Dierk Schaefers Blog

Heimkinder als Verfügungsmasse

Als Versuchskaninchen wurden sie auch benutzt. Seit Sylvia Wagner über Arzneimittel­studien an Heimkindern publiziert hat[1], purzeln die Meldungen geradezu aus dem Medien. Immer mehr Heime und Fälle werden genannt, auch aus dem Ausland[2]. Die FAZ veröf­fentlichte am 19. November einen ganzseitigen Artikel über „Tablettenkinder“ an recht prominenter Stelle[3].

Die Heimereignisse sind also noch vielfältiger, als sie bisher dargestellt wurden. Doch überraschend kommt das nicht. Es ist nur ein weiteres unterdrücktes und verdrängtes Kapitel der Heimgeschichte.

Ich sehe bisher fünf Phasen.

Die erste Phase ist durch das Stichwort „Schläge im Namen des Herrn“ (SPIEGEL-Redakteur Wensierski) zu umreißen. Es ging um die Vorkommnisse in den Heimen, die man aufgrund der damaligen pädagogischen Kenntnisse – vorsichtig formuliert – als hinderlich für den weiteren Werdegang vieler ehemaliger Heimkinder bezeichnen kann. Die Heimkinder nennen die alltäglichen Demütigungen, Gewalttätigkeiten, Zwangsarbeit und Bildungsverwei­ge­rung „Verbrechen“. Die folgenden Phasen resultieren aus dieser ersten.

Als diese Vorkommnisse nicht mehr geleugnet werden konnten, kam die zweite Phase: der Runde Tisch Heimkinder, „moderiert“ von Frau Vollmer. Hier saßen wenige ehemalige Heim­kinder einer Phalanx von kompetenten Interessenvertretern von Staat und Kirchen gegen­über – und sie wurden gezielt betrogen.[4] Die Medien schreiben bis heute von Ent­schädigungen, obwohl die bescheidenen Geldzuwendungen erklärtermaßen keine sein sollen, denn dann gäbe es einen Rechtsanspruch. Das durfte nicht sein, ebensowenig wie man bereit war, die Zwangsarbeit als solche zu deklarieren und zu vergüten. Auch heute noch renom­mierte Firmen blieben verschont. Bleibende Körperverletzungen blieben unberücksichtigt wie grundsätzlich auch die Kinder aus Behindertenheimen und Kinderpsychiatrien.

Die dritte Phase begann mit dem Bekanntwerden des umfangreichen sexuellen Missbrauchs in den Erziehungseinrichtungen und mündete in den separaten Runden Tisch Missbrauch. Missbrauch war am ersten Runden Tisch bereits zur Sprache gekommen, war jedoch kein eigenes Thema, wie auch die Medikamentierung der ehemaligen Heimkinder. Viele berichteten, wenn auch nicht von Versuchen, so doch von Medikamenten zur Ruhigstellung mit psychotropen Substanzen. Das hat nicht weiter interessiert.

Nun beginnt die vierte Phase mit der Aufdeckung umfangreicher medizinischer Versuche an ehemaligen Heimkindern. Medikamente waren nicht das einzige. Ich erinnere mich an die Schilderung eines ehemaligen Heimkindes, der wegen Bettnässen in der Universitätsklinik Tübingen mit Elektroschocks am Penis behandelt wurde bis zur Verschmorung des Gewebes.

Eine fünfte Phase wird gerade eingeleitet mit der Errichtung einer Stiftung „Anerkennung und Hilfe“ für die ehemaligen Heimkinder aus Behinderteneinrichtungen und Psychiatrien.

Das Schicksal der Kinder in den Heimen hat die Forschung beflügelt, wie auch jetzt aktuell in der Medikamentensache. Die Heimkinder sehen nach meiner Kenntnis dabei hauptsächlich, dass für die Forschung Geld bereitgestellt wird (wie auch für die Verwaltung ihrer Anträge), aber kein Geld für halbwegs angemessene Entschädigungen. Ein Großteil der ehemaligen Heimkinder lebt in äußerst bescheidenen Verhältnissen, allein schon bedingt durch heimver­ursachte Bildungsmängel.

