Dierk Schaefers Blog

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XXVII

logo-moabit-kDieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit,

die keine Kindheit war

Siebenundzwanzigstes Kapitel

Raus aus’m Celler Knast

Obwohl inzwischen 36 Jahre vergangen sind, kann ich mich noch genau an den Wortlaut erinnern, der in diesem amtlichen Schreiben niedergeschrieben war. „Auf Ihr Schreiben vom … Antrag auf vorzeitige Haftentlassung ist die … Strafkammer des Landgerichts zu dem Beschluss gekommen … Im Falle, dass Sie der Strafkammer einen festen Wohnsitz und einen Arbeitsplatz nachweisen können, steht Ihrer vorzeitigen Entlassung nichts mehr im Wege“.

„Schulz, was hast du denn? Es hat doch geklappt. Also kein Grund so trübsinnig da zu sitzen!“ sagte der Beamte zu mir, nachdem er gelesen hatte, was ich herüber gereicht hatte. „Toll! soll ich jetzt eine Annonce in die Zeitung setzen? Zuchthäusler sucht Arbeit, damit er vorzeitig entlassen werden kann?“ fragte ich ihn. An seiner Äußerung erkannte ich wieder einmal, dass so ein Tür­schließer nicht von hier bis jetzt denken konnte. Über meine Aussage jedoch machte er sich doch tatsächlich Gedanken. Er schaute auf seine Uhr „Mensch Schulz, der Anstaltsleiter hat doch heute seine monatliche Sprechstunde, wo die Gefangenen angehört werden, die sich per Antrag bei ihm vorgemeldet haben!“ – „Na und ? Habe ich mich vorgemeldet, habe ich einen Termin?“ – „Warte! Ich versuche das hinzukriegen. Vielleicht kann ich dich da noch mit reinschieben!“ Er verschloss vorsorglich und gewissenhaft meine Zellentüre und eilte zum Telefon. Kurz darauf bei der Abend­brotausgabe strahlte er übers ganze Gesicht. „Geht klar, Schulz. Du kommst gleich zum Anstaltsleiter!“.

Ich bewundere das phänomenale Namensgedächtnis des Anstaltsleiters. „Was gibt es denn so Dringendes, dass Sie (er war der Einzige, der das „Sie“ vor den Namen eines Gefangenen setzte) mich so dringend zu sprechen wünschen?“ begrüßte er mich in seinem Amtszimmer. „Ich doch nicht! Mein Stationsbeamter war der Meinung, dass mein Anliegen dringend wäre!“ klärte ich ihn auf. „Gut, also was gibt es?“ Wortlos reichte ich ihm das Schreiben vom Gericht hin. Er überflog die wenigen Zeilen, obwohl ich davon überzeugt war, dass er davon eine Kopie oder ähnliches bereits selbst vom Gericht erhalten hatte und schaute mich an. Fragte: „Und? Wo Ist das Problem? Wie ich weiß, haben Sie ein gutes Verhältnis zu ihrer Mutter, wo Sie unterkommen können, sowie Ihre Freundin, mit der ich auch schon gesprochen habe! Und was die Arbeit angeht, sehe ich auch kein Problem. Sie haben von Ihrem letzten Arbeitgeber vor Gericht nur Lob erfahren. Wenn ich die Arbeitsmarktlage richtig sehe, dürfte es für Sie keine Schwierigkeiten geben, einen Arbeitsplatz zu finden!“ Auf seine Armbanduhr tippend meinte er nur noch: „Für heute dürfte es etwas zu spät sein. Aber wenn ich Sie morgen für drei Tage in Urlaub schicke, dürften Sie mir einen Arbeits­vertrag vorlegen können!“

So was war ja noch nie da gewesen. Ausgang und Urlaub zur Entlassungsvorbereitung war derzeit noch gar nicht vorgesehen und später auch nur über viele Formalitäten zu erreichen. Hier aber entschied der Anstaltsleiter ad hoc, dass ich am nächsten Tag schon Urlaub bekommen sollte. Und tatsächlich wurde ich am nächsten Morgen beim Aufschluss darauf aufmerksam gemacht, nicht zur Arbeit auszurücken, sondern mich gleich nach dem Frühstück auf der Asser­vatenkammer einzufinden, um mich zivil einzukleiden. Der Urlaubsschein liege bereits an der Pforte.

Hatte ich mich doch schon längst auf weitere 11 Monate in diesem Loch abgefunden, so kam diese Wendung für mich völlig überraschend. Ich hatte gar keine Zeit und Möglichkeit (meine Mutter hat bis zu ihrem Lebensende nie ein Telefon besessen), jemanden von meiner Ankunft zu unterrichten. Meine Mutter, die vom Gartenhäuschen bis zur Pforte einen Weg von gut 30 Metern zurückzulegen hatte, schlürfte mit müden Schritten und gesenktem Haupt in Richtung Gartenzaun ohne zu sehen, wem sie das Herausklingeln zu verdanken hatte. Auf halben Wege zur Garten­pforte, wo ich notgedrungen auf sie wartete, rief ich sie in freudiger Wiedersehenserwartung an. „Hallo Mutti, mach doch nicht so ein griesgrämiges Gesicht. Wir haben April, einen schönen Frühlingstag und dein Sohn kommt dich besuchen!“ Diese Ansprache hätte ich mir besser ver­kneifen sollen oder? Als meine Stimme in ihren Gehörgang eindrang, riss sie ihren Kopf hoch, blieb wie erstarrt mit weit aufgerissenem Mund und Augen auf dem Plattenweg, der zur Pforte führte, wie angewurzelt stehen. Wie sie mir später sagte, hätte sie geglaubt einen Geist in meiner Gestalt vor sich zu sehen. Vermutete sie mich doch sicher verwahrt hinter Gittern. Da meine Mutter vorläufig zu keiner Bewegung fähig war, kletterte ich notgedrungen über den Zaun. Anstatt des ansonsten üblichen Begrüßungsküsschens bekam ich nur jede Menge Tränenflüssigkeit in Höhe meines Schlüsselbeins aufs Hemd; wie oft in meiner Kindheit hatte meine Mutter MEINE Tränen trocknen, mich trösten müssen? Oh, wie stark und groß ich mich auf einmal fühlte, als ich meine Mutter auf meinen Arm gestützt ins Haus führen durfte. Ich konnte, wollte, ihren Gefühlsausbruch nicht unterbrechen. Wir saßen uns im Wohnzimmer noch eine ganze Weile, unsere Hände inein­ander verkrampft gegenüber, bis Mutter den Schock überwunden hatte. Dann aber kriegte sie sich wieder ein und machte sich Sorgen über mein leibliches Wohl.

Es war die Arbeitszeit, die viele Ehen zerstörte.

Herr Hundertmark, der Sachbearbeiter auf dem Gebiet der Gastronomie auf dem Arbeitsamt Han­nover, der mich schon seit meiner Lehrzeit kannte, zeigte sich erfreut darüber, mich mal wieder zu sehen. Auf seine Frage, wo ich denn so lange gesteckt hätte, antwortete ich ihm wahrheitsge­mäß. Er wusste es zu schätzen, dass ich ihm nichts vorlog, sondern die Wahrheit erzählte. Er meinte, dass er sich davon nicht freisprechen könnte, in meiner Situation nicht ebenso gehandelt zu haben. In den Anfängen der siebziger Jahre war es schwierig, noch richtige, gelernte Kellner zu vermitteln. Er zeigte mir eine Statistik, aus der hervorging, dass viel mehr Köche und Kellner bei dem VW-Werk oder bei Conti in Hannover als angelernte Arbeiter beschäftigt seien als den Gaststätten­betrieben zur Verfügung standen. Es war die Arbeitszeit, die viele Ehen zerstörte. Da ich mir aber geschworen hatte NIE mehr zu heiraten, ich meinen erlernten Beruf auch noch liebte, war es für mich keine Frage, ob ich dort weitermachen würde, wo ich zuletzt aufgehört hatte.

Herr Hundertmark hatte genügend freie Stellen zur Verfügung. Er riet mir allerdings, nicht unbe­dingt auf die Wahrheit großen Wert bei meiner neuen Einstellung zu legen. Deshalb auf solche Fragen nach dem letzten Arbeitsplatz vorbereitet, nahm ich mein Seefahrtsbuch zu meinem Vor­stellungsgespräch mit. Ich war ja, wie Sie sich noch erinnern können, ein cleveres Kerlchen. Auf die diesbezügliche Standardfrage, wo ich denn zuletzt gearbeitet hätte, wedelte ich mit dem Seefahrtsbuch vor der Nase meines zukünftigen Chefs herum und erklärte ihm, dass ich endlich wieder an Land arbeiten wolle, da meiner Mutter Gesundheitszustand sehr zu wünschen übrig ließe. Ich wollte in Zukunft gerne in ihrer Nähe sein. Da meine ehemalige Reederei ihren Sitz in Holland hatte, fiel es auch gar nicht weiter auf, dass ich fast in der Mitte des Jahres eine völlig unbefleckte deutsche Steuerkarte und auch eine leere Invalidenkarte, wie sie damals vonnöten war, dem Arbeitgeber gab.

Meinem neuen Arbeitgeber war das Seefahrtsbuch ohnehin ein Buch mit sieben Siegeln; ich konnte ihn also ohne weiteres damit aufs Glatteis führen. Er verlangte allerdings einen Arbeitsvertrag, in dem stand, dass ich meinen Dienst schon am 1. Mai antreten sollte. Das war mehr als knapp. Schrieben wir doch bereits den 24ten April. Meinem Glück vertrauend und die Justiz in Zeitnot bringend, unterschrieb ich selbstbewusst den Arbeitsvertrag.

Das wären doch verlorene Tage für unsere junge Liebe, meinte sie.

