Dierk Schaefers Blog

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« Kap. 37 f

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Dieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit,

die keine Kindheit war

Siebenunddreißigstes Kapitel

Zwei große Dinger parallel

So sitze ich nun vor einem PC und haue wieder im Zweifingersuchsystem in die Tasten. Das fällt mir jetzt umso leichter, weil sich der Kreis bei mir zu schließen beginnt. Dass dies jemals der Fall sein könnte, habe ich mir zu Beginn meiner Aufzeichnungen noch nicht einmal träumen lassen.

Die Vertreibung aus meinem Geburtshaus in der Nähe von Königsberg. Aus Königsberg generell und meine Rückkehr dorthin. Zwar nur mit einem Visum ausgestattet hatte ich das unwahrschein­liche Glück, in das Innere unseres kleinen Häuschens in Neudamm sehen zu können. Jedoch um diesen Kreis zu schließen, muss ich hier noch ziemlich viel Aufklärungsarbeit leisten. Bin ich doch wieder einmal völlig aus der Reihe getanzt in meiner Erzählung. Alles was ich bisher geschrieben habe, schreiben werde, ist ohne weiteres von mir belegbar. Sie lesen hier keinen Roman! Nur, hier taucht bei mir die Frage auf: wollen die Menschen überhaupt erfahren, wie ein Mensch zum Ver­brecher wird? Ich meine damit das Vorspiel. Alles im Leben hat ein Vorspiel. Nicht nur beim Sex. Was wäre ein Buch ohne Vorspiel? Um zum Höhepunkt zu kommen, muss der Kopf einge­schaltet werden. Zum Vorspiel gehört meines Erachtens auch, dass ich Ihnen meine Beweg­gründe zum Verfassen dieses Buches darlege. Jetzt kann ich Ihnen ja auch gestehen, dass ich damals versäumt hatte, meinen Kopf einzuschalten, als ich mich den Vorschlag von Harry einließ. Puh! Ich hoffe, ich habe wieder die Kurve erwischt, wo ich bei meiner Erzählung aus der Bahn gekommen bin.

Geiz ist geil, sagt ein moderner Werbeslogan. 1990 war dieser Spruch noch völlig unbekannt. Ich aber war da bereits geizig. Ich sparte mir sogar das Denken. Das Nachdenken darüber, wozu ich mich da verpflichtet hatte. Mein Gewissen beruhigte ich dahingehend, indem ich mir sagte: „Dieter, du bist ja nur der Fahrer“. Eine Waffe in die Hand zu nehmen, andere gar damit zu bedrohen, war so gar nicht mein Ding. Hatte ich doch selbst schon als Kind am eigenen Leibe spüren müssen, wie man sich in solch einer bedrohlichen Situation fühlt. Ich meine damit, von einer Waffe bedroht zu werden.

Das große Projekt

Vorläufig konnte ich [mich] noch durch ein anderes Projekt ablenken, welches ich mit einem Detlev Kaufmann in Angriff genommen hatte. Dazu war allerdings eine Menge Anfangskapitel notwendig. Meine Wut darüber, von meinem Ex-Geschäftspartner reingelegt worden zu sein, war noch nicht verraucht, da traf ich in der City zufällig wieder auf einen ehemaligen Bekannten aus dem Knast und stolperte in die nächste Abzockfalle! Im Knast hatte dieser Mann schon allenthalben für Aufmerksamkeit gesorgt. War er doch der einzige Strafgefangene, der doch tatsächlich ständig mit Zivilklamotten, mit Schlips und Kragen, über die Flure lief. Fast immer trug er dabei auch noch irgendeinen Akten­ordner unter dem Arm. Mister Wichtig wurde er deshalb schon von den übrigen Gefangenen genannt. Durch Tricksereien, die er sich aus den einschlägigen Gesetzesbüchern herausgelesen hatte, hatte er sich diesen Sonderstatus übers Gericht erkämpft, dass er seine Privatklamotten auch im Knast tragen durfte. Intelligente Menschen hatten mich schon immer beeindruckt. Deshalb hatte er leichtes Spiel, mich für seine Geschäftsidee zu begeistern. Schnell hatte er gecheckt, dass ich finanziell ganz gut da stand. Für sein Vorhaben war ich genau der richtige Mann. Er hatte das Know-how, ich konnte mit einer ordentlichen Finanzspritze seine Idee verwirklichen. Wenige Tage später schon holte ich ihn mit meinem Auto vom Knast ab. Er wurde nach Verbüßung von 2/3 seiner Strafe entlassen. Im Gefängnis selbst hatte er nie eine Hand gerührt, um sich mit primitiver Arbeit etwas zu verdienen. In den letzten Monaten seiner Haft hatte er den Freigängerstatus erreicht, hatte im Büro seiner Schwester einen Job angenommen. Beinahe hätte ich umsonst vor dem Gefängnistor auf ihn gewartet. Seine Schwester hatte nämlich nie die fälligen Beiträge an die Gefängnisverwaltung abgeführt, die nun einmal erhoben werden, wenn ein Gefangener außerhalb der Anstalt arbeitet. Irgendwie schaffte er aber auch diese Hürde.

Schon am nächsten Wochenende fuhr ich mit meiner Familie, Helga, mein Sohn und dessen Freun­din nach Amsterdam. Bis nach Essen folgte uns seine Schwester mit ihrem klapprigen Ford Capri. Dort bog sie dann mit ihrem Bruder in Richtung Düsseldorf (Köln?) ab. Wir setzten unseren getarnten Familienausflug gen Amsterdam fort, während Detlev sich bei einer Spezialmesse umschauen wollte. Er hatte sich schlau gelesen. Auf besagter Messe wurden die neuesten Modelle von Fotokopierern vorgeführt. Solch ein Gerät benötigten wir unbedingt, um unsere Geschäftsidee umzusetzen. Ich hätte zu der Zeit gut und gerne jeden Tag ein Kilo Haschisch an den Mann brin­gen können, holte aber nur vier bis fünf Kilo pro Fahrt. Und das zweimal im Monat. Mein Dealer in Amsterdam wusste wohl, dass ich ohne weiteres eine größere Menge abnehmen könnte, wenn ich nur wollte. Deshalb machte er mir einen Vorschlag. Sollte ich mich dazu ent­schlie­ßen können, Mengen in der Größenordnung ab 20 Kilo abzunehmen, garantierte er mir die Lieferung frei Haus nach Deutschland. Bei solchen Dimensionen jedoch schreckte ich zurück.

Zunächst einmal durfte ich die Unkosten finanzieren, die bei Detlevs Schwester anfielen. Sie betrieb ein Übersetzungsbüro in der City von Hannover, wo in einem zweiten Raum Detlev selbst eine Zei­tung herstellte und zu vertreiben versuchte. Beide Geschäfte gingen aber nur mit sehr mäßigem Erfolg. Ich jedenfalls war von seiner Geschäftsidee dermaßen begeistert, dass ich die Unkosten des bestehenden Büros übernahm.[1] Dieses Büro war enorm wichtig, um überhaupt ins Geschäft zu kommen.

Ein Fotokopierer für 80.000,00 DM

Die erste Firma, von der Detlev den begehrten Fotokopierer beziehen wollte, machte allerdings einen Rückzieher. Die hatten natürlich bei diesem 80 000 Mark Projekt, wenn auch nur auf Leasingbasis, die Kontenbewegungen angeschaut. Hindernis erkannt, Hindernis beseitigt. Ich sorgte mit Hilfe von Helga und deren Familienmitgliedern für einen regen Geldfluss auf dem Konto von Detlevs Schwester. Ein paar Wochen später eine andere Firma, die das gleiche Kopiergerät vertrieb, und wir sollten ein derartiges Gerät geliefert bekommen. Die nächste Hürde musste noch genommen werden. Wir benötigten Spezialpapier, welches den echten DM Scheinen am nächsten kam. Gar nicht so einfach da ran zu kommen, kann ich ihnen sagen. Ab einer gewissen Prozent­zahl[2] stand das Papier überall auf dem Index, wo nicht gleich jeder bestellen konnte. Was also tun? Über unseren bestehenden Verlag als Firma eingetragen bestellten wir europaweit bei Herstel­lungs­firmen Muster ihrer Produktionspalette. Das neu herausgekommene Geld sollte ja, so laut Bundesbank, fälschungssicher sein. Irgendeine Firma hatte dann in dem Album, welches wir erhielten, ein Papier dabei, das in etwa 75 % der Kriterien erfüllte. Um aber nicht aufzufallen, bestellten wir zunächst vier verschiedene Muster in begrenzter Anzahl von Bögen bei der betref­fenden Herstellungsfirma. Bei der zweiten Bestellung waren es dann nur noch zwei verschieden­artige Papierbögen in einer schon größeren Menge. Auch diese Bestellung wurde uns anstandslos geschickt. Unsere letzte Bestellung enthielt nur noch die eine Sorte Papier, auf die wir scharf waren. Auch die von uns benötigte Menge wurde uns prompt geschickt.

Dann konnte es ja mit der Produktion losgehen, nachdem inzwischen auch der Kopierer eingetrof­fen war. Das ganze musste ich natürlich finanzieren, auch die Büromiete. Von meinen Drogenge­schäf­ten blieb mir kaum noch ein Gewinn übrig. Das alles geschah im Monat November 1990. Parallel zu meinem Versprechen, als Fahrer bei einem Banküberfall zu fungieren. Ich war zwar nicht gerade pleite, aber ein zusätzlicher Geldregen, dagegen hatte ich nichts einzu­wenden. Außerdem hatte ich ja ein Versprechen abgegeben.[3]

Bei meiner letzten Rückfahrt aus Amsterdam kommend gerieten wir in einen kilometerlangen Stau in der Höhe von Minden. Zu Hause angekommen fand ich auf dem Wohnzimmertisch einen Zettel vor. Darauf hatte mein Sohn geschrieben, dass ein gewisser Harry angerufen hätte. Er wollte es um sechs Uhr wieder versuchen. Ich solle mich bereithalten. Helga ging ins Schlafzimmer, ich dagegen blieb gleich im Wohnzimmer auf der Couch liegen. Schnurlose Telefone waren derzeit noch nicht erfunden. Nach nur knapp drei Stunden Schlaf riss mich das Telefongebimmel in die Wirklichkeit zurück. Harry stand schon mit Reisegepäck am Bahnhof und wartete darauf, dass ich ihn dort abhole. Wolfgang wartete auch schon startbereit zu Hause. Innerhalb einer halben Stunde war ich dann auch soweit, nachdem ich mir eine Dusche und Tasse Kaffee gegönnt hatte.

Das kleinere Ding

Kaum waren wir aus Hannover raus, auf der Autobahn, fragte Harry mich auch schon, ob ich was zum Kiffen mitgebracht hätte. Ich muss gestehen, ich weiß bis heute nicht, wie ich auf den Trichter gekommen war, ein kleines Sortiment von meiner Ware einzustecken, bevor ich losfuhr, die beiden abzuholen. Ich hatte acht Gramm in der Tasche, von dem am nächsten Abend wieder zurück in Hannover kein Krümel mehr übrig war. Ich selbst konnte zu dem Zeitpunkt dem Zeug überhaupt keinen Geschmack abgewinnen. Erst viel später im Knast widmete ich mich aus Gesundheits­gründen der Heilpflanze Cannabis. Ganz ehrlich! Erläuterung kommt später!

Während der Fahrt gen Osten kristallisierte sich heraus, dass die beiden weder ein bestimmtes Ziel, noch überhaupt einen Plan hatten, wo und wie der Banküberfall ablaufen sollte. Mein Vorschlag Frankfurt/Oder, wo ich mich etwas auskannte, wurde dann auch akzeptiert. Fast vierhundert Kilometer von Hannover entfernt, befuhren wir die Straßen der Stadt, hielten nach Bankinstituten Ausschau. Nicht nur die Begehbarkeit der Bank an sich musste berücksichtigt werden. Ein viel versprechender Fluchtweg war maßgeblich. Aber genau daran haperte es, wie wir bei unserer Erkundungsreise durch Frankfurt feststellen mussten. Das lag vor allem daran, dass eine Flucht­möglichkeit nur in einer Richtung gegeben war. Schließlich zog die Oder eine natürliche Grenze zu Polen. Etwas wirklich Geeignetes fanden wir in dieser Stadt also nicht. Harry und Wolfgang hatten gut reden, „dann versuchen wir es eben morgen woanders!“ Die beiden hatten ja noch nicht ein­mal soviel Geld in der Tasche, dass sie mir einen Spritkostenanteil geben konnten. Somit würde ich auch noch die Hotelkosten berappen können. Jetzt war ich nicht nur Fahrer der beiden, sondern auch noch der Versorger. Klar, dass sie auch noch Hunger hatten. Beim Haschisch­konsum bekommt man leicht einen Heißhunger. Bei der Gelegenheit, so dachte ich mir, könnte ich mich ja auch gleich mal wieder bei meiner Schwester in Eisenhüttenstadt sehen lassen. Eisenhüttenstadt[4] lag ja gleich um die Ecke.Hannover-Eisenhüttenstadt.jpg Ganze 27 Kilometer entfernt. Mein Vorschlag dorthin zu fahren wurde von den beiden angenommen. Blieb ihnen ja auch nichts anderes übrig. Irgendwie waren sie ja von mir abhängig.

Bei meiner Schwester klingelte ich dann vergebens. Sie war auf Schichtdienst in der Großbäckerei der Stadt. Die Nachbarin, die uns nach vergeblichem Klingeln diese Auskunft gegeben hatte, beschrieb uns auch den Weg dorthin. Meine Schwester war erfreut, ihren Bruder wiederzusehen. Hatten wir uns doch seit 1955 nur ein paar Mal kurz gesehen. Bei der Beerdigung unserer Mutter 1973, als sie dafür ausreisen durfte, und später fuhr ich mit unserem Vater zweimal zu ihr in den Osten. 1989, als unser Vater starb, trafen wir uns auch kurz wieder. Erst die Wiedervereinigung brachte uns auch wieder näher. Welch ein Wunder also, dass sie sich von ihrem Dienst befreien ließ, eine Vertretung mobilisierte und mit uns zur Wohnung fuhr.

Sie ließ es einfach nicht zu, dass wir uns in Eisenhüttenstadt in einem Hotel einmieteten. Sie überließ uns ihr Schlafzimmer, nächtigte selbst auf der Couch im Wohnzimmer. Natürlich war in ihrer Gastfreundschaft auch ein von ihr serviertes Abendessen drin. Auf ihre Frage, was uns denn nach Eisenhüttenstadt getrieben hätte, so ganz ohne Anmeldung, erfand ich eine Geschichte, die ziemlich plausibel klang. Mit Wolfgang, der sich, wie erwähnt, gerne als Gentlemen kleidete, war meine Ausrede erklärbar. Angeblich wollten die beiden sich in Frankfurt ein Objekt ansehen, wo sie sich geschäftlich niederlassen wollten. So war es nur logisch, dass wir am nächsten Morgen wieder nach Frankfurt fahren müssten.

Nichts war vorbereitet.

Mir machte schon den ganzen Tag über während der langen Fahrt von Hannover nach Frankfurt eine Sache Kopfzerbrechen. War doch mit Harry im Vorfeld ausgemacht, dass er irgendwie an zwei Autonummernschilder kommen müsse, die an meinen Passat passen würden. Noch nicht einmal das hatte der erfahrene Knacki auf die Reihe bekommen. Ich selbst war für Diebstahl oder gar Einbruch so gar nicht geeignet, hatte ich doch zwei linke Hände, was das Technische anging. Also war mal wieder mein Improvisationstalent gefragt. War ich nicht darauf geeicht zu improvisieren?

Meiner Schwester gaukelte ich vor, zum einen, einen Verdauungsspaziergang zu benötigen nach ihrem frugalen Mahl und zum anderen wollten wir dabei noch das morgige Geschäft besprechen. „Gut!“ meinte mein Schwesterherz. Derweil würde sie für uns das Nachtlager in ihrem Schlafzim­mer vorbereiten und das Geschirr abwaschen. Es war bereits nachtdunkel draußen, als wir an diesem 19. November gegen 17 Uhr aus dem Haus gingen. Längst hatte ich erkannt, dass Harry und Wolfgang sich mehr um die Funktionalität ihrer Waffen Gedanken machten als um den ebenso wichtigen Rest, der bei einem Banküberfall von Nöten war. So langsam machte ich mir Gedanken darüber, worauf ich mich da bloß eingelassen hatte.

Zunächst einmal hatte ich eine Lösung für die fehlenden, falschen Autonummernschilder gefunden. In einer Drogerie erstand ich eine Rolle weißen Heftpflasters. Damit konnte ich das H in meinem Nummernschild zu einem I abkleben. Derzeit fuhren noch die meisten Ostautos mit ostdeutschen Kennzeichen durch die Gegend. Das I stand für Berlin. Aus den zwei Achten im Nummernschild ließen sich sehr gut zwei Dreien machen. Dann musste ich auch noch in die Tasche greifen, um den beiden je eine gestrickte Schimütze zu kaufen. Noch nicht einmal daran hatten sie gedacht, mit einer Maske in die Bank zu gehen. Das kennt, glaube ich, jeder, der schon mal einen Krimi gesehen hat. Bankräuber zieht sich seine Pudelmütze ins Gesicht, darin sind zwei Schlitze für die Augen rein geschnitten. Wenigstens hatten die beiden an Handschuhe selbst gedacht. Der Fin­gerabdrücke wegen. Sie verstehen? Jetzt glaubte ich, dass die Ausrüstung stimmte. Nur einen richtigen Plan hatten die beiden immer noch nicht, wie es weitergehen sollte. Zunächst einmal taten sie, wieder bei Schwester in der Wohnung, nichts anderes, als was sie schon während des ganzen Tages getan hatten. Sie rauchten einen Joint nach dem anderen von meinem Vorrat, den ich bei mir hatte. Dazu stand noch eine große Flasche Wodka und reichlich Bier auf dem Tisch. Da ich mir als Fahrer der Verantwortung bewusst war, schlürfte ich im Laufe des Abends gerade mal an zwei dünnen Weinschorlen. Meine Schwester bat mich mal nachzuschauen, ob es wohl so recht wäre, wie sie ihr Schlafzimmer für drei zurechtgemacht hätte. Dort hatte ich schon mit Helga und meinem Sohn während der Sommerferien die Nächte verbracht. Beim Besichtigen des Schlafzim­mers fiel rein zufällig mein Blick durchs Fenster.

Nehmen wir doch ganz einfach die Dresdner Bank, direkt vor der Haustür.

Natürlich! Das war es! durchfuhr es mich wie ein Blitz. Wie schon in den Ferien konnte ich durchs Fenster einen Teil der Bank erkennen, die schon zu Ostzeiten dort ansässig gewesen war. Jetzt allerdings prangte dort in greller Leuchtschrift der Name einer bekannten Bank. Dresdner Bank!

Ich musste an diesem Abend ein zweites Mal meine Schwester anlügen. Unter einem an den Haa­ren herbeigezogenen Vorwand brachte ich die beiden noch nicht ganz besoffenen Harry und Wolfgang dazu, mir noch mal nach draußen zu folgen. Erstaunt folgten sie mir sogar gehorsam. Nicht schnurstracks auf die Bank zugehend, meine Schwester hätte uns ja sehen können, führte ich die beiden zu der Bank. Die Lage war einfach ideal für unser Vorhaben! Der Spaziergang in der frischen, kalten Novemberluft machte die vollgekifften und angesoffenen Köpfe meiner Tatgenos­sen wieder aufnahmefähig. Sofort baldowerten wir einen geeigneten Fluchtweg aus. Ich dachte gar nicht daran, direkt vor der Bank mit laufendem Motor auf meine Komplizen zu warten. Dabei hätten allzu viele Passanten in dieser kleinen Einkaufsstraße Gelegenheit, sich Einzelheiten an meinem Auto zu merken. Hinzu kam noch, dass sich die Bank am Ende einer Sackgasse befand. Vom Sommer her kannte ich die Bauweise dieser erst in den 50er Jahren aus dem Nichts erbauten Stadt. Fantasielos waren sämtliche Plattenbauten immer im gleichen Stil angelegt. Mir das Vorbild des Hauses, in dem meine Schwester wohnte, vor Augen haltend begingen wir den vorgesehenen Fluchtweg. Wie nicht anders zu erwarten, waren die vorderen Eingangstüren nicht abgeschlossen. Die aus Plastik bestehenden Schlüssel und Schlösser hätten nur allzu oft ausgewechselt werden müssen. Ins Haus zu kommen war also kein Problem. Vier oder fünf Stufen hoch, an zwei Woh­nungs­türen vorbei, vier, fünf Stufen runter, und man stand vor der Hintertür. Die auch nicht abgeschlossen war. Noch nicht einmal am späten Abend, sowie in der Nacht. Cirka 50 Meter Kiesplattenweg, und dort würde ich bei laufendem Motor und angelehnten Autotüren auf meine Kumpane warten. Soweit der erste Teil unseres Fluchtplanes, den ich so bestimmte. Die beiden, die mich ja lediglich als Fahrer des Fluchtautos engagiert hatten, waren vollauf begeistert von meinem Plan.

 

Achtunddreißigstes Kapitel

Der Banküberfall

Ich fragte mich wie die beiden nach so langer Alkoholabstinenz im Knast diese Mengen von Alko­hol vertragen konnten. Ich selbst hätte mich schon zehnmal bekotzt. Zumal ja auch noch das Dope hinzukam, welches sie sich da reinzogen. Es störte sie gar nicht, als ich sie ermahnte am nächsten Morgen fit zu sein und die Nacht um 8 Uhr zuende wäre. Ich jedenfalls entzog mich der Säufer­runde und machte lieber Matratzenhorchdienst. Meine Schwester, die ich gebeten hatte, uns gegen acht Uhr zu wecken, hatte uns einen reichhaltigen Frühstückstisch zubereitet. Als wir gegen neun Uhr aus dem Haus gingen glaubte sie, dass wir einen Termin in Frankfurt hätten. Wir erweckten bei ihr sogar den Eindruck, dass wir im Laufe des Tages wieder zu ihr zurückkehren würden. Der Ein­druck wurde noch dadurch verstärkt, indem wir unsere kargbestückten Reisetaschen bei ihr stehen ließen. Ursprünglich war ja auch vorgesehen, dass ich die beiden Bankräuber unmittelbar nach Vollendung der Tat mit der Beute an der Hintertür meiner Schwester absetzen würde, ich selbst in Kauf nahm, in eine Kontrolle zu geraten. Was konnte mir schon passieren, wenn man bei mir im Auto weder einen zweiten Mann noch eine Geldbeute vorfand? Am Abend, als dieser Plan in mir reifte, hatte ich weder die Jahreszeit noch einen anderen Umstand in Erwägung gezogen. Ich wunderte mich nur dass meiner Schwester der Gestank nicht auffiel, den die beiden Kiffer in ihrem Wohnzimmer hinterließen.

„Armoured!“ stand ganz groß an der Seite des Wagens.

Gleich nach den zwei Brötchen drehten die beiden sich eine Tüte, um sich aus der realen Welt zu beamen. Durch eine große Toreinfahrt erreichten wir das Innere des Karrees, wo sich die Bank befand. Allerdings die Rückseite der Bank, was ja auch so vorgesehen war, damit niemand sehen konnte, aus welchem Auto die Bankräuber ausgestiegen waren. Vorher waren wir noch zu dem Sportflugplatz etwas außerhalb der Stadt gefahren. Dort, völlig abgeschieden, beklebte ich mein Nummernschild wie oben beschrieben mit dem weißen Heftpflaster um eine ganz andere Nummer vorzutäuschen, den Wagen fuhr ich über eine Regenpfütze, bespritzte mit dem Schlammwasser das auffallend weiße Heftpflaster ordentlich mit dem Schlamm, um das ganze echt wirken zu lassen. Danach konnte man selbst bei genauerem Hinsehen nicht mehr erkennen, dass an dem Num­mern­schild manipuliert wurde. Alles sah schön echt aus. Unser vorgesehener Zeitplan wurde dann aber ganz ordentlich durcheinander gebracht. Gut vorbereitet, die Pudelmützen waren für einen derartigen Novembertag ohne weiteres angebracht, fuhr ich also in die Nähe der Bank. Fragte die beiden noch mal, ob sie sich den Fluchtweg auch gut eingeprägt hätten, den sie zu Fuß zurück­legen müssten, bevor sie mein Auto erreichten, da erwartete uns auch schon eine Überraschung. Am Hintereingang der Bank, die wir vorhatten um etwas Bares zu erleichtern, stand ein Geldtrans­porter. Was solch ein Gefährt zu bedeuten hatte, wusste jedes kleine Kind. Es stand ja auch ganz groß an der Seite des Wagens: „Armoured!“ Wir konnten dies im Vorfeld ja nicht ahnen, dass gerade um diese Zeit bewaffnete Geldabholer mit einem gepanzerten Wagen vor Ort sein würden. Mit Sicherheit wäre es zu einer Schießerei gekommen, wären meine Kumpels jetzt von vorne in die Bank eingedrungen, um abzukassieren. Also hieß es warten. Um ihr Herz wieder aus der Hose zu holen, baten sie mich, ihnen doch ein Mutwässerchen zu besorgen. Um nicht unnötig aufzufallen, fuhr ich zunächst einmal in eine Seitenstraße und holte vom Kiosk gegenüber der Bank eine Fla­sche Wodka. Ohne dass ich mich daran beteiligen musste, schafften die beiden in Null­kom­ma­nichts die Flasche zu leeren. So nebenbei sorgten sie auch noch dafür, dass meine acht Gramm Haschisch so langsam zur Neige gingen. So langsam fragte ich mich, ob wohl alle Bankräuber sich derart betäubten, bevor sie trauten eine Bank zu überfallen. Tags zuvor hatte ich ja auch noch versucht, den beiden ein paar Sätze in russischer Sprache einzupauken, um den Eindruck zu erwecken, hier seien Osteuropäer am Werk. Selbst wenn mir dies Tags zuvor gelungen wäre, ich glaube kaum, dass sie bei ihrer Aktion noch dazu in der Lage gewesen wären. Bei der Gerichtsver­handlung erfuhr ich erst, dass Harry zwei Anläufe benötigte, um über den Bankschalter zu jumpen. Seine Koordinationsfähigkeit hatte um einiges gelitten. Ich hatte den beiden auch klargemacht, dass sie sich auf keinen Fall länger als zwei Minuten in der Bank aufhalten dürften. Diese Zeit hatte ich ihnen vorgegeben, weil ich die Strecke zum einzigen Polizeirevier abgefahren hatte. Unter den allergünstigsten Umständen, die man immer in Betracht ziehen musste, konnte die Polizei in zwei­einhalb Minuten am Ort des Geschehens eintreffen. Das war jedenfalls meine Überlegung.

Auch das noch! Eine ganze Horde Kindergartenkinder.

Zunächst aber kam ich noch einmal in Bedrängnis. Der Geldtransporter war weggefahren, ich hatte die beiden abgesetzt, wollte zum vereinbarten Treffpunkt fahren. Beim Begehen am Abend war die Absperrung noch nicht vorhanden. Aber jetzt! Im Zuge des Geldflusses im Rahmen Wie­der­aufbau Ost war man dabei, auch in Eisenhüttenstadt die maroden Häuser zu sanieren. Aus­gerechnet auf unserem Fluchtweg war die Sanierung in vollem Gange. Angefangen hatte man damit, die von Bäumen bewachsenen Flachdächer zu entrümpeln. Unten, auf dem Plattenweg, hatte man vorsorglich abgesperrt. Was ja auch der Vorschrift entsprach. Nur ich musste jetzt wie ein Verrückter kurbeln, um auf diesem engen Weg wenden zu können. Hatte ich doch lediglich zwei Minuten und ein paar Sekunden laut meiner eigenen Vorgabe Zeit, den vereinbarten Treffpunkt zu erreichen. Geschafft! Dann aber kam mir zu allem Überfluss auf meinem Umweg auch noch eine ganze Horde Kindergartenkinder entgegen. Zu meinem Glück hatten die Betreuerinnen ihre Kinder aber gut im Griff. Schnell machten die Gören mir bereitwillig Platz. Mir kam das ganze wie eine Ewigkeit vor. Dennoch musste ich noch eine unendliche Weile auf meine Kumpane warten. Im Rückspiegel sah ich sie auf unser Auto zu rennen. Soweit schien ja alles bestens geklappt zu haben.

Plan B war angesagt.

Rein ins Auto und ab! Kaum hatte ich den Wagen in Fahrtrichtung rangiert, da kam mir auch schon das nächste Hindernis entgegen. Den schmalen, asphaltierten Weg im Inneren des Karrees versperrte eine Frau mit ihrem Kinderwagen. Während sie sich nur sehr langsam dazu bequemte an die Seite zu fahren, traten mir die Schweißperlen auf die Stirn. Mich wie vorgesehen auf dem Weg zum Haus meiner Schwester befindend musste ich feststellen, dass jetzt ganz andere Umstände herrschten, als ich sie vom Sommer her in Erinnerung hatte. Die im Sommer grünen Bäume und Büsche im Karreebereich boten in dieser Jahreszeit überhaupt keine Deckung mehr. Längst hatte ich bemerkt, dass uns die Arbeiter auf dem Dach sehr gut mit ihren Blicken verfolgen konnten. Den Plan, die beiden hinter dem Wohnhaus meiner Schwester abzusetzen, konnte ich getrost ad acta legen. Plan B war angesagt. Einfach so, aus dem Bauch heraus!

Zwei Torbogen von meiner Schwester entfernt fuhr ich, dabei eine Unterbodenwäsche meines Wagens kostenlos in Kauf nehmend, mit Karacho auf die John Scheer Straße. An der Kreuzung, wo sich auch das Städtische Krankenhaus befand, parallel zu der Straße wo, wenn überhaupt, um diese Zeit längst die Polizei zum Tatort unterwegs sein musste, fuhr ich diesen entgegen. Ein paar hundert Meter weiter hatten wir auch schon die Peripherie der Stadt erreicht. An der Kreuzung warf ich einen Blick nach rechts, wo sich das Polizei- und Gerichtsgebäude befand. Dort konnte ich keine irgendwie gearteten Aktivitäten feststellen. Ich jedenfalls bog nach links ab. Wie später aus den Gerichtsakten ersichtlich traf die Polizei erst nach 12 Minuten bei der Bank ein. Meine Güte. Hätten wir das gewusst, wir hätten noch in die Hinterräume der Bank eindringen können und dort weitere Hunderttausende, die gerade aus dem Nachttresor zusammengezählt wurden, mitnehmen können. Oder doch nicht? Meine so angeblich cleveren Kumpane hatten ja noch nicht einmal an eine Plastiktüte gedacht, worin sie ihre Beute verstauen konnten. So gab ich ihnen in letzter Minute mein Verbandskissen aus dem Auto. Dieses musste ich aber vorher noch leeren. Stellen Sie sich mal vor, ich wäre in eine Verkehrskontrolle geraten und hätte dieses notwendige Utensil nicht vorweisen können. Das hätte mich mindestens 10 Mark Geldstrafe gekostet. Zum Glück gerieten wir in keine Verkehrskontrolle. Noch in Sichtweite der Stadt überquerten wir einen kleinen Hügel. Ich hielt an, entfernte die Klebestreifen an den Nummernschildern, um nicht doch noch aufzufallen. Ich nahm, ohne überhaupt einen Plan zu haben, die nächste Abzweigung nach links. So genau, wie ich es Ihnen hier schildere, habe ich es viel später noch nicht einmal der Staatsanwaltschaft erklärt. Tatsache aber ist, dass die Bullen sich vier Jahre lang die Köpfe darüber zerbrachen, wie wir aus Eisenhüttenstadt entkommen konnten. Diese Stadt lag genauso wie Frankfurt genau auf der Grenze zu Polen.

Die Aussicht in Geld wühlen zu können ernüchterte selbst Harry.

Man hatte sofort die Wasserschutzpolizei alarmiert, die daraufhin diesen Fluchtweg absperrte. Die beiden Ausfallstraßen in Richtung Frankfurt als auch Bautzen waren schneller dicht gemacht worden, als dass die Polizei bei der Bank selbst eintraf. Ich selbst wusste ja auch nicht so recht, wo ich mich eigentlich befand, als ich nach links abgebogen war. Was die Ossis damals als Straßen bezeichneten, wäre hier im Westen gerade mal als Feldweg der dritten Kategorie durchgegangen.

Anfangs winkten unserem Westkennzeichen [?] ja noch Feldarbeiter fröhlich zu. Dann aber landeten wir in einem Kiefernwaldgebiet. Ich befürchtete schon auffällig zu werden, wenn uns jetzt ein Fahrzeug entgegenkommen würde. Doch wir befanden uns in einem Gebiet, wo zumindest um diese Jahres­zeit keine Menschenseele etwas verloren hatte. Ich aber dachte in westlichen Maßstäben. Ich rechnete sogar damit, dass Hubschrauber eingesetzt werden könnten. Ich wusste aus Verwandt­schafts­kreisen, das sich etwa 50 Kilometer entfernt eine Hubschrauberstaffel befand. Um der Überwachung aus der Luft zu entgehen, parkte ich in einem sehr dichtbewaldeten Stück.

Wolfgang konnte meiner Argumentation folgen, Harry dagegen wollte jetzt den Macker heraus­hängen lassen. Er wollte unbedingt ausprobieren, wie sich so ein echter Schuss anhörte. Mit viel Überredungskunst konnte ich ihn jedoch davon abbringen. Ich konnte ihm klar machen, dass gerade in dieser Jahreszeit Förster unterwegs waren, um Bäume zu markieren, die in der Frostpe­ri­ode gefällt werden sollten. Und so ein Schuss könnte einen Waldbegeher auf uns aufmerksam machen. Erst richtig von seinem Vorhaben konnte ich ihn aber erst ablenken, als ich ihn fragte, ob er denn gar nicht wissen wolle, was sie bei dem Überfall erbeutet hätten. Wodka und Haschisch hatten schon völlig sein Hirn vernebelt. Die Aussicht in Geld wühlen zu können ernüchterte selbst Harry. Mein Adrenalinspiegel hatte sich schon seit dem Augenblick aufs Normalmaß gesenkt, als wir kurz hinter der Stadt meine Nummernschilder wieder in den Normalzustand versetzt hatten. Ein sichern­der Rundblick, dann setzten wir uns alle drei ins Auto. Ich breitete auf der Rückbank eine Decke aus und entleerte nun das zweckentfremdete, prallgefüllte Erste-Hilfe-Kissen.

Harry, der hinter den Bankschalter gesprungen war, während Wolfgang an der Eingangstüre der Bank stehen geblieben war, um die anwesenden Bankkunden sowie das Personal in Schach zu halten, hatte in seiner Gier sogar einige Rollen Fünfmarkstücke eingesackt. Zunächst verschaffte ich mir einen Überblick über die Gesamtsumme. Ich bitte den geneigten Leser darauf zu achten, was ich jetzt niederschreibe! Die Höhe der Beute betrug genau 153.750 DM!!! Warum ich dies betone? Nun, in der späteren Anklageschrift wurde uns vorgeworfen, dass die Dresdner Bank einen Verlust von genau 31.517,32 DM[5] erlitten hätte.

Seltsam, sehr seltsam!!! Dabei hatte doch jeder von uns nach der Beuteteilung schon 51.250 DM in der Tasche. Das heißt, ich hatte ein wenig mehr. Hatte ich mir doch erlaubt gleich die Unkosten, die ich bisher getragen hatte, abzuziehen und Harrys Schulden bei mir abzurechnen. Um die Diskrepanz zwischen den beiden Summen zu erklären bedarf es keiner großen Phantasie.

1.) Für den Fall eines Bankraubs steht in einer Versicherungsklausel, dass an einem geöffneten Bankschalter jeweils nur 15.000 DM Bargeld (+ 10%) vorrätig gehalten werden dürfen. Diese Vorschrift wurde erlassen, um den Anreiz für einen Raub so niedrig als möglich zu halten. Und eben o.g. Summe ist auch nur versichert. Es ist sehr selten, dass die Bank das geraubte Geld vom Räuber zurück erhält, sofern man diesen nicht unmittelbar nach der Tat samt Beute einfängt. Um den Schaden einigermaßen einzugrenzen hatte die Bank, um wenigstens den Versicherungsanteil erstattet zu bekommen für die beiden geöffneten Bankschalter die Phantasiesumme von 31.517,32 DM angegeben. Wobei ich noch erwähnen möchte, dass sich unter der Beute kein einziges Markstück, geschweige denn Pfennige befand.

2.) So meine zweite These: Die Bank hatte selbst Dreck am Stecken. Erst wenige Wochen bevor wir abkassierten war die DM im Osten als offizielles Zahlungsmittel eingeführt worden. Wer weiß schon wie die Banken bei der Umtauschaktion gekun­gelt haben. Wäre die tatsächliche Beutesumme angegeben worden, hätte die Bank nicht nur die Versicherungssumme nicht bekommen, sondern es hätte höchstwahrscheinlich eine genauere Überprüfung der Bankunterlagen stattgefunden. Dabei könnte ja so Einiges ans Tageslicht kom­men. Also hielt man sich lieber bedeckt. Selbst als ich knapp vier Jahre später der Staatsanwältin alle offen gebliebenen Fragen in allen Einzelheiten erzählte, weil alle Rechtsmittel ausgeschöpft waren, an meiner langen Haftstrafe ohnehin nicht mehr zu rütteln war, wurde der Sache nicht mehr nachgegangen. Hier bewahrheitet sich wieder mal ein Sprichwort: Die Kleinen fängt man, die Großen lässt man laufen.

Ich soll der eigentliche Boss der Aktion gewesen sein.

Bei der Aufteilung der Beute durch drei achtete ich peinlichst genau darauf, ob sich unter den Geldbündeln nicht etwa ein Sicherheitspaket befand. Die meisten Bedenken hatte ich bei den 200er-Scheinen, die dazu auch noch mit fortlaufenden Seriennummern versehen waren. Im Gegensatz zu meinen Komplizen hatte ich ja zuhause noch einiges an Rücklage. Da lag es nur Nahe, dass ich die gefährdeten Geldbündel für mich behielt. Angeblich, laut Propaganda, war das neue Geld ja fälschungssicher. Gerade deswegen wurde ja bei Einkäufen besonders auf größere Scheine geachtet. Ich konnte ja davon ausgehen, dass sich unter diesen Scheinen NOCH keine Fälschungen befanden. Schließlich arbeitete ja Detlev in Hannover noch an der Produktion unseres Geldes. Da kam diese Beute hier sehr zupass. Jedes Geschäft bedarf einer Investition. Detlev war so klamm, dass er weder die Büromiete, geschweige denn die Leasingkosten für den Kopierer, noch das nötige Papier finanzieren konnte. 2.000 Mark kosteten alleine die drei Farbpatronen, die gerade mal zur Herstellung von ca. 150.000 Mark reichten. Aber zurück zum eigentlichen Geschehen.

Das Geld war also aufgeteilt. Wobei Harry allerdings schmollte. Er meinte, dass er als Ideengeber einen größeren Anteil beanspruchen könnte. Dann frage ich mich nur, warum das Gericht zu dem Urteil kam, dass ich der eigentliche Boss der Aktion gewesen sei. Der Richter führte aus, dass die Nähe der Wohnung meiner Schwester zur Bank hin kein Zufall sei. Und da ich ja bereits im Som­mer dort einige Zeit verbracht hätte, hätte ich das Ganze schon damals ausbaldowert. Konnte aber gar nicht sein. Im Sommer war die ehemalige Ostbank nämlich geschlossen. Zu jener Zeit gab es allenfalls Container und Busse, die die verschiedensten Banken in Eisenhüttenstadt zum Kunden­fang aufgestellt hatten.

Wolfgang holte seine überdimensionale Magnum heraus.

Weil es auch nach zwei Stunden des Versteckspielens unter den Bäumen keinerlei Hubschrauber­ak­ti­vi­täten am Himmel gab, beschloss ich unsere Flucht in Richtung Hannover fortzusetzen. Ich wollte ja auch nicht unbedingt in der früh einbrechenden Dunkelheit in dem mir unbekannten Wald umherirren. Nach einer unendlich erscheinenden Fahrt auf einer Waldschneise stieß ich endlich auf einen Feldweg. Pardon, auf eine Straße. Es musste eine Straße sein. An ihr entlang führte jeden­falls eine Strom- Telefonleitung? Die musste ja irgendwohin führen. Mit viel Risiko verfolgte ich diesen Weg. Risiko deshalb, weil dieser Weg eigentlich mehr für Trecker geeignet war. Es war für meinen Passat unmöglich, die eingefahrene Fahrspur zu benutzen. Das Mittelteil der beiden Spurrillen war derart hoch, dass mein Passat darauf hängengeblieben wäre. So musste ich mich darauf konzentrieren, mit einem Reifenpaar auf dem verbliebenen Hügel in der Mitte der Fahrrille zu balancieren, während die beiden anderen Reifen an der linken Böschung für Höhenausgleich sorgten. Zu meinem Glück wuchsen keine Bäume an der Böschung. Lediglich Ginsterbüsche. Diese fast immergrünen und Gott sei Dank weichen Zweige peitschten gegen mein Auto, zer­schrammten mir den Lack. Noch Tage später fand ich bei der Autowäsche am Unterboden des Autos festgeklemmte Ginsterzweige. Nach wer weiß wie vielen Kilometern erreichte ich endlich eine asphaltierte Straße. Zivilisation war in Sicht. Und siehe da, bald darauf ein Hinweisschild nach Cottbus. In Cottbus angekommen suchte und fand ich einen Wegweiser nach Berlin. Um dorthin zu gelangen, dass heißt die Autobahn zu erreichen, musste ich mich noch durch die Rush Hour in der City durchkämpfen. Ganz schön anstrengend, zumal auch noch ein Platzregen, den die Scheibenwischer kaum schafften, runter kam.

Wolfgang auf der Rückbank beduselt vom Alkohol und Haschkonsum hing in seinem Sitz wie ein Schluck Wasser in der Kurve. Doch wurde er plötzlich hellwach und überaktiv, als ich so nebenher erwähnte, dass sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein Polizeiauto befände. Sofort holte er aus seiner Reisetasche seine überdimensionale Magnum heraus.

Fußnoten

[1] Herr Schulz sagte mir [ca. Oktober 2010, ds], dass er über den dubiosen gemeinnützigen Verein (Cooperative Hilfe Niedersachsen e.V., Gemeinnütziger Verein] die Farbkopien der DM-Noten finanziert hatte. Sein Partner sei allerdings zu blöd für die Geldwäsche gewesen, so dass er in Süddeutschland aufgeflogen sei. [s. Kap. 42]

[2] Gemeint ist offensichtlich die Menge der Kriterien für Fälschungssicherheit bei Banknoten.

[3] Aus einem Mail von Dieter Schulz vom 25. Juli 2005: Noch hatte ich Auto und Führerschein. Beides hatten die Typen nicht, die an mich herantraten und fragten, ob ich wohl als Fahrer bei einem Bankraub mitmachen würde.