Ich teile die Skepsis der ehemaligen Heimkinder, dass auch für die neu bekannt werdenden Fälle wieder nur „Almosen“ übrig bleiben werden, – auf Antrag und unter retraumatisierenden Bedingungen. Unsere Medien werden wieder von Entschädigungen sprechen. Sie sollten besser recherchieren.

Bewertung: Schutzbefohlene können zu den verschiedensten Zwecken „verzweckt“ , also missbraucht werden, die Geschichte der Heimkinder belegt das. Es wäre auch nach den Insassen der Seniorenheime zu fragen, nach den Strafgefangenen, auch nach Kranken in den Krankenhäusern, – es gäbe wohl noch manche andere. Ich will bei den Kindern bleiben.

Neuere Vorkommnisse[5] zeigen, dass trotz einer Besserung der Verhältnisse wohl auf breiter Basis in den totalen Institutionen es ohne Rücksicht auf die Rechtslage[6] immer wieder zu Übergriffen kommt, die nicht tolerierbar sind. Vertrauen mag gut sein, Kontrolle ist besser. Wir brauchen für die verschiedenen Gruppen Schutzbefohlener Ombudsleute, die nach ihrer Überprüfung der Plausibilität von Vorwürfen bevollmächtigt sind, die Fälle in den Einrichtungen zu untersuchen (Befragungen, Akteneinsicht, Schiedsbefugnis, Beschwerde­macht bis hin zur Anklagebefugnis). Viele Schutzbefohlene haben noch ihre Familien oder Freunde, die für sie die Ombudsperson anrufen können, wenn sie nicht selber mehr dazu in der Lage sind.

Doch ich fürchte, dass unsere Politiker eher um ihre Wiederwahl besorgt sind und auf Lobbyisten hören, denn auf die Sorgen und Beschwerden „kleiner Leute“.

Fußnoten

[1] http://duepublico.uni-duisburg-essen.de/servlets/DerivateServlet/Derivate-42079/04_Wagner_Heime.pdf

[2] http://www.lkz.de/lokales/stadt-kreis-ludwigsburg_artikel,-%E2%80%9ETaeglich-ein-Becherle-mit-Smarties%E2%80%9C-_arid,396038.html

http://www.shz.de/lokales/schleswiger-nachrichten/ndr-mehr-medikamenten-tests-mit-heimkindern-als-bislang-bekannt-id15429721.html

http://www.tagesanzeiger.ch/zuerich/gemeinden/Schlimme-Befuerchtung-Pharmatests-an-Heimkindern/story/31169665

http://www.shz.de/regionales/newsticker-nord/ndr-mehr-psychopharmaka-tests-mit-heimkindern-als-bekannt-id15429266.html

http://www.aerztezeitung.de/panorama/article/924075/medikamententests-heimkindern-betroffener-erzaehlt.html

http://www.cbgnetwork.org/6964.html

Pharmaindustrie: grausame Medikamentenversuche unter dem Motto „Kinder sind unsere goldene Zukunft“

https://www.radio-utopie.de/2016/11/27/erprobungen-mit-aolept-und-megaphen-heimkinder-mussten-bayer-arzneien-testen/

[3] Von Reiner Burger, FAZ Sonnabend, 19. 11. 2016, S. 3. Leider kann ich aus ©-Gründen meinen Scan hier nicht einstellen.

[4] https://dierkschaefer.wordpress.com/2011/01/31/der-runde-tisch-heimkinder-und-der-erfolg-der-politikerin-dr-antje-vollmer/

[5] https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/07/12/friesenhof-skandal-neue-kinder-und-jugendhilfeverordnung-ab-ende-juli/

https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/09/12/gewerbeschutz-von-traegern-der-jugendhilfe-im-gesetz-besser-geschuetzt-als-das-kindeswohl/

[6] Auch die Rechtslage ist dank der Lobby-Arbeit der Sozialkonzene nicht im Sinne von Schutzbefohlenen gleich welcher Art. https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/06/24/die-zahnlosigkeit-der-gesetze-zum-recht-von-schutzbefohlen/

