Dierk Schaefers Blog

Nicht einmal Bargeld für die Missbrauchsopfer von Korntal

Wenn die Pressemitteilung vom Netzwerk BetroffenenForum stimmt, geht die Evangelische Brüdergemeinde Korntal-Münchingen tatsächlich einen Sonderweg in der Anerkennung der Verbrechen. Die Höhe der Summe erstaunt dabei nicht. So billig haben sich schon viele kirchliche Einrichtungen ihrer Vergangenheit entledigen wollen. Aber Gutscheine für je fünftausend Euro (maximal!)? Wer soll diese Parallelwährung denn akzeptieren?

Ich fürchte, die frommen Brüder haben an ihren nächsten Weihnachtsbazar gedacht. dort können dann die Opfer auf Gutschein „kostenlos“ einkaufen. – Da gibt’s doch auch ein Angebot auf der Web-Seite der Brüdergemeinde: Ein „Tagesseminar für alle, die ein seelsorgliches Anliegen für sich und andere Menschen haben.“ http://www.brüdergemeinde-korntal.de/ Ich bin fast versucht, mich anzumelden, weil ich ein seelsorgliches Anliegen für die Brüdergemeinde habe. Allerdings habe ich keinen Gutschein – und von den Seminarkosten steht dort nichts.

Ist schon eine Leistung, aus einem Skandal auch noch eine Provinzposse zu machen.

Vergelts Gott!

Hier die ungekürzte und unkorrigierte

PRESSEMITTEILUNG

Im Missbrauchsskandal der Brüdergemeinde Korntal gehen die Verantwortlichen, in der Frage der finanziellen Anerkennung des Leides ihrer Opfer, in Deutschland einzigartige, innovative Wege.

Jedes Opfer soll einen Gutschein von bis zu 5.000 € erhalten. Die Brüdergemeinde Korntal sind Spenden, oder Gutscheine für Ihre Werke sicherlich gewohnt, werden sie doch noch immer reichlich unterstützt.

Doch dass dies bei ihren Opfern Anwendung finden soll, ist eine respektlose, unchristliche Aktion, ja schon fast eine zynische Art und Weise wie diese Christen mit ihren Opfern erneut umgeht.

Die Brüdergemeinde Korntal ist reich, sie muss ein Zeichen setzen, in dem sie Grundstücke und Häuser verkauft, um den Opfern gerecht zu werden. Alles andere ist den Opfern der Brüdergemeinde Korntal nicht mehr zu zu muten, und verletzt sie erneut. Schon einmal wurde über unsere Köper bestimmt, uns mit Gewalt den Willen gebrochen. Dies werden wir nicht mehr zulassen!

Wir fordern für alle Opfer im Missbrauchsskandal der Brüdergemeinde Korntal eine Anerkenntniszahlung von bis zu 20.000 € ! Zudem muss die Brüdergemeinde Korntal Therapiekosten für ihre Opfer und deren Angehörigen übernehmen. Es müssen Anwälte bereit gestellt werden, damit die Opfer in ihrem Kampf zur Anerkennung nach dem OEG ( Opferentschädigungsgesetzt ) gelangen.

Dafür darf nicht die Allgemeinheit in Regress genommen werden. Wir sind keine Opfer 2.Klasse.

Die Betroffenen sitzen mal wieder am Katzentisch

Asymmetrische Machtverteilung in der Stiftung „Anerkennung und Hilfe“.

Das Papier war aus dem Netz verschwunden, nun ist es wieder da – und hier auch.Stiftung-Anerkennung-und-Hilfe-Praesentation-BeB-2017

Wer aufmerksam liest, kennt das Spiel schon von Runden Tisch Heimkinder her.

Ein Blick auf die Folie 29 zeigt die Funktionsweise des Lenkungsausschusses, das ist der, der lenkt, bei ihm liegt die Macht. Die Liste der dafür ernannten Personen findet man auf den Folien 34 – 37.29.jpg

Wer ist Mitglied?

Je drei Vertreter der Institutionen, die zahlen sollen. Die wollen möglichst wenig zahlen, was in der Natur der Sache liegt.

Das sind

  • Bundesregierung,
  • Länder,
  • Kirchen.

Um es bildhaft zu machen:lenkungsausschuß

 

Dann gibt es den Fachbeirat. Er hat beratende Funktion. Wer gehört dazu?

Je drei Vertreter von

  • der Gruppe der Betroffenen,
  • der Gruppe der Betroffenenvertreter,
  • der Gruppe der Sachverständigen.

Das sieht dann so aus:fachbeirat

Der Fachbeirat entsendet Vertreter in den Lenkungsausschuß. Das werden maximal 3 sein, aus jeder Gruppe einer.

Für den Sachverständigen vom Dienst nehmen wir einmal an, dass er tatsächlich neutral ist, also für niemanden Partei ergreift, sondern seinen Sachverstand einbringt (unter welchen Gesichtspunkten?).

Ob die Betroffenenvertreter, sei es von der Aktion psychisch Kranke, der Deutschen Gesellschaft für bipolare Störungen oder von der Bundesvereinigung Lebenshilfe wirklich die Betroffenen vertreten und nicht hauptsächlich ihren Verband, vermag ich nicht zu beurteilen. Nehmen wir also an, sie ergreifen Partei für die Betroffenen.

Dann hat die Betroffenenpartei zwei Sitze im Lenkungsausschuß. Ihnen sitzen neun Parteienvertreter gegenüber, die möglichst wenig Geld ausgeben wollen.

Ohnehin ist der Finanzrahmen vorab festgelegt worden. Das Dokument zeigt die Entwicklung der Kompromisse auf, die ohne die Betroffenen ausgehandelt wurden.[1]

Diese Asymmetrie setzt die Veranstalter ins Unrecht, selbst wenn halbwegs gute Entscheidungen für die einzelnen Betroffenen gefällt werden sollten. Doch um Verhandlungen auf Augenhöhe hatte man sich ja bereits schon am Runden Tisch gedrückt [2] und den Sachverständigen Prof. Dr. Manfred Kappeler[3] ausgeschlossen, der war zu kritisch.

Was im Lenkungsausschuß fehlt ist die parteiliche Rechtsvertretung der Betroffenen durch eine kompetente Anwaltskanzlei. Doch eine anwaltliche Vertretung der Betroffenen hatte ja schon Antje Vollmer gescheut wie der Teufel das Weihwasser.

Eine Beschwerdemöglichkeit haben die Betroffenen selbstverständlich auch nicht. Antragsteller sind sie, Almosenempfänger werden sie, soweit sie Glück haben.

[1] https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/01/19/man-befurchtet-dass-sich-der-neue-fonds-als-fass-ohne-boden-entpuppen-wird/ https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/08/03/behinderte-werden-als-menschen-zweiter-klasse-behandelt-der-bundesverband-evangelische-behindertenhilfe-beb-begruesst-das/

[2] https://dierkschaefer.wordpress.com/2011/01/31/der-runde-tisch-heimkinder-und-der-erfolg-der-politikerin-dr-antje-vollmer/

[3] https://dierkschaefer.wordpress.com/2010/11/12/prof-dr-manfred-kappeler-vom-%e2%80%9ezwischenbericht%e2%80%9c-des-runden-tisches-heimerziehung-zum-entwurf-des-%e2%80%9eendberichts%e2%80%9c-%e2%80%93-zwischen-den-zeilen-gelesen-ii/

Sie haben einen guten Riecher, die Brüder von Korntal

Die Klärung der Missbrauchsvorwürfe in der Evangelischen Brüdergemeinde Korntal ziehen sich hin. Dabei hätte es fast einen guten Weg gegeben. Der Rechtsanwalt Weber hatte die Untersuchung der Vorwürfe vornehmen sollen. Hatte? Hätte! Er war schon beauftragt mit der Untersuchung der einschlägigen Vorfälle bei den Regensburger Domspatzen. Das Vertrauen der ehemaligen Heimkinder hatte er. Dies Vertrauen war offenbar berechtigt, denn der Bericht, den er nun über Regensburg vorgelegt hat, ist beachtlich und zeugt von seiner Kompetenz im Umgang mit der Materie. »Der vom Bistum Regensburg beauftragte unabhängige Sonderermittler Ulrich Weber bezifferte die Zahl der von ihm ermittelten Opfer am Dienstag in Regensburg auf 547. Weber sagte vor Journalisten, er gehe weiter von einer Dunkelziffer in Höhe von etwa 700 Opfern aus. Der rund 450 Seiten starke Bericht wurde im Internet veröffentlicht[1]

Solche Aussichten waren der Brüdergemeinde offenbar zu gefährlich und sie kegelten ihn aus dem Verfahren.

Wie denn? Ganz einfach: »Die Mediatoren, die Brüdergemeinde und Opfervertreter bis zu einer Beauftragung begleiten sollten, stoppten das Verfahren vorerst. Als Grund wurde ein Medienbericht angegeben, demzufolge der Anwalt in eine Korruptionsaffäre verwickelt sein könnte.«[2] Ein Medienbericht – tolle Quelle! Weber könnte betroffen sein. Ein gefundenes Fressen. Ab mit ihm!

Weber selbst wies die Berichte zurück: „Es wird nicht gegen mich ermittelt“[3], er übt »scharfe Kritik an den Mediatoren. …[und] begründet seine Entscheidung mit inhaltlichen Differenzen mit der auftraggebenden Brüdergemeinde. Wohl war der Vertrag zwischen ihm und den Pietisten weitgehend ausgehandelt. Doch „eine explizit von mir geforderte Erklärung­, dass die Brüdergemeinde von einem Einflussrecht auf meine Veröffentlichungen im Aufklärungsprozess Abstand nimmt, ist bisher nicht erfolgt. Ein unabhängiges Arbeiten wäre unter diesen Umständen nicht möglich“, sagt Weber. Er greift in seiner Absage zudem die Mediatoren Elisabeth Rohr und Gerd Bauz scharf an. „Die Einflussnahme der Mediatoren, speziell deren Kommunikationsverhalten in den letzten Tagen, zeugte von fehlendem Respekt, da Inhalte und Entwicklungen über meine Verpflichtung, ohne mich vorab zu informieren, in die Öffentlichkeit getragen wurden.“«[4]

Der Mann hätte gefährlich werden können. Und nun sieht mans ja an seiner Behandlung des Regensburger Falls. Diese schonungslose Offenheit auch im Korntaler Fall? Da sei Gott vor – oder die Brüdergemeinde, was in deren Augen wohl dasselbe ist. Sie haben halt einen guten Riecher für gottlose Schnüffelei in ihrer Vergangenheit, die doch sehr anrüchig zu sein scheint.

PS: Korntal wurde bereits 23 mal in diesem Blog behandelt. Der erste Eintrag datiert vom 2. Mai 2014. Gut Ding will Weile haben – und Gottes Mühlen mahlen langsam. Hoffentlich irren sich die frommen Brüder, denn das Sprichwort geht weiter: Gottes Mühlen mahlen langsam, aber sicher.

[1] http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/547-domspatzen-opfer-von-uebergriffen-15111308.html Dienstag, 18. Juli 2017

[2] https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/15/korntal-und-die-vorverurteilung/

[3] http://www.swr.de/swraktuell/bw/missbrauchsfaelle-in-korntal-aufklaerung-verzoegert-sich-weiter/-/id=1622/did=18999174/nid=1622/1yhc7ht/

[4] http://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.missbrauchsskandal-bruedergemeinde-ulrich-weber-wirft-in-korntal-hin.d7619177-34c4-4648-a9bf-501d60334fc4.html

Betroffene, die sich freigeschwommen haben, reden Klartext, ohne Schaum vorm Mund.

Wenn Inklusion bloß Illusion wäre, …

… aber sie ist politischer Betrug. Hansgünter Jung berichtet heute vom Praxisschock[1]. Der war allerdings abzusehen und wurde vielfach vorausgesagt, nicht nur hier im Blog.[2]

Jung schreibt: »Die inklusive Schule war lange Zeit ein Selbstläufer. Ihre Prot­agonisten brauchten nur das Wort „UN-Behindertenrechtskonvention“ auszusprechen – und unbequeme Fragen zu Sinnhaftigkeit und Rechtmäßigkeit dieses bildungspoliti­schen Großprojekts wurden gar nicht erst gestellt. Gesinnungsethische Beflissen­heit ersetzte juristische Hermeneutik. Doch jetzt bahnt sich im öffentlichen Diskurs eine Wende an. Sie beruht auf ei­nem Praxis­schock, der gleich von zwei Sei­ten kommt. Die Eltern der behinderten Kinder erleben, wie eine Förderschule nach der anderen aufgelöst wird. Gleich­zeitig hat sich der Blick der Öffent­lichkeit dafür geschärft, wie schwierig Inklusion in den meisten Fällen ist: schließlich gilt es den Lernbehinderten, geistig Behinder­ten und Verhaltensauffälligen gerecht zu werden. Die Sensibilisierung hat etwas da­mit zu tun, dass die Lehrkräfte der Regel­schulen neuerdings vor eine weitere Auf­gabe gestellt sind. Sie müssen jetzt auch noch zahlreiche Flüchtlings- und Migran­tenkinder ohne Deutschkenntnisse unter­richten und erziehen. Jetzt hört man den überforderten Lehrkräften endlich zu, wenn sie fragen: „Was sollen wir eigent­lich noch alles leisten?“«

Mich wundert diese Entwicklung nicht, höre ich doch ähnliches aus dem Schulbereich von meinen Bekannten.

 

Fußnoten

[1] Hansgünter Lang, Inklusion vor der Wende, Lange Zeit waren die kritischen Stimmen zur Integration behinderter Schüler kaum zu hören, nun stellt sich der Praxisschock ein. Zitate aus diesem Artikel. FAZ-Print, Donnerstag, 18. Mai 2017. Wird wohl nicht digital erhältlich sein. Ich habe den Artikel gescannt und schicke ihn gern auf Mailanforderung zur privaten Verwendung.

[2] https://dierkschaefer.wordpress.com/2013/04/03/die-illusion-der-inklusion/

https://dierkschaefer.wordpress.com/2013/06/12/die-faz-geizt-mal-wieder-mit-ihren-print-artikeln-und-stellt-sie-nicht-ins-netz/

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/04/07/kinderrechte-inklusion-macht-kinder-zu-verlierern/

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XXVIII

logo-moabit-kDieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit,

die keine Kindheit war

Achtundzwanzigstes Kapitel

Chef kann ich auch

„Da wäre aber noch etwas was ich Ihnen vorher noch sagen muss!“ Ich überwand meine Angst, mit der Wahrheit herauszurücken. Neugierig schaute er mich an. Wer A sagt, muss auch B sagen können. „Ich bin erst vor sechs Monaten aus dem Zuchthaus Celle, nach 25 Monaten Haft entlas­sen worden!“ So, nun war es heraus! Eigentlich war ich ja nie ein ängstlicher Typ. Als aber mein neuer Chef so plötzlich von seinem Stuhl aufstand, an mir vorbei zur Türe ging, erwartete ich zumindest, dass er mir abrupt die Türe zeigen würde, wenn nicht gar auf mich einschlagen. Hätte ich doch dafür sogar Verständnis gehabt. Wie konnte sich ein Ex-Zuchthäusler erdreisten, in so einem renommierten Gasthaus nach Arbeit nachzusuchen. Weil die Türe hinter ihm aber zuklappte, glaubte ich eher, dass er sich nur Verstärkung holen wollte, um mich aus seinem Büro hinaus zu befördern. Schließlich war er nicht mehr der Jüngste, ich dagegen im besten Alter, dazu noch ein Verbrecher. Ich spielte schon mit dem Gedanken mich wie ein geprügelter Hund davon­zuschleichen, als auch schon die Bürotüre hinter mir geöffnet wurde. Unheil erwartend zog ich den Kopf ein. Erst als die teppichgedämpften Schritte neben mir an dem breiten, antiken Schreibtisch halt machten, ohne dass weitere Personen den Raum betraten, wagte ich meinen Kopf zu drehen. Vor bzw. neben mir, stand mein zukünftiger Arbeitgeber. Er setzte ein lederbezogenes Tablett mit Goldintarsienarbeit auf dem Schreibtisch ab.

Auf dem Tablett stand eine Flasche Cognac vom Feinsten. Einer mit fünf Sternen, versteht sich. Daneben zwei echte Cognacgläser. Ich meine damit diese überdimensionalen Gläser, wo sich das Aroma des Cognacs so richtig ausbreiten konnte, dabei kaum den Boden des Glases ausfüllend. Ich verspreche es allen, insbesondere denjenigen, die noch nie das Vergnügen hatten, an solch einem Tropfen zu schnüffeln, dass sie dieses einmalige Bukett nie wieder vergessen werden. Aus eben dieser Flasche goss er uns höchstpersönlich gerade soviel ein, wie es den Anstand nicht verletzte. Herr W. setzte sich sein Glas mitnehmend auf seinen Chefsessel, prostete mir zu und verlangte: „Na, dann erzählen Sie mal, Herr Schulz!“ Wie nahe er der Wahrheit war, als er noch scherzhaft hinzufügte: „Wen haben Sie denn umgebracht?“

Eingedenk dessen, dass ich meinem neuen Arbeitgeber gleich im vornhinein reinen Wein ein­schenken wollte, hatte ich in meiner Zeugnismappe auch die Urteilsbegründung von meiner Verurteilung mitgebracht. „Lesen Sie selbst!“ Damit reichte ich ihm die Drucksache des Gerichts hinüber. Und tatsächlich nahm er sich die Zeit das Urteil zu lesen. Nur hin und wieder schaute er forschend über seinen Brillenrand zu mir herüber. Er zeigte keinerlei Gemütsregungen beim Lesen. Nur einmal schob er sein Cognacglas näher zu mir, sagte: „Schenken Sie uns noch einen ein!“ Gleichzeitig mit dem Herüberschieben des gelesenen Dokuments nahm er seine Lesebrille ab, schaute mich erstaunt an und bemerkte erstaunt: „Dafür sind Sie verurteilt worden? Und ich dachte immer Notwehr wäre erlaubt!“ Abgesehen von dem Verständnis welches er mir entgegenbrachte, bestand er trotzdem auf einer 14tägige Probezeit. Was ich nur Recht und Billig fand. Mit anderen Worten ich war eingestellt.

Nur wer in Selbstmitleid versinkt, versinkt auch im Alkoholsumpf.

