Dierk Schaefers Blog

Ein virtueller Stolperstein für Familie Heymann[1]

Hannover stolpert über nicht verlegte Stolpersteine – Die Entwicklung einer ehrbaren Provinzposse.


Stolpersteine bilden das flächenmäß größte Kunstwerk der Geschichte. Der Künstler Demnig hat sich zur Lebensaufgabe gemacht, an jüdische Opfer des Nationalozialismus zu erinnern und sie damit zu ehren. https://de.wikipedia.org/wiki/Gunter_Demnig  Vor ihrem letzten Wohnsitz kniet er nieder und verlegt eigen­händig quadratische Steine im Pflaster. Sie tragen auf einer Messingplatte die Namen, Geburtsdatum, und, soweit bekannt, Verbleib und Todesdatum dieser Menschen, „ermordet in …“. Eine grandiose Idee. Freiwillige #diepolierer, halten diese Messingplatten blank und leuchtend sichtbar. Die Steine werden gestiftet und bei der Verlegung formiert sich ein kleiner Kreis von Men­schen; sie wollen die Erinnerung wachhalten und es gibt auch eine kleine Ansprache zur Würdigung der Toten; manchmal sind es ganze Hausgemeinschaften, die in den Tod geschickt wurden.

Warum nur virtuell, warum im Netz?

Nach offizieller Gedächtnispolitik der Stadt Hannover werden nur Juden gewürdigt, die tat­sächlich ums Leben gebracht wurden[1]. Wer sein Leben durch Flucht retten konnte, ist eines Stolpersteins nicht würdig, es sei denn, Hinterbliebene beantragen einen.

 

Das Kapitel 1 über das Stolpern der Stadt (1.1 bis 1.10) ist nur peinlich und man kann es getrost überschlagen und gleich runterscrollen zu:

„3 Ungehaltene Rede zur Verlegung eines Stolpersteins für die Familie Heymann“

1 Das Stolpern der Stadt

1.1 Vor schon längerer Zeit beantragte ich per Mail bei den zuständigen Personen der Stadtver­waltung einen Stolperstein für die Familie Heymann. Der Antrag blieb ohne Antwort.[2]

1.2 Von einem Freund erfuhr ich dann von der merkwürdigen Stolperpolitik der Stadt Hanno­ver und legte resignierend den Vorgang beiseite. Doch viele Monate später mailte mir dieser Freund, es gebe wohl doch eine Möglichkeit. Also ein zweiter Versuch. Diesmal wollte ich nichts falsch machen.

1.3 Ich schrieb am 8. März 2022 an die „Geschäftsstelle Städtische Erinnerungskultur“, nannte die mir bekannten Daten der Familie Heymann und fügte hinzu: „Ich habe diesen Antrag vor langer Zeit schon einmal bei Herrn Dr. K. gestellt. Damals blieb ich ohne Antwort. Mag sein, dass ein Mail nicht die angemessene Form gewesen ist, mag aber auch sein, dass anscheinend nur ermordete Juden einen Stolperstein bekommen sollten und Anträge keine Beachtung finden. Darum ein zweiter Anlauf, der nun­mehr Erfolg haben sollte.“

Also nicht per Mail, sondern per Brief und mit vollem Ornat meiner drei Universitäts­ab­schlüsse und, vielleicht eher ausschlaggebend, mit Veröffent­lichung im Verteiler von Jürgen Wessel.

„Sehr geehrte Frau S, wie ich über Herrn Jürgen Wessel erfuhr, sind Sie zuständig für Anträge auf Stolpersteine für von den Nationalsozialisten verfolgte Personen mit jüdischem Hinter­grund. In Hannover werden inzwischen auch Stolpersteine für Personen verlegt, die ihrer Vernichtung durch Flucht entkommen sind. Die Familie Heymann konnte flüchten …“

Diesmal kam die Antwort prompt, aber nicht von Frau S., sondern von Dr. G, eine Etage höher. – Eine freundliche Absage: „vielen Dank für Ihren erneuten Antrag zur Verlegung von Stolpersteinen für die Familie Theodor Heymann in Hannover. Bedauernswerterweise müssen wir Ihnen mitteilen, dass in der Stadt Hannover Stolpersteine grundsätzlich nur für während der Zeit des Nationalsozialismus Ermordete und gewaltsam zu Tode gekommene Menschen verlegt werden. Aus Respekt vor den (nächsten) Hinterbliebenen können aber auch für über­lebende bzw. emigrierte NS-Verfolgte Stolpersteine verlegt werden, sofern dies der ausdrück­liche Wunsch der Angehörigen ist. Vor diesem Hintergrund können wir Ihrem Antrag aktuell leider nicht entsprechen. Vielleicht können Sie aber noch Verwandte ausfindig machen, die eine Verlegung wünschen. Wir würde das auf jeden Fall begrüßen.“

1.4 Ich kündige die Verlegung eines Stolpersteins im Netz an[3]:

„Lieber Jürgen, die Absage hat mich eigentlich nicht gewundert, nur kam sie diesmal von einer höheren Etage. Nun, ich spare Kosten. Doch die Stadt vergisst, dass man über verlegte Stolpersteine achtlos drüber­latschen kann, über virtuelle nicht, die eignen sich zum Werfen.

Die Heymanns werden also einen Stolperstein im Netz bekommen.

Titel: Hannover stolpert über nicht verlegte Stolpersteine.

Es wird ein grundsätzlicher Artikel werden.“

1.5 Darüber stolperte Dr. B., „Direktor des ZeitZentrum Zivilcourage und in dieser Funktion auch Leiter der Städtischen Erinnerungskultur.“ Das Ganze, wie schon in der Absage von Dr. G.  unter dem Briefkopf des Oberbürgermeisters.

Zunächst lobt er mein Engagement, bleibt aber bei der Absage: „Wir vertreten weiterhin die Ansicht, dass Stolpersteine eine herausgehobene Ehrung für Menschen sein sollten, die unmit­telbar aufgrund der Verfolgung im Nationalsozialismus zu Tode gekommen sind. Für Über­lebende verlegen wir Stolpersteine daher nur auf Wunsch von Angehörigen.“ … „Über die Frage der Verlegung von Stolpersteinen für Überlebende gibt es inzwischen bundesweit unter­schiedliche Standpunkte, so dass sich auch in den einzelnen Kommunen unterschiedliche Vorgehensweisen entwickelt haben.“

Bautz, der Stolperer liegt auf der Nase. Denn müsste er nun sagen, warum Hannover so und andere anders. Tut er aber nicht, sondern stolpert weiter:

1.6 „Wie Herr Dr. G. betont hat, würden wir es sehr begrüßen, wenn Sie Kontakt zu Angehö­rigen der Familie Heymann herstellen könnten, so dass für die Familie Stolpersteine verlegt werden können.“

Wenn ich davon absehe, dass er mir seine Aufgabe zuschieben will, heißt das doch: die Ange­hörigen der Familie Heymann, Juden also, sollen sich tummeln, damit Juden einen Stolper­stein bekommen können, der anderswo auch ohne speziell jüdisches Engagement möglich wäre[4]. So ist das mit dem Stolpern: Man meint sich noch auffangen zu können, dann liegt man krachend auf der Nase. Doch er will sich – und die Stadt – wieder aufrichten und klagt:

1.7 „Etwas irritiert bin ich über den Ton und die Unterstellungen, die in den Mails von Ihnen und Herrn Wessel erkennbar sind. Ich weiß nicht, wie bei Ihnen der Gedanke aufkommen kann, dass für die Stadt Hannover nur ermordete Juden „gute Juden“ sein sollen. Das Schick­sal aller Verfolgten steht im Zentrum der Tätigkeit der Städtischen Erinnerungskultur, das ist unschwer an unseren zahlreichen Veranstaltungen, Veröffentlichungen und weiteren Akt­iv­itäten zu erkennen. Differenzierung ist dabei jedoch ebenso wichtig. Daher verstehen wir die Stolpersteine weiterhin in erster Linie als Würdigung derjenigen Menschen, die das schlimm­ste Verfolgungsschicksal erlitten haben, nämlich den Tod. Ebenso habe ich auch den Zusam­menhang mit der Ankunft von Flüchtlingen heutzutage nicht verstanden. In Hannover sind zahlreiche Stolpersteine für Menschen verlegt, die zunächst ins Ausland fliehen konnten und im Laufe der deutschen Eroberungen während des Zweiten Weltkrieges doch noch den natio­nalsozialistischen Verbrechen zum Opfer gefallen sind. Dadurch wird die Tatsache gewürdigt, dass Flucht immer einen existenziellen Einschnitt bedeutet und nicht mit Rettung gleich­zu­setzen ist.“

Da liegt er schon wieder danieder. Eine Opferhierarchie! Flucht darf sein, sollte aber durch Nazi-Hand vom Tod gekrönt werden. Was ist mit denen, die sich lieber selber umbrachten, weil Flucht unmöglich war? Auch dafür gibt es Namen, beispielsweise Jochen Klepper und seine Frau. Der Gedanke, dass manche Überlebende die Toten beneideten, scheint undenkbar.

1.8 Doch er baut vor: „Sie schreiben ja über Ihre Planungen, für die Familie Heymann virtu­elle Stolpersteine zu verlegen und dies mit einem grundsätzlichen Artikel zur Verlege­praxis in Hannover zu kombinieren. Was halten Sie davon, wenn wir ebenfalls einen Artikel beisteu­ern, in dem wir die Gründe für das Vorgehen der Stadt Hannover darlegen? Dann könnte man sich dort gleich ein umfassendes Bild machen und eine Diskussion anstoßen.“

Aber ja doch, gerne, sehr geehrter Herr Dr. B!

1.9 „Vielen Dank für die schnelle Antwort. Ich will Sie nicht warten lassen. Es versteht sich von selbst, dass man in die unbequeme Rolle bei einem Paraklausithyron versetzt letztlich sich einer gewissen Polemik nicht enthält. Die werde ich auch nicht aufgeben. Zur Fairness gehört es, Ihnen nach Fertigung meines Artikels die Gelegenheit zur Darstellung der hanno­verschen Position innerhalb meines Artikels zu geben und Sie nicht auf die Kommentar­möglichkeit zu verweisen. Ich behalte mir allerdings vor, Ihre Erwiderung gegebenenfalls zu kommentieren“.

1.10 Zur Ehrenrettung von Hannover

Bevor Dr. B. hier den zugesagten Platz bekommt, will auch ich etwas zur Ehrenrettung meiner Heimatstadt Hannover sagen:

Man beachte die Adresse

Landeshauptstadt Hannover

Zentrale Angelegenheiten Kultur (41.03)

ZeitZentrum Zivilcourage

Direktion

Theodor-Lessing-Platz 1a

30159 Hannover

Mit Theodor Lessing[5] wird an herausragender Stelle, mehr Stolperstein geht nicht[6], ein han­noverscher Jude gewürdigt, der nicht nur von Nazis ermordet, sondern von der hanno­verschen Gesellschaft, seiner Hochschule und der Justiz lange vor seinem Exil „ausgesondert“ wurde. Lessing war ein selbstbewusster jüdischer Gelehrter und hatte über die engen Grenzen bürger­licher Toleranz hinweg auch sehr geärgert und herausgefordert mit seiner Berichterstattung über den Prozess gegen den Massenmörder Haarmann. [7]

2 Richtlinien der Stadt Hannover zur Verlegung von Stolpersteinen.[8]

Die Beteiligung der Landeshauptstadt Hannover an der künstlerischen Aktion „Stolpersteine“ seit dem Jahr 2007 erfolgte auf Grundlage der ursprünglichen Konzeption, nach der Stolper­steine als herausgehobene Form des Gedenkens für Opfer des Nationalsozialismus gedacht waren, die unmittelbar durch die Folgen der Verbrechen zu Tode gekommen sind. Vor jeder Verlegung eines Stolpersteins wird dabei grundsätzlich recherchiert, ob noch Angehörige der betreffenden Person leben, um deren Zustimmung einzuholen. Seit mehreren Jahren werden in einigen Kommunen auch Stolpersteine für Opfer verlegt, welche die Verfolgung überlebt haben. In der Folge wurden auch entsprechende Anträge an die Stadt Hannover gestellt. Daher wurden die Kriterien für die Verlegung im Jahr 2011 neu gefasst und dem Rat der Stadt Hannover zur Kenntnis gegeben. Die Stadt Hannover hält weiterhin grundsätzlich daran fest, dass die Stolpersteine eine besondere Form der Erinnerung darstellen, die das Gedenken an den allgemeinen Gedenkorten wie auf dem Opernplatz ergänzen. Diese besondere Form des Gedenkens sollte unserer Ansicht nach weiterhin in erster Linie den unmittelbar durch die Verfolgung zu Tode gekommenen vorbehalten bleiben. Dadurch entsteht eine differenzierte Form des Gedenkens, bei der an zentralen Orten allgemein der Verfolgung einzelner Gruppen gedacht wird, während ergänzend an die unmittelbaren Todesopfer individuell im Stadtbild durch die Stolpersteine erinnert wird. Wir halten diese Form der differenzierten Erinnerung weiterhin für gerechtfertigt. Die Verfolgung im Nationalsozialismus war für alle davon Betroffenen ein existenzieller Einschnitt. Doch während die Überlebenden die Chance erhielten, nach 1945 selbstbestimmt ihr weiteres Leben zu gestalten, bedeutete für die Todesopfer die Verfolgung das unwiderrufliche Ende.