Gerade kommt noch ein neuer Link rein: http://www.derbund.ch/zuerich/gemeinden/Schlimme-Befuerchtung-Pharmatests-an-Heimkindern/story/31169665

Ein #Aufschrei bitte, fordert Renate Künast

… und das zu Recht. Es droht ein Gesetz, das es erlaubt, Medikamentenversuche an Personen durchzuführen, die nicht einwilligungsfähig sind, dement also. Man lese die Argumente[1]. Ich möchte sie erweitern um das Thema der Versuche an Heimkindern[2]. Bis heute werden sie nicht entschädigt für Versuche, die in übler Nazi-Tradition, teils von Nazi-Tätern rechtswidrig an ihnen vorgenommen wurden.

Wird es den Aufschrei geben? Ich fürchte nein. Ein Vorspiel dafür bot die ARD[3]. »Gestern, am 17. Oktober 2016, schlug die ARD voll zu: „Sie entscheiden über das Schicksal eines Menschen!“, lautete die tagelang vorgeschaltete Werbung des WDR für den Fernsehfilm Terror, eine Abfilmung eines gleichnamigen Theaterstücks von Ferdinand von Schirach[4] Ich twitterte: Unethischer Populismus, und Fischer schrieb von der größtmöglichen Verarschung des Publikums.[5]

Beides ist richtig. Das Publikum wurde aufs Glatteis geführt und ist darauf ausgerutscht – dies könnte sich bei der Medikamentenfrage wiederholen. Das Glatteis heißt Utilitarismus, und zwar ein äußerst platter, der ohne Rücksicht auf Individuen und ihre Rechte den größtmög­lichen Nutzen an der größeren Zahl von Betroffenen festmacht. Die Zuschauer fielen darauf rein, wogen die Zahl der Flugzeuginsassen gegen die Zahl der Stadionbesucher ab und plädierten für Freispruch – ohne groß nachzudenken.

Und die Medikamententests an Dementen? Ist doch klar: Die Testergebnisse nützen einer großen Zahl – unter denen wir uns auch selbst befinden könnten. Was ist dagegen eine kleine Gruppe von Leuten, die gaga sind, nicht mehr merken, was man mit ihnen macht und die ohnehin bald sterben werden?

Ein Aufschrei? Ja, dies ist einer. Schreien Sie mit!

[1] http://www.faz.net/aktuell/politik/renate-kuenast-keine-forschung-an-demenzkranken-14497501.html#GEPC;s3

[2] https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/06/20/die-kuh-ist-noch-lange-nicht-vom-eis-medikamententests-und-nicht-einwilligungsfaehige-personen/

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/10/05/es-geht-nicht-um-das-ob-von-medikamentenversuchen-an-kindern-und-jugendlichen-denn-daran-besteht-kein-zweifel-es-geht-um-das-ausmass-und-das-soll-verhehrend-sein/

http://duepublico.uni-duisburg-essen.de/servlets/DerivateServlet/Derivate-42079/04_Wagner_Heime.pdf

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/02/03/demenz-die-medikamente-dafuer-wurden-an-heimkindern-getestet/ https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/05/25/medikamententests-und-nicht-einwilligungsfaehige-personen-ein-ideales-menschenmaterial/

[3] http://programm.ard.de/TV/Untertitel/Nach-Uhrzeit/Alle-Sender/?sendung=2810618737698567

[4] »Als Theaterstück läuft es seit einem Jahr sehr erfolgreich, allein in Düsseldorf nudelte man es in der letzten Saison über 60 Mal herunter. Im Theater stimmen gemeinhin 60 Prozent der Zuschauer für „unschuldig“. Im Fernsehen waren mehr als 80 Prozent.« http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2016-10/ard-fernsehen-terror-ferdinand-von-schirach-fischer-im-recht/komplettansicht

[5] http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2016-10/ard-fernsehen-terror-ferdinand-von-schirach-fischer-im-recht/komplettansicht

Du Arschloch, du Wichser!

Der Wortwechsel zwischen dem Münchner Amokläufer und dem Baggerfahrer Salbey[1] wird als Schlüsselszene bezeichnet. Warum?