Herr Schäfer, Sie werden es vielleicht nicht glauben, wenn ich Ihnen meine Beweggründe schildere, die mich dazu veranlassten JA zu sagen. Ich war ganz einfach frustriert. Frustriert darüber, dass das Arbeitsamt einem 50-jährigen keinen Job mehr vermitteln konnte. Ich konnte mir schlecht auf die Stirn schreiben „Jetzt zeig ich es euch allen mal, wozu ein 50-jähriger noch fähig ist!“ Abenteuer im Blut fiel es mir nicht schwer, JA zu dem Plan zu sagen. Aber was heißt Plan. Keiner der beiden hatte einen Plan. Kreativ wie ich nun einmal bin lief dann alles so ab, wie ICH es mir ausgedacht hatte.

[4] Karte: https://www.google.de/maps/dir/Hannover/Frankfurt+(Oder)/Eisenh%C3%BCttenstadt/Hannover/@52.331475,11.3142521,7z/data=!4m26!4m25!1m5!1m1!1s0x47b00b514d494f85:0x425ac6d94ac4720!2m2!1d9.7320104!2d52.3758916!1m5!1m1!1s0x4707982a02b5fb6f:0x42120465b5e3bc0!2m2!1d14.5505673!2d52.3472237!1m5!1m1!1s0x4707b885b42fafe3:0xe754b8581c20604e!2m2!1d14.6419022!2d52.1436615!1m5!1m1!1s0x47b00b514d494f85:0x425ac6d94ac4720!2m2!1d9.7320104!2d52.3758916!3e0

[5] Schulz gibt hier wie auch im Folgenden 31.517.32 DM an. Doch diese siebenstellige Zahl ist unlogisch, wie auch die durch Punkt abgesetzen zwei letzten Ziffern zeigen. Diese müssen Pfennige bedeuten.

Inhaltsverzeichnis _Inhaltsverzeichnis

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« Kap. 35 f

logo-moabit-kDieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit,

            die keine Kindheit war

Fünfunddreißigstes Kapitel

Drogen aus Amsterdam

Mein Plan, aus meinem Restkapital noch etwas zu machen, nahm immer festere Formen an. Ich fragte Helga, die ja noch nicht viel in der Welt herumgekommen war, ob sie Lust hätte Amsterdam kennen zu lernen. Sie konnte ja nicht ahnen, was ich dort vorhatte. Zunächst sagte ich ihr, dass mir eine Weiterfahrt bis nach Hannover nicht mehr zuzumuten wäre, nach nur drei Stunden Schlaf in den letzten beiden Nächten.

Helga, die, bis sie mich kennen gelernt hatte, eine unbescholtene Bürgerin unseres Landes war, abgesehen davon, dass sie bei einem Unfall einen Menschen totgefahren hatte, was ja als Kavaliersdelikt gilt und gerade mal mit einer Bewährungsstrafe geahndet wird, war auch nicht gerade erbaut davon, dass die bis dato sprudelnde Geldquelle nun versiegt war. Sie hatte nicht nur Gefallen daran gefunden, mich auf meinen Reisen nach London begleiten zu dürfen. Nein, sie hatte mich auch hin und wieder auf meinen Zigarettentouren begleitet, hatte neben mir an einem Spielautomaten gesessen, wenn ich diesen mit unseren aus London mitgebrachten Münzen fütterte. Als es hieß, wir machen Rast in Amsterdam, vermutete sie schon ganz richtig, dass ich damit einen Plan verband, den ich inzwischen ausgeheckt hatte. In völliger Unkenntnis der Stadt dauerte es eine Weile, bis wir eine Pension gefunden hatten. Ganz im Gegensatz zu London fanden wir dann doch ein piksauberes Zimmer. Nur die verfluchten Mücken, die sich in dieser Wasserstadt wohl fühlten und die sich von irgendetwas ernähren mussten, machten uns ganz schön zu schaffen. Nachdem wir uns nach der langen Reise eine Dusche gegönnt hatten, mussten wir auch mal wieder etwas essen. Eine Pension mitten in der City gefunden hatten wir es dann auch nicht weit bis in das pulsierende Leben dieser Weltstadt. Restaurants aller Couleur luden zum Eintreten ein. Wir bevorzugten, wie die meisten anderen Touristen auch, an diesem schönen Sommerabend einen Terrassentisch. Bei einem T-Bone Steak, baked potatoes, Salat und einem Glas Rotwein ver­klickerte ich ihr, wie ich mir gedacht hatte mein Restkapital mindestens zu verdoppeln.

Von Drogenhandel keine Ahnung, aber lernfähig

Jeder der mal eine Zeitung gelesen hatte oder gar einen Fernseher besaß, wußte was Cannabis ist. Oder soll ich sagen Haschisch? Dass damit in Deutschland gute Geschäfte zu machen waren, wusste ich ja von den deswegen bereits Verurteilten, mit denen ich eingesessen war. Auch hatte ich von dem Preisunterschied zwischen Holland und Deutschland gehört. Bloß, wie man an das Zeugs hier in Amsterdam heran kam, dabei hatte ich nicht hingehört, wenn darüber gesprochen wurde. Die vormals weiße Tapete unseres Pensionszimmers sah am nächsten Morgen ziemlich rotgefleckt aus. So manche Mücke hatte ihre Blutgier mit dem Leben bezahlen müssen. Am Frühstückstisch ver­suchte ich unsere Wirtin dahingehend auszuhorchen, wo denn hier in Amsterdam der Treffpunkt der Drogentouristen sei. Wir würden im Auftrag eines befreundeten Ehepaares deren Tochter suchen, die sich vermutlich hier rumtreiben würde. Selbst in Deutschland hatte man schon des Öfteren diesen Treffpunkt im Fernsehen erwähnt oder gar gezeigt. Nur unsere Wirtin stellte sich doof. Konnte, wollte keine Auskunft darüber geben. So kaufte ich mir dann einen Stadtplan und nahm mir vor, von der Pension her immer größere Kreise zu ziehen. Irgendwann mussten wir dann ja auf die Szene stoßen. Fein säuberlich markierte ich die bereits begangenen Straßen und Plätze mit einem Kugelschreiber. Ich weiß nicht mehr die wievielte Grachtenbrücke wir überquert hatten, da fielen mir zwei in Öl gemalte Bilder ins Auge. Diese Bilder angebracht rechts und links neben einer Eingangstüre. Darüber stand in großen Lettern „Coffee-Shop!“. Den Begriff Coffee-Shop hatte ich auch schon mehrfach gehört. Und die beiden „Ölgemälde“ ließen keinen Zweifel darüber aufkommen, was es darin zu kaufen gab. Das linke Bild zeigte einen Mann, der mit breitem Grin­sen eine unverkennbare „Tüte“ rauchte. Auf dem rechten Bild war dargestellt, wie dem Kerl, mit Augen so groß wie Wagenräder, der Kopf platzte. Darüber nur drei große Buchstaben- „WUM!“ Das sagte doch wohl alles! Vor dem Coffee-Shop, auf dem Bürgersteig, standen zwei weiße Plastiktische mit jeweils vier ebensolchen Gartenstühlen. Darauf steuerte ich dann zu, bat Helga draußen Platz zu nehmen, während ich hineinging und um zwei Tassen Kaffee bat. Die junge, weibliche Bedienung hinter dem Tresen schaute kurz von ihrem Dreigroschenheft auf, sagte Jo. Nachdem ich nun draußen darauf wartete, dass uns der Kaffee gebracht würde, steckte ich mir schon die zweite Zigarette an, ohne dass sich etwas tat. Als ich diese Zigarette aufgeraucht hatte, begab ich mich wieder ins Innere des Coffee-Shops. Ich konnte weder erkennen, dass die Kaffeemaschine im Hintergrund in Betrieb war, noch dass die Bedienung ihren Lesestoff beiseite gelegt hatte. Verwundert fragte ich das Mädchen, ob sie denn meine Bestellung nicht verstanden hätte. Als Gegenfrage kam, ob ich denn was kaufen wolle. Ich begriff, dass ich gar nicht lange um den heißen Brei herumreden musste. Zu Trinken bekam man hier erst etwas, wenn man eine Bestellung in Form von Cannabis tätigte. Na, wenn das so war! Während die Bedienung mir diese Frage gestellt hatte, legte sie mir auch schon ein riesiges Album auf den Tresen. Dieses aufschla­gend sah ich, feinsäuberlich in kleine durchsichtige Plastiktüten eingeschweißt die verschiedensten Haschsorten. Jede Sorte beinhaltete jeweils zwei Gramm. Ein daran befestigter Zettel besagte, welche Sorte sich darin befand und was es kosten sollte. Ja, was war das denn? So einfach ging das hier in Holland ab? Dass Cannabis in Holland ganz legal zu erwerben gab, wusste ich ja aus vielen Fernsehberichten, aber so offiziell? Über den Preis, der auf den Tüten angebracht war, war ich dann doch etwas verwundert. Hatte man im Knast nicht erwähnt, dass das Zeugs in Holland viel billiger als in Deutschland auf dem schwarzen Markt gehandelt wurde? Da sagte das Fräulein auch schon in sehr gutem Deutsch, dass, würde ich vier Päckchen kaufen, ein fünftes gratis dazu bekäme. Alles schön und gut, aber lohnte sich bei der Preisspanne überhaupt das Risiko, es nach Deutschland zu schmuggeln? Wenn man schon bei vier Portionen eine dazu gab, fragte ich mich, könnte es doch noch größeren Rabatt geben bei der Abnahme einer größeren Menge. Diesen Gedanken sprach ich dann auch aus. Ich wollte, musste ja ohnehin eine größere Menge mit nach Deutschland nehmen, sollte es sich für mich lohnen. Interessiert fragte mich das Mädchen auch gleich, an welche Menge ich denn gedacht hätte. „Hundert Gramm?“ Ich schüttelte den Kopf und meinte, dass ich mehrere Freunde in Deutschland hätte, die daran interessiert seien. „Zweihundert?“ Eingedenk meiner noch gut 5000 Mark in der Tasche sollte es schon etwas mehr sein. Daraufhin sagte sie mir, dass sie zu Hause noch 270 Gramm liegen hätte. Sie machte mir dafür sogar einen Sonderpreis. Das hörte sich schon ganz gut an. Doch auch damit wollte ich mich nicht zufrieden geben. Dem Mädchen ging fast die Luft aus, als ich ihr die Größenordnung angab, an die ich eigentlich gedacht hatte. Ja, wenn das so sei, dann müsse sie ihren Chef anrufen, nur der könne mit solchen Mengen aufwarten. Sie telefonierte mit ihrem Chef. Es könne aber bis zu einer Stunde dauern, bis er kommen würde, wurde mir übermittelt. „Ok“. Wenn wir nun unseren Kaffee bekommen könnten, würden wir warten. Sofort begann sie frischen Kaffee zu mahlen und versprach ihn nach draußen zu bringen. Dann dauerte es aber doch fast zwei Stunden bis der Chef kam. Wir tranken Unmengen von frisch gepresstem Orangensaft und ließen uns vertrösten.

Im Endeffekt hatte sich das Warten gelohnt. Was ich Laie damals noch nicht wusste, hatte der Chef eine der besten Sorten mitgebracht. Genau 1020 Gramm. Dafür wollte er läppische 4000 Gulden haben. Ich Idiot fragte ihn, ob er auch DM nehmen würde. Natürlich! Hocherfreut nahm er das Geld in DM Scheinen an. Warum ich Idiot? Nun, hätte ich das Geld gleich um die Ecke in einer der vielen Wechselstuben in Gulden eingetauscht, hätte ich sage und schreibe 400 Mark gespart.

Natürlich wußte ich, dass der schwierigste Teil der Reise noch vor mir liegen würde. Die Grenz­kon­trolle beim Zoll. Ich war ja oft genug über die Jahre hinweg über den gleichen Grenzabschnitt gefahren, kannte schon so gut wie alle Beamten dort.

Pernod hält Hunde fern

Kleine Verzögerungen hatte es immer wieder mal gegeben, wobei ich so einiges beobachten konnte. So sah ich denn auch manchmal, wie Hunde durch verdächtig erscheinende Autos getrieben wurden. Ich rechnete nicht unbedingt mit einer gründlichen Filzerei von Seiten der Grenzbeamten vom Zoll. Aber dann gab es ohnehin kein Versteck, das unentdeckt blieb. Die Hunde machten mir daher schon eher Sorgen. Hatte ich nicht schon während meiner Seefahrtszeit einiges gelernt? Noch nie hatte ich meinen Kofferraum öffnen müssen bei meinen Reisen nach London. Zumindest nicht an der Deutsch-Holländischen Grenze. In Dover dagegen war bei der Einreise fast immer eine Kontrolle erfolgt. Der Hunde wegen kaufte ich eben eine Flasche Pernod, verschüttete davon die Hälfte im Kofferraum meines Autos. Diesen Geruch, dass wusste ich, mögen die Hunde gar nicht. Sollte also zufällig ein Hund in die Nähe meines Wagens kommen, würde er ganz bestimmt nicht anschlagen. Bevor man in Dover oder auch anderen Häfen auf die Fähre rauffahren kann, wird man in eine bestimmte Spur eingewiesen, nachdem man sein Ticket vorgewiesen hat und bekommt einen Aufkleber an die Windschutzscheibe geklebt. Diesen Auf­kleber beließ ich auch immer an der Windschutzscheibe, damit man an der Grenze gleich erkennen konnte, woher ich kam. Dadurch wurde das Risiko schon etwas gemindert, überhaupt kontrolliert zu werden. Außerdem ließ ich schön sichtbar mein Fährticket auf dem Armaturenbrett liegen worauf das P&O Label prangte. Die ebenso unübersehbaren Duty Free Einkaufstüten mit dem gleichen Label auf den Rücksitzen sollten auch zeigen, dass ich direkt aus England käme. Im Übrigen, wer vermutete schon, dass ein Paar um die 50 herum sich mit dem Schmuggel von Cannabis abgab? So verlief denn auch unsere Weiterreise nach Hannover ohne jedwedes Hindernis.

In Hannover hätte ich gut und gerne aus den 4000 DM Wareneinsatz meine 20 000 machen können, wäre ich denn das Risiko eingegangen, das Zeugs Grammweise an Straßenhändler zu verkaufen. Das wären dann zu viele Mitwisser gewesen. Immer wieder kam es doch vor, dass so ein kleiner Kiffer von den Bullen hopsgenommen wurde, der wiederum verpfiff natürlich seine Bezugsperson, um die eigene Haut zu retten. Dadurch dass ich meine Ware nicht unter hundert Gramm weg gab, minimierte ich das Risiko erheblich. Statt 500% beließ ich es deshalb lieber bei einem Verdienst von 100% und wähnte mich auf der sicheren Seite.

Das Ganze musste ja über kurz oder lang in die Hose gehen.

Nicht erst seit meinem Zigarettenhandel war ich im hiesigen Rotlichtviertel bekannt. Aber das wäre schon wieder eine andere Geschichte! Ich wollte nur erwähnen, dass ich dort genügend Bekannte hatte, die mir meine, dazu noch preiswerte Ware aus den Händen rissen. Ich hätte schon drei Tage später wieder nach Amsterdam fahren können, um für Nachschub zu sorgen. Hätte ich allerdings gewusst, welches Gesockse sich unter den Junkies befand, ich wäre diese vorübergehende Dro­gen­karriere nie eingegangen. Weil ich aber viel zu wenig Hintergrundwissen über dieses Metier hatte, musste das Ganze ja über kurz oder lang in die Hose gehen.

Irgendeiner meiner Großabnehmer musste dann doch wohl im Vertrauen mich als Lieferanten genannt haben oder war es der Ossi, der Ware auf Kommission bekommen hatte, dann aber nicht zahlen wollte/konnte? Mein Bodygard hatte ihm nach mehrfacher Zahlungsaufforderung kurzer­hand das Nasenbein zertrümmert. Ein weiterer kam in Frage, der der Polizei einen Tipp gegeben haben könnte. Auch der hatte sich mein Vertrauen erschlichen, sich ein paar Mal als kreditwürdig erwiesen. Hätte ich doch erkannt, dass er im Grunde genommen heroinabhängig war, sich durch den Verkauf von meinem Dope lediglich seine Abhängigkeit finanzierte. Solchen Süchtigen kann man nur von heute bis gestern über den Weg trauen. Meine Gutgläubigkeit und meine Devise, leben und leben lassen, sollte mich dann auch nach wenigen Monaten schon wieder hinter schwedische Gardinen verschwinden lassen. Diesmal aber gleich für elf Jahre und acht Monate. Nein, natürlich nicht wegen der 1200 Gramm Haschisch, die man in meinem Besitz fand, als die SOKO mich am 6. Dezember 1990 fest nahm. In der Folgezeit im Kittchen erst sollte ich die Charaktere von Heroinabhängigen kennenlernen. Nur, da war das Kind schon längst in den Brunnen gefallen oder anders gesagt, ich war im Bau gelandet.

Dem Kerl ging der Arsch auf Grundeis.

Es gab da einige Aspiranten, die sich verkrümelten, nachdem sie mich abgezogen hatten. Einen davon sah ich rein zufällig auf der Straße. Ich ließ mein Auto mitten im Kreisverkehr bei einge­schalteter Warnblinkanlage stehen, verfolgte den Typ. In einer Seitenstraße hatte ich ihn endlich eingeholt. Ich schleuderte den Kerl gegen ein Auto, hielt ihm drohend die Spitze meines Auto­schlüssels an den Hals und fragte ihn, wie er sich die ausstehende Zahlung vorstelle. Dem Kerl ging der Arsch auf Grundeis. Glaubte er doch ein Messer an seinem Hals zu spüren. Als ich ihn dann wieder los ließ, fasste er sich immer wieder an den Hals, dort wo er die kalte Spitze des vermeintlichen Messer gespürt hatte, besah sich seine Finger um zu sehen, ob sich Blut daran befand. In seiner Not versprach er mir das Blaue vom Himmel, nur um aus meiner Nähe zu entkommen. Natürlich sah ich ihn nie wieder! Auch er könnte der Tippgeber gewesen sein. Dabei hatten doch meine Abnehmer einen bei weitem größeren Verdienst an jedem Gramm. Zahlten sie bei mir 8 Mark für das Gramm, verhöckerten sie es grammweise für 20 Mark auf der Straße oder in Discos. Wenn es denn mal immer auch 1 ganzes Gramm gewesen wäre. Durch Verbindungs­leute ließ ich hin und wieder mal von meinen Abnehmern etwas aufkaufen. Selten mal, dass das angebliche Gramm mehr als 0,7-0,8 Gramm auf die Feinwaage brachte. Den einzigen Trost, den ich habe ist, dass die meisten dieser Junkies sich inzwischen mit dem Heroingift totgespritzt haben.

Ich habe nie gelernt, so richtig Nein zu sagen. Oftmals bin ich auch im Knast abgezogen worden. Die Typen verkaufen, wenn es sein muss, Frau und Kinder, Eltern und Großeltern, nur um an das Gift zu kommen. Die erzählen einem herzzerreißende Geschichten, wo man einfach Mitleid bekom­men muss. Erst immer hinterher musste ich feststellen, dass wieder einmal meine Gut­gläubigkeit ausgenutzt worden war. Anstatt Rückzahlung der Schulden bekam ich Schläge angeboten. Außer dass ich die Zigaretten- und Spielautomaten überlistete, sie damit betrog, liegt es mir überhaupt nicht, einen anderen Menschen aus Fleisch und Blut zu betrügen. Deshalb konnte ich auch nie glauben, dass andere Menschen dazu fähig sind. Jedesmal, wenn mir so eine Abzocke bevorstand, sagte ich mir, dass ich denjenigen beleidigen würde, der mir seine Geschichte erzählte und etwas von mir haben wollte. Irgendwann musste ich doch auf einen Mithäftling stoßen, der noch etwas Ehre im Leib hatte und nicht von vornherein an Betrug dachte. Inzwischen bin ich zu der Erkenntnis gekommen, dass Heroinsüchtige vollkommen ohne Gewissen durchs Leben gehen. Die Sucht hat ihnen eine Hornhaut über das Gewissen wachsen lassen.

Nachdem ich einen kleinen Abstecher in meine Zeit als Drogendealer gemacht habe, will ich nun zu dem Punkt kommen, der mir im eigentlich vernünftigen Alter einen Aufenthalt von 10 Jahren und 15 Tagen Knast an einem Stück einbrachte. Doch dazu muss ich nun doch wieder ein wenig zurückgreifen in die Drogenszene. Ein Möchtegern Zuhälter, namens Harry, war ein konstanter Abnehmer meiner SteintorHollandware. Der war am Steintor[1] bekannt, wie ein bunter Hund. Er brauchte seine Ware garnicht erst wie Sauerbier irgendjemandem anbieten. Er machte lediglich seinen Rundgang durch das JIM[2] Rotlichtmilieu. Es hatte sich schnell herumgesprochen, dass er immer gute Ware mit einem ordentlichen THC[3] Gehalt verkaufte. Da ich immer von dem gleichen Händ­ler in Amsterdam meine Ware bezog und das auch gleich kiloweise, bekam ich auch immer die beste Sorte von ihm. Harry verdiente auf diese Weise bis zu 1200 Mark in einer Nacht. Er hatte nur einen Fehler. Er, der er von seinen 40 Lebensjahren die Hälfte davon im Gefängnis verbracht hatte, hatte einen großen Nachholbedarf, was das Leben betraf. Bei einem täglichen Verdienst von Tausend Mark war er spielend in der Lage, zweitausend auszugeben. In diversen Bars und Kneipen im Rotlichtviertel war er sogar kreditwürdig. Jedenfalls konnte er überhaupt nicht mit Geld umgehen. Anstelle dass er sich eine normale Wohnung anmietete, zahlte er lieber mitten im Revier für ein kleines Zimmer in einem Stundenhotel jeden Tag 80 Mark. Für die 2400 Mark Monatsmiete in solch einem Kabuff hätte er sich locker eine schicke Villa mieten können. Aber nein, er fühlte sich gerade hier, zwischen all den Nutten und Ganoven so richtig wohl. Fast jeden Abend brachte ich ihm Nachschub, wobei auch er mir manchmal den Kaufpreis schuldig blieb. Im Laufe der Zeit wuchs sein Schuldenberg bei mir an. Einmal, weil ich ihm eigentlich keinen weiteren Kredit einräumen wollte, legte er mir eine Achtmillimeter dicke Panzerkette mit einem echten Goldeagle als Anhänger hin. Er wollte dafür 50 Gramm haben. Allerdings wollte er diese in den nächsten Tagen wieder einlösen. Dass dieses heiße Ware war, ahnte ich wohl. Wie heiß diese Kette allerdings war nicht.

 

 

Sechsunddreißigstes Kapitel

Die dümmste Aktion meines Lebens

Als ich ein paar Tage später die Zeitung aufschlug, hätte ich beinahe mein Frühstück wieder aus­gekotzt. Ein Bild zeigte einen Mann mit blutüberströmten Gesicht. Man hatte ihm beinahe den Schädel eingeschlagen. Passiert war das vor einer Rotlichtbar. Weil Harry wieder einmal kein Geld hatte, hatte er mir die Kette zur freien Verfügung überlassen. Was sollte ich alter, mickriger Kerl mit solch einer Protzkette anfangen? Ich bot diese bei einem Goldhändler zum Kauf an. Abgesehen davon, dass ich von der Händlerin ganz schön mit dem Preis übers Ohr gehauen worden war, gab sie später vor Gericht auch noch an, das teure Stück eingeschmolzen zu haben. Somit hatte sie einen Verdienst von über 4000 Mark in Sicherheit gebracht. Normalerweise hätte sie die Hehler­ware an den Besitzer zurückgeben müssen. Dadurch aber, dass sie der Polizei, nachdem sie von diesem Raubüberfall aus der Zeitung erfahren hatte, den Hinweis auf mich gab, hatte sie sich gleichzeitig Pluspunkte bei der Polizei geholt. Schließlich führte sie ein seriöses Unternehmen und hatte sich von mir den Ausweis zeigen lassen. Der dicke Reibach blieb bei ihr, und an mir der Polizei zu erklären, wie ich an die teure Kette gekommen sei. Laut Aussage des Geschädigten kam ich persönlich für den Überfall überhaupt nicht in Frage. War er doch von zwei richtigen Kerlen, nicht unter 190, zusammengeschlagen und beraubt worden. Ich hatte die besagte Kette natürlich zwar im Rotlichtviertel beim Billardspielen in der Ritze einer Polsterbank gefunden. Da ich meinen Fund aber nicht dem Wirt abgegeben hatte, bekam ich eine geringfügige Strafe wegen Fund­un­terschlagung. Wobei der Staatsanwalt es lieber gesehen hätte, ich wäre wegen Diebstahls ver­urteilt worden, denn dann hätte er mich ins Gefängnis stecken können, da ich ja wegen Dieb­stahls bereits vorbestraft war. Warum ich den Fund der Kette nicht angezeigt hatte, begründete ich damit, dass ich als armer Arbeitslosenhilfeempfänger der Versuchung einfach nicht hätte widerstehen können, daraus Kapital zu schlagen. Als ich dem Gericht auch noch die Summe nannte, die ich bei der Händlerin erhalten hatte, bekam diese eine gewisse Röte ins Gesicht und der anwesende Geschädigte bekam einen Wutanfall. Die Kette hatte einen tatsächlichen Wert von mehr als 5000 Mark. Dass sie diese eingeschmolzen haben wollte, konnte er nicht glauben. Ich auch nicht! Aber beweise einer das Gegenteil.

Ob Harry selbst an dem Raubüberfall beteiligt war, möchten Sie wissen? Kann ich nicht sagen. Jedenfalls war er keine 1,90m groß. Er war mal gerade 1,86m! Bin ich jetzt zu weit von meiner Geschichte abgewichen? Nein! Ich wollte mit diesem Zwischenbericht nur darstellen wie Harry immer in Geldnöten war. Eines Abends, ich war ohne Auto in der Stadt, setzte ich mich in einer Kneipe mit Harry zusammen und trank mit ihm ein paar Bier. Er übermittelte mir Grüße von ein paar Kiezgrößen, in deren Achtung ich gestiegen war, weil ich mich wegen der Kette vor Gericht so wacker geschlagen, aber niemanden verraten hätte.

Am Ende hatte ich mich auf die dümmste Aktion meines Lebens eingelassen.

Wenige Stunden und ein paar Glas Bier später wurde Harry schon zutraulicher mir gegenüber. Er erzählte mir im Vertrauen, dass er wisse, wo sich derzeit der Staatsfeind Nr. 1, na ja zumindest von Niedersachsen, aufhalte. Dem war näm­lich die Flucht mit Waffengewalt aus dem Gefängnis gelungen. Seine Frau, eine Polizisten­tochter aus Hannover, hatte die Waffe beim Besuch in der JVA Lingen reingeschmuggelt. Nun sei Bruno Reckert[4] schon seit Wochen auf der Flucht und ernähre sich von diversen Raubüberfällen auf Supermärkte und Banken. Es sprach so etwas wie Bewun­derung aus seinen Worten, als er mir dies schilderte. Ja, er brüstete sich damit, mit eben jenem Bruno Reckert, der als Boss der berüchtigten Golfbande[5] in die Schlagzeilen, aber auch in den Knast gekommen war, mit diesem zusammen gesessen hätte, wobei sie gute Freunde geworden waren. Am Ende jener nächtlichen Biersession hatte ich mich auf die dümmste Aktion meines Lebens eingelassen.

Für Harry war klar, seinen nächsten Coup im Osten zu starten.

Zum Teil lag dies natürlich daran, dass ich nicht gerade viel Alkohol vertragen konnte, aber auch an meinem Frust, den ich dem Staat gegenüber mit mir herumschleppte. Hatte man mich schon mit 46 Jahren quasi aus der Kartei der zu vermittelnen Arbeitskräfte ausgesondert, nachdem mein Sohn in dem Alter war, wo ich ohne weiteres wieder ins Berufsleben hätte einsteigen können, so bekam ich nach der Haftentlassung 1988 überhaupt keine Angebote mehr. Deshalb ja auch die Wiederaufnahme meiner Londonreisen. Nachdem dieses Geschäft geplatzt war, hatte ich mich zwangsläufig auf den Haschischhandel verlegt. Doch ehrlich gesagt: dieser Handel behagte mir überhaupt nicht, war ja auch mit viel höherem Risiko behaftet. Ich konnte mir ja schlecht auf die Stirn tätowieren lassen: „So jetzt zeige ich es euch allen mal, wozu ein 50-jähriger noch in der Lage ist!“ Es diente nur zur Stärkung meines Selbstbewusstseins, als ich mich in jener Nacht von Harry als Fahrer für einen Bankraub anheuern ließ. Wie naiv ich war, in Harry einen ganz harten, großen Gangster zu sehen, hatte er doch schon 20 Jahre von seinen 40 Lenzen im Bau verbracht, sollte sich erst viel später herausstellen. Er imponierte mir damit, dass er mir einen Zeitungsartikel zeigte, wo ein erst kürzlich stattgefundener Bankraub in der City von Hannover geschildert wurde. Diesen Raub hatte er mit einem Kumpel begangen, war in der nahe gelegenen U-Bahn Station unter­getaucht. Die Fahndung verlief erfolglos. Inzwischen dürfte auch diese Tat verjährt und die Akten darüber geschlossen worden sein. Bei seinem Lebenswandel hatte er keine Probleme damit, die Beute ziemlich schnell zu verprassen. Ein erneuter Beutezug war fällig. Für seinen nächsten Raubzug hatte er sich den Osten der Republik ausgedacht. Dort war gerade erst die Westmark eingeführt worden. Aus Medienberichten wusste er auch, dass in den neuen Bundesländern die Banken längst noch nicht den Sicherheitsstandard hatten, wie im Westen. Deshalb war für Harry klar, seinen nächsten Coup im Osten zu starten.

Dazu war allerdings ein Auto nötig. Er selbst hatte natürlich weder Auto noch Führerschein, Harry fand, dass ich kaltschnäuzig genug wäre, das Fluchtfahrzeug zu steuern. Damit schmierte er mir Honig ums Maul. Ich wurde wieder mal gebraucht. Mein Talent als guter Autofahrer hatte sich durch eine frühere Aktion im Rotlichtmilieu herumgesprochen. Hatte ich doch ein mich verfolgen­des Auto vollbesetzt mit Zuhältern, die mir ans Leder wollten, trickreich abgehängt. Andere Geschichte!

Erst am nächsten Tag kam mir so richtig zum Bewusstsein, worauf ich mich da eingelassen hatte. Mein Ehrenkodex, ein einmal gegebenes Versprechen niemals zu brechen, aber ließ es nicht zu, dass ich den Schwanz einzog.

Es war abgemacht, dass ich nur als Fahrer fungieren sollte. In die Bank selbst wollte er mit einem anderen Kumpel gehen, um Geld abzuheben, wie er es nannte. Ein paar Tage später rief er mich an, dass er mir seinen Kumpel vorstellen wolle. Ich bereitete ein extra schickes Menu vor, um eine gemütliche Atmosphäre bei unserem „Geschäftsgespräch“ zu haben. Helga war zur Spätschicht außer Haus. Schon nach wenigen Minuten war mir klar, dass ich mit diesem, seinem Kumpel, auf gar keinen Fall solch einen Coup durchziehen würde. In letzter Zeit hatte ich ja genügend Gelegenheit gehabt, die Drogenszene kennen zu lernen. Ich erkannte sehr schnell, dass der Typ, den er da angeschleppt hatte, der Fraktion der Heroinabhängigen angehörte. Harry machte auch gar nicht erst den Versuch mich umzustimmen, als ich ihm geradeheraus sagte, dass der Kerl für mich nicht in Frage käme.

Wie ich später erfuhr, saß ich inmitten von Hunderten von Jahren Knast!

Den nächsten Kandidaten lernte ich dann schon an einem neutralen Ort kennen. Was heißt schon neutral? Es war eine Kneipe, die in Hannover auch als Drogenumschlagplatz bekannt war. Der Kneipenbesitzer war ein Türke und wir vier waren die einzigen Deutschen unter etwa 15 Gästen. Ja, wir waren zu viert. Denn unser dritter Mann hatte seine Braut mitgebracht. Wie ich sehr schnell feststellen konnte, war das Pärchen clean. Na, zumindest nicht von der Nadel abhängig. Etwas abseits von den übrigen Gästen saßen wir auf einer kleinen Empore und unterhielten uns, während wir unsere Pfeile auf eine Dartscheibe warfen. Den uns beobachtenden Gästen, ausschließlich türkische Männer, lief der Sabber über die Lefzen, während sie jede Bewegung der zu uns gehö­renden naturblonden und außerordentlich hübschen Frau mit ihren Augen fickten. Die Frau könnte einem billigen Dreigroschenheft entsprungen sein. Sogar eine Von war sie. Aber daran ver­schwen­deten wir bei unserem Gespräch natürlich keinen Gedanken. Wolfgang, der an diesem Abend noch nicht ahnte, dass dies sein letztes Dartspiel in diesem Leben war, machte bei mir jedenfalls den besten Eindruck. Er hatte so gar nichts knackihaftes an sich, obwohl auch er mit seinen 39 Jahren 20 davon ohne größere Unterbrechung, im Knast verbracht hatte. Er war mit 19 erstmals eingeflogen, hatte Lockerungen, sprich Ausgänge zur Entlassungsvorbereitung bekommen und prompt ein neues Ding gedreht. So ging das ein paar Mal, bis er in das Hochsicherheitsge­fäng­nis nach Celle kam. Dort gab es dann keine Ausgänge oder gar vorzeitige Entlassung. Jetzt befand er sich seit knapp vier Monaten endlich auf freiem Fuß. Hatte natürlich einen enormen Nachhol­be­darf, was das verpasste Leben anging. Dieser Nachholbedarf kostete allerdings Geld. Harry und Wolfgang hatten viele Jahre gemeinsam in der JVA Celle verbracht, sich dort angefreundet. An diesem Abend schien mir, Wolfgang sei einem Modekatalog entsprungen. Sauber rasiert und in Schlips und Kragen lernte ich ihn kennen. Auch hatte er keine Einstichstellen an seinen Armen. Davon hatte ich mich vergewissert. Abgesehen davon, dass Wolfgang ein wirklich gut aussehender Mann mit ausgeprägtem sportlichen Körper durch intensives Krafttraining, wie es viele Spitzbuben zum Zeitvertreib im Knast betreiben, stand besagte Freifrau von … auf zwielichtige Typen, wie ihr ja später auch von der Staatsanwaltschaft bescheinigt wurde.

Nachdem wir uns ausgiebig berochen hatten, hatte Harry noch eine Überraschung an diesem Abend für mich parat. Bis auf den Termin hatten wir soweit alles geklärt. Dann meinte Harry, dass unser Vertrag einen würdigeren Rahmen verdient hätte. Im Taxi fuhren wir zu einem renommierten Italiener, wo wir unseren Hunger stillen wollten, wie Harry meinte. Dieser Schlawiner jagte mir in dieser Nacht noch einen ganz schönen Schrecken ein. Bei dem Italiener „trafen wir rein zufällig“ einen alten Bekannten von beiden. Harry wie auch Wolfgang kannten zumindest einen von den bereits anwesenden Gästen. Kurzerhand wurde ein weiterer Tisch herangeschoben und wie ich später erfuhr, saß ich inmitten von hunderten von Jahren Knast!

Ich ließ mir zunächst einmal meine Piccata Milanese und den Roséwein schmecken. Sambuco[6] wurde gleich flaschenweise von seinem Bekannten bestellt. Damit hielt ich mich aber zurück. Allzu schnell wurde mir schlecht, wenn ich Hochprozentiges trank. Ich wollte das leckere Essen ja nicht gleich wieder auskotzen. Harry allerdings ließ sich gerne immer wieder nachschenken. Für eine Weile zog er sich mit dem Bekannten an einen Nebentisch zurück, tuschelte mit ihm geheimnisvoll, wobei man oft zu mir herüber schaute.

Zu fortgeschrittener Stunde hatte sich das Lokal bis auf unsere Runde geleert. Harrys Bekannter hatte dem Alkohol ganz ordentlich zugesprochen. Nun fand er, dass er seiner Lebensfreude irgend­wie Ausdruck verschaffen müsse. Er stieg auf den Tisch und begann darauf zu tanzen. Na ja, das war nichts Besonderes für mich. Hatte ich doch während meiner Kellnerzeit genügend Partys erlebt, wo ausgelassene Gäste auf den Tischen tanzten. Aber als Harry mich dann ins Vertrauen zog, mir ganz stolz erzählte, dass der Tänzer der meistgesuchte Verbrecher Bruno Reckert sei, da wurde mir doch ganz anders zumute. Fuhren doch ständig Polizeiautos an diesem Lokal vorbei in Richtung der Polizeizentrale am Welfenbunker.[7] Die gesamte Vorderfront des Restaurants bestand aus Glas. Musste sich da nicht irgendwann ein vorbeifahrender Polizist darüber wundern, dass in diesem Nobelrestaurant ein Mann auf der weißen Tischdecke tanzte? Ich hatte nun wirklich keine Lust, mit neugierigen Polizisten zusammenzutreffen. Immerhin hatte ich auch noch 100 Gramm Haschisch bei mir, die ich noch ausliefern wollte. So zog ich dann lieber vor, das Weite zu suchen. Übrigens an diesem Abend hatte Wolfgang, der Bruno Reckert ja ebenfalls aus gemeinsamer Knast­zeit kannte, wie auch Harry, einen Magnum Revolver für den anstehenden Bankraub ausgeliehen. Das erfuhr ich allerdings erst Tage später.

1992, als ich begann darüber nachzudenken, wie ich in diese Bedroullie geraten war, saß ich bereits in der JVA Cottbus in U-Haft.

Wie konnte ich in diesen verpfuschten Lebensverlauf hineingeraten?

Bis zu vier Mal in der Woche wurden Harry und ich mit einem Gefangenentransporter nach Frank­furt/Oder gekarrt, um an unserer Verhandlung wegen des Bankraubs teilzunehmen. 25 Verhand­lungstage, verteilt auf fünf Monate, benötigte das Gericht, um ein Urteil zu fällen. Das dürfte in die Kategorie Seltenheitswert fallen. Wann gibt es das schon, dass ein mickriger Bankraub ein Gericht so lange beschäftigt? Selbst Mordfälle gehen meist schneller über die Gerichtsbühne. Während ich nun auf die sporadischen Gerichtstermine wartend in meiner maroden Gefängniszelle saß, began­nen Depressionen von mir Besitz zu ergreifen, hatte ich immerhin noch soviel Durchblick, dass ich dagegen ankämpfen müsse. Immer wieder fragte ich mich, wie ich in diesen verpfuschten Lebensverlauf hineingeraten konnte.

Die in der JVA tätigen Beamten waren allesamt, bis auf den Anstaltsleiter aus NRW, aus DDR Zeiten übernommen. Denen war ich haushoch überlegen mit meiner Kenntnis vom Strafvollzugsgesetz. Alle Beamten zitterten noch um ihre Jobs. Die Überprüfung ihrer Stasi Vergangenheit war noch in vollem Gange. Wenn überhaupt, kannten die Beamten als Fremdsprache gerade mal etwas Russisch.

So langsam aber füllten sich die östlichen Gefängnisse mit Multi-Kulti Gefangenen. So konnte ich mich des Öfteren bei den Beamten als Dolmetscher nützlich machen. Als Gegenleistung liehen sie mir die vorsintflutliche Schreibmaschine aus dem Vernehmungszimmer aus und gaben mir auch das nötige Schreibpapier dazu. So konnte ich damit beginnen mein Leben aufzuarbeiten. Nicht dass ich etwa den Leser um Verständnis oder gar Mitleid für meine Verbrecherlaufbahn gewinnen möchte. Oder doch ein wenig Verständnis? Jede Ursache hat eine Wirkung; oder wie heißt das Sprichwort? Nachdem der Prozess fünf Monate gedauert hatte, etwa 80 Zeugen ihre Aussagen gemacht hatten, fand das Gericht ein „gerechtes“ Urteil.

Ich war mit meinen Lebenserinnerungen gerade mal auf Seite 111 angekommen. Dann gilbten die Blätter 13 Jahre vor sich hin. Erst dann, als wieder Depressionen mein Leben bestimmten, wurde ich dazu ermuntert, doch weiter an meinem „Buch“ zu arbeiten.

Fußnoten

[1] Platz in Hannover. Kurzbezeichnung für das Steintorviertel, der Rotlichtbezirk in Hannover, ein Rechteck, gebildet aus Reuter-, Goethe-, Reitwallstraße sowie Am Marstall. Karte: https://www.google.de/maps/place/Hannover+Steintor/@52.3751837,9.7321234,17z/data=!4m5!3m4!1s0x47b074bb32d9e8df:0x3303e3185652e5a6!8m2!3d52.376772!4d9.732912

[2] Gemeint sein dürfte das Restaurant Jim Block in Hannover https://www.jim-block.de/restaurant-hannover.html

[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Tetrahydrocannabinol

[4] Bruno Reckert war ein hochkarätiger Krimineller. Neben seine vielen Straftaten und erfolgreichen Fluchten wurde er besonders durch die Flucht mit Geiselnahme aus der Celler JVA bekannt. Ein paar Links: Polizei Djangos und Kamikazes, http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13490936.html

Geiseln – Ungeheurer Dusel, http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13492397.html

Geiselgangster gibt Raubüberfälle zu https://www.neues-deutschland.de/artikel/330514.geiselgangster-gibt-raubueberfaelle-zu.html

Flucht aus der JVA Celle, https://de.wikipedia.org/wiki/Dirk_Dettmar

[5] Auch als GTI-Bande bekannt.

[6] Gemeint sein dürfte Sambuca, ein in der Regel farbloser, klarer Likör mit 38 bis 42 Volumenprozent Alkohol. Er wird mit Anis, Sternanis, Süßholz und anderen Gewürzen aromatisiert. https://de.wikipedia.org/wiki/Sambuca

[7] Welfenbunker, am Welfenplatz, ein Luftschutzbunker aus dem 2. Weltkrieg

Inhaltsverzeichnis _Inhaltsverzeichnis

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« Kap. 33 f

moabitDieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit,

         die keine Kindheit war

Dreiunddreißigstes Kapitel

Ich war gezwungen, dem Staat weiterhin Konkurrenz zu machen

Natürlich wusste auch meine neue Lebensabschnittsgefährtin, was ich tat. Und, sie fuhr auch einige Male mit nach London. Mit ihren 49 Jahren war ihre weiteste Reise bisher zum Hamburger Fisch­markt gewesen. Durch mich lernte sie etwas von der großen weiten Welt kennen.

Schon drei Monate nach meiner Haftentlassung hatte ich meinen Sohn aus dem Heim geholt. Ursprünglich wollte ich ihn ja bis zum Ende des Schuljahres dort lassen. Aber das Zwischenzeugnis sagte aus, dass seine Versetzung stark gefährdet sei. Ich bemühte mich um eine Lehrerkonferenz, wo auch ich und mein Sohn anwesend sein konnten. Was ich dort über meinen Sohn so alles erfuhr; au Backe! Wenn mein Sohn schon sitzen bleiben sollte, so konnte er das genau so gut in der Schule in meiner Nähe. Bisher war er nur an den Wochenenden zu uns nach Hannover gekommen. Am 27. Januar, meinem Geburtstag, holte ich Sascha von dem Heim ab. Neben meinen Reisen hatte ich immer noch genügend Zeit, mich um meinen Sohn zu kümmern. Und siehe da, wir beide zusammen schafften dann letztendlich doch noch die Versetzung in die 8. Klasse. Ich war aber auch in ständiger Verbindung mit seinen Klassenlehrern, besuchte sogar gewisse Stunden in seiner Klasse. So wusste ich ständig, wo es bei meinem Sohn haperte. Im Gegensatz zum Heim hatte er bei uns sein eigenes Zimmer, welches ich ihm nach seinem Geschmack einrichtete. Er hatte seine eigene Musikanlage, Fernseher und auch einen PC 64. Damit er in seiner Freizeit nicht auf der Straße rumgammelte, sich irgendeiner Gang anschloss, finanzierte ich ihm auch die Mit­gliedschaft in einem Footballclub. Zweimal in der Woche Training, am Wochenende irgendwo ein Spiel, damit war er vollauf beschäftigt.