Im Jahr 2011 wurde festgelegt, dass von der Praxis, Stolpersteine nur für durch die Verfolgung zu Tode gekommene zu verlegen, abgewichen werden kann, wenn Angehörige von Verfolgten dies beantragen. In der städtischen Erinnerungskultur der Landeshauptstadt Hannover ist die Perspektive der Verfolgten und ihrer Angehörigen seit jeher zentral, ihre Wünsche und Anliegen genießen eine herausragende Priorität. Dies ist im humanitären Aspekt des Auftrages der Erinnerungskultur begründet, nach dem die Familien der Betrof­fenen bei der Bewältigung der Folgen der Verfolgung unterstützt werden sollen, so weit es möglich ist. Daher kann Anträgen auf die Verlegung eines Stolpersteins durch Dritte nur entsprochen werden, wenn eine Zustimmung von Angehörigen derjenigen Person vorliegt, für die der Stolperstein verlegt werden soll.

Dr. B., Direktor des ZeitZentrum Zivilcourage der Landeshauptstadt Hannover“

3 Ungehaltene Rede zur Verlegung eines Stolpersteins für die Familie Heymann[9]

Als Kind kam ich regelmäßig am Grundstück Dieckbornstraße 7, Ecke Wittekindstraße[10] vorbei. Ein abgeräumtes Trümmergrundstück, so habe ich es in der Erinnerung. Ein paar Schritte weiter ging es zu Herrn Bolte, bei dem wir unsere Milch kauften.

Aus den Erzählungen meiner Mutter und meiner Oma wusste ich, dass hier die Heymanns ihren Laden hatten, eine Kolonialwarenhandlung, wie das damals hieß.[11] Man ging gern dort hin und Frau Heymann hatte auch immer gute Ratschläge zum Kochen und Backen, sie kannte sich aus. Die Heymanns waren Juden und meine Mutter kaufte dort, mit Parteiab­zeichen am Revers. Das war keine Heldentat, aber es hieß ja: Deutsche, kauft nicht bei Juden. Wenn die Judenhetze im Radio hochkochte, blieb meine Mutter eine Zeitlang weg. Wenn sie wiederkam, sagte Frau Heymann, „Nun ist auch meine letzte Kundin wieder zurück.“ Meine Mutter hat wohl nie daran gedacht, dass andere mutiger waren.

In unserem Besitz waren vier oder fünf silberne Kaffeelöffel, zwei habe ich noch. Die gab es jeweils als Jahresgabe zur Kundenbindung, wie man heute sagen würde.

Die Heymanns hatten einen Sohn, der altersmäßig zu meiner Mutter gepasst hätte; das war Anlass für scherzhafte Anspielungen von Frau Heymann.

Meine Mutter war Parteimitglied und Stenotypistin im HJ-Büro. Dort war sie unter „Kamera­den“, lauter Nazis, die kein Verständnis dafür hatten, dass meine Mutter sich 1941 kirchlich trauen ließ. Hitlers „Mein Kampf“ gab es auf dem Standesamt als Äquivalent zur Traubibel.

Trotz aller Kirchlichkeit bin ich in einer „normal antisemitischen“ Familie aufgewachsen. Mit normal meine ich das übliche Halbwissen über Juden, auch den Sprachgebrauch mit „nur keine jüdische Hast“ oder „es geht ja zu, wie in der Judenschule“. Meine Oma klagte über „die Kaftan-Juden“. Nach den Gebietsabtrennungen nach dem Ersten Weltkrieg waren wohl viele Juden aus Galizien nach Hannover gekommen[12], die in Gruppen auf dem Bürgersteig gehend keinen Platz ließen, so dass sie meinte, auf die Straße ausweichen zu müssen.

Meine Mutter hätte ganz sicher keinen Juden geheiratet, unabhängig von der Nazi-Hetze. Sie erstellte brav die Ahnentafel, um einen Unteroffizier heiraten zu dürfen[13]. An einer Stelle, zum Glück weit hinten, kam sie nicht weiter. „Da muss wohl ein Jude dringesteckt haben“, mutmaßte meine Oma. Doch meine Mutter erwies sich als hinreichend arisch.

Dieser Abstammungswahn war bereits eine Steigerung des bürgerlich-normalen Antisemi­tismus. Man hielt Distanz, wenn man auch bei Juden einkaufte oder zu einem jüdischen Zahnarzt ging – oder zu einem Geldverleiher. Diese Distanz war endemisch im christlichen Abendland, mit übelsten Verbrechen. Ich muss hier keine Geschichte des Antisemitismus ausbreiten. Doch dieser endemisch-rassistische Antisemitismus war der Nährboden für die Ermordung der europäischen Juden. Assimilation half nicht, die Aussonderung blieb. [14] + [15] Als ich mit meiner Mutter in Yad Vashem war, bekam sie einen Schwächeanfall angesichts der Berge von Menschenhaaren, Schuhen und Brillen.

Der Sohn Heymann, ich habe seinen Namen vergessen, ergatterte Ausreisepapiere für die Familie nach – Shanghai.[16] Den mir vorliegenden Daten zufolge war die Ausreise nach Februar 1939, vermutlich aber vor Kriegsbeginn.

Shanghai – so weit weg, sagte meine Oma in erschreckt-mitfühlendem Ton. „Weit von wo?“ Wie es Juden im Ghetto von Shanghai erging, lässt sich, wenn auch in Romanform, lesen in: Ursula Krechel, Shanghai, Fern von wo. Aufschlussreich ist auch die Darstellung, nach der Nazi-Deutschland über die Botschaft in Tokio versuchte, auch die geflüchteten Juden im von Japan besetzten Shanghai zu vernichten.

Die Bevölkerungsdichte im Ghetto war höher als im damaligen Manhattan. Durch japanische Soldaten unter dem sadistischen Befehlshaber Kano Ghoya streng abgeschottet, durften Juden das Ghetto nur mit spezieller Erlaubnis verlassen. Etwa 2000 Juden starben im Ghetto von Shanghai.[17]

Ob es in chinesischen bzw. japanischen Unterlagen Informationen über einzelne geflüchtete Juden aus der Zeit gibt, weiß ich nicht, doch das dürfte in diesem Zusammenhang nicht erheblich sein.

Aber hier liegt eine Aufgabe für die Stadt Hannover. Im Netz gibt es eine Fülle von Texten über das Shanghaier Ghetto und das Schicksal der geflüchteten Juden.[18] Dies sind zwar allgemeine Informationen, doch könnte man sicher an die Liste herankommen, die von Josef Meisinger[19] den Behörden übergeben wurde: Der erklärte, „er habe von Berlin den Auftrag, den japanischen Behörden die Namen aller „Anti-Nazis“ unter den Deutschen zu melden. „Anti-Nazis“ seien in erster Linie deutsche Juden, von denen 20.000 nach Shanghai emigriert seien.“

Resümee

Doch, insoweit hat die Stadt recht, andere wurden ermordet, viele fanden „ihr Grab in den Lüften“ (P. Celan). Stolpersteine zum Hören gibt es bereits[20], da mag es angemessen sein, wenn es nun Stolpersteine in den Wolken des Internets gibt für die wie auch immer „glücklich-Davongekommen.“

Aber vielleicht ändert die Stadt Hannover doch noch ihre Haltung?


[1] https://www.hannover.de/Kultur-Freizeit/Architektur-Geschichte/Erinnerungskultur/ZeitZentrum-Zivilcourage/St%C3%A4dtische-Erinnerungskultur/Stolpersteine

[2] Mein Antrag vom 24.10.2011, nachgehakt am 13. Dezember 2011

[3] Mit CC an Dr. G.

[4] Hier mag der Platz sein, etwas zu dem „Goi“ zu sagen, der sich unberufenerweise in originär jüdische Angele­gen­heiten mischt. Ich, Dierk Schäfer, bin ein Lindener Butjer, wie meine Großmutter sagte. Das können Interes­sierte nachlesen unter „Eine Kindheit und Jugend in Linden“ https://www.digitales-stadtteilarchiv-linden-limmer.de/wp-content/uploads/2020/03/Kindheit-und-Jugend-in-Linden.pdf

Meine Familie wohnt zwar seit 1967 in Süddeutschland, doch meine Verbundenheit mit Linden ist geblieben. So lud ich mithilfe von Jürgen Wessels Verteiler zu meinem 70sten Geburtstag zu einer Lindenmatinee ein.

[5] Karl Theodor Richard Lessing (* 8. Februar 1872 in Hannover; † 31. August 1933 in Marienbad, Tschechoslowakei) war ein deutscher Philosoph, Schriftsteller und Publizist. Der von drei Attentätern in der Tschechoslowakei erschossene Autor gehört zu den ersten bekannten Opfern des Nationalsozialismus. https://de.wikipedia.org/wiki/Theodor_Lessing

[6] oder doch? Ein Denkmal? Aber vor dem Rathaus steht schon eins. – Ironie an! Photo Dierk Schäfer https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/51951958319/in/dateposted-public/  –  Ironie aus!

[7] Zur lohnenden weiteren Lektüre empfehle ich nicht nur wiki, sondern auch die Biographie von Rainer Marwe­del, Theodor Lessing, 1872-1933, Darmstadt, Neuwied, 1987 „Theodor Lessings Leben ist eine Einführung in die Katastrophengeschichte dieses Landes.“

[8] Mein Artikel hat der Stadt bisher nicht vorgelegen, nur die Gliederung.

„Wenn sie auf den Artikel reagieren möchten, geht das im Kommentarteil. Sie wollten ja „ebenfalls einen Arti­kel beisteuern, in dem wir die Gründe für das Vorgehen der Stadt Hannover darlegen … und eine Diskussion anstoßen.“

[9] Diese Form der Rede hat im Unterschied zu einer tatsächlich gehaltenen den Vorteil, dass ich mich umfang­reicher – und mit Fußnoten – äußern kann.

[10] Auf dem Stadtplan von 1912 ist die Nummer schon eingezeichnet, die Ecke aber noch unbebaut. Nach der Zerstörung des Eckhauses war hier lange Zeit nur das aufgeräumte Trümmergrundstück, später dann ein Super­markt und danach ein Getränkemarkt: https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/51951689376/in/dateposted-public/

[11] Heute würde man von „Tante Emma Laden“ sprechen. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass heutzutage dank Globalisierung kaum noch zu unterscheiden ist, was alles aus den weltweiten Kolonialreichen in unsere Läden kommt, aber die „Dritte-Welt-Läden“, inzwischen „Eine-Welt-Läden“, nicht Kolonialwarenhandlungen genannt werden.

[12] Das Jüdische Lexikon von 1927 zählt in der Übersichtskarte für Hannover Gemeinden mit 5-10.000 „Jüdische Seelen“ auf (Jüdisches Lexikon, enzyklopäd. Handbuch d.  jüd. Wissens in 4 Bd., Bd. 4 – 2 S-Z, Seite 673,  Nachdruck 1982). Der Artikel über Hannover in Bd. 2, D-H, referiert die Geschichte der Juden in Hannover, nennt aber keine damals aktuellen Zahlen.

[13] Ein erheblicher Aufwand wurde für die Ahnenpässe getrieben, viele Schreiben, um an standesamtliche Daten zu kommen, die ja lange Zeit nur in Kirchenbüchern vermerkt wurden. Einen vergleichbaren Aufwand durfte meine Mutter später treiben auf der Suche nach meinem als vermisst gemeldeten Vater.

[14] Ein SS-Mann wurde zitiert mit: „Was der Jude glaubt, ist einerlei, in der Rasse legt die Schweinerei.“

[15] S. auch: http://www.haz.de/Hannover/Aus-der-Stadt/Uebersicht/Roehrbein-und-Thielen-veroeffentlichen-neues-Buch-Juedische-Persoenlichkeiten-in-Hannovers-Geschichte „Joseph Joachim: Er würde „peinliche Empfin­­dungen zeitlebens nicht überwinden“ können, wenn er in der Hofkapelle durch seine Taufe privilegiert wäre, „während meine Stammesgenossen in derselben eine demütigende Stellung einnehmen“, schrieb er verbittert.“

[16] Das Ehepaar Heymann wird in der „Liste über auswanderungsverdächtige (!) Personen“ ebenfalls aufgeführt. Die Angaben mit Verweis auf zwei Aktenvorgänge aus dem Februar 1939 lauten: „Heymann, Theodor Kolonial­warenhdl. u. Frau Rahel geb. Magnus, Hannover-Li, Dieckbornstr. 7“ Bemerkung zum Auswanderungsziel: „Nach Schanghai“.

[17] https://de.wikipedia.org/wiki/Josef_Meisinger

[18] https://de.wikipedia.org/wiki/Shanghai#Shanghai_als_Fluchtort_europ%C3%A4ischer_Juden

https://de.wikipedia.org/wiki/Shanghaier_Ghetto

http://www.exil-archiv.de/grafik/themen/exilstationen/shanghai.pdf

http://www.shanghaighetto.com/

http://www.shanghaighetto.com/about.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_der_Juden_in_Japan#Juden_im_chinesischen_Shanghai

https://de.wikipedia.org/wiki/J%C3%BCdisches_Fl%C3%BCchtlingsmuseum_in_Shanghai

https://www.zeit.de/reisen/2012-01/shanghai-juden

https://www.deutschlandfunkkultur.de/emigration-juedisches-leben-in-shanghai-100.html

https://www.fr.de/panorama/spuren-vorfahren-11053263.html

http://www.exil-archiv.de/grafik/themen/exilstationen/shanghai.pdf   

[19] Die Liste enthielt u. a. die Namen aller Juden mit deutschem Pass in Japan.