Ich muss hier gestehen, dass ich mich erst am dritten, letzten Tag meines gewährten Urlaubs zur Arbeitsbeschaffung überhaupt darum gekümmert hatte. In den ersten Tagen hatte ich einen ganz anderen Nachholbedarf in der Freiheit. Meine neue Braut – pardon-, was ich eigentlich sagen wollte, dass meine neue Braut eine geniale Idee hatte. Warum warten, wenn ich erst am Donners­tagabend wieder in der Anstalt in Celle antanzen musste, am Freitag mein Anstaltsleiter meinen Arbeitsvertrag in der Hand hielt, dieser denselben mit viel gutem Willen und Zeit noch am Freitag zum Gericht weiterleiten würde, dann würde er frühestens am folgenden Montag beim Land­gericht eintreffen. Das wären doch verlorene Tage für unsere junge Liebe, meinte sie. Deshalb fuhr die ganze Familie mit mir mit dem Taxi direkt zum Landgericht. Nur, wie auch die Maurer ihre Kelle, wie nachgesagt, pünktlich aus der Hand fallen lassen, so machten auch die Beamten gerne pünkt­lich Feierabend. So standen wir vier ziemlich verloren auf dem Gerichtsflur vor dem Zimmer des zuständigen Staatsanwaltes, nachdem wir festgestellt hatten, dass es kurz nach 16 Uhr war. Spä­testens in sechs Stunden musste ich mich wieder in Celle einfinden, wollte ich mir meine Chance zur vorzeitigen Entlassung nicht selbst vermasseln.

Zum Glück gab es im Gerichtsgebäude aber immer noch ein paar regsame Hände. Eine niedere Kaste im Beamtengeflecht war dazu da, die Arbeit der Oberen für den nächsten Tag vorzubereiten. Ein junger Mann schob einen Wagen mit Akten beladen über den Flur und verteilte diese in die einzelnen Amtszimmer. Wie er uns da so geknickt auf dem Flur stehen sah, enttäuscht darüber, dass nur wenige Minuten gefehlt hatten, um unser Anliegen vorzubringen, fragte er, was der Anlass unse­rer Traurigkeit wäre. Nachdem ich dem jungen Mann erklärt hatte, worum es ging, sah er über­haupt kein Problem darin, unsere Verspätung wieder auszubügeln. Den mit meiner Mutter unterschriebenen Mietvertrag sowie den Arbeitsvertrag einschließlich des Briefes vom Gericht selbst mit dem Aktenzeichen versehen befestigte der junge Assistent mit einer überdimensionalen Plastik­klammer oben auf der ersten Akte, die der Staatsanwalt am nächsten Morgen zur Vorbereitung seines Termins unbedingt in die Hand nehmen musste. Der hilfsbereite junge Mann war davon überzeugt, dass der zuständige Staatsanwalt meinen Vorgang keinesfalls übersehen könne. Mit gemischten Gefühlen, nicht wissend welchen Erfolg ich haben würde, fuhr ich natürlich rechtzeitig in das Celler Loch (Entschuldigung! Dieses Celler Loch[1] wurde ja erst viel später durch die angeb­lichen RAF Terroristen in die Mauer gesprengt!) zurück. Aber wie soll ich die paar Quadratmeter sonst beschreiben?

Hatte ich doch zum ersten Male mit 23 mein erstes Bier überhaupt getrunken, war also keineswegs ein Alki, gönnte ich mir in der Bahnhofskneipe in Celle doch noch zwei kleine Bier. Ahnte ich doch schon, dass es für mich mühsam sein könnte einzuschlafen. Ein Mentholbonbon und dann waren es nur noch zweimal lang hinfallen und schon stand ich, vom Bahnhof aus gesehen vor der Gefäng­­nispforte. Mit dem nötigen Papier ausgestattet ließ man mich natürlich auch wieder rein. Dank des Gerstensaftes oder auch vielleicht, weil die letzten beiden Nächte ziemlich anstrengend gewesen waren, schlief ich dann doch recht bald den Schlaf aller Gerechten. Am nächsten Morgen rückte ich wie alle anderen wieder zur Arbeit aus. Ich wusste es ja selbst nicht, was nun auf mich zukam. Deshalb konnte ich auch keine diesbezügliche Frage konkret beantworten. Hauptsächlich wurde danach gefragt, ob ich den auch die Gelegenheit gehabt hätte, ordentlich Saft abzulassen. Ich war natürlich Kavalier und schwieg bei solchen Fragen.

Eine saubere Blitzentlassung

Die zu Zeitstrafen Verurteilten begannen in der Regel die letzten Hundert Tage im Countdown herunter zu zählen. Dieser enorme Stress blieb mir diesmal erspart. Ich bekam eine saubere Blitz­entlassung im wahrsten Sinne des Wortes. Ich setzte mich also wie gewohnt an meine Näh­ma­schine. Wie immer war unser Arbeitsbetrieb als dritter an der Reihe, um unseren gesetzlich garan­tierten Hofgang von 30 Minuten zu absolvieren. Im Zuge der Strafvollzugsreform durften wir jetzt auch schon zu zweit oder gar zu dritt nebeneinander uns unterhaltend im Karree von 20 x 80 Metern unseren Bewegungsapparat in Form halten.

Kaum hatte unsere Freistunde begonnen und mich von allen Seiten die Leidensgenossen mit Fra­gen bombardiert hatten, wie denn z.B. die Welt da draußen sich verändert hätte, da rief auch schon mein Werkmeister von oben aus dem Fenster einen seiner Kollegen vom Hofdienst zu, er möge doch den Dieter Schulz zu ihm schicken. Im Betrieb angekommen schaute der Beamte mich von oben bis unten an, fragte: „Schulz, hast du im Urlaub irgendetwas ausgefressen?“ – „Nö! Wieso?“ – „Warum will dich sonst der Anstaltsleiter sehen?“ Ich war mir keiner Schuld bewusst. Schließlich stand seinerzeit noch nicht der Vermerk auf dem Ausgangs-Urlaubsschein: Alkohol und Drogenverbot!

Mit Alkohol hatte ich mich sehr zurückgehalten, weil sich das Zeugs bei mir immer auf die Potenz negativ auswirkte. 1970 kannte überhaupt noch kein Knacki andere Drogen als Tabak und Kaffee. Mit keinem Gedanken dachte ich daran, dass unser Abstecher zum nicht einmal diensttuenden Staatsanwalt etwas mit meiner Vorladung zum Direktor zu tun haben könnte. Als ich dann endlich vor ihm stand, brauchte ich mir nicht mehr unnötig den Kopf darüber zu zerbrechen. „So kenne ich Sie, Herr Schulz! Nie können Sie den Amtsweg einhalten. Hatte ich Ihnen nicht mit auf den Weg gegeben, dass Sie mir nach Ablauf von Ihrem Dreitage-Urlaub einen Arbeitsvertrag sowie eine Meldebescheinigung vorlegen sollten, damit ich Ihre vorzeitige Entlassung in die Wege leiten kann? Und was tun Sie?“ Ich glaube aber, er bewunderte eher meine Initiative, als dass er mir böse war. Er schaute auf seine Uhr und sagte: „Wenn Sie sich beeilen, können Sie in der nächsten Stunde diese Anstalt als freier Mann verlassen! Der Staatsanwalt hat mich vorhin angerufen und Ihre Entlassung verfügt, da Sie ja schon am 1. Mai ihre Arbeit antreten müssen!“ Jetzt wird wohl jeder verstehen was ich mit einer Blitzentlassung gemeint habe. „Ach ja, damit sich ihre Mutter oder sonst wer darauf vorbereiten kann, dürfen Sie von meinem Apparat jemanden anrufen!“ gab er sich gönnerhaft. Der Vermieter meiner Geliebten hatte Telefon im Haus. Dort rief ich dann auch an. Meine Freun­din versprach mir, mich vom Knast abzuholen. „Wie denn? In einer Stunde bin ich doch schon draußen!“ – „Wozu hat mein Hauswirt ein Taxiunternehmen?“ Damit war unser Gespräch auch schon beendet.

Der renitente Schulz zieht wieder mal eine Show ab!

Nur, meine Haftzeit zog sich dann doch noch einige Stunden hin. Die ganzen Abteilungen, die ich noch zu durchlaufen hatte, um endlich meine Entlassungspapiere zu bekommen, waren eigentlich nicht der Punkt, was die Verzögerung bewirkte. Es war ein sturer Beamter, der darauf bestand, dass ich einen Wisch unterschreiben sollte, dass ich bei meiner Entlassung vollkommen gesund sei und keinerlei Regressansprüche an die Anstalt stellen würde. Und genau diesen Wisch wollte ich nicht unterschreiben. Eingedenk dessen, dass sich mit meiner ärztlichen Betreuung während meiner Haft­zeit zweimal erhebliche Differenzen ergeben hatten, ich erst ins Krankenrevier gebracht wurde, als man merken musste, dass ich meine Krankheit nicht nur simulierte, pochte ich darauf, meinen Gesundheitszustand von einem Arzt meiner Wahl in Freiheit checken zu lassen. Da hieß es dann: ohne Unterschrift keine Entlassung! Ich unterschrieb auch bei dieser Drohung nicht. Ich wurde in eine Arrestzelle gesteckt. Ich hatte bereits meine Zivilklamotten an, reichlich Tabak in der Tasche und wartete. Ich wartete etwa eine Stunde. Die Zellentüre ging auf, man führte mich wieder zu dem Beamten, der mir die Unterschrift abverlangt hatte. Der gleiche Spruch: Unterschreiben oder keine Entlassung! Das wollte in meinen ostpreußischen Dickschädel einfach nicht rein. Wieder ab in die Arrestzelle. Inzwischen hatte meine Liebste draußen an der Pforte schon angefragt, wann denn nun Herr Schulz entlassen würde. Es hätten sich da Probleme ergeben. Das könne noch dauern, wurde sie beschieden. Bei ihrer zweiten Nachfrage blieb es nur beim Versuch einer Frage. Sie wurde brüsk der Türe verwiesen. Es hatte sich schon bis zur Gefängnispforte rumgesprochen, dass der renitente Schulz wieder mal eine Show abzog. Als unbescholtene Bürgerin unseres Rechtsstaates ließ sich meine Geliebte diese Behandlung nicht gefallen. Die Taxiuhr tickte vor sich hin und bei ihr tickte eine Idee. Genau gegenüber dem Zuchthaus, pardon, die Bezeichnung Zuchthaus war ja bereits abgeschafft, also gegenüber dem Gefängnis begann ein schön angelegter Park. Und dort stand auch eine doppelte Telefonzelle der Deutschen Post. Es lagen sogar heile Telefonbücher darin. Im Branchenverzeichnis fand sie jede Menge Rechtsanwälte. Schon beim fünften Versuch erreichte sie ein Anwaltsbüro, wo ein Rechtsanwalt nicht gerade beim Gericht war, um einen Ter­min wahrzunehmen. Wenige Minuten später hielt er neben dem Taxi. Auf dem Dach des Taxis unterschrieb meine Liebste eine Vollmacht, gab ihm das vereinbarte Honorar. Als Bevollmächtigter Rechtsanwalt verlangte er an der Pforte Zugang zu seinem Mandanten Dieter Schulz. Natürlich wurden auch Rechtsanwälte gründlich durchsucht, bevor sie zu ihrem Mandanten konnten. Nur kam es erst gar nicht mehr dazu, dass er ins Gefängnis in eine extra dafür vorgesehene Zelle vorgelassen wurde. Ein Telefongespräch mit der Ankündigung, dass Herrn Schulz sein Anwalt da wäre, genügte, um mir meine Entlassungspapiere auszuhändigen. Ohne die hartnäckig von mir geforderte Unterschrift versteht sich.