Auch der Rest der Wohnung bekam ein völlig neues Ambi­ente. Tapeten vom Feinsten, die modernsten Möbel nebst Fernseher, einschließlich Video. Der Polo, welcher sich nicht gerade als bequemes Reiseauto für solch lange Strecken entpuppt hatte, wurde gegen einen Passat ausgetauscht. Nicht nur meine Gefährtin war hoch verschuldet. Ihre Tochter und ihre beiden Söhne bedurften auch meiner Unterstützung. Ich konnte nicht Nein sagen, als der Jüngste, der gerade frisch verheiratet war und schon ein Baby da war, mich fragte, ob ich ihm nicht eine Waschma­schine auslegen könne. Er würde es mir in Raten zurückzahlen. Genauso wie dieser hat keiner aus der Familie mir jemals auch nur einen Pfennig zurückgezahlt. Als ich dann Ende 1990 für über 10 Jahre in den Knast abwanderte, bekam ich in all den Jahren noch nicht einmal eine einzige Postkarte. Undank ist der Weltenlohn.

Am dritten Tag glaubte ich ihm alles Nötige beige­bracht zu haben.

Vorerst aber einmal versuchte ich dem Ältesten die Schulden loszuwerden. Nachdem er mich mit seiner Mutter zusammen bekniet hatte, ihn doch auf so eine Englandreise mitzunehmen, ihm mein Handwerk beizubringen bat, konnte ich schlecht Nein sagen. Dabei hatte er noch nicht einmal einen Teil des Geldes zur Verfügung, was als Grundkapital notwendig gewesen wäre. Ich musste zunächst einmal alles finanzieren. Einschließlich den Kauf der englischen Münzen, die er als Start­kapital benötigte. Aus London zurückkehrend, wobei ich glaube, dass ich die Achslast des Passats bei weitem überschritt, soviel Münzen hatten wir geladen, machten wir schon in Dortmund halt. Wir mieteten uns in einer preiswerten Pension ein, und ich [zeigte ihm[1]] zwei Tage/Nächte lang, wie die Automaten funktionierten. Am dritten Tag dann glaubte ich ihm alles Nötige beige­bracht zu haben und wollte ihn alleine arbeiten lassen. In Hattingen teilten wir uns die Stadt auf. Er sollte links von der Hauptstraße sein Revier bearbeiten, ich rechts davon. Doch bevor wir uns trennten, wollten wir noch zusammen eine Limo trinken. Natürlich waren auch in dem Lokal zwei Geldspielautomaten vorhanden. Thomas wurde vom Jagdfieber oder sollte ich besser sagen von der Gier, gepackt. Ich, als Kenner dieses Metiers, hätte schon nach wenigen Versuchen aufgehört diesen Automaten Markstücke zu entlocken. Ohne die Münzen, wie ich es tat, vorher zu sortieren, warf er sie wahllos in den Schlitz. Der Automat nahm lediglich jede vierte, fünfte Münze an, den Rest kotzte er wieder aus. Die Geräusche, die dabei entstanden mussten ja den blödesten Wirt alarmieren. Das Geschepper, welches die herausfallenden Münzen verursachten, ging dem Wirt auf den Keks. Ich hatte Thomas auf dem Weg zur Toilette auch noch gewarnt. Er hörte einfach nicht auf mich. Ich ging zum Tisch zurück, wollte meine Sachen zur Hand nehmen, da passierte es. Der Wirt, ein Brecher von einem Kerl, hatte plötzlich das Handgelenk von Thomas in der Hand, als dieser gerade wieder eine Münze einwerfen wollte.

Die Bullen – auch nicht gerade profihaft

Die Bullen die uns wenig später getrennt auf zwei Autos verteilten und zum Revier brachten, wun­der­ten sich nur, dass uns nichts passiert sei. War der Wirt doch als ehemaliger Zuhälter dafür bekannt, dass er sonst nicht so zimperlich sei. Das lag vielleicht daran, dass er selbst aus dem Milieu kommend ein gewisses Verständnis für krumme Dinger hatte. Nur wollte er nicht, dass ausgerechnet er von seinem Verdienst etwas abgeben sollte. Thomas, bisher ein unbeschriebenes Blatt bei der Polizei, konnte schon nach kurzer Zeit, nachdem ein Protokoll gefertigt war, das Polizeigebäude wieder verlassen. Da er sich wenigstens an die Geschichte gehalten hatte, die ich ihm im Vorfeld für den Fall des Erwischtwerdens eingebläut hatte, deckten sich unsere Aussagen. Weil hier nun kein Verbrechen vorlag, wir beide einen festen Wohnsitz hatten, durfte ich dann auch bald gehen. Ich muss hier unbedingt erwähnen, dass sich die Bullen auch nicht gerade profihaft verhalten hatten. Nämlich als ich merkte, dass der Wirt die Polizei gerufen hatte, ließ ich schnell meinen Pensionszimmerschlüssel unter der Sitzbank verschwinden. Als ich bei der Polizei entlassen wurde, händigte man mir diesen Schlüssel aus. Obwohl ein kleines Schildchen mit einer (Zimmer)nummer daran hing, nahm man mir ab, dass dieser Schlüssel zu der Wohnung in Hannover gehörte. Wir waren mit dem Bus nach Hattingen gefahren. So hatten wir auch nicht all zu viele Münzen bei unserer Festnahme dabei. Kein Autoschlüssel, der uns hätte verraten können. Thomas glaubte wohl, dass der gesamte Münzschatz nun ihm gehören würde. Jedenfalls hatte er schon die Sachen gepackt und wollte sich mit meinem Auto und den Münzen davon machen. Obwohl er mit seinen 27 Jahren noch nicht einmal einen Führerschein hatte. Das Bargeld, in Form von Silbergeld, welches ich in den beiden Tagen zuvor erbeutet hatte, auch meine Zigaretten­ausbeute hatte er aber in seinem Gepäck verstaut. Ich weiß nicht, ob er wirklich so erfreut über mein Auftauchen war, wie er tat. Wir machten uns jedenfalls zunächst einmal auf den Weg nach Hannover, um die ganze Angelegenheit erstmal in Ruhe zu verdauen. In Hannover angekommen empfing uns seine Mutter ziemlich aufgeregt. Im Rahmen der Amtshilfe hatte die Hattinger Polizei die in Hannover eingeschaltet. Die Hannoverpolizei hatte dahingehend reagiert, dass sie sofort eine Hausdurchsuchung veranstaltet hatte, in der Hoffnung dort noch weitere Münzen zu finden. Mein Glück war, dass die Wohnung auf den Namen meiner Freundin lief. So brachte man mich erst gar nicht damit in Verbindung. Bei genauerer Überprüfung allerdings hätte man über den Namen Schulz stolpern müssen. Nachdem ich ein paar Tage hatte Gras über die Sache wachsen lassen, begann ich doch wieder, jetzt in Berlin, das Falschgeld in richtige DM zu verarbeiten. Thomas hatte die Nerven verloren. So blieb ich nur auf meine Auslagen sitzen, die ich ihm vorgeschossen hatte. Monate später standen wir beide dann in Hattingen vor Gericht. Thomas, weil er bis dato eine reine Weste hatte, wurde zu 20 Stunden gemeinnütziger Arbeit verurteilt, durfte sich von der Anklagebank entfernen. Er galt danach noch immer als nicht vorbestraft. Mir dagegen brummte die Richterin 18 Monate ohne Bewährung auf. Inzwischen hatte sie ja aus der Aktenlage ersehen, dass ich zum einen noch eine Reststrafe zur Bewährung offen hatte, und zum anderen eben wegen der gleichen Tat schon auffällig geworden war. Wieder in Hannover eingetroffen unterrichtete ich sofort meinen Bewährungshelfer von dem Urteil. Ich fragte ihn, wann ich denn nun wieder im Knast antanzen müsse. „Nichts wird so heiß gegessen wie es gekocht wird!“ meinte dieser aber.

Zugegeben, ich war ganz schön übermütig geworden.

Bei der Berufungsverhandlung hatte ich einen sehr guten Anwalt. Die Wichtigkeit, dass meine Anwesenheit zur Erziehung meines Sohnes von großer Wichtigkeit wäre, das hätte ich ja bewiesen, indem er nach der Gefährdung es dann doch noch geschafft hätte, das Klassenziel zu erreichen. So wurde meine Bewährungszeit dann eben nochmal aufgestockt. Zugegeben, ich war ganz schön übermütig geworden. Den Warnschuss vor den Bug realisierte ich nicht so recht. Außerdem schwor ich mir, niemals wieder irgendjemanden in meine Geldverdienmasche einzuweihen. Ich wechselte lediglich jeden Monat mein Jagdrevier. Außer Berlin. Die Stadt war so groß und wie erwähnt mit Automaten und Kneipen gepflastert, dass ich die Tour mehrere Male machte.

Inzwischen wurde auch Deutschland wiedervereinigt. Sofort lud ich meine Schwester ein, uns in Hannover zu besuchen. Wir feierten Weihnachten 1989 zusammen und stießen gemeinsam auf das Jahr 1990 mit einem Gläschen Sekt an.

Ich gab mir alle Mühe, mich doch noch wieder im Berufsleben zu integrieren. Doch nun war der Zug für mich mit meinen 50 Jahren endgültig abgefahren. Die Ossis drängten mit aller Macht auf unseren Arbeitsmarkt. Von da an hatten die Gastronomen reichlich Auswahl an willfährigen und vor allem billigeren Arbeitskräften. Ich war also gezwungen dem Staat weiterhin Konkurrenz zu machen, indem ich die viel billigeren „Markstücke“ in Umlauf brachte.

So verein­barte ich dann mit dem Ex-Konsul …

In den großen Sommerferien hatte ich eigentlich für meinen Sohn geplant, dass er etwa vier Wochen in der Nähe von London verbringen sollte. Bei einer meiner Reisen dorthin war ich dem ehemaligen englischen Konsul aus Hannover begegnet, den ich lange Zeit als Gast betreut hatte. Meine Lebenserfahrung hatte mir die Erkenntnis gebracht, dass man besser durchs Leben kam, wenn man Fremdsprachen beherrschte. Und genau daran haperte es bei meinem Sohn. So verein­barte ich dann mit dem Ex-Konsul, dass mein Sohn die Ferien dazu nutzen sollte, direkt vor Ort ins Englische eingeführt werden sollte. Hatte der Konsul doch selbst zwei Söhne im Alter meines Sohnes. So hoffte ich, dass Sascha, würde er täglich von morgens bis abends mit der englischen Familie zusammen sein, seine Englischkenntnisse enorm verbessern könnte. Doch Sohnemann wehrte sich mit Händen und Füßen gegen mein Vorhaben, als ich ihm eröffnete, was ich mit ihm vorhatte. Er fuhr lieber mit mir und Helga in den Ferien in die Ex-DDR. Ich wollte zum einen die Kinder und Kindeskinder meiner Schwester kennenlernen, zum anderen all die Städte in Ost­deutsch­land besuchen, wo ich während meiner Heimkarriere herumgekommen war. Ich schrieb ja bereits zu Beginn, dass wir unter anderem auch in Dönschten, meinem letzten Heimaufenthalt, einen Abstecher machten. An dieser Rundreise beteiligte sich mein Sohn allerdings nicht. Er blieb lieber in Eisenhüttenstadt, wo er sich in ein süßes Mädchen verliebt hatte und somit einen besseren Zeitvertreib hatte.

Eines Abends war ein großer Teil des Familienclans meiner Schwester zusammen mit meiner Braut, meinem Sohn und mir zu einem Tanzvergnügen in Eisenhüttenstadt zusammen gekommen. Mein Sohn mit seinen noch nicht einmal 16 Jahren war noch nicht so sehr an Alkohol gewöhnt. Ein paar Wodka O-Saft und ich erfuhr endlich die Wahrheit darüber, warum er sich so sehr gegen den vierwöchigen Aufenthalt in England gesträubt hatte. War er doch einige Male in meiner Begleitung mit in London gewesen, hatte die englische Küche kennengelernt. Zwei-Drei Tage konnte man ja noch mit Kentucky Fried Chicken überbrücken. Aber vier Wochen an einem Stück?

Ein Nostalgiebesuch in der Ex-DDR – ergibt ein neues Projekt

Von Mitte Juli bis Mitte August bereiste ich einige Städte in der Ex-DDR, wo ich mich etwas länger aufgehalten hatte, wobei sich so mancher dicker Kloß in meinem Hals festsetzte, als ich den Zerfall erkennen musste, den der Zahn der Zeit bewirkt hatte. So waren zum Beispiel in der Straße in Leipzig, wo wir gewohnt hatten, viele Türen und Fenster in den Häusern mit Brettern vernagelt, weil die Häuser inzwischen unbewohnbar geworden waren. Der sozialistische Staat war nicht in der Lage gewesen, die Häuser zu renovieren. Für kilometerlange Betonmauern quer durch Deutschland hatte der Staat genügend Material, nur nicht für die Hausrenovierung. Ich fragte mich auch, wo nur die ganzen hochnäsigen VOPOS abgeblieben waren, die uns Westdeutschen beim Grenzüber­gang immer so von oben herabbehandelt hatten. Wenige Monate nach der Grenzöffnung schon standen mehr Autos aus dem ehemals dekadenten Westen auf der Straße als in einer Garage. Das lag wohl daran, dass die Garagen, eigentlich für den Trabi[2] konzipiert, für richtige Autos viel zu klein waren. Die Fahrbahnen der Autobahnen und Landstraßen dagegen waren ganz auf die hartbeingen Ostautos zugeschnitten. Elf Jahre später wünschte ich mir manchmal, wir in Westdeutschland hätten so schöne neue Straßen, wie denen von unserem Solizuschlag inzwischen gebaut worden waren. Zudem hatten viele Ossis noch den Vorteil, sich viel billiger den Tank zu füllen und gleich noch dem deutschen Staat die Zigarettensteuer vorzuenthalten. Die paar Prozent weniger Lohn, die sie bekamen und sich furchtbar darüber aufregten, holten sie sich in grenznahen Gebieten doppelt und dreifach wieder raus. Wenn ich mir so den Leipziger Hauptbahnhof, die Mädlerpassage und und und …. anschaue, kaum noch ein Wiedererkennungswert aus meiner dort verbrachten Kinderzeit. Bei euch Ossis fällt mir immer wieder die Fabel von dem Fuchs ein, der nicht an die Weintrauben kommen konnte und dann so tat als würde er sich gar nicht dafür interessieren, nachdem er von einem Vogel deswegen verspottet wurde.[3] Neidvoll habt ihr im West­fernsehen sehen müssen, wie gut es uns doch ging. Ihr habt aber dann doch auf Parteiver­sammlungen den kapitalistischen Westen als Kriegstreiber verdammt. Und dann ging es euch gar nicht schnell genug, Anschluss an deren Lebensstil zu bekommen, nachdem sich die Helden von Leipzig immer wieder mutig gezeigt hatten und die Wende ins Rollen brachten. Bei meiner letzten Verurteilung zu sieben Jahren Gefängnis begründete der Staatsanwalt die hohe Strafe damit, dass es nicht angehen könnte, dass jetzt, kaum nach der Wende, westdeutsche Gangster den Osten aus­rauben würden. Ja, wer war es denn, der, kaum waren die Grenzen offen, den Osten ausraubte? Die westdeutschen Vertreter waren es, die wie die Heuschrecken im Osten ausschwärmten, den Unwissenden alle möglichen Verträge aufschwatzten, so manchen Ossi in die Schuldenfalle lockten. Aber vor allen Dingen waren es die Banken, die sich flächendeckend breit machten. Kundenfang war ihre Devise. Allenthalben wurden Container oder Busse auf freien Plätzen platziert, um neue Kunden zu werben. Lieber Herr Staatsanwalt! Nicht die armen Ossis haben wir ausgeraubt! Es war eine westdeutsche, genauer gesagt, es war die Dresdner Bank! Die einzige Gemeinsamkeit, die die Bank mit dem Namen Dresden verband, war der Name. Ansonsten eine der größten Banken aus dem Westen, die sich in Eisenhüttenstadt, wie in vielen anderen Oststäd­ten ganz schnell etabliert hatte. Immerhin gab es im Osten Deutschlands an die 17 Millionen potentielle Kunden, die es zu melken galt. Ich werde Ihnen im Laufe der Zeit noch einige Merk­würdigkeiten über diese Bank im Speziellen zu berichten haben.

Ich weiß, ich bin etwas vom Thema abgewichen. Aber man wird ja wohl noch seine Meinung zu verschiedenen Dingen äußern können oder? Ansichten oder Einsichten müssen aber nicht unbedingt objektiv sein. Na gut, ich zeigte nach meiner letzten Verurteilung nicht unbedingt die nötige Einsicht. Ich will mich ja auch gar nicht darüber beschweren, dass ich im Knast gelandet bin. Wieder einmal! Was sagte meine Mutter immer wieder? Wer nicht hören will muss fühlen!

Also, die vier Wochen Urlaub bei/mit meiner Schwester waren nicht nur erholsam, wie ich geschildert habe. Meine Kindheit hatte mich wieder eingeholt. Dafür dass mir russische Soldaten nach dem Kriegsende in Königsberg zum Teil das Überleben ermöglicht hatten, mir allerdings eher deren vorgesetzte Offiziere wegen ihres viel höheren Solds auch später noch in Leipzig so manche Mark in die Tasche gespült hatten, konnte ich mich während des Urlaubs revanchieren. In der Stadtmitte von Frankfurt/Oder hatte sich ein Markt etabliert. Nicht nur dass die langsam pleitegehenden landwirtschaftlichen Produktionsgenos­senschaften schon begannen ihre Produkte selbst an den Mann zu bringen, mischten sich auch viele fliegende Händler aus dem Westen unter die Einheimischen. So stand da unter anderem ein Lastwagen, voll gepackt mit Kartons …

 

Vierunddreißigstes Kapitel

Nie wieder London – das Ende eines schönen Geschäfts

… voll gepackt mit Kartons … Billigen Elektroplunder, wie z.B. Kofferradios, priesen sie den noch Ahnungslosen an. Und es wurde gekauft! Unter der kaufwilligen Menschenmenge sah ich zwei Uniformen, die ich nur zu gut kannte. Es waren Soldaten der ruhmreichen Sowjetarmee. Ich begab mich in ihre Nähe, weil ich mal wieder vertraute russische Worte hören wollte. Kannte ich das nicht aus meiner armen Kindheit? Etwas zu begehren, sich aber nicht leisten zu können? Hatte ich mir nicht so sehr ein Fahrrad gewünscht, was mir meine Mutter aber von ihrem Verdienst niemals hätte kaufen können?

Hier nun bekam ich mit, dass die beiden Soldaten, selbst wenn sie ihr Geld zusammen­legten, sich kein begehrtes Kofferradio leisten konnten. Bei dem Verhandlungsversuch mit dem Verkäufer ging dieser nicht die acht fehlenden Mark herunter. Jetzt schlug die Stunde meiner Wiedergutmachung. Ich reichte dem Verkäufer die von ihm verlangte Summe hin, ließ mir das Kofferradio von der Ladefläche herunterreichen. Mich machten die paar Mark nicht arm. Stand doch das Porträt der englischen Königin auf den 5-Pence Münzen für weiteren Nachschub. Dachte ich zu dem Zeitpunkt noch! Ich hatte lediglich Angst, dass mir mangels Übung die richtigen Worte in Russisch nicht einfallen konnten, als ich den Soldaten das Gerät überreichte. Ich kann nicht sagen, was die beiden jungen Männer in Uniform mehr überraschte. Mein gutes Russisch oder aber die Tatsache, dass da ein wildfremder Deutscher ihnen ein Kofferradio schenken wollte. Doch bevor sie zugriffen, mein Geschenk annahmen, wollten sie einige Fragen beantwortet haben. Ich dachte gar nicht daran inmitten der gaffenden Menge Rede und Antwort zu stehen. Zumal anzuneh­men war, dass einige von der Schule her alles verstehen konnten. Deshalb lud ich sie, nein, nicht zum Kaffee, sondern auf einen Wodka ein. In einem nahen Café erzählte ich ihnen meine Geschichte was Kaliningrad/Königsberg betraf. Stellvertretend für ihre Landsleute, die uns in Königsberg geholfen hatten, wo unter Umständen vielleicht sogar einer ihrer Väter oder andere Verwandte gewesen seien, wollte ich etwas davon zurück­geben. Ich hoffe nur, dass ich den beiden keine Schwierigkeiten bereitet habe. Denn als wir uns später verabschiedeten, waren die beiden nicht mehr ganz alleine. Bei einem Wodka war es nämlich nicht geblieben. Ich jedenfalls sah danach alles doppelt. Aber ich bin ja auch kein trinkfester Russe.

Hätte ich damals schon geahnt zu welchem Vorteil sich die Ex DDR herausputzen würde, wäre ich wohl mit weniger gemischten Gefühlen wieder zurück nach Hannover gefahren. In den knapp zwei Jahren hatte ich aus der „Sperrmüllwohnung“ von Helga eine Luxuswohnung gemacht. Der Passat lief auf ihren Namen. Man konnte ja nie wissen. Als Arbeitslosenhilfeempfänger konnte ich mir solch ein Auto jedenfalls nicht leisten. Auch ihr Schuldenkonto war fast getilgt. Mein Sohn bekam mit seinen 14-15 Jahren schon 120 Mark Taschengeld im Monat, ein Sparbuch, wo ich monatlich etwas extra einzahlte, damit er zu seinem 16ten Geburtstag ein Moped vor die Türe stehen hatte. Ich hatte auch einen Verein gegründet, der ganz ordentlich beim Gericht als EV geführt wurde. Doch als ich aus dem Urlaub zurück kam, hatte mein Partner das Türschloss ausgewechselt und aus dem Büro einen Pornoschuppen gemacht. Obwohl ich das Ganze finanziert hatte. Mein erster Geschäftspartner der sich mir gegenüber als Betrüger entpuppte. Er war eine Bekannt­schaft aus der letzten gemeinsam verbrachten Knastzeit. Ich wußte damals allerdings nicht, dass er wegen Betruges saß. Nach der Entlassung trafen wir uns zufällig wieder. Er hatte eine Geschäftsidee, ich das nötige Kleingeld. Das verlorene Geld konnte ich ja noch verkraften, aber nicht die Tatsache einem Betrüger aufgesessen zu sein. Ich hatte einem Leidensgenossen aus dem Knast ermöglicht wieder auf die Beine zu kommen. Dass er mich trickreich ausgebootet hatte, verzieh ich ihm natürlich nicht. Obwohl ich oft gesagt hatte, ich gönne meinem Feind nicht die Erfahrung, Jahre seines Lebens im Knast zu verbringen, ergab sich dann die Möglichkeit ganz von selbst, dass ich ihm eine Kochlehre im gleichen Gefängnis verschaffte, wo wir uns kennengelernt hatten. Er fragt sich rück­blickend noch heute, wie er an die drei Jahre Knast gekommen ist. Dabei half es ihm auch nicht, dass er inzwischen eine Schwarze aus Ghana geheiratet hatte und deren Namen Nguwo angenommen hatte. Ganz im Gegenteil! Das sprach vor Gericht eher gegen ihn, nachdem ich meine Aussage vor Gericht gemacht hatte. Aber der Reihe nach!

Wir kommen also zurück aus der Ex DDR, ich erhole mich von den Eindrücken, die ich dort gesammelt habe und bereite meine nächste Reise nach London vor. Helga nimmt sich ihren monatlichen Haushaltstag und einen zusätzlichen Urlaubstag. Wir machen uns auf den Weg nach London. Mein Bargeldbestand war auf knappe 6000 Mark zusammen­geschrumpft. Als „reicher“ Wessi hatte ich während der vier Wochen im Osten natürlich nicht auf den Pfennig geguckt. Ich erinnere mich, dass meine Schwester ziemlich entsetzt die Speisekarte beiseite legte, als sie einen Blick hineingeworfen hatte. Wir waren in Dresden, hatten uns den Zwinger ansehen wollen, den ich in der Kindheit nur von außen bewundern durfte, 1990 aber auch nicht richtig besuchen konnte, weil dort allenthalben alles renoviert wurde. Meine Schwester nörgelte, dass sie Hunger hätte und es wegen ihrer Zuckerkrankheit an der Zeit wäre, etwas zu essen. Wir gingen also in das nächstgelegene Restaurant. Das Restaurant gehörte zur Semperoper. Das Restaurant war sehr gediegen. Die Preise aber auch. Meine Schwester als normale Arbeiterin war die Ostpreise gewohnt. Beim Anblick der Preise im besagten Restaurant verging ihr aber der Appetit. Es bedurfte schon einiger Überredungskunst sie dann doch noch zu bewegen etwas für ihre Gesundheit zu tun.

Ade London. Du wirst mich nie wieder sehen

Mit Helga fahre ich also nach Zeebrügge, um dort die Fähre nach Dover zu nehmen. Sofern man Glück hatte, konnte man auf dem Schiff eine Schlafkabine buchen. Das bedeutete, dass wir noch gut drei Stunden schlafen konnten bevor wir England erreichten. Kurz nach Verlassen des Hafens wurden die Bars, die Restaurants und der Duty Free Shop geöffnet. Wie immer ging ich an eine Bar, um mir meinen Schlaftrunk zu genehmigen. Ein Pint Guinness und ein Malt Whisky. Machte zusammen 95 Pence. Auf mein Poundstück bekam ich deshalb schon immer eine Mark, Entschuldigung, ein 5-Pence Stück als Wechselgeld zurück. So auch diesmal wieder. „Oh, what is that?“, fragte ich erstaunt den Barkeeper. „That ist the new 5-Pence Piece!“ bekam ich zur Antwort. Einwandfrei. Die Zahl wies aus, dass es 5 Pence waren. Doch eher so groß wie unsere Pfennigstücke und nicht zu vergleichen mit einem Markstück. Ach so. England war anscheinend dabei, seine noch nicht einmal Herstellungskosten deckenden 5-Pence Münzen aus dem Verkehr zu ziehen. Dachte ich!

Allerdings kratzte das schon an meinen Nerven. Ich schickte Helga in das Selbstbedie­nungs­restaurant. Sie sollte dort etwas holen wo 5 Pence am Ende herauskommen musste und sie somit einen 5er zurückbekommen müsste. Auch sie brachte so eine mickrige Münze zurück, wie ich sie schon an der Bar erhalten hatte. Den dritten Versuch startete ich im Duty Free Shop. Aber auch dort gab es nichts anderes als eine Light Version der 5-Pence Münzen. Na gut, dann wird sich die Fähre schon ausschließlich mit den neuen Münzen eingedeckt haben. Noch war ich nicht wirklich beunruhigt. Ich vermied es schon nach meiner ersten Autoreise in Holland zu tanken, weil der Sprit doch um einiges teurer als in Deutschland, auch wie in England war. Vor der Autobahnauffahrt nach London pflegte ich jedesmal zu tanken. Ich achtete peinlich genau darauf, dass die Uhr bei 19,95 stehen blieb, zahlte mit einem 20 Pfund Schein. Heraus bekam ich für mich völlig wertlose 5 Pence. Jetzt begann ich aber doch nachdenklich zu werden. Es konnte doch aber nicht sein, dass sämtliche alten 5-Pence Münzen mit einem Schlag aus dem Verkehr gezogen worden waren. Über 100 Kilometer noch bis nach London. Bei meinen vorherigen Reisen hatte ich mir nie die Mühe gemacht schon in den Vorstädten von London anzuhalten, um das Geld zu wechseln. Diesmal jedoch wollte ich mir das Verkehrsgewühl in der Londoner City als Festlandeuropäer ersparen, falls das eintraf, was ich befürchtete. Und richtig! Nachdem ich auch beim Besuch der ersten drei Banken immer wieder diese reduzierten Geldstücke ausgehändigt bekam, gab ich es auf. In der vierten Bank tauschte ich das Ganze wieder in Scheine ein und trat die Rückreise an. Ade London. Du wirst mich nie wieder sehen. Sämtliche Sehenswürdigkeiten, die London zu bieten hatte, hatte ich bei meinen vielen Reisen besucht.

Im Sommer 1986 war ich gerade auf dem Weg von meiner Pension zu dem Café an der Viktoria Station, um mir ein genießbares Frühstück zu gönnen, da war dorthin kaum noch ein Durchkom­men. Eine riesige Menschenmenge verstopfte den Weg. In Paradeuniformen saßen Reiter auf ihren herausgeputzten Pferden, sperrten den Bahnhof ab. Ich fragte einen Bobby nach dem Grund dieser Parade. An meinem Dialekt hatte er sofort gemerkt, dass ich Deutscher sein müsse. Deshalb fragte er mich ganz erstaunt: „Wie? Das wissen Sie nicht? Heute kommt doch zum ersten Mal Ihr Bun­despräsident unsere Queen besuchen.“ So reihte ich mich also in die wartenden Gaffer ein und wartete geduldig auf dieses Ereignis. Etwas mulmig war mir dabei allerdings schon. Was, wenn einer der vielen Scharfschützen, die überall verteilt Fenster und Dächer bevölkerten, einen nervösen Finger hatte, während ich mir eine Zigarette ansteckte? Mein Verlangen nach einer heißen Tasse Kaffee wurde einer Geduldsprobe unterzogen. Viel später als es im Programm stand ging es dann aber doch los. Zur Belohnung für mein Ausharren bekam ich dann die komplette Königsfamilie, nebst unserem Bundespräsidenten von Weizsäcker aus höchstens sechs Metern Entfernung zu sehen. Das Wetter spielte mit. In offenen Kaleschen von Pferden gezogen war jedes Familien­mitglied für mich ganz deutlich zu erkennen. So kann ich mich glücklich schätzen, Lady Di aus nächster Nähe leibhaftig gesehen zu haben.

Nun war Schluss mit lustig und dem lukrativen Nebeneinkommen.

Bei meiner letzten Rückfahrt von London nach Hannover jedoch war ich so gar nicht glücklich. War doch nun Schluss mit lustig und dem lukrativen Nebeneinkommen. Während der Überfahrt schon zermarterte ich mein bisschen Hirn nach einem Neuanfang. Ich dachte an Schweden. Da es in Deutschland noch keine Zigarettenautomaten gab, die 5-Markstücke schluckten, mir aber nur Geldspielautomaten hätten etwas einbringen können, verwarf ich diese Möglichkeit schnell wieder. Die Spielhallen hatten zuviel Aufsichtspersonal und dazu zum großen Teil auch schon Video­über­wachung. Viel zu gefährlich für meinen Geschmack. Ich hatte auch schon von einer vertrauens­seligen Spielhallenaufsicht gehört, dass es welche gab, die Zweimarkstücke an einer superdünnen Angelschnur befestigten, den genauen Punkt ausgetüftelt hatten, wo sie einen Knoten reinmachen mussten, so dass der Kontakt ausgelöst wurde, der die Guthabenleiste hochzählte. Diese Tatsache war natürlich sehr intern und geheim, weil man Nachahmungstäter fürchtete, bekam die Presse erstmal Wind davon. Ebenso hielt man meine 5-Pence Stücke schön unter der Decke. Eine einzige Spielhallenangestellte hatte mal die Polizei gerufen, als ich bei ihr in Verdacht geriet, mit falschen Münzen zu operieren. Doch da hatte sie ganz schön ins Fettnäpfchen getreten. Sie wurde von ihrem Chef gefeuert. Ich wurde zwar nicht erwischt, gab aber vorsichtshalber bei der polizeilichen Vernehmung die Spielhalle an, wo ich in Verdacht geraten war. Dazu meinte allerdings der Richter: Diesen Fall wolle er erst gar nicht zum Gegenstand der Verhandlung machen, weil ihm die Geld­spielautomaten suspekt seien. Im Gegensatz zu den Zigaretten, die die Gesundheit der Raucher schädigten, hätten Geldspielautomaten schon so manchen Menschen in die Schuldenfalle gelockt, was eine neue Kriminalität zur Folge hätte. Die ÜSTRA hatte am schnellsten reagiert. Ihre Auto­maten kostenaufwendig mit neuen Münzprüfern ausgestattet. Danach kam auch gleich die Bundespost. Die Briefmarkenautomaten mochten dann auch schon bald keine 5-Pence Münzen mehr annehmen. Und die meist daneben angebrachten Wechselautomaten ebenso. Dann wurde es auch immer schwieriger, die Telefonzellen damit zu überlisten. Also hatte auch die Post ihre Hausaufgaben gemacht. Es kam noch hinzu, dass die Geldspielautomaten mit immer mehr Raffinesse ausgestattet wurden. So kam es immer häufiger vor, dass die Automaten zunächst zwar noch das Geld wechselten, dann aber plötzlich tauchte auf dem Display das Wort FOULT auf oder es ging sogar eine Sirene los. Andere wieder hatten eine rote Lampe auf dem Automaten ange­bracht, die mit lautem Getöse wie ein Feuerwehrwagen blinkend anzeigte, dass da etwas nicht mit rechten Dingen zuging. Also nein, den Stress mit nur einer Möglichkeit die 5-Oere Stücke aus Schweden in DM zu verwandeln wollte ich mir nicht antun. Dass ich nicht gerade sehr gesprächig war während der Rückfahrt kann sich wohl jeder denken, der schon mal mit seinen Gedanken beschäftigt war.

Wer sagt denn, dass ein Knastaufenthalt nicht manchmal auch zu etwas Nütze sein kann. Allerdings nur bedingt! Man kann während so einem Aufenthalt so einiges lernen. Wenn man nur die Ohren aufhielt. Was man dort lernen konnte, ging allerdings nicht immer konform mit den Wertvorstel­lungen unserer Gesellschaft. Aber die Gesellschaft schrie doch geradezu nach noch mehr Gefäng­nissen und längeren Strafen. In diesem Zusammenhang taucht bei mir die Frage auf, wohin mit all den Gefangenen? Laut Statistik werden jedes Jahr etwa fünfeinhalb Millionen Straftaten begangen. 55% davon werden aufgeklärt! Dabei werde ich aber stutzig. Stutzig deswegen, weil wir in ganz Deutschland gerade mal so um die 75 Tausend Haftplätze zur Verfügung haben. Bedenkt man dabei noch, dass ein zu lebenslang Verurteilter seinen Haftplatz so um die zwanzig Jahre lang blockiert und viele andere, so wie ich z.B. eine Zelle für 10 Jahre in Anspruch nehmen, dann sollte man doch wirklich darüber nachdenken, was solch eine Statistik für einen Wert hat. Die JVA Celle in Niedersachsen kann ca. 250 Gefangenen Platz bieten. Dafür kommen dort auch nur Schwer- und Schwerstverbrecher unter, die mehr als acht Jahre vor der Brust haben. Der überwiegende Teil allerdings davon ist zu LL verdonnert. Mordfälle werden ja angeblich zu über 90% aufgeklärt. Wo bloß sitzen all die Mörder ihre Strafen ab? Liest man nicht täglich in der Zeitung von einem neuen Mordfall? Bevor ich mich aber nun weiter darüber auslasse, um ein paar Ungereimtheiten aufzuklären, die man uns weiß zu machen versucht, will ich lieber mit meinem Un-Leben fortfahren.

Unser Fährschiff hatte inzwischen in Oostende angelegt, da begann ein neuer Plan in mir zu reifen. Sagte ich nicht, dass ich im Knast etwas dazu gelernt hatte? Zwar hatte ich nie genau hingehört, wenn über gewisse Themen gesprochen wurde, hatte ich doch meine eigene Masche mir ein Zubrot zu verdienen, so wünschte ich mir jetzt bei meinen Überlegungen ich hätte besser zugehört.

Das relativ kleine Belgien war schnell durchquert, wir näherten uns der Holländischen Grenze.

Fußnoten

[1] Ergänzung: Dierk Schäfer

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Trabant_(Pkw)

[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Fuchs_und_die_Trauben + http://www.zeno.org/Literatur/M/La+Fontaine,+Jean+de/Versfabeln/Fabeln/Der+Fuchs+und+die+Trauben

Inhaltsverzeichnis _Inhaltsverzeichnis

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XXII

logo-moabit-kDieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit, die keine Kindheit war

Zweiundzwanzigstes Kapitel

Der „Goldene Westen“: Vom Grenzschutz beschossen – vom Vater abgeschoben

 

Wie im Großen und Ganzen die ersten 15 Jahre vom Rest meines Lebens verlaufen sind haben Sie ja nun mitverfolgen können. Dabei konnte man ja schon herauslesen, dass ich es dann letztendlich doch geschafft habe in den „Goldenen Westen“ zu flüchten. Dazwischen gab es aber noch eine Begebenheit, die mir die hiesigen, sprich westdeutschen Behörden nicht so recht abnehmen wollten.

Ich meine aber, dass diese Episode hier noch Platz finden sollte. Wir waren wieder mal zu viert aus dem Heim ausgerissen und hatten uns einen Plan erarbeitet, wie es uns doch noch gelingen könnte in die BRD zu gelangen. Dass wir es schon einige Male versucht hatten, aus der Deutschen Diktatorischen Republik (DDR) zu entkommen, habe ich ja bereits geschildert. Im Mai 1955 hatten wir uns wieder mal bis an die Zonengrenze, genauer gesagt bis nach Haldensleben[1] durch­geschlagen. Gut getarnt versteckten wir uns in einem Wäldchen nahe an dem frisch gepflügten und geeggten Grenzstreifen zwischen DDR und BRD. Nach etwa 30 Stunden hatten wir den Rhyth­mus, der dort patrouillierenden Grenzwache ausgekundschaftet. Im 20 Minuten Abstand passierten die beiden Grenzsoldaten unser Versteck. Der Muttertag in Deutschland war schon zwei Stunden alt, da glaubten wir es wagen zu können. Vor uns in greifbarer Nähe lag die damals noch nicht mit Zäunen oder gar Mauern abgegrenzte Freiheit. Vermeintliche Freiheit.

„Kinder haben hier nichts zu suchen!“

Mit reichlich Adrenalin im Blut und flinken Beinen verließen wir unser Versteck und nahmen Anlauf, den schmalen Grenzstreifen zu überbrücken. Wir hatten höchstens noch 30 Meter bis zum west­deutschem Gebiet, da standen wir urplötzlich im gleißenden Scheinwerferlicht und ein sehr reso­lutes „Halt! Stehen bleiben!“ ließ uns das Blut in den Adern gefrieren, was natürlich unsere Beinmuskulatur lähmte. „He, Jungs, was macht ihr den da? Ihr seid doch noch Kinder!“, hatten sich die Bundesgrenzschützer schnell gefasst, als sie im Licht des Scheinwerfers erkannt hatten, wen sie da vor sich hatten. „Los! Nun aber zurück dorthin, wo ihr hergekommen seid. Kinder haben hier nichts zu suchen!“ kam es mit befehlsgewohnter Stimme ganz deutlich bei uns an. „Hallo, ich will doch zu meinem Vater, der in der Nähe von Stade wohnt!“ rief ich verzwei­felt zurück. „Quatsch! Zurück! Marsch, Marsch!“ war die Antwort. Sicherlich waren die ost­deutschen Grenz­bewacher schon auf den alles durchdringenden Scheinwerfer aufmerksam geworden und auf dem Weg dorthin. „Kommt Jungs, erstmal drüben klärt sich das schon auf!“ ermunterte ich die anderen drei zum Endspurt anzusetzen. Aber kaum hatten wir uns in Bewegung gesetzt, sahen wir nur noch Blitze und hörten die Abschüsse der Kugeln, die um unsere Ohren pfiffen. Eine davon streifte mein rechtes Knie, die Narbe davon trage ich wohl bis zu meinem Tode mit mir herum! Und Peter H. konnte auch noch Jahre danach seinen Hals nicht so bewegen wie er wollte. Denn seine rechte Halsseite streifte eine westdeutsche Kugel. Na, da hatten wir endlich begriffen, dass wir wirklich nicht in Westdeutschland er­wünscht waren. Den nur um maximal zwei Millimeter daneben­gegangene Streifschuss, der dann mein Knie zerschmettert hätte, nahm ich zu dem Zeitpunkt noch gar nicht wahr. Wie auch? Waren wir doch mit Adrenalin vollgepumpt. Dieser Kick verschärfte sich noch da­durch, dass nun auch noch Taschenlampen von der Ostseite auf uns gerichtet waren. In West­deutschland waren wir nicht erwünscht, desto mehr freuten sich die auf der Ostseite über ihr Erfolgserlebnis. Später auf der Wache hörte es sich dann so an, als ob die beiden ganz alleine unsere Flucht vereitelt hätten. Wer hörte da schon auf so ein paar Rotzjungen die ihre Schuss­verletzungen als Beweis für ihre Version vorwiesen. Diese Verletzungen hätten wir uns höchstwahr­scheinlich im Wald oder sonst wo selbst zugefügt, hieß es.

1956, als es darum ging in Westdeutschland Papiere zu erhalten zum Nachweis, dass man am Leben war, trug ich diese Begebenheit bei der Behörde vor. Ich solle nur nicht versuchen mich mit einer erfundenen Geschichte interessant zu machen. Das könne ganz schön nach hinten losgehen, mir eine Anzeige einbringen, wurde ich abgewimmelt. Knapp vier Jahre später, als ich voll in Westdeutschland integriert war, durfte ich sogar zur Bundeswehr und zur Not mit der Waffe in der Hand die bösen Kommunisten totschießen, wenn es nötig werden würde. Ausgerechnet während der Zeit, wo ich selbst lernte mit einer scharfen Waffe umzugehen, wurde die Angelegenheit mit dem Streifschuss noch mal aufgegriffen. Meinem Ausbilder war während einer Sportstunde die schlecht vernarbte Wunde an meinem rechten Knie aufge­fal­len. Er fragte nach dem Ursprung und ob es mich auch nicht behindern würde. Endlich hörte mir mal jemand wirklich interessiert zu. Mein Ausbilder war nämlich, welch ein Zufall, bevor er zum Bund ging selbst beim Grenzschutz. Nicht dass er jetzt in die gleiche Kerbe geschla­gen hätte wie die vorherigen Beamten, denen ich die Geschichte vorgetragen hatte. Ganz im Gegenteil. Er hatte immer noch ein paar ehemalige Freunde beim Grenzschutz und wollte ver­suchen der Sache nachzugehen. Er erklärte mir sogar, wie er dabei vorgehen wollte. Jeder Grenz­schützer, bekam bei Dienstbeginn eine eingetragene Waffe mit der dazugehörigen, abge­zählten Munition. All das musste bei Dienstschluss auch wieder vollzählig abgeliefert werden. Fehlten nun aber Patronen bei der Rückgabe, war darüber ein Proto­koll anzufertigen wann, wo, warum die Munition verbraucht wurde. Auf diesem Wege begann er seine Nach­forschungen. Aber siehe da, ausgerechnet von der Nacht zum Muttertag 1955 existierte kein Protokoll. Na ja, so etwas hängt man nirgends an die große Glocke, dass man auf Kinder geschossen hatte. Sowas wird gerne unter den berühmten Teppich gekehrt.