In Japan und dem japanisch besetzten China widmete sich Meisinger immer wieder der Judenverfolgung. 1941 intervenierte er bei japanischen Dienststellen und forderte sie auf, die etwa 18.000 jüdischen Flüchtlinge aus Österreich und Deutschland im von den Japanern besetzten Shanghai zu ermorden. https://de.wikipedia.org/wiki/Josef_Meisinger

[20] https://de.wikipedia.org/wiki/SWR2_Stolpersteine_zum_H%C3%B6ren

alle Links: Sonntag, 20. März 2022

Noch ein Spendenaufruf,

Posted in Deutschland, Kindeswohl, kirchen, Krieg, Kriegskinder, Leben, Menschenrechte, Zeitgeschichte by dierkschaefer on 27. März 2022

diesmal „an alle Kirchengemeinden, Bezirkskonsistorien, Pfarrämter, kirchlichen Werke und Einrichtungen sowie an die hauptamtlichen und ehrenamtlichen Mitarbeitenden der Kirche“

„Noch ein Spendenaufruf“ trägt der Tatsache Rechnung,

  • dass an die beiden großen deutschen Spendenadressen nach Zeitungsmeldung bereits 250 Millionen € eingegangen sind,
  • dass Ungarn in einer ganzseitigen Anzeige in der FAZ unter dem Stichwort „Ungarn hilft“ um Spenden wirbt
  • und dass zahlreiche private Hilfeangebote gestartet sind.

Warum also noch ein Spendenaufruf?

Einerseits hat wohl nicht jeder prinzipiell Hilfewillige schon gespendet,

andererseits möchte jeder gern Gewissheit haben, dass seine Spende tatsächlich direkt bei den Flüchtlingen ankommt,

und schließlich ist ein spezieller Spenderkreis angesprochen: kirchliche Einrichtungen (und damit alle Personen), die kirchlichen Einrichtungen in Rumänien Geld für direkte Hilfe anvertrauen.

Im Aufruf, (hier als PDF beigefügt) heißt es: „Wir haben das Glück, dass unser ökumenischer Verein AIDRom sehr aktiv vor Ort ist und konkret hilft, wo die Not am Größten ist. So rufen wir hiermit zu einer schnellen und effek­tiven Spendenaktion auf, gerade weil der Flüchtlingsstrom zunimmt und jede Hilfe nicht früh genug ankommen kann. Diese Geldhilfen werden vor Ort eingesetzt für die Beschaffung von Lebensmitteln, Kindernahrung, Medikamenten, Transportmitteln, u.v.a.m.“

Bankverbindung – Spenden Sie bitte unter dem Vermerk: „Soforthilfe Ukraine” an:

BANCA TRANSILVANIA SUCURSALA SIBIU
IBAN: RO84BTRL 0330 1205 A579 5105
COD SWIFT: BTRLRO22

Dazu ein Link: https://www.evang.ro/nachricht/artikel/ekr-spendenaufruf-fuer-gefluechtete/

Sie war noch Kind, als der Fürst sie kaufte und mit nach Hause nahm,

wo sie verkümmerte und drei Jahre später starb.

Machbuba. Zeitgenössisches Gemälde um 1840[1]

Der Fürst war 40 Jahre älter, „leider aber ein Alter, der Maitressen dieser Art braucht, welche die blindeste Folg­samkeit mit dem Attachement der Hunde verbinden, denn daß sie in mich verliebt sein sollen, kann ich nicht mehr prätendiren.“[2]

Als er sie kaufte war sie fast nackt[3]. Doch er war ein „zu gewissenhafter und selbst zu freier Preuße, um sie jetzt noch als Sklavin zu behandeln. Mit dem Eintritt in mein Haus war sie eine Freie.“

Er kleidete sie züchtig ein und ließ sie „statt eines hier landes­üblichen Eunu­chen“ nur von seinem Pagen bewa­chen.

Doch Ihre Freiheit verstand die Zwölf­jä­hrige nicht so recht. Sie küsste ihm die Hand und „diese dann demü­tig an ihre Stirn drückend, flüsterte sie leise: Ich sei ihr Herr und habe zu gebieten, was sie sein und was sie tun solle.“[4]

Das war es zunächst. Er hatte damit, was er wollte. Aber „was man hat, ist nichts mehr, was man zu haben wünscht, ist al­les — das war ein Leitsatz, Le­bensmotiv des Fürsten Hermann von Pückler-Muskau“[5]

Er war ein Abenteurer und Lebemann. Zu seinem „kleinen Gefolge“ gehörte nicht nur – „um die Langeweile einer so weiten Wasserreise etwas weniger monoton zu machen“, die „abessi­nische Sklavin“, sondern auch „ Doktor Koch (Neffe des rühmlich bekannten Münchener Medizi­nalrats gleichen Namens, und Generalstabsarzt der ägypti­schen Flotte, den mir Mehemed Ali als Reiseäskulap[6] mit­zugeben die Gewohnheit gehabt hatte) mit seinem Diener, ein „Kawaß des Vizekönigs“[7], sein „Drago­man[8] Giovanni“, sein Kammerdiener Ackermann, ein griechischer Page aus Kandia mit Namen Jannis, und ein arabischer, in Kahira[9] einiger­maßen französierter Koch“[10] einiger­maßen französiert!

Pückler war nicht irgendwer, sondern hatte ein Gefolge und wurde auch von Mehemed Ali, dem Vizekönig empfangen. Er war in jeder Hinsicht anspruchsvoll. Seine Bücher waren spannend zu lesen[11] und seine Landschaftsgärten wurden zum Vorbild. Er machte Schluss mit den barock-getrimmten Gärten, sondern folgte den englischen Ideen von natürlich wirkenden Gärten, so natürlich, als wären sie frei gewachsen, wenn auch die gestaltende Kraft ihres Schöpfers im Detail von hergestellten Blickachsen erkennbar war. Er gab seinen Gärten die freie Natur, und diese Natur antwortete in aller Bescheidenheit, er sei ihr Herr und habe zu gebieten, was sie sein und was sie tun solle.[12]

War er pädophil? Er war wohl vielseitig begabt, galt als Frauenheld, aber war „auf minder­jährige Mädchen ausgerichtet“, wie das Beispiel Machbuba zeigt.[13] Die hat er aus Langeweile sozusagen vernascht. Wie das nach ihm benannte Fürst-Pückler-Eis.[14]

Was bleibt von Machbuba? Sie starb mit etwa 15 Jahren an Tuberkulose. Auf ihrem Grab[15] liegt ein gebrochenes Herz. 2017 kam zum Grabstein auch ein äthiopisches Kreuz. Asfa-Wossen Asserate, der Großneffe des letzten äthiopischen Kaisers Haile Selassie[16] hat das Kreuz in Addis Abeba anfertigen lassen.[17]

Ein trauriges Kinderschicksal – geadelt durch den Missbraucher. Soll man sie glücklich preisen, weil sie sonst von jemand anderem gekauft worden wäre, der ihr keinen goldenen Käfig geboten hätte?

Dieser Artikel ist als Auftakt zu sehen für meinen Essay „Macht, Sex, Gewalt“, demnächst in diesem Blog. Am Pückler‘schen Beispiel sehen wir, wie ein gebildeter, äußerst kultivierter Bonvivant[18] seinen Begierden nachgeht, ohne sich Gedanken zu machen über die Personen, die er dazu benutzt. Er wird sich als Ehrenmann gesehen haben, hat er doch ein armes Mädchen aus der Sklaverei herausgekauft, sie gekleidet und anständig versorgt.

Wir sehen die Parallelen aktuell in der #MeToo Bewegung.[19] Doch das Thema Macht, Sex Gewalt hat viele Facetten, und jeder dieser drei Themenbereiche ist hochkomplex. Das wird eine Aufgabe.

Fußnoten


[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Machbuba

[2] Ludmilla Assing: Fürst Hermann von Pückler-Muskau. Eine Biographie. Zweite Hälfte. Wedekind & Schwie­ger, Berlin 1874 (Nachdruck: Hoffmann und Campe, Hamburg 2004, Band 1 ISBN 3-487-12029-1; Band 2 ISBN 3-487-12030-5). S. 118 f. („[…] ich bin ein Türke, leider aber ein Alter, der Maitressen dieser Art braucht, welche die blindeste Folgsamkeit mit dem Attachement der Hunde verbinden, denn daß sie in mich verliebt sein sollen, kann ich nicht mehr prätendiren. Liebe aber dieser Art dauert überhaupt nicht lange.“) Zitiert nach https://de.wikipedia.org/wiki/Machbuba

[3] „Als ich sie kaufte, trug sie noch das Kostüm ihres Vaterlandes, das heißt nichts als einen Gürtel aus schmalen Lederriemen mit klei­nen Muscheln verziert. Doch hatte der Sklavenhändler ein großes Musselintuch über sie geworfen, das aber vor den Kauflustigen abgenom­men wurde und daher der genauesten Beurteilung kein Hin­der­nis in den Weg legte. … Es war gut, daß ich alle diese Vorzüge beim Einkauf sah, …“, aus: Hermann Fürst von Pückler-Muskau, Aus Mehemed Alis Reich – Ägypten und der Sudan um 1840, Zürich, 1985, S. 244 – 246

[4] s. Anmerkung 2

[5] Esther Knorr-Anders, Leicht entflammbar – Das bizarre Leben des „grünen Fürsten“: DIE ZEIT: 10. Januar 1992, Rezension zu Heinz Ohff: Der grüne Fürst, Das abenteuerliche Leben des Hermann Pückler-Muskau; Piper Verlag, München 1991

[6] Äskulap, griechischer Gott der Heilkunst. Wenn man „Reiseäskulap“ googelt, stößt man auf lauter Pücklerzitate.https://www.google.com/search?client=firefox-b-d&q=Reise%C3%A4skulap

[7] Kawaß des Vizekönigs – Ehrenwächter (für Diplomaten) in der Türkei – Ägypten gehörte zum Osmanischen Reich

[8] Dragoman, Übersetzer, Dolmetscher oder sprachenkundiger Reiseführer im Nahen Osten, besonders für die Sprachen Arabisch, Türkisch und Persisch. https://de.wikipedia.org/wiki/Dragoman

[9] Kairo

[10] Textaufnahme, s. Anmerkung 3, hier grammatisch angepasst.

[11] https://de.wikipedia.org/wiki/Hermann_von_P%C3%BCckler-Muskau

[12] Wer diesen Vergleich für überzogen hält, der lese die Begeisterung Pücklers für schöne, naturbelassene Kör­per: „Aber ihr Körper! Woher in des Himmels Namen haben diese Mädchen, die barfuß gehen und nie Hand­schuhe tragen, diese zarten, gleich einem Bildhauer­modell geformten Hände und Füße; sie, denen nie ein Schnürleib nahekam, den schönsten und festesten Busen; solche Perlenzähne ohne Bürste noch Zahnpulver, und obgleich meistens nackt den brennenden Sonnenstrahlen ausgesetzt, doch eine Haut von Atlas, der keine europä­ische gleichkommt und deren dunkle Kupferfarbe, gleich einem reinen Spiegel, auch nicht durch das kleinste Fleckchen verunstaltet wird? Man kann darauf nur antwor­ten, daß die Natur Toilettengeheimnisse und Schönheits­mittel besitzen muß, denen die Kunst nie gleichzukommen imstande ist.“ Lit. s. Fußnote 3

[13] s. vorige Anmerkung

[14] https://de.wikipedia.org/wiki/F%C3%BCrst-P%C3%BCckler-Eis

[15] Ihr Grab auf dem evangelischen Kirchfriedhof in Bad Muskau wird bis heute gepflegt

[16] https://de.wikipedia.org/wiki/Haile_Selassie – Lohnt sich zu lesen.

[17] https://www.lr-online.de/lausitz/weisswasser/machbuba-fasziniert-bis-heute-34287000.html Der Artikel stellt die Bedeutung Machbubas als Mätresse von Pückler infrage, bringt aber keine Belege dafür. Die Aussagen des Fürsten sind jedoch deutlich genug, auch wenn er keine Details schildert. Ohnehin ist das Bemühen erkennbar, das Verhältnis zu entsexualisieren und das Kind Machbuba als eine reife polyglotte Persönlichkeit darzustellen, „die sich durch ihre Persönlichkeit auch an europäischen Höfen Sympathie und Anerkennung erwarb.“ Wenn der „bedeutendste Orientalist der damaligen Zeit, Joseph Freiherr von Hammer-Purgstall,“ schreibt: „ich sprach mit ihr arabisch, ihr Äußeres enttäuschte mich aber und blieb weiter hinter den Schilderungen ihres Liebreizes zurück, die der Fürst in der ,Allgemeinen Zeitung’ gemacht hatte, dann weiß man, wie der Fürst seine Maitresse in der Öffentlichkeit präsentierte.“ https://www.tagesspiegel.de/wissen/die-abessinierin-im-gefolge-fuerst-puecklers-das-raetsel-der-machbuba/20793600.html Selbstverständlich schrieb er nicht über Sexualität. Dazu auch: https://blackcentraleurope.com/quellen/1500-1750-deutsch/machbuba-ca-1825-40/ , dazu auch: https://www.lr-online.de/lausitzer-geschichte-das-neue-bild-der-machbuba-38019624.html und https://www.welt.de/geschichte/article150198098/Die-Kinder-Maetresse-des-fuerstlichen-Playboys.html

[18] Bonvivant – „Lebemann und Playboy sind Hedonisten und in aller Regel auch Bonvivants. Bei ihnen stehen aber nicht das gute Leben oder das gute Essen und Trinken im Vordergrund, sondern andere Vergnügungen. https://de.wikipedia.org/wiki/Bonvivant

[19] #MeToo ist ein Hashtag, das seit Mitte Oktober 2017 im Zuge des Weinstein-Skandals Verbreitung in den sozialen Netzwerken erfährt. Wikipedia

Was für ein Leseabenteuer!

