Dierk Schaefers Blog

Was ist denn an Bad Boll so toll?

Der Ort hat doch nicht mal 6.000 Einwohner!

Dennoch, Bad Boll: Ein Dorf, mehr als manche Stadt

Wieso?

Wer aufmerksam durch den Ort geht, dem fallen Häuser auf, deren Architektur unty­pisch für ein Dorf ist. Auch die Siedlungs­struktur, denkt man sich die Neubau­gebiete weg, erscheint merkwürdig. Friedhöfe gibt es gleich mehrere – und das nicht nach dem Schema alter und neuer Friedhof. Bei der Kirche gibt es einen alten und zum neuen muss man nur durch ein Tor. Diese Friedhöfe gehören zu Boll und seinen zwei Siedlungskernen. Der dritte, das ursprüng­liche BAD Boll hat auch zwei beieinander liegende Friedhöfe. Beide erstaunen, weil viele der dort Bestatteten aus so ziemlich allen Winkeln der Welt hier gelandet sind.[1] Wie kommt es zu den acht Trigrammen aus dem I GING[2] auf dieser Grabstätte?

 

Der Ort hat also was. Doch was?

 

Das Besondere begann mit „des Königs Wunderbad“ und seinen illustren Besuchern, die kamen wegen der Blumhardts und danach kamen mehr oder weniger zufällig die Anthroposophen und schließlich die Evangelische Akademie.

 

Manche sprechen vom „Kraftort Bad Boll“; so eine Referentin beim Abendgespräch im Café Heuss; sie stieß auf Zustimmung bei anderen Teilnehmerinnen. Der Künstler KWAKU-Eugen Schütz sprach bei seiner Vernissage[3] vom „Heiligen Boden“, und meinte damit die Akademie.

 

Das brachte mich in eine gewisse Verlegenheit. Normalerweise hätte mein geschätzer und hochkompetenter Kollege Albrecht Esche den Vortrag im Literarischen Salon übernehmen sollen.

Blumhardts Literarischer Salon in der Villa Vopelius in der Evangelischen Akademie Bad Boll [4]literatursalon.jpg

Er hätte dann von der Teufelsaustreibung bei der Gottliebin Dittus und dem glaubens­starken Blumhardt berichtet, mit dem alles begann. Ich hätte still dabeigesessen und mir meine Gedanken gemacht. Nun aber, der Kollege war im Urlaub, musste ich einspringen – Magie und Zauberei sind wirklich nicht meine Sache[5]. Schließlich nannte mich jemand den „am meisten säkularisierten Pfarrer unserer Akademie,“[6] und spuk­hafte Erscheinungen halte ich eher für erklärungsbedürftig und prinzipiell auch erklä­rungs­fähig.[7] Ein Kraftort? Ich halte es eher mit Sankt Hieronymos, der meinte, es komme nicht darauf an, in Jerusalem gewesen zu sein, denn „sowohl von Jerusalem wie von Britannien aus steht der Himmel gleichermaßen offen; denn das Reich Gottes ist inwendig in euch.“[8] Was also tun? Ich schlug also folgerichtig das Stich­wort „Ort“ im „Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens“ nach.[9] Das lässt dann ganz schnell an andere Verbindungen von Ort und Magie denken (Friedhöfe, Wallfahrtsorte), aber auch an „stoffgebundene“ magische Vorstel­lungen (Sakramente, Reliquien). Ja, der Aber­glaube kennt Kraftorte, gute wie böse.

Und Bad Boll?

Ob Kraftort oder nicht: Es gibt drei Aspekte für die besondere Bedeutung von Bad Boll

  1. Das Kurhaus
  2. Die Anthroposophie
  3. Die Akademie

ad 1: Herzog Friedrich I. von Württemberg ließ ohne Erfolg nach Salz graben.

1595 stieß man dabei auf Versteinerungen und auf die Schwefel- und Thermalquellen. Das „Wunder­bad“ bezog sich auf die Versteinerungen, die hielt man für ein Wunder Gottes.

1596 wurde das heutige Kurhaus in seiner ersten Form von Heinrich Schickhardt[10] erbaut. Es gab 12 Freiplätze für „Gnadenbädler“. Das Bad florierte nicht so sehr. Die erhofften „oberen Stände“ kamen nicht.

1821 – 23 lässt König Wilhelm I die noch heute das Kurhaus bestimmende schlossartige Anlage in Huf­eisen­form errichten.

1852 erwirbt Blumhardt d.Ä. das Kurhaus mit 400 Gulden Eigenkapital (Der Preis war schon auf 25.000 Goldgulden gesunken)[11]. Mit seinem Wirken beginnt die nationale und internatio­nale Ausstrahlung von Bad Boll.

Wer war Johann Christoph Blumhardt? Ein Wunderheiler? Ein Teufelsaustreiber?

Johann Christoph Blumhardt (* 16. Juli 1805 in Stuttgart; † 25. Februar 1880 in Boll) war ein Pfarrer der württembergischen Erweckungsbewegung, evangelischer Theologe und Kirchenlieddichter. … 1820 – nach einer zweiten Aufnahmeprüfung, dem „Landexamen“ – wurde er Stipendiat des Evangelisch-theologischen Seminars in Schöntal. Während seines Theologiestudiums in Tübingen lernte er u.a. Eduard Mörike kennen, der ebenfalls als Student im Evangelischen Stift wohnte und zu dem sich eine innige Freundschaft entwickelte. … Im Juli 1838 wurde er zum Pfarrer in Möttlingen (bei Bad Liebenzell) ernannt. Hier heiratete er Doris Köllner, eine Tochter seines Missionsfreundes Karl Köllner. 1842 wurde ihr Sohn, der spätere Theologe Christoph Friedrich Blumhardt, geboren.

Gottliebin Dittus, eine junge Frau aus der Gemeinde, litt an einer unerklärlichen Krankheit: sie wurde von Krämpfen geplagt, fremde Stimmen redeten aus ihr.[12] Zwei Jahre lang – 1842 und 1843 – begleitete er diese Frau seelsorgerlich, indem er sie immer wieder an Gottes Ver­heißungen erinnerte und mit ihr betete. An Weihnachten 1843 endete ihr Leiden, das Blum­hardt später in einem Krankheitsbericht an das kirchliche Konsistorium als „Geister­kampf“ bezeichnet. Der laute Ruf der Geheilten „Jesus ist Sieger“ wird zum Losungswort Johann Christoph Blumhardts.[13]

Diese Heilung löste in Möttlingen eine Buß- und Erweckungsbewegung aus. [14]

Wenn ein Ort eine Ausstrahlung hat, ein Kraftort ist, dann wäre Möttlingen zunächst ein böser Ort, der dank Blumhardt zum guten Kraftort wurde und nach seinem Weggang nicht mehr war. Am Ort kann’s also nicht gelegen haben.

Die Erweckungsbewegung brachte Turbulenzen und die Kirchenbehörde begrenzt Blum­hardts Aktivitäten. Er darf nun keine Auswärtigen mehr empfangen und keine Heilungen (Handauf­legen) mehr tätigen. So sucht er nach Alternativen und kauft das Kurhaus. Damit beginnt der „Aufstieg“ des Kurbades und Ortes von Bad Boll. Jetzt kamen die „illustren Besucher“.

„Bad Boll war im 19. und beginnenden 20. Jahr­hundert ein vielbesuchtes »protestantisches Lourdes«. Im Kurhaus versammelten sich neben einheimischen Gästen aus Württemberg auch Angehörige des reformierten und lutherischen Bürgertums aus der Schweiz, dem Elsass und aus Norddeutschland, darunter nicht wenige Adelige. Sie hofften von Krankheiten geheilt zu werden, suchten aber auch ihr Seelenheil, also Lebenshilfe, Lebenssinn und Orientierung.

Zwischen 1852 und 1919 wirkten hier Vater (Johann Christoph) und Sohn (Christoph) Blumhardt als Pfarrer und Therapeuten. Wurde der Ältere vor allem als erfolgreicher Heiler – im Dienste seines Heilandes – wahr­genommen, so erlangte der Jüngere eine spektakuläre Berühmtheit durch sein politisches Engagement in der SPD. Deshalb galt Bad Boll seit 1900 auch als Treffpunkt von Sozialisten, politischen wie religiösen.“

Zu Johann Christoph Blumhardt sind drei Persönlichkeiten zu nennen, die im Literatur­salon präsentiert werden.

ð Eduard Mörike, mit ihm bestand eine Freundschaft seit dem Studium am Tübinger Stift.

ð Ottilie Wildermuth war mehrmals bei Johann Christoph Blumhardt und – wie sie eigens betonte – seiner Ehefrau Doris zu Besuch. Sie bewunderte Doris noch mehr als Johann Christoph, die mit großer Ruhe und Gelassenheit das umtriebige Gewimmel von zahlreichen Menschen aus ganz Deutschland und dem angrenzenden Ausland „managte“. Ottilie bekam als begabtes und intelligentes Kind früh einen „Wunderkindstatus“. Ihre Stellung als bekann­teste und geschätzte Autorin der Zeit war durchaus etwas Besonderes und Ungewöhn­liches.

Sie schrieb vom „Frieden, der auf diesem Haus ruht“. Mit den Worten „Wenn selten Wunder noch geschehen. Weil jetzt der Herr nur leise schafft“ hatte sie den Wandel in der Blumhardt­schen Wirkung getroffen.

ð „Christian Buddenbrook“, alias Friedrich Wilhelm Leberecht Mann. Er war der Onkel von Thomas Mann, war psychisch-labil, und wird in einer krankhaft belasteten Zeit zu Blum­hardt nach Bad Boll geschickt. „Was Blumhardt bewirken konnte, wissen wir nicht – von Heilung spricht niemand.“ Übrigens: Buddenbrook war der Name eines Sekundanten im Effi Briest-Duell.

1880 nach dem Tod seines Vaters übernahm Christoph Friedrich Blumhardt die Leitung von Bad Boll. Er gewann als Seelsorger und wortgewaltiger Bußprediger einen Ruf weit über seine Heimat hinaus. Ging es seinem Vater überwiegend um individuell-seelsorgerliche Hil­fen, so dem Sohn um die Heilung der Strukturen. Er sah in der Sozialdemokratie die Kraft zur Förderung des Reiches Gottes.

1888 gründete er in Eckwälden das „Haus für Nerven- und Gemütsleidende“, er verkaufte es 1901. Den Grund dafür konnte ich nicht herausfinden.

Persönlich kamen zu ihm und sind im Salon präsentiert:

ð Ludwig Richter (und Sohn) war insgesamt sechs Mal »in dem lieben Boll«. Anlass dafür gab ihm sein Sohn Johannes Heinrich (1830-1890), der seit 1872 häufig Hilfe bei den Blum­hardts suchte und seit 1888 ganz in Eckwälden, in dem von Christoph Blumhardt gegründeten „Haus für Nerven- und Gemütsleidende“, lebte. Er hatte Depressionen, wohl auch Paranoia. „Heinrich Richter fand in Bad Boll einen Zufluchtsort, der ihm Leben ermög­lichte. Er starb am 12. Juli 1890 und liegt auf dem Blumhardt-Friedhof begraben.“

ð „Effi Briest“, alias Elisabeth (Else) Baronin von Ardenne[15] »Ein gütiges Schicksal führte mich nach Bad Boll im lieben Württemberg, das mir zur zweiten Heimat wurde. Die Seele des großen Hauses, Pfarrer Blumhardt, dessen helfende Liebesfäden weit über Deutsch­land liefen, wusste auch mir festen Grund unter die lahm gewordenen Füße zu geben und meiner Seele neuen und besseren Aufschwung.« Christoph Blumhardt setzte sie als Pflegerin im Haus für Nerven- und Gemüts­kranke in Eckwälden ein. Sie starb in Lindau und bekam ein Ehrengrab bei Potsdam.[16]

ð Hermann Hesse „hatte das Dasein »Unterm Rad« im evangelischen Seminar Maulbronn satt und riss aus. Deshalb wurde er von seinen hilflosen Eltern dem Rettungsanker Christoph Blumhardt anvertraut und landete im Mai 1892 in Bad Boll. … Sechs »selige Wochen in Boll« erlebte Hermann Hesse. Nach einer Suizidvorbereitung wegen unerwiderter Liebe setzte Blumhardt ihn zornig vor die Tür und empfahl ihn nach Stetten in die Heil- und Pflegeanstalt für Schwach­sinnige und Epileptische.“

ð Gottfried Benn „begann auf Wunsch seines Vaters 1903 in Marburg ein Theologie- und Philosophiestudium. Viel lieber aber wollte er Medizin studieren. Deshalb reiste Pastor Gustav Benn aus Sellin/Brandenburg 1904 mit seinem Sohn nach Bad Boll, um Rat und Hilfe einzuholen, sicherlich auch um Unterstützung durch den berühmten Gottesmann zu erhal­ten. Christoph Blumhardt ergriff Partei für den jungen Gottfried Benn und leitete so die Karriere ein, die den späteren Dichter und Arzt berühmt machen sollte.“

ð Richard Wilhelm   „kam 1897 als Vikar nach Boll und freundete sich rasch mit Christoph Blumhardt sowie dessen 18-jähriger Tochter Salome an, seiner späteren Frau. 1899 reiste er als Missionar nach China aus und lebte in Tsingtau/Kiautschou.[17]“ Der Boxeraufstand[18] 1900 mit der Parole von Wilhelm II. »Pardon wird nicht gegeben« öffnete Richard Wilhelm die Augen für die Motive des Kolonialismus und der sie stützenden Mission. »Unter Umständen müsst Ihr Chinesen mit den Chinesen werden, sei es auch, dass es zu einer Trennung von den kirchlich denkenden Menschen kommt. […] Christen brauchen sie gar nicht zu werden. Diesen Namen sollte man in fremden Ländern gar nicht aufkommen lassen. Wer den Willen Gottes tut, ist des Himmelreichs Kind, ob er von Konfuzius oder von Kirchenvätern abstammt.« – Christoph Blumhardt an Richard Wilhelm, 21. Januar 1901.“ Man beachte die Weite des Horizontes dieses ansonsten sehr pietistischen Mannes.

ð Hermann Kutter – „Sein Buch »Sie müssen!« (1903) wurde zum wirkungsmächtigsten Dokument der religiös-sozialen Bewegung[19]. Jenseits aller Differenzierungen und Vorbehalte werden darin die Sozialdemokraten für Gottes Wirken in der Welt in Anspruch genommen.“

ð Karl Barth »Das Einzigartige, wir sagen mit vollem Bedacht: das Prophetische in Blum­hardts Botschaft und Sendung lag darin, wie sich das Eilen und Warten[20], das Weltliche und das Göttliche, das Gegenwärtige und das Kommende in seinem Reden und Tun begegnete, vereinigte, ergänzte, immer wieder suchte und fand.«

Es fehlt August Bebel: „Wenn er bei Blumhardt in Bad Boll sei, könne sogar er an Gott glauben.“[21]

Auch Clara Zetkin besuchte Bad Boll und schrieb an Blumhardt: „Mit der Versicherung herzlichster Hochachtung grüßt Sie Ihre ergebene Clara Zetkin.“

Zu nennen wäre noch Max Reger, der auf Vermittlung von Blumhardt in Boll kirchlich getraut wurde. Reger war katholisch, seine Braut war evangelisch und geschieden. Zu damaliger Zeit ein Hindernis für eine kirchliche Trauung. Reger wurde nach der Trauung exkommuniziert.

Die Eingabe Heine/Blumhardt gibt bei Google keinen passenden Treffer. Die beiden werden einander nicht gekannt haben. Und doch unterstelle ich eine Seelenverwandtschaft zwischen dem ernst-frommen Blumhardt und dem Spötter Heine.