Milde gesagt befremdet dieser Dialog den Bildungsbürger, allerdings eine aussterbende Spezies. Politisch korrekt wäre es gewesen, wenn ein Psychologe oder ein Notfallseelsorger Seelenmassage betrieben und den Täter zum Aufgeben bewegt hätte. Das wäre auch eher meine Herangehensweise gewesen. Ob erfolgreich weiß ich nicht.

Auch der Brutaldialog des Baggerfahrers Salbey war nicht risikofrei. Schließlich hatte der Täter – wie wir nun wissen – noch eine beachtliche Zahl von Patronen im Rucksack. Er hätte noch weiter durchdrehen können. Doch er ließ sich auf das Gespräch ein, was Fachleute immer als ersten Erfolg bewerten, und verlegte sich auf Begründungen und Entschuldigungen:

„Wegen euch wurde ich gemobbt!“

Herr Salbey lässt sich davon nicht beirren. Er fährt mit seinen Beschimpfungen fort, ohne auch nur ein einziges Argument zu bringen, ohne auf die psychische Lage des Täters, von ihm selbst offenbart, einzugehen. „Du Arschloch, du Wichser“.

Damit offenbart er dem Täter seine klägliche Situation. Der wollte sich an der Gesellschaft rächen und dabei groß rauskommen, insofern ein typischer Amoktäter. Dieser Narziss kriegt aber nun von einem einfachen Mann, vermutlich bildungsmäßig unter ihm, schonungslos den Spiegel vorgehalten. Du bist ein Loser, ein Nichts! Das bricht den psychischen Widerstand des Täters. Es wird die abgrundtiefe Verzweiflung gewesen sein und eben nicht die letzte großspurige Abschlusstat, als er sich in den Kopf schoss.

Wie gesagt, es hätte auch schiefgehen können.

Was lernen wir daraus?

Wir müssen den Tätern und damit auch allen potentiellen Tätern, die Aussicht auf eine Heldengloriole nehmen.

Wir selber, besonders die Medien, sollten nicht fasziniert life dem Ablauf folgen, sondern das Ergebnis am nächsten Tag abwarten. Eine Freundin erzählte, sie sei bis nachts um halbeins nicht vom Fernseher losgekommen. Warum? fragte ich, du wärest besser ins Bett gegangen.

Wir brauchen weder Täternamen noch Täterporträts. Die nutzen nur der Einschaltquote und damit dem, wenn auch negativen Personenkult.

Wir brauchen die schonungslose Aufdeckung der erbärmlichen Denk- und Wahrnehmungswelt der Täter. Sie sind Menschen, die mit ihrem Leben nicht zurechtkommen, nicht zurechtgekommen sind. Eigentlich verdienen sie Mitleid. Doch das ist schon verbraucht für ihre Opfer.

Falls die Täter überleben, gebührt ihnen ein gerechter Prozess – und danach eine Psychotherapie, die ihnen hilft, nach einem verpfuschten Leben einen bescheidenen Neustart hinzukriegen.

Wir brauchen aber insgesamt mehr Aufmerksamkeit für Menschen, die sich gekränkt fühlen, die zuweilen auch tatsächlich gekränkt wurden[2]. Wenn wir das ganz nüchtern und ohne Aufdeckungshysterie hinkriegen, wäre es der wichtigste Beitrag zur Prävention.

[1] http://www.focus.de/politik/videos/nach-toedlichen-schuessen-in-muenchen-ich-bin-deutscher-anwohner-filmte-streitgespraech-mit-einem-der-attentaeter_id_5755674.html

[2] http://m.welt.de/vermischtes/article149321704/Die-zerstoererische-Macht-der-Kraenkung.html

Die Länderminister rechnen damit, dass lediglich jeder Zehnte von 90 000 einen Antrag stellen wird.

WARUM DIESER BEITRAG VOM 20. NOVEMBER 2015 DAUERHAFT HIER DEN ERSTEN PLATZ EINNIMMT, WEISS ICH NICHT. ICH WILL IHN WEGEN DER VIELEN KOMMENTARE ABER AUCH NICHT LÖSCHEN.