Devianz als Schicksal? – Rezension

von Markus Löble1

„Dust in the wind

All we are is dust in the wind“

Rockgruppe Kansas (1977)

Dierk Schäfer, Theologe und Psychologe, ehemaliger Polizeipfarrer und Tagungsleiter der Evangelischen Akademie in Bad Boll, legt nun im Sommer 2021 mit „dem Schulz“ gleichzeitig „einen Schäfer“ vor. „Der Schulz“, das ist: Devianz als Schicksal? Die kriminelle Karriere des Dieter Schulz. Band 45 der Tübinger Schriften und Materialien zu Kriminologie (TÜKRIM)2

14 Jahre nach der verdienstvollen und prämiierten Heimkindertagungsreihe „Kinderkram“ der Evangelischen Akademie in Bad Boll 2007, die Dierk Schäfer als Tagungsleiter der Evangelischen Akademie organisiert und geleitet hat, liegt nun die kommentierte Ausgabe der autobiographischen Notizen „des Berufsverbrechers“ Dieter Schulz vor. Es ist das große Verdienst Dierk Schäfers, drangeblieben zu sein und trotz aller editorischer Rückschläge nun einen Rahmen für den schriftlichen Nachlass eines sehr bemerkenswerten Menschen – bemerkenswert wie wir alle (!) – geschaffen zu haben.

Was für ein Leseabenteuer! Viele versunkene Welten werden in diesem Band angesprochen und erscheinen sehr plastisch vor dem Auge der/s geneigten Leser*in. Dieter Schulz, geboren 1940 im ehemaligen Königsberg, erlebt als Kind Flucht und Vertreibung. Mutter Schulz flieht mit ihren Kleinkindern aus Ostpreußen, die Fluchterlebnisse werden sehr eindrücklich geschildert.

Dieter Schulz schrieb seine autobiographischen Notizen Jahrzehnte später in Haft. Er blickt auf eine Kindheit in Deutschland der 50er Jahre zurück. Kleine und große Fluchten werden ihn sein Leben lang von geographischen und emotionalen Nirgendwos in Heimen und später Haftanstalten zu immer weiteren Nirgendwos führen. Kindheit im Nachkriegsdeutschland heißt für ihn, meist keine Schule zu haben, dafür lernt er fließend Russisch und sich durchzuschlagen. Was das Leben pädagogisch versäumt oder anrichtet, bedeutet oft „lebenslang“ – für uns alle. Die blind machende „Hasskappe“ setzte sich Dieter Schulz schon als Kind und später immer wieder in seinem Leben auf. Heute kann Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie manches Mal positiv wirksam werden, viel mehr noch hätte damals moderne (Trauma-) Pädagogik in modernen Jugendhilfeeinrichtungen wirksam werden können. Es hat sich wirklich viel getan in den vergangenen Jahrzehnten. Auch dies ist ein Ergebnis der Lektüre.    

Behutsam und kenntnisreich leitet Dierk Schäfer den/die Leser*in durch den Irrgarten der Notizen des Kriminellen Dieter Schulz. Es hätte immer auch anders kommen, anders ausgehen können. Dierk Schäfer ordnet und führt dort, wo es sein muss und schafft gerade dadurch Raum für seinen Schulz und seine Leser*innen. Raum für die vielen Welten eines wechselvollen Lebens in Ost- und Westdeutschland, in Kindheits-, Jugend- und später Erwachsenenwelten.

Natürlich wird beschönigt. Sehr kompetent und deshalb sehr hilfreich sind die Kommentare und Fußnoten des Kriminologen Dierk Schäfer, der er neben dem Psychologen und Theologen eben auch noch geworden ist. So ist „der Schulz“ eben auch „ein echter Schäfer“ geworden. Zwei Unbeugsame haben sich hier gefunden. Ein Buch, das auf dem Schnittpunkt dreier Berufe und Berufungen geschrieben wurde. Der Theologe, Psychologe und Kriminologe Schäfer führt hier zusammen, was zusammengehört. Eine im besten Sinne ganzheitliche Sicht auf einen Menschen und sein Leben, jedoch ganz ohne den Anspruch zu erheben, diesen dadurch zur Gänze zu erfassen. Wie sollte das in dieser kontingenten Welt schicksalhafter, zum Schicksal werdender Zufälle auch möglich sein?  

So bleibt dies Buch wohltuend ohne Fazit, ohne Urteil, ohne Wertung und ist eine Fundgrube des Wissens, jederzeit staunend machend. Es lohnt, sich auf diese Lektüre einzulassen. Danach bleibt eigentlich nur eine Sache unverständlich. Warum wurden die autobiographischen Notizen des Dieter Schulz nicht wie geplant verfilmt oder konventionell verlegt?

Immerhin verdanken wir der Beharrlichkeit Dierk Schäfers nun einen überaus lesenswerten Band 45 der Tübinger kriminologischen Schriftreihe. Ein echter Geheimtipp für Jurist*innen, Kriminolog*innen, Pädagog*innen, Lehrer*innen, Psychotherapeut*innen, Psychiater*innen und – last, but not least – für alle Leser*innen, die sich dafür interessieren lassen, wie es einem erging, der 1940 in ein Kriegseuropa hineingeboren wurde, darin aufwuchs, sich immer wieder berappelte und bis zu seinem Tode 2019 versuchte, das Beste daraus und aus sich zu machen.

Dierk Schäfers Schulz liest sich unterhaltsam und pendelt immer wieder zwischen bodenloser Tragik und sehr lebendiger Komik. Erlebnisse von Grass’scher Drastik wechseln sich ab mit Schilderungen, z.B. eines Banküberfalls, die wie aus dem Drehbuch der guten alten Olsen-Bande anmuten. Der Tod eines Kardinals leuchtet in den enzyklopädisch kenntnisreichen Fußnoten ebenso auf wie „das Milieu“ rund um das hannoversche Steintorviertel. Wer mag da urteilen, wer den Stab brechen? Der Rezensent schließt zu diesem lebensprallen Buch mit Nietzsches Zarathustra: „War das das Leben? Wohlan! Noch einmal!“

____________________________________________________________________________

Fußnoten

1 Dr. med. Markus Löble, FA für KJPP, Arzt für Naturheilkunde, Suchtmedizin, systemische Familientherapie (DGSF), forensische Begutachtung (DGKJP). Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie im Klinikum Christophsbad, Göppingen    

2 Dierk Schäfer: Devianz als Schicksal. Die kriminelle Karriere des Dieter Schulz. Tübinger Schriften und Materialien zur Kriminologie (TÜKRIM), Band 45, erschienen in: TOBIAS-lib-Universitätsbibliothek Tübingen, Juristische Fakultät, Institut für Kriminologie (2021). ISSN: 1612-4650; ISBN: 978-3-937368-90-0 (elektronische Version, Kostenfreier Download: https://publikationen.uni-tuebingen.de/xmlui/bitstream/handle/10900/115426/T%c3%bcKrim_Bd.%2045.pdf?sequence=1&isAllowed=y) und 978-3- 937368-91-7 (Druckversion, 22,70 €,  beim Institut für Kriminologie, z. Hd. Frau Maria Pessiu, Sand 7, 72076 Tübingen, @ maria.pessiu@uni-tuebingen.de  )

Missbrauchsfall im Haus Maffei in Feldafing – Es war nicht nur ein Fall, es war nicht „nur“ Missbrauch, es war sadistische Kinderquälerei. Sendung: Kontrovers, im Bayerischen Fernsehen, Mittwoch, 16.06.2021, 21:15 h  

„Viele von Ihnen kennen die Leidensgeschichte meines Mannes,“ schreibt die Ehefrau eines Feldafing-Opfers in einem Mail. Ich kenne die Leidensgeschichte und gebe das Mail hier im vollen Wortlaut wieder. Hinzugefügt habe ich das Photo von einer Skulptur des Künstlers Eckhard Kowalke[1].

KONICA MINOLTA DIGITAL CAMERA

„Sehr geehrte Damen und Herren,

der Einfachheit halber benutze ich heute nur diese Anrede, wohl wissend, dass einigen unter Ihnen eine andere Anrede zusteht. Dies bitte ich vorab zu entschuldigen.

Mit dem einen oder anderen von Ihnen hatte ich die letzten Jahre mehrfach oder mindestens einmal Kontakt. Es war nicht immer einfach, den Kontakt aufrecht zu erhalten, manchmal kam keine Antwort, ein anderes Mal Wochen oder Monate später.

Das liegt wohl an unserer Deutschen Bürokratie oder vielleicht auch an Desinteresse, weil es ja einen selbst nicht betrifft und ja noch so viel Zeit für eine Antwort ist und tätig werden, ach auch das hat doch Zeit…. …. dachten sich sicher viele und denken es immer noch, warum beeilen, vielleicht erledigt sich das „Problem“ von selbst.

Aber es gab auch Menschen denen eine Antwort sofort wichtig war, auch ohne vorläufiges Ergebnis, das hat mich und meinen Mann (der Betroffene) immer besonders gefreut.

Viele von Ihnen kennen die Leidensgeschichte meines Mannes, manche nur im Ansatz. Um nun den Menschen dahinter zu sehen und um die Bürokratie ruhen zu lassen, möchte ich dringlich auf folgende Fernsehsendung im Missbrauchsfall im Haus Maffei in Feldafing hinweisen. Diese findet statt:

Mittwoch, 16.06.2021

Bayerisches Fernsehen, Name der Sendung: Kontrovers

Uhrzeit:  21:15 Uhr.

Bemerken möchte ich noch, dass es meinem Mann (in der Sendung Frank Waldheim) und den anderen beiden Betroffenen unsagbar schwergefallen ist, die Aufzeichnung dieser Sendung durchzustehen, sie wollten aber, dass all die Menschen endlich erfahren wie es wirklich war und ihnen endlich nach langen Jahren des Leids geglaubt wird. Allen dreien Betroffenen ist dies am wichtigsten.

Hier hilft keine Entschuldigung egal von welcher Stelle, das erwarten sie nicht. Es muss geholfen werden und das sehr schnell. Keiner von den Opfern hat Zeit noch länger abzu­warten, sie benötigen jetzt Hilfe auch in Form einer mehr als angemessenen Entschädigung, die zwar das Leid nicht ungeschehen machen kann, aber den letzten Lebensabschnitt dieser Menschen erheblich verbessert.

Da werden einerseits Therapiekosten in Aussicht gestellt, um diese Kosten aber ganz schnell wieder zu streichen, weil sich herausstellt, dass eine Therapie ja nicht nur ein halbes Jahr dauert, sondern Jahre. Da stellt man das lieber um und machte daraus eine kleine Summe auf Anerkennung des Leids, es betrifft sage und schreibe DREI Personen! An anderer Stelle wird versprochen, dass in aller Kürze Hilfe erfolgt, an dieser Stelle wird „in Kürze“ wohl verwech­selt mit monatelanger Wartezeit. Wieder an anderer Stelle verweigert man den Betroffenen einfach weitere Hilfe.

Es wird dies und das versprochen. Es ist unmenschlich zu erwarten, dass die Opfer sich immer wieder von selbst bei Ihnen melden müssen, damit es vorangeht. Sie kommen sich wie arme „Bettelleute“ vor und ich finde das einfach würdelos im Hinblick auf das große Leid, das sie ihr Leben lang herumtragen und für das sie nichts können, denn sie waren unschuldige Kinder die u.a. unfassbar grausamen „Kirchendienern“ wehrlos ausgeliefert waren.

Die Warterei muss doch endlich ein Ende haben. Für was so viele Kommissionen und Aufarbeitungsstellen gründen? Das hilft Ihnen, nicht aber den armen Menschen. Tun Sie das ruhig, aber geben Sie endlich! Hilfe.

Keiner kann sich nur ansatzweise vorstellen wie es ist, ein Leben lang unter dem Missbrauch der Kirche und anderen Einrichtungen zu leiden. Und nicht nur die Betroffenen leiden, auch die Angehörigen.

Diese Lebensqualität ist keine.

Deshalb bitte ich Sie, sich die Sendung anzusehen, um zu sehen wie die Opfer wirklich leiden. Denn hier sehen Sie den „Menschen“, nicht unsere nüchterne Bürokratie.

Vielleicht möchte der eine oder andere mit ein paar persönlichen Worten auf meine email antworten.

DANKE!