Natürlich wurde ich in der ersten Zeit ganz besonders unter die Lupe genommen. Die Arbeitsweise der bereits langjährig in seinem Betrieb arbeitenden kannte er ja bereits. Ich war es von meinen Anfängen in diesem Beruf gewohnt mit der auch in diesem Restaurant verkehrenden Prominenz umzugehen. Wäre es nach mir gegangen, hätte ich dort bis zu meiner Rente arbeiten können. Doch wieder einmal machte die Justiz mir einen Strich durch die Rechnung. Oder auch meine unbeherrschte Wut über die Aussage, der beiden Bäckersöhne, denen ich im folgenden Frühjahr beim Frühlingsfest begegnete. Obwohl ich einen festen Arbeitsplatz und einen Wohnsitz hatte, alles Kriterien die eigentlich eine U-Haft überflüssig machen, wurde ich dennoch gleich in den Bau gesteckt. Mit der Reststrafe aus meiner Bewährungszeit von 11 Monaten verbrachte ich wieder 18 Monate hinter schwedischen Gardinen. 1972 stand ich dann wieder mit Nix auf der Straße. Nur wer in Selbstmitleid versinkt und das tun nicht wenige der Ex Knackis, versinkt auch im Alkoholsumpf. Der Abstieg zum Penner ist vorprogrammiert. Für solch eine Karriere war ich mir zu schade. Ich war, blieb ein stolzer und dickköpfiger Ostpreuße. Hatte ich doch bereits schon viel schwierigere Lebenslagen gemeistert.

Meine Perle hatte sich längst einen neuen Stecher zugelegt. Im Kröpke Cafe genoss ich meine neu­gewonnene Freiheit bei einer Tasse Kaffee und Cognac. Und wie es der Zufall wollte kam eine ehemalige Kollegin herein. Zu dem Zeitpunkt ahnte ich noch nicht, dass sie schon längst ein Auge auf mich geworfen hatte. Ich glaubte sie zu schocken, als ich ihr unumwunden, als sie mich gefragt hatte, wo ich den solange gewesen wäre, die Wahrheit über mein zwischenzeitliches Studium der Knastologie und Gitterkunde berichtete. Verstehe einer die Frauen! Von wegen geschockt! Sie troff vor lauter Mitleid. Ich brauchte dann nicht nur nicht meine Zeche zahlen. Sie sorgte anschließend auch sehr hingebungsvoll dafür, dass mein Hormonhaushalt wieder in Ordnung kam. Von einem Anspruch auf Arbeitslosengeld hatte ich bis dato noch nie etwas gehört. So verdiente ich mir mein Geld, wie schon zu TBC Zeiten, als Kaschemmenkellner im Rotlichtmilieu. Schwarz natürlich.

Ich meldete mich in einer Fahrschule an, begann auch gleich mit den Fahrstunden. Schon nach vier Wochen war ich reif dafür, die Prüfung abzulegen. Doch unser rechtstaatliches System hatte etwas dagegen, dass ein Vorbestrafter den Führerschein erwarb.

auf Grund meiner Vorstrafen nicht geeignet ein KFZ zu führen

Einen Tag vor meiner Prüfung flatterte wieder einmal ein blauer Brief ein. In der Zeit, wo ich beim DRK meinen Erste-Hilfe-Kurs-Schein gemacht und jede Menge Fahrstunden absolviert hatte, meine Theoriestunden besuchte, durchliefen meine Papiere alle Instanzen. Laut Führungszeugnis, so stand es in dem Schreiben, wäre ich auf Grund meiner Vorstrafen nicht geeignet ein KFZ zu führen. Basta! Abgesehen von den Unkosten die ich bereits gehabt hatte, regte mich ganz besonders der Zusatz im besagten Schreiben auf: Für den Ablehnungsbescheid, verlangte die Behörde, solle ich auch noch 40 Mark blechen. Fragen Sie mich bitte nicht, ob ich deswegen sauer war! Es gab da aber noch einen ganz anderen Aspekt. Meine neue Freundin, eine der ersten weiblichen ausgebildeten Kellnerinnen hatte schon viel mehr Erfahrung im Beruf gesammelt. Zum einen war sie zwei Jahre älter als ich, zum anderen fehlten ihr ja auch nicht meine verlorenen Knastjahre. In den letzten Jahren war sie eigentlich immer nur in den Wintermonaten in Hannover, um in der Nähe ihrer Familie zu sein und, weil sie nicht viel davon hielt, in der kalten Saison irgendwo im Schnee zu arbeiten. Aber in der Sommersaison, so erklärte sie mir, wäre ordentlich Kohle zu machen. So hatten wir längst beschlossen und natürlich auch bereits einen Arbeitsvertrag weiter südlich von Hannover unterschrieben. Genauer gesagt im schönen Spessart. Nur, um dort zu arbeiten brauchte man unbedingt einen fahrbaren Untersatz. Genau dort, wo man den Film „Das Wirtshaus im Spessart“[1] gedreht hatte, befand sich unser Arbeitsplatz. Vier Kilometer davon entfernt aber hatten wir uns eine Unterkunft ausgeguckt. Rohrbrunn war die nächste Ortschaft. Ansonsten gab es außer der Raststätte, wo wir arbeiten wollten, und viel Wald dazwischen keine andere Möglichkeit. Höchstens noch in Mespelbrunn, wo der andere Film mit Liselotte Pulver gedreht wurde. „Das Spukschloss im Spessart“[2].

Die RAF war schuld, dass mein führerscheinloses Fahren aufflog.

Aber das war noch weiter entfernt. Ich war mir ganz sicher die Führerscheinprüfung zu bestehen, hatte schon mal ein niedliches, kleines Auto, einen NSU Prinz als Gebrauchtwagen gekauft. Weil damals noch keine Nacht-, noch Autobahnfahrten im Programm standen, so übte ich dies schon mal ganz nebenbei. Einen Führerschein gab es also nicht; der Arbeitsvertrag unterschrieben, das Zimmer angemietet und ein Auto stand auch schon vor der Türe. Was also anderes tun als den Job annehmen? Ob nun mit oder ohne Führerschein. In der Folgezeit durchquerte ich damit ganz Deutschland. Von der Insel Norderney bis an den Tegernsee. Ein Tagesausflug nach Österreich war auch drin. Das ganze ging 26 Monate lang gut. Vom kleinen Prinz über VW und Ford Capri steigerte ich mich bis hin zum dicken fetten Mercedes. Die RAF war daran schuld, dass mein führerscheinloses Fahren aufflog. Nicht doch! Nein! Ich war kein RAF Terrorist! Es wurden nur die Verkehrskontrollen verstärkt. Vor allem kontrollierten die lieben Polizisten (grrrr!) mit Vorliebe die etwas größeren Autos, die von den RAF Gruppen bevorzugt gefahren wurden. Bei solch einer Kontrolle geriet ich ins Netz. Ende mit lustig. Außer dass man mir eine Strafe in Höhe von 1116 Mark aufbrummte, verhängte man dazu noch eine zweijährige Führerscheinsperre. Das war doch schon mal ein Lichtblick. War das erste Versagen eines Führerscheins ohne Zeitlimit verfasst, so konnte ich mich doch nun darauf einrichten, dass ich nach Ablauf von zwei Jahren doch noch zum begehrten Lappen kam. Bis das aber soweit war, gab es zwar noch erwähnenswerte Ereignisse, die Sie aber nicht alle wissen müssen. Pünktlich nach Ablauf von zwei Jahren meldete ich mich bei der zuständigen Behörde, um zu erfragen, ob ich denn nun endlich den Führerschein machen dürfe. Klar, wurde ich beschieden, wenn Sie den Psychologischen Eignungstest bestehen? Was war das denn? Ich erfuhr, dass man dieses auch gerne mit dem Idiotentest umschrieb. Was blieb mir anderes übrig? Wieder die vorge­schriebenen Fahrstunden. Theorie pauken. Bei der Prüfung selbst hatte der Prüfer schon nach 18 Minuten erkannt, dass ich zum Führen eines Pkws geeignet war. Wir fuhren zurück zur Fahrschule, wo an diesem Morgen alles mit der theoretischen Prüfung begonnen hatte und ging von da aus gleich um die Ecke zu meinem Mercedes! Was denn? Ich brauchte das Auto um zu meiner sieben Kilometer entfernten Arbeitsstelle zu kommen. Vormittags wäre es ja noch gegangen, mit dem Bus dorthin zu kommen, nachdem ich etwa zwei Kilometer bis zur Bushaltestelle zu Fuß zurückgelegt hätte. Aber nachts, wenn ich Feierabend hatte, fuhr gar kein Bus mehr! Ich nehme doch stark an, dass dieser Straftatbestand auch unter eine Verjährungsfrist fällt. Wenn nicht, auch egal. Ich kann mir mit meinen 451 EUR Rente ohnehin kein Auto mehr leisten. [3]

„Entweder du nimmst den Jungen oder ich stecke ihn ins Heim!“

In welchem Desaster der erste Versuch eine Familie aufzubauen geendet ist, haben Sie ja bereits gelesen. Ich möchte hier nicht auch noch in Erinnerungen schwelgen, was mir die Zweite einge­bracht hat. Nur soviel: das verflixte siebte Jahr! Hatte ich es schon wieder geschafft, durch meiner Hände Arbeit ganz weit nach vorne zu kommen, so fühlte sich meine um 16 Jahre jüngere Frau vernachlässigt. Sie trieb es doch tatsächlich im Nebenzimmer. Die erste und einzige Ohrfeige, die ich jemals einer Frau verpasst habe – und ich zog aus. Kurz bevor der Scheidungstermin anstand, kam meine zweite Frau zu mir, stellte mich vor die Alternative: „Entweder du nimmst den Jungen (mein dritter Sohn) oder ich stecke ihn ins Heim!“[4] Bei der bloßen Erwähnung des Wortes Heim klingelten bei mir sämtliche Alarmglocken. Sie erinnern sich an mein Heimleben?

Wenn man vom Teufel spricht…….Ende April 2006 lasse ich mich von der Sonne herauslocken. Ich lasse mich etwa vier Kilometer weit bis in die Stadtmitte treiben. Gerade noch hatte ich darüber nachgedacht, wie fremd ich eigentlich in dieser Stadt geworden war, weil ich doch ganze 10 Jahre völlig aus dem Verkehr gezogen worden war, da quert doch eine menschliche Gestalt meinen Weg die mir nur allzu vertraut erscheint. Immer noch der gleiche Haarschnitt und die eingefärbte tizianrote Farbe. Die Größe stimmte auch. Langsam begann ich ihren 20 Meter Vorsprung aufzuholen. Leichter konnte sie es mir nicht machen, um mir letztendlich sicher zu sein. Sie hielt vor einer öffentlichen Tele­fon­box, steckte eine Karte hinein. Derweil lehnte ich mich außen an die Plexiglasverkleidung und konnte ihr direkt ins Gesicht sehen. Kein Zweifel. Selbst nach über dreißig Jahren erkannte ich sie wieder.

An dieser Stelle muss ich nun doch nochmals auf meine Erinnerungen zurückgreifen. Hatte ich nur ziemlich kurz abgehandelt, dass ich im Jahre 1971 von einer erfahrenen Kollegin erstmals erfahren hatte, dass ein Kellner in der Sommersaison richtig gutes Geld verdienen kann, wenn man nur bereit ist die Großstadt zu verlassen und den Bewohnern in den Urlaub folgt. Es war dann nicht bei bloßer Kollegialität geblieben. Nachdem wir dann im Spessart eine finanziell erfolgreiche Saison durchgestanden hatten, fuhren wir führerscheinlos weiter zum Tegernsee und machten selbst erst einmal unseren wohlverdienten Urlaub. Wieder in Hannover eingetroffen, wo wir ja beide unsere Familienangehörigen hatten, dachten wir gar nicht daran vom Arbeitslosengeld zu leben. Denn in den Wintermonaten gab es wieder ein Überangebot von Servicepersonal in der Stadt. Viele in der Gastronomie Tätigen lebten von diesem Job Hopping.

Einer der größten Spielautomatenaufsteller der Stadt hatte mehrere Kneipen von den Brauereien angepachtet. Für die Bewirtschaftung dieser Kneipen suchte er Leute, die auf Prozentbasis in seinen Kneipen arbeiteten. Wir meldeten uns, ließen uns die Geschäftsbedingungen erklären und zeigten uns bereit, solch einen Job bis zur nächsten Sommersaison anzunehmen. Von allen von ihm gelie­ferten Getränken bekamen wir unsere 10% Provision. Kaffee und Tee konnten wir auf eigene Rech­nung verkaufen. Der Boss war ganz schön sauer, als unser Verbleiben bei ihm nur knapp zwei Monate anhielt. Eigentlich sollten wir am Sonntag auch mal ein paar Stunden für uns haben. Es stand im Vertrag, dass wir am Sonntag nach dem Frühschoppen, der um 13 Uhr endete, die Kneipe schließen durften. Aber machen Sie mal den Stammgästen, die hauptsächlich aus Jung­gesellen bestanden, klar dass sie nun nach Hause zu gehen hatten. Die meisten standen schon morgens gegen neun Uhr vor der Türe, bis gegen 13 Uhr hatten sie schon so einiges Intus und stellten sich dann einfach stur, wenn es hieß: große Pause bis 18 Uhr. Auch an schlechten Novem­bertagen kamen meine Mutter und mein Stiefvater angeradelt, um ein paar Sonntags­stunden mit mir zu verbringen. Da man mir nachsagte, dass alles was ich koche auch gegessen werden könnte, war es für mich eine Freude, auch mal meine Mutter verwöhnen zu dürfen. Also bereitete ich in der winzig kleinen Küche ein Sonntagessen für uns vier Personen. Zwar hatte ich die Kneipentüre abge­schlossen, aber einige Unentwegte konnte ich einfach nicht rausbekommen. So lief denen dann das Wasser im Munde zusammen, wie sie zusehen mussten, wie wir am Stamm­tisch sitzend unsere Mahlzeit verzehrten. Ich weiß noch ganz genau, dass ich bei unserem ersten Zusammensein Forelle Müllerin zubereitet hatte. Eine Aumage[5] an meine liebe Mutter die, wenn sie die Wahl hatte, Fleisch für Fisch stehen ließ. Die gebratene Forelle verbreitete einen Duft in der kleinen Kneipe, der den verbliebenen Gästen in die Nase stieg. Als meine Mutter auch noch das Salatdressing lobte, fragte doch einer der Gäste, ob nicht noch eine Forelle übrig sei. „Da würde ich auch nicht Nein sagen!“ machte sich ein zweiter lippenleckend bemerkbar. Da hatte ich den Salat. Tags zuvor hatte ich von einem Gast, einem Hobby Angler, zehn ganz frische Harzer Bach­forellen abgekauft. Während meine Mutter nochmals Kartoffeln schälte, ließ ich vier weitere Forellen in der Pfanne brutzeln und rührte frische Salatsauce an.

Von da an war ich nicht nur mehr Bierzapfer, sondern auch noch Koch. Irgendwie hatte es sich schnell herumgesprochen. In der Nähe befand sich ein größeres Autohaus mit vielen Angestellten sowie ein Straßenbahndepot. Schon bald reichten die drei Kneipentische bei weitem nicht mehr aus, um die Kundschaft aufzunehmen. Also wurde der in einem Nebenraum stehende Kröckeltisch[6] in die Ecke gestellt, dafür kamen vier weitere Tische. Dem Besitzer war es nur Recht, verdiente er doch an den Getränken auch seinen Teil. Brauchte zuerst immer nur einer kurz vor 11 im Laden zu sein, so musste ich schon bald spätestens um 9 Uhr in der Küche stehen, um den täglich wech­selnden Mittagstisch vorzubereiten. Bis 1 Uhr Nachts, so stand es im Vertrag, musste die Kneipe geöffnet sein. Nachmittags und abends fand ich dann „Entspannung“, indem ich mit den Gästen eine Runde nach der anderen ausknobelte. Was der „Wirt“ trinkt, trinkt auch der mitkno­belnde Gast. Ich bevorzugte „Pünktchen!“ Pünktchen bestand aus 20 Gramm Weinbrand und etwa gleich­viel Cola. Im Durchschnitt kam ich so im Laufe des Tages auf eine 0,7 Liter Weinbrand. Dann setzte ich mich immer noch führerscheinlos ins Auto und fuhr für ein paar Stunden Schlaf nach Hause. Bloß gut das sich daran bald etwas änderte. Meine Magenschleimhaut begann schon zu rebellieren.

Und dann gleich so ein großes Objekt!?