Die Heineverse wären jedenfalls, von der Frivolität abgesehen, durchaus nach dem Sinn von Blumhardt gewesen:

Ein neues Lied, ein besseres Lied,
O Freunde, will ich euch dichten!
Wir wollen hier auf Erden schon
Das Himmelreich errichten.

Wir wollen auf Erden glücklich sein,
Und wollen nicht mehr darben;
Verschlemmen soll nicht der faule Bauch,
Was fleißige Hände erwarben.

Es wächst hienieden Brot genug
Für alle Menschenkinder,
Auch Rosen und Myrten, Schönheit und Lust,
Und Zuckererbsen nicht minder.

Ja, Zuckererbsen für jedermann,
Sobald die Schoten platzen!
Den Himmel überlassen wir
Den Engeln und den Spatzen.[22]

Im Laufe der Jahre wurde Blumhardt zu einer bedeutenden Person der Zeitgeschichte. Als 1888[23] Kaiser Wilhelm I. auf dem Sterbebett lag, wurde Blumhardt zu ihm gerufen.[24]

1887/1988 ließ Blumhardt in Eckwälden das „Haus für Nerven- und Gemütsleidende“ bauen. Baronin von Ardenne hatte hier ihr Arbeitsfeld. Das Haus wurde bereits 1901/1902 an die vier Schwestern Härlin verkauft, die hier bis 1930 ihr Pensionat „für höhere Töchter“ führten.[25] Ob und wie dieser Verkauf mit dem Weggang der Baronin zusammenhing, konnte ich bisher noch nicht ermitteln.

1920 (erw)erben die Herrnhuter[26] von den Blumhardt-Erben das Kurhaus, das den Erforder­nis­sen der Zeit nicht mehr entsprach.[27]

Im Gefolge der Herrnhuter sozusagen kam nach dem Krieg die „Europäisch-Festländische Brüder-Unität“[28] nach Bad Boll (1961).

Mit den Herrnhutern beginnt die Fortsetzung der Geschichte des Kurhauses, zunächst ganz im Sinne von Blumhardts Erben. Heute, nach mehrfachem Besitzerwechsel, ist das Kurhaus ein normaler Rehabi­li­tationsbetrieb. Noch (?) wird der große Saal, der „Kirchensaal“ für Gottes­dienste genutzt. Im „Blumhardtzimmer“ fällt eher die Nutzung durch die Kurseelsorge auf: ein großer dominierender Tisch aus der Jetzt-Zeit und das Regal voll mit den derzeit gebräuchlichen Gesangbüchern; das „Zinzendorfzimmer“ taucht nur noch im Wegweiser auf. Fragt man penetrant nach, wird einem die Zimmertür zum psychologischen Dienst des Kurbetriebes gezeigt.

Albrecht Esche schreibt: Mit dem Tod der Blumhardts „war dann in Bad Boll alles aus und vor­bei. Auch das gute Wasser, die Schwefelquelle sowie die — al­lerdings erst vor einigen Jahr­zehnten aufgefundene — Mi­neralquelle, wurde nicht als Geschenk des Schöpfers und der Schöpfung religiös-therapeutisch genutzt, auch nicht die einmalige Lage und Naturlandschaft. So bleiben die Besucher mit sich allein und auf sich selbst gestellt. Und so bleibt uns heute nur noch die Erinnerung — oder aber ein neuer Aufbruch zu den unerschöpflichen spirituellen Quellen, die dieser Ort zu bieten hat.“

ad 2: Nur kurz zur Anthroposophie

Anknüpfungspunkt: Wala und Blumhardthaus in Eckwälden

  •  1935 gründet Rudolf Hauschka die Firma „Wala“ in Bad Boll-Eckwälden.[29] Mit dieser Gründung begann die Ausbreitung der Anthropo­sophie in Bad Boll-Eckwälden.
  •  1937 Im Blumhardthaus eröffnet der Anthroposoph Dr. Geraths[30] das „Heil-und Erziehungs­institut[31] für seelenpflegebedürftige Kinder“[32] Er knüpfte auch bewusst an das geistige Erbe der Blumhardt’s an.
  •  1965 gründet Geraths das „Rudolf Steiner-Seminar für Heilpädago­gik“[33]. In diesen Umkreis gehört auch die
  •  1962 gegründete „Margarethe-Hauschka-Schule für künstlerische Therapie und Massage“.
  • O 1987 wird in Bad Boll das „Seminar für freiheitliche Ordnung e.V“.[34] gegründet.

So kamen im Lauf der Zeit viele Anthroposophen nach Boll und Bad Boll; man sieht’s im Ortsbild an der alternativen Bekleidung der Frauen. Es gibt auch eine anthroposophische Apotheke[35]. Bad Boll scheint für die Anthroposophen ein Kraftort zu sein.

Zwei Anmerkungen zur Anthroposophie in Bad Boll.

  1. Aus einem unveröffentlichten Protokoll von „Karma“[36]-Arbeits-Sitzungen hier in Bad Boll:

„Frau M. ist „hellsichtig“, stieß bei der Karmaarbeit mit X. auf dunkle gemein­same Geschichten, die sie den Engeln zur „Transformation“ übergaben. Sie bekamen von diesen den Auftrag, zu ihnen Kontakt zu halten, weiter alle vier Wochen Karmaarbeit zu betreiben, sich um die Landschaft und ihre Geschichte zu kümmern.

Y gab den Hinweis auf unerlöste Orte in der Gegend. So kam man auf den Brunnen im Kurhaus mit unerlösten Gestalten.“

X und Y kenne ich persönlich. Über X habe ich im vorigen Jahr ein religionspsychologisches Gutachten zur forensischen Verwendung erstellt.

  1. Das „Heil-und Erziehungs­institut für seelenpflegebedürftige Kinder“, 1937 in Eckwälden gegründet, hat es geschafft, dass kein einziges der behinderten Kinder der T4-Aktion[37] der Nazis zum Opfer fiel.

Aus meinen vielfachen Kontakten mit Anthroposophen und ihren Einrichtungen habe ich den Eindruck gewonnen, dass diese mit Menschen mit Behinderung angemessener umgehen, als das in unseren kirchlichen Einrichtungen oft der Fall zu sein scheint. Die Aussicht auf spätere Inkarnationen reduziert offenbar den Erfolgsdruck, Menschen mit ihrem einzigen Erdenleben auf den richtigen Weg zum Himmel zu bringen oder gar zu zwingen.

ad 3: Die Akademie

Der Künstler der augenblicklichen Ausstellung sprach vom „heiligen Boden“ und meinte damit die Begegnungen auf Tagungen der Akademie. Er pries die Dynamik; hier entstehe etwas Neues.

Was hat es damit auf sich?

Schon vor Kriegsende gab es Pläne für eine Akademie, die sich mit der Initiative von Eber­hard Müller und Prof. Helmut Thielecke konkretisierten. Sie wollten eine Art Forum für gesell­schaftspolitisch wichtige Fragen schaffen: Meinungsvielfalt, die es unter der Nazi-Herrschaft nicht gab. Die Anfänge waren turbulent und sind hier nicht im Detail darzustellen. Das Kurhaus wurde nur rein zufällig der Ort der ersten Tagung und der folgenden. Banaler Grund: Es stand leer, weil die Amerikaner die Betten abtransportiert hatten. Eberhard Müller besorgte die Betten und konnte die erste Tagung mit knapp 160 Teilnehmern eröffnen. Die Tagung wendete sich an „Männer des Rechts und der Wirtschaft“, Frauen waren nicht „mitge­meint“[38]. Die Teilnehmerliste zeigt: Hier war die erhoffte Nachkriegselite angespro­chen. Die zweite Tagung diente der Verankerung der Akademie-Idee in der Württember­gi­schen Landeskirche, die dritte hatte die Arbeiter im Focus.

Um die Auswirkungen der Akademiearbeit nur kurz zu skizzieren: Lange galt es als Aus­zeich­nung, (auch ohne Honorar) in der Akademie zu referieren. Neben hochrangigen Wissen­schaftlern war auch viel Politprominenz zu verzeichnen, oft auch auf dem Weg zum Aufstieg ins Spitzenamt. Wenn man unbedingt will, könnte man meinen, dieser Kraftort habe den end­gültigen Kick zur Spitze gegeben.

Die Evangelische Akademie Bad Boll wurde zudem die Mutter aller kirchlichen Akademien, bundesweit, evangelisch wie katholisch. Auch eine Akademie auf Kreta ist Ergebnis der Arbeit von Eberhard Müller. Veranstaltungen dieser Akademien waren –wie ich es nenne – Talkshows vor dem Begriff. Heute haben die Talkshows im Fernsehen den Akademien erfolg­reich die Teilnehmer und Zuschauer streitig gemacht. Mit den Talkshows können Politiker sehr schnell auf vorgegebene aktuelle Fragen reagieren, die Zuschauer brauchen sich nicht vom Sofa zu erheben und haben keinen – inzwischen wirklich sehr teuren – Tagungs­beitrag zu entrichten.

Die Kirchen bauen ihre Akademien zurück oder geben sie auf.

img 13404Es ist eine Ironie der Geschichte: Auf dem architekto­ni­schen Höhepunkt der Akade­mie[39], 1995 zum 50jährigen Jubi­läum (Kapelle und erhebliche Erweiterung des Café Heuss) wurde das Dilemma der Akademien deutlich formu­liert. 2001 kamen das Symposium und 2010 der neue Süd­flügel hinzu, all dies Glanzstücke moderner Architektur.

Ich sagte damals: Der Hotel­betrieb ist Chance der Akademie und zugleich Klotz am Bein. Nun, der Hotelbetrieb floriert dank der Gasttagungen, die Akademie-Tagun­gen gehen zurück. Wer seine Teilnahme selber finanzieren muss, überlegt sich das.

Vom „Kraftort Bad Boll“ bleibt die Erinnerung an kraftvolle, tatkräftige, phantasievolle und begeisterungsfähige Persönlichkeiten. Erinnerungen, die ständig der Neubelebung bedürfen, wenn der Ort seine museale Anziehungskraft behalten will und er braucht Menschen, die aufs Neue Zeichen setzen, die über Bad Boll hinauswirken.

Warten (auf das Reich Gottes) und pressieren (sein Kommen beschleunigen) – dafür stan­den die Blumhardts. Der Skeptiker merkt an, dass dies auch verheerende Folgen haben kann, wenn man zu sehr pressiert, aber die uneigennützige Liebe zu den Menschen fehlt. Ein Reich Gottes gab es auch zur Täuferzeit in Münster[40] und in der historischen Abfolge manche ideo­logische Verirrung, mit der kraftvolle, tatkräftige, phantasievolle und begeisternde Per­sönlich­keiten die Völker ins Verderben gestürzt haben. Die Blumhardts waren vor der Hybris gefeit, weil sie trotz aller Begeisterung für Gottes Reich ihm Raum ließen, es zu voll­enden. Und auch für uns ließen sie Platz für die kraftvolle, tatkräftige, phantasievolle und begei­sternde Mitwir­kung am Reich Gottes.

Die nächste Blumhardttagung im Oktober trägt Blumhardts Motto: „Wir müssen Gott in die Hände arbeiten“.

 

Editorische Nachbemerkung

Dieser Text entstand im Rahmen eines Klassentreffens der Abiturklasse 13d des Jahrgangs 1964 der Humboldt­schule in Hannover-Linden. Da mein Kollege Albrecht Esche urlaubs­bedingt verhindert war, musste ich mich einar­beiten und den Vortrag in Blumhardts Literatur­salon in der Villa Vopelius in der Evangelischen Akademie Bad Boll übernehmen. Ich habe es nicht bereut.

Sehr viele Informationen stammen aus dem Buch von Albrecht Esche, Reich Gottes in Bad Boll, 20164. Ich verdanke ihm sehr viel. Die Zitate sind nicht im Detail nachgewiesen. Das Buch ist in der Akademie erhältlich und sehr empfehlenswert. ISBN 978 936369-53-3

Viele Informationen habe ich auch entnommen aus GEMEINDE BOLL (ed.), Boll, Dorf und Bad an der Schwäbischen Alb, 1988. Auch diese Zitate sind nicht eigens ausgewiesen.

Fußnoten

[1] Der Blumhardt-Friedhof, der im Jahr 1866 angelegt wurde, gilt als kulturhistorisch bedeutsam, nicht nur für die Region. In seiner Erde ruhen sowohl viele Mitglieder der weitläufigen Familie Blumhardt als auch Menschen aus aller Herren Länder, die sich um Johann Christoph Blumhardt (1805–1880) und später um seinen Sohn Christoph Friedrich Blumhardt (1842–1919) scharten. https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.bad-boll-blumhardt-friedhof-wird-restauriert.67efc5ee-65c2-404c-9543-c564177e90ee.html

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/I_Ging

[3] 10. Juni 2018

[4] Photo: Dierk Schäfer

[5] Obwohl wir 15 Jahre in einem „Spukhaus“ gewohnt haben. Doch die ungeklärten Klopfgeräusche haben uns nicht aus der Ruhe gebracht. Wir lachen immer noch darüber.

[6] So wurde ich vom Kollegen Wolfgang Wagner einem Besucher vorgestellt. Ich wusste gar nicht, dass er mich so gut kennt.

[7] Mit Parapsychologie habe ich mich vielfach beschäftigt und wurde regelmäßig in meiner skeptischen Haltung bestätigt. Interessant, dass auch Thomas Mann bei spiritistischen Sitzungen Protokoll führte und sich bluffen ließ. Auch der „Geisterkampf“ der Gottliebin mit Blumhardt (d.Ä.) bietet manche Erklärungsansätze für spukhafte Erscheinungen.

[8] Zitiert nach Herbert Donner, Pilgerfahrt ins Heilige Land, Stuttgart, o.J., S. 13

[9] Sp. 1308 – 1311

[10] https://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Schickhardt

[11] Der „Rest“ wurde durch eine großzügige Spende abgedeckt und durch Stellung einer Bürgschaft.

[12] Man fühlt sich an der Film „Der Exorzist“ erinnert: https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Exorzist . Als Skeptiker denkt man aber eher an „Chopper“ http://www.sueddeutsche.de/bayern/jahre-geist-chopper-spuk-in-der-zahnarztpraxis-1.1299536 oder an den Lehrling im Haushaltswarengeschäft: https://www.zeit.de/1979/08/der-kriminalist-und-der-spukprofessor

[13] Sein Bericht an die Kirchenbehörde: Möttlingen, den 31. Juli 1850. http://www.christliche-autoren.de/sieg-ueber-die-hoelle.html Montag, 16. Juli 2018 Die Webseite, auf der der Bericht gehostet ist, wird von Personen mit vergleichbarer Vorstellungswelt und Glaubensintensität betrieben.