Freundliche Grüße sendet Ihnen

Brigitte L. Ehefrau“


[1] Eckhard Kowalke …  Mit seinen teils schockierenden Kunstaktionen zu den geschändeten Kindern in den kirchlichen Heimen zwischen 1945 und 1975 hat er vor sechs Jahren Aufsehen erregt und die Aufarbeitung der Geschehnisse ins Rollen gebracht. https://www.art-kowalke.com/freistatt/

„Sehr geehrter Herr Landesbischof,

für das anregende und konstruktive Gespräch von vorhin möchte ich mich bedanken. Es hat mir gut gefallen.“

Zwischenbemerkung für die Leser meines Blogs. Nach einem Vorlauf auf Twitter rief mich ein Landesbischof vor ein paar Tagen an. Den Termin hatte sein Büro mit mir abgesprochen. Terminiert war eine halbe Stunde. Der Zeitrahmen wurde leicht überzogen, obwohl ihn der nächste Termin drängte. Ich will kurz über dieses wirklich angenehme Gespräch berichten und hier mein Mail posten, das ich ihm noch am selben Abend schickte. Dabei habe ich alle Hinweise auf die Identität des Bischofs entfernt, denn ich möchte nicht, dass er sich öffentlich unter Druck gesetzt fühlt.

Der Landesbischof erwies sich als guter Zuhörer, der auch an den passenden Stellen nachfragte.

Ein anderer Landesbischof, so eröffnete ich, habe im Gespräch mit einem Betroffe­nen gesagt: „Wir hätten mehr auf unsere Leute hören sollen“. Insofern habe ich mich über seinen Anruf gefreut. Ich sprach dann vom Vertrauensverlust der Kirchen, dessen Beginn ich in den Vorgängen am Runden Tisch der Frau Vollmer sehe, der nachweislich von Beginn an Betrug gewesen sei. Ich sei schon lange mit dem Thema befasst. (Ich muss das hier nicht ausführen; die Leser meines Blogs kennen das.) Es habe leider keine glaubwürdigen Versuche seitens der Kirchen gegeben, Vertrauen wiederherzustellen. Ein Betroffener habe das Verhalten der Kirche auf die Formel gebracht: Kinder schänden, Zeit schinden, Kassen schonen. Ich konnte ihm auch Details benennen.

Die Zeit wurde dann aber doch knapp. Zum Schluss sprach ich noch ein paar Punkte für das weitere Prozedere an, die ich, falls sie untergegangen sein sollten, im Mail an den Bischof wiederholt und etwas ausgebaut habe.

Im Mail ist auch von der Unabhängigkeit der berufenen Kommissionen die Rede. Wenn man schon solche Kommissionen hat, deren Unabhängigkeit begründet bezweifelt werden kann, wird man nicht einfach die problematischen Mitglieder entfernen können, aber man muss offen die vorhandenen Abhängigkeiten diskutieren – und mancher wird dann seinen Platz freiwillig räumen und Nachrückern Platz machen.

Nun zum Mail[1] mit den genannten Einschränkungen:

Was tun?

Das Wichtigste wäre eine Kommission, die wirklich und nach außen erkennbar unabhängig ist. [2]Die Mitglieder dürfen keine besondere Verbindung zur Kirche haben, dürfen nicht im Dienst der Kirche stehen/gestanden haben, sollten auch kein kirchliches Ehrenamt bekleiden.[3] Mitglied sollte eine externe Fachperson sein, die sich mit Traumata und Retraumatisie­rung auskennt und Erfahrungen im Umgang mit traumatisierten Menschen hat. Diese Person sollte bei der Zusam­mensetzung der Kommission beteiligt sein, insbesondere bei der Auswahl der Betroffenen, die für Beschlüsse ein Veto-Recht bekommen. Die Sitzungen sollten proto­kolliert werden und die Protokolle der Zustimmung aller bedürfen. Protokolle müssen öffent­lich einsehbar sein unter Beachtung des Datenschutzes für die Opfer. Die berufliche Rolle der Täter bedarf keines allgemeinen Datenschutzes. Täterna­men zur Kenntnis zu geben, die wiederum muss über ihre daraus folgende Aktivität/Nichtaktivität der Kommission berichten. Diese Berichte müssen der Öffentlichkeit zugänglich sein, mit Schwär­zung der Namen, nicht der Funktion der beschuldigten Personen. So viel zur Transparenz.

Ich empfehle, für interne Beratungen eine erfahrende Person aus der Notfallseel­sorge auszuwählen oder einen Traumatherapeuten, insbesondere, wenn es darum geht, in Kontakt zu weiteren Betroffenen zu treten und von ihnen Auskünfte über Tatvorgänge einzuholen. Das darf man keinem Juristen überlassen. Die kommen aus einer anderen Denkschule. Ich habe das oft erlebt, wenn ich Juristen mit Sozialarbeitern oder Psychologen zusammenbrachte, so auch in meinem Kriminologiestudium. Da saß ich Ruheständler unter lauter angehenden Juristen, die sich wunderten, dass man einen Sachverhalt (es ging um Stalking) „auch so“ sehen kann; schon meine Sprache war für sie „ungewöhnlich“.

Wir haben in der Kirche zwar die erforderliche Seelsorgeerfahrung, dürfen sie aber nicht anbieten, denn wir sind die Täterseite. Das gilt auch für unsere Beratungsstellen. Solche Hilfsangebote müssen von außen kommen.

Schwierig wird die Bemessung von Entschädigungen, gerade bei sexuellem Missbrauch. Ein Verweis auf Schadensregelungen im staatlichen Bereich hilft nicht, denn dieser Staat ist beim Thema Entschädigung sehr hartleibig. Mit Sachschäden kommt er klar. Aber seelische Schäden – kennt er die überhaupt? – (Ich wollte eigentlich nicht aus meinem Blog zitieren, hier tue ich‘s doch: „Selbstsicher und verantwortungsbewusst sollen unsere Kinder ins Leben gehen – Manchmal geht das schief. [„Eigenstandsschaden“], https://dierkschaefer.wordpress.com/2020/11/20/selbstsicher-und-verantwortungsbewusst-sollen-unsere-kinder-ins-leben-gehen-manchmal-geht-das-schief/) – Dem kann man zwar keine „Gliedertaxe“ wie im Versicherungsrecht entnehmen, doch hier wird der Horizont für Schädigungen und ihre Auswirkungen aufgezeigt. Das könnte helfen, zu angemessenen Einschätzungen zu kommen. Dafür braucht man dann eine separate Kommission: unabhängig, fachkundig, empathisch.

Soweit ich weiß, hat die Landeskirche Berichte derer, die einen Antrag auf Anerkennungs­leistungen gestellt haben. Die Auswertung dieser Berichte könnte/sollte man wissenschaftlich aufarbeiten, dokumentieren, und die Ergebnisse anonymisiert zugänglich machen. Sie könn­ten einen Anhalt für Entschädigungs­fragen geben.

Ob man den Staat gewinnen kann, eine richterliche Untersuchungskommission zu installieren, die staatsanwaltliche Befugnisse hat und allen Fällen auf den Grund geht, auch den schon verjährten, bezweifele ich, denn der Staat hat in der Heimkin­der­sache auch „Dreck am Stecken“ und wird sich seiner Mitverantwortung nicht stellen wollen. Die Verjährung wurde geschaffen, damit Streit auch gegen den Willen Betroffener ad acta gelegt werden kann. Wir haben es mit der Behandlung von Heimkindern mit dem größten „flächendeckenden“ Ver­brechen seit 1945 zu tun. In einem solchen Fall braucht es andere Maßnahmen, um Rechts­frieden wieder herzustellen. Das gilt auch für die nun als endemisch anzusehenden sexuellen Verbrechen an Kindern in Familien und Institutionen.

Die Frage nach den Kosten will ich nicht unterschlagen. Am Runden Tisch saßen drei weitgehend unbedarfte Heimkinder einem Gremium von ganz und gar nicht unbedarften Interessenvertretern gegenüber. Die einen hatten keinen Etat und keine Rechtsberatung, die anderen saßen in ihrer Dienstzeit am Runden Tisch und hatten einen Apparat im Hintergrund. (Über Frau Vollmer schweige ich mich jetzt aus.) Wer an der Unabhängigen Kommission teilnimmt, wird – da sie ja unabhängig sein soll – dies nicht in seinen dienstlichen Verpflich­tungen unterbringen können. Das heißt: Alle brauchen neben den Spesen ein angemessenes Sitzungsgeld, auch die Betroffenen, selbst wenn sie keinen Verdienstausfall haben. Die Betroffenen sollten sich auf eine angesehene Anwaltskanzlei einigen, die sie berät. All diese Kosten müssen zulasten der Landeskirche gehen.

So viel, sehr geehrter Herr Landesbischof, zum Abschluss unseres Gespräches. Ich hatte gesagt, ich könnte Sie mit meinem Material „totwerfen“. Der Versuchung bin ich wohl nicht erlegen.

Ich wünsche Ihnen „ein gutes Händchen“ im Umgang mit dem höchst komplexen Problem und würde mich freuen, wenn Ihre Landeskirche eine glaubwürdige Vorreiterrolle einnehmen könnte.

Mit herzlichem Gruß

Dierk Schäfer, Freibadweg 35, 73087 Bad Boll, Tel: 0 71 64 / 1 20 55


[1] Von diesem Blog-Eintrag habe ich den Landesbischof informiert. Das Photo ist ein Beispielsphoto.

[2] Nicht im Mail enthalten: Ein Kommentar erwähnt „unabhängige Wahrheits- und Versöhnungskommissionen“. Das sollte man nicht vermengen. Der Weg zur Versöhnung ist noch viel weiter, als der zur Wahrheit – und auch dort sind wir noch lange nicht angelangt. FAZ, Donnerstag, 10. Juni 2021, Print,  https://zeitung.faz.net/faz/seite-eins/2021-06-10/805736e074e898e4d15ba4aa00177925/?GEPC=s3

[3] Auch nicht im Mail enthalten: Mertes fragt: „Wie ist es möglich, dass in Betroffenenbeiräten Personen sitzen, die in einem Angestellten-, das heißt wiederum in einem Abhängigkeits­verhältnis zur Kirche sind, die ihr Arbeitgeber ist?“ https://www.deutschlandfunk.de/missbrauchsaufarbeitung-im-erzbistum-muenchen-gruppenbild.886.de.html?dram:article_id=498260

Die kriminelle Karriere des Dieter Schulz sieht aus wie ein Schelmenroman – ist aber Realität

Das Leben von Dieter Schulz, geboren 1941, seine Lebensumstände und seine „Karriere“ bilden den Kern dieser Publikation[1]. Schon der einleitende Nachruf kündet von einem außerordentlichen Leben. Ausgangspunkt ist seine Autobiographie, geschrieben während eines 10jährigen Knastaufenthaltes und nach Aufforderung fortgeführt bis in die Zeit seines körperlichen Verfalls. Dieses Leben ist spannend. Vergangenheiten werden lebendig:

  • Das Kriegsende und die Nachkriegswirren bis 1949 in Ostpreußen, die Rote Armee und die Überlebensbedingungen der verbliebenen Deutschen. Schulz lernt in dieser Zeit Russisch, die Grundlage für die erfolgreichen Schiebergeschäfte des 10/11-jährigen (!) später in der DDR.
  • Seine Heimkarriere begann eher zufällig am 17. Juni 1953. Doch was für eine Karriere, bestimmt durch die Unfähigkeit der Heimerziehung in der DDR und abenteuerliche Heim-Fluchten, spannend erzählt.
  • Im Westen, vom Vater abgeschoben, muss er sich durchkämpfen, bekommt eine erstklassige Kellnerausbildung, doch der Balkonsturz des schwarzen Liebhabers seiner Frau bringt ihm die erste Zuchthausstrafe ein.
  • Eher zufällig beginnt er mit akribisch geplantem Automatenbetrug, hat immer wieder Pech mit seinen Helfern, besonders mit seinen Frauen, – das auch fürderhin.
  • Schließlich misslingt ihm – auch eher zufällig – der große Coup: Ein riesiges Drogengeschäft, das er mit selbstgedruckten „Blüten“ bezahlen und dann untertauchen will. Doch ein bewaffneter Banküberfall hat mörderische Folgen.

Schulz inszeniert sich gekonnt. Lange ist man geneigt, alles zu glauben. Doch sein Sohn Sascha fügte noch ganz andere und sehr überraschende Aspekte bei und korrigiert damit das saubere Bild vom Verbrecher aus unheilvollen Verhältnissen. Doch ein Kämpfer war Schulz sein Leben lang. Klein, aber oho. Ein Aufstehmännchen.

Dieses Leben fordert kriminologische Forschung geradezu heraus. Wie kommt es zu Devianz, wie pflanzt sie sich fort? Die Publikation steht in ehrwürdiger Tradition, denn schon der Oberamtmann von Sulz am Neckar, Jacob Georg Schäffer, (1745-1814) erkannte die sozialen Missstände als Quelle von Kriminalität und wollte die noch jungen Kinder der „Janoven“ in Pflegefamilien untergebracht wissen.