Vier von 18 Geschwistern hatten den Krieg überhaupt in Ostpreußen überlebt.

Dass es mir dann doch noch gelang im gleichen Jahr, nur drei Monate später, in den Westen zu kommen, lag an dem schlauen Geliebten, meiner Mutter der später auch mein Stiefvater wurde. Ich betone, dass er schlau, aber nicht klug war. Schlau, wie er es einfädelte, dass es ihm, meiner Mutter und mir ermöglicht wurde, auf ziemlich legalem Wege in den Westen auszureisen, wo neben meinem Vater ja auch die überlebenden Geschwister meiner Mutter, bis auf eine in Schönebeck, bereits wohnten. Übrigens, vier von 18 Geschwistern hatten den Krieg überhaupt in Ostpreußen überlebt.

Nachdem meine Mutter als mehrfach ausgezeichnete Aktivistin als Trümmerfrau und politisch als unbedarft eingestuft worden war, durfte sie jedes Jahr ihre Geschwister in Westdeutschland besu­chen. Diese Tatsache machte sich mein schlauer Stiefvater-in-spe zu nutze. Er schlug meiner Mutter vor, für die im August 1955 anstehende Reise in den Westen für ihren minderjährigen Sohn gleich mit einem Antrag zu stellen. So was war möglich, da Kinder, die noch zur Schule gingen, mit im Ausweis des Erziehungsberechtigten eingetragen waren. Da die ausstellende Behörde ja nicht wissen konnte, dass der Ableger meiner Mutter eigentlich in einem Heim für Schwererziehbare untergebracht war, bekam sie auch für mich das benötigte Papier. Das passte auch von der Zeit sehr gut. Waren doch im August die großen Ferien in der DDR. So fiel es niemanden auf, das heißt, bis zum Tag unserer Abreise.

Wie immer, wenn ich wieder mal auf Trebe war, besorgte ich mir auf bekannte Weise, nämlich bei den Russen, das nötige Kleingeld. An dem Tag, wo sich unser Leben ändern sollte, war ich sehr gut mit Ostmark bestückt. Obwohl der einzige Zug gen Westen erst am frühen Abend vom Haupt­bahn­hof Leipzig abfahren würde, waren wir schon sehr früh vom Reisefieber gepackt. Keiner hatte mehr an Gepäck bei sich, als man unbedingt brauchte. Gut durchdacht von Willy meinem Stief­vater. Denn an der Grenze in Marienborn hatten wir ein älteres Ehepaar weniger in unserem Zug­abteil. Die hatten doch gleich zweimal komplettes Federbettzeug mit in den „Urlaub“ nehmen wol­len. Wir verließen schon am Vormittag mit relativ leichtem Gepäck die Lilienstrasse in Leipzig-Reud­nitz. Wissend dass meine reichlich vorhandenen Ostmark im Westen nur einen Dreck wert waren (kannte ich ja von unserem Berlin Ausflug!), ließ ich mir von einem Coiffeur eine schicke Wasserwelle legen, wir gingen wir nochmal in Auerbachskeller chic essen und am Nachmittag auch noch in ein Café. Eine innere Unruhe ließ mich den Vorschlag unterbreiten, dass wir doch mit einem Taxi nach Halle/Saale fahren sollten und dort in den Zug einsteigen sollten. Meine beiden erwachsenen Begleiter ließen sich sogar darauf ein. Meine Vorahnung, wie sich später heraus­stellte, war völlig berechtigt. Während wir in Halle im Wartesaal auf unseren Zug warteten, kam eine Durchsage. Der Zug aus Leipzig über Halle, Magdeburg, Hannover nach Köln hätte voraus­sichtlich 30 Minuten Verspätung. Zu dem Zeitpunkt ahnte keiner von uns, dass ausgerechnet ich an dieser Verspätung schuld sein sollte. Es war aber so, wie wir später von meiner Schwester erfuh­ren. Gerade an diesem besagten 29. August 1955, ein Tag vor meiner Mutters Geburtstag, war wieder einmal eine Razzia in deren Wohnung angesagt. War doch ihr Sohn schon wieder seit eini­gen Tagen aus dem Heim in Dönschten abgängig, wie das so schön im Beamtendeutsch heißt. Weil man in der Lilienstrasse 22 in Leipzig niemanden antraf, wurde im Vorderhaus nachgefragt. Dort erfuhren die Häscher dann auch, dass Frau Schulz wie jedes Jahr in Urlaub in den Westen fahren würde. Da muss dann wohl bei einem der Beamten was geklingelt haben. Bei der Passstelle nachgefragt erfuhren sie auch noch, dass Frau Schulz ihren minderjährigen Sohn in diesem Jahr zum ersten Mal hatte mit eintragen lassen.

Hatte ich mit der Flucht in den „Goldenen Westen“ wirklich das große Los gezogen?

Da aber nur der eine Zug Richtung Westdeutschland am Abend in Leipzig abfuhr, filzte man diesen natürlich gründlich. Somit war auch die Durchsage wegen der Verspätung in Halle zu erklären. Was da in Leipzig abging, wusste ich zwar nicht, aber dennoch war mir kotzübel. Mein Magen rebellierte wie in den ersten Tagen meines beschriebenen Hungerstreiks im Heim. Eingedenk des­sen, mit wie vielen Hoffnungen ich schon Anläufe genom­men hatte, zu meinem Erzeuger in den Westen zu gelangen, und wie kläglich das schief gegangen war, wollte ich erst an mein Glück glauben, wenn ich die Grenze überfahren hatte. Bloß gut das in Leipzig niemand auf die Idee gekom­men war, in Marienborn anzurufen. Erst nach endlosem Aufenthalt an der Grenze, wo man auch so einige aus dem Zug geholt hatte, wovon nicht alle wieder den Zug bestiegen, und der Zug sich wieder in Bewegung setzte, waren auch schlagartig meine Magenbeschwerden verschwunden.

Aber! Hatte ich wirklich das große Los gezogen? Wären mir im Osten die 17 Jahre Knast erspart geblieben, die ich im Laufe der Zeit danach hier abgesessen habe? Irgendwie wäre ich auch drü­ben nicht so ohne weiteres nach Beendigung der Schule wieder in ein freies Leben entlassen wor­den. Immerhin lag ja noch der Motorradunfall in der Luft, den ich noch hätte sühnen müssen. Und danach? Wäre ich ein guter, angepasster Kommunist geworden? Das Schicksalsbuch wurde jedem Menschen schon bei der Geburt geschrieben.

Zunächst war die Enttäuschung schon mal riesengroß, als ich zum ersten Mal meinem Vater gegen­überstand und ich statt einer väterlichen Umarmung nur ein überraschtes, blödes Gesicht vor mir sah. Und dann war es an mir, ein dummes Gesicht zu machen. An der Bushaltestelle in Ahler­stedt (bei Stade), wo ich am besagten 30 August 1955, einem Samstag (unvergesslich für mich!) meinen Vater erwartete, wovon er allerdings nicht die geringste Ahnung hatte, drängte sich eine fünfjährige Göre zwischen meinen Vater und mich und fragte ganz empört: „Warum sagst du Papa zu meinem Papa, dass ist mein Papa und nicht dein Papa“. (Verstehen Sie jetzt mein dummes Gesicht? Ich hatte doch keinen blassen Schimmer davon, dass ich auch noch eine Halbschwester hatte. Jedenfalls hatte mein Vater in keinem seiner wenigen Briefe an mich etwas davon erwähnt).

Brachte es mein Vater schon nicht übers Herz seinen einzig verbliebenen Sohn in den Arm zu neh­men, so siegte dann doch seine Neugier zu erfahren, wie ich es geschafft hatte, so plötzlich vor ihm zu stehen. Nachdem sich auch meine schwergewichtige Stiefmutter aus der für sie viel zu engen Bustüre gezwängt hatte, wollte er sicherlich eine peinliche Szene an der Dorf-Bushaltestelle vermeiden.

„Na, dann komm mal mit nach Hause, dort erkläre ich dir alles!“ Dabei warf er einen vielsagen­den Blick auf das Mädchen, welches dagegen protestiert hatte, dass ich zu ihrem Papa ebenfalls Papa gesagt hatte. Zu meiner zukünftigen Stiefmutter sagte er nur ganz kurz: „Das ist Dieter!“ Na, zumindest wusste sie darüber Bescheid, dass es mich gab. Auf dem kurzen Weg zu deren Haus schlugen meine Gedanken Purzelbäume. Abgesehen davon, dass ich von der (Nicht)- Begrüßung enttäuscht war, drängte sich Ingrid, meine Halbschwester ganz bewusst zwischen mich und unse­rem Vater, hängte sich an seinen Arm. In diesem Moment fragte ich mich schon, wozu ich eigent­lich solche riskanten Unternehmungen gestartet hatte, um zu meinem Vater zu kommen. Ich konnte bisher nie darüber lachen, wenn ich mal irgendwo das Wort Herzensleid las oder hörte. Es mag Men­schen geben die dieses Wort zu schmalzig finden. Auch ich unterlag manchmal dieser Versuchung. Doch dann fiel mir immer sehr schnell ein, dass ich es ja selbst erfahren hatte. Genau damals mit meinen 15 Lenzen auf dem ersten gemeinsamen Weg mit meinem (?) Vater! Bei meinem ersten Gang zu meines Vaters Haus nahm ich gar nicht so recht wahr, an wie vielen ande­ren Häusern wir vorbei gingen oder gar wie diese beschaffen waren. Die Häuserreihe nahm ein Ende, wir bogen in einen Feldweg ein. Zwischen Kartoffel- und Maisfeldern tauchte dann auch das letzte Haus auf. Schlicht und einfach, aber es war ein Zuhause. Nur sollte es nie das meine werden.

In der Küche Platz nehmend durfte ich zwischen Milch, Hagebuttentee und Kakao wählen. Natür­lich entschied ich mich für eine Tasse Kakao. Neugierig drängte sich die ganze Familie um den Tisch, an dem ich nun mit meinem Vater saß. Wenn ich hier Familie sage, so gehörte neben mei­ner Halbschwester, noch eine Tochter und ein Sohn aus erster Ehe von Monika dazu. Die beiden Kinder, die Tochter ein Jahr jünger als ich, der Sohn ein Jahr älter, begafften mich wie ein seltenes Tier. Mein Vater steckte sich einen billigen Zigarrenstumpen in die Pfeife. Erst als der Rotzkocher zu seiner Zufriedenheit qualmte, zeigte er mit dem Saugrüssel seiner Piepe auf mich und sagte: „Nun erzähl mal!“

Ich erzählte ihm nun wie uns die Flucht aus der DDR gelungen war und wie es der Zufall wollte, lebte genau am anderen Dorfende eine Schwester meiner Mutter, die von ihr jedes Jahr besucht wurde. Bei dem Wort UNS verschluckte sich mein Vater an dem Tabakqualm den er gerade ein­gezogen hatte. Dies übersah ich geflissentlich und fuhr fort zu erzählen. Eben dass meine Tante mir verraten hatte, wo und wann ich meinen Vater mit meiner Anwesenheit überraschen konnte. In so einem kleinen Dorf, weiß jeder von jedem, wann er furzt. So war meiner Tante auch bekannt, dass mein Vater an diesem Samstag mit seiner zukünftigen Frau nach Buxtehude gefahren sei um Ver­lo­bungsgeschenke einzukaufen. Es war auch abzusehen, dass der Vater gegen 14 Uhr mit dem letzt­möglichen Bus wieder in Ahlerstedt eintreffen würde.

So, da war ich also und legte mein weiteres Schicksal in seine Hände. Ohne mich anzusehen beschäf­tigte sich mein Erzeuger ausgiebig mit dem erneuten Ingangsetzen seiner Pfeife und begann dann erst mit einer Erklärung über seine neuen Familienverhältnisse. Dabei holte er etwas weiter aus, bevor er auf den eigentlichen Punkt kam. Dabei erfuhr ich etwas über seine Lebens­geschichte. So erfuhr ich, dass er Obergefreiter bei einer Flakbatterie gewesen sei und kurz vor Kriegsende bei München stationiert gewesen sei. Dort habe er sich noch einen Bauchschuss einge­handelt. Nach einigen Wochen Krankenhausaufenthalt hatten ihn die amerikanischen Besatzer als unbedenklich eingestuft und ihn laufen lassen.Von seinen Ersparnissen hätte er sich ein Pferd samt Wagen angeschafft und sei gegen Norden gezogen, weil er erfahren hatte, dass dort noch Ver­wan­dte (meine Tante) aus Ostpreußen leben würden. Über seine eigene Familie habe er keine Auskünfte erhalten können, so dass er davon ausgehen musste, dass wir den Krieg nicht überlebt hatten. Es habe sich dann so ergeben, dass er in Monika, die Kriegerwitwe geworden war, eine neue Gefährtin gefunden habe. Bei dem rasanten Wiederaufbau in Deutschland habe er auch sehr schnell Arbeit gefunden. Er verdiene sich sein Geld jetzt als Eisenflechter. Allerdings sei er nur jedes zweite Wochenende in Ahlerstedt, da es eine weite Reise sei von seinem derzeitigen Arbeitsplatz. Ich hätte ja großes Glück gehabt, dass er ausgerechnet an diesem Wochenende zu Hause sei.

Oh jemine! – Ich zum Bauern?

Dann ließ er seine Neugierde aber nicht mehr mit seiner Frage, die ihm auf den Nägeln brannte, ruhen. „Du sagtest eingangs, dass es EUCH gelungen sei, hierher zu flüchten. Soll das heißen, dass deine Mutter diesmal nicht nur zu Besuch zu ihrer Schwester gekommen ist wie all die Jahre zuvor?“ Bemerkte ich da etwa ein nervöses Nuckeln an seiner Pfeife, als ich darauf antwortete?

„Genau so ist es. Immerhin hat Mutti es mir mit ihrem Ausweis ermöglicht über die Grenze zu kom­men!“ Ich musste ihm dann noch erklären, wie das genau abgelaufen ist. „Wie soll das nun weiter­gehen?“ fragte er in den Raum hinein. „Du siehst ja, wie viele Personen wir hier sind. Wir leben schon ziemlich beengt. Das Haus gehört der Gemeinde und die obere Etage ist von einer anderen Familie belegt!“ begann er mir den Zahn zu ziehen, falls ich die Hoffnung gehegt hatte bei ihm unter­zukommen. Monika aber dachte zunächst sehr praktisch. „Du musst als erstes bei deiner Firma anrufen und um 2 bis 3 Tage Sonderurlaub nachsuchen. Die werden schon Verständnis für diese Situation haben!“ Vater grummelte sich was in seinen nicht vorhandenen Bart, was soviel hieß: „Ja, dann werde ich wohl gleich am Montag mit ihm nach Stade zum Arbeitsamt fahren müssen. Jetzt in der Erntezeit wird bei den Bauern jede Hand gebraucht!“ Oh jemine! Ich zum Bauern? Waren da nicht richtige, starke Kerle gefragt? Ich, brachte keine 50 Kilo auf die Waage mit meinen gerade mal 155 Zentimetern Körpergröße.

„Aber Vater! Ich habe das Versetzungszeug­nis von der siebten in die achte Klasse in der Tasche. Ich bin doch noch gar nicht mit der Schule fertig!“ – „Für die Arbeit beim Bauern reicht das alle­mal. Und, beim Bauern kriegst du richtig was zu essen und auch Unterkunft zu deinem Lohn. Du bist noch im Wachstum, und auf die Rippen und in die Arme kriegst du dabei auch etwas. Soweit ich zurückdenken kann, sind alle deine Vorfahren irgendwie mit der Landarbeit groß geworden!“ Na, da hatte ich mir ja was eingebrockt.

Nachdem ich noch eine weitere Tasse Kakao getrunken und ein Stück Butterkuchen dazu gegessen hatte, wurde ich zum sonntäglichen Mittagessen eingeladen. Mit verwirrten Gedanken trat ich dann den Weg ans andere Dorfende zu meiner Mutter und Tante an. Obwohl mein Onkel dort einen 120 Morgen großen Bauernhof gepachtet hatte, lebten sie mit ihren vier Kindern auch ziemlich beengt. Gleich drei Besucher überstiegen einfach ihre Bettenkapazitäten. So musste ich mir mit meinem etwa gleichaltrigen Cousin ein Bett teilen. Als ich meiner Mutter darüber Bericht erstattete, wie das Wiedersehen mit meinem Vater abgelaufen war, erkannte ich wie ihre Augen feucht wur­den. Was mein Vater versäumt hatte zu tun, das holte meine Mutter jetzt nach. Sie nahm mich so fest in ihre Arme, das mir die Rippen schmerzten. „Mein Junge, denk daran, was wir schon alles durchgemacht haben. Wir werden auch das überstehen. Kommt Zeit, kommt Rat. Willy und ich können ja auch nicht auf Dauer hier bleiben. Wir haben alle gesunde Hände. Und Arbeit gibt es hier genug!“ tröstete meine Mutter mich.

Fußnote

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Haldensleben

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»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XXI

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Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit,

die keine Kindheit war

Einundzwanzigstes Kapitel

Erwähnte ich schon, dass ich ein cleveres Kerlchen war?

Die Veränderung in meinem Leben begann damit, dass ich in der Folgezeit zum häufigen Schulschwänzer wurde. Die Verlockung war aber auch zu groß, und wurde immer größer. Schnell fand ich heraus, während ich immer noch staunend den riesigen Bahnhof erforschte, dass fast aus jedem ankommenden Zug gleich mehrere russische Offiziere ausstiegen. Manch­mal folgte ich einem von ihnen, konnte mich aber nicht dazu überwinden, ihn so einfach wegen ein paar Groschen anzusprechen. Schließlich verspürte ich nicht den Kohldampf wie zu der Zeit in Königsberg. 1950 war die Not nicht mehr so groß. Es gab allerdings Dinge die sich ein kleiner Junge gerne gewünscht hätte.

Es stellte sich mit der Zeit heraus, dass kaum ein Offizier nach Leipzig kam, der nicht irgend­einen bestimmten Auftrag hatte. Aber so gut wie jeder nahm die Gelegenheit wahr, seinen Auf­trag mit einer Shoppingtour durch Leipzig zu verbinden. Leipzig war immerhin eine Messestadt. Und es hatte sich herumgesprochen, dass im Gegensatz zu den übrigen Provinz­städtchen, wo sie herkamen, in Leipzig Waren zu haben waren, die es dort nicht gab. Das alles wusste ich allerdings natürlich nicht.

Endlich rang ich mich dazu durch, einen recht freundlich aussehenden Offizier anzusprechen. „Onkel hast du vielleicht 20 Pfennige für mich? Ich möchte gerne in den Zirkus gehen!“ Der Offizier sah nicht nur freundlich aus, er war es auch. „Natürlich mein Junge! Wer so gut russisch spricht, soll auch belohnt werden!“ Doch zunächst wollte er wissen wie alt, woher, und vor allem, woher ich so gut russisch sprechen konnte. Ich sagte ihm wahrheitsgemäß, dass ich aus Königsberg, genauer gesagt aus Kaliningrad käme, wo ich mit meiner Mutter und Schwester bis 1949 unter den Russen gelebt hätte. Auf seine Frage, wo denn mein Vater wäre, log ich etwas. Tatsache aber ist, ich wusste es bis zu diesem Zeitpunkt selbst nicht genau. Ich sagte ihm, dass dieser im Krieg gefallen sei. Der Offizier, wohl selbst noch an der Eroberung Deutschlands beteiligt, immerhin war er schon Major, atmete tief durch und strich mit seiner Hand durch mein Haar, fragte mich, was denn der Eintritt in den Zirkus kosten würde. Wahrheitsgemäß nannte ich ihm den billigsten Preis von 55 Pfennigen. „So, da fehlen dir also noch 20 Pfennig?“ fragte er. „Tatsache ist“, blieb ich bei der Wahrheit, „Ich habe keinen Pfennig. Ich werde aber versuchen noch bei anderen um den Rest zu fragen!“ „Brauchst du nicht, Junge!“ Dabei kramte er in seinen Taschen herum und brachte eine Handvoll Alumini­um­geld hervor, wovon man so schöne schwarze Finger bekam, drückte sie mir in die Hand. Mir blieb fast die Luft weg vor Freude und Überraschung.

Am nächsten Tag lernte ich mehr vom Leben, als ich jemals hätte in der Schule hätte lernen können.

Während wir gemeinsam die breite Treppe in Richtung Ostausgang hinunter gingen, fragte er mich nach meinen Zensuren in der Schule aus. Er war regelrecht entsetzt, als ich ihm ganz Stolz z.B. meine Eins im Russischen ansagte. Schließlich stellte sich heraus, dass in Russland die Eins die schlechteste, aber die Fünf die beste Note ist. So lernte ich wieder etwas dazu. Hatte ich doch bis zum 9ten Lebensjahr in Ostpreußen keine Schule von innen gesehen. Noch bevor wir den Taxistand erreichten, fragte er mich, ob ich denn morgen auch hier am Bahnhof sein würde. Er müsste in Leipzig über­nachten und hätte am nächsten Tag vor, noch einige Einkäufe zu tätigen. Er könnte gut einen Führer gebrauchen, der ihm z.B. das russische UNIWERMAG1 und das große HO-Kaufhaus2 zeigen könne. Wir einigten uns darauf, dass ich am nächsten Morgen um 10 Uhr vor dem Hotel „Stadt Leipzig“3, welches ausschließlich für das russische Militär reserviert war, auf ihn warten würde. Scheiß auf Schule. Meine Führung würde mir bestimmt wieder eine Handvoll Aluminiumgeld einbringen. Am nächsten Tag lernte ich mehr vom Leben, als ich jemals hätte in der Schule hätte lernen können.

Vorsichtshalber versteckte ich meinen Schulranzen in der Toreinfahrt zum Hinterhaus, wo wir wohnten. In der Toreinfahrt selbst war ein etwas größerer Vorbau eingelassen. Dieser Vorbau diente als Schornstein für gleich zwei aneinander gebaute Häuser. An dem Schornstein war in der Toreinfahrt eine Klappe angebracht, damit der Schornsteinfeger auch von dort Zugang hatte. Diese Klappe hochschiebend war genügend Platz vorhanden für meinen Pappmaché Schulranzen. Meine Mutter oder meine Schwester sollten, wenn sie vor mir nach Hause kamen, nicht gleich auf dumme Gedanken kommen, dass ich eventuell die Schule schwänzen könnte.

Wegen der Möglichkeit, dass während meiner Abwesenheit der Schornsteinfeger gerade seiner Arbeit nachging, brauchte ich mir keine Sorgen zu machen. Immer wenn der Schorn­steinfeger in unsere Straße kam, stand schon einen Tag vorher draußen auf dem Bürgersteig mit Kreide geschrieben: Morgen kommt der Schornsteinfeger!

Also, kurz nach 10 kam dann auch mein Major aus dem Hotel, der mich schon vom Früh­stücks­zimmer aus auf der anderen Straßenseite gesehen hatte. Das Hotel war direkt hinter dem Bahnhof. Und vom Bahnhof war es nicht allzu weit zum Uniwermag, dem russischen Kaufhaus, wo wiederum nur Russen Zutritt hatten. Also musste ich draußen warten. In Sichtweite vom Uniwermag war auch schon das HO-Kaufhaus. Während ich vor dem Uniwer­mag wartete, fiel mir auf, dass einige Typen sich an die russischen Offiziere heran­machten und sie in ein Gespräch verwickelten. Die meisten gingen einfach weiter, andere blieben stehen, sprachen etwas länger mit den Zivilisten. Und siehe da, sie änderten manch­mal ihr angestrebtes Ziel, und begleiteten die Zivilisten in eine ganz andere Richtung. Keinen blassen Schimmer, was da vor sich ging. Bis ja, bis ich mit meinem Major schon wieder auf dem Rückweg vom HO war. Da wurden auch wir angesprochen. Schon vorher, während sich der Major u.a. mit Dessous für seine Frau in der Heimat eindeckte, hatte er mich gefragt, ob ich wüsste wo er z.B. echte Schweizer Uhren kaufen könne. Man hätte ihm gesagt, dass in Leipzig alles zu bekommen wäre. So auch Banbarchet. Also goldene Uhren verstand ich ja zu übersetzen. Aber Banbarchet? Nie gehört dieses Wort. Woher auch. Wer interessierte sich in den frühen Nachkriegsjahren schon für französischen Samt. Hier und jetzt aber war sowas angesagt. Die russischen Offiziere die einen fürstlichen Sold bekamen, jedes Jahr eine Heimfahrt, waren ganz verrückt danach. Und, Leipzig war die Handelsmetropole für solche Konterbande.

Mein Major war hocherfreut, als uns der Kerl ansprach. Sich unserem Schritt anpassend lief er neben uns her und radebrechte in schlechtem Russisch: Schto warn schilallte? Banbarchet, Schassie, Schuba…..? (Was wünschen Sie? Samt, goldene Uhren, Pelze?) Als ich mich empört einmischte, ich mir nicht mein erhofftes Führungsgeld durch die Lappen gehen lassen wollte, beruhigte mich der deutsche Schieber. „Sei nicht blöd Junge, da sind für dich zwischen 5 bis 20 Mark drin, bei dem Geschäft!“ Ich dachte ich spinne. Letztendlich wartete ich am verein­barten Treffpunkt, während der Schieber mit meinem Major in einem Taxi davon fuhr. Und siehe da, meine Geduld zahlte sich aus. Zum einen gab mir der Major für die erfolgreiche Füh­rung doch tatsächlich ganze 20 Mark. Der ließ sich dann auch gleich das kurze Stück zum Bahnhof mit dem Taxi weiterfahren. Ich konnte gerade noch feststellen, dass er jetzt ein Packet mehr mit sich herumschleppte. Der etwa 40jährige Schieber lud mich zu einer Limo­nade in eine nahe gelegene Kneipe ein. Dort verklickerte er mir dann bei einer Waldmeister­limo seinen Berufsstand (Schieber) und warb mich gleichzeitig als Zuträger von weiterer Kund­schaft an. Der Major hatte doch tatsächlich einen Pelzmantel, vier Meter Samt und eine echte Schweizer Uhr in Golddouble und 16 Steinen erworben. Wie mir der mir gegenüber­sitzende Typ, der etwas russisch in seiner kurzen Gefangenschaft gelernt hatte, in gutem Deutsch erklärte. Er wolle zu mir ganz ehrlich sein. Der Major hätte gleich drei Teile gekauft. Für jedes Teil bekäme er zehn Mark Provision. Diese wolle er mit mir ehrlich teilen, und schob mir 15 Mark wie ein Verschwörer unter dem Tisch zu. Wow! Das Schuleschwänzen hatte sich echt gelohnt.

Er hatte mich nach allen Regeln der Kunst beschissen

Nur, wie brachte ich es meiner Mutter bei, woher ich das Geld hatte, um ihr das Geschenk von einem halben Pfund Kaffee im Schwarzmarktwert von 20 Mark machen zu können? Wusste ich doch, dass meine Mutter sich jeden Monat ein viertel Pfund gönnte. Dieses viertel Pfund hütete sie wie ihren Augapfel, brühte ihn bis zu dreimal auf. Nun ja, auch das bekam ich hin. Wurde dafür ganz dolle gedrückt. Hatte ich zunächst auch daran gedacht den Schieber für seine Ehrlichkeit und dem großzügigen Teilen vor Freude zu drücken, so kam ich doch recht bald dahinter, dass der Typ ein ganz gemeiner Betrüger war. Er hatte meine Unwissen­heit und meine Winzigkeit als Menschenskind einige Tage lang nur ausgenutzt. Und wie mit einer Unverfrorenheit, die es nur echte Gauner drauf haben, hatte er mich nach allen Regeln der Kunst beschissen. Anfangs schöpfte ich ja auch noch gar keinen Verdacht, dass da etwas faul sein könnte. Ich mochte nur nicht seine Geheimniskrämerei. Er wollte mir partout nicht sagen, wo seine Quellen waren, von denen er die Ware bezog.

Einen Steinwurf entfernt vom Uniwermag, wo von den Schiebern die Kunden angesprochen wurden, am Bahnhof selbst, wo aus allen Ecken der DDR die potentiellen Kunden anreisten traute sich kein Schieber hin, da war die Bahnpolizei vor, also in der Nähe des Uniwermags war das Rathaus von Leipzig. Und dort war auch ein Taxistand. Dort stiegen auch immer die Schieber mit ihren Kunden ein. Ich hatte mir gut gemerkt in welche Richtung sie davon fuhren. Anstatt immer nur auf die Rückkehr zu warten, begab ich mich sehr schnell, noch bevor das Taxi losfuhr, zu dem Punkt wo ich es hatte abbiegen sehen. Beim nächsten Mal war ich schon wieder an dem Punkt angelangt, um zu sehen wie es weiterging. Nach einiger Zeit, wobei ich mir dann schon selbst ein Taxi nehmen musste, hatte ich auch schon das Ziel, d.h. den Hehler der Ware im Visier. Wobei es sich allerdings nur um den französischen Samt und einen Uhrendealer handelte. Andere Anlaufstellen kamen in der nächsten Zeit noch hinzu. Und das war gut so! Denn es passierte schon mal, dass eine Razzia durchgeführt wurde. Die Polizei wusste natürlich von den Schiebergeschäften, die im Umkreis vom Uniwermag getätigt wurden. Nachdem die observierten Schieber meistens bis auf den letzten Mann ins Netz gegangen waren, befand ich mich ganz alleine auf weiter Flur. Mich Knirps nahm man einfach nicht für voll. Das dachte anscheinend Frau Wilke, bei der ich dann notgedrungen selbst mit einem Käufer auftauchte auch. Sie wohnte in einer Villengegend ganz in der Nähe des Zoos. Als ich geklingelt hatte, sie durch den Türspion einen uniformierten Russen sah, mich Zwerg erfasste der Türspion erst gar nicht in seinem Blickfeld, öffnete sie. Als aber statt eines bekannten Schiebers so ein Knirps in Begleitung des Russen vor der Türe stand, wollte sie uns doch die Türe vor der Nase zuschlagen. Erwähnte ich schon, dass ich ein cleveres Kerlchen war? Ich hatte ja damit gerechnet, dass die Dealerin geschockt sein würde. Mich hatte ja niemand offiziell bei ihr eingeführt. „Entweder Sie lassen uns jetzt rein, oder die Polente ist schneller hier wie Sie Ihre Ware verstecken können!“ warnte ich kackfrech.

Ich erklärte ihr ganz kurz, wie ich auf sie gekommen sei. Und fragte auch noch, ob sie noch gar nicht gemerkt hätte, dass seit Tagen ihre Kunden ausblieben. Natürlich hatte es sich schon herumgesprochen, dass wieder einmal eine Razzia stattgefunden hatte. Während der Kunde sich die die fünf Sorten Samt vorlegen ließ, klärte ich sie weiter über mich auf. Und siehe da, plötzlich war ich voll akzeptiert. Sie fand es für ihr Geschäft viel unverfänglicher, wenn ich Stepke bei ihr auftauchte. Von da an war ich in den Folgejahren in ihren Augen ein guter Geschäftspartner.

Eigentlich konnte ich recht bald fast alle Wünsche der Kundschaft erfüllen.

Ich hatte noch ganz in der Nähe des Bahnhofs einen ganz unscheinbaren Tabakladen als Bezugsquelle für Samt ausfindig gemacht, wo der ältere Herr keine Sperenzchen machte, als ich zum erstenmal mit einem Kunden auftauchte. Nicht immer war jeder Dealer mit Ware versorgt. So war es immer gut mehrere Quellen zu haben. So hatte ich zwischen Rathaus und Uniwermag auch noch in der berühmten Mädlerpassage ein Uhren-Schmuck­geschäft ausfindig gemacht, wo so gut wie immer eine große Auswahl an vergoldeten Schweizer Uhren vorrätig war. Na ja, Nutria und andere kostbare Pelze in Leipzig zu erstehen, war auch kein Problem. War Leipzig doch eine Hochburg der Kürschner Zunft. Eigentlich konnte ich recht bald fast alle Wünsche der Kundschaft erfüllen. Lackschuhe und Perlonstrümpfe sowie Fieberglas-Koffer waren gefragt. Ebenso Streptomycin und Penicillin. Nicht selten wurde auch nach benutzbaren Frauen gefragt. Auch dafür war ich ein Ansprechpartner.

Um aber auf Frau Wilke (so hieß sie wirklich!) zurückzukommen; ich war nicht sonderlich erstaunt darüber, dass sie, nachdem sich mein erster persönlicher Kunde gleich zweimal vier Meter Samt hatte einpacken lassen, ohne wegen des angesprochenen Preises zu handeln, gab mir Frau Wilke zu verstehen, dass ich wegen der Provision nochmal vorbei kommen müsse. Schließlich müsse der Russe das ja nicht unbedingt mitbekommen. Konnte ich gut verstehen, denn, hätte der Käufer gesehen, was ich da in die Hand gedrückt bekam, wäre ihm sicherlich die Galle hochgekommen. Denn ich war ja selbst baff über die Summe. Ich brachte den Kunden noch bis zum wartenden Taxi und verabschiedete mich mit der Begründung, das ich selbst ganz in der Nähe wohnen würde. Der Russe nahm es hin. Und ich holte mir meine vermeintlich doppelte Provision von Frau Wilke ab. Hatte der miese Typ, mit dem ich einige Zeit zusammengearbeitet hatte, indem ich ihm immer neue Kundschaft zuführte, nicht gesagt, dass er mit mir teilen würde? Was war es? Wut oder freudige Überraschung, als ich von Frau Wilke das Geldbündel in die Hand bekam. Ich musste es drei-viermal zählen, bevor ich es glauben konnte. Ich hielt doch tatsächlich 180 Mark in der Hand!

Eigentlich konnte ich recht bald fast alle Wünsche der Kundschaft erfüllen.

Ich hatte noch ganz in der Nähe des Bahnhofs einen ganz unscheinbaren Tabakladen als Bezugsquelle für Samt ausfindig gemacht, wo der ältere Herr keine Sperenzchen machte, als ich zum erstenmal mit einem Kunden auftauchte. Nicht immer war jeder Dealer mit Ware versorgt. So war es immer gut mehrere Quellen zu haben. So hatte ich zwischen Rathaus und Uniwermag auch noch in der berühmten Mädlerpassage ein Uhren-Schmuck­geschäft ausfindig gemacht, wo so gut wie immer eine große Auswahl an vergoldeten Schweizer Uhren vorrätig war. Na ja, Nutria und andere kostbare Pelze in Leipzig zu erstehen, war auch kein Problem. War Leipzig doch eine Hochburg der Kürschner Zunft. Eigentlich konnte ich recht bald fast alle Wünsche der Kundschaft erfüllen. Lackschuhe und Perlonstrümpfe sowie Fieberglas-Koffer waren gefragt. Ebenso Streptomycin und Penicillin. Nicht selten wurde auch nach benutzbaren Frauen gefragt. Auch dafür war ich ein Ansprechpartner.

Um aber auf Frau Wilke (so hieß sie wirklich!) zurückzukommen; ich war nicht sonderlich erstaunt darüber, dass sie, nachdem sich mein erster persönlicher Kunde gleich zweimal vier Meter Samt hatte einpacken lassen, ohne wegen des angesprochenen Preises zu handeln, gab mir Frau Wilke zu verstehen, dass ich wegen der Provision nochmal vorbei kommen müsse. Schließlich müsse der Russe das ja nicht unbedingt mitbekommen. Konnte ich gut verstehen, denn, hätte der Käufer gesehen, was ich da in die Hand gedrückt bekam, wäre ihm sicherlich die Galle hochgekommen. Denn ich war ja selbst baff über die Summe. Ich brachte den Kunden noch bis zum wartenden Taxi und verabschiedete mich mit der Begründung, das ich selbst ganz in der Nähe wohnen würde. Der Russe nahm es hin. Und ich holte mir meine vermeintlich doppelte Provision von Frau Wilke ab. Hatte der miese Typ, mit dem ich einige Zeit zusammengearbeitet hatte, indem ich ihm immer neue Kundschaft zuführte, nicht gesagt, dass er mit mir teilen würde? Was war es? Wut oder freudige Überraschung, als ich von Frau Wilke das Geldbündel in die Hand bekam. Ich musste es drei-viermal zählen, bevor ich es glauben konnte. Ich hielt doch tatsächlich 180 Mark in der Hand!

Natürlich gehörte ich meinem Lebenswandel gemäß in eine erzieherische Maßnahme.

Wie der Leser das verstehen soll? Nun, je nach Marktlage, oder besser gesagt Lagerbestän­den, wurde von dem Dealer ein fester Preis an den Schlepper gezahlt. Es lag also an dem Schieber, welchen Preis er bei dem Käufer aushandelt. Da aber viele Russen gerne feilschten, konnte die Provision unterschiedlich ausfallen. Da aber mein Kunde anstandslos den gefor­derten Preis von 350 Mark ohne Murren gezahlt hatte, standen mir bei derzeitiger Marktlage die Differenz von 90 Mark pro vier Meter Samt zu. Ich war einfach nur baff! Bei so einem einträglichen Geschäft, immerhin kamen an guten Tagen bis zu 400!!! Mark zusammen, da ließ ich schon mal fünfe gerade sein und dachte gar nicht daran, dass es da auch noch die Schulpflicht gab. Entschuldigungsschreiben waren für mich kein Problem. Hatte ich mir doch schon längst die Sütterlinschrift meiner Mutter abgeguckt. Fortan brauchte meine Mutter nie mehr auf ihren geliebten echten Bohnenkaffee zu verzichten. Geschweige denn die Pampe mehrmals aufzubrühen. Wie ich an das Geld kam, verschwieg ich ihr nicht. Nur das dazu oft Schuleschwänzen angesagt war, verschwieg ich ihr lieber.

Die Sonntage, wo ich mich am/im Zoo etc. herumtrieb, mochte ich auch nicht mehr missen. Natürlich gehörte ich meinem Lebenswandel gemäß in eine erzieherische Maßnahme. Aber zum einen litt eigentlich meine schulische Leistung gar nicht darunter. Ich war top am Ball, und wichtige Arbeiten nahm ich immer wahr.

Nur der Grund, warum ich letztendlich in ein Heim für Schwererziehbare kam, das war sehr ungerecht. So empfinde ich noch heute.

 

Anmerkung:

Leider erlaubt diese Programmsoftware keine Fußnoten und auch keine Hyperlinks mehr. Das ist äußerst ärgerlich für die Leser wie für mich. Da ich meist mit Fußnoten arbeite, habe ich einen erheblichen Mehraufwand mit einer Extra-Numerierung und die Leser können die Fußnoten nur über das Extra-PDF erreichen und dort hoffentlich auch anklicken, soweit Hyperlinks angegeben sind.

Ich verzichte in Zukunft darauf, den jeweiligen Artikel auch als PDF anzubieten und verweise auf die geplante Gesamtedition dieser Biographie, die dank Fußnoten und Hyperlinks hier im Blog nur noch als PDF darzustellen sein wird.

Aus denselben Gründen gibt es das Inhaltsverzeichnis nur noch als PDF.

Ich bitte die Leser, diese Umständlichkeit zu tolerieren. Auch ich bin von der Veränderung überrascht und not amused.

Fußnoten  21 – fußnoten
Inhaltsverzeichnis  21 Inhaltsverzeichnis

 

 

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XX

logo-moabit-kDieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit,

die keine Kindheit war

 

Zwanzigstes Kapitel

Wie schnell sich doch die Weltgeschichte ändert!

Einmal im Jahr, nachdem mein Vater schon 1948 seine Familie für tot erklären lassen wollte, kam er seinen Unterhaltsverpflichtungen nach. Er schickte ein Paket. Jedesmal waren für jeden ein paar Schuhe darin enthalten. Die dabei gelegten Heftchen eines possierlichen klei­nen Tierchens mit netten Geschichten, durfte ich behalten.[1] Die Schuhe brachten auf dem Schwarzmarkt gute Preise. Was brachten uns auch so teure lederne Westschuhe? Meistens liefen wir solange es das Wetter erlaubte ohnehin barfuß rum. Ansonsten versorgte uns Vater Staat ja mit Pagalitschuhen[2]. Im Sommer konnte man sie sowieso nicht tragen, weil man unheim­liche Schweißfüße darin bekam, sich alles darin wund lief. Na, und im Winter wickelte man sich ein paar Fußlappen extra um die Füße, um die ausgeleierten Plastikschuhe überhaupt tragen zu können. Was also sollten wir mit so schicken und bequemen Schuhen, wenn uns der Magen knurrte!? Der reale Sozialismus gestand uns pro Kopf unsere Rationen per Lebensmittelkarte zu. Brot für Schwerarbeiter, Arbeiter, Angestellte, Kinder: 450, 400, 300, 250 Gramm. Hülsenfrüchte, Graupen etc. 40, 30, 20, 20 Gramm. Fleisch 50, 40, 35, 20 Gramm. Fette 30, 15, 10, 20, nichtarbeitende Familienmitglieder 7 Gramm. Zucker 25, 20, 15 Gramm. Kartoffeln 500 Gramm. Auf all diese schönen Sachen hatten wir jeden Tag in der o.g. Menge Anspruch! Ich kann mich nicht daran erinnern, jemals in den Abfallbehältern der Schule weggeworfene Frühstückspakete gesehen zu haben. Es kostet mich noch heute Über­windung mehr Butter/Margarine aufs Brot zu kratzen, als es die Poren der Brotschnitte auf­nehmen. Dafür habe ich aber auch kein Wohlstandsbäuchlein. Ein Herkules ist auch nicht aus mir geworden. Ein Bocksprung oder eine Kletterstange hochzukommen im Turnunter­richt, war für mich nicht drin. Meine Zensuren in diesem Fach fielen dementsprechend aus. Mein Wunschtraum, einmal so Schifferklavier spielen zu können, wie ich es bei vielen russi­schen Soldaten gehört hatte, konnte nie in Erfüllung gehen, deshalb gab ich mir erst gar nicht die Mühe mehr als den Notenschlüssel im Musikunterricht zu lernen. Beim gemein­sa­men Singen hatte ich meistens die 3. oder 4. Stimme drauf. Es wurde darauf verzichtet, mich beim mar­kigen: „Brüder zur Sonne, Brüder….“[3] mitsingen zu lassen. Die störte mein Diskant[4], mich die Zeugnisnote, die ich dafür erhielt und meinen guten Notendurchschnitt versaute.

Soviel zur Wirtschaftslage in der DDR für all diejenigen, die schon ein paar Jahre nach dem 17. Juni 1953 nicht mehr den Grund dafür benennen konnten, warum dieser Tag ein bezahlter Feiertag und schulfrei war.