Eines Abends bat mich ein mir noch völlig unbekannter, sehr gut gekleideter Gast um ein paar ungestörte Minuten. Ich vermutete in ihm einen Vertreter und wollte ihn schon damit abwimmeln, indem ich ihm sagte, dass ich hier nur Angestellter und überhaupt nicht befugt sei, irgendwelche Verträge abzuschließen. Es war schon richtig, dass er ein Vertreter wäre, aber in einer ganz ande­ren Angelegenheit käme, einer die mir von Nutzen sein könnte. Also fand ich eine ruhige Ecke, um mir anzuhören, was er mir denn nützliches zu sagen hätte. Es stellte sich heraus, dass sich meine gute Küche schon bis zur verpachtenden Brauerei herumgesprochen hatte. Dort fand man es ziem­lich ungewöhnlich, dass solch eine kleine Kneipe solch einen Aufschwung genommen hatte. Nun läge es der Brauerei aber am Herzen, einem guten Kunden einen geeigneten Pächter zu vermitteln. Ich erfuhr dabei auch, dass bereits zweimal jemand zum Probeessen da gewesen wäre und man mich deshalb für prädestiniert hielt, mir die Pacht anzubieten. Es handele sich dabei um ein Restau­rant mit 84 Sitzplätzen im Inneren und einer großen Terrasse. Nein, nicht hier in der Stadt, vielmehr wäre es ein Flugplatzcasino mit angeschlossenem Hotel, welches 16 Betten umfasse. Etwa 50 Kilometer von Hannover entfernt. Ob ich wohl bereit wäre mir das Objekt anzusehen, fragte mich der Vertreter. Ohne Rücksprache mit meiner Lebensabschnittsgefährtin wollte ich darüber nicht entscheiden. Der Mann blieb doch tatsächlich noch fast zwei Stunden sitzen, gab sich den Gästen gegenüber als Brauereivertreter zu erkennen und schmiss auch noch ein paar Runden und wartete geduldig bis auch E. Zeit für ein Gespräch fand. Während der Gäste­kreis immer dünner wurde, konnte ich ihr zwischendurch schon mal das Wichtigste erzählen. So wurden wir uns dann ziemlich schnell einig und für den nächsten Kneipenruhetag ein Treffen ausgemacht. Am Zielort angekommen, erfuhren wir, dass dies der derzeit größte Privatflugplatz Europas wäre. Was aber den Ausschlag gab in diesen Pachtvertrag einzusteigen, war die Sympathie, die der Besitzer ausstrahlte. Das lag vor allem daran, dass er Ostpreuße wie ich war oder umgekehrt. Als mein Landsmann uns dann in das eigentliche Pachtobjekt einführte, konnte ich nicht anders als begeistert sein. Ich war beeindruckt von dem riesigen Tower, zu dem ich vom Restaurant direkten Zugang hatte, als auch von den riesigen Hangars und der gegenüberliegenden eigenen Repara­turwerkstatt. Ein ganz in der Nähe befindlicher Flachbau beherbergte eine Flugschule. Eine doppelte, 800 Meter lange Start- und Landebahn mit Runway, wo später sogar viermotorige Maschinen landeten und starteten, machte mich fast sprachlos, aber auch ein wenig ängstlich vor der Aufgabe, die mich hier erwartete. Vor allem die 240 Personen fassende Außenterrasse, die es ja auch zu bewirten gab. Nicht dass es mir an Fachwissen oder gar an Selbstbewusstsein mangelte, aber das Ganze erschien mir doch etwas zu überdimensional. Ich dachte auch sofort an die Perso­nalfrage. Schließlich lag dieser Flugplatz mitten zwischen nichts als Feldern und Wäldern. Die nächste Ortschaft war links vom Flugfeld mindestens 2 Km und nach rechts mehr als 3 Km ent­fernt. Der nächste Bahnhof fast acht Kilometer. E. allerdings war vollauf begeistert und wollte sofort unterschreiben. Ich musste sie ganz schön bremsen. Man beruhigte uns aber dahingehend, dass bis vor vier Monaten der vorige Pächter aus Gesundheitsgründen aufgeben musste, dieser immer drei feste Aushilfen gehabt hätte, deren Adressen man uns gerne geben würde. Der Besitzer bat uns inständig, doch den Vertrag einzugehen. Der eigentliche Flugbetrieb würde kolossal darun­ter leiden, dass es seit vier Monaten weder ein Hotelbett gäbe, noch ein Butterbrot zu haben sei. Des­halb würden fast alle Stammgäste, die zum Teil aus Italien, der Schweiz und dem Süddeutschen Raum kämen und weiter nach Skandinavien wollten einen Umweg fliegen müssen. Ich bat mir eine Woche Bedenkzeit aus, um das Für und Wider abzuwägen. Und wenn überhaupt würde ich erstmal nur einen Einjahresvertrag unterschreiben. Schließlich war ich noch nie selbstän­dig gewesen. Und dann gleich so ein großes Objekt!? Hinzu kam noch: die Heizperiode war im vollen Gange, dass wir gar nicht das nötige Startkapital hatten, um die Ölkessel aufzufüllen und dann noch der nötige Warenbestand! Aber schon zwei Tage später, ohne die Woche Bedenkzeit abwarten können, rief mich mein Landsmann an. Ich legte ihm nun ganz offen dar, wie es um unsere finanzielle Situation bestellt sei und wir uns schon von daher dagegen entscheiden müssten.

„Aber Herr Schulz! darüber können wir doch reden. Ich bin bereit, Ihnen alles für die Erstaus­stat­tung zur Verfügung zu stellen!“. Dieses Angebot, sich vom Kriegskind, welches sich von Katzen und Kartoffelschalen sowie vom Brot­betteln ernähren musste, über die Heimkarriere und dem Studium der Knast- und Gitterkunde, sollte ich nun Chef werden, war einfach zu verlockend. „Dieter, du wärst ganz schön blöd, würdest du diese Chance nicht beim Schopfe packen!“ dachte ich bei mir. Was besagte da schon der Passus im Pachtvertrag, dass das Flugplatzcasino täglich! geöffnet sein müsse, wie ein Bahnhof. Freie Tage gab es nur dann, wenn das Wetter keinen Flugbetrieb zuließe. Aber war ich es nicht gewohnt ständig im Stress zu leben? Hatte ich nicht schon immer, soweit ich zurückdenken kann fremdbestimmt gelebt? Wann hatte ich als Steward zur See schon mal einen freien Tag gehabt, außer wenn wir mal kurze Zeit im Hafen lagen? Hätte ich nicht genügend Abwechslung bei der Betreuung der Gäste? Liebte ich nicht gerade diesen Umstand ständig mit neuen Gesichtern und Charakteren zu leben? Wir sagten zu!

War ich es nicht gewohnt ständig im Stress zu leben?

Bloß gut, dass ich dahingehend Vorsorge betrieben hatte, dass ich vorerst nur einen Einjahres­ver­trag unterschrieb, welcher sich automatisch auf fünf Jahre verlängern sollte, sollte keine rechtzeitige Kündigung erfolgen. Unter den ansässigen Fliegern befand sich auch ein Zeitungsmensch. Dieser entwarf für uns eine ganz tolle Zeitungsannonce. Die Brauerei, deren Biersorte ich in der Annonce erwähnte, die ich auszuschenken gedachte, schickte mir einen Scheck, der meine Unkosten um eini­ges überschritt. Ich hatte nur wenige Tage Zeit anlässlich eines Jubiläums ein Kaltes Büffet zu zau­bern. Wir mussten dann auch noch in dem eigentlich für 84 Gäste konzipiertem Gastraum 102 Plätze bewerkstelligen. Die Kasse begann zu klingeln. Und dann schon wieder am 6. Dezember. Es war zur Tradition geworden, dass ein auf einem Doppel­decker stehender Nikolaus Süßigkeiten und kleine Plüschtiere auf das Publikum herunterwarf. Das war aber noch längst nicht alles. Zur Tradi­tion gehörte auch, dass die Gäste anschließend im Restaurant mit Heringsfilet nach Hausfrauenart bewirtet wurden. Auf jedem Tisch wurden große Schüsseln mit Sahnehering, Pellkartoffeln, Brot und Butter gestellt. Nur gut, dass ich meine Mutter, ja, auch meinen Stiefvater zur Hilfe hatte. Das Restau­rant reichte bei weitem nicht aus, den Gäste­andrang aufzunehmen. Dick eingemummelt saßen etwa 100 Gäste auch noch auf der Som­mer­terrasse und warteten auch dort auf Bedienung. Als hätte es meine Mutter geahnt. Sie hatte mich dazu überredet, nicht in der Metro[7] die viel teureren Fischfilets zu kaufen, sondern den Hering fässerweise direkt aus Bremen kommen zu lassen. Viele Stunden stand sie dann in der Küche, nahm die Fische aus, filetierte sie, warf diese Filets in zwei große Wannen. Sie schnitt Unmengen von Zwiebeln, Gurken und Äpfeln klein, die ebenfalls in den Wannen landeten. Bei der Metro hatte ich nur die Gewürze als auch palettenweise 2 ½ Liter Dosen Sahne und Mayonnaise eingekauft. Für eine feste Summe konnte jeder Gast soviel davon essen wie er nur konnte. Meinen Reibach machte ich dennoch. Schon alleine die Getränke, die dabei verzehrt wurden sorgten für guten Umsatz. Noch tagelang danach riefen Gäste an und fragten, ob denn noch etwas von dem leckeren Hering da wäre.

Das Personal der am Flugplatz hängenden Betriebe, sowie eine in der Nachbarschaft ansässige Firma waren fortan meine Stammgäste. Und natürlich die Piloten, die wieder begannen diesen Platz anzufliegen. Eine Sechsergemeinschaft von Piloten nebst Frauen kam regelmäßig aus Berlin, um hier in Westdeutschland ihrem Hobby Fliegen nachzukommen. An Gästemangel litten wir bestimmt nicht. Ärger bekam ich nur mit der Frau meines Boss. Der kam nämlich öfter zu mir zum Essen als es seiner Frau lieb war. Wartete sie doch des Öfteren am gedeckten Mittagstisch zu Hause auf ihren Mann, während dieser sich den Magen bei mir vollschlug. Zwischen Ihrem Mann und mir hatte sich ein inniges Verhältnis entwickelt. Des Öfteren kam er auch am Abend querfeld­ein in Gummistiefeln zu mir herüber, um sich mal auszuquatschen. Sprach dabei gerne einer Flasche Morio Muskat zuviel zu. Böse Blicke auf mich werfend durfte sie ihren Mann dann des Öfteren abholen. Bei diesen Gesprächen erfuhr ich dann auch so ganz nebenbei, wie er als Ostpreuße, der doch wie jeder andere auch nur mit 40 Mark angefangen hatte, zu seinem Reichtum gekommen war. Eigentlich hatte er ja noch in Ostpreußen Förster gelernt. Konnte sich aber nicht daran gewöhnen, einem toten Reh in die traurigen Augen zu blicken. Er begann zu tüfteln. Der Türöffnungsmechanis­mus eines jeden VW, der noch heute an jedem dieser Autos existiert, ist auf seinem Mist gewach­sen. So wurde mein Boss zum Millionär, bekommt noch heute für jeden Türgriff mindestens einen Cent. Auch wie er zur Fliegerei gekommen war erzählte er mir. Ein chronisches Asthmaleiden hatte seinen Arzt bewogen, ihm Höhenluft zu verordnen. Ursprünglich von Höhenangst befallen ging er dennoch auf Anraten seines Arztes in die Berge. Dort verlor er dann auch seine Höhenangst. Um sich aber immer die weite Reise und Zeit zu sparen in die Berge zu fahren, legte er sich ganz in der Nähe seiner Erfindungswerkstatt eben diesen Flugplatz an.

Der Tag als die Bombe platzte

An dem Verhältnis zwischen meinem Verpächter und mir oder gar an der langen Arbeitszeit lag es bestimmt nicht, dass ich den Pachtvertrag dann doch nicht um weitere fünf Jahre verlängerte. Ganz und gar nicht! Vielmehr war es wieder einmal eine Frau, genauer gesagt die besagte Lebensab­schnittsgefährtin, die meine Zukunftspläne zunichte machte. Einmal in der Woche musste ich nach Hannover fahren, um beim Großhandel einzukaufen. Zu der Zeit gab es noch keine EC Karten oder dergleichen. Schecks wurden nicht angenommen. Beim Einkauf zählte nur Bares. Vorausschicken muss ich noch, dass ich als Vorbestrafter natürlich keine Gaststättenkonzession bekam. Deshalb hatte ja auch E. den Pachtvertrag unterschreiben müssen. Bei der Bank und unserer Konto­führung waren wir allerdings gleichberechtigt. Also, immer wenn ich zum Einkaufen fuhr, hielt ich bei der Bank an, holte Kontoauszüge ab, zahlte manchmal Geld ein oder hob das nötige ab. Bei solch einer Gelegenheit kam der große Knall!

Zunächst glaubte ich ja wieder an einen Fehler meiner Bank. War es doch schon mal passiert, dass unser Konto plötzlich um eine ziemlich erkleckliche Summe angewachsen war. Ich muss wohl damals so ein verblüfftes Gesicht gemacht haben, so dass der Schalterbeamte[8] es mir ansehen musste, dass da etwas nicht stimmen konnte. Beflissen war er zu mir gekommen und hatte gefragt, ob etwas nicht stimme. Ich ehrliche Haut reichte ihm die Kontoauszüge hinüber und fragte wie unser Konto zu solch einer Einzahlungssumme komme. Nach kurzer Prüfung stellte sich heraus, dass da ein Zahlendreher uns kurzfristig zu richtig reichen Leute gemacht hatte. Natürlich wurde der Fehler umgehend berichtigt. An solch einen Fehler dachte ich an dem Tag als die Bombe platzte. Nur diesmal war unser Konto nicht begünstigt. Vielmehr war es fast leer. In etwa hatte ich ja den Überblick. Nicht auf die Mark genau, aber auf fast Null, das konnte nicht sein. Wieder war es der gleiche Schalterangestellte, der mir zu Hilfe kam. Doch wirklich helfen konnte er mir diesmal nicht. Was ich von ihm erfuhr, bescherte mir Puddingknie. Wie ich erfahren musste, war meine liebe E. ein paar Tage vorher da gewesen und hatte etwas über 70000 Mark abgehoben. Ohne mir überhaupt ein Wort davon zu sagen.

Was ich dann zu hören bekam, machte mich erst recht fassungslos.

Zu keinem klaren Gedanken mehr fähig setzte ich mich ins Auto und fuhr zurück. E. ahnte wohl schon, was auf sie zukam, als ich so schnell, zu schnell, wieder auftauchte. Außerdem verhießen meine Blicke nichts Gutes. Sofort setzte sie ihr Trotzgesicht auf, verschränkte ihre Arme vor der Brust und begann sofort mit ihrer Verteidigung. „Bevor du anfängst auszurasten hör mir erstmal zu!“ Was ich dann zu hören bekam, machte mich erst recht fassungslos. Als Erstes versuchte sie mich dahingehend zu beschwichtigen, dass ich dann ja bei der nächsten Jahresabrechnung ihre anteilige Hälfte einbehalten könne. Über den Verbleib der relativ großen Summe, zumindest in meinen Augen zu damaliger Zeit, legte sie dann auf Nachfrage auch Rechenschaft ab. Sie hatte ihrer jüngsten Schwester den Auszug bei den Eltern ermöglicht. Dazu gehörte natürlich auch eine komplette neue Wohnungseinrichtung, nebst Mietsicherheit und Maklergebühren. Mir schien, E. hätte ihrer Schwester einen Palast eingerichtet. Zumal die Kaufkraft der D-Mark Anfang der sieb­ziger Jahre mit dem heutigen Geld nicht zu vergleichen ist. Dieses hielt ich ihr auch vor. Schon etwas kleinlauter gab sie dann auch zu, sich selbst auch etwas Besonderes gegönnt zu haben. Das Besondere bestand aus einem 3/4 langen Ozelotmantel! Für soviel Luxus hatte ich nun gar kein Verständnis. Mir hatte sie Vorhaltungen gemacht, wenn ich meiner Mutter mal etwas Geld zusteckte, wenn sie jedes Mal hilfsbereit zur Stelle war, wenn abzusehen war, dass wir beide den Gästeandrang nicht alleine würden bewältigen können. Zumal der Sommer sehr schön gewesen war und ganze Familien in Scharen zum Flugzeuggucken gekommen waren. Wir bekamen immer wieder zu hören, dass Kinder ihre Eltern solange genervt hatten, bis ein geplanter Zoo Besuch zum Flugzeuggucken umdisponiert wurde. Wer es sich leisten konnte, durfte auch einen Rundflug genießen. Alles in Allem war es ein sehr erfolgreiches, aber auch arbeitsintensives Jahr gewesen. Dass ich jetzt auch noch leer ausgehen würde, das mochte ich nicht hinnehmen. Wer sagte mir denn, dass E. sich nicht wieder von unserem Konto bediente. Ihr Vorschlag besagte nämlich, dass sie erst in zwei Jahren wieder ihren Geschäftsanteil beanspruchen konnte. Im Gegensatz zu mir hatte sie jede Woche auf einen freien Tag bestanden, wo sie sich großkotzig mit einem Taxi in das 50 Kilometer entfernte Hannover fahren ließ, um dort mit ihren Freundinnen auf ihre Kosten die Sau rauszulassen. In ihrer Eitelkeit sonnte sie sich im Neid der meist ehemaligen Kolleginnen und ließ sich als Chefin feiern. Das alles nahm ich ja noch gelassen hin, da ich im Grunde genommen in meine Arbeit, meinen Erfolg verliebt war. Da ich aber mit dieser Frau keine weitere Perspektive erkennen konnte, musste ich dem Besitzer die traurige Mitteilung machen, dass ich den fälligen Fünfjahresvertrag leider nicht unterschreiben könne.

Mein Boss empfand dies als persönlichen Tiefschlag, wo doch allem Anschein nach alles bestens lief. Ich mochte E. nicht in die Pfanne hauen, schob den Gesundheitszustand meiner Mutter vor. Ein paar Wochen noch musste ich mit E. den Laden offen halten, dann trennten sich unsere Wege. A fonds perdu![9]

 

Fußnoten

[1] Eine nette Räuberpistole aus den 50er Jahren https://de.wikipedia.org/wiki/Das_Wirtshaus_im_Spessart_(1958)

[2] Eine Art Fortsetzng https://de.wikipedia.org/wiki/Das_Spukschlo%C3%9F_im_Spessart

[3] Von der Sache her eine Wiederholung. Darum in der Fußnote: 451 EUR Rente? Lieber Leser, obwohl ich auch immer, während meiner insgesamt 17 Jahre Haftzeit gearbeitet habe, hat der Staat niemals für mich Rentenbeiträge eingezahlt. Von wegen Knacki lebt auf Steuerzahlerkosten. 30 Jahre habe ich dennoch geklebt. Nur leider haben mich die 11 Jahre Versorgungsausgleich für meine Ehefrauen soweit runter gedrückt. Sowohl meine Erste als auch Zweite Ehefrau hatten es nicht nötig zu arbeiten. Ich verdiente ja gutes Geld, wenn man mich denn arbeiten ließ, während die angetrauten für eine saubere Wohnung und ordentlich erzogene Kinder zuständig sein sollten.

[4] Mehr dazu im nächsten Kapitel

[5] Gemeint ist Hommage im Sinne von Ehrung https://neueswort.de/hommage/

[6] Krökeltisch = Tischfußballtisch. Tischfußball ist in bestimmten Regionen unter anderen Namen bekannt. In Hannover und Umgebung kennt man den Sport unter dem Namen Krökeln, ein Tischfußballtisch wird dem­ent­sprechend als ‚Krökler‘ bezeichnet. Der Begriff kommt von der Bezeichnung Krökel für eine Eisenstange im Hannoverschen. https://de.wikipedia.org/wiki/Tischfu%C3%9Fball

[7] Gemeint ist ein Handelsunternehmen der Metrogruppe https://de.wikipedia.org/wiki/Metro_Group

[8] Eine damals gängige Bezeichnung auch für Bankangestellte https://de.wikipedia.org/wiki/Bankbeamter

[9] Kapital ohne Aussicht auf Wiedererlangen http://www.wissen.de/fremdwort/fonds-perdu

Inhaltsverzeichnis _Inhaltsverzeichnis

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XXV

moabit k1Dieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit,

               die keine Kindheit war.