Der Mai 1970 war schon ein vorgezogener Sommer. Ich trat pünktlich meinen Dienst bei meinem neuen Arbeitgeber an. Trotz meiner anfänglichen Befürchtungen, in den 25 Monaten meiner Haft etwas von meinem Beruf verlernt zu haben, klappte alles als wäre ich nie raus gewesen. Leider ent­puppte sich die GmbH (Gesellschaft mit beschränkter Hoffnung) auch als solche. Meine Hoffnung jetzt endlich wieder ein geregeltes Leben in völliger Freiheit gestalten zu können, beschränkte sich auf ganze zweieinhalb Monate. – Abgesehen davon, dass ich mal beim Küchenchef Spaghetti reklamierte, die ich einem Gast ser­vieren sollte, die aber so aussahen, als wären sie schon mal gegessen worden, zoffte er mich an, „ob ich denn nun ein Kellner wäre, dann würde ich die Spaghetti auch servieren können, ohne dass der Gast dies merke!“ brüllte er mich an. Also gut. Ich verwickelte den Gast in ein Gespräch, legte von ihm unbemerkt die Spaghetti so vor, dass er diese nicht sah und drapierte über den Nudel­klumpen geschickt die Soße. Der Gast schien ein eher schüchterner Mitmensch zu sein. Oder aber er war von seiner Frau nichts Besseres gewohnt. Dass er aber seine Piccata Milanese mit lan­gen Zähnen aß, bemerkte ich schon.

Jener Vorfall war allerdings nicht der ausschlaggebende Punkt, warum dieses Arbeitsverhältnis nur ganze zweieinhalb Monate andauerte. In dem Personalumkleideraum standen genau 18 Spinde, ähnlich wie wir sie beim Bund hatten. Sie bestanden aus Blech mit den üblichen Luftschlitzen am oberen Ende. Jeder Angestellte brachte sein eigenes Schloss mit. Eines Tages jedoch erwiesen sich diese Vorhängeschlösser als rausgeschmissenes Geld. Irgendjemand hatte mit etwas Kraftaufwand die leichten Blechtüren so nach außen verbogen, dass er bequem die darin hängende Privatgar­de­robe durchwühlen konnte. Ich, als Kellner, ließ natürlich nie Bargeld in meiner Garderobe. Brauchte ich doch jeden Groschen als Wechselgeld, so wie ein Handwerker sein Werkzeug. Noch nicht mal Fingerabdrücke fand die gerufene Kripo. Schon gar nicht den Einbrecher. Dafür aber fand mein Chef zwei Tage später meinen Haftentlassungsschein, der ihm unter der Türe durch­ge­schoben worden war. Bei meiner Entlassung hatte man mir nämlich geraten, diesen Schein noch mindestens drei Monate aufzubewahren. Das wäre nützlich bei irgendwelchen Kontrollen oder Behördengängen. Solange könne es nämlich dauern, bis ich sicher sein könnte, dass ich nicht mehr als Inhaftierter geführt würde. Also bewahrte ich den Schein in meiner bargeldlosen Brief­tasche in dem Garderobenschrank auf. Meiner Meinung nach konnte der Dieb nur aus den eige­nen Reihen stammen. Wie sonst kommt zwei Tage danach der Schein ins Büro meines Chefs. Nach­dem dieser mich hochkant gefeuert hatte, weil er es nicht überwinden konnte, auf mein See­fahrtsbuch hereingefallen zu sein, bekam ich am nächsten Tag von Herrn Hundertmark auf dem Arbeitsamt gleich wieder mehrere Stellen zur Auswahl.

Der neue Job hatte auch nur ein Haltbarkeitsdatum von vier Monaten. Eines Tages im November, tags zuvor hatte ich noch die letzte Kaiserenkelin bei ihrer Geburtstagsparty bedient, wurde ich ins Personalbüro gebeten. Man verlangte von mir, die vom Haus gestellte weiße Kellnerschürze abzu­bin­den und die Kasse abzuschlagen. Warum? Das wüsste ich ja wohl selbst am besten, wurde mir gesagt. Ich kann mir den Grund meiner plötzlichen Entlassung nur so vorstellen, dass mich irgend­ein Gast als ehemaligen Zuchthäusler erkannt hatte oder aber von meinem Ex-Chef im Kollegen­kreis angeschwärzt wurde.

Entweder man suchte einen guten Kellner oder aber jemanden mit einer sauberen Vergangenheit.

Lache Bajazzo[2], für Tränen zahlt man nicht! Dieses Lied und warum weinen, wenn man ausein­ander geht, wenn an der nächsten Ecke schon ein anderer steht?[3] fiel mir ein, als ich mich wieder in Zivil­kleidung schmiss. Damals brauchte man samstags nur die Seite mit den Stellenan­zeigen aufzuschla­gen um zu erfahren, wo alles Kellner gesucht wurden. Ich hatte meine Lektion gelernt. Mit Ver­schwei­gen oder Lügen meiner wahren Vergangenheit konnte ich keinen Blumentopf gewinnen. Mein neues Motto hieß: Ab durch die Mitte. Entweder man suchte einen guten Kellner oder aber jemanden mit einer sauberen Vergangenheit. Ich versuchte es also beim dritten Anlauf mit der Wahr­heit. In einer sehr renommierten Gaststätte, die sogar unter Denkmalschutz stand, bat ich den Chef sprechen zu dürfen zwecks der ausgeschriebenen Stelle für einen Kellner. Als ich dem dann gegenüber saß, klopfte mir das Herz bis zum Halse. Als erstes weigerte er sich, meine in der vor ihm liegenden Mappe befindlichen Zeugnissen anzusehen. „Papier ist geduldig!“ mit diesen Wor­ten schob er mir die Mappe wieder zu. „Ich mache mir gerne selbst ein Bild von den Menschen, die hier arbeiten. Wie Sie vielleicht wissen, haben wir hier ein exquisites Publikum, welches viel herumkommt und sich mit gutem Service auskennt. Wenn Sie am Tisch filieren, tranchieren, kochen und flambieren können, etwas vom Wein verstehen und mir das in der 14tägigen Probezeit beweisen, sehe ich keinen Grund, dass wir nicht ein festes Arbeitsverhältnis eingehen !“ Mit den wenigen Sätzen hatte er mir klipp und klar seine Einstellungsphilosophie erklärt.

„Da wäre aber noch etwas was ich Ihnen vorher noch sagen muss!“

 

Inhaltsverzeichnis _Inhaltsverzeichnis

 

Fußnote

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Celler_Loch

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_gefl%C3%BCgelter_Worte/L#Lache.2C_Bajazzo.21

[3] http://www.songtexte.com/songtext/marlene-dietrich/wer-wird-denn-weinen-wenn-man-auseinander-geht-73c25eb1.html

Wenn Verjährung nicht greift, helfen milde Urteile.

Zwei Jahre und acht Monate Haft »wegen gefährlicher Körperverletzung und Misshandlung von Schutzbefohlenen. Der Staatsanwalt hatte vier Jahre gefordert. … Der 55 Jahre alte Ehemann der Gruppenleiterin … wird zu einem Jahr und acht Monaten auf Bewährung verurteilt. Außerdem muss er 3600 Euro zahlen. Eine 44-Jährige weitere Erzieherin erhält ein Jahr und drei Monate auf Bewährung, muss 1800 Euro zahlen. Berufsverbote, wie sie der Staatsanwalt gefordert hat, hält das Gericht für nicht notwendig.«

https://www.nwzonline.de/panorama/autistische-heimkinder-regelmaessig-brutal-gequaelt_a_31,2,3230315746.html

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XXI

logo-moabit-kDieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit,

die keine Kindheit war

Einundzwanzigstes Kapitel

Erwähnte ich schon, dass ich ein cleveres Kerlchen war?

Die Veränderung in meinem Leben begann damit, dass ich in der Folgezeit zum häufigen Schulschwänzer wurde. Die Verlockung war aber auch zu groß, und wurde immer größer. Schnell fand ich heraus, während ich immer noch staunend den riesigen Bahnhof erforschte, dass fast aus jedem ankommenden Zug gleich mehrere russische Offiziere ausstiegen. Manch­mal folgte ich einem von ihnen, konnte mich aber nicht dazu überwinden, ihn so einfach wegen ein paar Groschen anzusprechen. Schließlich verspürte ich nicht den Kohldampf wie zu der Zeit in Königsberg. 1950 war die Not nicht mehr so groß. Es gab allerdings Dinge die sich ein kleiner Junge gerne gewünscht hätte.

Es stellte sich mit der Zeit heraus, dass kaum ein Offizier nach Leipzig kam, der nicht irgend­einen bestimmten Auftrag hatte. Aber so gut wie jeder nahm die Gelegenheit wahr, seinen Auf­trag mit einer Shoppingtour durch Leipzig zu verbinden. Leipzig war immerhin eine Messestadt. Und es hatte sich herumgesprochen, dass im Gegensatz zu den übrigen Provinz­städtchen, wo sie herkamen, in Leipzig Waren zu haben waren, die es dort nicht gab. Das alles wusste ich allerdings natürlich nicht.