[14] nach Wikipedia

[15] geb. Elisabeth von Plotho ð https://de.wikipedia.org/wiki/Elisabeth_von_Plotho

[16] Der Tagesspiegel vom 9.2.09 schrieb: „Elisabeth von Ardenne ist 34 Jahre alt, als ihr Ehe-Albtraum ein Ende hat. Von da an lernt sie, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Sie reist ins württembergische Bad Boll zu einem Guru, [sic!] von dem sie sich spirituelle Orientierung erhofft. Der Bußprediger Christoph Blumhardt steht im Ruf, ein Wunderheiler zu sein, später wird er Sozialist und SPD- Landtagsabgeordneter. Blumhardt redet der Ehebrecherin ihre Schuldgefühle aus und ermutigt sie, eine Ausbildung zur Krankenpfle­gerin zu beginnen. Sie arbeitet in vielen Heilanstalten in Süddeutschland, der Schweiz, in Schlesien und in Berlin-Zehlendorf. Besonders gut kann sie mit Patienten umgehen, die unter psychischen Störungen leiden, die Ärzte schätzen die kluge Für sorglichkeit und Engelsgeduld der Krankenschwester. Ab 1915 verdient sie ihren Lebensunterhalt als ständige Begleiterin der schwer nervenkranken Margarethe Weyersberg. Die wohlhabende Familie der Pflegetochter finanziert nicht nur die gemeinsame Wohnung, sondern auch Reisen der beiden Frauen nach Italien.“ Zum Thema „Ehrengrab“ gibt die Vorsitzende der „AG Histo­rische Friedhöfe und Kirchhöfe Berlins“ am 27.6.18 per Mail die Auskunft: „meines Wissens nach wurde die Grabstätte E.V. Ardenne als Ehrengrab anerkannt, weil sie das Vorbild für Fontanes Effie Briest war. einen anderen Grund kenne ich nicht.“

[17] https://de.wikipedia.org/wiki/Kiautschou

[18] https://de.wikipedia.org/wiki/Boxeraufstand

[19]Religiöser Sozialismus https://de.wikipedia.org/wiki/Religi%C3%B6ser_Sozialismus#1900_bis_1945

[20] Am Kurhaus stehen die Initialen des Königs und seiner Frau: W und P, Wilhelm und Pauline wurde auch als „Warten und Pressieren“ interpretiert, warten auf das Reich Gottes und seine Ankunft beschleunigen.

[21] https://kochmeint.wordpress.com/tag/blumhardt-friedhof/ „Bebel- und auch bibelfest“ sei er, so stellte die Göppinger SPD in einem Wahlplakat zur Landtagswahl 1900 ihren Kandidaten Blumhardt vor. https://lassalle-kreis.de/print/795

[22] http://gutenberg.spiegel.de/buch/-383/2

[23] Dreikaiserjahr https://de.wikipedia.org/wiki/Dreikaiserjahr

[24] https://lassalle-kreis.de/print/795

[25] https://www.swp.de/suedwesten/landkreise/lk-goeppingen/mit-blumhardt-verwoben-17625939.html

[26] https://de.wikipedia.org/wiki/Herrnhuter_Br%C3%BCdergemeine

[27] https://www.bruedergemeine-bad-boll.de/brueder-unitaet/geschichte/

[28] https://www.ebu.de/startseite/

[29] https://de.wikipedia.org/wiki/Wala_Heilmittel https://www.wala.de/unternehmen/

[30] http://biographien.kulturimpuls.org/detail.php?&id=217

[31] http://institut-eckwaelden.de/

[32] Anthroposophische Seelenpflege – für eine Person, die sich in ihrer gegenwärtigen Inkarnationsform nicht in der uns geläufigen Art zu realisieren vermag, die jedoch der Pflege und Bildung bedarf, um dadurch für spätere Inkarnationen bessere Voraussetzungen zu erlangen. Quelle nicht mehr gefunden.

[33] https://www.akademie-anthroposozial.de/rudolf-steiner-seminar/ueber-uns/

[34] https://www.dreigliederung.de/profile/badbollseminarfuerfreiheitlicheordnungev

[35] Ich spreche vom „Kugellager“.

[36] „Karma“ und „Doppelgänger“ sind Schlüsselbegriffe bei Rudolf Steiner. https://anthrowiki.at/Doppelg%C3%A4nger https://anthrowiki.at/Doppelg%C3%A4nger

[37] https://de.wikipedia.org/wiki/Aktion_T4

[38] Dennoch gibt es vier namentlich genannte Frauen in der Teilnehmerliste. Bei drei Teilnehmern war der Vermerk c. ux. (cum uxore) hinzugefügt.

[39] Die Evangelische Akademie Bad Boll ist – wie auch manche andere – durch zahlreiche Erweiterungen (aufgrund ihrer Erfolge) ein Spiegelbild der architektonischen Entwicklung in Deutschland. Photo: Werner Feirer, © Evangelische Akademie Bad Boll

[40] https://de.wikipedia.org/wiki/T%C3%A4uferreich_von_M%C3%BCnster

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Kinderrechte sollen ins Grundgesetz

Ja, aber ich glaub’s erst, wenn sie drin sind. Beurteilen kann man sie erst, wenn man sie sich kritisch anschaut: 1. Welche Kinderrechte kommen ins Grundgesetz? 2. Welche Chancen haben ihre Umsetzung in Politik, Justiz und Verwaltung? Es wird also noch dauern.

Als jahrelanger Beobachter der Situation kann ich nur gequält schmunzeln über den Fortschritt, der bekanntlich eine Schnecke ist – und ob’s ein Fortschritt wird, sehen wir erst später.[1]

Nun endlich nimmt sich die Politik auf höherer Ebene (Koalitionsvertrag) des Themas an. Eine Zusammenfassung gab es gestern in der Sendung „Hintergrund“ des Deutschlandfunks. Man lese nach![2]

Ob es zu einer 2/3-Mehrheit im Bundestag reichen wird, halte ich für fraglich, denn – wie üblich – werden die Kinder nicht nach ihren wohlverstandenen Interessen gefragt, sondern die Vertreter der Interessen anderer:

  • Elternverbände
  • Männervereinigungen
  • Frauenvereinigungen
  • Kirchen
  • Parteien
  • Sozial- bzw. Jugendhilfeträger

und am wichtigsten:

  • die Länder und ihre Kommunen

Die Liste ist wohl nicht vollständig, so habe ich z.B. die Rechtsdogmatiker nicht erwähnt.

Wenn einer Personengruppe, die bisher nur im Paket „Familie“ mitgemeint war, eigene Rechte eingeräumt werden sollen, schmälert das die Rechte und den Einfluss anderer – oder deren Finanzen. Diese anderen werden alle Möglichkeiten nutzen, um ihren Besitzstand zu wahren.

Die Eltern und ihre Verbände werden auf das Elternrecht pochen und darauf verweisen, dass für deren Missbrauch der Staat ein Wächteramt habe. Es ist ja auch richtig, dass der Staat nicht ohne Anlass, also willkürlich/ideologisch in die Familien hineinregieren soll. Autoritäre Staaten in Vergangenheit und Gegenwart sind ein abschreckendes Beispiel, die Hilflosigkeit von Kindern in unserem System in bekanntgewordenen Extremfällen allerdings auch. Es wird also darum gehen müssen, Elternrechte gegen die wohlverstandenen Interessen des Kindes abzuwägen und passende Maßnahme durchzusetzen, wobei unbedingt die Meinung der Kinder erfragt werden muss. Richter sind oft dieser Aufgabe nicht gewachsen. Das sollte also eine unabhängige Fachkraft tun, die den Kindern ihre Entscheidungsmög­lich­keiten und auch die Folgen freundlich vor Augen führt. Das bedeutet: qualifizierte Einzelarbeit, die ist teuer. Sind uns die Kinder das wert? Wer soll das bezahlen?

Fragen in Zusammenhang mit Inobhutnahme sind besonders schwierig. Kinder sind zuweilen hinundhergerissen zwischen der Liebe zu ihren Eltern, selbst wenn diese drogenabhängig sind [Parentifizierung] oder sie gar mißhandeln einerseits und andererseits ihren wohlverstandenen Interessen. Hier ist sehr viel Einfühlungsvermögen vonnöten, um den Kindern die Last der Verantwortung und die Schuldgefühle abzunehmen. Zu beachten ist der Zeitfaktor bei einer Unterbringung in einer Pflegefamilie. Oft ist hier eine Bindung entstanden, die stärker ist als manche Vorstellung von Blutsverwandtschaft. Die Vorstellung, dass soziale Elternschaft wichtiger ist als leibliche, ist vielen Menschen fremd. Sie denken nicht daran, dass es Aufgabe jeder Elternschaft ist, eine soziale zu werden.

Kinder bei Trennung und Scheidung sind dann besonders schlecht dran, wenn der Partner­schafts­krieg auf dem Rücken der Kinder ausgefochten wird. Im Hintergrund machen sich Männervereinigungen und Frauenvereinigungen stark. Auch sie folgen zumeist biologischen Denkmustern. Ein Kind gehört zur Mutter/zum Vater oder es hat Anrecht auf beide. Alles ist verheerend für Kinder, wenn die Eltern für das Kind nicht in erster Linie Eltern sein wollen – und es auch können. Zurzeit versuchen – vornehmlich – Männer, die oft unhaltbaren Ent­scheidungen der Familiengerichte auszuhebeln durch ein im Regelfall verpflichtendes Dop­pelresidenzmodell. Ob diese Aufteilung der Kinder von Fall zu Fall von den Kindern gewünscht wird und ob es für sie praktikabel ist, diese Frage interessiert nicht. Es kann und sollte in solchen Fällen immer darum gehen, im Einvernehmen mit den Kindern – möglichst auch mit den Eltern – eine kindgerechte, alltagstaugliche Lösung zu finden, die nach Kindes­bedarf Flexibilität ermöglicht und auf Wunsch des Kindes auch wieder neu verhandelbar ist. Auch hier ist die Beratung und Begleitung von ideologisch unabhängigen Fachpersonal nötig. Mit der psychologisch-pädagogischen Fachkompetenz der Richter wird man wohl auch zukünftig nicht rechnen können.

Die Kirchen und andere Religionsverbände werden das Elternrecht in dem Sinne verteidigen wollen, dass diese das Recht auf religiöse Erziehung bis zur Religionsmündigkeit behalten sollten. Das ist problematischer als es aussieht. Denn es beinhaltet das Recht auf Beschnei­dung minderjähriger Jungen, was eindeutig dem Kinderrecht auf Unversehrtheit entgegen­steht. Von dort ausgehend machen manche Agitatoren auch Front gegen die Kindertaufe; ein Kind solle unbehelligt von jedweder Religion aufwachsen, bis es sich selber entscheiden kann. Das ist völlig lebensfremd.[3]

Die Parteien sind, wie der Rundfunkbeitrag zeigt, unterschiedlicher Meinung.[4] Nach meiner Einschätzung haben alle kein besonderes Interesse an Kindern, sondern nur an ihren Wähler­gruppen. Das ist systembedingt. Sie werden jeden Entwurf für Kinderrechte im GG in ihrem Interesse beeinflussen, verwässern und Hintertürchen aufhalten[5]. Gummiparagraph.jpgAlso brauchen wir nicht nur die Kinderrechte im GG, sondern auch Wahlrecht für Kinder, das zunächst wohl eine Art Familienwahlrecht wäre bis die Kinder eigene politische Vorstellungen haben. Dann, aber erst dann würden die Parteien Familien und Kinder umwerben und ihnen die Aufmerk­samkeit geben, die ihnen gebührt.

Ein schwieriges Kapitel sind die Sozial- bzw. Jugendhilfeträger, denn die Rechte dieser Lobby sind festgezurrt. Ich habe es in einem Beitrag hier im Blog dargestellt.[6]

Am übelsten jedoch ist die Lobby der Länder und ihrer Kommunen, denn die sind – wie die Elternrechte – schon im Grundgesetz verankert und sie wollen nicht zahlen. Darum hinter­treiben sie seit Jahrzehnten alle kostenträchtigen Gesetze, auch die, die für das Kindeswohl förderlich sind. Und sie achten auf ihre Hoheit. Besonders sie also sind der Hauptgegner, wenn es um die Umsetzung von Kinderrechten im Grundgesetz geht.

Das sind die Neben­wirkungen des Föderalismus; wir kennen sie aus verschiedenen Bereichen. Ich nenne nur die Schulpolitik und mag gar nicht weiter darauf eingehen. Auch die Pflegeschlüssel sind von Land zu Land unterschiedlich. Ist doch logisch, dass der Pflegebedarf in Bayern ein anderer ist als in Meck-Pomm.

Fußnoten

[1] Einen Katalog von Defiziten und Forderungen habe ich schon in meiner Tagungsreihe Kinderkram publiziert und später, 2011 in meinen Blog gestellt:Dierk Schäfer, Für eine neue Politik in Kinder- und Jugendlichen-Angelegenheiten https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2011/10/fc3bcr-eine-neue-politik.pdf

[2] http://www.deutschlandfunk.de/nach-jahrzehntelanger-debatte-kinderrechte-sollen-ins.724.de.html?dram:article_id=416242 Sonntag, 22. April 2018

[3] Dierk Schäfer, Die Zurichtung des Menschen – auch ohne Religion https://dierkschaefer.wordpress.com/2018/04/18/die-zurichtung-des-menschen-auch-ohne-religion/

[4] http://www.deutschlandfunk.de/nach-jahrzehntelanger-debatte-kinderrechte-sollen-ins.724.de.html?dram:article_id=416242

[5] „Also, Herr Referent, der Gummizug ist schon ganz nett, vergessen Sie aber nicht die Verwässerungsanlage und das Hintertürchen.“ Fund: Archiv Dierk Schäfer

[6] Dierk Schäfer, Die Zahnlosigkeit der Gesetze zum Recht von Schutzbefohlen, 24. Juni 2015, https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/06/24/die-zahnlosigkeit-der-gesetze-zum-recht-von-schutzbefohlen/

Die Zurichtung des Menschen – auch ohne Religion.

Unser Kevin soll sich ganz frei entwickeln können. Religion? Lieber nicht. Wir wollen seiner Entscheidung nicht vorgreifen.

Kevin[1] geht ja noch, wie wär’s mit Schnuckelpupine[2] als Name? Namen sind nicht Schall und Rauch. Sie sagen etwas aus über die Namensgeber und wirken wie ein Etikett, ob Kevin will oder auch nicht. Zuweilen sind Vornamen auch ein bewusstes Programm. Wer sein Kind Wolfgang Amadeus nennt, hat es vorprogrammiert.[3] Das ist nicht neu und hier nicht im Detail zu diskutieren. Doch die freie Entwicklung eines Kindes ist oft schon mit der Namensgebung eine Fiktion.

Namen sind Schall und Rauch, sagt Faust im Zusammenhang mit der Gretchenfrage. Darum geht es auch bei der immer wieder zu lesenden Meinung, Kinder sollten frei von religiöser Beeinflussung gehalten werden, sie könnten ja sich später frei entscheiden. Sehr drastisch ausgedrückt in einem Tweed: Kinder sollten überall auf der Welt geschützt werden von Religion, Politikern & Pädophilen[4]. Von der Zuspitzung abgesehen wird religiöse Erziehung für Programmierung[5] gehalten. Sie widerspreche zudem der Religionsfreiheit. Erst wenn ein Kind frei in seiner Entschei­dung sei, könne es sich frei für – oder gegen – eine Religion entscheiden.[6]

Zunächst zu Programmierung und Mind Control. Da gibt es tatsächlich Überschneidungen.

Programmierung erinnert mich an die 70er Jahre, in denen Jugendliche in die Fänge von Jugendreligionen geraten waren und dort mit Gehirnwäsche[7]Metho­den vereinnahmt wurden. Es kam vor, dass Eltern daraufhin ihre Kinder kidnapp­ten und Fachleuten für eine Reprogrammierung übergaben.[8]

Das Bild vom programmierbaren Menschen ist unheimlich. Das wird deutlich, wenn wir an Fälle denken, in denen Kinder nicht nur eng geführt, sondern in eine gesellschaftliche Nische hinein erzogen werden. Außerhalb dieser Nische lauert das Böse schlechthin. Wer sie verlässt, ist ein Verräter, seine Seele der Verdammnis anheim gegeben. So kommen sie oft nur mit enormen psychischem Aufwand heraus und fühlen sich schuldig.[9]

Fundamentalkritiker richten sich nicht nur gegen die gezielte Formierung menschlichen Denkens. In einem grundlegenderen Tweed heißt es: Wenn doch Erwachsene Erwachsene heißen u. nicht Erzogene, können wir dann aufhören, Kinder zu erziehen, u. sie dafür einfach wachsen lassen?[10]

Dahinter stecken romantisch-naturverbundene Vorstellungen. Ein Kind entwickele sich (wie ein Tier?) von allein. Einfach wachsen lassen … nicht einmal pädagogische Anregun­gen und Förderungen sind vorgesehen. Man muss das Kind wohl nur satt und sauber halten. Damit kann man sich nicht einmal auf Rousseau berufen, der immerhin meinte, man müsse ein Kind durch die Notwendigkeit der Dinge erziehen.[11] Zur Notwendigkeit der Dinge zähle ich auch manches, was Kinder nicht mögen und noch nicht verstehen, wie Impfungen, Operationen, den Zahnarzt, aber natürlich nicht Beschneidungen oder Ohrloch­stechen, auch nicht das forcierte Training für sportliche oder musikalische Höchstleistungen.