Fünfundzwanzigstes Kapitel

Leinen los! Auf den Weltmeeren – und wieder zurück.

Von wegen, nach einer paar Wochen wieder ins Berufsleben einsteigen. Es sollte über zwei Jahre dauern, bis es wieder soweit war. Zunächst einmal hatte ich das Glück auf einen Landsmann, sprich Ostpreußen, als Chefarzt zu stoßen, der es nicht wahrhaben wollte, dass noch einer der wenigen verbliebenen Ostpreußen ins Gras beißen sollte. Viel gab es derzeit noch nicht, um der Tuberkulose Einhalt zu gebieten. Mit Streptomycin konnte man zwar die Bakterien dazu bringen, sich zu verkapseln, einmal gefressene Löcher aber blieben. Es gab eigentlich nur zwei Möglich­keiten, die Löcher zu entfernen. Schon lange praktiziert wurde: ein paar Rippen brechen, den befal­lenen Lungenflügel herausschneiden; die andere, ganz neue Methode, gerade aus den USA importiert, war die etwas schmerzhafte Methode, in regelmäßigen Abständen eine acht Zentimeter lange, ziemlich dicke Kanüle zwischen die Rippen gestochen zu bekommen, mit deren Hilfe dann die Lunge mit zunächst einmal 300-400 Kubikzentimeter Luft zusammen­gepresst werden sollte. Somit würden die Wundränder der Löcher wieder zusammen­wachsen. Erst einmal sollte diese Prozedur alle drei Tage wiederholt werden. Nach einer gewissen Zeit steigerte man die Luftmenge bis auf 1000 Kubikzentimeter. Dann allerdings nur noch im Abstand von 14 Tagen. Dieser Luft­druck wurde jedesmal vor und nach der Füllung von einer Röntgenaufnahme begleitet. Wenn man bedenkt, welche Strahlungen damals so ein Röntgengerät ausstrahlte, müßte ich heute eigentlich wie eine hellglühende Neonröhre herumlaufen. So wie die Ärzte die Luftmenge erhöht hatten, so wurde diese nach gut zwei Jahren wieder reduziert. Und siehe da, die zusammengepressten Wund­ränder hielten!

Jede Anstrengung sollte ich vermeiden. Ich dagegen ließ keinen Tanzabend aus.

Natürlich war ich nur zu Beginn der Behandlung drei Monate lang in einer Lungenheil­stätte und dann wieder, als die Reduzierung begann, die letzten drei Monate. Dazwischen wurde ich ambu­lant behandelt. Ich frage mich, wieso ich eigentlich noch lebe. Ich verstieß natürlich in meinem jugendlichen Leichtsinn gegen jede Auflage, die mir mit auf den Weg gegeben wurde, wollte ich das Ganze überleben. Jede Anstrengung sollte ich vermeiden. Ich dagegen ließ keinen Tanzabend aus. Holte mit meiner süßen Freundin Preise im Rock’n-Roll-Tanzwettbewerb, legte mich im Som­mer in die Sonne, um braun zu werden. Und ganz nebenbei verdiente ich mir des Nachts als schwarz­arbeitender Kellner so manche Mark zum Krankengeld hinzu.

Jetzt noch eine kleine Anmerkung zu meiner Aussage, dass mein Stiefvater nur schlau aber nicht klug war: Weil ich nun des Nachts häufig mein Krankengeld auffrischte, besuchte meine Freundin oft meine Mutter. Ja, sie nannte diese sogar Mutti. Sie war nämlich auch ein verwaistes Kriegskind und freute sich über den Familienanschluss. Das mit dem Familienanschluss hatte mein Stiefvater wohl in die falsche Kehle bekommen. Hilfsbereit, aber mit Hintergedanken, bot er meiner Freundin an einem dunklen Abend an, sie noch ein Stück mit dem Fahrrad zu begleiten, da wir ziemlich abge­legen von der Stadt auch noch durch die Eilenriede[1] mussten. Irgendwann merkte ich, wie Gisela sich veränderte. Nachdem sie sich sogar weigerte, mit mir zusammen meine Mutter zu besuchen, nahm ich sie richtig zur Brust. Unter Tränen erfuhr ich dann endlich von ihr, was sie so sehr verändert hatte. Willy, der Strolch hatte versucht, sie zu vergewaltigen. Die Rechnung für sein beinahe Ver­gnügen servierte ich ihm prompt. Die leuchtende Narbe quer über seine Stirn hat er mit in sein Grab genommen. Modebewusst wie ich damals war, hatte ich mir natürlich auch einen Silberring in Form eines Löwenkopfes zugelegt. Einer meiner Schläge traf u.a. eben seine Stirn und ließ sie schön aufplatzen. Daraufhin platzte sein Kragen und er gab mir auf Lebenszeit Hausverbot; doch dieses konnte er nicht allzu lange aufrecht erhalten, weil meine Mutter à la Lysistrata[2] han­delte. Der geile Bock hielt das nicht lange aus und ich konnte meine Mutter wieder besuchen, wenn mir danach war. Allerdings vermieden wir es in Zukunft uns im gleichen Raum aufzuhalten.

Wer von meinen Heimkameraden kann schon von sich behaupten, jemals in Afrika an der Gold- oder Elfenbeinküste gewesen zu sein.

Ich hatte seinerzeit großen Gefallen an dem Tor zur Welt Hamburg, gefunden. Auch die Seeluft auf Sylt fehlte mir. Ich hatte gehört, wie gefragt „Überseefrachtbegleiter“ in Hamburg waren. Da der Familienfrieden in Hannover ohnehin gestört war und ich mich ziemlich flügge fühlte, begab ich mich direkt ins Heuerbüro in der Nähe vom Landungsbrückencafé. Paul stellte mir sofort gleich mehrere Angebote zur Auswahl. Ein reines Passagierschiff stand derzeit nicht zur Auswahl. Aber ein Kombischiff gefiel mir. Es war ein Bananenjäger[3], kombiniert mit Passagier­plät­zen, der hatte es mir sofort angetan. Man stelle sich vor: ein 137 Meter langes, blitzweißes Schiff, welches neben 18.000 BRT Fracht auch noch 48 Passagiere befördern konnte. Der Kapitän sagte mir, dass er für die Passagiere einen zweiten Steward benötigte. Er nannte mir Häfen und Länder, die das Schiff anlaufen würde. Bei all diesen Namen musste ich wohl gerade mal wieder im Erd­kundeunterricht gefehlt haben. Aber bei der Aussicht, all diese Länder mal persönlich kennen zu lernen, wurde mir ganz anders ums Herz. Etwas Englisch hatte ich ja schon während meiner Kellnerlehre aufge­schnappt und auch bei der Bundeswehr. Deshalb behauptete ich rotzfrech auf diese Frage vom Kapitän, dass ich damit keine Probleme hätte. Schulz war ja anpassungsfähig und lernbegierig. Es kam deswegen auch nie eine Beschwerde zu seinen Ohren.

Wer von meinen Heim­kameraden kann schon von sich behaupten, jemals in Afrika an der Gold- oder Elfen­beinküste gewesen zu sein. Na, wer von euch ist durch den Panamakanal geschippert, hat Guate­mala betreten, hat Southampton in England, Bilbao in Spanien, Abo in Finnland[4], Rotterdam oder den Fruchthafen in Hamburg mit einem Schiff angelaufen? Bei meinen wenigen Besuchen war Mutter richtig stolz auf ihren weltreisenden Sohn. Stolz zeigte sie ihren wenigen Besuchern auch die spezifischen Geschenke, die ich ihr aus den jeweiligen Ländern mitbrachte. In ihrem 500 qm großen Garten war sie besonders stolz über ihre Gladiolen, die sie besonders liebte. In jedem angelaufenen Land war ich immer auf der Suche nach einer Gladiolenart, die es sonst nirgendwo gab. So kann ich sagen, dass niemand in und um Hannover rum solch eine Sammlung aufweisen konnte, wie sie meine Mutter besaß.

Ich könnte hier so einige Episoden aus meiner Seefahrtszeit einfügen, die lohnenswert wären berich­tet zu werden. So zum Beispiel, dass unser Schiff samt Besatzung und Passagieren vor der westafrikanischen Küste von schwarzen Rebellen gekapert wurde. Die Kolonialmächte hatten sich aus ihren Kolonien zurückgezogen. So begann in den besagten Ländern ein Hauen und Stechen, um die Regierungs­macht. Welchem von den Herren -Mobuto[5]-Kasawubu[6] oder Lumbumba[7] unsere Kidnapper angehörten, kann ich nicht sagen, aber uns ging allesamt der Arsch auf Grund­eis beim Anblick der hauptsächlich mit Macheten und Messern bewaffneten Schwarzen. Zwar hatte ich dem Tod schon in meiner frühen Kindheit bei den Bombenangriffen der Engländer auf Königs­berg in die Augen geblickt, oder die Salven der russischen Tiefflieger, die auf unseren Flüchtlings­treck abgefeuert wurden. Mutter hatte mich, den Jüngsten, auf einen Schlitten neben unser Hab und Gut einge­mummelt festgezurrt. Die Leuchtspurmunition schlug neben dem Schlitten ein, ließ den Schnee zu Fontänen neben mir aufstieben. Damals aber war ich noch zu jung, um den Ernst der Lage zu begreifen. Dann aber der Vorfall im Skagerak, den nahm ich mit meinen 23 Jahren schon ganz bewusst wahr.

Es rumste gewaltig, als die Schiffsschraube abbrach. Vorsichts­halber ließ ich mich von unserem Kapitän nottaufen.

Wie sagt man so daher? Ein Unglück kommt selten alleine? So kam es dann auch sprichwörtlich auf unser Schiff zu. Das doppelte Unglück! Ein Sturm der Windstärke 12 war auf hoher See keine Seltenheit. Doch im Skagerak war das schon etwas Besonderes, vor allen Dingen, wenn die Maschi­nen nicht mit voller Kraft arbeiten. Während die beiden Maschinisten alles taten, um den Schaden zu beheben, tobte der Sturm immer heftiger, machte unser Schiff zum Spielball der haus­hohen Wellen. Bei der Achterbahnfahrt durch die Wellentäler setzte das Heck des Schiffes kurz auf einen Felsen auf. Es rumste gewaltig, als die Schiffsschraube abbrach. Völlig ohne den Antrieb der Schraube nützte das Ruder gar nichts. Das überkommende Wasser konnten die vom Notaggregat betriebenen Pumpen gar nicht schaffen. Wenn ich sage Alle, so meine ich damit auch die 34 Pas­sa­giere, die wir an Bord hatten, die mussten im Wechsel an die Handpumpen ran. Vorsichts­halber ließ ich mich von unserem Kapitän nottaufen. Wusste ich doch nicht, ob meine Mutter mich in Kriegs­zeiten hatte taufen lassen. Es konnte ja nicht schaden, diese Vorsichtsmaßnahme getroffen zu haben, wenn man da oben vor dem Herrn stand. Wobei ich vorausschicken möchte, dass ich davon überzeugt bin, einmal in den Himmel zu kommen. Habe ich doch die Hölle bereits auf Erden erlebt und meine Sünden mit 17 Jahren Knast abgebüßt.

Ja, eben diese 17 Jahre Knast waren ja auch eigentlich meine Intention, warum ich dieses Buch zu schreiben begann. Ich habe in mich hineingehorcht. Mich gefragt, ob schon am ersten Tag vom Rest meines Lebens alles in dem großen Buch des Schicksals niedergeschrieben war, was mich so alles erwarten würde. Hatten mich die Lebensumstände zu dem gemacht, was ich heute bin? Ein oft deprimierter Rentner, dem das Sozialamt zur Minirente noch was drauf zahlen muss, um über die Runden zu kommen.

An einer Haft­strafe hängt noch ein ganzer Rattenschwanz von Strafen, die sich erst nach der Entlassung bemerk­bar machen.

Dabei habe ich doch, wie man nachlesen kann, jede Arbeit angenommen, niemals wegen der vielen Überstunden aufgemuckt. Ja, auch während der Zeit im Knast habe ich gearbeitet. Nur, Rentenbeiträge hat der Staat für mich nie abgeführt.[8] Es ist ja nicht so, dass man(n) Jahre seines Lebens in einem Wohnklo verbringen muss. Der Verlust der Freiheit ist das Eine. An so einer Haft­strafe hängt noch ein ganzer Rattenschwanz von Strafen, die sich erst nach der Entlassung bemerk­bar machen. So kam ich beim Renteneintrittalter gerade mal auf 30 Beitragsjahre. Selbst diese 30 Jahre hätten ausgereicht, mir eine zwar bescheidene, aber gut auskömmliche Rente zu gewähren. Normalerweise. Aber was ist schon normal? Zumindest was mein Leben betrifft.

Natürlich bestand mein Leben nicht nur aus Arbeit. Wochenlang auf See gönnte ich mir beim Land­gang auch schon mal was. Konnte ich mir auch ganz gut erlauben. Brauchte ich doch kaum mal meine eigentliche Heuer anzugreifen. Ich lebte hauptsächlich von dem Geld, welches ich von den Passagieren als Trinkgeld bekam. Sie wussten es zu schätzen, dass ich ihnen nicht nur das Essen servierte, sondern auch die Kajüten sauber hielt, einschließlich Betten bauen, Schuhe putzen und auch deren Hemden bügelte. So konnte ich tatkräftig dabei mithelfen, aus der ursprünglichen Gartenlaube meiner Mutter ein richtiges kleines Häuschen zu gestalten. So konnte ich sie nicht zuletzt damit überraschen, ihr flie­ßendes Wasser ins Haus legen zu lassen. Hatte sie doch bis dahin immer an der Pumpe im Garten ihr Wasser holen müssen.

Inzwischen hatte ich auch eine Frau kennengelernt. Allerdings wohnte sie etwa 220 Kilometer von Hannover entfernt und hatte bereits zwei Kinder. War auch ganz gut, dass sie so weit entfernt von Hannover lebte. So kam mein Stiefvater wenigstens nicht in Versuchung, sich an dem von ihm so geliebten jungen Gemüse zu vergreifen. Bei meinen seltenen Deutschlandbesuchen blieb es nicht aus, dass ich zu der Meinung kam, dass unsere Beziehung keine Zukunft hatte. Außerdem musste ich meine wenige Landgangszeit immer zwischen meiner Mutter und meiner Geliebten teilen. Wobei die große Entfernung zwischen den beiden noch hinzukam. Ich war aber fair genug, meiner Geliebten die Trennungsabsichten mitzuteilen. Kann man sich mein Erstaunen vorstellen, als ich nach einer Guatemalareise im Seemannsheim von Rotterdam-Schiedam im Rezeptionsbereich meine Geliebte sitzen sah? Sie hatte über meine holländische Reederei erfahren, wann und wo ich demnächst anzutreffen sei. Der Zweck ihrer weiten Reise war die Tatsache, dass sie mir mitteilen wollte, dass sie von mir schwanger sei. Na toll! Meine Erziehung sagte mir, dass ich die Frau nicht mit einem Kind von mir hängen lassen konnte. War sie mir gut genug gewesen, mit ihr mein Ver­gnü­gen zu haben, so konnte ich sie doch nicht mit dem Kind sitzen lassen. Ihr Ex Mann saß im Knast und sie musste schon mit ihren beiden Kindern vom Sozi leben. Sie wohnte mit ihren beiden Kindern in einer Wohnsiedlung in Bochum-Harpen, dessen Adresse man besser nicht bei einer Neu­einstellung in einem Betrieb nannte. Es war ganz schlicht und einfach ein Ghetto. Die Politik hatte schon immer eine Vorliebe dafür gezeigt, Minderbemittelte zuhauf in eine bestimmte Gegend abzuschieben. Auf dem Flur, wo sie sich mit ihren beiden Kindern ein Zimmer teilte, lebten noch zwei ältere Schwestern, auch in einem Zimmer, sowie ein Ehepaar, welches sich ebenfalls ein Zimmer mit ihren zwei Kindern teilte. Alle drei Mietparteien teilten sich eine Küche und eine Dusche. Wer gerade kochen oder duschen wollte, musste groschenweise die Gasuhr füttern. Und so lebten alle Bewohner der etwa 15 Häuser in diesem Stadtviertel. Um dem zu erwartenden Kind einen ehrlichen Namen zu geben, meldeten wir uns beim Standesamt an. Zwei Stunden nach unserer Trauung, saß ich auch schon wieder im Zug, um meiner Arbeit auf dem Schiff nachzu­kommen.

Schon wenige Monate nach der Geburt meines ersten Sohnes setzte ich auch schon den nächsten an. Die gerade erst in Umlauf gekommene Pille war noch relativ unbekannt. Meiner Frau brauchte man ja auch nur ein paar Herrenpantoffel vors Bett zu stellen und schon war sie schwanger.

Bei der Geburt meines ersten Sohnes hatte ich gerade Urlaub, konnte somit selbst die Hebamme alarmieren und bei der Geburt Handreichungen machen. Nachdem das gesunde Baby da war, vergrub ich die Nachgeburt gegenüber dem Haus, wo es zur Welt gekommen war. Ein paar Jahre noch musste auf diesem Kornfeld das Getreide besonders gut gewachsen sein. Später stand dort eine riesige Wohnsiedlung. Bei der Geburt meines zweiten Sohnes hatte ich der Seefahrt bereits mit schwerem Herzen Adieu gesagt, mich in Bochum um eine neue Stelle bemüht. Mein derzeitiger Chef hatte im Stadtteil Langendreer ein Hochhaus bauen lassen. Dieses Hochhaus schenkte er seinem Sohn zu seinem 21. Geburtstag. In mein Lebensbuch dagegen stand geschrieben, dass ich erst mit 25 meine erste eigene Wohnung mit Familie beziehen konnte. In der 14ten von insgesamt 16 Etagen vermietete mir der Sohn eine Dreizimmerwohnung. Fahrstuhl und Müllschlucker inklu­sive. Natürlich wehrte ich mich jetzt erst recht nicht gegen Überstunden. Hatte ich doch eine Fami­lie zu versorgen. Meine Frau mitarbeiten? Wie denn, bei vier Kindern? Dadurch ging mir ein Teil meiner Rentenansprüche verloren. Schon mal was von Versorgungsausgleich gehört? Daran kön­nen Sie leicht erkennen, dass diese Ehe nicht von Bestand war. Während ich mich darum bemühte, unsere sechs Mäuler satt zu bekommen und deshalb bis zu 16 Stunden am Tag außer Haus war, war meine Frau mit dem Versorgen der Kinder nicht ausgelastet. Na ja, dass ich nach solch langen Arbeitstagen auch nicht immer meinen Mann stehen konnte, kann der eine oder andere Leser vielleicht nachvollziehen? Wohnte ich näher an Dortmund heran, so befand sich meine Arbeits­stelle in genau in der entgegengesetzten Richtung Essen. Für ein Auto reichte mein Verdienst bei weitem nicht. Also waren Bahn und Bus angesagt. Das Haus der Hochzeiten, wie meine Arbeits­stelle im Volksmund genannt wurde, weil wir jedes Jahr mehr als 300 Hochzeiten ausrichteten, brachte es mit sich, dass ich immer erst spät in der Nacht nach Hause kam. Meine Frau erkundigte sich immer geflissentlich, wann denn mit meinem Heimkommen zu rechnen sei. Bei Hochzeiten dauerte die Arbeitszeit sehr oft bis in die frühen Morgenstunden. Vor allem dann, wenn ich für die jeweilige Party als Chef de Rang[9] eingeteilt war. Das hieß dann, dass ich bis zur Abrechnung und dem anschließenden Aufräumen bleiben musste. Demnach stand mein Dienstplan fest, wovon immer eine Kopie zu Hause lag.