Heutzutage weiß jedes Kind wie ein Computer funktioniert, kennt sich in der Charthitliste bestens aus, sucht sich seinen Lieblingsmoderator auf der richtigen Welle seines HiFi-Gerätes. Ich, mit neun Jahren zum ersten Mal mit einem Radio konfrontiert, kam mir wie im Märchen vor. Wie komme ich auf Märchen? Ich hatte bis dahin doch noch gar keine Märchen gelesen, vorgelesen bekommen. Hatte doch mein Umfeld ganz andere Sorgen als mich mit Gute-Nacht-Geschichten am Bett zu beglücken. Aus dem Kasten meldete sich eine Stimme namens RIAS[5]. Zwar wusste ich längst, dass ein winzig kleines Flugzeug am Himmel unheim­lich groß werden konnte, wenn es einmal abgeschossen auf einen nahe gelegenen Acker stürzte und sich darin sogar Menschen befanden. Es blieb mir aber sehr lange ein Geheimnis, wie ein erwachsener Mensch in so einen kleinen Kasten reinkam, der auf der Kommode stand, nie seine Größe veränderte, also real war. Stundenlang saß ich vor dem Kasten, wartete darauf, dass der Mann mal rauskam, um seine Bedürfnisse wie etwa Essen oder Toilette, zu befriedigen. Kuriose Welt, diese Welt!

Zerstritten wie zwei Eheleute war dieses Deutsch­land.

Eigentlich wollte ich den Namen RIAS hier nur einfügen, weil wir (verbotenerweise versteht sich!) durch diese Stimme erfuhren, dass es da noch ein anderes Deutschland gab. Viel größer, viel schöner und viel wahrheitsliebender sollte das andere Deutschland sein. Flüsterte man sich allenthalben geheimnisvoll zu. Zerstritten wie zwei Eheleute war dieses Deutsch­land. Jeder Teil hatte sich einen neuen Partner zugelegt. Reichlich schmutzige Wäsche wurde gewaschen. Wie es nun mal unter zerstrittenen Eheleuten üblich ist. Keiner konnte sich der ideologischen Propaganda entziehen. Ich hätte lieber ein paar anständige Schuhe an den Füßen gehabt, mehr Wurst- und Käse- als Zuckerbrote gegessen, anstatt zu erfahren, dass sich alle Kriegsschuldigen jenseits der Grenze niedergelassen hätten, um wieder auf einen neuen Krieg hinarbeiten zu können. So die Propaganda des ostdeutschen Radios. Schon wir Kinder wurden darauf getrimmt, mit unseren sowjetischen Freunden, die uns vom Hitlerjoch befreit hatten, unseren Befreiern vom Faschismus, enge Freundschaft zu pflegen. (Und wie ich diese Freundschaft pflegte!). Es galt den Kriegshetzern im Westen Stärke zu zeigen. Beide Seiten Deutschlands durften laut Vertrag der Siegermächte keine eigene Armee aufbauen – vorläu­fig. Jeder Staat aber braucht, um seine Macht zu demonstrieren – und vor allem das gemeine Volk im Zaum zu halten, – willfährige oder ideologisch geprägte Schergen. Durfte man schon kein eigenes Heer aufbauen, um den Klassenfeind des kapitalistischen Westens Paroli bieten zu können, so wollte man wenigstens reichlich Polizei zur Verfügung haben, um im Falle eines Falles den Aggressoren aus dem Westen Einhalt gebieten zu können. Wie es in der Politik so üblich ist, wurde dem Kind nur ein anderer Name gegeben. Die Soldaten hießen von nun an Kasernierte Volkspolizei. Neben den reichlich vorhandenen Besatzern erfand man dann auch noch die bewaffneten Betriebskampfgruppen und dem Alter entsprechend wurden die FDJ[6] und die JP[7] als kampfbereiter Nachwuchs herangezüchtet. Ein Hundsfott, wer da glaubte, es wäre ein Abklatsch von HJ[8] oder Pimpfen[9]. Uniformiert, das hatte man von Hitler und Stalin gelernt, ließ es sich nun mal besser marschieren. Mit stolzgeschwellter Brust reihte man sich in die Paraden ein. Das hatten wir doch schon mal. Und heute wie damals will wieder keiner dabei gewesen sein. Wenn ich so unsere Lehrer und andere Agitatoren reden hörte, waren sie, die im Ostsektor verbliebenen, es alleine gewesen, die gemeinsam mit der glorreichen Sowjetarmee die Faschisten auf die andere Elbseite getrieben hätten. Ich konnte mich glücklich schätzen zu der guten Seite zu gehören – so wurde es mir eingetrichtert. Aber auch später, als mir die „Ausreise“ in den goldenen Westen gelang, traf ich keinen einzigen Deutschen mehr an, der mit den Zielen des Herrn Hitler konform gegangen wäre. Als die Prügelstrafe noch nicht so verpönt war wie heute, da wurde uns eingepaukt, dass Erwachsene immer Recht hätten. Innerhalb von sechs Jahren musste ich akzeptieren, dass es zwei ver­schiedene Ansichten und Meinungen über die jüngste Geschichte Deutschlands gab. Das machte mich ganz schön konfus. Also, dass die kollektive Erziehung, die Uniformen der Freien Deutschen Jugend, oder der Jungen Pioniere etwas mit dem Vorbild der Hitlerjugend und der Pimpfbewegung zu tun hatten, wäre meinerseits eine grobe Verleumdung gegenüber dem Staatsrat der DDR. Auf dem Koppelschloss der Vorfahren stand immerhin provokativ „Blut und Ehre“[10], während die Generation danach ganz schlicht daran erinnert wurde „Seid bereit“[11].

Kinderherz was willst du mehr?

Mit ständig hungrigem Magen aber war es sehr schwer, immer bereit und konzentriert auf den Klassenfeind zu achten. Zunächst war es für uns (meine Familie) ja schon ein gewaltiger Fortschritt, aus der Heimat vertrieben zu sein, um in Leipzig einen Neuanfang beginnen zu können. Solange wir noch auf dem Lande – Leipzig Engelsdorf – lebten, begann sich ja auch so etwas Ähnliches wie eine normale Kindheit bei mir zu entwickeln. Karussell fahren, wie oben beschrieben, Mäuse-Maikäfer fangen, im Winter mit einem Stück Pappe (soweit vorhan­den) unterm Hosenboden, einen kleinen Hügel herabrutschen, Schlitterbahnen anlegen, im Sommer Obst in den Gärten stehlen. Kinderherz was willst du mehr? Nur, als Mutter dann endlich wieder soweit hergestellt war, dass sie zum Aufbau des Sozialismus beitragen konnte, war diese gerade begonnene Idylle wieder zerstört. Als Mädchen vom Lande an Arbeit gewöhnt, aber ansonsten keinerlei Qualifikationen mitbringend, war es naheliegend, sie als Trümmerfrau einzusetzen. Leipzig lag in Trümmern. Erstmal mussten die weg. Jeder noch verwertbare Stein wurde dringend für den Neuaufbau gebraucht. Mangels Verkehrsmöglich­keiten vom entlegenen Engelsdorf nach Leipzig, wurde uns eine „Wohnung“ (wie schon beschrieben) in der Otto Runki Straße in Leipzig 05 zugewiesen, damit meine Mutter sich als Trüm­merfrau ihren ersten Aktivistenorden verdienen konnte. Der Akkordverdienst selbst – ohne Akkord kein Orden – war so bescheiden, dass wir mal gerade so, und das auch nicht immer, davon satt wurden und meine Mutter deshalb meine Alimente-Westschuhe auf dem Schwarzmarkt verscherbeln musste. Hat ein Kind eigentlich noch andere Bedürfnisse als satt zu werden, für den Sozialismus zu lernen? Oh ja! Ich wäre so furchtbar gerne mal in den Zirkus gegangen. Dieser in mir immer unbändiger werdende Wunsch änderte schließlich mein ganzes Leben. 1951, ich war zehn, Pardon elf. Was denn nun? Zehn oder elf? Nach heutiger Zeitrechnung elf. Damals allerdings erst 10! Nur Geduld, auch darüber erhalten Sie, lieber Leser, noch Aufklärung. Also, ich war zehn, wollte unbedingt in den Zirkus. Unweit des Haupt­bahnhofes Leipzig, was ich zu dem Zeitpunkt allerdings noch nicht wusste, war das Hauptquartier des Zirkus AEROS. Nur soviel wusste ich. Zweimal zehn Pfennige brauchte ich für die Straßenbahn und 50 Pfennige Eintrittsgeld. Es dauerte, da ich in der Stadt ja keine Nebeneinnahmen mit Mäuse-Maikäferfangen mehr hatte, eine kleine Ewigkeit, bis ich die sieben Groschen zusammen bekam. Das heißt, ich hatte nur sechs, den Rückweg waren wir bereit, auf nackten Sohlen zurück zu legen. Einen Klassenkameraden hatte ich mit meinem Wunsch, einmal in den Zirkus zu gehen, bereits angesteckt. Aufgeregt und voller abenteuer­licher Erwartungen machten wir uns dann eines Tages auf den Weg dort hin. Können Sie sich die Enttäuschung zweier zehnjähriger Jungen vorstellen, die vor der Zirkuskasse stehen, stolz ihre Ersparnisse auf das Zahlbrett legen, um zwei der billigsten Eintrittskarten zu erwerben, die dann aber erfahren müssen, dass ein einziger Groschen für beide zusammen fehlt? Wir hatten ja gar keine Ahnung, dass auf jede kulturelle Veranstaltung immer noch zehn Prozent Kulturzuschlag zu entrichten waren. Nicht die Aussicht, den beschwerlichen Weg von der Stadtmitte bis nach Reudnitz zurücklegen zu müssen – den hatten wir ja einkalkuliert – trieb uns das Wasser in die Augen, ließ unsere Hälse enger werden. Die Verkäuferin der Eintritts­karten blieb angesichts unserer Tränen unbeeindruckt. Sie hatte wahrscheinlich keine Kinder, kein Herz. Oder aber doch selbst Kinder, denen dann die zehn Pfennige fehlen würden. Wir beiden Knirpse jedenfalls standen da, so etwa wie Kinder in der heutigen Zeit da stehen wür­den, wenn man ihnen eröffnen würde, Weihnachten und die damit verbundenen Geschenke würden in diesem Jahr ausfallen. Nie wäre mir eingefallen, einen der vielen Zirkusbesucher wegen dem fehlenden Groschen anzusprechen. Bis, ja bis ein Oberleutnant der Sowjetarmee samt Familie an der Kasse vier Logenplätze kaufte. Hatte ich nicht schon viel Erfolg in Kali­ningrad und Insterburg um ein Stück Brot gebettelt? Eigenartiger Weise traute ich mich ganz ohne Scheu, dem uniformierten Besieger des Faschismus am Ärmel zu zupfen, und ihn in fließendem Russisch um einen Zehner anzugehen. Der zeigte sich allerdings sehr erbost darüber, wie es denn möglich sei, dass ein russisches Kind, dazu noch barfuss, es nötig hätte, um zehn Pfennige zu betteln. Mein damals noch sehr ausgeprägter ostpreußischer Dialekt hatte mir in der Schule schon einige Hänseleien eingebracht. Dagegen war meine russische Aussprache völlig dialektfrei, hatte ich mir schon einige Male nachsagen lassen müssen. So war es nicht verwunderlich, wenn der von mir angesprochene Offizier annahm, ich gehöre seinem siegreichen Volke an. Deshalb fand er es unter der Würde seines Volkes, dass ein Angehöriger desselben es nötig hatte zu betteln. Es gab nichts, was nicht sein durfte. Wie schnell sich doch die Weltgeschichte ändert! Wenn auch mühsam, so doch überzeugend, konnte ich dem stolzen Sowjetmenschen klar machen, dass ich nur ein armes besiegtes Würmchen sei, welches lediglich seiner Sprache mächtig war, nachdem der empörte Mann genügend Luft abgelassen hatte. Alsbald schlug seine Empörung in Verwunderung um, und ich musste ihm Erklärungen abgeben. Kinderlieb sowieso, und gerührt darüber, als ich ihm verkassematukelt[12] hatte, weshalb ich mich ausgerechnet bei ihm Hilfe erhofft hatte, fasste er mich zärtlich in den Nacken, führte mich an die Kasse und orderte großzügig zwei weitere Logenplätze. Ich schnupperte Zirkusluft in der ersten Reihe, war so dicht am Geschehen, dass ich den köstlichen, lang entbehrten Pferdeschweiß riechen konnte. Sägespäne flogen mir um die Ohren, als die Voltigiergruppe an uns vorbei tollte. Ich glaube sagen zu können, dass ich an dem bewussten Tag eine meiner wenigen Glücksgefühle in der gesamten Kindheit empfand. Ob dies in unserer jetzigen Wohlstandsgesellschaft überhaupt noch nachvollziehbar ist? Ich bezweifle es.

Dabei wäre ich doch so gerne ein nützliches Mitglied der Gesellschaft geworden.

In der großen Pause, während die Manege für die Raubtiernummern vorbereitet wurde, gab es im Foyer Waldmeisterlimonade vom Fass. Ein seltener Anblick einer bilderbuchhaften Kindheit. Aus der wir aber recht bald wieder in die reale Welt gestoßen wurden. Wir brauchten den Rückweg zwar nicht auf unseren ledrigen Fußsohlen anzutreten, weil wir noch einige Groschen beim Abschied zugesteckt bekamen, aber die Trümmerlandschaft, unsere Spielplätze, die die Straßenbahn in Richtung Reudnitz durchfuhr, holte uns schnell in die Wirklichkeit zurück. Zumindest hatten wir in der nächsten Zelt spannenden Gesprächsstoff. Ich war zehn, hätte, wenn man mich denn gewollt hätte, bei den Jungen Pionieren eintreten können. Dazu aber hätte ich die fünfte Klasse erreicht haben müssen. Hinzu kam noch, dass es als Auszeichnung galt, dieser Organisation anzugehören. Da aber auch die bereits Etablier­ten mit zu entscheiden hatten, wer aufgenommen wurde oder nicht, fiel ich bei meinem Antrag durch. Also bekam ich auch nicht den Ausweis, der mich dazu ermächtigte, die schöne blau-weiße Uniform preiswert zu kaufen, und auch zu tragen. Dabei wäre ich doch so gerne ein nützliches Mitglied der Gesellschaft geworden. Wäre gern in Reih und Glied mitmar­schiert, wenn die Partei dazu aufgerufen hätte. Hätte voller Inbrunst die markigen Revolu­tions­lieder mitgekräht, die in der Gemeinschaft gesungen einem so ein schönes Gefühl der Zusammengehörigkeit und der Stärke vermittelten. Schulz, der wegen seiner harten Aus­sprache nur der ‚Ruski’ genannt wurde – wären die Sowjets nicht unsere Freunde gewesen, wie man auf allen Plakaten lesen konnte und uns in der Schule beigebracht wurde – man hätte glauben können, mein Spitzname beinhaltete etwas abwertendes. In Ostpreußen zweisprachig herangewachsen, passte ich so gar nicht in die gafesöchsische[13] Metropole. Als Außenseiter, als Einzelgänger wird man nicht geboren. Die Mitmenschen sind so grausam, sie stempeln einen dazu ab. Einmal in eine Schablone gepresst …

Das Lernen fiel mir eigentlich immer leicht.

Zu Zeiten des kalten Krieges war man schon verdächtig genug, dem Kommunismus nicht loyal zu sein, sofern man Westkontakte hatte. Pakete aus dem dekadenten Westen zu erhalten genügte bereits, ausgegrenzt zu werden oder zumindest intensiver bespitzelt zu werden. Die großen Zusammenhänge altersgemäß nicht erfassend nahm ich es einfach hin. Zwar hatte meine Mutter, politisch völlig uninteressiert, nie einen Antrag auf ein Parteibuch gestellt, dennoch war ihre Arbeitsleistung nicht zu übersehen, und von daher auch gerne zum Vor­zeigeobjekt missbraucht. Arbeitsleistung, Normerfüllung beim ersten Fünfjahresplan wurde groß geschrieben, und daher brauchte man Vorbilder. Dabei war meine Mutter nur von Haus aus ein Arbeitstier, und weil sie jeden Pfennig für ihre beiden minderjährigen Kinder benö­tigte. Das war ihre einzige Motivation, so manchen Kubikmeter Trümmer in Leipzig zu entfernen. Dafür erhielt sie neben ihrem Akkordlohn von wöchentlich ca. 65-70 Mark auch zweimal den Aktivistenorden[14]. Als Nebenprodukt hatte sie dann aber auch schon mit 37 schneeweißes Haar, schlief schon beim Abendbrot am Tisch ein. Erziehung der Kinder? Wie denn … wann denn …? Sie hatte ja man gerade soviel Zeit in ihrer eigenen Kindheit gehabt, um die Sütterlinschrift[15] und das kleine Einmalseins zu lernen, in den Wintermonaten, wenn der Rittergutsbesitzer gerade mal keine Feld- oder sonstigen Arbeiten für die Kinder hatte, oder wenn das Land zugeschneit – zugefroren war. Später im Heim hatte ich große Schwierig­keiten ihre wenigen Briefe zu entziffern. Doch mit der Zeit wurden mir ihre altdeutschen Hieroglyphen ebenso vertraut, wie die kyrillischen Buchstaben. Doch ja, das Lernen fiel mir eigentlich immer leicht. Trotz häufigem Schule-schwänzen schaffte ich es immer wieder, das Lernsoll zu erfüllen. Zähneknirschend, aber die Zensuren wiesen es aus, musste man mich jedesmal versetzen. Schwierigkeiten tauchten allerdings erst nach dem beschriebenen Zirkus­besuch auf. Denn an jenem Tag hatte ich begriffen, dass das Leben noch durch etwas anderes lebenswert gemacht wurde als durch Schule und in den Trümmern spielen und nach noch nicht entdeckten, brauchbaren Gegenständen darin zu suchen. Dass ich bei diesem „Spiel“ so ganz nebenbei zweimal auf verschüttete Leichen stieß, regte mich nicht weiter auf. Leichen, taufrische und tiefgefrorene hatten zum Alltagsbild gehört, seitdem 1944 die Russen in Ost­preußen einmarschiert waren. Ansonsten blieb uns noch die Straße zum Spielen. An Bewe­gungsmangel wie die heutigen Computerkids, litten wir wahrlich nicht. Die Lungen voller frischer Luft, dafür nicht unbedingt immer mit vollem Magen, erreichte ich die 16. Grund­schule nach gutem drei Kilometerfußmarsch. Sportverein-Platz in der Nähe? Fehlanzeige. Wettkämpfe, die nun mal in der Natur des Menschen liegen – friedliche, möchte ich hier betonen – trugen wir Kinder mit Reifentreiben aus. Irgendein Holzreifen, Fahrradfelgen taten es auch, wurden mittels eines Holzstecken mit Geschick voran, auch um Kurven getrieben. Diese Freizeitbeschäftigung kostete gar nichts. Ein Brummkreisel dagegen schon einige Groschen. Ton- oder Glasmurmeln, ein Säckchen davon mit sich herumtragend, gehörten eigentlich zur Standardausrüstung eines Jungen. Das Ansehen eines Burschen wuchs mit der Menge der Murmeln, die er besaß. Bewunderung bei den Mädchen errang man sich durch möglichst spektakuläre Kletterpartien an besonders einsturzgefährdeten Ruinenwänden, oder beim Erklettern der höchsten Bäume in der Umgebung. Was hier wie ein Gegeneinander aussehen mag, war in Wirklichkeit ein Miteinander-spielen der Kinder, Mobbingprobleme wegen irgendwelcher Designerklamotten gab es nicht, und es gab auch keinen Neid unter­einander, wer den modernsten PC besaß.

        … mein Leben verständlich machen, dass erkannt werden kann, wie es zu den Abweichungen von dem kam, was man allgemein als „Normal“ zu bezeichnen pflegt …

Damals waren es die bis 14 jährigen, die noch auf der Straße spielen konnten und harmlose Streiche verübten. Mit 14, spätestens mit 15 waren alle im Berufsleben integriert. Heutzutage hat sich dieses Bild ja vollkommen gewandelt. Gerade diese Altersgruppe treibt sich auf der Straße herum, verübt Streiche von der übelsten Sorte. Sich selbst und das Leben anderer gefährdend und die vom Wiederaufbau alt gewor­denen Menschen verhöhnend, obwohl es enorm viele Arbeitslose und noch mehr Arme in Deutschland gibt, scheint es nichts mehr zu geben, was aufgebaut werden müsste. Die Nach­kriegsväter haben das Land bestellt, der Jugend bleibt nicht anderes mehr übrig, als die Hände in den Schoß zu legen, sich auf den Lorbeeren der Altvorderen auszuruhen. Man sucht nach Perspektiven. Deutschland erwache, hätte ich jetzt auf der Zunge wenn, ja wenn das nicht eine kommunistische Parole gewesen wäre, mit der ich meine Kindheit verbracht habe. [16]

Wo hatte ich begonnen vom Thema abzuschweifen, habe ich polemisch zu posieren begon­nen? Aber um mein Leben so verständlich zu machen, dass erkannt werden kann, wie es zu den Abweichungen von dem kam, was man allgemein als „Normal“ zu bezeichnen pflegt, gehört einfach die Abgeklärtheit des Alters, der Abstand zu der Vergangenheit und die zusam­menhängenden Kriterien einfach dazu. Denn keiner wird das, was er ist, ohne Umwelt­einflüsse. Und wenn wir schon mal bei der Politik sind, wobei ja eigentlich das ganze Leben Politik ist: Jede noch so kleine Familie ist eine politische Einheit. Im Idealzustand teilen Vater und Mutter die einzelnen Ressorts unter sich auf. In einer demokratisch geführten Familie wer­den auch Aufgaben an die Kinder delegiert. Von diesem Idealzustand war unsere „Rest­familie“ weit entfernt. Eine alleinerziehende Mutter, die darauf bedacht war, ihre beiden noch verbliebenen Kinder durch die Kriegswirren und den Folgeerscheinungen notdürftig am Kacken zu halten, die sich dafür mindestens 60 Stunden in der Woche – ohne Hin und Rückweg – abrackerte, hatte kaum noch die Kraft, sich um die Erziehung der Kinder zu kümmern. Abgesehen davon, dass sie kaum die Definition von Erziehung kannte, war sie doch selbst nur eins von 18 Geschwistern gewesen, wo sich die Erziehung von allein regelte. Das Modewort ‚Pädagogische Erziehung’ war damals noch gar nicht erfunden. Ergo konnte man kaum von Erziehung im pädagogischen Sinne reden. Arbeitsaufteilung allenthalben. Eine liebenswerte, besorgte Glucke war meine Mutter, die aber auch keine Schuld an meinem Werde­gang trug. Längst habe ich meiner Mutter verziehen. In ihrer Hilflosigkeit und mit ihren gestressten Nerven griff sie häufig zu Gegenständen, die ihr gerade zwischen die Finger kamen, um uns – ja, auch mich – windelweich zu schlagen. Teppichklopfer und Feuerschür­haken lagen meist griffbereit. Und wehe, wir hatten diese Gegenstände wohlweislich ver­steckt. Das Suchen danach erzürnte sie nur noch mehr. Somit hatte ich das Glück, dass ich meine Haut schon in der Kindheit kräftig gegerbt bekam. Fortan besaß ich so ein dickes Fell, welches mich für den Rest des Lebens gegen Schläge so gut wie immun machte.

                                                                                  Dem angepassten Menschen wird gerne bescheinigt, ein wohlgefälliges Mitglied der Gesellschaft zu sein.

Wahrscheinlich rührte es auch daher, dass ich während meiner Heimkarriere so etwas wie ein Kämpferherz entwickelte. Wusste ich doch aus Erfahrung, dass der körperliche Schmerz der Schläge viel schneller nachließ als der innere Schmerz einer Demütigung. Sobald mich eine sensible Phase zu übermannen drohte, stänkerte ich solange, bis ich bei einer Prügelei meinen Dampf ablassen konnte. Keiner meiner drei Söhne hat je über einen Klaps hinausgehende Züch­tigung erfahren. Nicht dass ich in deren Erziehungsphase bereits vom Gesetzgeber daran gehindert worden wäre, vielmehr weil ich aus eigener Erfahrung die Erkenntnis gewonnen hatte, dass dies nur zu Trotzreaktionen führt, einander eher entfremdet als bindet. Eine kleine, unwehrhafte Seele leidet mehr unter der Tatsache, dass es geschlagen wird, als das der kör­per­liche Schmerz es tun könnte. Außerdem, ohne damals überhaupt etwas von seinen Lehren gewusst zu haben, habe ich intuitiv Nietzsches Gedankengut übernommen. Völlig aus meinen Eingeweiden heraus, oder weil ich am eigenen Leib erfahren musste, dass Erziehen von ziehen, zerren, drillen und schleifen abgeleitet wird? – habe ich drakonische Erziehungsmaß­nahmen, die die Zerstörung der individuellem zugunsten allgemeingültiger Normen zum Ziel haben, abgelehnt. Womit ich ganz unbewusst Freigeister geschaffen habe, die sich ihrer Her­kunft und Umgebung ablösen konnten und somit die Chance erhielten, zu Ausnahme­men­schen heranzuwachsen. Im Gegensatz dazu hatte Nietzsche schon erkannt, ist der gebundene Geist durch Herkommen und Gewöhnung festgelegt. Der sogenannte „charaktervolle“ Mensch durch Bindung an festgelegte Normen aller Art gewöhnt, ist immer einem Wieder­holungs- oder Nachahmungszwang unterworfen. Diesem angepassten Menschen wird gerne bescheinigt, ein wohlgefälliges Mitglied der Gesellschaft zu sein. Seine Individualität bleibt dabei auf der Strecke. Von daher dürfte es wohl niemanden verwundern, dass ich eine ganz andere Erziehungsmethode bei meinen Kindern anwandte. Hatte man doch von allen Seiten versucht, etwas „Schliff“ in mein Leben zu bringen. Es wurde eine sehr widerspenstige Zähmung daraus, wie Sie ja selbst erkannt haben werden. Seit Aufkommen der Sprache, damit der Intelligenz, begann der Mensch sich von dem normierten Tier zu unterscheiden. Irgendwie fand ich mich seit dem Zirkusbesuch zu den Tieren hingezogen. Nur erkannte ich damals noch nicht die ursächlichen Zusammenhänge meiner Sehnsucht so leben zu können, wie es die Natur einem eingibt. Frei von den Zwängen einer anerzogenen Intelligenz, die eher hinderlich als befreiend sein kann. Anlässlich eines Klassenausfluges in die Botanik, kamen wir ganz nahe an den Zoo heran. Für einen direkten Zoobesuch reichte zu damaliger Zeit das Schulbudget nicht aus. Zumindest erfuhr ich so, wo eigentlich der Tierpark war. Von da an trieb mich eine innere Unruhe, ähnlich wie vor dem Zirkusbesuch, umher. Dieses Gefühl, etwas Anderes, Kulturelles, erleben zu wollen – anscheinend der angestaute Nachholbedarf der vergangenen zehn abstinenten Jahre – hatte ich in der Folgezeit meines Lebens noch häufig. Durch mein bloßes biologisches Dasein war ich ja noch lange nicht ICH selbst. Die Verwirklichung zu einer Person bedurfte der Aktivität menschlicher Zuwendung. Wo aber sollte ich diese finden? Seit meinem Zirkusbesuch hatte ich so eine Ahnung bekommen, dass es auch Dinge in diesem Leben gab, die ein Kinderherz höher schlagen ließen, die Lebens­freude vermittelten. Einem wie mich, der von Beginn seiner Denkfähigkeit an darauf fixiert wurde, durch Pfiffigkeit alleine durchs Leben zu kommen, fiel es daher nicht schwer den Zusammenhang zwischen seinen Sprachkenntnissen und seiner Wunscherfüllung zu erfassen. In Leipzig 05 – Reudnitz- selbst, bekam ich höchst selten Russen zu Gesicht.

Leipzig Hauptbahnhof!

Die vereinzelten Besuche in der Stadt selbst hatten mich daran erinnert, dort häufig Uniformierte gesehen zu haben. Was einmal so gut vor der Zirkuskasse geklappt hatte, müsste sich doch wiederholen lassen, fand ich. So beschloss ich dann eines Tages, mich gleich nach der Schule in der Stadt umzusehen. Vom Vorsatz zur Ausführung gehört allerdings eine gehörige Portion Überwin­dung dazu, jemanden anzubetteln. War es eine Vorbestimmung meines Schicksals, welche mich direkt ins Zentrum allen Geschehens zog? Immer sind es die Hauptbahnhöfe der Groß­städte, die zum Anziehungspunkt gewisser Menschentypen werden. Natürlich war ich noch kein richtiger Mensch mit meinen zehn Lenzen. Ein Typ schon gar nicht. Es ergab sich ein­fach so. Ich registrierte lediglich dass, wenn ich welche sah, die Russen alle aus einer Rich­tung herkamen, und auch jener Richtung zustrebten. Die Tatsache, dass mir irgendwelche Offiziere – Soldaten hatten damals noch nicht die Freiheit sich ohne Begleitoffizier so ohne weiteres in der Stadt zu bewegen zu können – über den Weg liefen, gab mir noch lange nicht den Mut, sie auch wegen ein paar Groschen anzusprechen. Betteln, wenn einen der Hunger nicht gerade dazu treibt, ist gar nicht so einfach. Den inneren Schweinehund konnte ich nun doch nicht so ohne weiteres überwinden. Vor der Zirkuskasse waren die Umstände ziemlich einfach gewesen. Was aber sollte ich denen für eine Lügengeschichte erzählen, die mir über den Weg liefen? An einer glaubhaft erscheinenden Geschichte bastelnd hatte ich mich dem „Ameisenhaufen“ genähert, wohin mich der immer stärker werdende Strom uniformierter Passanten geführt hatte.

Leipzig Hauptbahnhof![17] Gerade mal aus den Ruinen auferstanden machte mir dieses Riesen­gebäude fast Angst. Respektvoll betrat ich zum ersten Mal durch den Ostflügel die überdi­men­sio­nale Halle. Noch nie hatte ich so etwas Großes im intakten Zustand erblickt. Sechs riesige Schwingtüren, ganz aus Glas darin, ein paar Schritte durch den Windfang, und noch einmal solche Türen. Eine Halle tat sich vor mir auf, fast so groß wie unser Schulpausenhof. Auch wenn es kitschig klingen mag: Ich war schlichtweg überwältigt von soviel sinnvoll zusam­mengefügten Steinen. Und dann erst die breite Steintreppe, die rauf zu den Bahnsteigen führte. Oben angekommen nochmals durch riesige Türen, wie schon unten am Eingang. An Tagen, wo es das Wetter nicht zuließ, die Türen mittels eines Riegels geöffnet zu halten, musste ich mich schon sehr anstrengen, diese Türen mit meinem mickrigen Gewicht auf­drücken zu können. Und dann erst die breiten Handgeländer, die die hochführende Treppe teilten. Noch nie hatte ich einen Spielplatz, geschweige denn eine Rutsche gesehen. Ganz intuitiv sagte mir mein Kinderherz, wofür sich dieses Geländer besonders gut eignen würde. Im Ver­laufe der nächsten zwei Jahre habe ich sehr oft dafür gesorgt, dass sich darauf kein Staub ansammeln konnte. Vor lauter staunendem Entdeckerdrang vergaß ich an diesem ersten Tag beinahe, weshalb ich überhaupt diesen weiten Fußmarsch in die City von Leipzig angetreten hatte. Aus der Sichthöhe eines Knirpses wie mir, war die Anzahl der Bahnsteige gar nicht zu überblicken. Aber unten in der Halle hatte ich in den Schaukästen schon einiges über diesen Bahnhof gesehen und gelesen. Bilder, so wie der Bahnhof vor dem Krieg ausgesehen hatte, Bilder, die den Bahnhof in Trümmern zeigten, und, wie sollte es auch anders sein, wie der Sozialismus Aufbauarbeit geleistet hatte, um den größten Sackbahnhof Europas wieder im alten Glanz entstehen zu lassen. 26 Bahnsteige, 4 riesige Eingänge. Das alles kennenzulernen hatte mich fast vergessen lassen, was mich hierher geführt hatte.

Diese imposante Kulisse Hauptbahnhof Leipzig, niemand der mir Einhalt gebot, veränderte wieder einmal mein Leben.[18]

 Fußnoten

[1] Dürfte sich um Lurchi gehandelt haben. https://de.wikipedia.org/wiki/Lurchi

[2] Gemeint sind offensichtlich Schuhe aus Bakelit https://de.wikipedia.org/wiki/Bakelit Bei Amazon gibt es welche im Angebot.

[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Br%C3%BCder,_zur_Sonne,_zur_Freiheit

[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Sopran

[5] Der RIAS (Rundfunk im amerikanischen Sektor) war eine Rundfunkanstalt mit Sitz im West-Berliner Bezirk Schöneberg, die nach dem Zweiten Weltkrieg von der US-amerikanischen Militärverwaltung gegründet wurde und von 1946 bis 1993 zwei Hörfunkprogramme und von 1988 bis 1992 ein Fernsehprogramm ausstrahlte. https://de.wikipedia.org/wiki/RIAS

[6] https://de.wikipedia.org/wiki/Freie_Deutsche_Jugend

[7] https://de.wikipedia.org/wiki/Pionierorganisation_Ernst_Th%C3%A4lmann

[8] https://de.wikipedia.org/wiki/Hitlerjugend

[9] https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsches_Jungvolk

[10] https://de.wikipedia.org/wiki/Blut_und_Ehre

[11] https://de.wikipedia.org/wiki/Medaille_f%C3%BCr_hervorragende_Leistungen_bei_der_sozialistischen_Erziehung_in_der_Pionierorganisation_%E2%80%9EErnst_Th%C3%A4lmann%E2%80%9C

[12] verkasematuckeln – Etwas erklären. Jemanden etwas begreiflich machen. https://www.mundmische.de/bedeutung/15492-verkasematuckeln

[13] Für Nicht-Sachsen: „die kaffee-sächsische Metropole“ https://de.wikipedia.org/wiki/Kaffeesachse

[14] https://de.wikipedia.org/wiki/Aktivist_der_sozialistischen_Arbeit

[15] https://de.wikipedia.org/wiki/S%C3%BCtterlinschrift

[16] Hier irrt Schulz. Trotz der Ähnlichkeit der Systeme entstammt die Parole dem Nazi-Wortschatz. Aus der Fülle der Angaben sei hier nur auf ein Gedicht von Carl Langhorst verwiesen: https://de.wikipedia.org/wiki/Carl_Langhorst

[17] https://de.wikipedia.org/wiki/Leipzig_Hauptbahnhof

[18] Hier endet der im Gefängnis geschriebene „Urtext“. Nach einer „Zwischenbilanz“ folgt die von uns (Dr. Krieg und mir) angeregte Fortsetzung, die in etwa den Umfang des ersten Teils hat. Schulz beginnt mit einigen Details, die schon geschilderte Zusammenhänge besser verstehen lassen.

Was gab’s bisher?

Editorische Vorbemerkung – https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/06/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt/   https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/06/00-editorische-vorbemerkung.pdf

Kapitel 1, Die Ballade von den beschissenen Verhältnissen – oder – Du sollst wissen, lieber Leser: Andere sind auf noch ganz andere Weise kriminell – und überheblich. https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/07/29/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-erstes-kapitel/   https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/07/01-erstes-kapitel.pdf

Kapitel 2, In Dönschten, am Arsch der Welt … ach Monika! https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/08/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-ii/https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/08/02-ach-monika.pdf

Kapitel 3, Weiter im Kreislauf: Heim, versaut werden, weglaufen, Lage verschlimmern. https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/09/28/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iii/   https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/09/03-weiter-im-kreislauf.pdf

Kapitel 4, 17. Juni 53: Denkwürdiger Beginn meiner Heimkarriere   https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/10/24/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iv/  PDF:  04-beginn-meiner-heimkarriere-17-juni-53_2

Kapitel 5, von Heim zu Heim  https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/11/21/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-v/   PDF: 05-von-heim-zu-heim

Kapitel 6, Wieder gut im Geschäft mit den Russen  https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/12/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-vi/   PDF: 06-wieder-gut-im-geschaft-mit-den-russen

Kapitel 7, Lockender Westen  https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/04/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-vii/ PDF 07-lockender-westen

Kapitel 8, Berlin? In Leipzig lief’s besser. https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-viii/  PDF: 08-berlin-in-leipzig-liefs-besser

Kapitel 9, Aber nun wieder zurück nach Berlin  https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/17/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-ix/   PDF: 09-aber-nun-wieder-zuruck-nach-berlin

Kapitel 10, Bambule  https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/02/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-x/   PDF: 10-bambule

Kapitel 11, Losgelöst von der Erde jauchzte ich innerlich vor Freude https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/06/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xi/   PDF: 11-losgelost-von-der-erde

Kapitel 12, Ihr Lächeln wurde um noch eine Nuance freundlicher. Süßer! https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/07/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xii/   PDF: https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2017/02/12-sc3bcc39fer.pdf

Kapitel 13, Von Auerbachs Keller in den Venusberg  https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/19/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xiii/  PDF: 13-von-auerbachs-keller-in-den-venusberg

Kapitel 14, Ein halbes Jahr Bewährungsprobe. Wo? Im Heim!  https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/21/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xiv/   PDF: ein-halbes-jahr-bewahrungsprobe

Kapitel 15, Spurensuche – und der Beginn in Dönschten  https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/22/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xv/  PDF: https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2017/02/15-spurensuche.pdf

Kapitel 16, Was also blieb uns übrig, als aufs Ganze zu gehen? https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/03/07/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xvi/    PDF: 16 Was also blieb uns übrig

Kapitel 17, War es den Aufwand wert, dieses beschissene Leben vor den Bomben zu retten?! https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/03/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xvii/           PDF: 17 War es den Aufwand wert

Kapitel 18, Ich war doch der einzige „Mann“ in der Familie … https://wordpress.com/post/dierkschaefer.wordpress.com/8148  PDF: https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2017/03/18-der-einzige-e2809emanne2809c-in-der-familie.pdf

Kapitel 19, Überhaupt, in der DDR gab es keine Kriminalität. https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/03/19/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xix/  PDF: 19 in der DDR gab es keine Kriminalität

Kapitel 20, Wie schnell sich doch die Weltgeschichte ändert!  https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/03/22/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xx/  PDF: 20 Wie schnell sich doch die Weltgeschichte ändert!

Wie geht es weiter?

Eine kriminologische Zwischenbilanz: Mit 15 Jahren ausgebufft und fit fürs Leben.

Kapitel 21, Erwähnte ich schon, dass ich ein cleveres Kerlchen war?

 

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XIX

logo-moabit-kDieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit,

die keine Kindheit war

 

Neunzehntes Kapitel

Überhaupt, in der DDR gab es keine Kriminalität[1]

Etwas besser wurde es dann aber schon im Sommer 49. Es wurde wieder einmal eine Sam­mel­aktion veranstaltet. Von Seiten der Russen, versteht sich. Wieder stand eine lange Reihe von Viehwaggons auf einem Bahnhof in Insterburg bereit. Diesmal aber mit einer Lok vorne und einer hinten. Ich weiß nicht mehr die Anzahl der Passagiere, die in solch einem Waggon untergebracht wurden. Jedenfalls hatte jeder genügend Platz, um sich ausstrecken zu können. Einmal am Tage wurde der Zug auf einsamer Strecke gestoppt. Dann wurden die Riegel draußen an der Türe hochgeschoben und wir durften unsere Beine vertreten oder unsere Not­durft verrichten. An beiden Seiten des Zuges standen aber in gleichmäßigen Abständen bewaff­nete Soldaten und passten auf, dass auch ja niemand den Zug versäumte, wenn er wei­ter fuhr. Für die übrigen Stunden der Fahrt konnte man ein Brett im Waggon zur Seite schie­ben und sich etwas Wind um den Hintern wehen lassen. Manchmal fuhr der Zug ja auch. Doch viel öfter blieb er irgendwo auf einem Neben­gleis ste­hen. Mal musste ein entgegenkom­men­der Zug vorbei gelassen werden, ein anderes Mal wurde auf Verpflegung gewartet. Dann fehlte wieder Kohle oder musste deswegen wieder ein Stück zurück fah­ren, um dort die Tender wieder aufzu­füllen. Welche Gründe uns auch immer für das lang­same Vorwärts­kom­ men genannt wurden. Nach genau 20 Tagen Hin- und Hergeschiebe kamen wir in Löbau an.insterburg - löbau.jpg[2]

Ein riesiges Barackenlager nahm uns auf. Ich weiß noch, dass ich die meiste Zeit um die Baracken schlich und nach Kippen Ausschau hielt. Der russische Machorka war meiner Mut­ter längst ausgegangen. Irgendwann in der stressigen Zeit hatte sie zu rauchen begonnen. Mein Vater war später darüber sehr entsetzt. Selbst aber ließ er seinen Rotzkocher, wo immer ein Stumpen drin steckte, nie ausgehen. Wer in Löbau den Sachbearbeitern ange­ben konnte, dass er im „Westen“ Verwandte hatte, wurde dorthin auf Reisen geschickt. Wer aber gar keine Ahnung hatte wo, wenn überhaupt, Verwandte wohnten, der wurde nach Gutdünken irgendwohin verwiesen.

Umlernen bei der Orientierung

leipzig - engelsdorfWir landeten in Leipzig-Engelsdorf.[3]

Eine Einraumwoh­nung für drei. Toilette auf halber Treppe. Unten im Haus gab es einen Kaufmanns­laden. Eines Tages schickte meine Mutter mich los, um Mostrich zu holen. „Haben wir nicht“, hieß es da. Ich suchte und fand einen anderen Laden, ich glaube, es war ein Metzgerladen. Ich fragte nach Mostrich, „haben wir nicht!“. Ich irrte weiter durch die Straßen. Ich sah wieder einen Laden. Ich rein. „Ich hätte gern Mostrich“ sagte ich zu der freundlichen Verkäuferin. Die schaute mich ganz komisch an. „Sag mal, du warst doch gerade hier. Wir haben keinen Mostrich“.

Bevor ich es richtig verarbeitet hatte, was die Frau mit dem, du warst doch gerade erst hier, gemeint hatte, mischte sich eine Kundin ein. „Natürlich haben sie Mostrich! Der Junge möchte Senf haben“, übersetzte sie mein Ostpreußisch ins Deutsche. Die Verkäuferin hatte begriffen und ich gelernt, dass es hier zwar keinen Mostrich, aber dafür Senf gab, was das­selbe sein sollte. Mir sollte es recht sein, Hauptsache ich kam nicht mit leeren Händen zu meiner Mutter. Mutter war nämlich etwas kränklich! Ich bekam meinen Mostrich, entschul­digung, Senf und ging zur Türe, die so schön bimmelte, wenn sie auf- oder zuging. „Sag mal, bist du nicht der kleine Schulz, der bei uns oben im Haus wohnt?“ fragte mich die Verkäu­ferin. Ich? Wieso wohnte ich hier oben im Haus? Desto länger ich in diesem Laden stand, umso bekannter kam er mir vor. Ja, richtig. Es war genau der, wo ich als erstes drin gewesen war. Folglich war ich ja auch gleich zu Hause. Ich hatte bei meiner Rumrenne­rei und ohne mich vorher mich zu vergewissern, wie meine Umgebung aussah, auf die Suche nach Mos… Senf gemacht. Tja, in den Trümmern von Königsberg oder Insterburg hätte ich mich nicht verlaufen. Ich musste ganz schnell umdenken lernen. Hier richtete man sich nicht mehr nach Mauern, die jeden Monat umzukippen drohten oder an Fenster, die eigentlich gar keine Fen­ster mehr waren, aber doch immer wieder anders aussahen. Mal rußgeschwärzt, mal nur zur Hälfte herausgeschossen. Hier konnte man sich an farbigen Tor-Tür Eingängen orien­tieren, an Bäumen und Sträuchern, die vor oder in der Nähe der Häuser noch wuchsen. Oben in der Wohnung wurde ich wegen meines langen Wegbleibens getadelt.