 

Antrag worauf? Auf „Entschädigung“. Die Journalisten haben immer noch nicht den Unterschied zwischen Hilfen und Entschädigung kapiert.

http://www.arcor.de/content/aktuell/regional_news/thueringen/4322969,1,Bundesl%C3%A4nder–Opfer-in-Behindertenheimen-und-Psychiatrie-erhalten-Entsch%C3%A4digung,content.htmlhttp://jacobsmeinung.over-blog.com/2015/11/schweigegeld-fur-behinderte-heimopfer-die-toten-schweigen-auch-ohne.html?utm_source=_ob_share&utm_medium=_ob_twitter&utm_campaign=_ob_sharebar

 

An einen der vielen Netz-Indianer. „dergestalt“ nennt er sich

Posted in Gesellschaft, Journalismus, Medien by dierkschaefer on 26. August 2015

Es war mein Fehler, Sie auch nur ansatzweise ernstgenommen zu haben. Sie führen einen nom-de-guerre, Herr oder Frau dergestalt, vielleicht aber auch Transgender. Wie dem auch sei. Wer mich googelt, der kann bis zu meiner Haustür kommen, sieht meine Photos, meine Blogeinträge, meine Leserbriefe. Sie aber zählen zu den präpubertären Netzindianern, die als Adlerauge, Schwarzer Bär oder Morgenröte dergestalt unterwegs sind, dass sie unerkennbar bleiben. Früher hätte man Leute wie Sie für nicht sanktionsfähig erklärt. Da ich nichts von schlagenden Verbindungen halte, wähle ich das Epitheton degoutant. Wenn Sie Ihr Visier hochklappen, könnten wir miteinander reden, vielleicht sogar eine ernsthafte theologische Diskussion führen. Bis dahin sind Sie für mich bestenfalls eine quantité negligeable.

Doch ich bin Ihnen auf die Schliche gekommen. Bei meiner Bettlektüre stieß ich bei Heinrich Heine auf Sie, auf dergestalt. Sie sind ertappt. Hätten Sie’s gedacht?

Ich habe mir die Freiheit genommen, Ihren Namen im Text hervorzuheben:

»Und wirklich, als ich das bläßlich besorgliche Gesichtchen und die geschäftig zwinkenden Äuglein näher betrachtete, erkannte ich jemanden, den ich eher auf dem Berg Sinai als auf den Apenninen erwartet hätte, und das war kein anderer als Herr Hirsch, Schutzbürger in Hamburg, ein Mann, der nicht bloß immer ein sehr ehrlicher Lotteriekollekteur gewesen, sondern sich auch auf Hühneraugen und Juwelen versteht, dergestalt, daß er erstere von letzteren nicht bloß zu unterscheiden weiß, sondern auch die Hühneraugen ganz geschickt auszuschneiden und die Juwelen ganz genau zu taxieren weiß.« (Heinrich Heine, Bäder von Lucca, 1829)

Heureka!

Ich stelle meinen Post auch in meinen Blog, weil auch bei mir solche Indianer unterwegs sind. Doch als Administrator erfahre ich immerhin ihre Mailadresse und die IP-Nummer.

Keine Gnade für Hubertus

Posted in heimkinder, Journalismus, Kirche by dierkschaefer on 19. Mai 2015

Ein Journalist suchte einen skurrilen Möchtegern-Priester und fand eine Tragödie[1]. Er schrieb darüber in „Christ und Welt“ [2].

Dieser Artikel fand unterschiedliche Aufnahme, dazu später. Mich erinnerte er an Hubertus, den „ganz kleinen Bruder Jesu“. Seine Adresse war in meinem Speicher[3] und in meiner Bibel liegt der kleine Zettel als Erinnerung an seine Priesterweihe, ein Zettel mit Bild und umseitigen Text[4], wie ich ihn als katholischen Brauch kenne. Vor meinem geistige Auge standen wieder seine Mails, in denen er mit übergroßer Schrift auf das Schicksal der ehemaligen Heimkinder, auf die Tätigkeit der „ganz kleinen Brüder Jesu“ und ihrer Behindertenbäckerei in der Bischofsstadt Paderborn[5], besonders aber auf sein eigenes Schicksal verwies.