Zu welchem Ziel erziehen wir Kinder – wenn wir sie denn erziehen wollen?[12] Sie sollen lebensfähig gemacht werden für die Welt, in die sie hineinwachsen. Die hat sich gegenüber früher deutlich verändert. Aber immer sind es wirtschaftliche Aspekte, die über eine erfolgreiche Anpassung entscheiden, früher wie heute. Kevin mag also frei von Religion erzogen werden, dennoch werden ihn seine Eltern fit fürs Leben sehen wollen – und zum Teil merken sie gar nicht, wie sie ihn programmieren. Ein Blick auf die Abbildung zeigt die Veränderungen des Anforderungsprofils:

In den mittelalterlichen, sehr eng gefügten Überlebensgemeinschaften waren die Menschen schicksalsmäßig aufeinander angewiesen. Darum wurden die Partnerschaften in Hinblick auf den Fortbestand der Wirtschaftsgemeinschaft Familie ausgesucht. Auch wenn das Ergebnis emotional nicht befriedigte gab es so gut wie keine Ausweichmöglichkeiten. Wichtiger als alle Gemeinheiten war die Gemeinsamkeit, die das Überleben des Einzelnen garantierte und ihn zugleich zu einem unaustauschbaren Glied in der Kette des Überlebensverbandes machte.

Mit der Auffächerung der Berufspalette, mit den Erkenntnis- und Kenntnisfortschritten kamen Spezialisierung und Verstädterung, Industrialisierung und Anonymität, kam die Auflösung des weitgehend autarken Familienverbandes in die von fremden Abhängigkeiten geprägten Lebensverhältnisse der Eltern-Kind-Gemeinschaften. Dort geschah zwar nichts anderes als früher, nämlich die Reproduktion der überlebensfähigen Arbeitskraft. Doch mit den gewandelten Produktionsverhältnissen hatte sich auch das Familiengefüge verändert. Wenn auch zunächst kaum bezahlbar traten flankierend und entlastend mit zunehmender Bedeutung Institutionen hinzu, die den Rumpffamilien Kranken- und Altersfürsorge und Kindererziehung/-ausbildung abnahmen. Rechtzeitig hatte die Romantik für das Bürgertum an die Stelle der wirtschaftlichen Vernunft die emotionale Beziehung, die Liebe als Fundament von Ehe und Familie gesetzt. Damit wurde die bürgerliche Familie zur Erlebensgemeinschaft. Dieser Entwicklung folgten in unserem Jahrhundert auch die proletarischen Familien, denen mit zunehmender Existenzsicherung und aufkeimendem Wohlstand die Imitation des idolhaft vorausgegangenen Bürgertums gelang.Entwicklung der Moderne.jpg

Spätestens nach der Wiederaufbauphase nach dem Zweiten Weltkrieg mit verstärkt zunehmender beruflicher Spezialisierung und Differenzierung, verbunden mit immer mehr freizeit-orientierter Lebensgestaltung griff die Differenzierung auch auf die Freizeitaktivitäten der Familien über. Damit wurde der Familienzusammenhalt, ohnehin recht instabil auf Emotionalität[13] gegründet, noch labiler. Während man der Überlebensgemeinschaft kaum entfliehen konnte und der traditionsverhafteten und wenig mobilen Kleinfamilie nur selten zu entfliehen gedachte, erfordert nun zuweilen die berufliche Mobilität gerade der auf individuelle Karriere bedachten und individuell freizeitaktiven Familienmitglieder die Lockerung der Lebensgemeinschaft bis zu ihrer Auflösung zu neuen Konstellationen oder dem Single-Dasein, sei es in einer Art Wohnge­mein­schaft mit oder ohne zeitweise weitergehenden Beziehungen oder als Alleinwohnende.

Ein Ethnologe sagte mir, ein solches Entwicklungsergebnis könne nicht funktionieren. Er kenne keine Ethnie, die aus unverbindlich zusammenwohnenden Singles bestände. Für die traditionsgebundenen Gesellschaften dürfte das zutreffen. Doch diese Entwicklung ist nur folgerichtig. Ausgehend von der Entdeckung des Menschen als Person in der Renaissance über die Stellung des Individuums vor Gott in der Reformation hat die westliche Welt die alten Abhängigkeiten der gottgewollten Ständeordnung überwunden, weil die Dynamik aufstrebender Schichten und Persönlichkeiten erfolgreich war. Nach der französischen Revolution hatte sozusagen jeder den Marschallstab im Tornister[15]. Ob das Streben nach großem Erfolg frei macht, ist eine philosophische Frage. Die alten Gesellschaften spiegelten auch dort, wo Gleichheit sein sollte, die Ständeordnung wieder. Man sieht es an den Epitaphen in Klöstern. Die Gründer – und auch die arbeitsfrei gestellten Patres kamen aus dem Adel, die Konversen, die Fratres aus der sozialen Bedeutungslosigkeit, das orare galt für die einen, das laborare für die anderen. In den Klöstern waren die Speisesäle und die Schlafsäle fast apartheidmäßig getrennt. Treiber/Steinert ziehen die Entwicklungslinie von der klösterlichen Erziehung und Zurichtung der Menschen bis hin zu ihrer Verwendung in Fabriken.[16] Doch für alle verlangte die Regel des Ordens … eine strenge Disziplin, der Tagesablauf war genau vorgeschrie­ben, und ein Abweichen von der Regel wurde bestraft. All dies erinnert in einem gewissen Sinne an die Arbeitsvorschriften, die Henry Ford für seine Fließbandarbeiter erließ.[17] Die systematische Zurichtung des Menschen zum Zweck fremdbestimmter Produktion gipfelt nach Treiber/Steinert in der Einrichtung pädagogisch reflektierter Arbeitersiedlungen durch weitsichtige Unternehmer.[18]

Tempi passati. Die heutigen Formen der Zurichtung des Menschen laufen subtiler und ausgefeilter – sie produzieren den heute passenden Menschen, der jedoch mit Geschick, Verstand und Glück die Chance auf kometenhaften Aufstieg hat, sei es als Prominenter im Show-Geschäft, sei es als Start-up-Unternehmer[19], meist keine Zurichtung mit Zwang, sondern freiwillig über Trends und Erfolgsaussichten, die man befolgt, um in oder wirtschaftlich erfolgreich zu sein. Eine Kirchenmitgliedschaft gehört inzwischen nicht mehr dazu,[20] und Bastelreligionen laufen als persönlicher Spleen unter nice to have und sind zu meiden, wenn schädlich fürs Fortkommen.

Doch abgesehen von den Notwendigkeiten geschieht Erziehung viel subtiler. Die For­mung der Persönlichkeit beginnt bereits während der Schwangerschaft. Das muss hier nicht näher ausgeführt werden; darüber wurde in der letzten Zeit viel publiziert, angefangen vom Speisezettel bis hin zum Musikgeschmack der werdenden Mutter. Einschneidender ist ihr Drogenkonsum. Die Tatsache, dass kaum noch Trisomiekinder geboren, weil sie abgetrieben werden, ist als Negativauswahl und damit Vorläufer des Designer-Babys[21] zu sehen. Da dürfte in absehbarer Zukunft die Auswahl schwierig werden für das Nobelpreis-Komitee und für die Miss-Germany-Wahl, an die Miss-World gar nicht zu denken.

Wie Kinder für die Gesellschaft passend gemacht werden und die Normen verinnerlichen, zeigen Berger/Luckmann an einem banalen Bei­spiel: Wie lernt ein Kind, dass es mit der Suppe nicht kleckern soll? Die primäre Soziali­sation bewirkt im Bewußtsein des Kindes eine pro­gressive Loslösung der Rollen und Ein­stellungen von speziellen Anderen und damit die Hinwendung zu Rollen und Einstellungen überhaupt. Für die Internalisierung von Normen bedeutet zum Beispiel der Über­gang von »Jetzt ist Mami böse auf mich« zu »Mami ist immer böse auf mich, wenn ich meine Suppe verschütte« einen Fortschritt. Wenn weitere signifikante Andere – Vater, Oma, große Schwester und so wei­ter – Mamis Abneigung gegen verschüttete Suppe teilen, wird die Gültigkeit der Norm subjektiv ausgeweitet. Der entscheidende Schritt wird getan, wenn das Kind erkennt, daß jedermann etwas gegen Sup­peverschütten hat. Dann wird die Norm zum »Man verschüttet Suppe nicht« verallgemeinert. »Man« ist dann man selbst als Glied einer All­gemeinheit, die im Prinzip das Ganze einer Gesellschaft umfaßt, soweit diese für das Kind signifikant ist.[22] Dieses Muster gilt allgemein für Sozialisierung, für Anpassung eines Kindes an gesellschaftliche Erfordernisse, Gepflogenheiten und Moden, um akzeptiert zu werden und Erfolg haben zu können. Darum wird Kevin von seiner Mutter auch zur musikalischen Früherziehung chauffiert und zum Vereinssport; zum Ballett wohl nicht, denn er ist ja ein Junge. Eine kindgerechte Einführung in die seit Jahrhunderten christlich geprägte Kultur soll es jedenfalls nicht sein. Auch im Museum, falls das auf dem Plan steht, bekommt Kevin nur oberflächliche Antworten, wenn er nach dem Mann am Kreuz oder nach dem pfeilgespickten Sebastian fragt. Das ist alles dem Aufklärungsgespräch für den Zeitpunkt der Religionsmündigkeit vorbehalten. Ja, ich karikiere. Es ist ja gut, wenn Kevin viel angeboten wird. Wenn ihm dann der Flötenunterricht gar nicht mehr gefällt, wird Kevin abgemeldet.

Wie alle Kinder ahmt Kevin zunächst nach, was die Eltern ihm vorleben, im Guten wie im Schlechten.[23] Das wird erst mit der Pubertät anders – und diese Freiheit sollte im Erziehungsverständnis enthalten sein, was allerdings recht selten sein dürfte, wenn die Eltern Überzeugungstäter sind. Scheinbar liberale Überzeugungstäter finden wir auch im freireligiösen Bereich.[24] Es gibt also viele Möglichkeiten, nicht nur klassisch religiöse.[25]

Selbstverständlich übernehmen unsere Kinder zunächst auch unser Wertesystem und unsere Weltan­schauung, sei sie liberal, sozial, konservativ, fromm, bigott – oder wie auch immer. Sie lernen an unserem Vorbild und wir freuen uns, wenn sie so werden wie wir. Das ist normal; so reproduziert sich Gesellschaft.

Zurück zu Kevin, der nicht mit Religion programmiert werden soll. Religion ist in seiner Familie dennoch wertbehaftet, wohl eher negativ. Kevin wurde nicht getauft, ging nicht in den Religionsunterricht.[26] Religion hat er nur als unverbindlich-weltliche Events im Jahresablauf kennengelernt: Weihnachtsmann, Osterhase, Vatertag. Sein Vater spricht vom Laternenumzug und vom Wintermarkt, aber die Alterskameraden warten auf die Konfirmation mit den tollen Geschenken. Nun kann er selber entscheiden, ob und wie religiös er sein will. Denn Religion ist Entscheidungssache wie der Kleiderkauf. Paßt der Islam zu mir, oder der Buddhismus, vielleicht Hindu oder Stammesreligion, wenn Islam, dann Sunna oder Schia, oder vielleicht doch das Christentum, aber welche Konfession?[27] Bei der unübersichtlichen Auswahl, lassen wir’s vielleicht doch lieber gleich ganz. – Ich vermute Zustimmung bei Kevins Eltern.

Zu dieser Naivität gesellt sich seit einiger Zeit und besonders im Netz, eine Geisteshaltung, die ich nur als gruppenbezogene Menschenfeind­lichkeit auffassen kann.[28] Wurden Pfarrer früher gern als weltfern-fromme Naivlinge hinge­stellt, so begegnet uns im Netzdiskurs zudem eine zunehmende Feindseligkeit, die sich nicht nur auf die Rolle der Kirchen beschränkt, sondern Christentum und Religion allgemein ins Fadenkreuz nimmt. Das ist beim Thema Beschneidung zu beobachten. Wird sie abgelehnt, taucht oft im selben Zusammenhang der Vorwurf auf, auch die Kindertaufe[29] sei ein Akt bevormundender Festlegung eines unmündigen Kindes und eigentlich Machtmissbrauch. Die grundlegenden Unterschiede werden nicht gesehen, Gegenargumente nicht akzeptiert. Es war nicht umsichtig und theologisch[30] auch nicht nötig, dass sich unsere Kirchen­leitungen einhellig[31] für das Recht der Eltern auf Beschneidung ihrer unmündigen Kinder ausgesprochen haben[32]. Man hätte besser für eine liberale religiöse Erziehung der Kinder plädiert mit dem Ziel der informierten Entscheidungsfreiheit. Vielleicht hätten Kevins Eltern das sogar für gut befunden.

Naiv bin ich allerdings gewesen, wenn ich früher bei Taufansprachen das Kind als noch unbeschriebenes Blatt bezeichnete. Es ist schon beschrieben und bestimmt durch Erwartungshaltungen und soziale Chancen.

Hoffentlich macht Kevin was Gutes daraus, mit oder ohne Religion.

[1] Kevin ist kein Name sondern eine Diagnose: http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/ungerechte-grundschullehrer-kevin-ist-kein-name-sondern-eine-diagnose-a-649421.html https://de.wikipedia.org/wiki/Kevin#.E2.80.9EKevinismus.E2.80.9C

[2] Julian Dorn, S wie Schnuckelpupine, FAZ, 8.3.2016. Die Geschichte der Namensgebung ergäbe eine Sozialgeschichte für sich.

[3] Als Beispiel aus christlicher Tradition seien hier nur Christian Fürchtegott Gellert und sein Bruder Christlieb Ehregott Gellert genannt.

[4] Der Link führt nur zur Tweetliste einer „Angie R.“ https://twitter.com/Libelle2000R , doch ich verbürge mich für das Zitat.

[5] Programmierung ist Mind Control und niemand sollte dieser Gewalt ausgesetzt werden! #noABA / @_Kinderrechte_ @dierkschaefer @QuerDenkender – so auf Twitter.

[6] Diese culture-free-Einstellung greift um sich und gewinnt z.B. in Stuttgart haushaltsrechtliche Relevanz. Bei den letztjährigen Beratungen zum Doppelhaushalt forderte eine Mehrheit im Stuttgarter Gemeinderat, alle in der Ganztagesschule aktiven Träger müssten sich auf eine weltanschauliche Neutralität verpflichten, also auch die kirchlichen und diakonischen Träger, so Søren Schwesig, Stadtdekan Stuttgart, 03. April 2014: Unsere Kirche in Stuttgart, Impuls für die Kirchenkreissynode http://www.ev-ki-stu.de/fileadmin/mediapool/Ev-ki-stu/2014/Unsere_Kirche_in_Stuttgart_KKS_05042014.pdf

[7] Gehirnwäsche https://de.wikipedia.org/wiki/Gehirnw%C3%A4sche

[8] Ein unterhaltsames Programmierungsbeispiel: https://de.wikipedia.org/wiki/In_den_F%C3%A4ngen_einer_Sekte

[9] https://dierkschaefer.wordpress.com/2013/09/02/gefangen-in-der-parallelwelt/

[10] Glory Illmore@_machtworte 18. Dez. 2014

[11] Das ist auch eine Maxime der erlebnispädagogischen Arbeit im Rahmen von Jugendhilfemaßnahmen.