Syphilis! Auch ein Kriegsgeschenk.

Dann war Mutter fast ein halbes Jahr lang nicht da. Keiner, der so richtig schimpfen tat. Auf das Gezänk meiner Schwester gab ich nichts. Es wurde mir gesagt, dass meine Mutter schwer krank sei, aber bald wieder kommen würde. Viel später erst erfuhr ich, welche Krankheit meine Mutter so lange im Krankenhaus aufgehalten hatte. Syphilis! Ziemlich weit fortge­schritten. Auch ein Kriegsgeschenk.[4] Abgesehen davon, dass es von nun an immer genügend Brot gab, kam alles andere doch bald wieder aus der Nase wieder raus. Tagein tagaus Erbs­wurstsuppe[5]. War ja genau so ekelhaft auf die Dauer wie das ewige „Spinat-essen“ (Brennnessel und Melde[6]).

Etwas ganz Neues kam in Leipzig auf mich zu. Heutzutage freuen (?) sich Kinder schon ab dem vierten Lebensjahr darauf, endlich in die Schule zu kommen. Ich kannte das Wort Schule kaum. Jedenfalls hatte ich keine genaue Vorstellung davon. Bald schon sollte ich eine davon bekommen. Mit meinen fast neun Jahren, musste ich mich mit solchen Rotzlöffeln von 6jähri­gen in einem Raum aufhalten. Ganz ruhig auf einer Bank sitzen, das ABC lernen und anhand einer Uhr die Zahlen von 1-12 auswendig lernen. Aus einem A und einem U und noch einem A wurde dann das Wort aua, dann Auto, Autobus usw. Meine Schiefertafel und den daran hängenden Schwamm nebst Griffel hatte ich aufs Sorgsamste zu pflegen, wurde mir gesagt. Das alles hätte Vater Staat für mich bezahlt, und Vater Staat verlangte von mir, dass ich sein Eigentum schütze. Dabei wurde uns doch aber gleichzeitig beigebracht, dass alle Besitztümer dem Volke gehörten. Damit ich auch ja die richtigen Buchstaben in der richtigen Reihenfolge aufschrieb, drückte meine Schwester, diese Zicke, meinen Zeigefinger, mit dem ich auf den zu bestimmenden Buchstaben wies, so fest auf die Fibel, dass mir der Finger dabei fast abbrach, wenn ich mich mal verhaute. Oh ja, das Lesen und Schreiben hat sie mir schon beigebracht. Möchte nur mal wissen, woher sie das eigentlich konnte?

Alles süße Bonbons! Alle für mich!

Weihnachten 49. Es wurde wieder darüber gesprochen, dass es so etwas überhaupt nicht gab. Jahrelang wurde lieber darüber geschwiegen, um den Fragen der Kinder zu entgehen. Mutter war für kurze Zeit von der „Kur“ heimgekehrt. Es gab Tannenzweige und Kerzen, aus Bunt­papier geschnippelte Sternchen und Engel. Räucherstäbchen und Wunderkerzen. Verwunderte Augen bei mir! Was es nicht alles gab auf dieser Welt!? Mein allererstes Spielzeug (mit dem ich auch etwas anzufangen wusste) bekam ich. Ein Pappmachépferd! Etwa 20 cm groß. Das war aber noch nicht alles. Meine begehrlichen Blicke, immer wenn wir beim Bäcker vorbei gingen und ich die Süßigkeiten nicht aus den Augen ließ, waren meiner Schwester nicht entgan­gen. Sie musste bei meiner Mutter gepetzt haben. Eine halbe Monatsration der Zucker­marken opferte meine Mutter dafür. Ich bekam eine ganze Tüte voll. Kleine, etwa jedes einen Zentimeter groß, rote, blaue, weiße, grüne und andere Farben, Sterne, Halbmonde, Buch­staben und verschiedene Tiere waren an den Formen zu erkennen. Alles süße Bonbons! Alle für mich! Ich hatte eine kleine Ecke für mich. Auf einem Stück es Pappe reihte ich sie zunächst nach Farben, dann nach Formen und Buchstaben auf. Die Sorte, die die längste Reihe bildete, wurde nach und nach, Stück für Stück in den Mund gesteckt. Wo denken sie hin? Nicht doch! Nein, nicht alle auf einmal, jeden Tag wurde neu geordnet und gezählt. Am 27. Januar hatte ich immer noch genug davon, um meinen Geburtstag zu feiern. Ein Nach­bars­junge bekam sogar aus jeder Reihe eines ab. Die Schule machte Fortschritte. Es gab nur noch sehr selten etwas mit dem Rohrstock auf die Finger, oder ein Stück Kreide an den Kopf geworfen, wenn man den Unterricht störte. Ein Lehrer hatte die hässliche Angewohnheit einem mit einer verblüffenden Zielgenauigkeit den nassen Schwamm von der Tafel an den Kopf zu werfen, sobald er einen Sünder ertappt hatte. Ich habe eigentlich nur seine Treff­sicherheit bewundert, auch aus der Drehung heraus, wenn man glaubte, er schreibe an die Tafel. Sonst habe ich ihn gehasst! Sein Schlüsselbund, welches er ebenfalls als Wurfgeschoß benutzte, tat gemein weh, wenn es traf. Meistens traf er auch damit. Dafür schmuggelte ich ihm ab und zu mal eine tote Maus, Ratte oder gar eine halbverweste Katze in seine Akten­tasche. Das machte ihn aber auch nicht freundlicher uns Schülern gegenüber. Bloß gut, dass ich dieses Ekel nur ein knappes Jahr ertragen musste. Die Schule stand 1990 immer noch an ihrem Platz!

Wir zogen erst noch mal innerhalb von Engelsdorf um. Meine Mutter durfte dort in einem schönen großen Haus einen alten Mann (tot-)pflegen. Danach gehörte das Haus auto­matisch dem Staat, da keine Erben vorhanden waren. Dass der alte Herr König (so hieß er wirklich!) meiner Mutter das Haus vermacht hatte, wollte man nicht wahr haben. Ein paar Möbel und vom Geschirr durften wir mitnehmen.

Dann durfte meine Mutter sich am Aufbau des Sozialismus beteiligen.

Welche Reichtümer wir da in unseren Händen hatten, wurde uns erst viel zu spät bewusst. Nach und nach wanderte der Zierrat, der an Möbeln dran hing, in den Ofen. Alles geschnitzte Handarbeit aus bestem Holz und von antiquarischem Wert. Und erst eine riesige Menge ech­ten Meißner Porzellans, nebst kleinen Nippfiguren. Alles mit den Schwertern dieser so berühm­ten Porzellanmanufaktur versehen. Man stelle sich vor, wir hatten kaum genug, um die Schüsseln zu füllen, die das blaue Zwie­bel­muster zeigten, und wussten gar nicht, wie reich wir waren. So mancher Nabob hätte dafür ein Vermögen auf den Tisch geblättert. Nur, wir lebten im Jahre 50 in der DDR! Um einmal an ein Eis zu kommen oder anderes Begehrens­wertes, was ein Kinderherz höher schlagen lässt, musste ich schon selbst dafür sorgen, dass ich es auch bekam. Ich sammelte ganze Schuhkartons voll Maikäfer (richtige Maikäfer, sol­che die heute in der Zeitung abgebildet werden, sofern man solch ein Exemplar vorweisen kann!) und bekam dafür ein paar Groschen von jemandem, der seine Hühner damit fütterte. Was derjenige mit den Mäusen fütterte, der pro Stück lebender Maus 10 Pfennige zahlte, ist mir nicht bekannt geworden. Wir machten aber zu zweit oder dritt Jagd auf diese possier­lichen Tierchen. Nachdem die Kartoffelfelder abgeerntet waren, machten wir die größte Beute. Unter dem zuhauf geworfenen Kartoffel­kraut hielten sie (die Mäuse) sich am liebsten auf. Zu dritt ging es am besten. Einer hob mit einer Heugabel den Haufen hoch und die ande­ren gut postiert um den Haufen, brauchten nur noch möglichst schnell so viele als es nur ging von den davon huschenden Pelztierchen einfangen.

Das Karussellfahren auf dem Dorfanger, wenn mal eins da war, hatten wir umsonst. Oder zumindest fast umsonst. Zwei oder drei schoben oben auf einem breiten Brett herum laufend das Karussell, die die mitfuhren mussten einen Gro­schen löhnen. Hatte man nun ein paar Runden geschoben, durften das die anderen tun und man selbst durfte sich schieben lassen. War doch eine nette Geste des Karussell­besitzers, finden Sie nicht auch?

Dann durfte meine Mutter, wieder vollkommen genesen, den armen Herrn König totgepflegt, sich am Aufbau des Sozialismus beteiligen. Damit sie ihre Arbeits­kraft auch gut dafür ein­setzen konnte, bekamen wir schon eine Stadtwohnung. Dabei spielte es überhaupt keine Rolle, dass man dort keinen Gegenstand gerade hinstellen konnte. Die Treppe ließ es zu, dass wir auf ihr unbeschadet unsere geerbten Möbel hinaufschleppten. Ansonsten wiesen die Fuß­böden ein solches Gefälle auf, dass wir das Regenwasser gar nicht aufwischen brauchten, was von oben herein kam. Alles lief immer in die gleiche Ecke, ziem­lich schnell sogar, und ver­sickerte dort genau so schnell. Einbrecher hätten bei uns keine Chance gehabt. Wer sich nicht im Haus auf jedem Quadratmeter genauestens auskannte, brach sich unweigerlich das Genick, schon auf der Treppe. Da meine Mutter bei ihrem Steine­klopfen nur Aktivistin wurde, aber keine Reichtümer ansparen konnte, blieben wir von sol­chen Heimsuchungen verschont. Überhaupt, in der DDR gab es keine Kriminalität. In diesem Staate war das Volk in allen Belangen glücklich und zufrieden. Bei einem Wochenlohn von ca. 60 Mark, bar auf die Kralle, kostete ein Pfund Kaffee, wenn es ihn mal gab, ganze 40 Mark. Zigaretten gab es auch schon zu erschwinglichen Preisen. Sogar einzeln konnte man sie in der nächsten Kneipe kaufen.

Lieber einen warmen Hintern als einen leeren Schrank in der Wohnung.

Für ein Dreipfundbrot brauchte man nur ganze 72 Pfennige auf den Ladentisch zu legen. Fleisch/Fisch gab es auch. 480 Gramm im Monat. Auf PC Lebensmittelmarken[7] versteht sich. Dafür aber war diese Menge garantiert. Mit oder ohne Knochen, das lag immer ganz an dem Verkäufer. Der musste ja auch noch etwas für seine „zahlenden“ Kunden übrig behalten. Holz und Kohle gab es auch auf Bezugsschein. Nur der Winter durfte nicht zu hart ausfallen. Dann vergriff man sich eben an Möbelstücken. Lieber einen warmen Hintern als einen leeren Schrank in der Wohnung.

Ich hatte es nicht sehr weit bis zur Ernst-Thälmann-Straße. Eine der beliebtesten und größten Straßen, die ich bis dahin je kennengelernt hatte. Ich lief gern dort­hin, wenn es mal was zu besorgen gab. Irgendjemandem war irgendwann mal der Einfall gekommen, dass man eine Straße auch mit einer Holzdecke versehen könnte. Irgendjemand anders hatte dies auch für gut befunden und ließ diese Idee in die Tat umsetzen. Mir ist nie in meinem weiteren Leben solch eine Straße wieder unter die Füße gekommen. Dabei bin ich schon über viele Straßen in vielen Städten und Ländern gelaufen. Diese Straße also war für mich das Größte. Über eine Kreuzung waren Drähte gespannt. Schön hoch. Dort wo die Drähte zusammenliefen, logischerweise in der Mitte der Kreuzung, hing eine Ampel. Gar nicht zu übersehen – im Uhrzeigersinn drehte sich ein Zeiger. Oben und unten zeigte der Zeiger auf grün. Rechts und links auf rot. Natürlich galt das immer nur für die Richtung aus der man kam.[8] Dort wo ich das eine Mal, wovon ich gerade rede, über die Straße wollte, zeigte der Pfeil ganz eindeutig für mich die Grünphase an. Nicht nur noch ein bisschen, wo das Hinüberkommen über die Straße schon mit einem Risiko ver­bunden gewesen wäre. Ich hätte ganz einwandfrei über die Straße schleichen, dabei eine Schnecke an der Leine mit­führen können.

Soviel Glück hat nicht jeder, dass er einen Unfall hat und aus dem Auto, das ihn gerade beinahe zu Tode gefahren hätte, gleich ein Arzt aussteigt.

Wie ich schon fast auf der Mitte der Fahrbahn bin, der Zeiger der Ampel hatte gerade etwa eindrittel der grünen Marke überschritten, war es bereits zu spät. Schließlich, und gerade als Kind, verlässt man sich darauf, dass die Erwach­senen die Verkehrszeichen beach­ten. Das ich heute noch lebe, habe ich nur dem Umstand zu verdanken, dass, irgendjemandem irgendwann mal der Einfall gekommen war, dass man eine Straßendecke auch aus Holz her­stellen könne, und das irgendjemand anders diese Idee auch hatte verwirklichen lassen. Der gute alte Petrus da oben hatte auch seinen Anteil daran, dass ich heute noch am Leben bin. Wäre die Holzstraße nämlich nicht vom Regen so glitschig gewesen, hätten mich die Räder des Autos glatt überrollt. So aber schoben mich die abge­brem­sten Räder des Wagens nur ein paar Meter über das nasse Parkett. Parkettartig waren die Holzstücke auf der Straße verlegt. Hatte ich also ein Glück. Soviel Glück hat nicht jeder, dass er einen Unfall hat und aus dem Auto, das ihn gerade beinahe zu Tode gefahren hätte, gleich ein Arzt aussteigt. Dieser Arzt hatte es nur ganz eilig gehabt, weil er dringend zu einem Patienten musste. Sagte er! Doch nun hatte er auf einmal eine Menge Zeit übrig. Die aufge­brachte Menge, die alle Zeugen von seinem Ver­schul­den waren, hätten ihn am liebsten gelyncht. Sicher, ich war wohl ziemlich blass um die Nase, der Schreck war aber größer als der Schmerz. Mein Hemd war hinüber, die Hose taugte auch nicht mehr für die Schule, reich­lich Hautabschürfungen, die aber von dem grünlichen, moosähnlichem Zeug herrührte, das aus den Ritzen des Parketts stammte, und Schlamm, der mich nicht zuletzt so gut über die Straße hatte gleiten lassen, bedeckten meinen Körper und ließen alles viel gefährlicher aus­sehen, als es war. Der besorgte Arzt, der mehr Angst vor der Polizei zu haben schien als vor der Menge, beruhigte und säuberte mich, mit Jod, dieses Scheusal. Erst jetzt hatte ich Schmer­zen, und das nicht zu knapp. Er wurde nicht gelyncht! Ich jammerte mehr wegen meiner schö­nen Sachen, die dabei unbrauchbar geworden waren und … wegen des Jods auf meinen Schürf­wunden. Genau gegenüber auf der anderen Straßenseite gab es ein Konfektions­geschäft. Der Doktor ging dort mit mir hinein. Und, ich bekam die erste lange Hose meines Lebens. Bis dahin trug ich, wie fast jeder andere Junge, wenn es kälter wurde, ein Leibchen mit Strippen dran und lange Strümpfe. Heute besser als Strapse bekannt und nur noch zur Erotisierung der Männer angewandt. Ein Zwanziger diente als Trostpflaster nachdem ich neu eingekleidet den Heimweg antrat.

Wer hat schon mal versucht eine erschreckte Glucke zu beruhigen?

Leider! war meine Mutter schon zu Hause. Misstrauisch wegen meiner funkelnagelneuen-piekfeinen Kluft hieß sich mich diese sofort auszuziehen, weil sie glaubte, die könnte ich mir nur unrechtmäßig ange­eignet haben. Überzeugt davon, dass ich ihr die Wahrheit gesagt hätte, dass die Sachen mir gehörten und sie gerne mit mir in das Geschäft gehen könnte, um es sich bestätigen zu lassen, war sie der Sorge enthoben, ihr Sohn sei ein Dieb. (Die kleinen Dinge, die wir in unserer Heimat hatten mitgehen lassen, gehörten zu Überlebenskampf, wie sie zu sagen pflegte!) Trotzdem bestand sie drauf, dass ich diese schönen Sachen, die ich mir verdient hatte, wie ich ihr glaubhaft versicherte, gleich ausziehen solle, sie seien zu schade, um damit in der Woh­nung oder auf der Straße rumzu­toben. Liebe Mutter, wärest du nicht mit so einer robusten Natur ausgestattet gewesen, hätte der Krieg uns nicht schon abgehärtet, du wärst bestimmt in Ohnmacht gefallen, als du endlich, nach längerem Sträuben meinerseits, deinen Willen durch­gesetzt hattest und ich mich auszog! Ich habe es ja bereits erwähnt, alles sah viel schlimmer aus, als es war! Zweifellos stand ich lebendig vor meiner Mutter, doch sie benahm sich als würde ich bereits im Sterben liegen, oder Ähnliches! Zwischen Schreck und Sorge um mich, wechselte ihre Stimmung. Wer hat schon mal versucht eine erschreckte Glucke zu beruhigen? Ich brauchte einige Anläufe bis ich meine Mutter zum Zuhören bewe­gen konnte. Bis dahin hatte ich die Erfahrung gemacht, dass sich nur Kinder sehr schwer von einer einmal vorgefaßten Meinung abbringen ließen. Doch auch Erwachsene konnten sich manchmal unvernünftig benehmen. Zum Glück hatte mir der Arzt auch noch so etwas wie eine Visitenkarte mitgegeben. Erst als es mir einfiel, diese meiner Mutter auch noch als Beweis vorzulegen, dass gleich ein Arzt an Ort und Stelle gewesen sei, benahm sie sich wieder normal. Das, was sie mir dann auf meine „Wunden“ schmierte, war viel angenehmer zu ertragen als das Jod von dem Scheusal von Arzt.

Fußnoten

[1] https://www.cilip.de/2004/02/29/ddr-kriminalstatistik-immer-mit-blick-richtung-westen/   https://www.geschichtscheck.de/2016/10/10/war-die-kriminalitaet-in-der-ddr-geringer-als-in-der-brd/

[2] Karte: https://www.google.de/maps/dir/Insterburg,+Oblast+Kaliningrad,+Russland/L%C3%B6bau(Sachs),+L%C3%B6bau/@52.7852821,13.7628315,6z/data=!3m1!4b1!4m13!4m12!1m5!1m1!1s0x46e3e9392d4379df:0x9dcf2cb794c28ad4!2m2!1d21.8311353!2d54.6312721!1m5!1m1!1s0x4708e29ef8503bfb:0xef7b61ac366daefc!2m2!1d14.671941!2d51.099447

[3] Karte: https://www.google.de/maps/place/Engelsdorf,+Leipzig/@51.3372963,12.4442049,13z/data=!3m1!4b1!4m5!3m4!1s0x47a6ff3573fa7d45:0xb2ff2b2913df2d41!8m2!3d51.3382024!4d12.4799296

[4] Da wird die Mutter kaum gesagt haben dürfen, dass dies ein Geschenk der sozialistischen Bruderarmee war. https://dietrommlerarchiv.wordpress.com/2017/03/09/waffenbruederschaft/amp/ .

[5] https://de.wikipedia.org/wiki/Erbswurst

[6] Die Melden (Atriplex) sind eine Pflanzengattung in der Familie der Fuchsschwanzgewächse (Amaranthaceae). Mit etwa 300 Arten ist dies die artenreichste Gattung der Familie. Der Name Melde ist vom „bemehlten“ Aussehen der behaarten Pflanzen abgeleitet.[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Melden

[7] https://de.wikipedia.org/wiki/Lebensmittelmarke

[8] Heuer-Ampel https://de.wikipedia.org/wiki/Ampel#/media/File:Heuerampel.png

Was gab’s bisher?

Editorische Vorbemerkung – https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/06/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt/ https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/06/00-editorische-vorbemerkung.pdf

Kapitel 1, Die Ballade von den beschissenen Verhältnissen – oder – Du sollst wissen, lieber Leser: Andere sind auf noch ganz andere Weise kriminell – und überheblich. https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/07/29/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-erstes-kapitel/ https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/07/01-erstes-kapitel.pdf

Kapitel 2, In Dönschten, am Arsch der Welt … ach Monika! https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/08/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-ii/https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/08/02-ach-monika.pdf

Kapitel 3, Weiter im Kreislauf: Heim, versaut werden, weglaufen, Lage verschlimmern. https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/09/28/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iii/ https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/09/03-weiter-im-kreislauf.pdf

Kapitel 4, 17. Juni 53: Denkwürdiger Beginn meiner Heimkarriere https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/10/24/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iv/     04-beginn-meiner-heimkarriere-17-juni-53_2

Kapitel 5, von Heim zu Heim https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/11/21/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-v/   PDF: 05-von-heim-zu-heim

Kapitel 6, Wieder gut im Geschäft mit den Russen https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/12/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-vi/    06-wieder-gut-im-geschaft-mit-den-russen

Kapitel 7, Lockender Westen  https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/04/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-vii/ PDF 07-lockender-westen

Kapitel 8, Berlin? In Leipzig lief’s besser. https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-viii/   PDF: 08-berlin-in-leipzig-liefs-besser

Kapitel 9, Aber nun wieder zurück nach Berlin  https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/17/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-ix/    PDF: 09-aber-nun-wieder-zuruck-nach-berlin

Kapitel 10, Bambule  https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/02/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-x/   PDF: 10-bambule

Kapitel 11, Losgelöst von der Erde jauchzte ich innerlich vor Freude https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/06/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xi/   PDF: 11-losgelost-von-der-erde

Kapitel 12, Ihr Lächeln wurde um noch eine Nuance freundlicher. Süßer! https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/07/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xii/   PDF: https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2017/02/12-sc3bcc39fer.pdf

Kapitel 13, Von Auerbachs Keller in den Venusberg https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/19/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xiii/    PDF: 13-von-auerbachs-keller-in-den-venusberg

Kapitel 14, Ein halbes Jahr Bewährungsprobe. Wo? Im Heim! https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/21/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xiv/    PDF: ein-halbes-jahr-bewahrungsprobe

Kapitel 15, Spurensuche – und der Beginn in Dönschten https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/22/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xv/   PDF: https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2017/02/15-spurensuche.pdf

Kapitel 16, Was also blieb uns übrig, als aufs Ganze zu gehen? https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/03/07/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xvi/    PDF: 16 Was also blieb uns übrig

Kapitel 17, War es den Aufwand wert, dieses beschissene Leben vor den Bomben zu retten?! https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/03/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xvii/           PDF: 17 War es den Aufwand wert

Kapitel 18, Ich war doch der einzige „Mann“ in der Familie … https://wordpress.com/post/dierkschaefer.wordpress.com/8148 PDF: https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2017/03/18-der-einzige-e2809emanne2809c-in-der-familie.pdf

Kapitel 19, Überhaupt, in der DDR gab es keine Kriminalität. https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/03/19/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xix/   PDF: 19 in der DDR gab es keine Kriminalität

 Wie geht es weiter?

Kapitel 20, Wie schnell sich doch die Weltgeschichte ändert!

 

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XVI

moabit k1Dieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit,

            die keine Kindheit war

Sechzehntes Kapitel

Was also blieb uns übrig, als aufs Ganze zu gehen?

Die Grenze war nicht weit und wir würden es auch ohne die Hilfe des Onkels schaffen. Es wäre doch gelacht. Was der konnte, schafften wir schon lange. Die Alteingesessenen im Schlaf­­saal wollten natürlich Einzelheiten über uns erfahren. Wir logen ihnen einfach die Hucke voll. Sie gaben sich mit dem, was sie über uns erfahren hatten, zufrieden und schliefen auch bald ein. Wir auch. Wer weiß, wann wir wieder in solch frischgemachten Betten schla­fen würden. Nach der halb durchwachten vergangenen Nacht schliefen wir auch bald den Schlaf der Gerechten. Die anderen mussten in die Schule, wir waren davon befreit. Dafür durften wir uns im Tagesraum mit Mikado, Halma oder Schach die Zeit vertreiben. Wie wir so schön beisammen saßen, konnte ich meine Kumpane mit meinem neuen Fluchtplan über­raschen. Nach der zweiten großen Pause unten auf dem Schulhof begaben wir uns wieder in den Schlafsaal mit dem Hinweis, dass wir Schlaf nachzuholen hätten. Es wurde uns auch gestattet. Wir wurden aber darauf aufmerksam gemacht, dass sich für den Nachmittag einige Herren angemeldet hätten, die noch einige Fragen an uns haben würden. Auch gut. Sollten die fragen, wen sie wollten. Am Nachmittag wollten wir schon über alle Berge sein. Ach so, hier gab es nur Flachland? Egal, dann eben an der Grenze. Ich hatte mich am Stand der Sonne orien­tiert und erkannte, wo Westen lag. In diese Richtung mussten wir, um an die Grenze zu kommen. Aus dem Haus und über die Mauer waren wir schnell. Direkt zwischen dem Haus und der Mauer wuchs nämlich eine mächtige Eiche. Deren Äste dienten uns als Brücke. Klar, etwas Mut musste man schon aufbringen, um die etwa anderthalb Meter freien Raum zu überspringen und sich an einem Ast festzuhalten. Nur dem Mutigen gehört die Welt! Wir hatten die weite Reise doch nicht unternommen, um sie hier schon wieder enden zu lassen. Oder? Herz gefasst, gesprungen, rübergerobbt. Über die Mauer und nichts wie weg! Die Richtung, in der wir uns bewegten war richtig. Bald sahen wir die ersten Hinweisschilder. Halberstadt[1]. Das musste doch schon in der Nähe der Grenze liegen, wenn ich die Deutsch­land­karte richtig im Kopf hatte? Ausgelassen vor Freude darüber, wieder in Freiheit zu sein und den anderen wieder mal ein Schnäppchen geschlagen zu haben, hüpften, ja tanzten wir fast die Straße entlang. Wir hätten ja auch vom Bahnhof aus (wer hätte uns schon so nahe beim Heim gesucht?) einen Zug in Richtung Halberstadt nehmen können. Der Schienenstrang wies zumindest in die Richtung.

Ein „Zimmer“ mit schwedischen Gardinen

Doch gewitzt durch die innerdeutsche Grenze zu Berlin konnte ich mir denken, dass auch hier in dieser Grenznähe ähnliche Kontrollen stattfinden könnten. Auf ein paar Stunden kam es jetzt auch nicht mehr an, bis wir „Drüben“ sein würden. Oh, kindliche Unbeschwertheit. Du kennst nicht die Fallstricke, mit denen Erwach­sene dir das Leben zur Hölle machen. In unse­rer Ausgelassenheit zeigten wir mehr oder weniger den vorbeibrausenden, meist LKW-Fah­rern, unseren Daumen. Was wir gar nicht zu hoffen gewagt hatten, traf dann aber doch ein. Einer der vorbeifahrenden ging vom Gas auf die Bremse. Wir liefen schnell hin. „Wo soll es denn hingehen?“ „Halberstadt!“ „In Ordnung Jungs! Springt hinten drauf!“ Ein oben offe­ner, mit grünen Kübeln beladener Kasten nahm uns auf. Und ab ging die wilde Fahrt. Wir ließen uns ordentlich den Wind um die Nase wehen, als wir über das Führerhaus gebeugt den Weg verfolgten, den der Wagen nahm. Das war dann aber auch schon die letzte Nase voller Wind, den wir in Freiheit genossen. Denn zu unserem Entsetzen, bog der Wagen nicht nach links ab, wo das Schild nach Halberstadt wies, sondern brauste mit fast unverminderter Geschwindig­keit in die Rechtskurve. Wir brauchten nicht allzu lange nachgrübeln, wohin die Fahrt uns führen würde. Rechts freies Feld, links freies Feld. Doch nur wenige hundert Meter wuchs in dieser Landschaft ein Gebäudekomplex heraus. Umgeben von einer grün gestriche­nen Mauer. Durch das weit geöffnete Tor brauste der Wagen auf den Hof. Hatten wir ein „Glück“! Unser freundlicher Fahrer brachte gerade das Mittagessen aus irgendeiner Groß­küche zu seinen Kol­legen von der Grenzpolizei. Soweit konnte diese also gar nicht mehr entfernt sein. Das nützte uns aber herzlich wenig. Für uns war die Grenze wieder einmal unerreichbar geworden. Natürlich beka­men wir von den Bullen kein Mittagessen ab. Das mussten wir unter hämischem Grinsen der Anderen im Heim einnehmen. Mahlzeit! Durch diesen Vorfall gewarnt kamen wir nicht wieder in unseren alten Schlafsaal. Man hatte hier vielleicht schon schlechte Erfahrungen mit anderen Aspiranten gemacht. Für solche Kunden hatte man sogar ein „Zimmer“ mit schwedi­schen Gardinen[2]. Durch das Hinein­zwängen von vier Betten wurde es ziemlich eng. Für uns aber sehr gemütlich. Außer dass sich mehrere Herren die Zähne mit ihren Fragen an uns aus­bissen und wir ein Spielemagazin zu Verfügung hatten, gab es kaum Abwechslung. Wir waren selbst sehr gespannt darauf, wann man endlich dahinter kommen würde, wohin wir gehörten. Unter den Bullen, die uns bisher vergeblich in dieser Beziehung vernommen hatten, musste doch ein etwas helleres Köpfchen dabei gewesen sein. Zwei von uns sächselten aber zu sehr, als dass das nicht auffallen konnte. Man hatte anscheinend ganz richtig in diese Rich­tung recherchiert. Nach ca. drei Wochen kam einer der Herren uns im Tages­raum triumphie­rend entgegen, als hätte er eine Glanztat voll­bracht, dabei war es nur reine Routinearbeit gewe­sen, und verkündete mit vor Stolz geschwell­ter Brust, dass man nun wisse, woher wir ‚Früchtchen’ (also doch ein Standardsatz, der bei der Polizeischule gelehrt wurde) kämen. Eine komplette Namensliste mit Heim und Heimanschrift las er uns vor. Na bitte, dann konnte unsere Rückreise ja beginnen! Mehr als von meinem Onkel, dass wir auf den Weg nach „Drüben“ waren, konnten sie in ihren Akten nicht vermerken. Waren die vielleicht blöd!? Nach einer weiteren Wartezeit von zwei Tagen hatte man endlich eine Tante vom Jugendamt aufgetrieben, die uns zurück nach Dönschten bringen sollte. Die Trapo[3] in Leipzig sei auch schon informiert teilte sie uns mit. Dort würden wir bis zum Weitertransport unsere Zeit über­brücken. Das hatte mir gerade noch gefehlt. Von denen hatte ich schon längst die Schnauze gestrichen voll.[4]

Schon bei dem Wort „Pissen“ zuckte sie furchtbar zusammen

Ich hatte schon gar keine Lust mehr, überhaupt so weit mitzufahren. Auch diese Dame hatte einen Vierkantschlüssel, womit sie Zugabteiltüren öffnen und schließen konnte, ganz nach Belieben. Sobald einer von uns musste, bemühte sie den Schaffner, der uns bis an die bewusste Tür begleiten musste. Ich hatte sehr bald bemerkt, dass die Dame aus einer besseren Familie stammen musste. Schon bei dem Wort „Pissen“ zuckte sie furchtbar zusammen und bekam einen puterroten Kopf. Das reizte mich dazu, mit den anderen Jungs ein wirklich schlüpfriges Gespräch zu beginnen. Die schliefen ja auch nicht auf einem Baum. In ihrer Stimme lag überhaupt keine Autorität, als sie uns aufforderte, solch schmutzige Worte zu unterlassen. Besonders reißfest waren ihre Nerven nicht gerade. An ihrem Verhalten merkten wir Schlingel, dass sie einer Ohnmacht nahe war. Sie wusste, je länger es dauerte schon gar nicht mehr, wohin sie in ihrer Verlegenheit noch schauen sollte.

Mit fahrigen Bewegungen zupfte sie an ihrem Rock herum und hielt dabei die ganze Zeit den Vierkantschlüssel, das Objekt unserer Begierde, – nicht ihr Körper, wie sie zu glauben schien – zwischen ihren Fingern fest. Irgendetwas musste geschehen. Wir näherten uns Leipzig mit D-Zug-Geschwindigkeit. Draußen lief der Schaffner vorbei und verkündete den nächsten Zug­halt. Ich glaube, will es aber nicht beschwören, es war Schkeuditz[5]. Unsere Begleitdame, so sehr sie sich auch unserer Gegenwart schämte, schien nicht bereit zu sein, uns aus dem Abteil zu werfen. Etwas nachhelfen mussten wir schon noch. Während Peter einen besonders schmut­zigen Witz erzählte, den ich sogar behalten habe, hier aber nicht wiedergeben kann, lauschten sie meinem leisen Vorschlag, den ich ihnen zu machen hatte, um aus diesem Abteil und rechtzeitig in Schkeuditz (?) aus dem Zug zu kommen. Das sei ein tolles Stück, fanden sie. Ich auch. Aber nur am Tage war ich Narr. Nachts weinte ich auch schon mal unter der Bettdecke. Immer nur den Abgebrühten spielen, war für meine kleine Jungenseele doch nicht so leicht wegzustecken, wie es den Anschein haben mag.

Was also blieb uns übrig, als aufs Ganze zu gehen? Alles, was ich an Männlichkeit zu bieten hatte, holte ich, mich direkt vor die Dame aufbauend, aus meiner Hose. Meine Güte, machte die ein Wesen daraus. Wie nur würde sie reagieren, wenn ihr mal was Richtiges unter die Augen kam und nicht nur so ein kleiner Zipfel, wie ich ihn zu bieten hatte. Sie hätte ja rein­beißen können, dann hätte sie ihre Ruhe vor mir gehabt. Dicht genug stand ich ja vor ihr. Aber nein, sie fuchtelte wild mit ihren Händen vor ihrem Gesicht herum und strampelte mit ihren Füßen. Warum nicht gleich so? Der Schlüssel flog ihr aus der Hand, einer der Jungen fing ihn geschickt auf, öffnete die Schiebetüre. Ich musste nur noch den kleinen Zipfel weg­stecken und mich den anderen anschließen. Wegstecken musste ich ihn schon, soviel Zeit musste sein. Ich wollte mich ja schließlich nicht zum Gespött der Leute machen, die uns im Zug begeg­neten. Ach ja, ich hatte mir auch noch die Zeit dazu genommen, die Abteiltür von außen zu verriegeln. Auch das musste sein, weil gerade jetzt der Zug seine Geschwindig­keit zu ver­mindern begann. Wir kamen unbehelligt aus dem Zug und von ihm weg. Nicht dass wir uns auf direktem Wege auf Leipzig zu bewegten. Oh nein! So leicht wollten wir es den Bullen nun doch nicht machen! Für die restlichen ca. 20 km ließen wir uns zwei Tage Zeit und mach­ten dabei eine Menge Lauben unsicher. Um uns zu ernähren, hatten wir ja unsere Notgroschen noch in der Hose. Das Geld konnte ja nicht ewig reichen. Deshalb verblödete ich mich nicht, in Leipzig wieder für Nachschub zu sorgen. Für dubiose Diebstähle, wie vorgeschlagen wurde, hatte ich nicht viel übrig. Ich war in diesem Metier nicht sehr bewandert und es schien auch nicht kalkulierbar genug, die Beute, die man dabei machte. Wir brauchten Bargeld und nicht irgendwelchen Tand, der erst noch verhökert werden musste. Solange wir uns nicht gerade alle auf einem Haufen aufhielten, und somit unnötig auffallen mussten, sah ich kaum Gefahr darin, erwischt zu werden. Ich fand in der Höhle des Löwen seien wir am besten geschützt. Deshalb hielten wir uns auch ganz kackfrech auf dem Hauptbahnhof in Leipzig auf. Leipzig sollte angeblich der größte Sackbahnhof Europas sein (?). Wie dem auch sei, ich wusste jedenfalls, dass jeder Zug, der hier eintraf, immer auch russische Offiziere ausspuckte. Aus allen Richtungen der DDR kamen sie hier an. Viele davon kamen hauptsächlich nur des­halb hierher, weil sie vor ihrem Heimaturlaub noch schnell ein paar Dinge einkaufen wollten, um ihren Frauen, Müttern und sonstigen Lieblingen etwas Besonderes mitzubringen. Nähere Einzelheiten über mein „Geschäft“ werden an anderer Stelle eingehender behandelt, ohne das ich deswegen Geheimnisse preisgebe, die nicht schon längst überholt wären. An guten Tagen, wenn ich nur intensiv genug arbeitete, vorausgesetzt, es war genügend Soore[6] auf dem Markt, konnte ich mit Leichtigkeit an so einem Tag mehr verdienen, als der Monatslohn eines Bullen ausmachte.

Härte wurde abverlangt und, gezeigt!

An den nächsten Tagen lief alles wie geschmiert. Übermütig geworden, nicht ich, aasten die Bengels mit dem Geld herum. Wir dachten uns nicht viel dabei, als eines Abends S. nicht zu unserer Laube zum Schlafen kam. Er war wohl wieder mal bei seinem Bruder. Er stammt aus Leipzig. Unsere Alarmglocken schlugen erst an, als es bereits zu spät war. Grelles Scheinwer­fer­licht und hereinstürmende, bewaffnete Bullen (oder war es umgekehrt?) rissen uns aus dem wohlverdienten Schlaf. Den Grund unseres Entdecktwerdens sahen wir dann auf dem Polizei­revier, wohin wir gebracht wurden. Nein, nicht angetrunken, nicht betrunken, sturzbesoffen war unser lieber Mitausreißer S., den wir dort wiederfanden. Ich wunderte mich nur, wie die Bullen etwas aus diesem Suffkopp hatten herausbekommen können, vor allen die präzise Lage unserer Laube. Zu seiner Schande gestand er uns, dass er es selbst nicht mehr wüsste, wo man ihn aufgelesen, was er ihnen alles erzählt hatte. Schicksal! Das Kind war in den Brun­nen gefallen. Da half auch kein Vorwurf etwas. Mit Hallo und der obligatorischen Ver­haue wur­den wir wieder in Dönschten empfangen.

Peter und ich passten uns danach wieder dem Heimleben an, bemühten uns die Dinge für den kommenden Weihnachtsmarkt fertig zu machen. Ich war glücklich Monika, wieder zu sehen und schmachtete zu ihrem Fenster hinauf.

Nur zwei aus unserer 27er Kindergruppe durften über Weihnachten nach Hause fahren. Wir restlichen verbliebenen erlebten ein ziemlich trost­loses Weihnachtsfest. Briefe von zu Hause wurden so oft gelesen, bis sie von den Tränen sich aufzulösen begannen. Natürlich sah das niemand. Ausheulen tat man sich nicht vor den Augen anderer. Selten dass man solch einen Intimfreund hatte, dem man auch seine wahren Gefühle anvertrauen konnte. Es war schon ein Kreuz mit den Gefühlen. Zur Härte erzogen, sich gegen jeden und alles stellend, um sich einigermaßen durchsetzen zu können, waren wir doch alle nur kleine Jungs, die sich viel lieber mal an die Mutterbrust gekuschelt hätten, als den starken „Mann“ vorzukehren. Ob einer Rücksicht auf die Gefühle anderer genommen hätte? Nicht einmal Kinder untereinander akzeptierten die Gefühle des anderen. Gefühle wur­den als Schwäche ausgelegt. Schwäche erbarmungslos ausgenutzt. Solange man sich nicht selbst bei einer Gefühlsduselei erwischen ließ. Nach außen hin ließ man sich eher auseinan­der­reißen als Gefühle zu zeigen. Zusammenbrechende Herzen ließen keine Geräusche nach außen dringen. Härte wurde abverlangt und, gezeigt!

Tja, man muss manchmal im Kreis laufen, um auf den richtigen Weg zu gelangen. Ich habe begonnen mein Leben zu beschreiben an einer Stelle, die viele Fragen offen lässt, wie es zu diesem Leben überhaupt kommen konnte. Ich habe meinen Gedanken freien Lauf gelassen. Wie mich meine Erinnerungen eingeholt haben, so habe ich es angefangen niederzuschreiben. Bewusst auf meine Vergangenheit gelenkt gaben dann in der Folgezeit die Hirnzellen noch viele Erinnerungen preis. Nebelschleier hoben sich, gaben längst vergessen Geglaubtes wie­der frei. Manche gravierende Vorfälle wurden hinter diesem Vorhang deutlich sichtbar, andere nur verschwommen. Um das Bild aber abzurunden, so finde ich, muß der Hintergrund noch weiter aufgehellt werden. Wenn ich so daran zurück denke wie meine Jungs groß gewor­­den sind, glaube ich schon, dass meine Kindheit etwas Besonderes war. Diese aufzuzeigen, ob das etwas bringt? In dem Sinne, dass es Menschen zur Besinnung bringt, und davon über­zeugt, wie sinnlos Kriege sein können, MÜSSEN! Bevor ich schildere, wie es mir dann doch gelungen ist in den „goldenen Westen“ zu flüchten, was mich dort erwartete, möchte ich doch zuerst noch mehr von mir berichten.

Vater, du Arsch hast nur vom Krieg und den Puffs geschwärmt.