Ja, der Mann suchte Anerkennung, lief aber gegen Wände. Als das Fenster der Bäckerei mit Nazi-Parolen besprüht wurde, beeilten sich die kleinen Brüder, diesen Schandfleck umgehend wegzuputzen. „Falsch“, schrieb ich ihm, er hätte die Presse und die Polizei holen sollen.

Dann kam eines Tages ungelenk-herzig adressiert an „den Pfarrer der Heimkinder“ der Zettel, der immer noch in meiner Bibel liegt. Ich wunderte mich etwas über die Formulierung. Die Priesterweihe fand in einer „katholischen“ Kirche statt. Ja, wo denn sonst, dachte ich, wozu die spezielle Erwähnung?

Seine Mails in Sachen Heimkinder versiegten seitdem, einmal noch ein Mail, das ihn bei einer priesterlichen Handlung zeigte. Ich antwortete in Nichterkennung dessen, was ich nun weiß, es sei schade, dass sein Engagement mit seiner Priesterernennung bereits ans Ziel gekommen sei.

Der Artikel nun ließ mich recherchieren. Die Webseite der Pader-Bäckerei[6] gibt unter „downloads“ die Auskunft: »Die Räumlichkeiten der Behinderten–Bäckerei in der Kasseler Straße 29 werden nun nach dem 24.12.2009 nicht mehr für Sie als unsere Produktionsstätte sein. … weil uns durch das Generalvikariat von Paderborn und der Stadt Paderborn als Bürgermeister die Schwierigkeiten nicht versagt blieben. Durch Teuflisches Zungengerede der Genannten, kamen wir zur Entscheidung daß eine neue Wirkungsstätte gesucht werden muß, die unsere Arbeit gelingen lässt.« Das war noch vor der Priesterweihe. Und dann der Verweis auf die Facebook-Seite von Bruder Hubertus[7].

Davon ist im Artikel auch die Rede. Bruder Hubertus stellt viele Bilder dort ein, von sich, möglichst mit möglichst bedeutenden Personen. Ja, der Mann braucht Anerkennung. Wer sich mit seinem Schicksal vertraut macht, hat Verständnis dafür. Der Artikel in Christ und Welt vermittelt das auch sehr feinfühlig und journalistisch gekonnt. Meine einzige Frage an den Journalisten wäre, ob er bedacht hat, wie Hubertus es aufnimmt, wenn er liest, dass er – nein, nicht skurril ist, aber eine menschliche Tragödie darstellt, immer wieder gegen die Wand der Amtskirche läuft und auch seine „Bewunderer“ in Facebook ihn nicht ernstnehmen? Doch Hubert Groppe hat ja seine Abwehrmechanismen. Er zählt zu denen reinen Herzens und ich wünsche ihm, dass er es behält.

In einer Netzzeitung evangelischer Pfarrer wurde der Artikel verlinkt mit dem Kommentar:

Keine Gnade für Schwurbeltexte[8]

Ich antwortete dem Kollegen: äh? ist ein sehr guter artikel, hubertus ist ein armer kerl. kenne seine geschichte.

Rückantwort: je tragischer der Fall, desto unprätentiöser sollte der Text sein. Gibt Journalisten, die sehen das offenbar anders.

Ich: sehe ich auch anders: ein sehr sensibler artikel. bin aber kein journalist, sondern nur pfarrer.

Er: auch unter Pfarrern (oder gerade da?) sollen die Geschmäcker sehr unterschiedlich sein 😉

Er, er twittert unter knuuut und bietet „Pastorenstückchen“ an.

Ich werde neugierig. Seine Selbstbeschreibung bei Twitter: »Bald in der Anstalt. Keine Katze. http://pastorenstueckchen.de « Er tritt also ganz unprätentiös auf, ohne Titel, sogar ohne Nachnamen, will also wohl mit Knut angesprochen werden, aber knuuut ist mir zu sehr an Knuuutschen dran, das ist mein Ding nicht und auch sein Photo … na ja, Schwamm drüber. Erst seine Pastorenstückchen[9] brachten ihn mir ein Stückchen näher: Ich fand seine Telefonnummer und per Rückwärtssuche auch seine Gemeinde.