Endlich rang ich mich dazu durch, einen recht freundlich aussehenden Offizier anzusprechen. „Onkel hast du vielleicht 20 Pfennige für mich? Ich möchte gerne in den Zirkus gehen!“ Der Offizier sah nicht nur freundlich aus, er war es auch. „Natürlich mein Junge! Wer so gut russisch spricht, soll auch belohnt werden!“ Doch zunächst wollte er wissen wie alt, woher, und vor allem, woher ich so gut russisch sprechen konnte. Ich sagte ihm wahrheitsgemäß, dass ich aus Königsberg, genauer gesagt aus Kaliningrad käme, wo ich mit meiner Mutter und Schwester bis 1949 unter den Russen gelebt hätte. Auf seine Frage, wo denn mein Vater wäre, log ich etwas. Tatsache aber ist, ich wusste es bis zu diesem Zeitpunkt selbst nicht genau. Ich sagte ihm, dass dieser im Krieg gefallen sei. Der Offizier, wohl selbst noch an der Eroberung Deutschlands beteiligt, immerhin war er schon Major, atmete tief durch und strich mit seiner Hand durch mein Haar, fragte mich, was denn der Eintritt in den Zirkus kosten würde. Wahrheitsgemäß nannte ich ihm den billigsten Preis von 55 Pfennigen. „So, da fehlen dir also noch 20 Pfennig?“ fragte er. „Tatsache ist“, blieb ich bei der Wahrheit, „Ich habe keinen Pfennig. Ich werde aber versuchen noch bei anderen um den Rest zu fragen!“ „Brauchst du nicht, Junge!“ Dabei kramte er in seinen Taschen herum und brachte eine Handvoll Alumini­um­geld hervor, wovon man so schöne schwarze Finger bekam, drückte sie mir in die Hand. Mir blieb fast die Luft weg vor Freude und Überraschung.

Am nächsten Tag lernte ich mehr vom Leben, als ich jemals hätte in der Schule hätte lernen können.

Während wir gemeinsam die breite Treppe in Richtung Ostausgang hinunter gingen, fragte er mich nach meinen Zensuren in der Schule aus. Er war regelrecht entsetzt, als ich ihm ganz Stolz z.B. meine Eins im Russischen ansagte. Schließlich stellte sich heraus, dass in Russland die Eins die schlechteste, aber die Fünf die beste Note ist. So lernte ich wieder etwas dazu. Hatte ich doch bis zum 9ten Lebensjahr in Ostpreußen keine Schule von innen gesehen. Noch bevor wir den Taxistand erreichten, fragte er mich, ob ich denn morgen auch hier am Bahnhof sein würde. Er müsste in Leipzig über­nachten und hätte am nächsten Tag vor, noch einige Einkäufe zu tätigen. Er könnte gut einen Führer gebrauchen, der ihm z.B. das russische UNIWERMAG1 und das große HO-Kaufhaus2 zeigen könne. Wir einigten uns darauf, dass ich am nächsten Morgen um 10 Uhr vor dem Hotel „Stadt Leipzig“3, welches ausschließlich für das russische Militär reserviert war, auf ihn warten würde. Scheiß auf Schule. Meine Führung würde mir bestimmt wieder eine Handvoll Aluminiumgeld einbringen. Am nächsten Tag lernte ich mehr vom Leben, als ich jemals hätte in der Schule hätte lernen können.

Vorsichtshalber versteckte ich meinen Schulranzen in der Toreinfahrt zum Hinterhaus, wo wir wohnten. In der Toreinfahrt selbst war ein etwas größerer Vorbau eingelassen. Dieser Vorbau diente als Schornstein für gleich zwei aneinander gebaute Häuser. An dem Schornstein war in der Toreinfahrt eine Klappe angebracht, damit der Schornsteinfeger auch von dort Zugang hatte. Diese Klappe hochschiebend war genügend Platz vorhanden für meinen Pappmaché Schulranzen. Meine Mutter oder meine Schwester sollten, wenn sie vor mir nach Hause kamen, nicht gleich auf dumme Gedanken kommen, dass ich eventuell die Schule schwänzen könnte.

Wegen der Möglichkeit, dass während meiner Abwesenheit der Schornsteinfeger gerade seiner Arbeit nachging, brauchte ich mir keine Sorgen zu machen. Immer wenn der Schorn­steinfeger in unsere Straße kam, stand schon einen Tag vorher draußen auf dem Bürgersteig mit Kreide geschrieben: Morgen kommt der Schornsteinfeger!

Also, kurz nach 10 kam dann auch mein Major aus dem Hotel, der mich schon vom Früh­stücks­zimmer aus auf der anderen Straßenseite gesehen hatte. Das Hotel war direkt hinter dem Bahnhof. Und vom Bahnhof war es nicht allzu weit zum Uniwermag, dem russischen Kaufhaus, wo wiederum nur Russen Zutritt hatten. Also musste ich draußen warten. In Sichtweite vom Uniwermag war auch schon das HO-Kaufhaus. Während ich vor dem Uniwer­mag wartete, fiel mir auf, dass einige Typen sich an die russischen Offiziere heran­machten und sie in ein Gespräch verwickelten. Die meisten gingen einfach weiter, andere blieben stehen, sprachen etwas länger mit den Zivilisten. Und siehe da, sie änderten manch­mal ihr angestrebtes Ziel, und begleiteten die Zivilisten in eine ganz andere Richtung. Keinen blassen Schimmer, was da vor sich ging. Bis ja, bis ich mit meinem Major schon wieder auf dem Rückweg vom HO war. Da wurden auch wir angesprochen. Schon vorher, während sich der Major u.a. mit Dessous für seine Frau in der Heimat eindeckte, hatte er mich gefragt, ob ich wüsste wo er z.B. echte Schweizer Uhren kaufen könne. Man hätte ihm gesagt, dass in Leipzig alles zu bekommen wäre. So auch Banbarchet. Also goldene Uhren verstand ich ja zu übersetzen. Aber Banbarchet? Nie gehört dieses Wort. Woher auch. Wer interessierte sich in den frühen Nachkriegsjahren schon für französischen Samt. Hier und jetzt aber war sowas angesagt. Die russischen Offiziere die einen fürstlichen Sold bekamen, jedes Jahr eine Heimfahrt, waren ganz verrückt danach. Und, Leipzig war die Handelsmetropole für solche Konterbande.

Mein Major war hocherfreut, als uns der Kerl ansprach. Sich unserem Schritt anpassend lief er neben uns her und radebrechte in schlechtem Russisch: Schto warn schilallte? Banbarchet, Schassie, Schuba…..? (Was wünschen Sie? Samt, goldene Uhren, Pelze?) Als ich mich empört einmischte, ich mir nicht mein erhofftes Führungsgeld durch die Lappen gehen lassen wollte, beruhigte mich der deutsche Schieber. „Sei nicht blöd Junge, da sind für dich zwischen 5 bis 20 Mark drin, bei dem Geschäft!“ Ich dachte ich spinne. Letztendlich wartete ich am verein­barten Treffpunkt, während der Schieber mit meinem Major in einem Taxi davon fuhr. Und siehe da, meine Geduld zahlte sich aus. Zum einen gab mir der Major für die erfolgreiche Füh­rung doch tatsächlich ganze 20 Mark. Der ließ sich dann auch gleich das kurze Stück zum Bahnhof mit dem Taxi weiterfahren. Ich konnte gerade noch feststellen, dass er jetzt ein Packet mehr mit sich herumschleppte. Der etwa 40jährige Schieber lud mich zu einer Limo­nade in eine nahe gelegene Kneipe ein. Dort verklickerte er mir dann bei einer Waldmeister­limo seinen Berufsstand (Schieber) und warb mich gleichzeitig als Zuträger von weiterer Kund­schaft an. Der Major hatte doch tatsächlich einen Pelzmantel, vier Meter Samt und eine echte Schweizer Uhr in Golddouble und 16 Steinen erworben. Wie mir der mir gegenüber­sitzende Typ, der etwas russisch in seiner kurzen Gefangenschaft gelernt hatte, in gutem Deutsch erklärte. Er wolle zu mir ganz ehrlich sein. Der Major hätte gleich drei Teile gekauft. Für jedes Teil bekäme er zehn Mark Provision. Diese wolle er mit mir ehrlich teilen, und schob mir 15 Mark wie ein Verschwörer unter dem Tisch zu. Wow! Das Schuleschwänzen hatte sich echt gelohnt.

Er hatte mich nach allen Regeln der Kunst beschissen

Nur, wie brachte ich es meiner Mutter bei, woher ich das Geld hatte, um ihr das Geschenk von einem halben Pfund Kaffee im Schwarzmarktwert von 20 Mark machen zu können? Wusste ich doch, dass meine Mutter sich jeden Monat ein viertel Pfund gönnte. Dieses viertel Pfund hütete sie wie ihren Augapfel, brühte ihn bis zu dreimal auf. Nun ja, auch das bekam ich hin. Wurde dafür ganz dolle gedrückt. Hatte ich zunächst auch daran gedacht den Schieber für seine Ehrlichkeit und dem großzügigen Teilen vor Freude zu drücken, so kam ich doch recht bald dahinter, dass der Typ ein ganz gemeiner Betrüger war. Er hatte meine Unwissen­heit und meine Winzigkeit als Menschenskind einige Tage lang nur ausgenutzt. Und wie mit einer Unverfrorenheit, die es nur echte Gauner drauf haben, hatte er mich nach allen Regeln der Kunst beschissen. Anfangs schöpfte ich ja auch noch gar keinen Verdacht, dass da etwas faul sein könnte. Ich mochte nur nicht seine Geheimniskrämerei. Er wollte mir partout nicht sagen, wo seine Quellen waren, von denen er die Ware bezog.