Das Schicksal wollte es so. Eine flambierte Eisbombe war immer der Höhepunkt eines Hochzeits­menus. Meist war schon Mitternacht vorbei, wenn nach dem vier, fünf oder sechs Gänge-Menu das Licht im Hochzeitssaal ausgeschaltet wurde, nur noch die Tischkerzen ein anheimelndes Licht im Saal verbreiteten. Gleichzeitig wurde die Schallplatte mit dem Hochzeitsmarsch aufgelegt und mehrere Kellner betraten den Raum mit einer flambierten Eistorte. Im Gänsemarsch und im Gleich­schritt mit dem Vorlegebesteck den Takt zur Musik klappernd bewegten wir uns auf das Hochzeits­paar zu. Jeder Kellner kannte seinen Platz, wo er anzufangen hatte, anhand der bereits vorge­schnit­tenen Tortenteile. Beim Brautpaar angekommen beugten sich alle Kellner vor, um gleichzeitig mit dem Vorlegen zu beginnen. Diese Zeremonie wurde stets von den anwesenden Gästen aus­giebig beklatscht. Ich nehme an, dass es auch in der Nacht so ablief, wo ich durch einen blöden Unfall daran gehindert wurde, meine Arbeit planmäßig zu beenden. Die vom Patissier vor­bereitete Eistorte wurde immer in eine Eistruhe gestellt. In der Regel hatten die Köche längst Feierabend, wenn der Akt mit der Hochzeitstorte vollzogen wurde. So holten wir Kellner uns die Torten selbst aus der Küche. An diesem schicksalsträchtigen Tag bewegte ich mich wohl ein bisschen zu hektisch in der Küche. Die Küche, die erst am frühen Morgen gründlich gereinigt wurde, schwamm um diese Mit­ternachtszeit vor verspritztem Fett auf dem gefliesten Fußboden. Ein Kellner bewegt sich auch ganz anders als ein Koch. Außerdem haben Köche auch ganz anderes Schuhwerk an. Wäh­rend ich nun mit meinen ledersohlenbehafteten Schuhen Richtung Kühltruhe renne (wegen des Zeitdrucks renne ich mal eben!), rutsche ich prompt aus. Da die Öfen in einem Gaststättenbetrieb immer eine Anzahl von Zentimetern Luft bis zum Fußboden haben müssen, wegen der Hygiene, knallte mein linker Fuß gegen die Trittleiste und unter den Ofen. Gegen diesen Schmerz war ein Beinbruch gar nichts. Die starke Prellung ließ mich vergessen, ob ich nun Männlein oder Weiblein war. Mein Chef hatte diesen Vorfall zufällig gesehen. Sofort war er bei mir, wollte mir aufhelfen. Zusehends schwoll mein Fuß an. Um Schlimmeres zu verhüten, löste er meine Schnürsenkel am Schuh. Er bestellte auf seine Kosten ein Taxi für mich. Eigentlich sollte ich damit ja zum Kranken­haus fahren. Ich dagegen wollte so schnell wie möglich nach Hause, um mir bei meiner Familie Trost zu holen und lieber einen Notarzt nach Hause kommen lassen. Statt eines Notarztes aber war kurz darauf ein Polizei­arzt in Begleitung einer Horde Polizisten in unserer Wohnung. Wieso das denn? Werden Sie sich jetzt fragen.

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Fußnoten

[1] Stadtwald in Hannover, https://de.wikipedia.org/wiki/Eilenriede

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Lysistrata

[3] Bananenjager, die weißgemalten schnellen Kühlschiffe https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_seem%C3%A4nnischer_Fachw%C3%B6rter_(A_bis_M)

[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Turku

[5] Die Schreibweise von Dieter Schulz wurde beibehalten. Wer sich für die von westlichen Ländern gestützten kleptokratischen Politiker interessiert, mag den Links folgen. Die Personen stehen leider nicht nur für sich, sondern für die immer noch aktuellen Machtverhältnisse, denen wir die wohlverdiente Völkerwanderung verdanken.

Mobutu Sese Seko Kuku Ngbendu wa Zabanga (geboren als Joseph-Désiré Mobutu; * 14. Oktober 1930 in Lisala, Provinz Mongala, Belgisch-Kongo; † 7. September 1997 in Rabat, Marokko) war von 1965 bis 1997 Präsident der Demokratischen Republik Kongo (von 1971 bis 1997: Zaire). Mobutu herrschte in einer der längsten und korruptesten Diktaturen Afrikas. https://de.wikipedia.org/wiki/Mobutu_Sese_Seko

[6] Joseph Kasavubu (auch Kasa Vubu) (* 1910 – andere Angaben 1913, 1915 oder 1917 – bei Tschela; † 24. März 1969 in Boma) war von 1960 bis 1965 der erste Präsident der Demokratischen Republik Kongo. https://de.wikipedia.org/wiki/Joseph_Kasavubu

[7] Patrice Émery Lumumba (* 2. Juli 1925 in Katako-Kombé; † 17. Januar 1961 in der Provinz Katanga) war ein kongolesischer Politiker und von Juni bis September 1960 erster Premierminister des unabhängigen Kongo (zuvor Belgisch-Kongo, 1971 bis 1997 umbenannt in Zaïre, heute Demokratische Republik Kongo). https://de.wikipedia.org/wiki/Patrice_Lumumba

[8] Daran hat sich nichts geändert. Noch heute werden für die Arbeit von Strafgefangenen keine Sozialabgaben abgeführt. Dabei würde das zur „Resozialisierung“ hinzugehören.

[9] Ein Chef de Rang ist in der Hierarchie eines Serviceteams dem Maître d’hôtel (Restaurantleiter, Restaurant Manager) und dessen Stellvertreter (Assistant Restaurant Manager) unterstellt. In deren Abwesenheit ist er verantwortlich für den reibungslosen Ablauf des Service und somit dem Demichef de rang und dem Commis de Rang überstellt. Um diese Tätigkeit ausüben zu können, werden üblicherweise eine Ausbildung im Hotel- und Gastgewerbe und mehrere Jahre Berufserfahrung gefordert. Darüber hinaus müssen Beschäftigte in der Gastronomie eine Bescheinigung über die Belehrung gemäß Infektionsschutzgesetz besitzen. In der Regel werden auch fundierte Fremdsprachenkenntnisse erwartet. https://de.wikipedia.org/wiki/Chef_de_Rang

Warum überlassen unsere Kirchen den Kinderschutz ausgerechnet den Gegnern von Religion?

»Zum fünften Jahrestag des „Kölner Urteils“ legen Dr. iur. Ralf Eschelbach (Richter am Bundesgerichtshof), Prof. Dr. med. Matthias Franz (Universitätsklinikum Düsseldorf) und Prof. Dr. iur. Jörg Scheinfeld (Universitäten Mainz und Wiesbaden) [auf Anfrage der Giordano-Bruno-Stiftung] ein gemeinsames Papier vor, in dem sie die zentralen Argumente der Beschneidungsdebatte zusammenfassen und die Parlamentarier nachdrücklich zum Handeln aufrufen. Ihr Text zeigt auf, dass die Politiker bei der Verabschiedung des Beschneidungsgesetzes von fehlerhaften Informationen ausgingen und dazu verleitet wurden, eine Einsicht zu ignorieren, die in einem modernen Rechtsstaat selbstverständlich sein sollte, nämlich dass der Intimbereich von Jungen ebenso unverfügbar sein muss wie der Intimbereich von Mädchen.«[1]

Die vorgelegte Expertise führt nicht nur die schon bekannten Einwände gegen die Beschneidung von Jungen auf, sondern resümiert auch neuere Erkenntnisse, die belegen, auf welch unsicherer Grundlage die Entscheidung unserer Volksvertreter vor fünf Jahren gefallen ist. Doch neben der sattsam bekannten Wirtschaftslobby übt auch eine nicht weniger unselige Religionslobby Einfluss auf die Abgeordneten aus, der auch in einer repräsentativen Demokratie aus rechtstaatlichen Gründen korrigiert werden muss. Die Kinder und ihr Schutz gehören ins Grundgesetz. Religionsvorbehalte müssen nachrangig bleiben.

Übrigens: Die meisten Leser dieses Blogs haben ihre persönliche Antwort auf meine Frage in der Überschrift. Kinderschutz spielte schon in den damaligen kirchlichen Einrichtungen keine Rolle. Demütigungen und Misshandlungen waren an der Tagesordnung. Die Phalanx von Staat und Kirchen sorgte unter der regulierenden Hand von Antje Vollmer am Runden Tisch dafür, dass es keine einklagbaren Entschädigungen für erlittene Kindesmisshandlungen geben sollte. Am Runden Tisch haben die Kirchen die Chance versäumt, Glaubhaftigkeit zurückzugewinnen.

Wen wundert es also, dass sie beim Thema Beschneidung nicht auf Seiten der Kinder stehen?

[1] https://www.giordano-bruno-stiftung.de/meldung/eschelbach-franz-scheinfeld-beschneidung

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XXIV

logo-moabit-kDieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit,

die keine Kindheit war

 

 

 

Vierundzwanzigstes Kapitel

Von einer Knechtschaft zur nächsten.

Ich also schnurstracks zu dem nur wenige Kilometer entfernten Ort, wo meine Mutter wohnte, um mich als Bäckerlehrling zu bewerben. Meine Güte, roch das gut in der Back­stube, wo mich mein zukünftiger Lehrherr hinführte, um mir meinen eventuellen Arbeits­platz zu zeigen. Ein Unterschied wie Tag und Nacht zwischen dem Schweinestall- und Kuh­stallgeruch, den ich bisher eingeatmet hatte. Hinzu kam noch, dass ich 80 Mark im Monat erhalten sollte. Hatte ich mich schon von der ersten zur zweiten Stelle um 100% verbessert, so sollte es nochmal um 100% getoppt werden. Eine Schlafkammer unter dem Dach-juchhe war ich ja schon längst gewohnt. Ich fand nichts dabei, auch hier wieder so unter­gebracht zu werden. Ich hatte zwar in der Bild-Zeitung gelesen „Lehrling gesucht – Einhei­rat geboten“, dass also Lehrlinge damals sehr gesuchte Menschen waren, hatte aber noch nicht den Weitblick. Deshalb griff ich mit beiden Händen bei diesem Angebot sofort zu. Ich konnte meine Mutter wieder entlasten und mir eine Perspektive schaffen. Mich störte es gar nicht, dass ich auf meinem Bett liegend durch die Ritzen der Dachpfannen das Profil der schon längst ausgefahrenen Fahrwerke der zur Landung ansetzenden Flugzeuge auf dem Flughafen Hannover-Langenhagen genau erkennen konnte. Ich fand dies eher als span­nend. Die Geräusche? Na ja, daran gewöhnt man sich genauso wie an den Gestank eines Bauernhofes.

Morgens um halb sechs – kaum früher als beim Bauern – wurde ich höflich von einem der beiden Söhne meines Lehrherrn geweckt. Meist hatte ich dann noch ein paar Minuten Zeit bevor die ersten fertigen Brötchen aus dem Backofen gezogen wurden. Derweil wurde ich angewiesen, die im heißen Fett schwimmenden Krapfen, auch Berliner genannt, umzudre­hen, wenn dann von beiden Seiten fertig auf eine Kanüle zu stecken, einen Hebel herunter zu ziehen, womit die Berliner mit Marmelade gefüllt wurden. Die fertigen Brötchen wurden dann von einem der beiden noch schulpflichtigen Söhne und mir in diverse Tüten gefüllt. Darauf stand dann etwa Müller, Meier, Schmidt oder sonst ein Name. Diese Tüten wie­derum wurden schön der Reihe nach in einen weißen Leinenbeutel gelegt. Die beiden Lei­nen­beutel wurden mir rechts und links an den Fahrradlenker gehängt. Und los ging’s. Ich lernte zunächst die Strecke und die dazugehörigen Häuser und Namen kennen, an deren Türen wir dann in die dort hängenden Beutel jeweils die abonnierten Brötchen legten. Nach etwa einer Woche kannte ich alle Namen meiner Brötchentour auswendig, und die Söhne konnten eine Stunde länger schlafen. Ich dagegen wurde mit einer eigens für mich installierten Klingel zum Dienstantritt geweckt. Nach der privaten Brötchentour war Früh­stück angesagt. Gleich danach wurde mir ans Fahrrad ein geschlossener zweirädriger Anhänger angekuppelt. Mit dem vollgepackten Anhänger belieferte ich einige Tante-Emma-Läden mit frischen Brötchen. Zweites Frühstück! Derweil waren auch schon Brote gebacken. Mein Anhänger wurde wieder vollgepackt und ich brachte diese auch zu den Vertragshändlern. Und danach gab es schon wieder einen Anhänger voll Brote. Diesmal war jedes einzelne Brot mit Seidenpapier umhüllt, auf dem der jeweilige Name des Empfän­gers stand. In weitem Umkreis fuhr ich die Brote spazieren und lief Trepp auf Trepp ab, um den Privatkunden ihre Bestellungen direkt zu liefern. Manche davon bezahlten in bar, andere beglichen ihre Rechnung im Laden. Die Barzahler waren mir am liebsten. Fiel doch dabei in den meisten Fallen ein Trinkgeld für mich ab.

Natürlich wusste mein Meister nichts davon.

Diese Tätigkeit gefiel mir weitaus besser als die Schinderei beim Bauern. Zumal ich auch in der Regel schon gegen 16 Uhr mit meiner Arbeit fertig war und nicht erst bei Sonnen­unter­gang. Zu dem Trinkgeld hatte ich schnell heraus, wie ich mir noch einen zusätzlichen Nebenverdienst verschaffen konnte. Hin und wieder kam es vor, dass mich Leute im Haus ansprachen, wo ich gerade Brot auslieferte, ob ich nicht zufällig ein Brot zuviel dabei hätte. So könne man sich den weiten Weg zum Bäcker sparen. Schon bald hatte ich mir so einen persönlichen Kundenkreis erschlossen. Natürlich wusste mein Meister nichts davon. Zwei, drei Brote mehr in den Anhänger gepackt und mein Monatsverdienst verdoppelte sich schon. Nach der Haushalts-Brot-Tour war Mittagessen im Familienkreis angesagt. Blie­ben nur noch die inzwischen gebackenen Kuchen rechtzeitig zur Kaffeezeit zu den Kleinhändlern zu bringen, und dann war auch schon fast Feierabend. Gegen 14 Uhr hatten Meister, Geselle und die anderen Lehrlinge ihre Arbeit in der Backstube beendet. Na ja, die waren ja auch schon in der Nacht gegen 2 Uhr aufgestanden. Mir blieb es überlassen, die Kuchenbleche, diverse Maschinen, die es damals schon gab, und die Backstube selbst zu reinigen. Meist blieb mir noch Zeit, die vorgefertigte Rohmasse per Hand zu Streuseln zu verarbeiten. Als ich mal versuchte vor meinem Meister zu verbergen, dass ich an den süßen Sachen naschte, grinste dieser nur und meinte, dass ich mir nur keinen Zwang antun solle. Irgendwann hätte auch ich mich daran sattgefressen.

So weit, so gut. Als ich in der Berufsschule so von Gleichaltrigen erfuhr, was sie schon alles gelernt hatten, fragte ich mich, später auch meinen Meister, warum ich immer nur als Laufbursche arbeiten musste, anstatt in der Backstube etwas von der eigentlichen Materie zu lernen. Da wurde dieser ziemlich böse. Er meinte, dass sich vorläufig an meinem Status nichts ändern würde. Schließlich verdiene ich ja gutes Geld bei ihm und einen anderen hätte er nicht, der meine Arbeit verrichten könne. Jeder Hilfsschüler könne meine Arbeit über­nehmen, sagte ich ihm daraufhin. In der Folgezeit herrschte beim ersten und zweiten Früh­stück und am gemeinsamen Mittagstisch eisiges Schweigen. Ich fand diesen Zustand als unerträglich. Ich beschwerte mich in der Berufsschule und beim AA. Man riet mir zum Arbeitsgericht zu gehen. Da ich nun aber schon die Dreimonatsfrist überschritten hatte, wo man ein Lehrverhältnis ohne Angabe von Gründen auflösen konnte und ich mich eben an das Arbeitsgericht gewand hatte, zeigte mein „Lehrherr“ seine bösartige Seite.

Peng! Schon hatte ich meine zweite Vorstrafe im Bundeszentral­register.