Zu Rousseau: https://de.wikipedia.org/wiki/Emile_oder_%C3%BCber_die_Erziehung

[12] Leszek Kolakowski zur grundsätzlichen Spannung zwischen Erziehenden und Heranwachsenden: Hätten nicht die neuen Generationen unaufhörlich gegen die ererbte Tradition revoltiert, würden wir noch heute in Höhlen leben; wenn die Revolte gegen die ererbte Tradition einmal universell würde, werden wir uns wieder in den Höhlen befinden. https://volltext.merkur-zeitschrift.de/preview/55360372546f88a5268c65ce/mr_1969_12_1085-1092_1085_01.pdf

[13] Helmuth Plessner, Grenzen der Gemeinschaft

[14] aus Dierk Schäfer, Werner Knubben, … in meinen Armen sterben?, Vom Umgang der Polizei mit Trauer und Tod, Hilden 19962

[15] http://universal_lexikon.deacademic.com/226344/Den_Marschallstab_im_Tornister_tragen

[16] Hubert Treiber/Heinz Steinert, Die Fabrikation des zuverlässigen Menschen – Über die Wahlverwandtschaft von Kloster- und Fabrikdisziplin, München 1980, neu: Münster 20051, sehr lesenswert!

[17] Jean Gimpel über die Cistercienser, zitiert bei Treiber/Steinert

[18] Ein Pionier dafür war Arnold Staub https://de.wikipedia.org/wiki/Arnold_Staub mit seiner Arbeitersiedlung Kuchen. http://www.kuchen.de/media/files/Flyer-Arbeitersiedlung.pdf

Eher skurril und nicht verwirklicht die Pläne der Firma Bahlsen für die TET-Stadt: http://de.wikipedia.org/wiki/TET-Stadt , dazu die 3D-Simulation auf youtube: https://www.youtube.com/watch?v=YLRPBVx3A38

[19] Man vergleiche hierzu die Entwicklung reicher Bürger: Vom Geldadel zum Geburtsadel. https://de.wikipedia.org/wiki/Deutscher_Adel#Geldadel

[20] So eins der zentralen Ergebnisse der jüngsten Mitgliederuntersuchung der EKD: http://www.ekd.de/EKD-Texte/kmu5_text.html

[21] Die Präimplantationsdiagnose und das Embryo-Screening könnten zu einer regelrechten sexuellen und genetischen Selektion führen (sog. Designer-Babys). Wenn Eltern in die Lage versetzt werden, bestimmte Eigenschaften ihrer künftigen Kinder auszuwählen, dann würden sie dies ausnutzen, um intelligentere, größere und schönere Kinder zu haben. : https://de.wikipedia.org/wiki/Francis_Fukuyama

[22] Peter L. Berger, Thomas Luckmann, Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit, Eine Theorie der Wissens­sozio­logie: Conditio humana, Ergebnisse aus den Wissenschaften vom Menschen, Thure von Uexküll, Ilse Grubrich-Simitis (ed.), Frankfurt 19744, S. 143

[23] Die Peer-Group-Einflüsse, Stichwort Markenklamotten, haben Berger/Luckmann noch nicht im Blick gehabt.

[24] So bei Ulrike von Chossy und Michael Bauer, Erziehen ohne Religion, Argumente und Anregungen für Eltern, Rezension unter www.irp-freiburg.de/html/media/dl.html?v=114378

[25] Laizismus als Lösung vieler Probleme? https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/01/28/laizismus-als-losung-vieler-probleme/

[26] Die Vernachlässigung des Religiösen wird nicht nur einer weithin veränderten Forschungs­lage, sondern auch den durch Migration und Multikulturalität verän­derten Bedingungen in unseren Klassen­zimmern nicht gerecht. Hier lernen Kin­der und Jugendliche aus weithin entkirchlichten Elternhäusern mit ihren Altersge­nossen aus religiös gebundenen Zuwan­dererfamilien zusammen. Frank-Michael Kuhlemann, Ohne Religionsgeschichte wird es nicht gehen, FAZ-print, 31.12.2015, https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/01/06/ohne-religionsgeschichte-wird-es-nicht-gehen/

Zugespitzt: Islamisten »übertragen höchst unflexible und rückwärtsgewandte Eigenschaften ihres Glaubens in ein Europa, das immer noch die Narben aus Glaubenskriegen von vor einem halben Jahrtausend trägt. Das ist ein Kampf grundsätzlicher Gegensätze in einer Gegend, deren Bevölkerungszahlen schrumpfen, und viele durch Überlegungen den Glauben an den Glauben verloren haben – und nun werden sie mit der Vitalität, demographisch wie religiös, eines unendlichen Stroms von Einwanderern mit einem unerschütterlichen Glauben an den Glauben konfrontiert.« aus: Harm de Blij, The Power of Place, Oxford University Press, Oxford, New York 2009, S. 69, Übersetzung Dierk Schäfer.

[27] Ich bitte um Entschuldigung, dass ich nicht alle Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften aufgeführt habe, und gebe zu, dass dies eine Diskriminierung zugunsten der Mainstream-Religionen ist.

[28] https://de.wikipedia.org/wiki/Gruppenbezogene_Menschenfeindlichkeit

[29] https://de.wikipedia.org/wiki/Kindertaufe#Evangelisch

[30] https://dierkschaefer.wordpress.com/2012/07/17/gott-wurde-schon-allerhand-abgewohnt/ , https://dierkschaefer.wordpress.com/2012/06/28/beschneidung-ist-doch-nur-ein-kleiner-schnitt/

[31] https://dierkschaefer.wordpress.com/2012/06/27/ausgerechnet-die-bischofe-kritisieren-urteil-gegen-beschneidungen/, https://dierkschaefer.wordpress.com/2012/08/25/beschneidungsdebatte-und-kirchliches-profil/,

[32] https://dierkschaefer.wordpress.com/2012/07/01/beschneidung-und-staatsrason/ Man lese auch die Kommentare.

Die Vergewaltigung eines Kindes durch den Rechtsstaat

Erinnern Sie sich noch an den Vorfall? „Ein achtjähriges Kind wurde gegen seinen lebhaft geäußerten Willen vor den Augen seiner Mitschüler, seiner Lehrerin, vielleicht auch der Schulleitung mit Polizeigewalt auf Anordnung und im Beisein eines Gerichtsvollziehers aus dem Unterricht gezerrt und schreiend in ein Polizeiauto verfrachtet. Der Vergleich mit Nazischergen verbietet sich, denn wir leben in einem Rechtsstaat. Darf der so handeln?“[1]

Diese Frage hatte ich zwei Tage zuvor per Mail an den Lt. Polizeidirektor Mario Schwan gerichtet.  mail ds.jpg

Heute erhielt ich die Antwort per Mail, die ich, wie angekündigt, hier im Blog veröffentliche: mail pol

Meine Einschätzung: Die Frage in meinem Mail war absichtlich allgemein gestellt. „Es lag keinerlei Gefahr im Verzug vor. Ist – ganz allgemein gefragt, und im Blick auf eventuell kommende Einsätze – die Polizei im Zuge der Amtshilfe verpflichtet, erkennbaren Wider­stand (noch dazu eines Kindes) mit körperlicher Gewalt zu brechen? Kann (ich frage nicht: sollte) der Einsatzbeamte sich in solchen Fällen das Remonstrationsrecht berufen?“

In der Antwort verweist der Lt. Polizeidirektor Mario Schwan

  1. auf ein laufendes strafrechtliches Ermittlungsverfahren. (Gegen wen, würde ich gern wissen.) Dessen Details jedoch werden durch eine Antwort auf meine generelle Frage nicht beeinflusst.
  2. nimmt er Bezug auf eine „politische Bearbeitung unter Beteiligung verschiedener Ministerien im Landtag des Landes Sachsen-Anhalt“. Deswegen also keine Stellungnahme zum Fall Helbra. Doch nach dem konkreten Fall Helbra hatte ich nicht gefragt, sondern eine allgemein-berufsethische Frage gestellt, ob sich ein Beamter im Zuge der Amtshilfe bei einem Einsatz auf das Remonstrationsrecht berufen könne, wenn er nur mit körperlicher Gewalt durchgesetzt werden kann, auch wenn keine „Gefahr im Verzug“ besteht und ein Kind erkennbar Widerstand leistet.

Das Remonstrationsrecht wird zur Pflicht, wenn der Beamte an der Rechtmäßigkeit der geforderten Diensthandlung zweifelt. Dann sind mehrere Phasen vorgesehen, sofern die Anweisung weiterhin aufrecht erhalten bleibt.

  1. Die Remonstration gegenüber dem direkten Vorgesetzten/Anweisungsberechtigten,
  2. die Remonstration beim übernächsten Dienstvorgesetzten. Hat der Beamte damit keinen Erfolg, so hat er der Anweisung zu folgen, ist aber persönlich nicht haftbar zu machen. Es sei denn, die Befolgung der Anweisung wäre eine Verletzung der Menschenwürde.

Der Lt. Polizeidirektor Mario Schwan hätte es sich mit seiner Antwort leicht machen können, wenn er geschrieben hätte, selbstverständlich stehe jedem Beamten das Recht auf Remonstra­tion zu, wenn er die Rechtmäßigkeit einer Anweisung bezweifle. Doch es war ihm wohl zu heikel, überhaupt auf das Thema Remonstration einzugehen. Also der bequeme Hinweis auf ein laufendes Verfahren.

Doch nun zum Fall Helbra: Nach den Medienberichten haben die Beamten gezögert, ange­sichts des Widerstandes des Mädchens mit der Aktion fortzufahren. Erst der Gerichts­vollzie­her habe auf Vollzug bestanden. Sollte dies zutreffen, so kann das Zögern der Polizei­beam­ten als hilfloser Versuch einer Remonstration verstanden werden, hilflos, weil sie in der Hek­tik der Situation den Gerichtsvollzieher nicht nur als legalen Auftraggeber, sondern als Dienst­vorgesetzten gesehen hätten. Doch nur ihm gegenüber wäre die Remonstration richtig adressiert gewesen. So bekam der Dienstvorgesetzte[2] nicht die Gelegenheit, den ungeheuren Imageschaden zu erkennen, der durch ein gewaltsames Vorgehen gegen ein Kind, das sich mit all seinen Kräften wehrt, unfehlbar eintreten muss.[3] Der Dienstvorgesetzte hätte erkannt – erkennen müssen – dass ein solches Vorgehen in der öffentlichen Meinung als herzlos ange­sehen werden würde, und dieses auf die Polizei zurückfällt, nicht auf die grauen Eminenzen im Hintergrund, 1. den Gerichtsvollzieher, 2. – nicht vor Ort – den Familienrichter.

Mir ist der Hinweis auf eine „politische Bearbeitung unter Beteiligung verschiedener Ministe­rien im Landtag des Landes Sachsen-Anhalt“ wichtig, denn eine politische Bewertung von Gewaltmaßnahmen gegen Kinder könnte ein Hoffnungsschimmer sein. Für die Polizei­beam­ten und den Gerichtsvollzieher war offenbar nicht erkennbar, dass auch ein Kind Recht auf Beachtung seiner Menschenwürde hat, die nicht verletzt werden darf. Die Forderung, Kinder­rechte ins Grundgesetz aufzunehmen, stößt bei den Gegnern immer auf das Argument, diese seien durch die allgemeine Menschenwürde-Garantie mit abgedeckt. Das Beispiel von Helbra zeigt das Problematische dieser Meinung. Kinderrechte gehören explizit als Menschenwürde-Anspruch ins Grundgesetz.

Damit dürfte auch der Horizont mancher Familienrechtler erheblich geweitet werden.

[1] https://dierkschaefer.wordpress.com/2018/03/12/die-vergewaltigung-eines-kindes-und-der-rechtsstaat/

[2] Ich nehme an, er war nicht anwesend.

[3] Der dokumentierende Vater war erkennbar und hat sich verbal eingemischt. Hier hätten alle Warnlampen aufblinken müssen.

Die Vergewaltigung eines Kindes und der Rechtsstaat

Ein achtjähriges Kind wurde gegen seinen lebhaft geäußerten Willen vor den Augen seiner Mitschüler, seiner Lehrerin, vielleicht auch der Schulleitung mit Polizeigewalt auf Anordnung und im Beisein eines Gerichtsvollziehers aus dem Unterricht gezerrt und schreiend in ein Polizeiauto verfrachtet[1]. Der Vergleich mit Nazischergen verbietet sich, denn wir leben in einem Rechtsstaat. Darf der so handeln?

Zunächst einmal: Im Prinzip ja. Es gab einen Rechtstitel und der musste vollzogen werden, wie auch bei den Abschiebungen unserer abgelehnten Asylbewerber, wie bei der Festnahme von Delinquenten, deren Widerstand notfalls gebrochen wird. Auch Angeklagte werden gegebenenfalls gefesselt in den Gerichtssaal gebracht.

Doch wie steht es mit der Verhältnismäßigkeit?

Ich war 15 Jahre als Polizeipfarrer und schon davor mit ethischen Fragen staatlicher Gewalt beschäftigt bis hin zum „Todesschuß“, der als „Rettungsschuß“ bezeichnet ein moralischer Kurzschluss ist.

Es gibt eine Faustregel für Polizeibeamte: Ein Polizeieinsatz darf keine Situation hinterlassen, die polizeiwidriger ist als die Ausgangssituation.

So etwas kommt allerdings vor und wirft immer die Frage auf: War der Einsatz umsichtig vorbereitet und wird er offen und ehrlich nachbereitet? Hinterher ist man immer klüger, sollte man jedenfalls werden.

Zunächst die Abwägung der Rechte: Zur Durchsetzung des Rechtstitels war wohl erst einmal die Abholung aus der väterlichen Wohnung geplant, doch man sagte den Termin ab. Wahr­scheinlich fürchtete man den Widerstand des Vaters. Der war damit vorgewarnt und die Staatsdiener liefen in die Öffentlichkeitsfalle: Der Vater dokumentierte per Kamera. Wäre dieses Video nicht entstanden, dann … Na ja, dann wäre der Vorfall genauso problematisch gewesen, hätte aber nur eine kleine Notiz im Lokalblatt ergeben. Dumm gelaufen? Nein! Denn so wird der Fall ein grundsätzlicher und kann so öffentlich wie er wurde auch öffentlich beleuchtet werden.

Einem Kind ohne eigene Rechte und damit ohne Rechtsvertretung wurde ganz legal Gewalt angetan. Wie ein Schwerverbrecher wurde es abgeführt. Ich nenne es Vergewaltigung. Die Grundlage war eine Gerichtsentscheidung, nach der – um des wie auch immer verstandenen Kindeswohles willen –der Mutter das Aufenthaltbestimmungsrecht über das Kindes zuerkannt wurde, weil der Vater nicht in der Lage sei, dem Kind ein positives Mutterbild zu vermitteln. So etwa verstehe ich den mir nicht vorliegenden Beschluss.