Nein, knutschen werde ich ihn gewiss nicht, nicht einmal „Du“ sagen. Doch dieser Amtsbruder könnte etwas lernen von den ganz kleinen Brüdern Jesu, denen mit dem reinen Herzen, und von Journalisten mit der Sensibilität, wie sie ein Pfarrer aufbringen sollte, ganz unverschwurbelt.

[1] Raoul Löbbert suchte einen skurrilen Möchtegern-Priester und fand eine Tragödie: http://www.christundwelt.de/detail/artikel/mann-fuers-grosse/

[2] http://www.christundwelt.de/detail/artikel/keine-gnade-fuer-hubertus/ . Der Artikel erschien auch in der ZEIT http://www.zeit.de/2015/20/priester-katholische-kirche-hubertus-groppe/komplettansicht

[3] bruderhubertus@christus-web.de

[4] https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/17817661325/in/dateposted-public/

[5] http://hubertus.weebly.com/behinderten-baumlckerei.html

[6] http://www.missionszentrale.org/

[7] https://de-de.facebook.com/diekleinenbruederjesus

[8] http://www.zeit.de/2015/20/priester-katholische-kirche-hubertus-groppe …0 Retweets 1 Favorit

[9] http://pastorenstueckchen.de/ueber/

Wer kontrolliert Jugendämter und Kinderheime?

Niemand! Und das in einem Land, in dem sehr viel kontrolliert wird, vom BND einmal abgesehen. Restaurants werden vom Wirtschaftskontrolldienst inspiziert, die Autos durch den TÜV, unsere Fahreigenschaften durch die Führerscheinprüfung und die Radarfallen, Lehrer bekommen Unterrichtsbesuche, dann gibt es die Bauaufsicht – ich soll aufhören? Mach ich ja schon, die Liste würde zu lang und bliebe unvollständig.

Doch wenn es um Kinder und Jugendliche geht, dann ist gerade in den schwierigen Bereichen – keine Kontrolle da. [1] Muss doch auch nicht sein, so der Jugendamtsleiter in Gelsenkirchen. Schließlich vertraue der Träger auf die Zahlungen des Jugendamts, darum vertraut das Jugendamt auf den Träger und sieht keinen Anlaß für Kontrollen.[2]

Im Skandalfall Gelsenkirchen sehen wir wohl nur die Spitze des Eisbergs nicht wahrgenommener Verantwortung.[3] Auch dafür musste erst eine Monitorsendung kommen, um zu zeigen, was von Amts wegen hätte ermittelt werden müssen.[4]

[1] https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/05/10/allein-aus-nrw-247-kinder-und-jugendliche-in-22-landern-untergebracht-mehr-oder-weniger-uber-den-ganzen-globus-verteilt/

[2] https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/05/05/heimspiele-zweier-jugendamter-und-ihre-auswartsspielereien/

[3] http://www.welt.de/regionales/nrw/article140976111/Wenn-Schutzbefohlene-in-Faenge-der-Fuersorge-geraten.html

[4] http://www1.wdr.de/daserste/monitor/sendungen/mit-kindern-kasse-machen-heimkinder-104.html

„Arsch hoch, Zähne auseinander“

Posted in BRD, Journalismus, Justiz, Medien, Parteien, Politik by dierkschaefer on 24. März 2015

»In der öffentlich-rechtlichen Verwaltungsgemeinschaft („ARD ZDF Deutschlandradio Beitragsservice“) hängt seit Wochen der Haussegen schief.«[1]

Lohnt sich zu lesen, bringt aber nichts. Selbst wenn der Korruptionsvorwurf stimmen und es zu Gerichtsverfahren und gar zu Verurteilungen kommen sollte: die Phalanx von Parteien, Politikern und Verfassungsgericht bleibt bestehen und wir werden abGEZockt für Programme, die nicht zur „Grundversorgung“ gehören und die man getrost den Privatsendern überlassen sollte.