Ich bekam eine Einladung, mich an einem bestimmten Tag zu einer bestimmten Stunde bei der Kripo einzufinden. Dort wurde mir dann eröffnet, dass eine Anzeige wegen Diebstahls gegen mich vorliege. Mein Arbeitgeber hatte angegeben, dass ihm an dem und dem Tag Geld aus der Wech­selkasse im Laden abhanden gekommen sei. Im Laufe der Zeit, wo noch alles zwischen uns in Ord­nung war, hatte ich natürlich auf Nachfrage nach meinem Woher meine Vor-Lebensge­schichte erzählt. Na und? War es daher nicht naheliegend, dass ein Bengel, der Jahre in einem Heim für Schwererziehbare zugebracht hatte, auch einen Diebstahl beging? Peng! Schon hatte ich meine zweite Vorstrafe im Bundeszentral­register. Die erste war zustande gekommen, als ich im Dunkeln mit dem Fahrrad fahrend von der Polizei angehalten wurde. Weil ich mit einer defekten Hand­bremse und fehlendem Rücklicht unterwegs war, bekam ich eine Stunde Verkehrsunterricht bei einem Richter, 10 Mark Geldstrafe UND einen Wochenendarrest aufgebrummt. Diesmal waren es schon vier Wochenendarreste. Bei meinem Verkehrsunterricht stand ich nicht alleine vor dem gestrengen Richter. Vier weitere arme Tröpfe standen neben mir. Zwei Mädchen und zwei Jungs. Bei den Mädchen hatte die eine ihre Freundin auf dem Gepäckträger mitfahren lassen. Und der eine Junge hatte seinen Freund auf der Fahrradstange mitgenommen. Wir alle erhielten die glei­che Strafe. Soll ich Ihnen mal was sagen? Bei dem heutigen Strafvollzug, hätte ich lieber vier Wochen an meine letzte zehnjährige Haftstrafe drangehängt, als auch nur einen Wochenendarrest abzubüßen, wie es damals praktiziert wurde.

18 Monate Haft

Etwa 16 Jahre später verschaffte ich mir Genugtuung für diese zu unrecht erhaltenen vier Wochen­endarreste. Mit meiner Freundin über das Frühlingsfestgelände in Hannover schlendernd erkannten mich am Lüttje Lage[1] Stand die beiden Söhne meines ehemaligen Bäckermeisters wieder. Ich wurde eingeladen einen mitzutrinken. Bei der einen Runde blieb es dann auch nicht. Mit steigen­dem Alkoholspiegel wurden die beiden immer redseliger bei der Aufarbeitung unserer gemein­samen Zeit. So wurde ich dann auch noch ausgelacht dafür, dass ich im Knast gelandet war. Schließ­lich hatte ihr Vater den Falschen verdächtigt, die 20 Mark aus der Wechselkasse gestohlen zu haben. Weil ihr Vater immer so geizig gewesen sei beim Taschengeld, sie aber doch schon sehr früh hätten mitarbeiten müssen, hätten sie sich dafür aus der Wechselkasse bedient und just zu eben diesem jährlich stattfindenden Frühlingsfest getragen. Die beiden besoffenen Typen merkten gar nicht, was sie damit anstellten. Mir blieb die Luft weg vor lauter Empörung darüber, wie lässig die beiden über die Sache sprachen. Vor Wut kochend krallten sich meine Hände in ihre pracht­vollen Haarschöpfe und knallten deren Köpfe mit ziemlicher Wucht zusammen. Dafür handelte ich mir einen weiteren Eintrag in das Bundeszentralregister nebst 18 Monaten Haft ein.

Keiner kann mir nachsagen, ich wäre nicht gewillt gewesen, mich an das kapitalistische System anzupassen. Ich hatte für wenig Geld bei Wind und Wetter beim Bauern geschuftet, ebenso hatte ich mich mit Fahrrad nebst Anhänger bei jedem Wetter über Kopfsteinpflaster und unbefestigte Rad- und Feldwege gequält, um meinem Meister sein Vermögen zu vermehren. Und? Was war der Dank? So langsam wurde ich erwachsen, begann darüber nachzudenken, wie ungerecht auf der Welt die Macht und das Geld verteilt waren. Natürlich bildete ich mich vorwiegend durch die BILD…..!

Meiner Mutter auf der Tasche zu liegen war nicht mein Ding.

Ich war gehalten, mich wieder so schnell als möglich um einen neuen Broterwerb zu kümmern. Mit 15 war ich manns genug, mich selbst zu versorgen. Meiner Mutter auf der Tasche zu liegen war nicht mein Ding. Sie hatte lange genug dafür gesorgt, dass ich meine Windeln vollscheißen konnte und uns Kinder durch die Kriegszeit geschleppt, uns die schwere Zeit danach auch irgendwie am Kacken gehalten. Jetzt wollte ich ihr zeigen, dass sie mir wenigstens ihren Fleiß vererbt hatte.

Bei meinen Stadtausflügen war mir mal ein Schild in der Brüderstraße aufgefallen. Darauf stand, dass die NVG (Niedersächsische Verfrachtungsgesellschaft) Schiffsjungen suchte. Schiffsjungen? Hatte ich nicht mal darüber gelesen, dass die Besatzung eines Schiffes immer auch an Bord schlief? Nach vier Tagen, ich hatte in Parks geschlafen, fiel mir dieses Schild wieder ein. Eine halbe Stunde später, nachdem ich mich dort vorgestellt hatte, hatte ich auch schon wieder einen Lehrvertrag unterschrieben. Der Schiffskapitän war froh, seine Reise mit einer vorgeschriebenen Mannschafts­stärke fortsetzen zu können. Im Bugraum, gleich neben dem Ankerkasten, gab es eine kleine Kajüte, die ich mir mit dem Matrosen teilen musste.

Auch mein neuer Job auf dem Schleppkahn war mit Knochenarbeit und wenig Schlaf verbunden. Es gab weder Samstag noch Sonntag. Wenn des Nachts zufällig ein Kran frei und unser Schiff gerade dran war, dann mussten wir eben auch des Nachts ran. Zumindest wurden die Über­stun­den ganz gut bezahlt. Einschließlich Nacht- und Sonntagszuschläge. Während der Kapitän am Heck des Schiffes eine fast schon als luxuriös zu bezeichnende Wohnung und seine mitreisende Frau besaß, mussten wir uns da vorne im Schiff selbst versorgen. Ob nun auf dem Mittellandkanal, wo meine Reise begann, Rhein und Weser oder Elbe, überall wurden wir von schwimmenden Kauf­manns­läden versorgt. Unsere Hauptmahlzeiten bestanden in der Regel aus Bratkartoffeln mit Speck und Eiern, Erbsen- oder Linsensuppen aus der Dose oder auch einfach nur aus Puddingsuppen aus der Tüte.

Wie schon früher im Heim begann mir eine Hasskappe zu wachsen.

Der Matrose, eigentlich auch nur Lehrling im dritten Jahr, zeigte mir wo es lang geht. Als ich ein­mal in einer Schleuse das Drahttau nicht ordnungsgemäß nachführte, welches oben an einem Poller befestigt war und unten am Kahn ebenfalls um einen Poller lief, hatte ich noch nicht das richtige Gefühl entwickelt. Und so riss das Tau mit einem Knall, und der Kahn kam ganz schön ins schaukeln. Mit viel Glück entging ich meiner Enthauptung durch das durch die Luft schwirrende Metalltau. Beinahe hätte ich mir in die Hose gemacht. Als Lehrling darf man doch schon mal einen Fehler machen, oder? Pustekuchen! Mit Gebrüll kam der Möchtegern-Matrose vom hinteren Ende des Kahnes, wo er die gleiche Funktion wie ich vorne verübte, die ganzen 60 Meter angeschossen und knallte mir eine, dass mir Hören und Sehen verging. Etwa eine Stunde später legte der Schlepp­verband von insgesamt fünf Kähnen zur Nachtruhe an einer der dafür vorgesehenen Uferböschung an. Mit immer noch brummendem Schädel von dem hefti­gen Schlag meines Vorgesetzten stieg ich die steile, schmale Treppe zu unserer Unterkunft hinab. Nach Ansicht des älteren nicht flott genug. Er hatte es etwas eiliger als ich. Er trat mir ein­fach auf den ohnehin immer noch schmerzenden Kopf. Das trug natürlich nicht gerade dazu bei, mir Sympathien für ihn aufkommen zu lassen. Zumal er mich schon einige Male, wenn er mich mal bei einem Landgang mitgenommen hatte, um mich mit den jeweiligen Lokalitäten der Stadt bekannt zu machen, mich regelmäßig die Zeche zahlen zu lassen. Dabei verdiente er schon weitaus mehr als ich im ersten Lehrjahr. Er machte sich bei mir auch nicht gerade beliebter, indem er sich gerne an meinen Vorräten vergriff. Wie schon früher im Heim begann mir eine Hasskappe zu wachsen. In Duisburg/Ruhrort schlug er dem Fass den Boden aus. Schmiss er mich doch mitten in der Nacht aus unserer gemeinsamen Kajüte raus, weil er mit einer aufgegabelten Tussi alleine sein wollte. Ich brauche wohl nicht zu erwähnen, dass er bedeutend besser ernährt war. Kurz, – er war ein Kerl wie ein Baum.

Platsch, da schwamm er auch schon im schönen Rhein.

Seine Größe nutzte ihm allerdings nicht viel. In der kalten Novembernacht in Duisburg draußen auf dem Vordeck hatte ich Rache geschworen. Bei den BASF-Werken bei Leverkusen hatte unser Kahn irgend so eine Chemikalie gelöscht. Der ganze Kahn war von dem Feinstaub grau überzogen. Unsere Aufgabe war es nun, das ganze Schiff mit einem Wasserschlauch abzuspritzen. Ich auf der einen Seite, er auf der anderen. Ich schwöre, es geschah völlig unabsichtlich, dass mein Vormann dabei einen Wasserstrahl von mir abbekam. Doch dieser cholerische Typ sah darin einen gewoll­ten Angriff meinerseits. Mit einem mir bestens bekannten Wutgebrüll rannte er auf der 40 Zentime­ter breiten Gangway um den Kahn auf mich zu. Was das bedeutete konnte ich mir denken. Rund um das Schiff waren an den Seiten in regelmäßigen Abständen lange Staken angebracht. Diese dienten dazu, den Kahn von einer Kaimauer abzuschieben oder aber, wenn man sich zu früh von dem Motorschlepper abgeseilt hatte und der Schwung nicht mehr ausreichte dort anzukommen, wo es vorgesehen war, dann half man eben mit kräftigem Schieben mit den etwa vier Meter langen Staken nach. Man konnte sich auch näher an einen Ort heranziehen. Am Ende befanden sich näm­lich eiserne Haken und Spitzen. So eine Stange nahm ich nun zur Hand, weil ich einfach keine Lust darauf hatte, mir eine erneute Kopfdröhnung von dem Kerl verpassen zu lassen. In seiner Rage merkte der Typ viel zu spät, was ich da in der Hand hatte. Jedenfalls war es nicht mehr der Wasser­schlauch. Auf der eisernen Gangway mit nassen Gummistiefeln zu bremsen war einfach unmög­lich. Er rannte direkt in meine „Hellebarde!“ Und, platsch, da schwamm er auch schon im schönen Rhein. Allerdings war das Rheinwasser kein Wein. Vielmehr um diese Jahreszeit auch noch ziemlich kalt. Sein Overall, darüber eine Kunstfell gefütterte warme Jacke und die Gummistiefel erleichter­ten nicht gerade seine Schwimmbemühungen. Noch bevor er ins Wasser klatschte, hatte ich auch schon mein Gehirn wieder eingeschaltet. Ich rannte nach Achtern, löste das Beiboot und wriggte (wriggen bedeutet mit nur einem Ruder das Boot vorwärts zu bewegen) hinter meinen Arbeits­kolle­gen hinterher. Hinterher deshalb, weil die Strömung ihn abtrieb. Beinahe wäre auch ich noch in den Rhein gestürzt. Bei dem Versuch den mit Wasser vollgesogenen Kerl aus dem Rhein ins Boot zu ziehen, drohte das leichte Boot zu kentern. Endlich wieder an Bord hatte er ganz was anderes zu tun als mich zu verprügeln. Ich habe noch nie eine Frau gesehen, die ihre Lippen so schön blau geschminkt hätte, wie die von meinem Matrosen.

 

Meiner Mutter Haare wurden mit ihren gerade mal 37 Jahren noch ein bisschen weißer als sie ohnehin schon waren.

 

Während dieses Vorfalls war unser Schipper natürlich nicht anwesend. Er war gerade in der Hafen­meisterei, um irgendwelche Frachtpapiere zu erledigen. Dennoch hatte er unterwegs schon von dem Vorfall gehört. Irgendwelche Gaffer hatten ihm schon alles brühwarm erzählt. Da ich als fast blutiger Anfänger leichter zu ersetzen war als ein schon fast vollwertiger Matrose, hatte natür­lich ich die Schuld und die Konsequenzen zu ziehen. War ja klar, dass zwischen uns keine Liebe mehr ent­stehen würde. Meine Fahrkarte nach Hannover musste ich natürlich von meinem Ersparten selbst kaufen. Das Büro in Hannover, wo ich meine Papiere und meinen Restlohn abholen sollte, hatte längst die Polizei eingeschaltet. Anstelle von Lohn und Papiere bekam ich 21 Monate Jugendknast aufgebrummt. Meiner Mutter Haare wurden mit ihren gerade mal 37 Jahren noch ein bisschen weißer als sie ohnehin schon waren.

Im Knast durfte ich dann in meiner Zelle Bindfäden in Preisschilder von C & A für 50 Pfennige am Tag einfädeln. In dem Alter hatte mich die Nikotinsucht noch nicht gepackt und an Bohnenkaffee hatte ich mich auch noch nicht gewöhnt. So hatte ich mir dann am Ende meiner Haftzeit 87 Mark zusammengespart. Eine Bücherei wie im heutigen Knastalltag gab es damals noch nicht. Es war gar nicht daran zu denken, in die Bibliothek zu gehen und sich Bücher auszusuchen. Man bekam einmal in der Woche Bücher vor die Türe gelegt. So round about 800 Seiten. Egal, ich verschlang alles was kam.

Meine Mutter hatte inzwischen Willy geheiratet, war in eine etwas größere Gartenlaube gezogen, wo die beiden fleißig daran bastelten, daraus ein Wohnhaus zu machen. Eine kleine Kammer, wo ich schlafen konnte, hatte meine Mutter für mich nach meiner Entlassung parat. Die brauchte ich aber nicht sehr lange. Ich bemühte mich schnell wieder um Arbeit. Und die bekam ich von einem ganz lieben Angestellten vom Arbeitsamt. Ich lernte nunmehr einen Beruf, der direkt auf mich zuge­schnitten schien. Zunächst ging es ja immer noch darum das ich bei meiner Arbeitsstelle eine Unter­kunft bekam. Was lag diesmal näher als mich als Kellnerlehrling zu bewerben? Da ich zu damaligen Begriffen nicht gerade den Eindruck eines Bauernlümmels machte wurde ich auch ange­nommen.

In dem heute immer noch erzkonservativen Hotel[2] lernte ich alles von der Pieke auf, was einen guten Kellner ausmacht. Filieren, Tranchieren übers Flambieren am Tisch, bis hin vieles über Wein­kunde. Uns wurde untersagt, vor dem Gast zu lächeln, weil der (Neureiche-)Gast sich ausgelacht fühlen könnte. Anstatt in schweren Klamotten und nach Stall riechenden Gummistiefeln herum zu laufen, trug ich eine vom Hotel gestellte Livree. Ich lernte Umgangsformen der gehobenen Gesell­schaft und auch sehr viel Prominenz aus Wirtschaft, Politik und Showbusiness kennen. Weil ich aber mitten im Lehrjahr eingestiegen war, hätte ich eigentlich dreieinhalb Jahre lernen müssen. Mein zuständiger Lehrlingsausbilder aber meinte, dass ich schon nach zweieinhalb Jahren das Zeug dazu hätte, die Prüfung zu bestehen. Er meldete mich demnach auch zur Prüfung an. Und ich ent­täuschte ihn nicht. Mit einer Durchschnittsnote von 2,2 bestand ich meine Prüfung so, wie schon früher mein Versetzungszeugnis in die 8. Klasse in der Heimschule in Dönschten aussah. Abgeschlossen habe ich meine Lehre in Hamburg, da unser Betrieb trotz aller Konservativität schon ganz modern eingestellt war. Jeder Kochlehrling musste einige Monate im Service arbeiten, dafür ging jeder Kellnerlehrling die gleiche Zeit in die Küche, um dem Gast besser erklären zu können, wie z.B. eine bestimmte Soße zubereitet sei. Hinzu kam dann als krönender Abschluss, dass das Hotel in Hannover für drei Monate Lehrlinge mit einem ebenso renommierten Hotel in Hamburg austauschte.

Dort lernte mich auch mein zukünftiger Chef kennen. Vom Fleck weg engagierte mich der Besitzer des Landungsbrücken Cafes nach Beendigung meiner Lehre. Als Gast in dem Hause, wo ich arbei­tete, hatte er mich bei der Betreuung meiner Gäste beobachtet und Gefallen an mir gefunden. Er besorgte mir eine Wohnung. Besser gesagt war es eine Art WG. Ein schwuler ehemaliger Ballett­meister vermietete einzelne Zimmer an ausschließlich junge Burschen. In den beiden Zimmern stan­den jeweils zwei doppelstöckige Betten. Von der Sternschanzenstraße bis zu den Landungs­brücken konnte ich den Weg zu meiner Arbeit bequem zu Fuß gehen. Doch als mir die Annä­he­rungs­versuche meines Vermieters zu bunt wurden, suchte ich mir eine andere Bleibe. Die bekam ich dann auch von einem unserer Stammgäste in Groß Flottbeck angeboten. Zwar hatte ich dadurch einen weiteren Weg, war aber in der möblierten Kellerwohnung endlich mal nicht nur not­dürftig untergebracht. Hatte ich mich nun schon seit drei Jahren vorbildlich in der Gesellschaft integriert, ohne besondere Vorkommnisse, und konnte meiner Mutter beim Ausbau ihrer Garten­laube zum Wohnhaus auch noch finanziell unter die Arme greifen, machte die Musterung alle meine Zukunftspläne zunichte.