Einen Steinwurf entfernt vom Uniwermag, wo von den Schiebern die Kunden angesprochen wurden, am Bahnhof selbst, wo aus allen Ecken der DDR die potentiellen Kunden anreisten traute sich kein Schieber hin, da war die Bahnpolizei vor, also in der Nähe des Uniwermags war das Rathaus von Leipzig. Und dort war auch ein Taxistand. Dort stiegen auch immer die Schieber mit ihren Kunden ein. Ich hatte mir gut gemerkt in welche Richtung sie davon fuhren. Anstatt immer nur auf die Rückkehr zu warten, begab ich mich sehr schnell, noch bevor das Taxi losfuhr, zu dem Punkt wo ich es hatte abbiegen sehen. Beim nächsten Mal war ich schon wieder an dem Punkt angelangt, um zu sehen wie es weiterging. Nach einiger Zeit, wobei ich mir dann schon selbst ein Taxi nehmen musste, hatte ich auch schon das Ziel, d.h. den Hehler der Ware im Visier. Wobei es sich allerdings nur um den französischen Samt und einen Uhrendealer handelte. Andere Anlaufstellen kamen in der nächsten Zeit noch hinzu. Und das war gut so! Denn es passierte schon mal, dass eine Razzia durchgeführt wurde. Die Polizei wusste natürlich von den Schiebergeschäften, die im Umkreis vom Uniwermag getätigt wurden. Nachdem die observierten Schieber meistens bis auf den letzten Mann ins Netz gegangen waren, befand ich mich ganz alleine auf weiter Flur. Mich Knirps nahm man einfach nicht für voll. Das dachte anscheinend Frau Wilke, bei der ich dann notgedrungen selbst mit einem Käufer auftauchte auch. Sie wohnte in einer Villengegend ganz in der Nähe des Zoos. Als ich geklingelt hatte, sie durch den Türspion einen uniformierten Russen sah, mich Zwerg erfasste der Türspion erst gar nicht in seinem Blickfeld, öffnete sie. Als aber statt eines bekannten Schiebers so ein Knirps in Begleitung des Russen vor der Türe stand, wollte sie uns doch die Türe vor der Nase zuschlagen. Erwähnte ich schon, dass ich ein cleveres Kerlchen war? Ich hatte ja damit gerechnet, dass die Dealerin geschockt sein würde. Mich hatte ja niemand offiziell bei ihr eingeführt. „Entweder Sie lassen uns jetzt rein, oder die Polente ist schneller hier wie Sie Ihre Ware verstecken können!“ warnte ich kackfrech.

Ich erklärte ihr ganz kurz, wie ich auf sie gekommen sei. Und fragte auch noch, ob sie noch gar nicht gemerkt hätte, dass seit Tagen ihre Kunden ausblieben. Natürlich hatte es sich schon herumgesprochen, dass wieder einmal eine Razzia stattgefunden hatte. Während der Kunde sich die die fünf Sorten Samt vorlegen ließ, klärte ich sie weiter über mich auf. Und siehe da, plötzlich war ich voll akzeptiert. Sie fand es für ihr Geschäft viel unverfänglicher, wenn ich Stepke bei ihr auftauchte. Von da an war ich in den Folgejahren in ihren Augen ein guter Geschäftspartner.

Eigentlich konnte ich recht bald fast alle Wünsche der Kundschaft erfüllen.

Ich hatte noch ganz in der Nähe des Bahnhofs einen ganz unscheinbaren Tabakladen als Bezugsquelle für Samt ausfindig gemacht, wo der ältere Herr keine Sperenzchen machte, als ich zum erstenmal mit einem Kunden auftauchte. Nicht immer war jeder Dealer mit Ware versorgt. So war es immer gut mehrere Quellen zu haben. So hatte ich zwischen Rathaus und Uniwermag auch noch in der berühmten Mädlerpassage ein Uhren-Schmuck­geschäft ausfindig gemacht, wo so gut wie immer eine große Auswahl an vergoldeten Schweizer Uhren vorrätig war. Na ja, Nutria und andere kostbare Pelze in Leipzig zu erstehen, war auch kein Problem. War Leipzig doch eine Hochburg der Kürschner Zunft. Eigentlich konnte ich recht bald fast alle Wünsche der Kundschaft erfüllen. Lackschuhe und Perlonstrümpfe sowie Fieberglas-Koffer waren gefragt. Ebenso Streptomycin und Penicillin. Nicht selten wurde auch nach benutzbaren Frauen gefragt. Auch dafür war ich ein Ansprechpartner.

Um aber auf Frau Wilke (so hieß sie wirklich!) zurückzukommen; ich war nicht sonderlich erstaunt darüber, dass sie, nachdem sich mein erster persönlicher Kunde gleich zweimal vier Meter Samt hatte einpacken lassen, ohne wegen des angesprochenen Preises zu handeln, gab mir Frau Wilke zu verstehen, dass ich wegen der Provision nochmal vorbei kommen müsse. Schließlich müsse der Russe das ja nicht unbedingt mitbekommen. Konnte ich gut verstehen, denn, hätte der Käufer gesehen, was ich da in die Hand gedrückt bekam, wäre ihm sicherlich die Galle hochgekommen. Denn ich war ja selbst baff über die Summe. Ich brachte den Kunden noch bis zum wartenden Taxi und verabschiedete mich mit der Begründung, das ich selbst ganz in der Nähe wohnen würde. Der Russe nahm es hin. Und ich holte mir meine vermeintlich doppelte Provision von Frau Wilke ab. Hatte der miese Typ, mit dem ich einige Zeit zusammengearbeitet hatte, indem ich ihm immer neue Kundschaft zuführte, nicht gesagt, dass er mit mir teilen würde? Was war es? Wut oder freudige Überraschung, als ich von Frau Wilke das Geldbündel in die Hand bekam. Ich musste es drei-viermal zählen, bevor ich es glauben konnte. Ich hielt doch tatsächlich 180 Mark in der Hand!

Eigentlich konnte ich recht bald fast alle Wünsche der Kundschaft erfüllen.

Ich hatte noch ganz in der Nähe des Bahnhofs einen ganz unscheinbaren Tabakladen als Bezugsquelle für Samt ausfindig gemacht, wo der ältere Herr keine Sperenzchen machte, als ich zum erstenmal mit einem Kunden auftauchte. Nicht immer war jeder Dealer mit Ware versorgt. So war es immer gut mehrere Quellen zu haben. So hatte ich zwischen Rathaus und Uniwermag auch noch in der berühmten Mädlerpassage ein Uhren-Schmuck­geschäft ausfindig gemacht, wo so gut wie immer eine große Auswahl an vergoldeten Schweizer Uhren vorrätig war. Na ja, Nutria und andere kostbare Pelze in Leipzig zu erstehen, war auch kein Problem. War Leipzig doch eine Hochburg der Kürschner Zunft. Eigentlich konnte ich recht bald fast alle Wünsche der Kundschaft erfüllen. Lackschuhe und Perlonstrümpfe sowie Fieberglas-Koffer waren gefragt. Ebenso Streptomycin und Penicillin. Nicht selten wurde auch nach benutzbaren Frauen gefragt. Auch dafür war ich ein Ansprechpartner.

Um aber auf Frau Wilke (so hieß sie wirklich!) zurückzukommen; ich war nicht sonderlich erstaunt darüber, dass sie, nachdem sich mein erster persönlicher Kunde gleich zweimal vier Meter Samt hatte einpacken lassen, ohne wegen des angesprochenen Preises zu handeln, gab mir Frau Wilke zu verstehen, dass ich wegen der Provision nochmal vorbei kommen müsse. Schließlich müsse der Russe das ja nicht unbedingt mitbekommen. Konnte ich gut verstehen, denn, hätte der Käufer gesehen, was ich da in die Hand gedrückt bekam, wäre ihm sicherlich die Galle hochgekommen. Denn ich war ja selbst baff über die Summe. Ich brachte den Kunden noch bis zum wartenden Taxi und verabschiedete mich mit der Begründung, das ich selbst ganz in der Nähe wohnen würde. Der Russe nahm es hin. Und ich holte mir meine vermeintlich doppelte Provision von Frau Wilke ab. Hatte der miese Typ, mit dem ich einige Zeit zusammengearbeitet hatte, indem ich ihm immer neue Kundschaft zuführte, nicht gesagt, dass er mit mir teilen würde? Was war es? Wut oder freudige Überraschung, als ich von Frau Wilke das Geldbündel in die Hand bekam. Ich musste es drei-viermal zählen, bevor ich es glauben konnte. Ich hielt doch tatsächlich 180 Mark in der Hand!

Natürlich gehörte ich meinem Lebenswandel gemäß in eine erzieherische Maßnahme.

Wie der Leser das verstehen soll? Nun, je nach Marktlage, oder besser gesagt Lagerbestän­den, wurde von dem Dealer ein fester Preis an den Schlepper gezahlt. Es lag also an dem Schieber, welchen Preis er bei dem Käufer aushandelt. Da aber viele Russen gerne feilschten, konnte die Provision unterschiedlich ausfallen. Da aber mein Kunde anstandslos den gefor­derten Preis von 350 Mark ohne Murren gezahlt hatte, standen mir bei derzeitiger Marktlage die Differenz von 90 Mark pro vier Meter Samt zu. Ich war einfach nur baff! Bei so einem einträglichen Geschäft, immerhin kamen an guten Tagen bis zu 400!!! Mark zusammen, da ließ ich schon mal fünfe gerade sein und dachte gar nicht daran, dass es da auch noch die Schulpflicht gab. Entschuldigungsschreiben waren für mich kein Problem. Hatte ich mir doch schon längst die Sütterlinschrift meiner Mutter abgeguckt. Fortan brauchte meine Mutter nie mehr auf ihren geliebten echten Bohnenkaffee zu verzichten. Geschweige denn die Pampe mehrmals aufzubrühen. Wie ich an das Geld kam, verschwieg ich ihr nicht. Nur das dazu oft Schuleschwänzen angesagt war, verschwieg ich ihr lieber.

Die Sonntage, wo ich mich am/im Zoo etc. herumtrieb, mochte ich auch nicht mehr missen. Natürlich gehörte ich meinem Lebenswandel gemäß in eine erzieherische Maßnahme. Aber zum einen litt eigentlich meine schulische Leistung gar nicht darunter. Ich war top am Ball, und wichtige Arbeiten nahm ich immer wahr.

Nur der Grund, warum ich letztendlich in ein Heim für Schwererziehbare kam, das war sehr ungerecht. So empfinde ich noch heute.