Dieter Schulz als Person ist eher bedeutungslos. Zwar beschreibt er sein kleines Leben in faszinierender Weise. Doch es hülfe alles nichts. August Gottlieb Meißner (1753-1807) schrieb ganz richtig: „Sobald der Inquisit nicht bereits vor seiner Einkerkerung eine wichtige Rolle im Staat gespielt hat, sobald dünkt auch sein übriges Privatleben, es sei so seltsam gewebt, als es immer wolle, den meisten Leuten in der sogenannten feinen und gelehrten Welt viel zu unwichtig, als darauf acht zu haben, und vollends sein Biograph zu werden.“

Warum also ist Schulz nicht nur für Kriminologen interessant? Er entwirft beispielhaft, lehrreich und unterhaltsam ein Sittengemälde seiner Zeit. Zwar fragt er: „War es den Aufwand wert, dieses beschissene Leben vor den Bomben zu retten?“ Seine Antwort lautet aber: „Mein Leben sollte nicht unbedingt als Beispiel dienen, deswegen ist mein Leben lesenswert!“


[1] Man kann sie kostenfrei herunterladen.  https://publikationen.uni-tuebingen.de/xmlui/bitstream/handle/10900/115426/T%c3%bcKrim_Bd.%2045.pdf?sequence=1&isAllowed=y

Die Druckversion (print-on-demand) kann bestellt werden beim Institut für Kriminologie der Eberhard Karls Universität Tübingen, Sand 7, 72076 Tübingen, 07071 / 29-72931, Mail: ifk@uni-tuebingen.de

50 Jahre Knast!

50 Jahre Strafvollzug 50 Jahre Knast!

[1. „50 Jahre? Wat hatter denn jemacht? Für Mord gibt’s doch nich so viel.“ – „Ach so, unverbesserlich: immer mal wieder. Banküberfall und so“

… und so wurde er, Ikarus[2], zum Fachmann bundes­deut­scher Corrections-Bemühungen, jedenfalls in Santa Fu[3]. Er beschreibt dem Leser den Wandel des Strafvollzugs[4], wie er ihn in seinem Knast-Alltag erlebt hat bis in die erschrecken­den Details. Schon im Prolog kommt er zu einem Resümee, das dem Straf­voll­zug ein verheerendes Zeugnis ausstellt: „Ich habe unter langen Haftzeiten, gerichtlichen Fehlentscheidungen und fortwährenden Strafübeln gelitten, jedoch im Grunde nichts gelernt.“

Beim Lesen überkam dem Rezensenten der Gedanke an die „Übeltäter“ Max und Moritz:

„In den Trichter schüttelt er die Bösewichter. Rickeracke! Rickeracke! geht die Mühle mit Geknacke“.

Der hier dargestellte Zuchthaus-Strafvollzug meint das Böse zu brechen, indem er die „Böse­wichter“ zerbricht. Die „Rollkommandos“, die entgegen jedem Übermaßverbot einen reni­tenten Knacki in den Arrest werfen(!) sind Folterknechte. Da können nur gebroche­ne Existenzen herauskommen. „Was ich gelernt habe oder geglaubt habe, gelernt zu haben, taugte und taugt in der Regel nicht für das Leben außerhalb der Knastmauern.“

Neu sein dürften für die meisten Leser die Erfahrungen in der U-Haft: Sie sei schlimmer als der normale Strafvollzug[5]; mancher Häftling sei bereit, vorschnell ein „Geständnis“ abzulegen und auf Rechtsmittel zu verzichten, nur um von der U-Haft in den Regelvollzug zu kommen. Und das trotz Unschuldsvermutung bis zum Urteil! Schlimmer kann ein Urteil über diesen Teil unseres Justizsystems kaum ausfallen.

Ikarus, Jahrgang 1942, stürzte das erste Mal mit 22 Jahren ab und lernte die verschärften Straf­bedingungen im Zuchthaus gründlich kennen. – Ach, wussten Sie was ein Hartlager ist? Man nimmt Ihnen zur Strafe die Matratze weg. – Ikarus veranschaulicht den Fortschritt vom Zuchthaus zum Gefängnis[6] bildhaft mit dem Klopapierangebot: Zunächst gab es Zeitungs­papier, dann unbedruckte Druckereiabfälle und schließlich handelsübliches Klopapier.

In Santa Fu war eine Bambule, ein Aufstand,[7] Auslöser für wesentliche Veränderungen: [8] Häftlinge bekamen nicht nur Mitspracherecht, sondern auch „Freiheiten in der Unfreiheit“, bei denen sich der Leser fragen dürfte, warum ein Teil dieser Freiheiten nicht schon vorher und freiwillig eingeräumt worden war, denn sie gefährden den Vollzug nicht, sondern sind Schikanen gegen die Menschenwürde.

Aber als Ikarus 1982 wieder abstürzte (warum, schreibt er nicht), kannte er seine „Mutter­anstalt“ nicht wieder. Die Zellentüren hatten jetzt Vorhängeschlösser[9] zum Schutz vor Dieb­stahl unter den Mitgefangenen. Solidarität gab es nicht mehr. Später, nach einem Mordfall[10], kamen auch Schlösser auf der Innenseite hinzu. Auch die Beamten meldeten sich durch Klop­fen an. Ikarus nutzte die Freiheiten und richtete sich in seiner „Wohnwabe“[11] von 9,5 qm ein. Sie „schloss mich aus vom realen Leben, sie bot zugleich Schutz vor dem Feindlichen und vermittelte mir ein oberflächliches, ein andermal ein tieferes Gefühl der Geborgenheit: Höhleneffekt.“ Er war angekommen.

Im Kapitel „Graue Nebel“ spricht Ikarus distanzierend von sich in der dritten Person. „Die Strafvollstreckungskammer hatte gerade seinen Reststrafenantrag abgebügelt. Einige Zeit später gab ihm seine Lebenspartnerin ihr ‚Valet‘. Kurz und bündig teilte sie ihm in einem Brief mit: ‚Ich kann nicht mehr. Ich will nicht mehr. Vergiss mich.‘ Ein Karateschlag gegen seine ohnehin wunde Seele. Er knickte ein.“

Trotz der neuen Freiheiten gab es eine zweite Babule.[12] Die Befriedung des Aufstandes geschah unter Einbeziehung von knastälteren Insassen. Ikarus scheint beteiligt gewesen zu sein. Seine Beschreibung der Folgezeit offenbart einen „gereiften“ Menschen, in der Lage, Argumente abzuwiegen. Er berichtet auch über die nach Delikten gestaffelte Hierarchie und über die neue Nationalitätenmischung mit den Folgeproblemen. Wichtiger aber ist seine nächste Bruchlandung: 10 Jahre wegen bewaffneten Bankraubs plus 13 Jahre Widerruf einer Bewährungsreststrafe. Es war die vierte Verurteilung für das gleiche Delikt. Doch Ikarus hatte ja schon zu Beginn geschrieben, im Knast nichts hinzugelernt zu haben. Bankraub konnte er immer noch nicht, – aber es auch nicht lassen. Immerhin hatte er sozusagen ausgesorgt über das 80ste Lebensjahr hinaus. Nach sieben Jahren „Schreibkrieg und Gesprächskämpfen“ … „am Ende der Strecke, im März 2009 stand die Verlegung in eine psychiatrische Einrichtung.“

War das wieder ein Absturz, Ikarus? Er hat einen Suizidversuch hinter sich, ist nun 67 Jahre alt und längst im Rentenalter. Rente? Ja, dreihundert Euro aus versicherungspflichtigen Arbeitsver­hältnissen. Die Arbeit im Knast zählt nicht dazu. Der Staat drückt sich auch heute noch um die Beiträge zur Rentenversicherung. Arbeitgeber, die solches tun, machen sich strafbar. Der Staat nicht und bleibt ungeschoren, ein Skandal. Aber politischer Einsatz für Knackies wird vom Wähler eher abgestraft.

Ikarus bleibt in Hamburg und hat nun die Gelegenheit, den geschlossenen Strafvollzug von Santa Fu mit dem sozialtherapeutischen Vollzug[13] zu vergleichen. Die Freiheiten in Santa Fu waren durch den Druck konservativer punitiver Kreise („Schwarze Konterrevolution“) weitgehend einkassiert worden.[14] Ganz anders die Sozialtherapeutische Anstalt. So wie Ikarus sie beschreibt, kommt der Leser zur Überzeugung: So, genau so sollte Justizvollzug sein: Die Vorbereitung auf die Anforderungen der Freiheit „draußen“ stehen im Mittelpunkt.

Wer so lange im Strafsystem steckte, darf als Fachmann gelten. Er schließt darum mit einigen Thesen, die hier nur plakativ wiedergegeben seien: 1. Strafvollzug „bessert“ nicht, mag er auch noch so intensiv auf Härte angelegt sein. 2. Strafvollzug macht krank … je länger er dauert. 3. Der geschlossene Strafvollzug macht über die Jahre lebensfremd …und sollte die Ausnahme bilden.

Resümee: Ein locker geschriebenes, erlebnisgesättigtes Fachbuch aus langjähriger Erfahrung eines Insassen. Lesenswert für alle, die irgendwie mit Knast zu tun haben, sei es beruflich oder zur Vorbereitung. Merkwürdig: Ikarus umschifft weitgehend das „Thema Nummer eins“[15]. Das ist nicht glaubwürdig.

Was fehlt noch? Ein knapper Lebenslauf von Ikarus. Herkunft, Schule, Lehre, chrono­lo­gischer Überblick über die Straftaten und Strafbemessung, Daten der jeweiligen Freilassung, Eheschließung(en). Was macht Ikarus heute? Ein paar Fotos der Anstalt wären nett gewesen.

Bildmaterial sei hier nachgereicht, ist allerdings aktuell und nicht aus der Zuchthauszeit.[16]

Rezensent: Dierk Schäfer, Dipl.-Psychologe&Kriminologe, Theologe


[1] Foto/Ausschnitt: https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/28783322134/in/album-72157668678484066/

[2] So nennt er sich: Er sei wie Ikarus beim Höhenflug abgestürzt. Doch beim ihm sind es mehrere Abstürze. Ich nenne ihn im Folgenden auch Ikarus, weil ich nicht weiß, ob der Autorenname echt ist.

[3] Der Begriff „Santa Fu“ ist schon vor den 1970er Jahren entstanden und kommt von der alten Bezeichnung „Strafanstalt Fuhlsbüttel“, die im Verwaltungsdeutsch „St. Fu“ abgekürzt wurde. https://de.wikipedia.org/wiki/Justizvollzugsanstalt_Fuhlsb%C3%BCttel Viele Fotos und weiterführende links unter https://www.google.com/search?q=Santa+Fu&client=firefox-b-d&source=lnms&tbm=isch&sa=X&ved=2ahUKEwiqhtXhwIfwAhWfwQIHHUkMCfUQ_AUoAnoECAEQBA&biw=960&bih=434

[4] Wolfgang Krüger, 50 Jahre Strafvollzug, Hamburger Gefängnisalltag zwischen 1960 und 2010 aus Sicht eines Gefangenen, 2021, Kriminologie und Kriminalsoziologie, Band 22, 134 Seiten, gebunden, 29,90 €, ISBN 978-3-8309-4371-6. Zitate sind, soweit nicht anders vermerkt, dem hier besprochenen Buch entnommen.

An dieser Stelle will ich dem Verlag bzw. seinem Lektor ein Lob aussprechen. Denn hier weiß man noch, was eine Fußnote ist und wo sie hingehört, nämlich zur Erleichterung des Lesers nach unten, an den „Fuß“ der Seite. Es ist hier aber nicht der Platz für einen Exkurs zu den üblich gewordenen gestaffelten Unverschämtheiten, Fuß­noten leserunfreundlich an das Ende eines Textes zu verbannen.

[5] „Die Untersuchungshaft dient grundsätzlich nur der Sicherung des Strafverfahrens.“ https://de.wikipedia.org/wiki/Untersuchungshaft_(Deutschland)

[6] In der Bundesrepublik Deutschland wurde die Zuchthausstrafe im Rahmen der Großen Strafrechtsreform durch das Erste Strafrechtsreformgesetz vom 25. Juni 1969 (BGBl. I S. 645) zum 1. April 1970 abgeschafft. https://de.wikipedia.org/wiki/Zuchthaus

[7] – Langsam am Verblöden, 02.01.1972, 13 https://www.spiegel.de/politik/langsam-am-verbloeden-a-ff206415-0002-0001-0000-000043376343

 – Ruhe in Santa Fu, 11. August 1972 https://www.zeit.de/1972/32/ruhe-in-santa-fu/komplettansicht

[8] Aus dieser Zeit stammen auch meine Erfahrungen mit gelockerten Knastbedingungen – als Besucher.

[9] Die Verwaltung hatte den Zweitschlüssel und damit weiterhin jederzeit Zutritt.

[10] https://www.spiegel.de/panorama/die-hoelle-hinter-gittern-a-53259ad3-0002-0001-0000-000013683647

[11] Durchgängig schreibt er vom Wohnklo.

[12] https://www.spiegel.de/panorama/die-hoelle-hinter-gittern-a-53259ad3-0002-0001-0000-000013683647

[13] Sozialtherapeutische Anstalt http://www.krimlex.de/artikel.php?BUCHSTABE=S&KL_ID=215

https://de.wikipedia.org/wiki/Sozialtherapeutische_Anstalt

https://www.hamburg.de/bjv/justizvollzugsanstalten/2231596/sozialtherapeutische-anstalt/

[14] Genannt wird der Senator Roger Kusch. Zu dieser Person mehr: https://de.wikipedia.org/wiki/Roger_Kusch

[15] „Am Arbeitsplatz, in der Freistunde, überall ist Thema Nummer zwei Erfah­rungs­austausch! Thema Nummer eins dürfte wohl jedem bekannt sein. Da wird angegeben, dass die Nähte krachen.“ Aus: Tübinger Schriften und Materialien zur Kriminologie, Dierk Schäfer, Devianz als Schicksal? Die kriminelle Karriere des Dieter Schulz. Mit der Autobiographie von Dieter Schulz, Kapitel 32: Dieter zu Gast im „Hotel zur silbernen Kugel“

[16] Ex-Häftling erzählt vom Leben in Santa Fu – Folge 1: Drogen

https://www.youtube.com/watch?v=WJn9e4dMoRE

Ex-Häftling erzählt vom Leben in Santa Fu – Folge 2: Essen

https://www.youtube.com/watch?v=zAGYvNUl3Y4

Ex-Häftling erzählt vom Leben in Santa Fu – Folge 3: Gewalt

Ex-Häftling erzählt vom Leben in Santa Fu – Folge 4: Tagesablauf

Ex-Häftling erzählt vom Leben in Santa Fu – Folge 5: Liebe

und die andere Seite:

Alltag in Santa Fu – Beamte hinter Gittern – Teil 1

Alltag in Santa Fu – Beamte hinter Gittern – Teil 2

Nicht in den Akten? Dann gibt es das ja gar nicht?