Ich habe als Tagungsleiter an der Evangelischen Akademie Bad Boll die Ausbildung von Anwäl­ten des Kindes, heute heißen sie Verfahrensbeistand, mit konzipiert und geleitet. Mir sind solche Fallkonstellationen vertraut. Sie sind kompliziert in ihren Details. In diesem Fall ist leider nicht bekannt, ob der Vater sich gegen Kontakte zwischen Mutter und Kind, man spricht von „Umgang“, gesperrt und diese hintertrieben hat. Das kommt häufig vor. Meist ist es die Mutter, bei der das Kind lebt und die den Umgang mit ihrem Ex nicht toleriert. Es kann gute Gründe geben, solche Umgänge nicht zu wollen, auch gute Gründe, sie nicht zu dulden. Wie das hier lag, weiß ich nicht. Immerhin lebte das Kind beim Vater, so dass anzunehmen ist, dass von ihm keine Gefahr für das Kind bestand – es sei denn, man meint, ein Kind brauche unbedingt auch im Trennungs­fall den von Fürsorglichkeit und und elterlicher Liebe geprägten Kontakt zu beiden Eltern. Das Leben spielt zuweilen anders. Wie soll nach diesem Vorfall das Mädchen ein positives Mutterbild bekommen? Wie will man die Befriedung des elterlichen Konflikts erreichen? Denn vice versa soll das Kind doch wohl auch mit einem positiven Vaterbild aufwachsen. Hier wurde ein Scherbenhaufen angerichtet.

Der ist aber noch größer:

  1. Was sollen die Mitschüler vom Staat, vertreten durch uniformierte „Freunde und Helfer“ halten, der eine Kameradin dermaßen gewaltsam abführt? Eine Ver-gewalt-igung? Den Gerichtsvollzieher werden die Kinder wohl nicht als Drahtzieher wahrgenommen haben.
  2. Was sollen die Schüler von ihrem Lehrer/ihrer Lehrerin halten, die das Kind nicht geschützt hat, sondern zugesehen, wie man ihm Gewalt angetan hat? Ich habe meine Frau gefragt, sie ist Lehrerin: Wie hättest Du …? Nein sagte sie. Sie hätte nicht geduldet, dass eine Schülerin gegen ihren Willen aus dem Unterricht geholt wird – es sei denn, die Schuldirektion hätte sie genötigt. Die habe ein höherwertiges Hausrecht. Ich nehme an, die Direktion war zugegen, denn die Polizei wird über das Direktorat gegangen sein. Damit wurde in den Augen der Schüler das Ansehen der Schule generell geschädigt, die sie als Büttel der Büttel haben amten lassen. Was wäre wohl passiert, wenn analog zum Kirchenasyl Schule und Schüler ein Schulasyl organisiert hätten?
  3. Die Öffentlichkeit wurde Zeuge dieses Teils staatlicher Gewalt und ist empört. Die Hinter­gründe dieses Falls werden aus Datenschutzgründen verborgen bleiben. Der Vater jedoch wird sich den Mund nicht verbieten lassen. So bleibt allein die öffentliche Vergewaltigung eines Kindes im Gedächtnis.
  4. So haben letztlich auch der Staat und seine Rechtsorgane Schaden genommen.

Ein Scherbenhaufen als Ergebnis eines Polizeieinsatzes. Man hätte ja, da keine Dringlichkeit bestand, nach Erfragung des Kindeswillens wieder abziehen können, auch wenn der Gerichtsvollzieher protestiert hätte. Hier ist eine möglichst öffentliche und offene Fallaufarbeitung vonnöten.

Viel wichtiger ist die Wiederherstellung des kindlichen Vertrauens, das schon durch die Trennung der Eltern hinreichend erschüttert sein dürfte, das aber nach diesem Vorfall und der erzwungenen Zuweisung an die unmütter­liche Mutter total zerrüttet sein dürfte. Die Verge­wal­ti­gung hat rechtsstaatlich triumphiert. Schlimmer konnte nicht ausgehen. Trauer muss Justitia tragen.jpg

[2]

Wenn schon das individuelle Desaster kaum zu heilen scheint: Was ist zu tun, damit solche Fälle, die ja alltäglich sind, wenn auch nicht immer so spektakulär, möglichst vermieden werden?

Kinder brauchen einen Platz als eigenständige Rechtspersonen im Grundgesetz. Die Eltern­verbände werden aufschreien. Denn das wäre ein Recht im Einzelfall auch gegen die Eltern. Ob allerdings die Kinderrechte bei externen Personen und Institutionen immer in besseren Hän­den liegen, wage ich zu bezweifeln angesichts der fehlenden Ausbildung und der notorischen Überbelastung von Familien­richtern in Kindesangelegenheiten, die eben nicht allein juristisch zu behandeln sind. Auch Ver­fahrensbei­stände haben zuweilen nicht das Kind im Kopf, sondern ihre eigenen Vor­stellun­gen, wohin ein Kind gehört und wie es notfalls genötigt oder gar gezwungen werden sollte.

Auf dem Schlachtfeld partnerschaftlicher Auseinandersetzungen werden die Kinder leicht zu Opfern der „elterlichen Liebe“. Bei Scheidungen könnte, könnte ein Richter ja noch daran denken, wie der Scheidungskrieg zugunsten der Kinder eingehegt werden müsste. Diese primäre Schutzmöglichkeit fällt bei eingetragenen Partnerschaften oder gar beim ungeregelten Zusammenleben weg.

„Wenn Elefanten streiten, leidet das Gras.“

[1] https://dierkschaefer.wordpress.com/2018/03/10/oeffentliche-kindesentfuehrung/

[2] https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/8577129580/

Öffentliche Kindesentführung

Wie ein Stück Vieh wurde eine Achtjährige in Helbra von der Polizei aus ihrer Schule abgeholt und gegen ihren verbalen und körperlichen Widerstand in ein Polizeiauto verfrachtet um sie der Mutter zuzuführen. Die war dabei nicht anwesend, dafür aber der Vater, der den Vorgang per Videoaufnahme dokumentierte[1], was ihm nun zum Vorwurf gemacht wird.

Ohne Aktenkenntnis lässt sich über den familiären Hintergrund dieses Kampfes um den Besitz des Kindes nichts sagen. Offenbar lag ein Gerichtsbeschluss vor, dass das Kind zu seiner Mutter sollte. Entsprechend war ein Gerichtsvollzieher vor Ort, der – nach Medienangaben auf Vollzug drängte.Kreidekreis [2].

So kam es zum einem völlig unangemessenen Polizeieinsatz, der nicht nur das Kind bis zur Traumatisierung belastet haben dürfte, sondern auch – wieder nach Medienberichten – bei den Augenzeugen und den Bewohnern in Helbra Fassungslosigkeit hinterließ.

Ich habe mich wegen dieses Einsatzes an den Lt. Polizeidirektor Herrn Mario Schwan gewandt und ihn gefragt, ob in solchen Fällen das Recht auf Remonstration[3] besteht.

Hier mein Mail: helbra

Zwar sind solche Fälle selten, doch ich kenne mindestens einen weiteren. Wie auch immer der rechtliche Hintergrund, und erst der familiäre beschaffen sein mag: Hier lag nach meiner Einschätzung ein Verstoß gegen Menschen- und Kinderrechte vor. Es wird Zeit, dass die Kinderrechte ins Grundgesetz aufgenommen werden.

Die Begründung, man habe nur seine Pflicht getan, weckt fürchterliche Erinnerungen an Deutschlands Vergangenheit.

Fußnoten

[1] Aus der Fülle ähnlich lautender Medienberichte sei nur https://www.mz-web.de/landkreis-mansfeld-suedharz/familien-drama-in-helbra-maedchen-schreit-und-wehrt-sich–minister-kritisiert-einsatz-29838660 genannt. Hier ist auch das Video zu sehen.

[2] Illustration aus: https://www.deutscher-verein.de/de/presse-2014-damit-der-urlaub-die-schoenste-zeit-des-jahres-bleibt-kindesentfuehrungen-durch-beratung-und-information-bestmoeglich-verhindern-1227,68,1000.html

[3] https://www.dbb.de/lexikon/themenartikel/r/remonstrationspflicht.html

Leben und Arbeit im Strafvollzug

Es geht hier nicht um Sicherheitsverwahrung, sondern um den normalen Knast (Justizvollzug). Der Artikel besteht aus lauter Zitaten, die Quelle ist jeweils darunter angegeben.

 

Arbeit im Strafvollzug sollte daher vergleichbar derjenigen in Freiheit vergütet werden; ebenso war die umfassende Einbeziehung arbeitender Häftlinge in die Sozialversicherung vorgesehen. Diese Kernstücke des Reformkonzepts sind allerdings bis heute nicht umgesetzt. Noch immer gilt für Strafgefangenenarbeit im Regelfall eine Lohnhöhe, die der früher üblichen geringfügigen „Belohnung“ für erbrachte Arbeit entspricht; die in § 200 Abs. 2 StVollzG angekündigte Erhöhung des Entgeltniveaus hat bislang nicht stattgefunden. Desgleichen ist die Aufnahme arbeitender Gefangener in die gesetzliche Kranken- und Rentenversicherung (vgl. § 198 Abs. 3 StVollzG) bisher nicht in Kraft gesetzt worden. http://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/1998/bvg98-015.html Mittwoch, 21. Februar 2018 moabit

Gefangene, die sogenannte Sittlichkeitsdelikte begangen haben, werden abfällig „Sittiche“ genannt – sie gelten bei den Mitgefangenen als Abschaum. … „Was ist?“, fragt der Häftling. „Bist du taub? Oder ein Kinderficker?“ „Nein“, sagt Karl. „Es ging nur um Bilder, einen Link und eine Website.“ Im Dienstzimmer hören die Beamten Schreie. Sie eilen heran. „Hier ist ein Kifi“, ruft einer der Häftlinge in den Flur. „Kinderficker!“ Die Beamten zerren Karl heraus, noch bevor etwas passieren kann. Mein Aufenthalt in der Zugangszelle hat keine zehn Minuten gedauert, denkt Karl, von Armen umfasst, vermutlich eine Art Rekord.

„Es sind noch andere mit Ihrem Delikt hier“, sagt der Beamte ernst, während sie Karl in eine andere Zelle bringen. „Diese Leute leben auch unerkannt. Also: Ruhig bleiben! Wenn etwas ist, drücken Sie den roten Knopf.“ https://correctiv.org/recherchen/justiz/artikel/2017/08/16/folge-1-die-ohnmacht-des-anfangs/

Ganz unten in der Gefängnishierarchie stehen die Pädophilen und Sexualstraftäter sowie die Verräter, die ausgesagt oder jemanden im Knast angeschwärzt haben. Drogensüchtige gelten als schwach. Als Nächstes kommen kleinere Diebe, einfache Einbrecher, Klein-Dealer. Danach folgen die schweren und gefährlichen Körperverletzungsdelikte und versuchte Tötungen. Ausnahmen bilden die „unehrenhaften“ Täter. Das sind Leute, die zum Beispiel Kinder, Frauen oder alte Leute überfallen oder sogar getötet haben. Wessen Opfer wehrlos war und nicht auf Augenhöhe, der ist unten durch. Als Nächstes: größere Dealer, erfolgreiche Einbrecher, Insider wie Anabolikahändler, Drogenmischer und gut vernetzte Leute wie Emil. Solche Typen werden auch systematisch von Gruppen im Gefängnis angesprochen und rekrutiert – auch für die Zeit danach. Darüber stehen die Koryphäen. Das sind Leute, die spektakuläre Dinger gedreht haben, von denen jeder im Gefängnis schon weiß – zum Beispiel aus der Zeitung oder noch besser: aus dem Privatfernsehen. Viele träumen heimlich, brillant wie diese Koryphäen zu sein. Sie sind die Posterboys im Gefängnisalltag. Zu diesen Prominenten zählen Häftlinge wie Uli Hoeneß, als er noch saß. Das Gefängnis ist so offen für Klatsch wie das „Goldene Blatt“. Ganz oben stehen die Bosse; die Dienstältesten auf dem Flur oder die Ältesten einer Bande.

Und dann gibt es noch Insassen, bei denen alle ein mulmiges Gefühl kriegen: Sadistische Killer und – vor allem – Kannibalen. Von ihnen hält man sich fern. https://correctiv.org/recherchen/justiz/artikel/2017/08/17/folge-2-die-geheime-macht/

Auch Frauenbesuch ist im Gefängnis streng reglementiert. In fast jedem Haftraum hängen dafür die Pin-up-Girls, die Becken seitlich vorgeschoben, eine Hand hinter dem Kopf. Unerreichbar. Zum Freiheitsentzug gehört auch der Entzug der sexuellen Selbstbestimmung. Außer Wichsen ist nichts mehr. Pornos sind verboten und werden, wenn sie gefunden werden, sanktioniert und konfisziert. …  „Es gibt viele Frauen, die lernen Häftlinge über Kontaktportale kennen“, sagt ein Anstaltsleiter. „Diese Frauen haben ein Samaritersyndrom und wollen Menschen retten; das ist vielleicht romantisch für die, mit einem Knacki und so. … Die Angehörigen sind immer miteingesperrt. Vor dem Besuch werden sie durchsucht, hören sich vom Personal einen flapsigen Spruch über das Piercing an, werden in den großen Raum geführt, in dem niemand unter sich ist und der mit Kameras überwacht wird. Dort sitzen sie dann – mit Gruppen anderer Familien zusammen –, während Beamte durch eine Scheibe blicken. In den Arm nehmen: wird manchmal untersagt. Küssen: wird manchmal untersagt. Niemand kann schlüssig sagen, warum. … Um intim zu werden, aber auch um Zeit mit der Familie zu verbringen, dafür gibt es im Gefängnis die Langzeitbesuche. Sie dauern länger als die üblichen etwa anderthalb oder zwei Stunden und finden in einem extra Raum statt. Er ist nicht überwacht. … Manche JVAs haben extra „Kinder-Besuche“. Häftlinge sollen möglichst oft Kontakt zu ihrem Nachwuchs aufnehmen, daher fallen diese Besuche nicht in das sonst streng reglementierte Besuchskontingent. Aber manche Häftlinge beantragen sie, sagte eine Anstaltsleiterin, geben den Kindern kurz einen Kuss und setzen sie dann anderthalb Stunden auf den Fußboden, weil sie nur „mit ihrer Frau reden wollen“. https://correctiv.org/recherchen/justiz/artikel/2017/08/18/liebe-unter-generalverdacht/

Als er nach dem ersten Arztbesuch in die Zelle gebracht wurde, hatte er abends den Notruf ausprobiert: „Ich dachte: Was mache ich, wenn ich hier einen Herzanfall kriege?“, sagt er. Fast 40 Minuten habe er warten müssen, ehe sich eine Stimme in der Gegensprechanlage meldete und fragte, ob alles in Ordnung sei. „Da habe ich Panik gekriegt. Und ich wusste: Im Notfall hilft nur Schreien und gegen die Tür schlagen, bis die Mithäftlinge dich hören.“ … Einige Bundesländer verhängen Sicherheitsstufen – andere distanzieren sich von diesem Konzept mit der Begründung, es sei unterkomplex und werde den individuellen Lebensläufen nicht gerecht. Eine Einschätzung treffen alle. Die Kriterien: War oder ist der Gefangene Mitglied der organisierten Kriminalität und damit einer Gruppe, die versuchen könnte, ihn zu befreien? Welche Straftat hat er begangen? Ist er gefährlich für Mithäftlinge oder Beamte? Besteht Fluchtgefahr?