 

Anmerkung:

Leider erlaubt diese Programmsoftware keine Fußnoten und auch keine Hyperlinks mehr. Das ist äußerst ärgerlich für die Leser wie für mich. Da ich meist mit Fußnoten arbeite, habe ich einen erheblichen Mehraufwand mit einer Extra-Numerierung und die Leser können die Fußnoten nur über das Extra-PDF erreichen und dort hoffentlich auch anklicken, soweit Hyperlinks angegeben sind.

Ich verzichte in Zukunft darauf, den jeweiligen Artikel auch als PDF anzubieten und verweise auf die geplante Gesamtedition dieser Biographie, die dank Fußnoten und Hyperlinks hier im Blog nur noch als PDF darzustellen sein wird.

Aus denselben Gründen gibt es das Inhaltsverzeichnis nur noch als PDF.

Ich bitte die Leser, diese Umständlichkeit zu tolerieren. Auch ich bin von der Veränderung überrascht und not amused.

Fußnoten  21 – fußnoten
Inhaltsverzeichnis  21 Inhaltsverzeichnis

 

 

Mit 15 Jahren ausgebufft und fit fürs Leben. Eine kriminologische Zwischenbilanz

logo-moabit-kGewinner sehen normalerweise anders aus. Dieter Schulz ist mit seinen 15 Jahren Gewinner – im Überlebenskampf, er wäre sonst untergegangen.

Im Knast auf einer klapperigen Justizschreibmaschine schreibt er über seine ungewöhn­liche Kindheit. Mit dem 20. Kapitel ist der Teil weitgehend abgeschlossen, in dem er noch nicht strafmündig war. Waren seine Delikte bis jetzt schon gravierend, so waren sie doch reiner Über­lebenskampf, die Fluchten aus den Heimen zählen dazu.

Schulz schreibt keinen Roman.[1] Hier wird über reales Geschehen und Erleben berichtet. [2]

Zeit für eine Zwischenbilanz.

Das mit dem Gewinner hatte er so noch nicht gesehen. Erst Freitag telefonierte ich mit ihm. Ja, doch, sagte er dann, stimmt, er habe gekämpft und das erfolgreich.

Da liegt das Dilemma. Aus meiner Adoptionsarbeit weiß ich, wie ungeheuer problematisch es sein kann, ein Kind aus der dritten Welt zu adoptieren, das mehrere Jahre erfolgreich auf der Straße gelebt hat. Ein solches Kind hat gelernt, was dort zum Überleben bitter nötig ist: Stehlen, Betrügen, Gewalt, Sex als Tauschware. All das ergibt keine gute Prognose für das Überleben in unserer Gesellschaft, denn es ist äußerst schwierig, Verhaltensweisen abzulegen, mit denen man Erfolg hatte. Das wissen wir auch aus ganz banalen Tierversuchen. Eine Ratte, die im Lernlabyrith gelernt hat, wo das Futter versteckt ist, irrt nicht mehr suchend herum, sondern steuert das Ziel direkt an. Legt man nun das Futter an anderer Stelle ab, so dauert es eine Reihe von Versuchen, bis die Ratte umgelernt hat.

Was hat Dieter gelernt? Wozu wurde er „zugerichtet“?[3]

Er schreibt: Ich bin Jahrgang 1940. Wurde in Königsberg geboren. Und genau an meinem 5ten Geburtstag kam der Krieg nach Königsberg. Erst 1949 wurde die Familie von den Rus­sen nach Leipzig verfrachtet. Drastisch und mit sehr feiner Distanzierung beschreibt er die Vergewaltigungen, Morde, Notprostitution, den Hunger, Vertreibung und die Schieber­geschäfte.

Das haben doch viele andere auch erlebt und sind nicht kriminell geworden, sagte mir jemand. Ein Argument, das mir schon in der Heimkinderdiskussion begegnet ist. Auch dort haben es einige ehemalige Heimkinder trotz aller Belastungen zu einem unauffälligen, manche gar zu einem erfolgreichen Lebenslauf geschafft. Die anderen blieben „Opfer“ – und wurden auch noch Opfer von Vorwürfen, warum sie es nicht gepackt haben, das Leben.

Das kann man mit Schulz nicht vergleichen. Ihn vorschnell als Opfer einzuordnen, liegt nahe. Er hat als Kind gesehen und erlebt, was Kinder besser nicht sehen und erleben sollten. Man spricht sehr leicht von Traumatisierung. Wenn überhaupt, war das aber offensichtlich keine dauerhafte. Der Wille zum Überleben war stärker. Und Schulz hat sich durchgeboxt, durch­getrickst und durchgemogelt. „Erwähnte ich schon, dass ich ein cleveres Kerlchen war?“ fragt er im 21. Kapitel. Das war er tatsächlich, und er steckte voller Lebensenergie. Keine Opfer-, sondern eine Täterpersönlichkeit hat sich früh bei ihm herausgebildet. Vielleicht sollte man besser von Macher-Persönlichkeit sprechen, denn damit ist nicht unbe­dingt eine kriminelle Täterschaft verbunden. Doch auf der Schattenseite des Lebens gelten andere Gesetze – wie in der Dreigroschenoper: „Wir wären gut anstatt so roh, …“[4]

Dieter Schulz hatte gelernt, in einer feindlichen Umgebung zu überleben – was ja nicht wenig ist. Er hatte gelernt, dass es dabei nicht auf Gesetze und auch nicht auf Sitte und Anstand ankommt. Was wir Sozialisierung nennen, hat durchaus stattgefunden, aber nicht in der „bürgerlich-anständigen“ Version.[5]

Und die Fähigkeiten? Auf ihn trifft die Redewendung „klein, aber oho“ zu, umgangssprach­lich meint man damit „klein, aber beachtlich energisch, selbstbewusst, leistungsfähig“. Dieter Schulz sagt von sich, er lerne schnell. So auch Russisch. Das verhalf ihm zu seinen Schwarz­markt­geschäften, Kuppeleien und Betrügereien – als Kind! Dazu kamen Diebstähle, Ein­brüche, Ausbrüche, Brandstiftung und eine Falle, die für zwei Volkspolizisten hätte tödlich ausgehen können.

Er hat noch etwas gelernt: Gefühle machen angreifbar, man muss sie verstecken. »Nachts weinte ich auch schon mal unter der Bettdecke. Immer nur den Abgebrühten spielen war für meine kleine Jungenseele doch nicht so leicht wegzustecken, wie es den Anschein haben mag.«

Dieses ganze Potential liegt nun für den zweiten Teil seiner Autobiographie bereit – und er nutzt es, wenn er in Schwierigkeiten kommt, – kriminell, warum auch nicht? und endet schließlich an der Knastschreibmaschine, auf der er nicht nur die Frage stellt, War es den Aufwand wert, dieses beschissene Leben vor den Bomben zu retten?![6]

Auch wenn er sich im Rückblick zurecht als „Ergebnis“ einer heillosen Zeit darstellt, geschieht auch dies noch mit der Absicht, ein warnend Beispiel abzugeben. Selbst in der Opferrolle noch tatorientiert.

Das Sündenregister des Kindes und Jugendlichen ist auch eine weitere kriminologische Überlegung wert. Denn Pardon wird nicht gegeben. Ich lernte bereits im Studium, dass es nicht gut ist, eine Akte beim Jugendamt zu haben. Ist die erst einmal angelegt, wird alles gesammelt und bei Bedarf hervorgeholt. Kinder aus „guten Familien“ haben selten eine Jugendamtsakte, weil diese Familien Devianzen meist selber regeln können. Bei Dieter Schulz kommt Heimausbruch zu Trebe[7] zu Heimausbruch. Seine „Gefährlichkeit“ wächst von Mal zu Mal. Pädagogische Neuanfänge gibt es nicht, immer nur das Heim, also mehr vom Selben, obwohl man weiß, dass das nicht hilft. So führt pädagogisches Versagen dazu, dass in solchen Fällen die Jugendamtsakte nahtlos in die Strafakte überführt werden kann. Im Volksmund heißt es, der Teufel schitt immer auf den größten Hucken. Wenn noch nix da ist, schit hei nich.

Doch es gibt hin und wieder einen Nachlass. Die Öffentlichkeit regt sich oft auf, wenn wegen „mangelnder Nestwärme“ o.ä. der Strafrahmen nicht voll ausgeschöpft wird. Hätte Dieter Schulz vielleicht auch gekriegt, „wenn der Richter das gelesen hätte“. Hatte er aber nicht, denn seine Autobiographie gab’s noch nicht, nur sein Vorstrafenregister: 16 Vorstrafen werden strafverschärfend im Urteil aufgeführt.Ist der Leumund gut, also keine Vorstrafen, ist die Sozialprognose gut. Leute mit positivem Sozialisationshintergrund sind aus der „Normalsicht“ lebenstüchtiger, zuweilen aber auch erfolgreicher in der Kriminalität, als die von Kind auf geschädigten. Eigentlich müßte man ihnen vor Gericht ihre bisherige Unbescholtenheit zum Vorwurf machen: Sie hatten privat wie beruflich einen unbelasteten, sorgenfreien Werdegang und blieben bisher unbescholten. Dennoch haben Sie bewusst Schrott­immobilien verkauft und viele Menschen in den Ruin getrieben. Das müssen wir straf­verschärfend werten.

Dieter Schulz sieht sich auch weiterhin als Winner. Er ist überzeugt, einmal in den Himmel zu kommen. Habe ich doch die Hölle bereits auf Erden erlebt und meine Sünden mit 17 Jahren Knast abgebüßt.

Auf wen er dort wohl alles treffen wird?