„Aha, Kaiser sein Geburtstag! Verpflichtet ja eigentlich zur Marine, äh?“

Nach den üblichen Körperchecks stand ich vor der eigentlichen Prüfungskommission. Alle ausschließlich altgediente Berufsoffiziere. Der Obermacker in der Mitte sitzend schob sich ein Monokel vors Auge. „Hm, äh, Tauglichkeitsgrad 1!“ In meiner Akte blätternd weiter: „Aha, Kaiser sein Geburtstag! Verpflichtet ja eigentlich zur Marine, äh?“ Bei dieser Gelegenheit erfuhr ich, dass ich am gleichen Tag Geburtstag hatte wie der letzte Deutsche Kaiser. Seine Vorliebe für die Marine sollte mich demnach dazu verpflichten, dort meine 18 Monate abzudienen? Konnte ja wohl eh nichts daran ändern. Also verschlug es mich auf die Insel Sylt. Kaum war die Grundausbildung been­det, ich auch schon zum Gefreiten befördert, las ich am Schwarzen Brett, dass man Freiwillige, allerdings mit der nötigen Qualifikation für die Fallschirmjäger in Fürstenfeldbruck suche. Ich ließ mich erneut checken. Und siehe da, man fand mich für geeignet. Der Sold war etwas höher. Hinzu kam noch eine kleine Gefahrenzulage für jeden Absprung. Der Haken an der Sache war aller­dings, dass ich mich, wollte ich zu dieser Eliteeinheit, für 4 Jahre verpflichten musste. Und ich lebensunerfahrener Bursche von gerade mal 19 Jahren unterschrieb. Nachdenklich über das, was ich mir hiermit eingebrockt hatte, wurde ich erst, als ich im Urlaub ehe­malige Arbeitskollegen traf, die es irgendwie geschafft hatten, sich vor der Wehrpflicht zu drücken. Im Tanzcafe bestellten die großkotzig Roten Krimsekt, während ich unter dem Tisch meine paar Kröten zählte, ob es wohl noch für eine Cola reichen würde. Ich begann zu begreifen, was ich mir da selbst eingebrockt hatte. Aussteigen aus dem Vertrag war nicht drin. Es gab eigentlich nur eine Möglichkeit: Untauglich fürs Fallschirmspringen zu werden. So nahm ich mir dann fest vor, bei einem meiner nächsten Absprünge ein Bein zu brechen. Vom Wollen bis zur Ausführung, da liegen Welten dazwischen. Zwar hatte ich mir schon beim Schifahren mal ein Bein gebrochen, hatte es zunächst gar nicht so recht registriert. Bis ich aufstehen wollte und der Schmerz bis ins Gehirn hochschoss.

„Tja, mein Junge, das war es dann wohl!“

Bevor es überhaupt zum ersten Absprung kam hatte man alles gelernt, was zu vermeiden war, so dass man es im Schlaf hersagen konnte. Vor dem ersten Absprung träumte ich sogar die Hand­griffe und Handlungen, die mich sicher wieder auf den Boden brachten. Inzwischen hatte ich schon über 30 Absprünge ohne jedwede Komplikation absolviert. Immer wenn ich es mir bewusst vor­nahm, heute passierts, nahm doch die bereits vorhandene Routine Besitz von meinen Bewegungen. Schließlich war ich dann doch zu feige, meine Gedanken in die Tat umzusetzen. Irgendwie aber hatte sich der Gedanke an sich irgendwo im Hinterstübchen festgesetzt. Ich hatte den Gedanken schon längst ad acta gelegt, als es dann doch wie von selbst passierte. Während der ganzen Zeit der Luftfahrt hatte ich keinen einzigen Gedanken daran verschwendet. Doch als ich mich wie gewohnt nach vorne werfen wollte, um mit meinen Unterarmen die Seile runterdrücken wollte, um das Aufblähen des Fallschirms zu verhindern, wehte an diesem Tag auch noch ein Lüftchen von etwa 3; ich konnte mich nicht wie gewohnt mit den Füßen abstoßen. Dafür verspürte ich den gleichen Schmerz unter der Schädeldecke wie schon bei meinem Schiunfall.

Die im weiten Umkreis verteilten fernglasbewaffneten Beobachter hatten sofort erkannt, was mit mir los war. In einer Staubwolke eingehüllt kam ein Jeep neben mir zum Stehen. „Tja, mein Junge, das war es dann wohl!“ kommentierte der Offizier, der kurz meine Beine abgetastet hatte. Ein Bein alleine hätte ja auch schon gereicht. Aber nein, Schulz musste sich gleich beide Beine brechen.

Meinen Wehrpass mit dem neuen Vermerk, dass ich nur noch zur Ersatzreserve 2 gehörte, bekam ich dann noch am Krankenbett ausgehändigt. Nicht alleine dass ich mit dem doppelten Beinbruch untauglich geworden war, im Notfall mein Vater(?)land zu verteidigen, sondern die im Kranken­haus durchgeführte Röntgenuntersuchung meiner Lunge. Was wusste ich schon davon, was die drei Buchstaben TBC zu bedeuten hatten? Bisher unentdeckt hatte ich mit die „Motten“ mit herumge­schleppt, die inzwischen schon drei Kavernen in meine Lunge gefressen hatten.

Von wegen nach einer paar Wochen wieder ins Berufsleben einsteigen.

Inhaltsverzeichnis _Inhaltsverzeichnis
Fußnoten

[1] Eine Lüttje Lage ist ein im Raum Hannover verbreitetes Mischgetränk aus dem speziellen obergärigen Lüttje-Lagen-Schankbier und Kornbrand. Eng verbunden mit der Lüttje Lage ist eine spezielle traditionelle Trinkweise. https://de.wikipedia.org/wiki/L%C3%BCttje_Lage

[2] Nach mündlicher Mitteilung von Dieter Schulz handelte es sich um das beste Hotel Hannovers: Kastens Hotel in der Luisenstraße https://www.kastens-luisenhof.de/

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XXIII

logo-moabit-kDieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit, die keine Kindheit war

Dreiundzwanzigstes Kapitel

Dies hier war bestimmt nicht die Vorstellung von meiner ersehnten Freiheit.

Ich glaubte ebenfalls an eine bessere Zukunft, als die mir von meinem Vater zugedachte, biss also in den sauren Apfel, setzte mich am folgenden Montag in aller Herrgottsfrühe zu meinem Vater aufs Motorrad und fuhr mit ihm zum Arbeitsamt nach Stade. Damals war so ein Arbeitsamt noch ganz anders strukturiert. Wir gingen einen langen Gang entlang (daran jedenfalls hat sich nichts geändert) und hielten vor einer Türe neben der ein Schild angebracht war, worauf stand, dass sich hier Bewerber für die Land und Forstwirtschaft melden könnten.

Dem zuständigen Sachbearbeiter konnte ich ansehen, dass er ein wenig irritiert war, als mein Vater ihm vortrug, dass er für seinen Sohn eine Stelle als Knecht bei einem Bauern suche. Mit Kennerblick hatte der Vermittler sofort erkannt, dass dieses Vorhaben meines Vaters seinen Sohn loszuwerden auf Probleme stoßen könnte. Sodann erklärte dieser mei­nem Vater die Tarifsituation für diese Branche.

Laut Tarif konnte er vom Bauern neben freier Kost und Logis DM 40 für mich verlangen. Vorsichtshalber, wahrscheinlich wissend, dass nicht gerade viele Bauern erpicht darauf waren so einen kleinen Wicht wie mich in ihre Dienste zu nehmen, gab er meinem Vater gleich vier Adressen von Landwirten, die Bedarf an einem Landwirtschaftsgehilfen ange­meldet hatten. Mit seinem Weitblick hatte der AA Angestellte genau richtig gelegen. Kaum hatte mein Vater bei dem jeweiligen Bauern gesagt, woher und warum wir bei ihm vor­spra­chen, zeigten die auf einmal, nach einem einzigen Kennerblick auf meine mickrige Person, gar kein Interesse mehr daran, jemanden einstellen zu wollen. Irgendwie kam meinem Vater die Erleuchtung, woran es wohl liegen mochte, dass plötzlich kein Interesse mehr vorlag, einen neuen Knecht einzustellen.

Wie Sauerbier angeboten

Bei der vierten und letzten Adresse mussten wir laut Auskunft der Bäuerin noch kilometer­weit aufs Feld fahren, um dem Herrn des Hofes selbst die Entscheidung zu überlassen. Es hatte dann gleich mehrere Gründe, warum ausgerechnet die letzte Adresse ein Volltreffer für meinen Vater wurde. Zum einen bot er mich wie Sauerbier an. Mein Vater meinte nämlich, dass für mich 20 Mark im Monat neben der freien Kost und Logis im ersten Jahr ausreichen würden. Das war für den Bauern natürlich ein gutes Argument. Zum anderen, wie ich sehr schnell selbst erfahren sollte, war er als Leuteschinder verrufen. So etwas sprach sich bei den stellen­wech­seln­den Knechten in weitem Umkreis schnell herum. Und da gerade die zweite Heuernte sowie die Kartoffellese im vollen Gange waren, ließ dieser sich breitschlagen, mich in seine Dienste zu nehmen.

Bildete ich mir das bloß ein oder hörte ich tatsächlich einen Riesenbrocken von Stein von meinem Vater abfallen? Schon am Sonntag schien mein Vater sich sicher zu sein, mich bei einem Bauern abschieben zu können. Dem einzigen Dorfkrämerladen, wo man außer Lebens­mittel auch über eine Nähnadel bis hin zum Anzug alles erstehen konnte, kaufte er mir für meinen Start ins Berufsleben drei buntkarierte Hemden, wie sie derzeit in Mode waren. Vor allem bei den Knechten. Des Weiteren eine braune Cordhose nebst einer Schlosserjacke und ein paar Gummistiefel. Die Gummistiefel waren unerlässlich. Musste man doch Kuh und Schweineställe ausmisten. Für meine Freizeit bekam ich noch eine blaue Manchesterjacke und eine blaue Stoffhose. Die Stoffhose war derart gestaltet, dass man unten am Bund ein Band hatte, womit man diese fahrradgerecht zusammenziehen konnte. Aber auch als chicke Ausgehhose war sie geeignet. Mit zwei Druckknöpfen konnte man sehr schnell eine Umschlaghose daraus gestalten. Socken und Unterwäsche bekam ich aus seinen Beständen. Für alles zusammen zahlte er genau 126 Mark.

„Du kannst mir ja die Ausgaben nach und nach zurück­zahlen!“

Als er mich am Dienstag bei dem Bauern ablieferte und sich von mir verabschiedete, mir den Asbach-Uralt-Koffer mit den neuen Sachen in die Hand drückte, meinte er: „So jetzt wirst du dein eige­nes Geld verdienen. Kannst mir ja die Ausgaben vom Sonntag nach und nach zurück­zahlen!“ Nachdem er Abseits noch eine Weile geredet hatte, verabschiedete er sich mit den Worten: „Du wirst nun jeden zweiten Sonntag deinen freien Tag haben. Du kannst dann gerne zu uns nach Ahlerstedt kommen, weil ich dann ja auch zu Hause sein werde!“ Ich bekam eine Dachkammer zugewiesen, in der sich neben meinem Bett noch so einiges altes Pferdegeschirr und anderer Plunder befand. Toll! Das Plumpsklo, mit ausge­sägtem Herzchen versteht sich, befand sich ca. 30 Meter vom Haus entfernt. Tagsüber fand ich vor lauter Eingespanntsein im Arbeitsprozess kaum Zeit, mein großes Geschäft zu erledigen. Hörte oder sah man mich nicht bei der Arbeit, einschließlich des Vaters und der Mutter des Bauern, die sich allerdings schon auf dem Altenteil befanden, rief man auch schon laut nach mir. Deshalb überkam es mich fast immer des Nachts, dass sich mein Darm zu ent­leeren wünschte. Nach ein paar Tagen schon bekam ich am Frühstückstisch zu hören, wohin es mich denn des nachts immer treiben würde. Regelmäßig verrieten mich die knarrenden Holztreppen, wenn ich mich auf den langen Weg machte. Das Bauernpaar fühlte sich in der Nachtruhe gestört. Schließlich musste ich an ihrem Schlafzimmer vorbei. Auch dort knarrten die Holzdielen. Also was tun um die Herrschaften nicht im Schlaf zu stören? Ich nahm mir alte Zeitungen mit aufs „Zimmer“ und schmiss eben meine Scheiße im hohen Bogen aus dem Fenster. Aber auch darüber regten sie sich fürchterlich auf. Hin und wieder ging der Alt­bauer mit seinem Rechen durch den Vorgarten und fand den „Salat“, den ich nicht weit genug bis aufs nächste Feld geworfen hatte. Dass ich schon in jungen Jahren Hämor­rho­iden am Arsch hatte, liegt wohl daran das ich mir dort monatelang mit der Drucker­schwärze mit Bleigehalt den Hintern abwischen musste. Denn als Toilettenpapier hing im besagten „Häuschen“ immer nur zerschnittenes Zeitungspapier.

Mein Tag sah in der Folgezeit so aus: Bei Sonnenaufgang mit dem Fahrrad manchmal kilo­meterweit auf die Weide fahren. Rechts und links am Lenker eine 20 Liter Milchkanne. Auf dem Rückweg waren sie natürlich voll. Während der Bauer gleich mit dem Melken begann, reinigte ich zuerst den Wassertrog, um dann mit der Handpumpe wieder Wasser aufzufüllen. Danach schaffte ich noch ein bis zwei Kühe zu melken. Erst nach dieser Tätig­keit gab es das erste Frühstück. Schweine füttern war angesagt, bevor wir zur Heuernte rausfuhren.

Mir tun noch heutzutage sämtliche Knochen weh, wenn ich nur daran denke was für Arbei­ten damals noch angesagt waren. Es gab ja bei weitem noch nicht die Maschinen, die heute einem Landwirt zur Verfügung stehen. Was ein Bauer damals mit mehreren Knechten und Mägden schaffte, macht er heute Dank seines Maschinenparks spielend alleine. Ja, natürlich mussten die Kühe auch am Sonntag gemolken werden. Morgens und abends. Und wenn das Wetter danach war, fuhr man anschließend noch ins Heu oder rutschte auf den Knien auf dem Kartoffelacker entlang, um die Knollen in einen Drahtkorb zu sam­meln. Mein eigentlich freier Sonntag, alle 14 Tage wie vom Vater ausgehandelt, bestand darin, dass ich natürlich erst noch die Kühe mit melken musste, danach Schweine­ställe ausmisten. Und da gerade die Äpfel reif waren, musste ich schnell noch das Fallobst im riesigen Garten aufsammeln und natürlich den kopfsteingepflasterten Hof mit einem selbst­gebauten Reisigbesen blitzblank fegen. Dann durfte ich endlich das betriebseigene Fahr­rad (Vorkriegsmodel) dazu benutzen, um die 12 Kilometer zu meinem Vater zurücklegen zu können.

Mein fürsorglicher Vater: „Du willst doch nicht etwa deinen Bauern die Kühe am Abend alleine melken lassen!?“

Das Gute an dem sonntäglichem Mittagessen bei der neuen Familie meines Vaters war, dass es immer Fleisch gab. Das Beste allerdings, die vorher nie gekannte Götterspeise mit Vanillesoße. Vollgepropft mit den leckeren Sachen meiner Stiefmutter saßen wir dann noch etwa bis zu zwei Stunden draußen im Garten. Dann gab es noch Kuchen und Kakao. Und schon hieß es von Vaters Seite: „So mein Junge, du machst dich jetzt besser auf den Weg. Du willst doch nicht etwa deinen Bauern die Kühe am Abend alleine melken lassen!?“ Mein Vater machte nicht den Eindruck, als würde er Widerspruch dulden. Und der Bauer? Der nahm es ohne ein Dankeswort als selbstverständlich hin, dass ich auch meinem freien Sonntag zum Melken antanzte.

Ein einziges persönliches Vergnügen gönnte ich mir während der drei Monate, wo ich in sei­nen Diensten stand. Abgesehen davon, dass ich mir jeden Tag für 10 Pfennige eine Fünfer­packung Storck Riesen gönnte, durfte ich mir aus dem überall auf dem Hofgelände verstreute alte Fahrradteile zusammensuchen. Mit Traktoröl und Benzin entfernte ich den Vorkriegsrost, kaufte mir von dem Taschengeld (den vollen Lohn bekam ich nie) eine Lampe und Farbe fürs Fahrrad. An einem Sonntag fuhr ich in das drei Kilometer entfernte Kutenholz. Ein etwas größeres Dorf, wo in einer Scheune Filme vorgeführt wurden. Ich wusste das Kinder bis 14 nur den halben Preis zahlten. Also machte ich einen auf jung. Ich zog meine kurze Hose an, mit der ich aus dem Osten getürmt war. Dazu ein Nickihemd und Söckchen. Keiner zweifelte an, dass ich noch unter 14 sei. Ich bekam anstandslos eine Eintrittskarte für 50 Pfennig und wurde auch damit eingelassen. Von der eingesparten ande­ren Hälfte leistete ich mir für 40 Pfennig noch ein Domino-Eis. Mein erster Film im Westen. Welcher Film war eigentlich ganz egal. Nur werde ich dieses Ereignis natürlich nie vergessen. Ebenso wenig den Titel. „Mädchenjahre einer jungen Königin“ mit Romy Schneider.[1]

Kaum ein Muskel, den ich nicht schmerzhaft verspürte, wenn ich mich abends, kurz nach Sonnenuntergang, ins Bett legte. Oft genug verfluchte ich den Tag, an dem es mir nun doch gelungen war in den „Goldenen Westen“ zu gelangen. Dies hier war bestimmt nicht die Vorstellung von meiner ersehnten Freiheit. Schon Ende Oktober brannte bei mir eine Sicherung durch. Bei allen guten Vorsätzen, dem Vater ein guter, gehorsamer Sohn zu sein, den er lieben konnte, konnte ich es nicht mehr aushalten. Nicht die schwere Arbeit an sich und die langen Arbeitszeiten waren es. Vielmehr die Ungerechtigkeit, die mir zuteil wurde.

Da hatte ich auch schon mein Arbeits­verhältnis auf diesem Hof gekündigt.