  • Stufe 4 offener Vollzug (Freigang und Wohnen außerhalb der Mauern)
  • Stufe 3 normaler geschlossener Vollzug
  • Stufe 2 geschlossener Vollzug mit erhöhten Sicherheitsvorkehrungen
  • Stufe 1 Hochsicherheitsstation

https://correctiv.org/recherchen/justiz/artikel/2017/08/19/folge-4-wartezimmer-hinter-gittern/

Die aufgrund der gesetzlichen Verpflichtung im anstaltseigenen Betrieb ausgeübte Beschäftigung löst lediglich Versicherungspflicht zur Arbeitslosenversicherung aus. Versicherungspflicht in der Kranken-, Pflege- und Rentenversicherung kommt nicht zum Zuge. https://www.haufe.de/personal/personal-office-premium/strafgefangener-sozialversicherung_idesk_PI10413_HI727335.html Mittwoch, 21. Februar 2018

Merkblatt über die Sozialversicherung und die Arbeitslosenversicherung der Gefangenen (Stand: 01.04.2014)

Renten-, Kranken-und Pflegeversicherung

Die Gefangenen unterliegen nicht der Versicherungspflicht in der gesetzlichen Renten-, Kranken-und Pflegeversicherung. Die Zeit während des Vollzuges einer Freiheitsstrafe oder einer Maßregel der Besserung und Sicherung gilt für die Rentenversicherung nicht als Ersatz- oder Anrechnungszeit. Die Vollzugsbehörde entrichtet für die Gefangenen, auch wenn sie einer gesetzlichen Arbeitspflicht genügen, keine Beiträge zur Renten-, Kranken-und Pflegeversicherung. Für eine Aufrechterhaltung der Versicherungen sind die Gefangenen selbst verantwortlich; der Anstaltsleiter kann gestatten, dass hierfür auch das Überbrückungsgeld in Anspruch genommen wird. http://www.justiz.nrw.de/Bibliothek/jvv_db/jvv_pdf/Abt_IV/4524_20140410.pdf Mittwoch, 21. Februar 2018

Nach mehr als fünfjähriger Vorarbeit trat zum 1. Januar 1977 das „Gesetz über den Vollzug der Freiheitsstrafe und der freiheitsentziehenden Maßregeln der Besserung und Sicherung – Strafvollzugsgesetz (StVollzG)“ in Kraft. Damit gab es in Deutschland zum ersten Mal überhaupt eine verfassungsgemäße Rechtsgrundlage für den Strafvollzug. Unter der Überschrift „Sozial- und Arbeitslosenversicherung“ war in den Paragrafen 190 bis 193 auch die Sozialversicherung der Gefangenen umfassend und detailliert geregelt. Die Sache hatte nur einen Schönheitsfehler: In § 198 Abs. 3 des gleichen Gesetzes war festgelegt, dass die Paragrafen 190 bis 193 erst durch ein noch zu erlassendes eigenes Bundesgesetz in Kraft gesetzt werden müssen. Doch dieses Gesetz hat es nie gegeben. Kostenbedenken der Bundesländer haben das bisher verhindert. So wartet die Klientel „Strafgefangene“ seit nunmehr 37 Jahren darauf, für ihre Arbeit in der Haft ähnlich sozial abgesichert zu werden wie Arbeitnehmer(in­nen) in Freiheit. Dies ist nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit. Langjährig Inhaftierte sind im Alter wegen der fehlenden Beitragsjahre häufig auf die Grundsicherung verwiesen, obwohl sie viele Jahre gearbeitet haben. Sie tragen ein hohes Armutsrisiko. Die fehlende Krankenversicherung kann für mitversicherte Angehörige zum Problem werden. Auch bleibt die Gesundheitsversorgung im Strafvollzug hinter dem Standard für die Allgemeinbevölkerung zurück. Fraglich ist, ob die eingesparten Beiträge nicht von der Gesellschaft an anderer Stelle teuer bezahlt werden müssen. https://www.caritas.de/neue-caritas/heftarchiv/jahrgang2014/artikel/arbeitnehmer-zweiter-klasse Mittwoch, 21. Februar 2018

Strafgefangene, die nicht Freigänger mit freiem Beschäftigungsverhältnis sind, sind nicht krankenversichert. Die Gefangenen selbst werden im Gefängnis zwar ärztlich versorgt, doch fällt für die Angehörigen die Familienversicherung während der Zeit der Inhaftierung weg. Die Familienangehörigen müssen sich dann selbst um ihre Krankenversicherung kümmern. Beiträge zur Rentenversicherung werden nicht gezahlt. Die Jahre der Inhaftierung fehlen (trotz geleisteter Arbeit) für den Rentenanspruch. https://www.knast.net/article/sozialversicherung_der_gefangenen Mittwoch, 21. Februar 2018

Aktionstage Gefängnis 2017: Sozialversicherung für Strafgefangene

In dieser Woche starteten die Aktionstage Gefängnis. 2017 ist das erste Jahr, in dem Wohlfahrtsverbände und andere Organisationen auch in Deutschland auf die Situation von Strafgefangenen aufmerksam machen. Vor allem die fehlende Sozialversicherung wird thematisiert. https://www.transparent-beraten.de/2017/11/10/22162/aktionstage-gefaengnis-2017-sozialversicherung-fuer-strafgefangene/ Mittwoch, 21. Februar 2018

 

Wie man Verbrechen gekonnt versteckt. – Durch Ablenkung.

Der große Osterhasenpreis fürs Verstecken geht an Hephata.

„Die Auswirkungen des menschenverachtenden nationalsozialistischen Regimes prägten auch die Nachkriegszeit.“ Das war schon das ganze Ablenkmanöver. Hephata macht dann gleich einen großen Sprung von 1945 in die 70er und 80er Jahre: „Der große Nachholbedarf individueller Förderung und Lebensgestaltung von Menschen mit Behin­derungen und Benachteiligungen, konnte in den 70er und 80er Jahren realisiert werden.“[1] Und was war dazwischen?

Viele Leser werden mit „Hephata“ nichts anfangen können. „Hephata Hessisches Diakoniezentrum e.V. ist eine Einrichtung der Diakonie in SchwalmstadtTreysa. Dort werden Menschen in den Bereichen Behindertenhilfe (für Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen), Jugendhilfe, Altenhilfe, Sozialpsychiatrie, Suchthilfe, Wohnungslosenhilfe, Neurologische Klinik und der Akademie für soziale Berufe betreut, gefördert und ausge­bildet.“[2]

Auch Wikipedia macht bei der Geschichte der Anstalt den großen Sprung mit: „Auch aus Hephata wurden während des Dritten Reichs Menschen mit kognitiven und körperlichen Behinderungen im Rahmen der Aktion T4 zuerst in andere Einrichtungen verlegt und später unter anderem in der NS-Tötungsanstalt Hadamar getötet. Mit der Errichtung eines Mahn­mals vor der Hephata-Kirche erinnert die Einrichtung an die Opfer und bekennt sich zu ihrer Verantwortung.“ Wikipedia fährt fort: „1945 wurde bei der Kirchenkonferenz von Treysa, die in Hephata tagte, die Evangelische Kirche in Deutschland und das Evangelische Hilfswerk, die Vorläuferorganisation des Diakonischen Werks, gegründet. … Bis heute sind Diakone und der Kirche verbundene Mitarbeiter in der Diakonischen Gemeinschaft Hephata organisiert. Von der Gemeinschaft gehen Impulse zur Wahrnehmung des diakonischen Auftrages und zum spirituellen Leben in Hephata und an den Einsatzstellen der Mitglieder aus.“

Wie sahen nun die prägenden „Auswirkungen des menschenverachtenden nationalsozia­listischen Regimes“ in der Nachkriegszeit aus? Darüber schweigt die firmeneigene Selbstdarstellung auf Facebook.

„Es ist nichts so fein gesponnen, es kommt doch ans Licht der Sonnen“[3] So auch hier. Die Wiesbadener Filmemacherin Sonja Toepfer hat im Auftrag der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau das Leiden der Kinder in Kinderheimen aufarbeitet. Hephata heißt „Öffne dich!“[4], so steht es im Markusevangelium (7,31-37). Über das dort berichtete Wunder kann man sich nur wundern. Doch wie das Öffnen in Hephata, der Anstalt der Diakonie in Treysa praktiziert wurde, kann sich nur wundern, wer sich in der Heimkinder­geschichte nicht auskennt.

In Hephata – und wohl nicht nur dort – ging das so: durch die Punktion mit einer langen Nadel zwischen zwei Wirbelkörpern wird Liquor abgelassen und Luft in den Rücken­marks­kanal eingelassen. Pneumenzephalographie heißt das Verfahren[5]. Durch Umlagerung des Patienten steigt diese Luft dann im Rückenmarkskanal auf bis in das Ventrikelsystem des Gehirns. Die Gehirnflüssigkeit wird entfernt, um die Kammern und Hohlräume des Gehirns röntgen zu können. Es handelt sich laut einem wissenschaftlichen Fachbuch um „eine der schmerzhaftesten Pro­ze­duren, die man sich denken kann“. Dabei entstehe bei dem Patienten „das Gefühl, als sei sein Kopf ein riesiger Luftballon, der jeden Augenblick zu platzen droht“[6], heißt es weiter. So machte man das in Hephata und zwar ohne individuelle medizinischen Indikation. Es war ein Forschungsprojekt an wehrlos entrechteten Kindern.

Es gab schon früher Hinweise auf solche Untersuchungen an Heimkindern. Mich hat die neue Veröffentlichung nicht gewundert. Ohnehin hat der kirchliche Umgang mit dem Thema „Eugenik“ eine leidvolle Tradition, und schon bisher tauchte dabei der Name Treysa mehrfach auf.

Zunächst auf der „Ev. Fachkonferenz für Eugenik“ 1931 (!) in Treysa: »Pastor Friedrich von Bodelschwingh. Er behauptet in Treysa, die Sterilisierung Behinderter entspreche dem Willen Jesu. Bodelschwingh wörtlich: „Ich würde den Mut haben, in Gehorsam gegen Gott, die Eliminierung an anderen Leibern zu vollziehen.“« Wem der Name Bodelschwingh nichts sagt: Er gehört zu Bethel. Auch Bethel taucht ständig negativ in der Heimkindergeschichte auf.

Doch zu Hephata. Ein Korrespondent schrieb mir: »In Hephata (Schwalmstadt/Treysa) hielt die Diakonie nach dem Zweiten Weltkrieg [in den 1950er/1960er Jahren] 2000 Insassen – Kinder und Jugendliche – , die angeblich „schwachsinnig“ waren. Für jeden „Schwachsinni­gen“ in Hephata erhielt die Diakonie vom Staat „[pro Woche] eine Mark mehr“ als für „nor­male“ Schutzbefohlene. Indem man seine Schutzbefohlenen als „schwachsinnig“ begutachtete und deklarierte, konnte man seine Gewinne steigern, bei 2000 Insassen im Jahr um 104.000 DM! Über zehn Jahre hinweg macht das bei 2000 „schwachsinnigen Insassen“ eine zusätz­liche beträchtliche Summe von 1.040.000 DM aus (eine Million und vierzig Tausend Mark!) ! So wurde es dann auch gehandhabt von der Diakonie in Hephata über einen Zeitraum von 20, 30 oder gar 40 Jahren hinweg!! Und nicht nur in Hephata!!!«[7]

Wenn’s nur das gewesen wäre. Doch da die Kinder „schwachsinnig“ waren, konnte man auch noch schmerzhafte Experimente mit ihnen machen.

Alles verjährt obwohl es Verstöße gegen die Menschenrechte waren? Die eigentlich nicht verjähren? In Deutschland schon. Für die Kirchen auch.[8]

„Der christliche Grundgedanke, das selbst erfahrene Heil Gottes in der Lebens­gestaltung mit anderen zu teilen, ist erhalten geblieben und prägt bis heute die Arbeit.“[9] An die dunklen Punkte erinnert man sich nicht gern, das ist verständlich – aber verges­sen und beschweigen? Oder gar fortführen?

Noch 1973 offenbarte der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) über »verantwortliche Eltern­schaft« für Kinder mit Behinderung lupenreine Nazi-Eugenik. Dort ist die Rede von der »Anhäufung schädlicher Gene in der Bevölkerung und der wirtschaftlichen Folgen für die Gesellschaft«. Weiter heißt es, das Bewußtsein der Öffentlichkeit sei zu »schärfen für die impliziten sittlichen Fragen und für die Notwendigkeit, sich ernsthaft mit Dingen ausein­anderzusetzen, die wir bisher der Natur überlassen haben, wobei wir auch schlechte Ent­wicklungen in Kauf nahmen«[10].

Mich hatte interessiert, inwiefern unsere Landeskirchen die »Expertise« des ÖRK mitver­antwortet haben und welchen Stellenwert sie heute noch hat. Gab es einen Widerruf? Ob eine Landeskirche wohl antwortet? – hatte ich gefragt.[11] Keine einzige hat geantwortet. Auch „mein“ Landesbischof, extra und normal freundlich angefragt, reagierte nicht.[12]

„Der christliche Grundgedanke, das selbst erfahrene Heil Gottes in der Lebensgestaltung mit anderen zu teilen … “ Wir dürfen uns nicht wundern, wenn dies als Drohung verstanden wird.

 

Noch ein weiterer Link:

https://www.hna.de/lokales/melsungen/treysa-ort314602/heimkinder-in-treysa-sollen-unter-eingriffen-gelitten-haben-9622856.html

Fußnoten

[1] https://www.hephata.de/wir-ueber-uns/geschichte-14.php

[2] In den letzten Jahrzehnten wurde ein Netz differenzierter Dienstleistungen in Hessen, Thüringen und Nord-Bayern aufgebaut. Sitz des Vereins ist Marburg.[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Hephata_(Schwalmstadt)

[3] http://juttas-schreibblog.blogspot.de/2009/07/uber-die-redewendung-es-ist-nichts-so.html

[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Effata

[5] https://de.wikipedia.org/wiki/Pneumoenzephalografie

[6] Zitate aus: http://www.fr.de/rhein-main/heime-in-hessen-hirnexperimente-mit-heimkindern-a-1446116,0#artpager-1446116-0

[7] https://dierkschaefer.wordpress.com/2014/12/27/hephata-aus-tradition/

[8] , https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2011/07/das-jc3bcngste-gericht2.pdf

[9] https://www.hephata.de/wir-ueber-uns/geschichte-14.php

[10] Diese Zitate sind der Veröffentlichung von Heike Knops entnommen: http://www.thkg.de/Dokumente/KnopsSterbehilfe.pdf http://www.graswurzel.net/367/euthanasie.shtml#u10

[11] https://dierkschaefer.wordpress.com/2014/09/12/ork-absolut-besturzend/ Ich konnte nicht überprüfen, ob sie auch auf lebende Menschen mit Behinderung gemünzt sind oder ausschließlich eine Stellungsnahme zur „pränatalen Euthanasie“ darstellen. Auch dann bliebe der Vorwurf der Nazi-Eugenik bestehen. Übrigens: Bei der pränatalen Euthanasie sind wir heute mit verfeinerten Detektionsmethoden wieder angelangt.

[12] https://dierkschaefer.wordpress.com/2012/07/07/die-anhaufung-schadlicher-gene-in-der-bevolkerung/

Deutschland – Rabenvaterland

Kind zu sein kann schwierig sein, geradezu gefährlich, wie man immer wieder liest.