Fußnoten

[1] Verschiedene Genres kämen infrage, wenn es ein Roman wäre:

  1. Schelmenroman: »Der Schelm stammt aus den unteren gesellschaftlichen Schichten, ist deshalb ungebildet, aber „bauernschlau“. Er durchläuft alle gesellschaftlichen Schichten und wird zu deren Spiegel. Der Held hat keinen Einfluss auf die Geschehnisse um ihn herum, schafft es aber immer wieder, sich aus allen brenzligen Situationen zu retten. «https://de.wikipedia.org/wiki/Schelmenroman
  2. Bildungsroman: »Bildung soll beim Bildungsroman nicht nur das Thema des Romans sein, sondern auch dem Leser vermittelt werden. Ähnlich wie im didaktischen Aufklärungsroman geschieht dies durch das „missiona­rische Überlegen­heits­gefühl eines sich selbst bewussten Erzählers, der seinen Bildungsvorsprung gegenüber Held und Leser geltend machen [kann]“. Dieser distanzierte, oft ironische Erzähler ist also neben dem Helden und dem Leser die wesentliche Figur eines Bildungsverhältnisses, das als Bildungsgeschichte bezeichnet wird.« https://de.wikipedia.org/wiki/Bildungsroman . Dieter Schulz ist einerseits „Held“ der Geschichte, andererseits aber oft auch der distanzierte und ironische Erzähler. Das kann nicht jeder Memoirenschreiber, dennoch hat dieser Lebensbericht Parallelen
  3. zu „Memoiren“: https://de.wikipedia.org/wiki/Memoiren und
  4. zur Autobiographie. https://de.wikipedia.org/wiki/Autobiografie .

[2] Die ersten 20 Kapitel sind bereits hier im Blog erschienen, damit ist der Teil abgeschlossen, den Dieter Schulz spontan auf der Justizschreibmaschine verfasst hat: auf dünnem Durchschlagpapier in Zeilen mit von Rand zu Rand hüpfenden Buchstaben, mit unterschiedlicher Anschlagstärke und abenteuerlicher Rechtschreibung getippt.

Die nächsten rund 20 Kapitel erreichten mich per Mail. Schulz war inzwischen frei und wurde von uns ermutigt, weiterzuschreiben.

[3] Dierk Schäfer, Die Zurichtung des Menschen – auch ohne Religion, Deutsches Pfarrerblatt – Heft: 9/2016, http://www.pfarrerverband.de/pfarrerblatt/index.php?a=show&id=4128

[4] http://lyricstranslate.com/de/bertolt-brecht-erstes-dreigroschenfinale-lyrics.html

[5] Diese ist allerdings nicht in allen Fällen ein zuverlässiger Weg zu einem Leben frei von Kriminalität, nicht einmal von schwerer Kriminalität. Das zeigt ein Blick auf die gerade aktuell sichtbaren Machenschaften erfolgreicher Firmen und ihrer Manager. Auch diese sind Täterpersönlichkeiten, sonst hätten sie in ihrem Umfeld nicht reüssieren können. Selbst wenn sie mal zur Rechenschaft gezogen werden, fallen sie weich. Dieter Schulz aber lebt ärmlich von Sozialhilfe, sitzt im Rollstuhl und hin und wieder fährt man ihn zum Discounter-Einkauf.

[6] https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/03/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xvii/

[7] http://umgangssprache_de.deacademic.com/26403/Trebe

 

In Kapitel 21, geht es weiter. Titel: Erwähnte ich schon, dass ich ein cleveres Kerlchen war? Darin erfahren wir, wie er es angestellt hat, ins Schiebergeschäft einzusteigen, wirklich sehr clever.

_Inhaltsverzeichnis

 

 

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XV

logo-moabit-kDieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit,

             die keine Kindheit war

 

 

 

Fünfzehntes Kapitel

Spurensuche – und der Beginn in Dönschten

Weißwasser. Viel hatte sich an und in diesem Haus nicht verändert, musste ich 1990 im Juli feststellen. Nur viel vergammelter und verfallener war alles. Die Kinder etwas jünger gewor­den. Alles bot einen traurigen Anblick. Traurig waren auch die derzeitigen Erzieher in dem Haus. Sie wussten nicht, wie es nach der Wende weitergehen sollte. Ich bemühte mich dann, weil ich es versprochen hatte, wieder zu Hause angekommen, eine Partnerschaft für das Heim herzustellen. Nach vielen Telefonaten hatte ich dann auch die Stadt Neuß dafür gewonnen, diesem Heim mit Rat und Tat unter die Arme zu greifen. Warum ich das tat? Was konnten denn die Kinder dafür? Warum ich wieder in Weißwasser auftauchte? Vielleicht suchte ich nachträglich immer noch meine Kindheit zu finden? Ich war überall dort, wo ich längere Zeit meiner Kindheit verbracht hatte. Meine letzte Station war Dönschten, genauso wie Dönschten auch meine letzte Heim-Stätte gewesen war, bevor mir die Flucht in den Westen gelang. Was ich 1990 in Dönschten vorfand, habe ich ja schon kurz geschildert. Zuerst durchfuhren wir Dönschten im Schritttempo. Zu dieser Zeit fiel ein Auto auch in Dönschten nicht mehr auf. Schnell konnte ich feststellen, dass das Heim, bis auf ein Gebäude von sechsen, gar nicht mehr in der Form existierte. Ich selbst hatte gleich am Ortseingang in Haus 1 fast ein ganzes Jahr verbracht, außer der Zeit, wo ich auf der Flucht war. Dort war nun, wie erwähnt, ein Restaurant eingerichtet. Doch schnell erfuhr ich auch, dass ausgerechnet der Heimleiter mit Frau noch in der gleichen Wohnung lebte. Gleich das Haus daneben. Diese herzliche Ein­ladung, die wir, meine Lebensgefährtin, meine Schwester und ich, 1990 erhielten, fiel ganz anders aus, als meine Begrüßung 1954. Der Heimleiter und seine Frau, die damals die Büro­arbeiten und die wirtschaftliche Seite erledigten, waren schon in den 80ern. Das Gedächtnis der Frau war bewunderungswürdig. Meinen Namen nennend erinnerte sie sich sofort an weitere Einzelheiten, die damit zusammenhingen. Sie konnte mir auf den Tag, ja sogar die Uhrzeit benennen, seitdem wir, Peter H. (ja auch er war wieder dabei!) und Klaus … sowie meine Wenigkeit vom Heim in Dönschten abgängig gemeldet wurden. Es waren alle Akten eingezogen worden. Aber die Frau hatte noch ein kleines Büchlein in ihrem Besitz. In dem Büchlein, man staune, befand sich sogar noch ein Bild von mir. Dieses Bild hat sie mir freund­licherweise und aus Dankbarkeit über den Besuch, und weil ich auch gar nicht mehr nachtragend war, überlassen. So bin ich an mein einziges Kindheitsfoto gekommen. In Weiß­wasser befand sich zwar auch noch eines, welches mich mit dem Fanfarenzug zeigte, hinter einer Glasscheibe, aber das wollte man mir partout nicht geben. Vielleicht hätte ich später, nachdem ich meine Loyalität bewiesen hatte und die Partnerschaft mit Neuss herstellte, auf mehr Verständnis stoßen können. Aber für eine nächste Reise blieb mir keine Zeit mehr. Bullen machten mir einen Strich durch die Rechnung.[1] Wie gesagt, die Begrüßung in Dönschten 1954 fiel nicht so herzlich aus, wie die 1990.

Bald war allen bekannt, dass mit mir nicht gut Kirschen essen war.

Von Weißwasser nach Dresden. Von Dresden nach Dippoldiswalde. In Dippoldiswalde in die Bimmelbahn Richtung Zinnwald. Es war ja ganz romantisch, die Fahrt mit dieser Bahn. Ich hätte unterwegs aussteigen, Blumen pflücken und wieder zusteigen können. Natürlich wurde ich mit Argusaugen bewacht. Also machte ich erst gar nicht den Versuch. Außerdem fand ich damals schon, dass Blumen am schönsten anzusehen waren, wenn man sie in der Natur bewun­dern konnte. Es gab nur eine Ausnahme. Das freudige Aufleuchten der Augen meiner Mutter, wenn ich ihr einen Strauß schenkte, dafür frevelte ich schon mal an der Natur. In Schmiedeberg[2] wurden wir nebst meiner paar Sachen, die auf eine Handkarre geladen wurden, vom Bahnhof abgeholt. Etwa drei Kilometer Fußmarsch lagen vor uns. Diese Berge und eben dieser Wald, der hier wuchs, waren schon etwas anderes als das Flachland der Niederlausitz. Ein Fuchs schnürte über unseren Weg. Ich nahm mir vor, diesen bei passender Gelegenheit zu jagen. Aber dieser Fuchs war noch etwas schlauer als ich. Er ließ sich nie wieder in meiner Nähe blicken. Mein Begleiter zog sich mit dem Heimleiter ins Büro zurück, wo sicherlich über mich hergezogen wurde. Ich wurde als 27stes Mitglied der Gruppe vorgestellt. Mir wurde das ungeliebte Bett direkt an der Tür zugeteilt. Die einzelnen Räume und deren Funktionen wurden vorgezeigt. Einige Typen wollten mir auch gleich erklären, wo und wie es hier lang ging. Wer das Sagen hatte. Mit der Zurückhaltung eines Neulings, ließ ich deren Gequatsche über mich ergehen, nickte auch zustimmend zu allem, was sie so sagten. Die Einführung hatte schon bald ein dazu bestimmter Junge übernommen, weil der Erzieher ebenfalls im Büro erscheinen musste. Bei seiner Rückkehr sah er mich schon mit ganz anderen Augen an.

Beim Abendbrot, wir nahmen es an drei langen Tischen ein, am mittleren saß der Erzieher, am Kopfende, wo sonst? Ein anderer Junge musste seinen angestammten Platz für mich räumen. Ich konnte mir schon denken, warum. Mit der Redefreiheit wurde es hier im Gegensatz zu Weißwasser nicht so genau genommen. Dafür hatte der Erzieher, Herr K., ein anderes Faible. Wo es hier lang ging und um seine Macht zu demonstrieren, nehme ich jedenfalls an, machte ich auch recht bald mit seiner Vorliebe Bekanntschaft. Ohne dass ich es bemerkt hatte: Herr K. hatte die Angewohnheit, seine Befehle mit den Augen zu geben, schon hatte sich einer seiner „Radfahrer“ von hinten an mich herangeschlichen, mein Handgelenk gepackt, den Arm kurz angehoben und mir somit den Ellenbogen auf die Tischkante gestoßen. Waau! Das war ein Gefühl wie Weihnachten und Ostern zusammen genommen. Herrn K.’s Methode, seinen Kindern abzugewöhnen, mehr als nur das Handgelenk auf den Tisch zu legen. Beim Essen zumindest! Danke mochte ich für die freundliche Erziehungsbeihilfe nicht sagen, dafür ließ ich bei passender Gelegenheit im Wald einen starken Zweig unverhofft zurückschnellen, als sich der Spezi dicht hinter mir befand. Ich glaube, dass er immer noch eine interessante Narbe auf der Wange hat. Er könnte sie ja so erklären, dass er in seiner Studentenzeit einer schlagenden Verbindung angehört hätte. Als er mich nach der ärztlichen Behandlung bezichtigte, dies mit Absicht getan zu haben, habe ich ihn vom Geländer in den damals noch vorhandenen und fließenden eiskalten Bach geschubst. So, jetzt konnte er seinem Mentor ruhig erzählen, dass ich etwas mit Absicht getan hätte. Bloß, er fand keinen Zeugen dafür.