In der Scheune wurde eine Leihdreschmaschine aufgebaut. Angetrieben wurde das Ungetüm mit einem meterlangen Keilriemen, der wiederum vom hofeigenen Trecker mit einem Schwungrad angetrieben wurde. Die im Sommer mühsam aufgeschichteten Korn­bündel wurden nun auf die Maschine geworfen. Der kräftig gebaute Bauer stand auf der Dreschmaschine, zerschnitt mit einem Ratsch den Bindfaden, und lockerte das Bündel selbst etwas auf, damit alles schön gleichmäßig in die Walze gleiten konnte. Eine ver­gleichs­weise Kinderarbeit im Gegensatz zu dem, was er an diesem besagten Tag von mir verlangte. Er selbst stand oben auf dem Garbenstapel, warf die Bündel zu seinem Vater herunter, der diesmal das Einführen der Garben in die Maschine übernommen hatte. Ich dagegen sollte die fast zwei Zentner schweren, mit Korn gefüllten Säcke zu einem Anhän­ger schleppen. Ich, der ich selbst mal kaum einen Zentner wog. Es kam wie es kommen musste. Kaum hatte ich, meinen guten Willen zeigend, den ersten Sack geschultert, da torkelte ich auch schon mit dem Sack los. Ich kam gerade mal drei bis vier Schritte weit, da stürzte ich auch schon lang hin. Der Sack war noch nicht einmal zugebunden. So ergoss sich das Korn auf den betonierten Scheunenboden. Während ich mich aufzu­rappeln versuchte, hörte ich hinter mir den Altbauern wütend brüllen und dann schlug auch schon neben meinen Ohren die zweizinkige Forke auf dem Beton auf, die er nach mir geworfen hatte. Einer der dabei aufstiebenden Funken traf auch noch meine Wange. In diesem Augenblick hatte ich auch schon mein Arbeitsverhältnis auf diesem Hof gekündigt. Vorerst allerdings nur für mich im Stillen. Konnte ich doch nicht so ohne weiteres abhauen. Ich hatte bisher keinerlei Papiere und auch nur noch 1 Mark 40 in der Tasche. Ich wartete den kommenden Sonntag ab. Schon am Samstag versteckte ich meinen Pappkoffer einem Gebüsch an der Gartengrenze. Nach meinen üblichen Sonntagsarbeiten bat ich den Bau­ern um 5 Mark von meinem Lohn. Meiner Rechnung nach hatte ich noch ein Gut­ha­ben von 38 Mark bei ihm. Er gab mir vier Mark. Mehr hatte er nicht im Portemonnaie. Mit der Frage, was ich bloß immer mit meinem Geld machen würde, trennte er sich von den paar Kröten. Nachdem er durch mein Verschwinden eine ansonsten willige Arbeitskraft verloren hatte, behauptete er meinem Vater gegenüber, ich hätte ihm vom Küchenschrank 40 Mark geklaut. Und das hat mein Vater bis zu seinem Tode auch geglaubt.

… und machte mich auf den Weg zu meiner Mutter

Ich glaube dagegen, dass der Bauer niemals auch nur annähernd soviel Geld im Hause hatte. Selbst der rollende Kaufmann, der über die Dörfer fuhr bekam nie bares. Ich konnte beobachten, dass er einmal im Monat diesem einen Scheck gab. Als ich von dieser infa­men Lüge erfuhr, hätte ich ihm am liebsten seinen Hof abgefackelt. Doch dann habe ich mir überlegt, dass er dabei höchstens noch seinen Reibach machen würde durch die Ver­sicherungssumme. So befestigte ich dann am Sonntag mit geklautem Bindfaden mei­nen Pappkoffer auf dem Gepäckträger meines selbst zusammengebasteltes uralt-Fahrrads und machte mich auf den Weg zu meiner Mutter nach Hannover. Dorthin hatte es sie ver­schla­gen, nachdem der Platz bei ihrer Schwester noch weniger wurde. Denn diese erwartete mit ihren 49 Jahren noch einmal ein Baby.

In etwa kannte ich die Richtung, wo es nach Hannover ging. Dabei musste ich auch noch quer durch das Dorf, in dem mein Vater wohnte. Weder jemand aus der Sippe meiner Tante, noch derer, die jetzt zu meinem Vater gehörten, trieben sich an diesem Sonntag auf der Straße herum. So konnte ich meine Fahrt unerkannt und ohne irgendwelche erfunde­nen Ausreden fortsetzen.

Bisher kannte ich Hannover nur insofern, dass wir bei unserer Einreise in die BRD in Han­no­ver umsteigen mussten. In Hamburg mussten wir wieder umsteigen. Ganz schön über­müdet standen wir dann knapp 24 Stunden, nachdem wir unsere Wohnung in Leipzig ver­lassen hatten, in der Stadt, wo die Hunde mit dem Schwänze bellen sollten[2] wieder auf einem Bahnsteig und warteten auf den Schienenbus, der uns nach Harsefeld bringen sollte. Mutter und Willy kannten ja diese Reiseroute bereits von den vorherigen Fahrten. Mir kam sie endlos vor. Nach Harsefeld ging es ja noch auf Schienen vorwärts. Dann aber hatten wir noch einige Kilometer Fußmarsch vor uns. Wie schon erwähnt erreichte am Samstag gegen 14 Uhr der letzte Bus das Kuhkaff Ahlerstedt. Kurz vor dem Mittagessen überraschten wir dann meine Tante mit unserem Erscheinen. Die Wegstrecke nach Hannover, die ich mit meinem Fahrradesel bewäl­ti­gen wollte, kannte ich nur ungefähr. Ich hatte mir die größeren Ortschaf­ten gemerkt nach denen ich mich richten wollte. Zeven, Rotenburg/­Wümme, Visselhövede……. [3] ahlerstedt-hannoverWas wusste ich schon davon, dass es da eine Bundes­straße 3 gab, nach der ich mich hätte richten können.

Als wollte der liebe Gott mich zur Besinnung rufen, mir einen Fingerzeig geben, dass ich wieder umkehren sollte, ließ er zunächst alle paar Kilometer meine Fahrradkette abspringen. Und, die Abstände, wo sich dieses Malheur wiederholte, wurden immer kürzer. Heute, mit 86 wüsste ich, wie ich dieses Problem hätte beheben können. Theoretisch zumindest. Damals jedoch plagte ich mich alle paar hundert Meter damit herum, die Kette wieder auf den Zahnkranz zu bekommen.

Dann dauerte es aber doch noch vier Monate, bis ich endlich Hannover erreichte.

Ich hatte keine genaue Vorstellung davon wieviele Kilometer Hannover von Klein Aspe ent­fernt war. Später, diese Strecke mit dem Auto abgefahren, waren knapp 200 Kilometer auf meinem Tacho. In meinem 14jährigen Dummkopf zu damaliger Zeit hatte ich geglaubt, mit einer Übernachtung in irgendeiner Scheune auszukommen. Dann dauerte es aber doch noch vier Monate, bis ich endlich Hannover erreichte. Schuld daran war mein ver­ma­le­deites Fahrrad. Irgendwo zwischen Visselhövede und Walsrode ging gar nichts mehr. Meine heimlich eingepackten zwei Schnitten Brot und die paar Äpfel hatte ich längst ver­zehrt. Abgesehen von dem aufkommenden Hunger begann sich der Oktoberabend anzu­zeigen. So kam es mir sehr zupass, dass mir im nächsten Dorf ein Schild ins Auge fiel, worauf zu lesen war, dass hier eine Dorfschmiede war und auch Trecker sowie Fahrrad­handel betrieben wurde. Der Händlername deckte sich mit dem Namen am Türschild im Nebenhaus. So suchte ich dort um Hilfe nach. Obwohl Sonntagabend hörte sich der Mann, der die Türe öffnete, mein Begehren an. Nachdem er sich angehört hatte, was meine Reise behinderte, bat er mich in die Wohnung. Dort musste ich dann schon etwas weiter ausholen. Der versammelten Familie das Wie und Warum erklären.

Um es abzukürzen: eine knappe halbe Stunde später hatte ich schon wieder einen neuen Job. Der Dorfschmied hatte seinen Jüngsten schräg gegenüber zu einem Bauern geschickt. Mit dem Bauern im Schlepptau kam er wieder zurück. Ein paar Minuten später war ich bei dem als Knecht eingestellt. Da ich schon etwas bei seinem Vorgänger von der Landwirt­schaft gelernt hatte, ich also kein blutiger Anfänger mehr war, ich mich außerdem um ein Jahr älter gemacht hatte (Papiere hatte ich ohnehin keine) wurde ich mit einem Monats­verdienst von 40 Mark plus freie Kost und Logis eingestellt.

Ich bekam auch hier wieder eine Dachkammer zugewiesen. Allerdings etwas freundlicher eingerichtet als die vorige, mit Toilette im Haus. Auch brauchte ich mich hier nicht mehr mit demnachkriegsgeld Schlauch zu duschen, wo eigentlich täglich die Milchkannen ausgesetzt wurden. Ist der Name: Auf der Heide, eigentlich adelig? Während ich mich gar nicht mehr an den Ortsnamen erinnern kann, wo ich die folgenden vier Monate mein Leben mit Schwerst­ar­beit fristete, ist mir dieser Name meines Brötchengebers im Gedächtnis haften geblieben. Ohne darum nachfragen zu müssen, bekam ich hier an dem Tag, wo ich einen Monat bei ihm war, meinen vereinbarten Lohn ausge­zahlt. Ein Faible von ihm war mir jedes Mal 20 Zweimarkscheine[4] auf den Tisch zu zählen.

Der Schwerpunkt meines ersten Bauern sein Geld zu verdienen, war die Milchwirtschaft und der Kartoffelanbau, während auf der Heide intensive Schweinezucht betrieben wurde und man dazu noch im Winter mit Rückepferden[5] in den Wald fuhr. Dazu aber nahm er nur seinen ältesten Sohn mit, während der 19jährige mit mir den Hof schmeißen musste. Wer jetzt glaubt, im Winter gäbe es in der Landwirtschaft nichts zu tun, der irrt gewaltig! Im Gegensatz zu heute, wo es für alle Viecher Fertigfutter gibt, wurde damals noch alles per Handarbeit zubereitet. Während der Weidezeit versorgten sich ja die Kühe selbst. Aber im Winter mussten sie gefüttert und ausgemistet werden. Die riesige Schweinezucht brachte viel Knochenarbeit mit sich. Dafür aber konnte ich auf diesem Hof jede Woche einmal richtig baden. Dazu brauchte ich nur den großen Kessel gründlich zu reinigen, in dem ich sonst immer das Schweinefutter kochte, mit einem Schlauch Wasser hineinlaufen lassen, und den Ofen anzuheizen, und schon konnte ich ein warmes Vollbad nehmen. So komfor­tabel hatte ich vorher noch nie gebadet. In Ostpreußen, gab es im Sommer immer genü­gend Bäche oder kleine Flüsschen zum Baden. Im Winter trieb unsere Mutter uns in den Schnee hinaus, worin wir uns ausgiebig wälzten. Danach rubbelte sie uns mit einem sau­beren Kartoffelsack wieder warm. Vor allem waren wir danach auch immer rot wie ein gekochter Krebs.

Im Januar 1956 bekam ich zum ersten Mal einen Fernseher zu Gesicht. Hatte sich die Familie selbst zum Weihnachtsgeschenk gemacht. Da ich immer ins Wohnzimmer gebeten wurde, wenn Lohntag, war sah ich eben diesen Fernseher.

An den Wochenenden wurde nur das Allernötigste getan. So hatte ich dann auch noch Kraft, mir ein paar Groschen als Kegeljunge dazu zu verdienen. Außerdem bekam ich vom Bauern noch jedes Mal eine Mark, wenn ich ihm eine tote Ratte brachte, die ich selbst getö­tet hatte. Die meisten tummelten sich am frühen Morgen im Schweinestall. Wenn ich auf Zack war, traf ich eine mit meiner Mistforke.

Während dieser vier Monate nahm mich der jüngere Sohn auf seinem Motorrad mit ins nächste größere Dorf zu einem Tanzvergnügen. Als ich mal alleine dorthin wollte, landete ich mit meinem Fahrrad auf der stockdunklen Straße im Straßengraben. Der Graben war ebenso wie die Straße mit Schnee bedeckt, so dass ich den Weg gar nicht so recht erken­nen konnte. Unter der Schneedecke allerdings war der Graben mit Wasser gefüllt. Das ich mir daraufhin eine Weiterfahrt zum Tanzvergnügen verkniff, kann wohl jeder nachvollzie­hen?

Die Kaltherzigkeit des Bauern machte mir zu schaffen.

Warum ich diesen relativ guten Arbeitsplatz auch schon wieder nach vier Monaten verließ? Nicht weil der Winter 55/56 besonders kalt und die Arbeit zu hart für meinen kleinen Kör­per war, war ausschlaggebend. Genau an meinem Geburtstag, bekam unsere Hofhündin Junge. Ich hatte das Geschöpf schon immer während der kalten Tage bemitleidet. War sie doch bei jedem Wetter draußen an ihre Hundehütte gekettet und brachte dort auch ihre Jungen zur Welt. Die Kaltherzigkeit des Bauern machte mir zu schaffen. Er befahl mir die Welpen zu erschlagen und im Misthaufen zu verbuddeln. Meine Einwände wurden nicht zur Kenntnis genommen. Schweren Herzens kam ich dem Befehl nach. Es brach mir das Herz, als ich mitansehen musste, wie die Hündin ihre Jungen suchte und sie dann schließ­lich auch erschnüffelte und wieder ausbuddelte. Damit konnte ich nur noch knapp einen Monat mit leben. In etwa vier Kilometer Entfernung gab es einen Bahnhof. Und siehe da, kurz vor Mitternacht hielt dort ein Zug. Dorthin schleppte ich dann auch in einer kalten Febru­arnacht meinen Koffer. Auf dem Weg dahin begegnete mir zu allem Übel auch noch der jüngste Sohn des Bauern. Doch zu meiner Überraschung verstand er meine Beweg­gründe und auch meine Sehnsucht nach meiner Mutter. Er half mir sogar noch beim Kof­fer­tragen und wünschte mir alles Gute am Bahnhof.

Auf technischem Gebiet eine Niete.

Meine Mutter hatte am Stadtrand von Hannover ebenfalls Arbeit bei einem Bauern gefun­den. Eigentlich gab es zu der Zeit genügend Arbeit. Aber der Wohnungs­mangel …! Dieser Wohnungsmangel brachte es auch mit sich, dass ich beim Arbeitsamt nach einer Stelle nachsuchte, wo ich gleichzeitig eine Unterkunft hätte. Nachdem der Angestellte mich ein­gehend gemustert hatte, war er auch der Meinung, dass ich für eine Beschäftigung bei einem Bauern nicht die richtigen Vorraussetzungen mitbrachte. Just an dem Tag fand im AA Hannover ein Test statt, um herauszufinden, wofür sich ein Schulabgänger besonders eignete. In diesem Test brachte man mich kurzerhand unter. Dabei stellte sich heraus, dass ich auf technischem Gebiet eine Niete war. Woher auch sollte ich davon Ahnung haben? Ich hatte ja nie einen Vater gehabt, der mir gezeigt hatte, welches Werkzeug man für die eine oder die andere Sache benötigte. Ich kannte bisher gerade mal eine Kneifzange, einen Hammer und einen Schraubendreher. Na ja, mit einer Säge und einem Beil konnte ich so leidlich umgehen. Mussten wir uns doch unser Feuerholz immer selbst besorgen. Nach Auswertung aller Testergebnisse, war man der Meinung, dass ich mich eher in kaufmännischer Richtung bewähren könnte. Aber welcher Lebensmittelhändler, Schuh­verkäufer bot schon eine Lehrstelle mit Unter­kunftsmöglichkeit an? Oh, da hätte man ja was, fand ein Sachbearbeiter in einer Kartei­karte. Ein Bäcker in Langenhagen suchte einen Bäcker und Konditorlehrling. Mit meiner Mutter Fahrrad machte ich mich sofort auf den Weg. Der Arbeitgeber meiner Mutter duldete es, dass sie mich für eine begrenzte Zeit in ihrem Zimmer aufnahm. Hatte er doch schon erlaubt, dass mein zukünftiger Stiefvater mit ihr das Zimmer teilte. Dazu muss man wissen, dass zu damaliger Zeit ganz andere Moral­gesetze herrschten. Der Bauer hätte leicht wegen des Kuppeleiparagraphen[6] vor Gericht gezerrt werden können, weil er einem unverheirateten Paar erlaubte, im selben Zimmer zu übernachten. Da meine Mutter aber eine gute Köchin war, die das Personal und die Fami­lie bestens zufrieden stellte und sich auch nicht scheute im Schweinestall auszuhelfen, drückte er beide Augen zu. Dass der Sohn dann auch noch eine Matratze benötigte, um im gleichen Zimmer schlafen zu können, hatten wir nur der human denkenden Bäuerin zu verdanken.

Fußnoten

[1] Das dürfte dieser Film gewesen sein: https://www.zweitausendeins.de/filmlexikon/?sucheNach=titel&wert=8977

[2] Buxtehude

[3] https://www.google.de/maps/dir/Ahlerstedt/Visselh%C3%B6vede/Hannover/@52.8842458,8.447339,8z/data=!3m1!4b1!4m20!4m19!1m5!1m1!1s0x47b1725839c2e6e9:0x6ac446883918da94!2m2!1d9.4504501!2d53.4031726!1m5!1m1!1s0x47b054c72650d97d:0x29f633eeee16153d!2m2!1d9.5841633!2d52.9868295!1m5!1m1!1s0x47b00b514d494f85:0x425ac6d94ac4720!2m2!1d9.7320104!2d52.3758916!3e1

[4] https://www.google.de/search?q=Zweimarkscheine&start=10&client=firefox-b&sa=N&tbm=isch&imgil=GMoPpQgZ2D3GSM%253A%253BtFCL56G3QHjfeM%253Bhttp%25253A%25252F%25252Fwww.gettyimages.de%25252Fdetail%25252Fnachrichtenfoto%25252Fbanknoten-die-es-nach-der-w%25252525C3%25252525A4hrungsreform-am-20-juni-nachrichtenfoto%25252F543815833&source=iu&pf=m&fir=GMoPpQgZ2D3GSM%253A%252CtFCL56G3QHjfeM%252C_&usg=__9lapMnw0_NcfwebmJBkxgI4udpU%3D&biw=1152&bih=540&ved=0ahUKEwjo-ouw4tHTAhXDcRQKHcslB6Y4ChDKNwg1&ei=ccYIWaj-JMPjUcvLnLAK#imgrc=GMoPpQgZ2D3GSM:

[5] Als Rückepferd bezeichnet man ein im Wald zum Holzrücken, also zum Verbringen von gefällten und entasteten Baumstämmen zum nächsten Waldweg bzw. Polterplatz, dem sogenannten Vorliefern, eingesetztes Pferd. https://de.wikipedia.org/wiki/R%C3%BCckepferd

[6] Bedeutung hatte der Kuppelei-Paragraph in Deutschland bis 1973. https://de.wikipedia.org/wiki/Kuppelei

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