Kürzlich griff die FAZ das Thema sogar auf der ersten Seite auf: „Im Zweifel für das Kindeswohl“:

Dass das eigene Kind einem pädophilen Sexualstraftäter zum Op­fer fallen könnte, ist eine unerträgli­che Vorstellung. Der elterliche Schutz von Kindern ist ein menschlicher Urinstinkt. Der Breisgauer Missbrauchsfall ist deshalb so erschütternd, weil sich der Beschützerinstinkt der Eltern in sein perverses Gegenteil verkehrt hat: Die Mutter des neunjährigen Jun­gen und ihr Lebensgefährte, den das Kind „Papa“ nannte, haben ihm selbst die schlimmsten Qualen zugefügt und dabei zugeschaut, wie andere Pädokriminelle das Kind gegen Bezahlung se­xuell missbraucht haben. Schutzloser kann ein Kind nicht sein. Es wäre hier Aufgabe des Staates ge­wesen, für das Kind da zu sein. Die Be­hörden und Gerichte hätten den Jun­gen in Sicherheit bringen müssen. Zwar schützt das Grundgesetz die Fa­milie als Einheit, der Staat hat sich zu­rückzuhalten. Kinder von ihren Eltern zu trennen, darf nur das letzte Mittel sein – aber es muss auch das letzte Mit­tel sein, wenn Gefahren für das kör­perliche oder seelische Wohl des Kin­des drohen. [1]

Doch was ist los mit diesem Staat? „Den Staat“ gibt es hier nur in seinen pluralen Verpuppungen:

  • Als Gesamtstaat, der sich weigert, Kindern und ihren Rechten einen Platz explizit im Grundgesetz zu gewähren.
  • Als Bundesrat, der im Interesse der Bundesländer die Kosten für Kinder eng begrenzt sehen will, mit Rücksicht auf
  • die Kommunen. Sie müssen schließlich die Sozialkosten tragen, also auch die Kosten für die Jugendhilfe – und sie sperren sich, soweit es geht.

Bei so zersplitterten Zuständigkeiten ist niemand so recht verantwortlich, und wenn es – leider oft genug – schiefläuft, sucht man nach einem Schuldigen. Im Freiburger Fall ist es die Mutter. Für rechtzeitige professionelle Kooperationen vor Ort (Jugendamt, Jugendhilfe-Einrichtungen, Beratungsstellen, Gericht, Verfahrensbeistände, Rechtsanwälte) ist man zu bequem, man kennt wohl auch die Fachliteratur nicht. Dabei weiß man sehr gut, dass Eltern nicht nur Schicksal sind, sondern oft auch Schicksalsschläge.

Was das für die Kinder bedeutet, kommt nur als Spitze eines Eisbergs ans Tageslicht.Eisberg

Als ich meine Zusammenfassung „Für eine neue Politik in Kinder- und Jugendlichen-Angelegenheiten“[2] verfasste, war mir die starke Position der Sozialkonzerne, aber auch kleinerer Jugendhilfe-Einrichtungen noch nicht klar: Kinder sind in unserem Land gar nicht vernachlässigt, sie sind ein Geschäftsmodell. Das wurde in der Heimkinderdebatte deutlich, trifft aber auch neuere Jugendhilfemodelle[3], an deren Beispiel deutlich wurde, dass die Jugendhilfe-Marktbetreiber nicht wirksam zu kontrollieren sind, weil sie die „Marktordnung“ maßgeblich bestimmt haben.[4] Marktaufsicht? Weitgehend Fehlanzeige.

Das Thema ist hochkompliziert – und die Politik überfordert. Lediglich die Medien greifen strukturelle Missstände auf, wie oben genannt die FAZ, oder heute die Basler Zeitung mit dem Titel „Das grosse Geschäft mit dem Kindswohl“[5]

An die FAZ schrieb ich einen Leserbrief:

Strukturfehler beim Kinderschutz

Wenn „Kindeswohl“ prominent auf der ersten Seite einer seriösen, nicht sensationsgeilen Tageszeitung erscheint, muss es einen gravierenden Grund geben. Es geht nicht um nur einen der vielzuvielen Einzelfälle von Kindesmissbrauch, – misshandlung oder grober Vernachläs­sigung, sondern um strukturelle Fehler, die solche Fälle begünstigen. Der Fall im Breisgau – er ist hier nicht darzustellen – zeigt in besonders eklatanter Weise diese Fehler auf und sie werden von der Autorin auch benannt. Die Gerichte und das zuständige Jugendamt haben mitt­lerweile selbst eine Aufarbeitung an­gekündigt. Das zeigt die Fortschritte in der Fehlerkultur der Justiz, schreibt sie weiter. Ich fürchte, da irrt sie sich. Natürlich mussten die beteiligten Behörden nach diesem grobem Fall so reagieren, aber Zerknirschung oder eine Demutshaltung ist das nicht. Denn die Schuldige steht fest: Die Mutter. In der hatte man sich geradezu kollegial getäuscht.

Ich bin als ehemaliger Tagungsleiter in diesem Themenbereich mit der Materie vertraut. Die Evangelische Akademie Bad Boll hat zusammen mit der Fachhochschule Esslingen ein Curriculum zur Ausbildung von Verfahrensbeiständen, zu Beginn sprach man vom Anwalt des Kindes, entwickelt und trotz vieler Widerstände einige Jahre durchgeführt. Widerstände?

Auf politischer Seite meinte man, eine Ausbildung brauche man dafür nicht. Ehrenamtliche könnten das machen, oder aber Juristen. Die Länder sorgten dafür, dass eine erforderliche Ausbildung nicht ins Gesetz kam. Als die Professionalisierung schließlich nicht mehr aufzuhalten war, setzten sie sich erfolgreich für die pauschalierte Bezahlung der Verfahrensbeistände ein in einer Höhe, zu der professionelle Arbeit nicht zu leisten ist. Damit ist der eine Struktur­fehler benannt: Der Spar-Föderalismus in Kinderschutzbelangen. Ein weites Feld, das hier nicht abgeschritten werden kann.

Der zweite Strukturfehler ist die Bedeutung des Elternrechts. Das ist wirklich hoch zu schätzen, darf aber keine heilige Kuh sein. Eltern sind zwar Schicksal –zuweilen aber Schicksalsschläge. Hier ist das Wächteramt des Staates gefordert. Doch der weigert sich bis heute, Kinderrechte ins Grundgesetz zu schreiben. Die könnten schließlich in Konkurrenz zu den Elternrechten treten.

Der dritte Strukturfehler liegt in der Aus- und Fortbildung der Richter. Siegfried Willutzki, Gründer des Deutschen Familiengerichtstags, hat sich mehrfach auf unseren Tagungen über Kollegen beklagt, die unter Berufung auf ihre Unabhängigkeit Fortbildung verweigern. Familienrichter stehen in der Bedeutung innerhalb des Justizsystems ohnehin nicht an herausragender Stelle. Die Funktion wird zuweilen einem Berufsanfänger aufgedrückt, der froh sein kann, wenn er vom jeweiligen Jugendamtsleiter in die Materie eingeführt wird, denn Familienrecht hatte er an der Universität links liegen lassen. In unseren Kursen zum Anwalt des Kindes fiel allen Beteiligten immer wieder die große Differenz im Denken von Juristen und Sozialpädagogen auf. Da kamen verschiedene Welten zusammen. Einig war man sich, dass ein solcher Kurs nicht nur für angehende Verfahrensbeistände, sondern auch für jeden Familienrichter unabdingbar sein sollte. Doch es geht ja nur um „Familie und das ganze Gedöns“. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man für ein großes Konkursverfahren einen Richter bestellt, der von Ökonomie keine Ahnung hat.

Kinderbelange haben in unserem Land keine Priorität, also auch nicht bei Politikern. Erst wenn etwas passiert, merkt man auf. Mehr passiert aber auch nicht.

Deutschland – ein Rabenvaterland.

 

Der im Leserbrief genannte Siegfried Willutzki gab vor wenigen Tagen ein Interview[6]. Doch ich fürchte, auch das Interview eines versierten, renommierten Fachmannes wird die Politiker nicht zu wirklichen Reformen motivieren. Die produzieren lieber ideologisch geprägte Schulversuche (zulasten der Kinder) oder propagieren „Inklusion“, für die sie aber möglichst kein Geld ausgeben wollen (zulasten der Kinder).

Als ich diese Graphik zusammenstellte, standen Misshandlung und Missbrauch noch nicht so im Focus. Doch die Zusammenhänge werden deutlich.

der wert von kindern

Fußnoten

[1] von Helene Bubrowski, FAZ, Dienstag, 23. Januar 2018, S. 1

[2] https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2011/11/fc3bcr-eine-neue-politik.pdf

[3] https://www.shz.de/regionales/schleswig-holstein/politik/friesenhof-skandal-so-wehren-sich-betreiber-gegen-eine-kinderheim-reform-id10039671.html

[4] Die Zahnlosigkeit der Gesetze zum Recht von Schutzbefohlen, 24. Juni 2015, https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/06/24/die-zahnlosigkeit-der-gesetze-zum-recht-von-schutzbefohlen/

[5] „Das grosse Geschäft mit dem Kindswohl“ Wie private Sozialfirmen mit Steuergeldern und ohne Erfolgskontrolle wirtschaften. Die Zahl der Personen, die im Sozialwesen tätig sind, hat sich seit 1991 verdoppelt. https://bazonline.ch/schweiz/standard/das-grosse-geschaeft-mit-dem-kindswohl/story/27864419

[6] https://www.swr.de/swraktuell/bw/suedbaden/interview-mit-familienrechtler-willutzki-voellig-unangemessen/-/id=1552/did=21064478/nid=1552/1p45kyw/index.html

1 Weihnachtsfest mit 2 Diakonissen

Marianne wurde »um Mitternacht in einer Straßenbahn geboren. Man brachte sie in das Aachener Klinikum. „Im Taufregister stand, dass ich am 19.03.1950 notgetauft wurde.“« »Kurz nach ihrem ersten Geburtstag wurde sie in ein Waisenhaus und im Januar 1956 ins Johanna-Helenen-Heim der Orthopädischen Anstalten Volmarstein, bei Hagen, verlegt.«

Sie war „immer vom Schicksal gebeutelt,“ sagt ihre Schulfreundin Roswitha; sie hatte salopp gesagt die Arschkarte gezogen, von Beginn an: »Meist stand sie in der Ecke links neben der Schultafel. Stockhiebe waren ihr tägliches Brot. Mittags der Schule entronnen, wurde sie von den frommen Schwestern malträtiert. … Zwangsarbeiten schon mit sieben bis zehn Jahren. Fünfzehn Nachttöpfchen musste sie zusammenschütten und zum Klo tragen. Ihr dabei besudeltes Kleidchen wurde nur alle vierzehn Tage ausgewechselt. Mit elf Jahren säuberte sie eine menstruierende junge Frau. „Jedesmal, wenn ich C. gewaschen und fertig angezogen hatte, spuckte sie mir zum Dank dafür ins Gesicht.“«

Und nun kam wieder einmal Weihnachten. Frohe Erwartungen hatte sie nicht.

»R. und ich waren die einzigen Kinder, die nicht nach Hause fahren konnten. Schwester E. kam in unseren Schlafsaal und brachte uns je ein Paket. Ich hatte noch nie ein Paket bekommen. Eine Schulklasse hatte für uns Kinder gesammelt und die Sachen geschickt. So richtig freuen konnte ich mich nicht darüber. Wenn etwas Brauchbares für die Schwestern dabei wäre, würden sie uns ja doch wieder alles abnehmen.

Doch, oh Wunder, Schwester E. verließ den Schlafsaal. Ich fing an, mein Paket ganz vorsichtig auszupacken. Zum ersten Mal in meinem Leben sah ich Kinderbücher. Neben den Büchern war etwas Längliches in ein Geschenkpapier eingewickelt. Ich nahm es und packte es ganz vorsichtig aus. Es war eine gebrauchte Puppe. Der Kopf war aus Porzellan. An der Stirn hatte sie einen kleinen Sprung. Außerdem hatte sie einen lustigen Pferdeschwanz. Der Körper war ganz aus Stoff. Sie war ungefähr 35 cm groß. An der Puppe war ein Zettel mit ihrem Namen befestigt. Sie hieß Beate und ich liebte sie sofort.

Um keinen Preis wollte ich die Puppe den Schwestern überlassen. Ich steckte sie unter meine Wolldecke an mein Fußende. R. war mit ihrem Paket so sehr beschäftigt, dass sie es gar nicht mitbekam. Ich tat dann so, als ob ich mich über die anderen Sachen sehr freute. Als Schwester E. zurückkam, packte sie die meisten Sachen wieder in den Karton und verschwand damit. Nicht einmal die schönen Bücher ließ sie mir.

Je näher der Abend kam, um so mehr freute ich mich auf meine Puppe. Als es dann so weit war, nahm ich sie in den Arm und schlief überglücklich mit ihr ein.

Morgens machte ich mein Bett ordentlich und legte die Puppe dann wieder unter die Wolldecke. Damit begann für mich eine kurze, glückliche Zeit im Johanna–Helenen–Heim. Ich freute mich darauf, mir abends die Puppe zu holen und sie dann ganz fest an mich zu drücken. Das ganze ging für eine gewisse Zeit gut.

Plötzlich, eines nachts, wurde der Schlafsaal hell erleuchtet. Beide Schwestern standen an meinem Bett. Sie befahlen mir, mich an mein Fußende zu stellen. Ich schaffte es nicht schnell genug, meine Puppe zu verstecken. Schwester E. schrie mich an und wollte wissen, woher ich die Puppe hätte. Als ich ihr von dem Weihnachtspäckchen erzählte, wurde sie noch wütender. Sie schrie mich an: „Du hast sie gestohlen und außerdem bist du viel zu alt für eine Puppe!!“ Ich war ungefähr 10 Jahre alt.

Sie nahm die Puppe, riss ihr den Kopf ab und schlug ihn so lange auf den Boden, bis er zerbrach. Es dauerte eine Weile, weil der Fußboden aus Holz war. Mit beiden Händen nahm sie die Beine und riss die Puppe in der Mitte durch.«

Selber längst im Ruhestand sollte Marianne „Mimerle“ als Ersatz für „Beate“ bekommen. Auch das stellte sich als eine dramatische Geschichte heraus, doch zum Glück mit gutem Ausgang.[1]

Helmut Jacob hat in seinem Blog über Marianne Behrs berichtet. Er schrieb 2012 einen Nachruf auf Marianne.[2] Es war ihm wichtig, dass die geschundenen Kinder und die Ereignisse nicht vergessen werden. Auf den Home-pages der Nachfolgeorganisationen wird vielfach die schändliche Vergangenheit versteckt oder gar getilgt.[3] Volmarstein ist eine Ausnahme. Dort wurde ein Neubau nach Marianne Behrs benannt und man kann nur hoffen, dass damit auch die Erinnerung an Marianne Behrs und ihr Schicksal in dieser Kinderhölle[4] an das jeweils neue Personal weitergegeben wird.

Nun ist Helmut Jacob vor kurzem selber gestorben[5]. Auch er soll unvergessen bleiben. Ich habe über seine Beisetzung berichtet. In seiner Traueranzeige wurde um Spenden für das „Marianne Behrs Haus der Stiftung Volmarstein gebeten.[6] Jede Spende hält die Erinnerung wach – und das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung.

Fußnoten

[1] http://helmutjacob.over-blog.de/article-wie-mimerle-zu-marianne-kam-kapitel-1-zerplatzte-traume-119658899.html und http://helmutjacob.over-blog.de/article-wie-mimerle-zu-marianne-kam-kapitel-2-mimerles-weg-zu-marianne-119683281.html

[2] Zitate: http://gewalt-im-jhh.de/Erinnerungen_MB/erinnerungen_mb.html

[3] https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/09/24/das-geheimnis-der-versoehnung-heisst/ und https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/09/27/das-geheimnis-der-erloesung-heisst-erinnerung/

[4] Hans-Walter Schmuhl und Ulrike Winkler, Gewalt in der Körperbehindertenhilfe, Das Johanna-Helenen-Heim in Volmarstein von 1947 bis 1967, Verlag für Regionalgeschichte, Bielefeld 2010, Schriften des Instituts für Diakonie- und Sozialgeschichte an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal/Bethel, Band 18, Rezension: https://dierkschaefer.wordpress.com/2010/03/21/im-herzen-der-finsternis/

[5] https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/10/18/helmut-jacob-ist-tot-ein-nachruf/

[6] https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/11/28/ein-nachruf-waere-angemessen-gewesen-doch-die-groesse-zur-demut-hatten-sie-nicht/