Zu dem Zeitpunkt, als ich gebohrt [sic![7]] wurde, hatte Großdeutschland schon damit begon­nen, sein Tausendjähriges Reich wieder zu zerstören. Meiner Rechnung nach muss das im April 1940 geschehen sein. Mir ist nicht bekannt (solch ein gutes Verhältnis konnte ich zu meinem Vater nie aufbauen), ob ihn seine Beschäftigung zum Zeitpunkt meiner Geburt – 27.01.41 – ebenso viel Freude bereitet hat, wie die, als ich von ihm gebohrt wurde. Das Wenige, was ich in der Folgezeit über meinen Vater erfuhr, war, dass er in seinem Beruf keine Perspektive mehr sah. Er war Schweitzer von Beruf[8], wie er seine Kuhbauerntätigkeit zu beschönigen versuchte. In Deutschland scheint dieser Berufsstand ausgestorben zu sein, sofern es ihn überhaupt mal gab. Tatsache ist, dass er auf einem großen Rittergut (wir waren aber keine Rittersgutbesitzer, wie sich viele geflüchtete Ostpreußen damit schmückten, als der Zusammenbruch perfekt war und sie, ohne dass es groß nachgeprüft werden konnte, sich als solche ausgaben) haufenweise Kühe gemolken hat, auch etwas von der Behandlung kranker Kühe verstand und Milch zu Butter verarbeiten konnte. Kuh-Schäfer, würde ich sagen, wäre der richtige Ausdruck für seine Beschäftigung gewesen. Für seine Tätigkeit, und dafür, dass der Rest der Familie im Laufe des Jahres bestimmte Tage des Jahres dem Junker seine Felder zu bestellen hatte, Kinder nicht ausgenommen, dafür durften sie im Winter ja auch zur Schule gehen, bekam er eine Behau­sung gestellt und ein paar Morgen Land[9] zur eigenen Nutzung. Kötter[10], nannte man wohl solche billigen Arbeitskräfte. Wie dem auch sei, ich habe eine sehr, sehr schwache Erinnerung daran, dass mein Vater mal als Weihnachtsmann verkleidet bei uns zu Besuch war. Es kann sich dabei nur um das Weihnachtsfest 1942 oder 1943 gehan­delt haben. Mein größerer Bruder bekam einen Panzer geschenkt. Aufgezogen rasselte er durch die Wohnstube und aus seinem Rohr vorne kamen kleine Blitze. Richtig stilgerecht zu dama­liger Zeit. Was ich erhielt, dass entzieht sich meinem Erinnerungsvermögen. Fasziniert hat mich eben nur der Panzer. Ich weiß nur noch, dass ich mehr schlecht als recht das Weih­nachts­gedicht „Lieber guter Weihnachtsmann, schau mich bitte nicht…..“ aufsagte und mei­nen eigenen Vater dabei nicht unter seiner Maske und Verkleidung erkannte. Ich kannte ja noch nicht einmal seine Stimme. Die hörten wohl mehr seine Untergebenen, die er an seiner Flak befehligte. Mein Vater hatte rechtzeitig erkannt, dass es doch besser sei, sich dem Her­ren­menschentum anzuschließen und auch dabei helfen, den Krieg zu gewinnen, damit auch er, der Kuhjunge, ein Stück vom Braten abbekam. Nur verdiente Helden sollten damit belohnt werden, einmal über andere Menschen zu herrschen. Armer alter Narr. Gegen Kriegsende hast du dir einen Bauchschuss eingehandelt. Du hattest Glück im Unglück. Du kamst in amerika­nische Gefangenschaft und nicht in russische, was wohl Sibirien bedeutet hätte. Ich habe später viele von daher wiederkehren sehen. Denen ging es gar nicht so gut, wie dir, als ich dich nur wenige Jahre später vorfand. Aber ich will nicht vorgreifen. Zunächst ging es uns ja auch ganz gut. Obwohl kein Vater im Haus war, brauchte Mutter keine Hand zu krümmen, um das Land und den Stall zu bewirtschaften. Dafür bekamen wir polnische Kriegsgefan­gene.[11] Du, Vater, hast meiner Mutter zum Vorwurf gemacht, anscheinend nur, um deine eigenen Unzulänglichkeiten zu verdecken, sie hätte sich mit diesen Plenjis ins Heu gelegt. Du Arsch hast gar nicht gemerkt, wenn du bei den wenigen Gelegenheiten, die wir miteinander verbrachten, vom Krieg und den Puffs schwärmtest, dass du dich doch selbst widersprochen hast. Dir kann ich den Segen nicht geben, den ein Toter sonst von seinen Kindern bekommt. Später, Vater, werde ich noch mehr mit dir ins Gericht gehen müssen!

Ich sehe meine Mutter auf einem Schwein reiten.

Bilder aus der Zeit, die nur an mir vorüber huschen, die ich versuche einzufangen, um sie naturgetreu wiedergeben zu können, kommen auf mich, desto mehr ich in meiner Vergan­genheit grabe. Ich sehe meine Mutter auf einem Schwein reiten. Nicht, dass sie dafür eine besondere Begabung gehabt hätte oder eine Zirkusnummer einstudieren wollte. Eines dieser Mistviecher war aus dem Stall ausgebüchst und trieb sich im Obstgarten herum. Das Fallobst war viel zu kostbar, so fand es wohl meine Mutter, als dass es von Schweinen aufgefressen werden sollte. Sie jagte das Schwein aus dem Obstgarten. Versuchte es zumindest. In seiner eigenen Panik lief das Vieh meiner Mutter genau zwischen die Beine. Die Beine meiner Mutter waren nicht gerade die längsten. So kam es, dass sie das Schwein, oder das Schwein meine Mutter, durch den Obstgarten ritt. Nichts Weltbewegendes, werden Sie jetzt sagen. Für mich schon! Das sind nur ganz wenige Augenblicke meiner Kindheit, der ich mich erfreuen konnte. Alles was danach kam, war nur noch Stress und Kampf ums Überleben. Wofür eigentlich?

Fußnoten

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Halberstadt

[2] Falls der Begriff inzwischen veraltet sein sollte: Gemeint sind Gitter vor dem Fenster. Schweden war als bedeu­tender Eisenexporteur bekannt.

[3] Die Transportpolizei (Trapo) war die Bahnpolizei der Deutschen Demokratischen Republik. https://de.wikipedia.org/wiki/Transportpolizei

[4] Schulz: Das Warum erfahren sie in einem der nächsten Kapitel.

[5] https://de.wikipedia.org/wiki/Schkeuditz

[6] Sore steht für ein Wort der deutschen Gaunersprache für (Hehler-)Ware, Diebesgut oder Beute, das aus Jiddisch sechoro „Ware“ entlehnt ist. https://de.wikipedia.org/wiki/Sore

[7] Kein Druckfehler. Schulz meint damit den Geschlechtsverkehr, der zur Zeugung führt..

[8] https://de.wikipedia.org/wiki/Schweizer_(Beruf)

[9] https://de.wikipedia.org/wiki/Morgen_(Einheit) https://www.aid.de/forum/index.php/forum/showExpMessage/id/47131/page1/3/searchstring/+/forumId/3

[10] https://de.wikipedia.org/wiki/K%C3%B6tter

[11] Der dürfte so ausgesehen haben:                             panzer                     Quelle: NSDAP, Weihnachten, „Kinder malen“, S. 9a

[12] http://www.expolis.de/schlesien/texte/maas.html

Was gab’s bisher?

Editorische Vorbemerkung – https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/06/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt/ https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/06/00-editorische-vorbemerkung.pdf

Kapitel 1, Die Ballade von den beschissenen Verhältnissen – oder – Du sollst wissen, lieber Leser: Andere sind auf noch ganz andere Weise kriminell – und überheblich. https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/07/29/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-erstes-kapitel/ https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/07/01-erstes-kapitel.pdf

Kapitel 2, In Dönschten, am Arsch der Welt … ach Monika! https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/08/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-ii/https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/08/02-ach-monika.pdf

Kapitel 3, Weiter im Kreislauf: Heim, versaut werden, weglaufen, Lage verschlimmern. https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/09/28/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iii/ https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/09/03-weiter-im-kreislauf.pdf

Kapitel 4, 17. Juni 53: Denkwürdiger Beginn meiner Heimkarriere https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/10/24/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iv/                                                                      04-beginn-meiner-heimkarriere-17-juni-53_2

Kapitel 5, Von Heim zu Heim https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/11/21/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-v/              PDF: 05-von-heim-zu-heim

Kapitel 6, Wieder gut im Geschäft mit den Russen https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/12/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-vi/  06-wieder-gut-im-geschaft-mit-den-russen

Kapitel 7, Lockender Westen https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/04/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-vii/           PDF 07-lockender-westen

Kapitel 8, Berlin? In Leipzig lief’s besser. https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-viii/  PDF: 08-berlin-in-leipzig-liefs-besser

Kapitel 9, Aber nun wieder zurück nach Berlin https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/17/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-ix/  PDF: 09-aber-nun-wieder-zuruck-nach-berlin

Kapitel 10, Bambule  https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/02/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-x/              PDF: 10-bambule

Kapitel 11, Losgelöst von der Erde jauchzte ich innerlich vor Freude https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/06/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xi/                                                                   PDF: 11-losgelost-von-der-erde

Kapitel 12, Ihr Lächeln wurde um noch eine Nuance freundlicher. Süßer!https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/07/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xii/                                                 PDF: https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2017/02/12-sc3bcc39fer.pdf

Kapitel 13, Von Auerbachs Keller in den Venusberg  https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/19/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xiii/   PDF: 13-von-auerbachs-keller-in-den-venusberg

Kapitel 14, Ein halbes Jahr Bewährungsprobe. Wo? Im Heim!   https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/21/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xiv/                                                                           PDF: ein-halbes-jahr-bewahrungsprobe

Kapitel 15, Spurensuche – und der Beginn in Dönschten  https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/22/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xv/  PDF: 15 spurensuche

Kapitel 16, Was also blieb uns übrig, als aufs Ganze zu gehen? https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/03/07/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xvi/                                                                  PDF: 16 Was also blieb uns übrig

 Wie geht es weiter?

Kapitel 17, War es den Aufwand wert, dieses beschissene Leben vor den Bomben zu retten?!

Kapitel 18, Ich war doch der einzige „Mann“ in der Familie …

Kapitel 19, Überhaupt, in der DDR gab es keine Kriminalität.

Kapitel 20, Wie schnell sich doch die Weltgeschichte ändert!

 

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XV

logo-moabit-kDieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit,

             die keine Kindheit war

 

 

 

Fünfzehntes Kapitel

Spurensuche – und der Beginn in Dönschten

Weißwasser. Viel hatte sich an und in diesem Haus nicht verändert, musste ich 1990 im Juli feststellen. Nur viel vergammelter und verfallener war alles. Die Kinder etwas jünger gewor­den. Alles bot einen traurigen Anblick. Traurig waren auch die derzeitigen Erzieher in dem Haus. Sie wussten nicht, wie es nach der Wende weitergehen sollte. Ich bemühte mich dann, weil ich es versprochen hatte, wieder zu Hause angekommen, eine Partnerschaft für das Heim herzustellen. Nach vielen Telefonaten hatte ich dann auch die Stadt Neuß dafür gewonnen, diesem Heim mit Rat und Tat unter die Arme zu greifen. Warum ich das tat? Was konnten denn die Kinder dafür? Warum ich wieder in Weißwasser auftauchte? Vielleicht suchte ich nachträglich immer noch meine Kindheit zu finden? Ich war überall dort, wo ich längere Zeit meiner Kindheit verbracht hatte. Meine letzte Station war Dönschten, genauso wie Dönschten auch meine letzte Heim-Stätte gewesen war, bevor mir die Flucht in den Westen gelang. Was ich 1990 in Dönschten vorfand, habe ich ja schon kurz geschildert. Zuerst durchfuhren wir Dönschten im Schritttempo. Zu dieser Zeit fiel ein Auto auch in Dönschten nicht mehr auf. Schnell konnte ich feststellen, dass das Heim, bis auf ein Gebäude von sechsen, gar nicht mehr in der Form existierte. Ich selbst hatte gleich am Ortseingang in Haus 1 fast ein ganzes Jahr verbracht, außer der Zeit, wo ich auf der Flucht war. Dort war nun, wie erwähnt, ein Restaurant eingerichtet. Doch schnell erfuhr ich auch, dass ausgerechnet der Heimleiter mit Frau noch in der gleichen Wohnung lebte. Gleich das Haus daneben. Diese herzliche Ein­ladung, die wir, meine Lebensgefährtin, meine Schwester und ich, 1990 erhielten, fiel ganz anders aus, als meine Begrüßung 1954. Der Heimleiter und seine Frau, die damals die Büro­arbeiten und die wirtschaftliche Seite erledigten, waren schon in den 80ern. Das Gedächtnis der Frau war bewunderungswürdig. Meinen Namen nennend erinnerte sie sich sofort an weitere Einzelheiten, die damit zusammenhingen. Sie konnte mir auf den Tag, ja sogar die Uhrzeit benennen, seitdem wir, Peter H. (ja auch er war wieder dabei!) und Klaus … sowie meine Wenigkeit vom Heim in Dönschten abgängig gemeldet wurden. Es waren alle Akten eingezogen worden. Aber die Frau hatte noch ein kleines Büchlein in ihrem Besitz. In dem Büchlein, man staune, befand sich sogar noch ein Bild von mir. Dieses Bild hat sie mir freund­licherweise und aus Dankbarkeit über den Besuch, und weil ich auch gar nicht mehr nachtragend war, überlassen. So bin ich an mein einziges Kindheitsfoto gekommen. In Weiß­wasser befand sich zwar auch noch eines, welches mich mit dem Fanfarenzug zeigte, hinter einer Glasscheibe, aber das wollte man mir partout nicht geben. Vielleicht hätte ich später, nachdem ich meine Loyalität bewiesen hatte und die Partnerschaft mit Neuss herstellte, auf mehr Verständnis stoßen können. Aber für eine nächste Reise blieb mir keine Zeit mehr. Bullen machten mir einen Strich durch die Rechnung.[1] Wie gesagt, die Begrüßung in Dönschten 1954 fiel nicht so herzlich aus, wie die 1990.

Bald war allen bekannt, dass mit mir nicht gut Kirschen essen war.

Von Weißwasser nach Dresden. Von Dresden nach Dippoldiswalde. In Dippoldiswalde in die Bimmelbahn Richtung Zinnwald. Es war ja ganz romantisch, die Fahrt mit dieser Bahn. Ich hätte unterwegs aussteigen, Blumen pflücken und wieder zusteigen können. Natürlich wurde ich mit Argusaugen bewacht. Also machte ich erst gar nicht den Versuch. Außerdem fand ich damals schon, dass Blumen am schönsten anzusehen waren, wenn man sie in der Natur bewun­dern konnte. Es gab nur eine Ausnahme. Das freudige Aufleuchten der Augen meiner Mutter, wenn ich ihr einen Strauß schenkte, dafür frevelte ich schon mal an der Natur. In Schmiedeberg[2] wurden wir nebst meiner paar Sachen, die auf eine Handkarre geladen wurden, vom Bahnhof abgeholt. Etwa drei Kilometer Fußmarsch lagen vor uns. Diese Berge und eben dieser Wald, der hier wuchs, waren schon etwas anderes als das Flachland der Niederlausitz. Ein Fuchs schnürte über unseren Weg. Ich nahm mir vor, diesen bei passender Gelegenheit zu jagen. Aber dieser Fuchs war noch etwas schlauer als ich. Er ließ sich nie wieder in meiner Nähe blicken. Mein Begleiter zog sich mit dem Heimleiter ins Büro zurück, wo sicherlich über mich hergezogen wurde. Ich wurde als 27stes Mitglied der Gruppe vorgestellt. Mir wurde das ungeliebte Bett direkt an der Tür zugeteilt. Die einzelnen Räume und deren Funktionen wurden vorgezeigt. Einige Typen wollten mir auch gleich erklären, wo und wie es hier lang ging. Wer das Sagen hatte. Mit der Zurückhaltung eines Neulings, ließ ich deren Gequatsche über mich ergehen, nickte auch zustimmend zu allem, was sie so sagten. Die Einführung hatte schon bald ein dazu bestimmter Junge übernommen, weil der Erzieher ebenfalls im Büro erscheinen musste. Bei seiner Rückkehr sah er mich schon mit ganz anderen Augen an.

Beim Abendbrot, wir nahmen es an drei langen Tischen ein, am mittleren saß der Erzieher, am Kopfende, wo sonst? Ein anderer Junge musste seinen angestammten Platz für mich räumen. Ich konnte mir schon denken, warum. Mit der Redefreiheit wurde es hier im Gegensatz zu Weißwasser nicht so genau genommen. Dafür hatte der Erzieher, Herr K., ein anderes Faible. Wo es hier lang ging und um seine Macht zu demonstrieren, nehme ich jedenfalls an, machte ich auch recht bald mit seiner Vorliebe Bekanntschaft. Ohne dass ich es bemerkt hatte: Herr K. hatte die Angewohnheit, seine Befehle mit den Augen zu geben, schon hatte sich einer seiner „Radfahrer“ von hinten an mich herangeschlichen, mein Handgelenk gepackt, den Arm kurz angehoben und mir somit den Ellenbogen auf die Tischkante gestoßen. Waau! Das war ein Gefühl wie Weihnachten und Ostern zusammen genommen. Herrn K.’s Methode, seinen Kindern abzugewöhnen, mehr als nur das Handgelenk auf den Tisch zu legen. Beim Essen zumindest! Danke mochte ich für die freundliche Erziehungsbeihilfe nicht sagen, dafür ließ ich bei passender Gelegenheit im Wald einen starken Zweig unverhofft zurückschnellen, als sich der Spezi dicht hinter mir befand. Ich glaube, dass er immer noch eine interessante Narbe auf der Wange hat. Er könnte sie ja so erklären, dass er in seiner Studentenzeit einer schlagenden Verbindung angehört hätte. Als er mich nach der ärztlichen Behandlung bezichtigte, dies mit Absicht getan zu haben, habe ich ihn vom Geländer in den damals noch vorhandenen und fließenden eiskalten Bach geschubst. So, jetzt konnte er seinem Mentor ruhig erzählen, dass ich etwas mit Absicht getan hätte. Bloß, er fand keinen Zeugen dafür.

Inzwischen hatte ich schon Einige auf meiner Seite. Das kam daher, dass in der heimeigenen Schule alle sechs Häuser zusammenkamen. Auf die anderen Häuser verteilt waren wiederum einige ehemalige Waldheim-Kameraden aus guten alten Zeiten. Bald war allen bekannt, dass mit mir nicht gut Kirschen essen war. Eigenartig, dass in der Welt, auch bei den Kindern, die Gewalt am meisten akzeptiert wird. Ansonsten könnten die Erwachsenen ja auch kaum Macht über sie ausüben. Militär und Justiz übernehmen wiederum das Machtmonopol den Erwachse­nen gegenüber ein. Tja, so ist die Welt, in der wir nun mal leben müssen! Müssen?

Zwei oder gar drei Bengels hatten ihn missbraucht.

Ich war nie suizidgefährdet, glaube ich zumindest. Ein Junge unserer Gruppe, der eher als Mädchen durchgegangen wäre mit seinen femininen Gesichtszügen, war es aber im höchsten Maße. Nur, es merkte keiner. Noch nicht einmal die dafür zuständigen Erzieher. Bei den wenigen Versuchen es den Erziehern beizubringen, was ihn bedrückte, wurde er abgewiesen. So etwas gab es nicht. Hatte es einfach nicht zu geben! In Dresden hatte ich ja die gleiche Erfahrung in dieser Beziehung machen müssen. Weiß der Himmel, wo der Bengel die Schlaf­tabletten her hatte, aber als man sie bei ihm fand, da war es bereits zu spät. Ich dachte von Schlaftabletten schläft man ganz fest? Der Bengel musste sie wohl im Baderaum geschluckt haben und sich danach in Bett gelegt haben, wie immer. Da er aber etwa 30 Minuten später die restlichen 16 Jungen im Schlafsaal damit aufweckte, als er sich wie wild im Bett herum­warf, konnte keiner ahnen, dass er das Betäubungsmittel eingenommen hatte. Wir dachten schon, dass er genau so ein Epileptiker war, wie wir einen im anderen Schlafsaal hatten. Der herbeigerufene Erzieher, der direkt über unserem Schlafsaal sein Zimmer hatte, meinte des­halb auch nur, nachtschlafend mürrisch, „Ach der, der soll sich nur nicht so anstellen. Viel­leicht täte ihm eine kalte Dusche ganz gut!“ Damit begab er sich wieder in seine Furzmolle. Am nächsten Morgen wollte der Junge überhaupt nicht aufstehen und am Frühstück teil­neh­men. Wutentbrannt riss der Erzieher und Vorturner dem Jungen die Bettdecke, die er sich über den Kopf gezogen hatte, weg. In der Bettdecke blieben aber die Zähne des Jungen haften und sein Kopf wurde mit der Bettdecke hochgerissen. Da erst dämmerte es dem Erzieher und uns, die wir wie neugierig in der Türe standen, was wirklich los war. Sein Gesicht, das des Erziehers, das des Jungen war es bereits, nahm die Farbe des Bettlakens an. Frühsport fiel aus. Frühstück gab es verspätet. Die Schule fiel ganz aus. Es waren doch tatsächlich ein paar neu­gierige Zivilisten gekommen, die von UNS wissen wollten, was geschehen war!? Ja, was war geschehen? Zwei oder gar drei Bengels hatten ihn missbraucht, das war sicher. Doch wer genau, das erfuhr auch die schlaue Polizei nicht. Ohne genaue Angaben, die sie nur noch zu notieren brauchten, den Täter festnehmen und die Lorbeeren einheimsen, lief gar nichts. Nicht umsonst hat die Sendung XY[3] sich solange auf dem Bildschirm behaupten können. Der Polizei muss unter die Arme gegriffen werden, damit sie auf die Beine, sprich auf den Täter kommt. Die mögen zwar jedweden Mist auf der Polizeischule lernen, logisch denken auf keinen Fall. Entweder man hat’s, oder hat’s nicht. Ohne Mithilfe der Bevölkerung sind sie machtlos wie ein Schnullerbaby. Wir alle wussten auch nichts Genaues. Die Bengels hatten es natürlich nicht an die große Glocke gehängt. In Frage, das war uns allen klar, kamen eigentlich nur unsere „Spritzer“. Die etwas größeren, älteren, die durch Sitzenbleiben immer noch die 7. Klasse durchliefen. Auf diese Idee, die Verursacher des Selbstmordes in diesem relativ kleinen Kreis zu suchen, kamen diese geistigen Tiefflieger von Bullen nicht. „Also tschüß dann, und haltet immer schön die Augen offen!“ Wir, wir Kinder sollten uns deren Augen verderben?

Aber Kinder lernten nun mal schnell … von den Erwachsenen

Verdorben wurden wir ja schon von den Erziehern genug. Die Parole: Wer beim Onanieren erwischt wird, bekommt Kollektivkeile!, trug manchmal sogar Früchte. Jeder tat es. Ließ er sich aber dabei erwischen, schrie mit Sicherheit einer der „Radfahrer“ Zeter und Mordio. Es fanden sich dann immer welche, die mit Gürteln und dem bereits bekannten „Ochsen­schwanz“ auf dieses arme Würstchen eindroschen. Der so Verdroschene revanchierte sich dann postwendend bei nächster Gelegenheit mit vermehrter Wut. Wenn die Erzieher zu etwas Pfui sagten und dafür die Jagd freigaben, fanden sich immer welche, die Pluspunkte sam­meln wollten. Durch vieles Petzen und Arschkriechen glaubten sie, Lobenswertes in ihren Akten vermerkt zu bekommen, was eine baldige Rückkehr in den Schoß der Familie bedeu­tete. Ohne Rücksicht auf Verluste. Von solchen Typen lebte der sozialistische Staat DDR. Die Aufarbeitung der Ex-DDR Geschichte beweist dies wohl am besten. Nicht dass ich dem Erzie­her oder gar der Polizei die Arbeit abnehmen wollte, um somit diesem System zu dienen; ich setzte alles daran einem der Verdächtigen auf die Schliche zu kommen. Ich fand nur, dass die Schuldigen einfach zu wenig, bzw. keine Reue zeigten. Zumindest hatten sie eine kleine Aufmische nötig. Um wenigstens ein paar überzeugte Helfer auf meiner Seite zu haben, musste ich zu einer List greifen. Ich wusste ja schon längst, dass ER einen viel größeren als ich hatte. Er zeigte IHN mir ja bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Glaubte dieses Arschloch etwa, dass er mich damit hinter dem Ofen hervor locken konnte? Davon dem Erzieher über­haupt Mitteilung zu machen, widerstrebte mir aus vorgenannten Gründen. Hilf dir selbst, so hilft dir Gott, pflegte meine Mutter oft zu sagen. Ich hatte mir diese Devise eingeprägt. Wie jeder andere, so half auch ich mir selbst. Aber nicht mehr so vorsichtig, wie es eigentlich gebo­ten schien. Ganz bewusst benutzte ich ein paar Tage lang mein Bettlaken und kein Taschentuch. Oh ja, Betten bauen hatte ich gelernt. Da ohnehin alle gleich akkurat auszusehen hatten, fiel es dem Betroffenen auch gar nicht weiter auf, dass er sich eines Abends auf meinem präparierten Laken zu Ruhe legte. Jeder hatte sich seine eigene Atemtechnik zurechtgelegt, sofern er das vor dem Einschlafen betrieb, was eigentlich gesundheitsschädlich sein sollte. Seine Atemtechnik hatte ich bald raus. Ich hatte inzwischen auch das Bett getauscht. Von der Türe weg, in das, welches der „Abgänger“ freigemacht hatte. So lag ich nun direkt neben meiner Zielperson, die ich zu observieren hatte. Um auch ganz sicher zu sein, dass er auch „mit was in der Hand “ erwischt wurde, ließ ich ihn eine Weile gewähren. Er hätte es wohl am liebsten gehabt, wenn ich dies für ihn erledigte. Nach wenigen Abenden schon gab er sich keine allzu große Mühe mehr es vor mir zu verbergen, wenn er es mit sich selbst trieb. Er glaubte wohl, weil ich so klein und mickrig auf der Brust war, könnte ich einen Beschützer gebrauchen. Durch die Blume hatte er es mir ja schon angeboten. Ich ließ ihn aber links lie­gen. Auf der linken Seite lag er nun an diesem bewussten Spätabend und hatte sein Gesicht zu mir gedreht. So urplötzlich, wie ich losschrie, dass die meisten Schlafgenossen beinahe aus den Betten fielen, so schnell bekam der Bursche vor Schreck gar nicht seine Hand von seiner Stromleitung. Ich hoch, Bettdecke zur Seite reißen und mit dem Finger auf seine Erektion wei­send war alles eins. Ein gehorsamer Schüler unseres Erziehers wusste nun sofort, was seine Pflicht war. Gegen die Masse, die auf ihn einstürmte, hatte der Bengel nichts einzusetzen. Ich machte die Jungs auch noch so richtig schön scharf auf ihn, indem ich auf das Bettlaken wies, wo ja noch mehr Beweise vorlagen. Durch den Lärm geweckt kam dann auch der eigentliche Anstifter solcher nächtlichen Ruhestörungen in den Schlafsaal. Einer seiner Lieblinge war in flagranti erwischt worden, das Bettlaken erbrachte den eindeutigen Beweis. Er konnte und wollte einem seiner besten „Radfahrer“ nicht beistehen. Da gerade dieser Bursche sich jedes Mal besonders hervor getan hatte, wenn es darum ging, andere ertappte Sünder zu züchtigen, fielen seine eigenen Prügel besonders schön aus. Aus meiner Sicht gesehen. Von einem längeren Krankenhausaufenthalt kam er nicht wieder in dieses Heim zurück. Vorn am Eingang unseres Hauses war ein Schild angebracht, darauf stand: Kinderheim für schwererziehbare Kinder, Haus 1. Ich glaube kaum, dass die Behörden ihn nach Hause geschickt haben in der Meinung, dass diese Prügel ihn hinreichend erzogen hätten. Schade! Ich hätte mich gerne noch weiter mit seiner Erziehung beschäftigt. Ja, so grausam können Kinder untereinander sein.

Aber Kinder lernten nun mal schnell … von den Erwachsenen. Das waren ja der Kinder Vorbilder. Woher sollten sie für ihren weiteren Lebensweg sonst ihr Rüstzeug erhalten?[4] Für den zweiten, den wir im Verdacht hatten, der aber im anderen Schlafsaal lag, musste ich mir etwas anderes ausdenken. Man konnte mir einige Schlechtigkeiten nachsagen, aber nicht, dass ich kein Kämpferherz hätte. Der zweite Aspirant hatte doch tatsächlich den Nerv, obwohl er sich seiner Größe und Stärke vollkommen bewusst war, mich Wurzelzwerg an einem der Schlechtwettertage, an denen wir dann im Haus Tischtennis oder andere Spiele, sowie auch Ringen veranstalteten, zu einem Ringkampf herauszufordern. Er mochte mich anscheinend nicht besonders, was übrigens auf Gegenseitigkeit beruhte, weil ich einfach nicht nach seiner Pfeife tanzen wollte. Endlich, so glaubte er, wollte er mir mal vor versammelter Mannschaft zeigen, wie stark er war und mich demütigen. Mit Verwunderung hörten die anderen, dass ich seine Herausforderung annahm. Ich hatte nicht nur in meinem Schwager einen guten Lehr­meister gehabt, was das Lernen von Tricks beim Nahkampf anging, sondern auch meine Freunde, die russischen Soldaten, hatten mir einiges gezeigt. Was viel später erst durch die Filmindustrie allgemein zugänglich gemacht wurde, das wurde bei jeder guten Soldaten­aus­bildung schon längst praktiziert. Wenn man sich nicht unbedingt an die olympischen Regeln hielt, konnte man den stärksten Mann aufs Kreuz legen. ICH nahm mir vor, IHN zu demüti­gen. Immer das Gleiche. Meistens hielten die Jungs es schon für einen Ringkampf, Kampf überhaupt, wenn sie sich nur kräftig genug an den Klamotten zerrten. Davon gab es doch zu jener Zeit wirklich nicht in Hülle und Fülle. Gab es nichts an den Klamotten zu zerren, wie in unserem Fall, weil wir nur Turnzeug anhatten, versuchte man es mit dem Schwitzkasten. Das kennen wir ja schon. Ich erdreistete mich ihm in die Weichteile zu fassen, was er bei dieser Gelegenheit anscheinend gar nicht als sehr angenehm empfand. Oder hatte ich einfach nur nicht zärtlich genug zugegriffen? Er verzichtete zunächst einmal auf den Schwitzkasten. Mich wild anstierend kam er mit Armen, die wie Dreschflegel in der Gegend rumfuchtelten, auf mich zu. Einer der Russen hatte mir mal ganz plastisch vorgeführt, wie die menschliche Hand beschaffen war. Durch ihn wurde mir erst bewusst, dass der Mittelfinger immer weiter heraus­ragte, als die übrigen. Wenn man die Hand also mit etwas Anstrengung ganz ausstreckte, ein einigermaßen gutes Augenmaß hatte (hatte ich beim Schießen bewiesen), und diesen Mittelfinger mit der übrigen Hand dran, versteht sich, blitzschnell dem Gegner auf den Solarplexus (den Ausdruck habe ich nicht von den Russen, der soll nur meine Weiterbildung anzeigen) platziert, dann haut es den stärksten Mann um. Wovon ich mich in diesem Falle überzeugen konnte. Ich hatte mich ganz genau an die Anweisungen gehalten. So bekam kaum einer mit, wie ich dieses Großmaul auf die Matte geschickt hatte. Besorgt tuend beugte ich mich zu ihm herunter. Es war ihm vorläufig nicht möglich ein Wort herauszubringen, zuhören, dass wusste ich, konnte er aber. „Paß auf mein Freund, ich habe gehört, du sollst nachts schnarchen und mit offenem Mund schlafen. Wenn du mich auch nur noch mal schief anguckst, werde ich eines Nachts kommen und dir ins offene Maul scheißen! Ist dir das ver­ständlich genug?“ Um ihn von meiner Fähigkeit zur Brutalität dieser Art zu überzeugen, drückte ich dem Burschen zwei meiner Finger auf seine beiden Augenlider und drückte nur ein ganz wenig zu. Von da an brauchte er bei mir seine Kraft nicht mehr unter Beweis stellen. Kraft haben und sie auch richtig einsetzen, dass sind zwei verschiedene Schuhe. Nur einmal noch versuchte er seine Scharte bei mir auszuwetzen. Als ich Anfang Februar mit Peter H. von unserer Flucht zurückkehrte und er dabei war, als die Meute auf uns losgelassen werden sollte. Er sah darin wohl seine Chance, sich für seine Niederlage rächen zu können. Er war einer von denen, die dann dafür auch das Stuhlbein küssen durften. Für den Rest meiner dortigen Anwesenheit (August) hatte er dann wirklich seine Lektion gelernt.

„Was glaubst du, was es uns kostet, dich immer wieder einzufangen?“

Von der Heimleitung her war für die Heimkinder Beschäftigungstherapie angesagt. Es begann damit, dass nach dem Mittagessen nur Schulaufgaben, von denen es immer reichlich gab, gemacht wurden. Ein Tintenklecks oder gar liederlich geschrieben bedeutete alles noch einmal von vorne. Jede Matheaufgabe wurde nachgerechnet. Man kam erst gar nicht dazu, falsche Hausaufgaben überhaupt in der Schule vorzuzeigen. Die Schüler, die in einem Fach besonders gut waren, waren verpflichtet, den schwächeren zu helfen. Der Erzieher saß vorne an der Tür und ließ nichts durchgehen, was nicht seine Billigung fand. Gehen durfte nur der, der auch seine Aufgaben zu dessen Zufriedenheit gemacht hatte. Die Freizeit hing also im Wesentlichen von den schulischen Leistungen ab. Die Schule selbst hatte sich anscheinend ein Soll gesetzt. Jeder Lehrer gab in seinem Fach eine gewisse Anzahl von Nachhilfestunden für diejenigen, die nicht alles restlos begriffen hatten. Somit schaffte es auch keiner in dieser Heimschule sitzen zu bleiben.

Dann gab es von der Heimseite her noch die Altpapier-, Altglas- und Buntmetall-Sammelaktionen. Alles für die Gemeinschaftskasse. Wie es aussah finanzierte sich das Heim fast selbst damit. Schon kurz nach meiner Ankunft in Dönschten wurde damit begonnen für den weihnachtlichen „Striezelmarkt[5]“ in Dresden zu produzieren. Von Krippenspielen, die mit Kerzenlicht angetrieben wurden, über Laubsägearbeiten und Hirsch- und Rehgeweihen, deren Rosetten zu Zierknöpfen oder ganze Stücke zu Messer­griffen und ähnlichem verarbeitet wurden, reichte die Palette, die wir anfertigten. Die aber auch reißenden Absatz in Dresden fanden. Es kam nichts davon zurück. Das Weihnachtsfest, bzw. die Feier fiel dagegen recht dürftig aus. Ich habe auch nicht einmal drei Mark Taschen­geld erhalten, die mir zugestanden hätten. „Was glaubst du, was uns das Einfangen immer kostet, wenn du mal auf Reisen gehst? Willst du das alles bezahlen?“ hielt man dagegen, als ich mal danach fragte. Na, wenn das so war, dachte ich schon im Oktober 1954 dran, dann würde es aber wieder mal höchste Zeit, dass ich auf Reisen ging. G. und M. hatten so etwas schon vermutet, dass ich mit der alten Tour weitermachen würde. Sie hatten mich sogar danach gefragt, und ich hatte ebenso ehrlich geantwortet, dass es mich nicht lange an einem Ort mehr halten würde. Sie gaben mir zu verstehen, dass ich bei ihnen in Leipzig jederzeit einen Anlaufpunkt hätte, und gaben mir sogar 50 Mark Reisegeld. Mit dem, was ich noch von den Russen aus Weißwasser hatte, kamen über 100 Mark zusammen. Ich hatte aber keines­wegs vor, das Polizistenpaar in Gewissenskonflikte mit ihrem Berufsstand zu bringen. So weit ging mein Vertrauen zu der Polizei nun auch wieder nicht.

Längst hatte ich mein Herz an Monika verloren. Ich schmachtete danach, sie auch nur aus der Ferne sehen zu können. Ihre Schillerlocken, ihre sanften Augen, die feine Röte, die ihr Gesicht jedes Mal zeigte, wenn ich sie mal aus der Nähe ansehen konnte, und sie meinen Blick bemerkte. Ihre Grübchen, wenn sie lächelte, all das wollte ich erst gar nicht aufgeben.

Außer zu den Sammelaktionen kamen wir ja kaum vom Heimgelände. Vielleicht einmal in der Woche der Aufstieg in 800 Meter Höhe, wo die einzige einigermaßen ebene Fläche war, wo wir dann meist nur Handball spielen durften, weil die eine Seite so steil abfiel, dass das Ball-Zurückholen das eigentliche Spiel um mehrere Minuten unterbrach. Eines der schönsten Täler des Osterzgebirges, wie uns gesagt wurde. Wir durften stundenlang Blüten an den Hän­gen der Berge sammeln. Ich bin mir nicht mehr ganz sicher, aber ich glaube, es war Finger­hut, der getrocknet von einer Pharmafirma abgeholt und auch gut bezahlt wurde. Von der gleichen Firma wurden auch die Kreuzottern aufgekauft, die wir gefangen hatten. Man zeigte uns sogar, wie man ihnen das Gift aus den Zähnen holte, und erklärte auch, dass es zu einem bestimmten Serum verarbeitet wurde, das Kranken zugute kam. Uns kam nichts davon zugute. Das einzig bleibende Andenken an meine Arbeiten dort habe ich bereits erwähnt. Der Dau­men­nagel. Wie ich mich also so umhörte und erfahren musste, dass es mit großen Schwie­rig­keiten verbunden war, überhaupt aus dem Bannkreis des Heimes zu kommen, obwohl noch nicht einmal der kleinste Zaun ein Hindernis darstellte, sondern die geographische Lage des Heims, machte ich mir so meine eigenen Gedanken. Und mir fiel auch wieder etwas ein. Das einzige kulturelle Ereignis, zu dem wir geführt wurden, war ein Fußballspiel in Schmiede­berg. Klein Kleckersdorf gegen Schienbein 04, oder so ähnlich. Jetzt war ich schon 3 km von Dönschten entfernt, auch in der richtigen Richtung reichte dieser Ausflug aber nur dazu aus, wenigstens schon mal was für die Fluchtvorbereitungen zu tun. Peter H. und noch zwei andere hatten sich für meinen Plan schon erwärmt. Alleine auf Wanderschaft gehen machte keinen Spaß. So hatte ich die drei also eingeweiht. Vor dem eigentlichen großen Spiel trat eine Schülermannschaft an. Diese Schülermannschaften zogen sich nach dem Spiel um und wollten anschließend von ihren größeren Vorbildern das Kicken noch besser erlernen. Bei der ungeheuren Zuschauerkulisse von mindestens 100 Personen, wovon die Hälfte unser Heim stellte, fiel es gar nicht weiter auf, dass wir uns an die Beutel der Gastschüler ranmachten, die so schön abseits auf einem Haufen lagen. Die erbeuteten Trikots unter unsere Sachen ziehend hatten wir die beiden Toiletten einige Zeit in Beschlag genommen. Jeder von uns war beim Abmarsch vom Heim mit einem Brotbeutel versehen worden. In diesen Beuteln konnten wir die Schuhe unterbringen. So ausgestattet gelang es uns dann wenige Tage später, weil die Trikots auch noch so schön schmutzig waren, auch den Busfahrer zu täuschen, der uns gegen seine Vorschrift aus diesem Gebiet rausbrachte.

Geldkatzen angeln

Einer der Jungen, der mitreiste, hatte ebenfalls Verwandte im Westen. Sein brennenster Wunsch war es nach „Drüben“ zu gehen. In Dresden besserten wir wie ein eingespieltes Team unser Reisegeld einigermaßen auf. Was die Frauen aber auch für einen Mist in ihren Hand­taschen hatten! Die Portemonnaies enthielten meistens auch nicht viel. Das lag anscheinend daran, dass wir immer erst zu spät an diese Dinger rankamen. Die Einkaufstaschen mussten schon etwas voller sein, wo die Frauen ihre Geldkatzen drauflegten und wir sie uns dann besser angeln konnten. Dementsprechend wie die Einkaufstasche voller wurde, wurde aber auch das Portemonnaie leerer. So mussten wir schon ziemlich oft zugreifen, um eine zufrie­denstellende Summe zusammen zu bekommen. Drei von uns schirmten das Opfer mit ihren Körpern ab, während der Vierte seine Finger spielen ließ. Nicht dass jetzt immer nur einer zulangen durfte. Jeder von uns wollte und konnte auch seine Geschicklichkeit unter Beweis stellen. Opfer waren ja genügend vorhanden.

Ein einziges Mal mussten wir die Beine unter die Arme nehmen und zeigen, dass wir auch gut laufen konnten. Aber bevor die Frau noch genau erklärt hatte, was ihr widerfahren, und wer ihr das angetan hatte, waren wir schon längst weg. Beim Überschlagen unserer Ausbeute kamen wir zu dem Schluss, dass es ruhig etwas mehr sein könnte. Frech wie Rotz suchten wir die Markthalle wieder auf. Wir hatten dann auch noch das unverschämte Glück eine Frau mit einem Hunderter bezahlen zu sehen. Bevor der Verkäufer das Geld aus der Hand der Kundin nehmen konnte, hatte ich ihm die Arbeit schon abgenommen. Ich kenne die rechtlichen Ver­hältnisse nicht so genau. Hatte die Kundin nun schon bezahlt? Oder trug sie den Verlust, weil der Geldschein noch nicht in der Kasse des Verkäufers geklingelt hatte? Wie auch immer. Wir waren für’s erste saniert. Sollten sich doch die Köpfe zerbrechen, die die Schuld daran trugen, warum wir Kriegsopferkinder unsere Kriegsopfer eintrieben.

Über die grüne Grenze in den Westen?  „Wir werden euch schon noch weich kochen!“

Wir kamen gut in Leipzig an. In Dresden hatten wir fünf Lauben aufbrechen müssen, bis wir die passende für uns gefunden hatten. Schließlich wollte jeder seinen eigenen Schlafplatz haben. So trugen wir Sofas und Decken zusammen und verbrachten eine geruhsame Nacht.

Ich konnte in Leipzig ja wohl schlecht mit der ganzen Gesellschaft bei meiner Schwester auftauchen. So kümmerten wir uns zunächst um neue Laubenschlafplätze, bevor ich über meine Schwester Verbindung zu meiner Mutter aufnahm. Die erste Nacht verbrachten wir gemeinsam wach bleibend und Pläne schmiedend, wie wir am besten über die Grenze kom­men könnten. In Schönebeck bei Magdeburg hatte Mutter eine Schwester wohnen, eine von 17, wovon nur vier den Krieg überlebt hatten. Ich war schon mal mit dort gewesen. Mein Cousin wurde, glaube ich, konfirmiert, es kann aber auch schon die Jugendweihe gewesen sein, so genau erinnere ich mich nicht mehr. Zu diesem Anlass waren wir dort zu Besuch gewesen. Wir hatten hinten im Garten zusammen unsere erste Zigarre gepafft und waren auch sonst ganz gut zurecht gekommen. Aus Platzmangel hatten wir Jungs in einem Bett geschla­fen. Er war ja bereits drei Jahre älter als ich und meinte mir beweisen zu müssen, dass er zu Recht aus der Kindheitsphase ausgetreten sei, indem er diese Weihe, welche es auch immer war, erhalten habe. Er zeigte mir im Bett seine Männlichkeit und auch das Produkt, was daraus entstehen konnte, wenn man es nur richtig anstellte. So gute Freunde waren wir also geworden. Vom Schwager selbst hatte Mutter erfahren, dass er sich ein Zubrot dadurch ver­diente, indem er einige Male im Monat, die „Grüne Grenze“ überschreite und Dinge herüber holte, die hier Mangelware wären. Dieser Onkel nun, da er ja die Grüne Grenze so gut kannte, sollte uns Bengels dazu verhelfen, nach „Drüben“ zu kommen. Um alle unsere Mäuler zu stop­fen und auch gut mit Reisegeld ausgestattet zu sein, nahm ich wieder meine Geschäfts­verbindungen in Leipzig in Anspruch. Gut abgeschirmt durch das Frühwarnsystem meiner Kum­pane begab ich mich wieder in das Viertel, wo ich meine Geschäfte zu machen pflegte. Nach zwei Tagen schon hatten wir mehr als genug. Jeder musste sich seine Geheimtasche am Hosenschlitz anfertigen und einen Teil des Geldes verstecken. Nach herzzerreißendem Abschied von Mutter und Schwester bestiegen wir den Zug gen Magdeburg. Mitten in der Nacht trafen wir in Schönebeck ein. Mag es sein, dass wir zu nachtschlafender Zeit kamen, und einen gar nicht gutgelaunten Onkel antrafen, oder konnte es sein, dass er zum „Wendehals“[6] geworden war?

