAxqG-g9gJpW-fafnjV-bnSxGj-bp7bwD-bp6UXa-9vSzzw-8JgXum-8JdVdn-8JespT-8Jhwcs-8Jhp79-8Jhh2L-8JebdD-8JedK2-8Jeft6-8JhuK5-bp7kSK-9pfQSv-8JegZ4