Dieser Artikel ist ein Vorwort zur „Unrühmlichen Geschichte des Bodelschwingh Clans“, verfasst von Johannes Lübeck.      Link: https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2021/03/text-blog.pdf

Quod non est in actis non est in mundo[1]. Die Welt ist aber größer als Akten hergeben, ein Blick in die Zeitung reicht.

Sogar wir stehen in Akten, – beim Standesamt oder in Flensburg. Uns gibt es schon. Doch wen interessiert das – aktenmäßig? „Unvergessen“ steht nur in der Todesanzeige bei uns Nobodies. Wären wir Somebody, sähe das anders aus. Für Luther, zum Beispiel, interessiert sich auch die Nachwelt und macht den Inhalt der elterlichen Abfallgrube zum Studienobjekt und damit aktenkundig.[2] Gerichtsakten müssen schon von besonderen Delinquenten berichten, damit die Akten jemanden interessieren.[3]

Akten können aber auch lügen, sie sind nur bedingt verlässlich. Historiker, besonders die Kirchenhistoriker kennen das. Berühmt ist die Akte von der Kostantinischen Schenkung[4]. Ein Fake, wie wir heute sagen. Sie wurde erstellt, um die Rechte der der römisch-katholischen Kirche zu dokumentieren, territoriale Ansprüche und die Führerschaft in der Christenheit gegenüber Byzanz. Dazu eignete sich als Garant vorzüglich Konstantin, der erste christliche römische Kaiser. Der Fake flog 1440 auf, wurde aber noch lange gepflegt. Auf die frommen Vordatierungen des Gründungsdatums vieler Klöster will ich gar nicht erst eingehen. Im Mittelalter dachte man anders; „bei Urkunden kam es auf den (plausiblen) Inhalt, nicht die Herkunft an.“[5] Von dieser Ansicht sind wir weit entfernt.

Um Akten geht es auch in der gegenwärtigen Diskussion über Misshandlungen und Missbräuche von Kindern und Jugendlichen. Doch wer dokumentiert das schon? Sollte es aber Zugänge zum Problemkreis geben, z.B. in Personalakten, in Praktikantenberichten o.ä., dann unterliegen sie Zugangsbeschränkungen, sie sind „unauffindbar“, schon vernichtet oder purgiert. Oder bereits ihre Anlage wurde amtlich verhindert:

„Bei der Polizei: N.L. ist 21, geht zur Polizeiwache [der Ort wird genannt], erzählt seine Geschichte wird rausgeworfen und verprügelt. Das Resultat: aufgeschlagene Knie. Der Polizist heißt P.B. [Der Name wird genannt]“. … „Der Unglauben der Leute rühre meist daher, dass diese Vorkommnisse und das von N.L.  Erlebte so monströs sind und unglaublich klingen. So erkläre sich auch die Reaktion des Polizisten, der N.L. aus dem Polizeirevier hinauswirft.“[6] Später, in vergleichbarem Zusammenhang: „Immer des. I soll kein Schmarrn erzählen. Des gibt´s doch net, sowas machen doch die nicht.“[7]

Zuweilen gibt es auch Zufallsfunde. So stieß der Kirchenhistoriker Hubert Wolf im Vatikan auf eine Inquisitionsakte, die (auch zufällig?) falsch eingeordnet war.[8]

Wer sucht, stößt auch auf Zeugenaussagen von Betroffenen.[9] Etwas vorschnell hatte ich die Ohrenzeugen der Augenzeugen als Quelle genannt[10]. Ich befragte einen Kirchenhistoriker dazu, weil ich wissen wollte, ob die aktuelle Missbrauchsdiskussion, davor aber noch das Schicksal der Heimkinder, in den Focus der historischen Forschung kommt oder gar schon gekommen ist. Das Gespräch war ernüchternd. Man ersticke ohnehin im Material, so viel sei es in der neueren Zeit geworden. Man nehme nur, was regelrecht dokumentiert sei, Zeitungs­artikel oder gar das Internet seien keine zuverlässigen Quellen. Kurz: Nur was schwarz auf weiß archiviert ist, verdient das Vertrauen des Historikers. So wartet er auf die absehbare Freigabe der Akten von Hermann Kunst[11], die Stoff für mindestens zwei Dissertationen bieten würden.

Da haben Zeugen vom Hörensagen keine Chance, so glaubwürdig sie selbst auch sein mögen, auch wenn ihre Aussagen glaubhaft sind. Wenn ihre Berichte noch dazu Mächtige vom Thron stürzen könnten, umso mehr. Bethel und die Bodelschwinghs[12] sind solch ein Fall. Bethel zählt wie die Bodelschwings zu den Leuchttürmen der evangelischen Welt in Deutschland.[13] Ihre Verdienste sind auch nicht zu bestreiten. Doch wo Licht ist ….

Lübeck schreibt – und ich habe es als Motto vorangestellt: „Man wird schon zum Säulenheiligen, wenn man ein erfolgreicher Spendeneintreiber ist, der wenigstens einen großen Teil des gesammelten Geldes einem guten Zweck zuführt und den Rest für ein angenehmes Leben und die Mehrung des eigenen Ruhmes verwendet. Bei den Katholiken kann man damit gar zur Reinkar­nation des Erlösers werden.“[14]

Doch so etwas gefällt dem „Clan“ nicht. Er will seine „Heiligen“ nicht beschmutzt sehen. Lübeck hat seine Erkenntnisse aber offenbar nicht erfunden. Er berichtet, woher sein Wissen kommt und schreibt:

Es ist ein außerordentlich schwieriges Unterfangen, im Alleingang ein historisches Thema zu bearbeiten, zu dem kaum noch belastbare schriftliche Quellen existieren bzw. zugänglich sind. Erschwerend kommt hinzu, dass beim hier gewählten Gegenstand im Hintergrund mit den Von Bodelschwinghschen Stiftungen eine Einrichtung steht, die sich seit jeher auch augenscheinlich fundierter Vorwürfe vehement und erfolgreich zu erwehren weiß, obwohl in ihrer Verantwortung in großem Ausmaße Akten ausgedünnt bzw. vernichtet wurden, …

An anderer Stelle: Wo aber Archive wiederholt – unter welchen Gesichtspunkten auch immer – entsorgt, gezielt vernichtet, „ausgedünnt“ und/oder nur selektiv zugänglich gemacht wurden und werden, erwächst dem Historiker wie dem Journalisten die Pflicht, das Erinne­rungsvermögen von Zeitzeugen auszuschöpfen und Quellen zu erschließen, die nicht den Weg in Archive gefunden haben. Das gilt in besonders hohem Maße für die Forschungsarbeiten, die sich mit dem Wirken von „Helfern der Menschheit“ und den mit ihren Namen verbun­denen Einrichtungen befassen und die ihre Archive eigenverantwortlich zusammenstellen, ordnen, verwalten und öffnen.

Lübeck zeigt sich hinsichtlich der Quellenlage problembewusst; er hat keine erkennbaren Eigeninteressen und kann als glaubhafter „Zeuge vom Hörensagen“[15]angesehen werden.

Ohnehin: Als ehemaliger Polizeipfarrer und studierter Kriminologe weiß ich, dass die Kriminalpolizei oft nicht bis zur Realität durchstoßen könnte, wenn sie Zeugen vom Hörensagen keine Aufmerksamkeit (aber keinen blinden Glauben) schenken würde. Historiker sollten das beherzigen.[16]


[1] https://www.proverbia-iuris.de/quod-non-est-in-actis-non-est-in-mundo/ Aufgerufen: Freitag, 5. März 2021

[2] „Erstaunlich gut erhaltene Speisereste der Luthers habe man in der Abfallgrube gefunden, …. Einmalige Belege, die zeigen, wie die Luthers wirklich gelebt haben.“ https://www.deutschlandfunk.de/luther-ausstellung-in-mansfeld-museum-ohne-gaeste.886.de.html?dram:article_id=456882 Aufgerufen: Freitag, 5. März 2021

[3] August Gottlieb Meißner (1753-1807) schrieb ganz richtig: „Sobald der Inquisit nicht bereits vor seiner Einkerkerung eine wichtige Rolle im Staat gespielt hat, sobald dünkt auch sein übriges Privatleben, es sei so seltsam gewebt, als es immer wolle, den meisten Leuten in der sogenannten feinen und gelehrten Welt viel zu unwichtig, als darauf acht zu haben, und vollends sein Biograph zu werden.“ Skizzen: Erste und zweite Samlung, S. 129, Aufgerufen. Freitag, 5. März 2021

[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Konstantinische_Schenkung , Dazu auch die Pseudoisidoren https://de.wikipedia.org/wiki/Pseudoisidor Aufgerufen: Freitag, 5. März 2021

[5] Anm. 4

[6] Aus einem Zeugenbericht vom 9.4.2019 über besonders schweren Missbrauch, der Name des Zeugen ist mir bekannt, der komplette Bericht von zwei Betroffenen liegt mir vor.

[7] Erlebenszeugen können , seitdem ähnliche Vorkommnisse bekannt sind, auch bei Richtern auf offene Ohren stoße. Hier war es eine Richterin vom Sozialgericht Darmstadt, die einem Opfer eine umfangreiche Rente nach dem OEG zusprach. Das Urteil hat Aufsehen erregt und wird anderen Opfern helfen. In meinem Blog wurde das Urteils erstmals veröffentlicht. https://dierkschaefer.wordpress.com/2020/11/20/oeg-urteil/ Aufgerufen: Sonnabend, 6. März 2021

[8] Das Konklave und die Nonnen von Sant’Ambrogio, 12. März 2013, https://dierkschaefer.wordpress.com/2013/03/12/das-konklave-und-die-nonnen-von-santambrogio/ Aufgerufen: Freitag, 5. März 2021

[9] Doch danach muss man schon suchen. Ulrike Winkler und Hans-Walter Schmuhl haben nicht gesucht, sondern nur die Aktenlage wiedergegeben (Das Stephansstift in Hannover (1869-2019), Schriften des Instituts für Diako­nie- und Sozialgeschichte an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal/Bethel, Band 33, Verlag für Regional­geschichte, Bielefeld 2019). Hier ist die Wirklichkeit aber nachweislich deutlich umfangreicher als der Aktenbestand des Stephans­stiftes. Schon nach einer simplen Google-Suche hätten sie nicht einen solchen Jubelband zum Jubiläum vorlegen können. Doch wissenschaftlich seriöse Suche gehörte wohl nicht zu ihrem Auftrag. Die beiden Wissenschaftler werden so oft wegen ihrer Unabhängigkeit gelobt, dass man misstrauisch wird. Ich rezensiere gerade diese Studie und werde Wert auf das legen, was nicht in der Studie steht und weitaus interessanter ist, als diese. Grundsätzlich dazu: https://dierkschaefer.wordpress.com/2014/01/16/was-heist-und-zu-welchem-ende-arbeitet-man-geschichte-auf/ und https://dierkschaefer.wordpress.com/2012/01/23/gibt-es-einen-widerspruch-zwischen-auftragsforschung-und-wissenschaft/ Aufgerufen: Sonnabend, 6. März 2021

[10] Wenn die Ohrenzeugen der Augenzeugen verstummt sind, beginnt die Geschichtsschreibung. https://dierkschaefer.wordpress.com/2010/09/09/wenn-die-ohrenzeugen-der-augenzeugen-verstummt-sind-beginnt-die-geschichtsschreibung/ Aufgerufen: Freitag, 5. März 2021

[11] Der Militärbischof D. Hermann Kunst wird im vorgestellten Dokument 28-mal genannt. Z.B.: „Zu denen, die sich bezüglich des Aufbaues von Espelkamp mit fremden Federn schmücken und/oder schmücken lassen, zählt Erich Hampe schließlich Ehrgeizlinge wie den späteren Militärbischof D. Hermann Kunst, Karl Pawlowski vom Johanneswerk Bielefeld, Eugen Gerstenmayer als allmächtigen Chef des Ev. Hilfswerkes und Präses Wilm.“ Ob Informationen dieser Art wohl in den anderen Akten vermerkt sind?