Ich bekam es nie so genau heraus. Ich wurde noch an der Türe abgefertigt. Mir wurde, nach Vortragen meiner Bitte um Fluchthilfe unter Vorzeigen eines Briefes meiner Mutter rund­weg abgeschlagen, diese Bitte zu erfüllen. Onkel P. hätte damit längst aufgehört und wir soll­ten lieber zusehen, dass wir nach Hause kämen. Peng! Da war die Türe auch schon vor der Nase zugeschlagen. Ratlos schauten wir uns an, wir, die wir alle Hoffnungen auf diesen Onkel gesetzt hatten. Noch nicht einmal auf die eigenen Verwandten konnte man sich in solchen Zeiten verlassen. Wir trotteten wieder in Richtung Schönebecker Bahnhof. Ich erkannte noch nicht einmal meinen eigenen Cousin wieder, der uns auf der anderen Straßenseite folgte. Ich beging den Fehler die Person, die uns zu beobachten schien, nicht zu beachten. Wenn wir mal stehen blieben und diskutierten, blieb auch die Person auf der anderen Straßenseite stehen oder versteckte sich sogar in einem Hauseingang. Es mag meiner Erregung zugute gehalten werden, dass ich damals solche „Kleinigkeiten“ übersah. Wieso das so war weiß ich nicht, aber der kleine Bahnhof hatte einen Wartesaal, der die ganze Nacht über geöffnet zu haben schien. Wir gingen dort hinein. In dem Mitropa[7]-Restaurant befanden sich nur wenige Gäste. Beim Ober bestellten wir vier Hühnersuppen mit Brötchen. Wir bekamen je eine Tasse mit etwas Heißem drin, worauf ein paar Fettaugen schwammen. Das war aber auch die einzige Ähnlichkeit, die die Suppe mit einer Hühnerbrühe hatte, wie sie auf der Karte angeboten worden war. Wir brauchten der Sache auch gar nicht erst weiter auf den Grund zu gehen, den Boden der Tasse zu erforschen, ob sich da etwas Hühnerfleisch abgelagert haben könnte; der Mühe wurden wir enthoben. Aus dem Nichts waren plötzlich vier uns bekannte Uniformen aufgetaucht. Wir saßen an einem runden Tisch in einer Ecke (das Flüchtlinge sich aber auch immer in eine Ecke setzen müssen!). Ohne dass wir ihre Annäherung bemerkt hatten waren sie plötzlich vor uns aufgetaucht. „Eins, zwei, drei, vier, aufstehen und mitkommen!“ Das war unmissverständlich. Die grimmigen Gesichter machten es ganz deutlich. Uns war ohnehin der Appetit vergangen. Also standen wir folgsam auf und ließen uns in die Mitte nehmen. Unmiss­verständlich hatten die Ordnungshüter auch ihre Hände auf die bereits geöffneten Pistolentaschen gelegt. Beim Rausgehen dann erkannte ich die Person wieder, die uns auf dem Weg hierher gefolgt war. Es war niemand anders als mein lieber Cousin. Im Vorbei­gehen zuckte er bedauernd die Schulter und sagte, dass sein Vater ihm aufgetragen hätte, uns zu verfolgen und bei passender Gelegenheit die Polizei zu verständigen. Das war das letzte Mal, dass ich diesen und die andere Schönebecker Verwandtschaft zu Gesicht bekam.

Wieder lernte ich ein neues Heim kennen. Wobei es im Prinzip doch immer das Gleiche blieb. Nur das Geld, das wir in den Taschen hatten, konnte man uns abnehmen. Einer der Beamten, der einigermaßen menschlich vernünftig dachte, gab Anweisung uns für diese Nacht mit Ver­nehmungen zu verschonen, da wir ziemlich geschafft aussahen. In einem Kellerverlies auf eingebauten Betonpritschen verbrachten wir den Rest der Nacht. Es war klar, dass keiner die Vorgeschichte unserer Flucht, und wie wir es bewerkstelligt hatten, preisgab. Nicht einmal unsere richtigen Namen erfuhren sie. „Wir werden euch schon noch weich kochen!“ Mit dieser Drohung im Rücken wurden wir in einem Heim abgeliefert. Ein Heim von einer hohen Mauer umgeben. Auch so etwas kannte ich schon von Leipzig und Rummelsburg her. Parterre und in der ersten Etage waren schon die größeren Burschen untergebracht, die draußen entwe­der einer Arbeit nachgingen oder aber eine Lehrstelle hatten. Wir wurden in die zweite Etage verfrachtet, damit wir nicht so leicht wegkämen, wie wir erfahren durften. Dabei stand für mich schon nach dem ersten Blick aus dem Fenster fest, wie wir hier wieder wegkommen würden. Ich sah die Mauer, das Tor darin, auf der gegenüberliegenden Straßenseite, etwas schräg links eine Brücke und einen Bahnhof. Keine blasse Ahnung, welchen Stadtteil von Magdeburg wir die Ehre gaben. Aber auch der Rest, den ich gesehen hatte, machte mich zuversichtlich, dass wir hier auf keinen Fall bis zum nächsten Bettwäschetausch verbleiben würden.

Fußnoten

[1] Dazu später im Kapitel zu Eisenhüttenstadt

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Schmiedeberg_(Dippoldiswalde)

[3] Aktenzeichen XY … ungelöst https://de.wikipedia.org/wiki/Aktenzeichen_XY_%E2%80%A6_ungel%C3%B6st

[4] Bertolt Brecht, Flüchtlingsgespräche, Der Schüler lernt alles, was nötig ist, um im Leben vorwärts zu kommen. Es ist dasselbe, was nötig ist, um in der Schule vorwärts zu kommen. Es handelt sich um Unterschleif, Vortäu­schung von Kenntnissen, Fähigkeit, sich ungestraft zu rächen, schnelle Aneignung von Gemeinplätzen, Schmei­chelei, Unterwürfigkeit, Bereitschaft, seinesgleichen an die Höherstehenden zu verraten usw. usw.

[5] Striezelmarkt, https://de.wikipedia.org/wiki/Dresdner_Striezelmarkt

[6] Schulz verwendet den Wendehals, bevor dieser seine später bekannte Bedeutung bekam. https://de.wikipedia.org/wiki/Wendehals_(DDR)

[7] Mitropa

 Was gab’s bisher?

Editorische Vorbemerkung – https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/06/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt/ https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/06/00-editorische-vorbemerkung.pdf

Kapitel 1, Die Ballade von den beschissenen Verhältnissen – oder – Du sollst wissen, lieber Leser: Andere sind auf noch ganz andere Weise kriminell – und überheblich.

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/07/29/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-erstes-kapitel/ https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/07/01-erstes-kapitel.pdf

Kapitel 2, In Dönschten, am Arsch der Welt … ach Monika!

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/08/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-ii/ https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/08/02-ach-monika.pdf

Kapitel 3, Weiter im Kreislauf: Heim, versaut werden, weglaufen, Lage verschlimmern.

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/09/28/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iii/ https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/09/03-weiter-im-kreislauf.pdf

Kapitel 4, 17. Juni 53: Denkwürdiger Beginn meiner Heimkarriere

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/10/24/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iv/  04-beginn-meiner-heimkarriere-17-juni-53_2

Kapitel 5, von Heim zu Heim

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/11/21/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-v/   PDF: 05-von-heim-zu-heim

Kapitel 6, Wieder gut im Geschäft mit den Russen

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/12/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-vi/  06-wieder-gut-im-geschaft-mit-den-russen

Kapitel 7, Lockender Westen

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/04/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-vii/  PDF 07-lockender-westen

Kapitel 8, Berlin? In Leipzig lief’s besser.

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-viii/  PDF: 08-berlin-in-leipzig-liefs-besser

Kapitel 9, Aber nun wieder zurück nach Berlin

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/17/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-ix/  PDF: 09-aber-nun-wieder-zuruck-nach-berlin

Kapitel 10, Bambule

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/02/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-x/  PDF: 10-bambule

Kapitel 11, Losgelöst von der Erde jauchzte ich innerlich vor Freude

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/06/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xi/  PDF: 11-losgelost-von-der-erde

Kapitel 12, Ihr Lächeln wurde um noch eine Nuance freundlicher. Süßer!

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/07/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xii/  PDF: https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2017/02/12-sc3bcc39fer.pdf

Kapitel 13, Von Auerbachs Keller in den Venusberg

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/19/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xiii/   PDF: 13-von-auerbachs-keller-in-den-venusberg

Kapitel 14, Ein halbes Jahr Bewährungsprobe. Wo? Im Heim!

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/21/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xiv/   PDF: ein-halbes-jahr-bewahrungsprobe

Kapitel 15, Spurensuche – und der Beginn in Dönschten

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/22/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xv/   PDF: 15-spurensuche 

Wie geht es weiter?

Kapitel 16, Was also blieb uns übrig, als aufs Ganze zu gehen?

Kapitel 17, War es den Aufwand wert, dieses beschissene Leben vor den Bomben zu retten?!

Kapitel 18, Ich war doch der einzige „Mann“ in der Familie …

Kapitel 19, Überhaupt, in der DDR gab es keine Kriminalität.

Kapitel 20, Wie schnell sich doch die Weltgeschichte ändert!

 

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XIV

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Der Ausreis(ß)ende

oder

      Eine Kindheit,

                die keine Kindheit war

 

 

 

Vierzehntes Kapitel

 

 

Ein halbes Jahr Bewährungsprobe. Wo? Im Heim natürlich!

 

Ich gab mir alle erdenkliche Mühe, meinen schlechten Ruf wieder loszuwerden.

Aus diesem Paradies wurde ich aber gleich zu Beginn des Jahres gerissen. Mit trauriger Miene, es war auch noch eine andere Person vom Jugendamt dabei, wurde mir mitgeteilt, dass die Behörden nun doch anderweitig über mich entschieden hatten. Höheren Orts wollte man dem Frieden nicht so recht trauen und war auch der Meinung, dass mein früheres Verhalten gegenüber der Obrigkeit eine Strafe verdient hätte. Ich müsste mich ein halbes Jahr lang erst noch bewähren, bevor man mich endlich zu G. und M. lassen würde. Man hatte auch schon ein passendes Heim für mich gefunden. Wie gesagt würde ich dort bis zu den großen Ferien, ohne einmal auszureißen und mit guten Zensuren aufwarten können, stünde einer Rückkehr hierher zu G. und M. nichts im Wege. Machtlos, dennoch mit besten Vorsätzen ließ ich mich nach Weißwasser[1] verfrachten. Es flossen ein paar Tränen und auch etwas Wodka, dann ging es los.

Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt. Bei meiner Ankunft im Pestalozzi-Heim war mein Ruf mir schon vorausgeeilt. D.h. etwa acht oder neun der Kinder aus Revolutionszeiten waren schon vor mir da. Ich gab mir alle erdenkliche Mühe, meinen schlechten Ruf wieder loszuwerden. Ich war aufmerksam in der Schule, schrieb die besten Aufsätze, zeichnete am besten und vertrat sogar den Russisch­lehrer, der überlastet war, da er auch noch eine Schule in Weißwasser selbst mit seinem Gefangenschaftsrussisch beglückte. Ich durfte aktiv an der Wandzeitung mitwirken, welche sogar vom Kreis der Stadt prämiert wurde, wofür ich prompt bei den Jungen Pionieren aufgenommen wurde.

Ich beteiligte mich an der Volkstanzgruppe, mit welcher wir beim Weltpioniertreffen in Berlin-Wuhlheide im Sommer sogar vierter wurden. Zweiter wurden wir mit unserem Fanfarenzug. Ich bastelte mit an einem Paddelboot, dass wir nur aus Zeitungspapierstreifen, Leim und Lack herstellten, nachdem wir lediglich den Kiel vom Schreiner erhalten hatten.

Ich baute brav und korrekt mein Bett, zeigte jeden Morgen saubere Hände und Fingernägel, helle Socken und tadellos geputzte Schuhe vor dem allmorgendlichen Fahnenappell vor. Ich wurde zum Zirkelleiter gewählt und erhielt bald darauf das rote Halstuch der jungen Pioniere der Sowjetunion als besondere Auszeichnung auf Intervention des russischen Stadtkomman­danten von Weißwasser.

Diese winzig kleine Garnison russischer Soldaten hatte mich samt Ihren Offizieren ins Herz geschlossen. Es begann eigentlich ganz harmlos. Ich wollte nur einen losen Kontakt knüpfen, um meine Sprachkenntnisse an den Mann zu bringen und eventuell auch mal ein paar Mark abstauben. Das Heimgelände war so gut wie offen. Kein Mensch kümmerte sich groß um einen, wenn man nur seine Schulaufgaben vorgezeigt hatte, und andere Gruppenverpflichtungen nicht darunter litten.

Kurz vor dem 8. Mai trat ich dann an den Fanfarenzugleiter, der auch gleichzeitig einer unserer Erzieher war, heran und bat ihn unseren sowjetischen Freunden doch eine angenehme Überraschung bereiten helfen. Unser Fanfarenzug bestand zu derzeit aus: Zwei Landsknecht- und zwei Flachtrommeln, sechs Fanfaren (ohne Ventil) und einem Tambourmajor. In diesem Fanfarenzug, der noch im Aufbau begriffen war, versuchte ich mich zunächst beim Blasen der Fanfare. Aber ich war damals schon ein wenig schwach auf der Brust.[2] So schleppte ich dann eben mit nicht weniger stolzgeschwellter Brust eine Landsknechttrommel mit mir herum. Dafür durfte ich auch gleich in der ersten Reihe marschieren, hinter dem Tambourmajor her. Wir durften im Kulturhaus den Ernst Thälmann Film[3] einweihen. Wir waren ja Ernst Thälmann Pioniere![4]

Am 1. Mai 1954 wurden wir von Birkenlaubblättern grünumkränzten Treckern mit Anhän­gern, die trotzdem furchtbar nach frischem Mist stanken, abgeholt. In Allerhergottsfrühe wurden wir über die umliegenden Dörfer gekarrt, um die Einwohner mit unserer Blechmusik und Trommelwirbel aus ihrem Feiertagsschlaf zu holen, damit sie ja auch nicht die Maikund­gebung versäumten. Es war schon ein erhebendes Gefühl, wie wir, die jungen Pimpfe …. Pardon, habe ich Pimpfe geschrieben? Stammte dieser Ausdruck nicht aus einer anderen Zeit?[5] Aber, wenn ja, was unterschied uns Junge Pioniere denn von denen? Sicher die Uniformen waren etwas anders geschneidert und hatten auch eine andere Farbe. Die Koppel waren anders geprägt, die Parolen lauteten anders,…. Was noch? Wir halfen den Erwachsenen das Aufstehen erleichtern!? Weil mir das ganze so viel Spaß gemacht hatte und ich den Russen außerdem eine Freude bereiten wollte, bat ich also unseren Chef darum, am 8. Mai den Fanfarenzug für deren Zwecke einzusetzen. Das Ehrenmal habe ich 1990 dort gleich wieder gefunden, die Garnison allerdings nicht mehr. Bei dem Ehrenmal standen an ihrem größten Feiertag nach der Oktoberrevolution sämtliche russischen Soldaten und Offiziere und gedachten ihrer gefallenen Krieger des zweiten Wertkrieges. Wir hatten es geschafft, uns unbemerkt von den Russen im Hintergrund zu verstecken. Gleich nach der Ansprache des Stadtkommandanten ließen wir unser „Brüder zur Sonne…“[6] erschallen. Keiner der dort Anwesenden konnte sich seiner Tränen erwehren. Ich heute, beim Schreiben der Zeilen und der Erinnerung daran, auch nicht! Diese Herzlichkeit für so einen kleinen Gefallen hatten wir nun doch nicht erwartet. Wir wurden in das Haus (Kaserne konnte man das nicht nennen) der Soldaten gebeten und bewirtet. Das hatte schon nichts mehr mit Kommunismus oder großer Politik zu tun, dass war eine menschliche Regung. Bei allen Beteiligten. Die Presse machte da natürlich mehr draus. Aber das kümmerte uns nicht. Wir waren nur etwas traurig, als ein paar Tage später unser Heim-Mal-Fest stattfand, und der fest versprochene Gegenbesuch nicht anrollen wollte. Während wir noch bei den Vorbereitungen waren, fuhren die paar Jeeps und Lastwagen in rasender Fahrt an unserem Grundstück vorbei. Noch nicht einmal gewunken haben sie, als sie in Richtung polnischer Grenze vorbei brausten. Viel später kamen sie dann doch noch. Es kam aber keine rechte Stimmung auf. Wie ich erfahren konnte, hatten sie einen Kameraden (Deserteur) an der Neiße jagen müssen. Es ist auch geschossen worden. (Ich roch sachverständig an ihren Gewehrläufen.) Es wurde aber nicht gesagt, ob die Jagd in irgend­einer Weise erfolgreich gewesen war. Um auf unseren eingeseiften Maibaum raufzuklettern waren sie zum einen nicht in der richtigen Kleidung, zum anderen nicht so recht in Stimmung nach dem Vorfall. Dabei hatten wir extra für sie ein paar schöne Würste besonders hoch am Kranz angebracht, wo nur Männerarme hinreichen konnten, sofern sie den glitschigen Stamm erklimmen würden. In einer wurstähnlichen Verpackung hatten wir als besondere Über­raschung sogar eine Pulle Korn versteckt, in der Hoffnung, dass der Kommandant dafür ein Auge zudrücken würde. Schade, dass unsere Revanche nicht in dem Maße angenommen werden konnte, wie wir sie uns gewünscht hatten. Dafür revanchierten sich die Russen wiederum bei uns. Eines Tages bat der Stadtkommandant unseren Heimleiter darum, mich, Mischa, mit nach Dresden nehmen zu dürfen, weil er, wie er angab mich dort als Dolmetscher benötigen würde. Dieser ungeschickte Lügner! Er selbst sprach so gut Deutsch, wie ich Rus­sisch. Zu unser beider Glück bemerkte der Heimleiter diesen Schwindel nicht. Ich durfte mit nach Dresden. Wer wagte auch schon einem Stadtkommandanten eine Bitte abzuschlagen, und sei der Grund auch noch erschwindelt? Anfangs glaubte ich ja, dass die Fanfaren und Trommeln, die er mit meiner Hilfe aussuchte, dafür dienen sollten, um in seiner Garnison selbst einen derartigen Musikzug aufzustellen. Ich glaubte das übrigens bis zu dem Zeitpunkt, als wir abends aufs Heimgelände fuhren. Als dann aber ein Begleitoffizier und der Soldaten­fahrer die Instrumente abzuladen begannen, da dämmerte es mir. Heimleiter, die Kinder und ganz besonders der Leiter unseres Musikkorps, die vom Motorenlärm angelockt auf dem Vor­bau standen, bekamen ihre Münder vor Staunen gar nicht mehr zu. Was sind dagegen die 100 Mäuse, die ich im Winter 1990 für die Russlandhilfe einzahlte, wie ich sie eben erübrigen konnte? Erst mit so vergrößertem Fanfarenzug konnten wir ein paar Monate später die End­kämpfe unter den besten 28 Fanfarenzügen der DDR als Zweiter verlassen. Dass wir nicht den ersten Platz belegten, lag an mir. Hätte ICH Dussel nicht gepatzt, wären wir locker Erster geworden. Unsere Musik, d.h. unser Solobläser war einsame Spitze. Keiner der Anwesenden konnte die Oktavenleiter so hoch hinaufklettern wie er. Aber nicht nur die Musik alleine wurde gewertet. Im großen Stadionrund mussten wir einmal die Außenbahn umrunden und dabei drei Stücke vortragen. Die Jury achtete dabei auch sehr auf Disziplin. Nicht dass ich nicht inzwischen keine Disziplin angenommen hätte. Nein! Ich war einfach zu nervös, so plötzlich im Mittelpunkt von zigtausenden von Menschen zu stehen. Bei der „Lok“, einem rasanten Trommelwirbel, flog mir doch eine der Filzkugeln vom Schlegel. Ich Idiot! Anstatt ein paar Takte auszusetzen, den Reserveschlegel aus der Spannschlaufe zu ziehen und einen geeigneten Moment abwartend bis ich wieder sicher war den Takt zu treffen, sause ich der entspringenden Filzkugel hinterher, stecke sie wieder auf den Stock und komme prompt auch noch in den falschen Takt hinein. Ich kann mich kaum erinnern, mich in meinem Leben noch einmal derartig geschämt zu haben. Ich hatte in Weißwasser soviel um die Ohren, war der­maßen ausgelastet mit Dingen, die mir auch Spaß machten, weil ich endlich mal beweisen konnte, dass etwas in mir steckt, wenn man mich nur forderte, das ich gar nicht an Flucht­pläne dachte. Außerdem hatte ich ja auch eine Perspektive, sobald ich mich unter Beweis gestellt haben würde. Die Umgebung Weißwassers war damals zumindest noch sehr natur­belassen. Ich lernte etwas vom Angeln, Schlittschuhlaufen, Eishockey, und noch mehr von der Natur kennen.

Ich lernte auch wieder mal erkennen, dass, wenn Erwachsene etwas ver­sprachen, nicht unbedingt darauf Verlass war. Dass man mir während der Osterferien noch nicht die Reise nach Leipzig erlaubte, konnte man mir gerade noch plausibel machen. Die großen Ferien wurden lange vorher verplant. Für alle, die nicht nach Hause konnten oder durften, war ein Ferienlager vorgesehen. Ein Ferienlager in einem staatlichen Forst.[7] Weitab von der nächsten Ortschaft, die nur über einen riesigen, ehemaligen Braunkohleabbau-See zu erreichen war. Es wurde das Gelände auf einer Karte vorgezeichnet. Ein Voraustrupp sollte dort die Wasserab­zugs­gräben, Latrinen und die obligatorische Fahnenstange für den allmorgendlichen Fahnen­appell installieren und für genügend Frischwasser sorgen. Ich fühlte mich geehrt, dem Vor­aus­trupp beigeordnet zu sein, reklamierte aber doch das Versprechen ein.

                                                           Kinder müssen immer wieder feststellen, dass die Erwachsenen sich ihr eigenes Recht wie eine Hure zurechtlegen.

Meine Zeugnisse waren trotz Versäumnissen sehr gut ausgefallen. Ich hatte mir nur ganz selten bei den oben beschriebenen Appellen einen Minuspunkt eingehandelt, war zu jeder Sonderveranstaltung mitgenommen worden, was ja wohl auf gute bis sehr gute Führung schließen ließ. Ja doch, ich hätte ja in allen Punkten recht, nur diese Tatsache müsste in Leipzig bei der Jugendbehörde erstmal zur Kenntnis genommen werden, was während der großen Ferien ja kaum möglich wäre. Auch die Behörden würden jetzt größtenteils Ferien machen. Nach den Ferien, wurde ich vertröstet. So lernte ich noch das urwüchsige Lager-Zeltleben kennen. Auch nicht schlecht, dachte ich. Schrieb einen lieben Brief an meine Mutter und einen an G. und M., verbrachte ein Zeltlagerleben mit nächtlicher Wache am Dauerlager­feuer mit einem Luftgewehr bewaffnet, lernte Uferschwalben und deren riskante Bauweise kennen, durfte ihre stoische Ruhe bewundern, wie sie unverdrossen wieder neue Höhlen bau­ten sobald eine ganze Wand voller Nester ins Wasser abgerutscht war. Ich fing den ersten (einzigen) Hecht meines Lebens und Barsche jede Menge. Ruderte kilometerweit übers Wasser, um Frischwasser in Tonnen zu holen. Konnte mich an der Rettungsaktion beteiligen, um einen Erzieher und eines unserer kleinsten Mädchen aus dem Wasser zu fischen, weil das selbstgebastelte Paddelboot eben nur ein Paddelboot, aber nicht zum Segeln ausgetrimmt war. Oder einfach nur die Segel falsch bedient wurden? Wer kann das schon sagen. Der Erzieher, der die Blamage nicht eingestehen wollte, meinte jedenfalls, dass der Kiel des Bootes daran schuld sei, dass er das Boot zum Kentern brachte. Na ja, die Erwachsenen haben ja immer Recht. Sollen sie ja auch haben, ihr Recht. Nur, immer auf Kosten der Kinder, die sich dagegen schlecht wehren können? Gegen ihr Recht! Kinder müssen immer wieder feststellen, dass die Erwachsenen sich ihr eigenes Recht wie eine Hure zurechtlegen, damit es ihnen persönlich am besten be-(kommt!). Meine Hasskappe hatte ich bei G. und M. wieder abgelegt. Bald nach der Rückkehr vom Ferienlager begann ich wieder danach zu schielen.

Ich war hart gegen mich selbst.

Die wenigen, die über die Ferien nach Hause gedurft hatten, sofern sie eines hatten, ein Zuhause, schwärmten uns anderen davon vor. Merkten gar nicht, wie weh sie all den anderen taten, die keine Eltern(teile) mehr hatten. Oder, wie ich, nicht gedurft hatten. Die Schule begann wieder. Ich begann zu quengeln. Alles half nichts. Ich wurde vertröstet. Der russische Stadtkommandant, der seine Familie bei sich hatte, der sich kaum noch vorstellen konnte, wieder von seiner Familie getrennt leben zu müssen, der Krieg hatte ihn lange genug davon getrennt, über diesen Mann ließ ich meine diesmal unkontrollierte Post laufen. Mutter heulte sich die Augen aus, wie sie mir schrieb. G. und M. wurden schon etwas konkreter in ihrem Brief. Auch sie bemühten sich in Leipzig um meine Rückkehr. Wie es aber schien, ließ man mich wissen, hatten die Behörden gar nicht im Sinn, ihr Versprechen einzulösen. Man ließ G. gegenüber durchblicken, dass meine gute Führung lediglich zweckgebunden gewesen sei und keineswegs zu erwarten sei, dass ich im geordneten Leben bei einer Familie diese Führung auch bestätigen würde. Von daher sei es geboten, mich mindestens noch ein Jahr lang zu erproben. G. und M. besuchten mich dann kurz darauf auch noch heimlich in Weißwasser. Tatsache, so führten sie persönlich aus, sei aber, das hatte G. in der Eigenschaft als Polizistin erfahren, ohne dass die Auskunftsperson von unserem Verhältnis (der familiären Bindung, was dachten Sie denn?) wusste, man eigentlich nur noch eine geeignete Strafmaßnahme für mich suche. Das, was ich bisher angestellt hätte, könne ja letztendlich nicht auch noch belohnt werden. So! Jetzt wusste ich wenigstens, wo der Hase lang lief. Warum nur glaubten die Erwachsenen bei Kindern mit Lügen besser ihre Ziele erreichen zu können?

Und wieder die Hasskappe aufgesetzt

„Was, du willst nicht essen? Dann, bitte, blühe, wachse und gedeihe!“ Dieser Spruch, vom Tischende kommend, wo der jeweilige Erzieher saß, der gerade Dienst hatte, kam immer dann, wenn einer am Tisch quatschte oder sonst einen Unfug anstellte. Der so Aufgeforderte durfte dann den Rest der Mahlzeit hinter dem Stuhl stehend verbringen, egal ob er nun schon satt war oder gerade erst mit dem Essen begonnen hatte. Dieser Spruch erreichte mich in den letzten sieben Tagen bei allen drei Mahlzeiten. Ich durfte hinter dem Stuhl stehend mit ansehen, wie die anderen sich die Bäuche mit Essen voll schlugen, während ich der Heim­leitung noch nicht einmal die Genugtuung gab, mich bei Wassersaufen auf der Toilette erwi­schen zu lassen. Ich war hart gegen mich selbst. Ich hoffte, damit endlich etwas zu erreichen. Zumindest eine klare Aussprache über meinen weiteren Weg. Pustekuchen. Die waren ja noch sturer als mein ostpreußischer Dickschädel. Die zogen noch nicht einmal einen Arzt zu Rate. Am siebten Tag wurde es Ihnen anscheinend dann doch zu bunt. Zu jeder Mahl­zeit mussten wir uns gruppenweise in Reih und Glied aufstellen und im Gänsemarsch, sobald der Befehl dazu gegeben wurde, in den Speisesaal begeben. Es ging natürlich nicht an, dass etwas im Heim geschah, was dessen Ruf geschädigt hätte. Im Sozialismus wurden alle Kinder zu ordent­lichen Menschen erzogen, ohne dass sie einen Grund zur Klage hatten.

„Radfahrer“ fanden sich überall, wie es auch korrupte Beamte immer geben wird. Solch einen „Radfahrer“ hatten wir auch in unserer Gruppe. Den „Goldenen Lenker“ hatte er schon, jetzt wollte er sich nur noch die Pedale vergolden. Dieser Fiesling stand am siebten Tag beim Aus­rücken zum Abendessen in der Reihe direkt vor mir. Ein kurzer Ellenbogencheck nach hinten, genau in meine Magengrube, ließ mich die ganze Welt nur noch in rosa Licht erleben. Dann wurde mir schwarz vor Augen. Hätte ich noch was im Magen gehabt, ich glaube ich hätte mich ausgekotzt. Ich schlief bis zum nächsten Morgen durch. Beim Frühstück hatte ich keine Widerstandskraft mehr. Man hatte mich wieder zur Räson gebracht. Alles stand wieder zum Besten. Glaubte man. Da ich mir bisher noch keine Gedanken über eine Flucht gemacht hatte, begann ich nunmehr darüber nachzudenken. Ich wollte aber nicht verduften, ohne mich für den gemeinen Ellenbogencheck revanchiert zu haben. Ich hatte noch einen ganz miesen Trick drauf, womit ich selbst den stärksten Mann dazu bringen konnte, nach meiner Pfeife zu tanzen. Ich erwähnte ja bereits, dass man im Leben manchmal ein wenig brutal sein muss, um sich durchboxen zu können. Ich wusste aber auch von der schwachen Blase, die mein erklär­ter Feind hatte. Dieses Wissen machte ich mir zunutze. Ich hielt mich bewusst eines nachts solange wach, bis mein Spezi zum Klo musste. Ich schlich hinter ihm her. Entschul­digen Sie bitte meine Hinterlist. Aber ich war gerade in die siebte Klasse versetzt, der Gegner aber hatte schon zweimal die gleiche Klasse durchlaufen und war bereits in der achten Klasse. Bedeu­tend größer und stärker. Kurz vor dem Klo trat ich ihm von hinten auf den Pantoffel, er kam ins Straucheln, ich gab ihm noch einen Schubs, er verlor das Gleichgewicht und seinen Haus­schuh, wie ich auch beabsichtigt hatte, ohne den mein Trick nicht geklappt hätte, und ich stürzte mich auf seinen nackten Fuß. Blitzschnell, anders geht es meistens schief, griff ich mit Mittel und Zeigefinger seinen großen „Onkel“ und umklammerte diesen fest. Etwas daran drehen, wie man das manchmal scherzhaft mit der Nase eines Kindes tut, und schon hatte ich einen ganz lammfrommen Bengel an meiner „Angel“. So, fest im Griff, konnte ich dem Bur­schen sogar verbieten zu jammern. Seine Tränen, die ihm aus den Augen schossen, gönnte ich ihm. Aufstehen lassen durfte ich ihn allerdings nicht. So musste er mit Hilfe seiner Hände und des einen freibeweglichen Fußes eben sehen, wie er meinen Wünschen nachkam. Ich musste ihn unbedingt nach draußen bringen. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Wirklich, nur ganz leise wimmernd, folgte er mir auf dem Fuße. Pardon! Auf zwei Händen und einem Fuß. Die Fahnenstange[8] auf dem Appellplatz war sehr solide gebaut. Mit einem zusätzlichen Strick, den ich dort schon wohlweislich versteckt hatte (es geht doch nichts über eine gute Planung vor der Tatausführung!) band ich den Bengel dort fachgerecht an der Fahnenstange fest, ohne zu vergessen, seine beiden großen Zehen, diesmal mit Schnürsenkeln, am Fahnenaufzugsseil zu befestigen. Damit er auf keine dummen Gedanken kommen konnte, stopfte ich ihm auch noch einen alten Socken ins Maul, verschnürte diesen mit einem weiteren Schnürsenkel um seinen Kopf. Den Socken spuckte er nicht aus! Davon konnten wir uns dann am nächsten Morgen alle überzeugen. Bevor ich ihn noch etwa zwanzig Zentimeter an der Fahnenstange hochzog, pisste ich ihn noch an. Ich wollte den Weg zur Toilette ja nicht noch einmal machen. Mein bisschen Urin macht den Kohl auch nicht fett. Am nächsten Morgen, als er von der ersten Erzieherin, die ihren Dienst antrat, gefunden wurde, hatte er sich selbst bepisst und seinen Schlafanzug vollgeschissen. Der darauffolgende Morgenappell fiel diesmal ganz anders aus als üblicherweise. Anstatt wie an jedem Morgen mit dem Pioniergruß – die rechte Hand alle fünf Finger geschlossen schräg über den Kopf[9] – dem Heimleiter zu melden, dass alle Kinder zum Appell angetreten seien, den Spruch des Tages vorlesen, und den „Fähn­richen“ zuzurufen „Hisst die Fahne“, worauf ein Fanfarenbläser losschmetterte und die Fahne hochgezogen wurde, anstatt den Tag damit zu beginnen, wurde ich in die Mitte des Karrees gerufen. Mir wurde das Rote Halstuch abgenommen und ich in aller Öffentlichkeit aus dem Verband der Thälmann-Pioniere verstoßen. Der Stadtkommandant soll geheult haben, als er davon erfuhr. Ich selbst habe das nicht mehr miterlebt. Schon am nächsten Tag, bis dahin wurde ich in der fensterlosen Wäschekammer eingesperrt, hatte man für mich eine neue Bleibe gefunden. Komisch, erst konnte man gar kein Heim für mich finden, dann stand plötzlich ganz schnell eines zu meiner Verfügung.

Im stillen Kämmerlein, wo es nach muffiger Wäsche roch, konnte ich mich schon mal innerlich von Weißwasser verabschieden.

  • Ein paar gute Freunde hatte ich gewonnen. Auch wenn ich ihnen mal die Bretter, die als Betteinlage dienten, des Abends so schräg gelegt hatte, dass sie nach ein paar Drehungen im Bette unweigerlich durchbrechen mussten. Was zur allgemeinen Erheiterung beitrug, selten bei dem Betroffenen selbst.
  • Man war auch schon mal unter eine andere Bettdecke gekrochen, hatte sich im Dunkeln Geschichten erzählt und … am Piephahn gespielt.
  • Man hatte den Mädchen im Dunkeln Fledermäuse in den Schlafraum geschmuggelt. Einer musste deswegen mal fast eine Glatze geschnitten werden, weil die arme verängstigte Fleder­maus sich mit ihren kleinen Krallen in ihrer Mähne verfangen hatte.
  • Man hatte fast allen Mädchen schon unter den Rock geschaut und mehr. Je nach Temperament hatte man etwas auf die Finger bekommen, oder auch nicht!
  • Die Lagerfeuerwache, zwischen zwei und vier, wo man beinahe eingeschlafen wäre, hätte es das Mädchen nicht so spannend gemacht, doch wach zu bleiben.
  • Die kleinen Zettelchen, die man hier und da erhielt, worauf meistens das gleiche stand – „Willst du mit mir gehen?“ oder –   „Ich liebe dich!“… Unterschrift. Ja, Monika Feurig (so hieß sie wirklich!), Brigitte Zabel und und … ich habe euch alle geliebt! Auf meine Art. Meine kindhafte Art! Diese Art von Liebe, die nur in der Kindheit so problemlos ist, wie sie ist!
  • Auch dich, kleiner Wolle, habe ich geliebt. Du hattest niemanden mehr auf der Welt. Du warst eines von den Vollwaisenkindern in Weißwasser. Du liefst mir überallhin nach. Ich habe dich beschützt, weil du, zwar schon 15, aber noch kleiner warst als ich. Ich konnte deine Liebe verstehen, die du den Tieren entgegen gebracht hast. Woran solltest du deine Liebe sonst hängen? Du bekamst keins dieser Zettelchen von einem der Mädchen. Weißt du, die Mädchen schauen zu oft nur nach dem Äußeren, oder auf das, was du bist. Deine inneren Werte wurden übersehen. Aber auch ich musste schon mal über dich lachen. Du hattest dir eine Ringelnatter als Haustier erkoren, diese des Nachts sogar in dein Bett geschmuggelt. Hast Fakir mit ihr gespielt, sie dir um den Hals gewickelt. Eine Zeitlang hast du mit der Schlange sogar etwas Eindruck bei den Mädchen gemacht. Bis sie erfahren mussten, dass dieses Reptil vollkommen ungefähr­lich ist. Zumindest solange, wie man nicht allergisch dagegen ist. Durch den direkten Hautkontakt mit der Schlange, jemanden anders hattest du ja nicht zum Berühren, sahst du bald wie ein Streuselkuchen aus. Das war auch der einzige Grund, weshalb ich jemals über dich gelacht habe.
  • Bald würdet ihr den besten Luftgewehrschützen unter euch ausmachen können. Gegen mich hattet Ihr keine Chancen. Ich traf einfach alles, ob es eine Streichholzschachtel war, oder einen hüpfenden Frosch, die Wachskugeln schlugen überall dort ein, wo ich hinschaute. Ein Naturtalent nannte man mich.

In der Wäschekammer, wo ich eine fast schlaflose Nacht verbrachte, setzte ich auch wieder meine Hasskappe auf. Hass in mir auf die Erwachsenen im Allgemeinen, kam hoch. Kaum einer hatte etwas dagegen unternommen dem Schleckelhuber[10] das Handwerk zu legen. Ohne die Millionen Mitläufer wäre es nicht zu dem gekommen, dass ich aus meiner behüteten Familie und meiner angestammten Umgebung, Heimat genannt, gerissen worden wäre. Mir wäre eine normale Entwicklung meiner Kindheit beschieden gewesen. Eure Herrenmenschen­träume sind zusammengebrochen, aber die Manieren nach dieser katastrophalen Niedertage habt ihr nicht abgelegt. Wenn ihr schon nicht andere Völker unterdrücken konntet, so konntet ihr doch wenigstens euer Mütchen an den unschuldigen Kindern auslassen, die ihr erst in diese Lage gebracht hattet. Solche und ähnliche Gedanken beschäftigten mich und raubten mir den Schlaf.

Verabschieden von meinen Leidensgenossen konnte ich mich am nächsten Tag auch nicht mehr. Sie waren in der Schule, als ich abgeholt wurde. Viele aber hatten sich am Abend und bis in die Nacht hinein an meine Türe geschlichen und mir alles Gute gewünscht.

Fußnoten

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Wei%C3%9Fwasser/Oberlausitz  hier: http://heimkinder-forum.de/v4x/index.php/Thread/15487-Wei%C3%9Fwasser-Kinderheim-Makarenko/ oder hier: http://www.kinder-heim.de/board1818-virtuelle-stadt-der-heimkinder/board1851-wohngebiet/board1732-spezialkinderheime-der-ehemaligen-ddr/board1735-spezialkinderheime-von-r-bis-z/board1804-spezialkinderheim-wei-wasser-maxim-gorki/

[2] Schulz: Später wird man lesen können, dass ich mit offener TBC und drei Löchern in der Lunge in einer Heilstätte landete.

[3] http://www.zeit.de/1954/13/der-ostzonale-thaelmann-film https://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Th%C3%A4lmann_%E2%80%93_F%C3%BChrer_seiner_Klasse

[4] http://www.ddr-geschichte.de/Bildung/Schule/Pionierorganisation/pionierorganisation.html https://de.wikipedia.org/wiki/Pionierorganisation_Ernst_Th%C3%A4lmann

[5] https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsches_Jungvolk

[6] https://de.wikipedia.org/wiki/Br%C3%BCder,_zur_Sonne,_zur_Freiheit

[7] Schulz: Woanders sonst, als eben staatlich?

[8] Schulz: Die stand 1990 bei meinem Besuch immer noch dort.

[9] http://www.ddr-geschichte.de/Bildung/Schule/Pionierorganisation/pionierorganisation.html

[10] gemeint ist Schicklgruber, eine Lächerlichmachung Adolf Hitlers mit Bezug auf den ursprünglichen Namen seines Vaters. https://de.wikipedia.org/wiki/Alois_Hitler

 Was gab’s bisher?

Editorische Vorbemerkung – https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/06/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt/ https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/06/00-editorische-vorbemerkung.pdf

Kapitel 1, Die Ballade von den beschissenen Verhältnissen – oder – Du sollst wissen, lieber Leser: Andere sind auf noch ganz andere Weise kriminell – und überheblich. https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/07/29/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-erstes-kapitel/ https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/07/01-erstes-kapitel.pdf

Kapitel 2, In Dönschten, am Arsch der Welt … ach Monika! https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/08/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-ii/https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/08/02-ach-monika.pdf

Kapitel 3, Weiter im Kreislauf: Heim, versaut werden, weglaufen, Lage verschlimmern. https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/09/28/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iii/ https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/09/03-weiter-im-kreislauf.pdf

Kapitel 4, 17. Juni 53: Denkwürdiger Beginn meiner Heimkarriere https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/10/24/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iv/ 04-beginn-meiner-heimkarriere-17-juni-53_2

Kapitel 5, von Heim zu Heim  https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/11/21/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-v/ PDF: 05-von-heim-zu-heim

Kapitel 6, Wieder gut im Geschäft mit den Russen https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/12/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-vi/  PDF: 06-wieder-gut-im-geschaft-mit-den-russen

Kapitel 7, Lockender Westen https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/04/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-vii/     PDF 07-lockender-westen

Kapitel 8, Berlin? In Leipzig lief’s besser. https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-viii/ PDF: 08-berlin-in-leipzig-liefs-besser

Kapitel 9, Aber nun wieder zurück nach Berlin https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/17/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-ix/ PDF: 09-aber-nun-wieder-zuruck-nach-berlin

Kapitel 10, Bambule https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/02/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-x/     PDF: 10-bambule

Kapitel 11, Losgelöst von der Erde jauchzte ich innerlich vor Freude https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/06/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xi/                                                           PDF: 11-losgelost-von-der-erde

Kapitel 12, Ihr Lächeln wurde um noch eine Nuance freundlicher. Süßer! https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/07/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xii/                                                            PDF: https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2017/02/12-sc3bcc39fer.pdf

Kapitel 13, Von Auerbachs Keller in den Venusberg https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/19/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xiii/  PDF: 13-von-auerbachs-keller-in-den-venusberg

Kapitel 14, Ein halbes Jahr Bewährungsprobe. Wo? Im Heim! https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/21/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xiv/                                                                                PDF: ein-halbes-jahr-bewahrungsprobe

Wie geht es weiter?

Kapitel 15, Spurensuche – und der Beginn in Dönschten

Kapitel 16, Was also blieb uns übrig, als aufs Ganze zu gehen?

Kapitel 17, War es den Aufwand wert, dieses beschissene Leben vor den Bomben zu retten?!

Kapitel 18, Ich war doch der einzige „Mann“ in der Familie …

Kapitel 19, Überhaupt, in der DDR gab es keine Kriminalität.

Kapitel 20, Wie schnell sich doch die Weltgeschichte ändert!