Hinzu kommt noch die Verhöhnung. Die GEZ hat sich zum „BEITRAGSSERVICE“ gewandelt, ein Service, auf den ich gern verzichte.

[1] http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/korruptionsvorwuerfe-gegen-beitragsservice-von-ard-zdf-und-deutschlandradio-13502006.html

Der Täter

Posted in Journalismus, Justiz, Kinderrechte, Kriminalität, Menschenrechte, Pädagogik, Politik by dierkschaefer on 17. März 2015

Bei diesem Missbrauchstäter kommt so ziemlich alles zusammen, bis hin zur glaubhaften Morddrohung.

Der Täter »Erich Buß, geboren 1928, war fast 40 Jahre Lehrer. Wie viele Kinder er sexuell missbraucht hat, weiß niemand. Verurteilt wurde er wegen 15 Fällen. Aus der Urteilsbegründung geht hervor, dass Buß von Mitte der 60er Jahre an bis über seine Pensionierung 1992 hinaus Kindern „in einer großen Vielzahl“ Gewalt angetan hatte. Man kann von weit mehr als hundert Opfern ausgehen. Wie strategisch er vorging, lässt sich anhand seiner Tagebücher nachvollziehen. Er hielt nicht nur seinen Alltag akribisch fest, sondern auch die Namen der Kinder, die er missbrauchte.[1]«

Leben: »Buß wurde 1928 als zweiter Sohn eines Schuldirektors in Roßdorf bei Darmstadt geboren. Seit 1954 arbeitete er an der Elly-Heuss-Knapp-Schule. Dort unterrichtete er ab der ersten Klasse alle Fächer außer Religion und Englisch. 1992 wurde er pensioniert.«

Urteil: »Als am 6. Juli 2005 sein Strafmaß verkündet wurde, war Erich Buß 77 Jahre alt und längst in Rente. Das Landgericht Darmstadt verurteilte ihn wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern zu vier Jahren Haft und ordnete die Unterbringung in einer psychiatrischen Anstalt an. Im Prozess ging es nur um 15 Fälle zwischen 1984 und 1995. Buß starb 2008. Der staatlichen Schulaufsicht, teilt das hessische Kultusministerium auf Anfrage mit, dürfte das Urteil gegen Buß „erst Anfang 2014 inhaltlich bekannt geworden sein“ – nachdem Opfer sich 2013 gemeldet hatten.«

Opfer: »Ein Betroffener hatte sich Ende der 90er Jahre in einer Selbsthilfegruppe mit anderen vernetzt, die bereit waren zu klagen. Erich Buß gestand vor Gericht, zeigte jedoch keine Reue. „Strafverschärfend fiel ins Gewicht, dass der Angeklagte seine Autorität als Lehrer gezielt ausgenutzt hat“, heißt es in der Urteilsbegründung. «

Leben: »Buß wurde 1928 als zweiter Sohn eines Schuldirektors in Roßdorf bei Darmstadt geboren. Seit 1954 arbeitete er an der Elly-Heuss-Knapp-Schule. Dort unterrichtete er ab der ersten Klasse alle Fächer außer Religion und Englisch. 1992 wurde er pensioniert.«

[1] Alle Zitate: http://www.taz.de/!156528/ Gute journalistische Arbeit, der Artikel ist sehr aufschlussreich.

Dax-Unternehmen zahlen durchschnittlich 27 % Steuern, schreibt die @FAZ gestern.

Posted in Journalismus, Medien, Wirtschaft by dierkschaefer on 6. Januar 2015

Toll! So mancher von der kalten oder gar heißen Progression gebeutelte Normalbürger wäre über einen solchen Steuersatz glücklich und würde nie in ein Steuerparadies ausweichen wollen. Und wenn man dann auch noch die Mehrwertsteuer an die Endverbraucher weiterreichen und außer Strafzahlungen sämtliche Nebenkosten absetzen kann, dann ist Deutschland schon fast ein Steuerparadies. So ähnlich jubelt die FAZ und nimmt ausländische Steuersätze zum Vergleich.

Da sage doch niemand, dass die FAZ keine einseitig wirtschaftsfreundliche Zeitung ist.

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