[12] Stammwappen derer von Bodelschwingh https://de.wikipedia.org/wiki/Bodelschwingh_(Adelsgeschlecht)#Bekannte_Familienmitglieder

[13] Fast könnte man Bethel unter die deutschen „Erinnerungsorte“ einreihen. https://dierkschaefer.wordpress.com/2013/06/02/erinnerungsorte/ Aufgerufen: Sonnabend, 6. März 2021

[14] Aus einem Mail von Lübeck an mich, Sonntag, 14. Februar 2021. Es ging um eine Veröffentlichung über Pater Werenfried van Straaten, bekannt als „Speckpater“ vom 10. Februar 2021, Erschienen in Christ & Welt: Raoul Löbbert und Georg Löwisch, Gut und Böse, https://www.zeit.de/2021/07/pater-werenfried-von-straaten-held-vergewaltigung-vatikan Aufgerufen: Freitag, 5. März 2021

[15] https://de.wikipedia.org/wiki/Zeuge_vom_H%C3%B6rensagen Aufgerufen: Freitag, 5. März 2021

[16] Sie sollten auch den Eröffnungsvortrag des Hirnforschers Wolf Singer zum 43. Deutschen Historikertag beachten: „Wahrnehmen, Erinnern, Vergessen – Über Nutzen und Vorteil der Hirnforschung für die Geschichtswissenschaft.“ http://www.brain.mpg.de/fileadmin/user_upload/images/Research/Emeriti/Singer/Historikertag.pdf

Das Netzwerk nicht nur klerikaler Kinderschänder

… aufgedeckt von einer privaten Recherchegruppe, wird, endlich, morgen in der Süddeutschen Zeitung vorgestellt.

Es ist ein Netzwerk weltlicher und klerikaler Pädokriminalität. Der Staat hat sich bis heute nicht zu einem Ermittlungsausschuss mit staatsanwalt­lichen Vollmachten durchringen können. Die private Recherchegruppe, ich habe ihr den Namen SoKo-Missbrauch gegeben, hat das getan, was der Staat gescheut hat. Sie lieferte die Fallstudie eines organisierten Verbrechens.

Installation des Künstlers Eckhard Kowalke[1]

Die Recherchegruppe teilt dazu ein „Vorläufiges Resümee“ mit.

Zitat:

I. Soweit uns berichtet wurde, lässt sich die Mehrheit aller Vorfälle auf die Fünfzi­ger, Sechziger und Siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts beschränken. Diese Beschränkung dient nur der Vereinfachung der Unter­suchung und unserer Überlegungen. Dass davor und danach sexuelle, psy­chische und physische Gewalt an den Kindern im Untersuchungsraum (Werdenfelser Land, Pfaffenwinkel, Alpen­vor­land) verübt wurde, nicht nur in den von uns untersuchten Institutionen, liegt auf der Hand. Wir verbinden nur beschreibend die Spitzen einiger Eisberge, das gesamte Gebirge ist noch nicht in den Blick genommen. Noch wissen wir wenig über andere Heime der Niederbronner Schwestern[2] im süddeutschen Raum. Speyer dient uns vorläufig als Modell zur Beschreibung der Vorgänge in Oberbayern, wo derselbe Nonnenorden sein Geschäftsmodell betrieb.

Wir entschieden uns, auch um den Untersuchungsumfang einzugrenzen, für eine Zeitspanne, die gesetzt ist mit der Öffnung und Schließung des Heimes des Paritäti­schen Wohlfahrtsverbandes[3] in Feldafing von 1952 bis 1972, dessen Erzieher die ihnen anbe­fohlenen Heiminsassen folterten, sie finanziell und sexuell ausbeuteten und die von dem zu beschreibenden Netz von Misshandlung und Missbrauch auch selbst in sexueller und sadistischer Weise profitierten.

II. Beteiligte/verstrickte Täter-Institutionen:

  1. Das Kloster Ettal;
  2. Das Stadtjugendamt München;
  3. Die Kinderheime der Stadt München in Oberammergau: das Hänsel- und Gretelheim und das Rotkäppchenhaus;[4]
  4. Die Villa Maffai in Feldafing, ein Heim für lernschwache Kinder des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes;
  5. Die Pfarrei in Feldafing (Pfarrer Otto Öhler);
  6. Das Salesianum in München (Pater Kaindl, Pater Koch, auch andere);
  7. Die Regensburger Domspatzen (Leitung Georg Ratzinger);
  8. Das Kinderheim in der Engelsgasse 2 in Speyer;
  9. Das bischöfliche Ordinariat in der Engelsgasse gegenüber;
  10. Die Verwaltung/Zentrale des Bayerischen Paritätischen Wohlfahrts­verbandes von 1952 bis 1972 und darüber hinaus.
  11. Das Kolping-Heim in Vilshofen (Pater Kaiser, Pater Limmerick)
  12. Jugendwerk Birkeneck der Herz-Jesu-Missionare

III. TäterInnengruppen[5]:

  1. Mönche aus Ettal, womöglich auch aus anderen Benediktinerklöstern;
  2. Nonnen in Oberammergau und Speyer, die Niederbronner Schwestern vom göttlichen Erlöser (Niederbronner Schwestern);
  3. Dispatcher im Münchner Stadtjugendamt, Pädophile im Amt?
  4. Fast das gesamte Heimpersonal in Feldafing;
  5. Der Dorfpfarrer Otto Öhler von Feldafing, die Pfarrerkollegen aus dem Umkreis;
  6. Klerikale Sextouristen im Werdenfelser Land, unter ihnen Pater Hermann Schartmann;
  7. Lokale Politprominenz in Speyer und Dorfnomenklatura in Oberammergau;
  8. Kleriker im Umkreis der Regensburger Domspatzen.
  9. Klerikales Erzieherpersonal in Birkeneck und Vilshofen.

IV. Opfer:

  1. Kinder aus den Oberammergauer Heimen
  2. Kinder aus dem Feldafinger Heim des Paritätischen Wohlfahrtsver­bandes
  3. Kinder aus uns noch nicht bekannten Heimen
  4. Jugendliche in Vilshofen und Birkeneck.

V. Kammern und Orte des Schreckens im Einzelnen 

1. Die Vorfälle von Feldafing: Gewalt, Folter und die ritualisierten Formen sexueller Gewalt stehen im topografischen Zentrum der uns geschilderten Verbrechen und verweisen auf mehrere Orte. Der Keller des Heims und die Sakristei der alten Dorfkirche sind Zentrum einer abartigen Parallelwelt. Das Werdenfelser Land sehen wir als Zielgebiet eines klerikalen Sextourismus. Nicht nur Mönche und Priester der Umgebung, auch aus der Mitte Deutschlands reisen Kleriker an, z.B. der Marist[6] Hermann Schartmann aus Köln, dort Pfarrer der Herz-Jesu-Gemeinde.

2. Das Münchner Stadtjugendamt begreifen wir als Mittelpunkt eines, wie wir vermuten, Pädophilennetzes, von wo aus entsprechend „geeignete“ Kinder, oft aus prekären Familienverhältnissen und schon misshandelt und missbraucht, vorgemerkt und vorangekündigt und mit Insider-Informationen nicht nur nach Feldafing weiter­gereicht wurden, natürlich auch in andere Heime, darunter in die beiden Ober­ammergauer Heime. Ein Amt als Platzanweiser der ihm Anvertrauten? Unsere Recherchen lassen diese Vermutung zu.

3. Das Besucherzimmer im Oberammergauer Hänsel- und Gretelheim ist nach unseren Recherchen Ziel von Mönchsbesuchern aus Ettal, aber auch von Ange­stellten des Münchner Sozialreferats. Reiner Edenhofer, Betroffener aus Oberam­mergau, berichtet darüber. [7]

4. Der Schlafsaal in Regensburg, wo während der Ferien auch Kinder aus Felda­fing hingeschickt wurden, und hochprominente Theologen übergriffig wurden. N. L. wird nicht das einzige Opfer gewesen sein.

5. Die Folterkeller/Verliese des Klosters Ettal, wohin Heimkinder aus umliegenden Heimen während der Ferien transportiert wurden. Nonnen fungierten als Schlepperinnen und schafften Heimkinder, z.B. aus Feldafing herbei, um den Mönchen, die während der Ferien fehlenden Internatsinsassen durch Heimkinder zu ersetzen, die gegen Bares die Stiftungskassen ihres Ordens aufzu­füllen hatten.

6. Unterstützt bzw. als symbolisch zu betrachtender Protagonist zusammen gehalten werden diese Zusammenhänge von klerikalen Sextouristen wie dem Maristenpa­ter Hermann Schartmann, der nach unseren Recherchen allein aus unseren näheren Bekanntenkreis mindestens fünf Kinder über Jahrzehnte hinweg atta­ckiert hat, in Oberammergau unseres Wissens mindestens fünf, in Speyer wohl ebenso viele, ein letztes Opfer 1984 in Speyer. Er wird nicht der einzige Sex-Tourist gewesen sein. Dieser Tourismus funktionierte unter aktiver Teilhabe der Niederbronner Schwestern, die in Oberammergau und in Speyer (und natürlich auch an anderen Orten). Sie betrieben Pro­stitution initiativ und aktiv und kas­sierten dafür Geld. Für Patres stand in Oberam­mergau ein Gästehaus zur Verfügung. So kam Schartmann aus Köln von der Herz-Jesu-Gemeinde, fuhr nach unseren Recherchen mehr als dreißig Jahre immer auf der gleichen Route gen Süden und machte dort Halt, wo etwas ging und er nur bezahlen musste: Von Speyer und Oberammergau wissen wir dies, es werden noch andere Orte und Heime gewesen sein.  

VI. Grobfazit: München liefert, Feldafing unter anderem verteilt, Nonnen trans­portieren und kassieren vornehmlich von Klerikern. Die Speyrer „Preisliste“[8] mag als Maßstab dienen. Regensburg ist nur eine Luxus-Spielart des Ettaler Kellers. Pointiert: Oberammer­gau und Speyer sind im eigentlichen Sinn nicht als pädagogische Wirkungsstätten zu betrach­ten. Dort ist Erziehung Mittel und Camouflage zu dem Zweck, die Ordens­kassen zu füllen. Die eifrigsten Klienten sind Kleriker, aber auch lokale Nomenklaturen sind in diesen Heimen gern gesehene und erbetene Gäste/Freier. Nicht zu vergessen: Das Feldafinger Heimpersonal missbraucht und kassiert und ist an der Weitergabe der Kinder zu sexuellen Zwecken zur Gänze beteiligt.

Ein wichtiges, neues Forschungsfeld der Zeitgeschichte ließe sich aus den bishe­rigen Ausführungen ableiten: Die enormen Summen, die durch Prostitution in einem noch zu definierenden Zeitraum (1952-1972?) abgeflossen sind, lassen sich nun durch K. Os. Blätter aus dem von ihm so genannten „Kinderbuch“ mit annähernder Wahrscheinlichkeit hochrechnen und für Forschungszwecke vorläufig definieren. Um endgültige Gewissheit über die Zahlen zu gewinnen wäre es erforderlich, das Archiv zu eruieren, aus dem die anonyme Sendung kam und Materialien, sprich: alle so genannten „Kinderbücher“ zu beschlagnahmen und auszuwerten. So wären die Summen zu ermitteln, die die Nieder­bron­ner Schwestern durch Pro­stitution erwirtschaftet haben. Möglicherweise finden sich solche „Kinder­bücher“ auch in Archiven anderer Erziehungsstätten der Niederbronne­rinnen. In einem weiteren Schritt ist dann der Frage nachzugehen, inwieweit dieses Kapi­tal sich in Investitionen verwandelt hat: Die „Transsubstantiation“ von Prostitu­tions­geldern in Stiftungskapital oder nur die Verwandlung von katholischer Geldwäsche in welche Form von Geldanlage auch immer? Ob in diesen Archiven ergänzendes Material aus den Archiven der Nonnen noch verfügbar ist, ist eine spannende Frage. Ebenso: Wie ertragreich hat dieses Kapital bis zum heutigen Tag arbeiten können? 

Passau und Mainz, im Oktober 2020

Vladimir Kadavy und Jörg Jägers

Ende des Zitats

Es bleiben Fragen:

Warum musste privat recherchiert werden?

Wann kommt endlich der Staat seiner Aufgabe nach, Rechtsfrieden herzustellen, auch über Verjährungsgrenzen hinweg?

Immerhin: Eine Richterin (Andrea Herrmann, Sozialgericht Darmstadt) hat sehr beherzt in einem wegweisenden Urteil das Martyrium eines der Opfer aus der Recherche­gruppe anerkannt und ihm eine Rente nach dem OEG, dem Opferentschädigungs­gesetz zugesprochen. Dieses Urteil wurde – pseudonymisiert – hier im Blog veröffentlicht[9], was zu Aufmerksamkeit führte, die sich auch in den Medien niederschlug.


Fußnoten

[1] Ausstellung in Freistatt: „Eckhard Kowalkes Kunst bewirkt den Dialog“ http://www.shz.de/lokales/eckernfoerder-zeitung/eckhard-kowalkes-kunst-bewirkt-den-dialog-id12378471.html Aufgerufen: Dienstag, 7. April 2020

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Schwestern_vom_G%C3%B6ttlichen_Erl%C3%B6ser

[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Deutscher_Parit%C3%A4tischer_Wohlfahrtsverband

[4] beide nun „Marie-Mattfeld-Haus“

[5] Man möge mir das Binnen-I nachsehen. Es handelt sich um ein Zitat.

[6] https://de.wikipedia.org/wiki/Maristenpatres

[7] Seine Website ist seit 7.4.2020 gesperrt. Eine pdf-Datei könnten wir zuschicken.

[8] Bei der „Preisliste“ handelt es sich um eine Seite der handschriftlich geführten Buchungsvermerke – in Foto­kopie, die ein netter Mensch in den Briefkasten von K. O. warf. Sie enthält die Namen von Tätern und die Höhe der für die sexuellen „Dienstleistungen“ gezahlten Beträge. K. O. nennt diese Seite „Kinderbuch“. Er und weitere Kinder werden auf dieser Seite aufgeführt.

[9] https://dierkschaefer.wordpress.com/2020/11/20/oeg-urteil/