Inzwischen hatte ich schon Einige auf meiner Seite. Das kam daher, dass in der heimeigenen Schule alle sechs Häuser zusammenkamen. Auf die anderen Häuser verteilt waren wiederum einige ehemalige Waldheim-Kameraden aus guten alten Zeiten. Bald war allen bekannt, dass mit mir nicht gut Kirschen essen war. Eigenartig, dass in der Welt, auch bei den Kindern, die Gewalt am meisten akzeptiert wird. Ansonsten könnten die Erwachsenen ja auch kaum Macht über sie ausüben. Militär und Justiz übernehmen wiederum das Machtmonopol den Erwachse­nen gegenüber ein. Tja, so ist die Welt, in der wir nun mal leben müssen! Müssen?

Zwei oder gar drei Bengels hatten ihn missbraucht.

Ich war nie suizidgefährdet, glaube ich zumindest. Ein Junge unserer Gruppe, der eher als Mädchen durchgegangen wäre mit seinen femininen Gesichtszügen, war es aber im höchsten Maße. Nur, es merkte keiner. Noch nicht einmal die dafür zuständigen Erzieher. Bei den wenigen Versuchen es den Erziehern beizubringen, was ihn bedrückte, wurde er abgewiesen. So etwas gab es nicht. Hatte es einfach nicht zu geben! In Dresden hatte ich ja die gleiche Erfahrung in dieser Beziehung machen müssen. Weiß der Himmel, wo der Bengel die Schlaf­tabletten her hatte, aber als man sie bei ihm fand, da war es bereits zu spät. Ich dachte von Schlaftabletten schläft man ganz fest? Der Bengel musste sie wohl im Baderaum geschluckt haben und sich danach in Bett gelegt haben, wie immer. Da er aber etwa 30 Minuten später die restlichen 16 Jungen im Schlafsaal damit aufweckte, als er sich wie wild im Bett herum­warf, konnte keiner ahnen, dass er das Betäubungsmittel eingenommen hatte. Wir dachten schon, dass er genau so ein Epileptiker war, wie wir einen im anderen Schlafsaal hatten. Der herbeigerufene Erzieher, der direkt über unserem Schlafsaal sein Zimmer hatte, meinte des­halb auch nur, nachtschlafend mürrisch, „Ach der, der soll sich nur nicht so anstellen. Viel­leicht täte ihm eine kalte Dusche ganz gut!“ Damit begab er sich wieder in seine Furzmolle. Am nächsten Morgen wollte der Junge überhaupt nicht aufstehen und am Frühstück teil­neh­men. Wutentbrannt riss der Erzieher und Vorturner dem Jungen die Bettdecke, die er sich über den Kopf gezogen hatte, weg. In der Bettdecke blieben aber die Zähne des Jungen haften und sein Kopf wurde mit der Bettdecke hochgerissen. Da erst dämmerte es dem Erzieher und uns, die wir wie neugierig in der Türe standen, was wirklich los war. Sein Gesicht, das des Erziehers, das des Jungen war es bereits, nahm die Farbe des Bettlakens an. Frühsport fiel aus. Frühstück gab es verspätet. Die Schule fiel ganz aus. Es waren doch tatsächlich ein paar neu­gierige Zivilisten gekommen, die von UNS wissen wollten, was geschehen war!? Ja, was war geschehen? Zwei oder gar drei Bengels hatten ihn missbraucht, das war sicher. Doch wer genau, das erfuhr auch die schlaue Polizei nicht. Ohne genaue Angaben, die sie nur noch zu notieren brauchten, den Täter festnehmen und die Lorbeeren einheimsen, lief gar nichts. Nicht umsonst hat die Sendung XY[3] sich solange auf dem Bildschirm behaupten können. Der Polizei muss unter die Arme gegriffen werden, damit sie auf die Beine, sprich auf den Täter kommt. Die mögen zwar jedweden Mist auf der Polizeischule lernen, logisch denken auf keinen Fall. Entweder man hat’s, oder hat’s nicht. Ohne Mithilfe der Bevölkerung sind sie machtlos wie ein Schnullerbaby. Wir alle wussten auch nichts Genaues. Die Bengels hatten es natürlich nicht an die große Glocke gehängt. In Frage, das war uns allen klar, kamen eigentlich nur unsere „Spritzer“. Die etwas größeren, älteren, die durch Sitzenbleiben immer noch die 7. Klasse durchliefen. Auf diese Idee, die Verursacher des Selbstmordes in diesem relativ kleinen Kreis zu suchen, kamen diese geistigen Tiefflieger von Bullen nicht. „Also tschüß dann, und haltet immer schön die Augen offen!“ Wir, wir Kinder sollten uns deren Augen verderben?

Aber Kinder lernten nun mal schnell … von den Erwachsenen

Verdorben wurden wir ja schon von den Erziehern genug. Die Parole: Wer beim Onanieren erwischt wird, bekommt Kollektivkeile!, trug manchmal sogar Früchte. Jeder tat es. Ließ er sich aber dabei erwischen, schrie mit Sicherheit einer der „Radfahrer“ Zeter und Mordio. Es fanden sich dann immer welche, die mit Gürteln und dem bereits bekannten „Ochsen­schwanz“ auf dieses arme Würstchen eindroschen. Der so Verdroschene revanchierte sich dann postwendend bei nächster Gelegenheit mit vermehrter Wut. Wenn die Erzieher zu etwas Pfui sagten und dafür die Jagd freigaben, fanden sich immer welche, die Pluspunkte sam­meln wollten. Durch vieles Petzen und Arschkriechen glaubten sie, Lobenswertes in ihren Akten vermerkt zu bekommen, was eine baldige Rückkehr in den Schoß der Familie bedeu­tete. Ohne Rücksicht auf Verluste. Von solchen Typen lebte der sozialistische Staat DDR. Die Aufarbeitung der Ex-DDR Geschichte beweist dies wohl am besten. Nicht dass ich dem Erzie­her oder gar der Polizei die Arbeit abnehmen wollte, um somit diesem System zu dienen; ich setzte alles daran einem der Verdächtigen auf die Schliche zu kommen. Ich fand nur, dass die Schuldigen einfach zu wenig, bzw. keine Reue zeigten. Zumindest hatten sie eine kleine Aufmische nötig. Um wenigstens ein paar überzeugte Helfer auf meiner Seite zu haben, musste ich zu einer List greifen. Ich wusste ja schon längst, dass ER einen viel größeren als ich hatte. Er zeigte IHN mir ja bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Glaubte dieses Arschloch etwa, dass er mich damit hinter dem Ofen hervor locken konnte? Davon dem Erzieher über­haupt Mitteilung zu machen, widerstrebte mir aus vorgenannten Gründen. Hilf dir selbst, so hilft dir Gott, pflegte meine Mutter oft zu sagen. Ich hatte mir diese Devise eingeprägt. Wie jeder andere, so half auch ich mir selbst. Aber nicht mehr so vorsichtig, wie es eigentlich gebo­ten schien. Ganz bewusst benutzte ich ein paar Tage lang mein Bettlaken und kein Taschentuch. Oh ja, Betten bauen hatte ich gelernt. Da ohnehin alle gleich akkurat auszusehen hatten, fiel es dem Betroffenen auch gar nicht weiter auf, dass er sich eines Abends auf meinem präparierten Laken zu Ruhe legte. Jeder hatte sich seine eigene Atemtechnik zurechtgelegt, sofern er das vor dem Einschlafen betrieb, was eigentlich gesundheitsschädlich sein sollte. Seine Atemtechnik hatte ich bald raus. Ich hatte inzwischen auch das Bett getauscht. Von der Türe weg, in das, welches der „Abgänger“ freigemacht hatte. So lag ich nun direkt neben meiner Zielperson, die ich zu observieren hatte. Um auch ganz sicher zu sein, dass er auch „mit was in der Hand “ erwischt wurde, ließ ich ihn eine Weile gewähren. Er hätte es wohl am liebsten gehabt, wenn ich dies für ihn erledigte. Nach wenigen Abenden schon gab er sich keine allzu große Mühe mehr es vor mir zu verbergen, wenn er es mit sich selbst trieb. Er glaubte wohl, weil ich so klein und mickrig auf der Brust war, könnte ich einen Beschützer gebrauchen. Durch die Blume hatte er es mir ja schon angeboten. Ich ließ ihn aber links lie­gen. Auf der linken Seite lag er nun an diesem bewussten Spätabend und hatte sein Gesicht zu mir gedreht. So urplötzlich, wie ich losschrie, dass die meisten Schlafgenossen beinahe aus den Betten fielen, so schnell bekam der Bursche vor Schreck gar nicht seine Hand von seiner Stromleitung. Ich hoch, Bettdecke zur Seite reißen und mit dem Finger auf seine Erektion wei­send war alles eins. Ein gehorsamer Schüler unseres Erziehers wusste nun sofort, was seine Pflicht war. Gegen die Masse, die auf ihn einstürmte, hatte der Bengel nichts einzusetzen. Ich machte die Jungs auch noch so richtig schön scharf auf ihn, indem ich auf das Bettlaken wies, wo ja noch mehr Beweise vorlagen. Durch den Lärm geweckt kam dann auch der eigentliche Anstifter solcher nächtlichen Ruhestörungen in den Schlafsaal. Einer seiner Lieblinge war in flagranti erwischt worden, das Bettlaken erbrachte den eindeutigen Beweis. Er konnte und wollte einem seiner besten „Radfahrer“ nicht beistehen. Da gerade dieser Bursche sich jedes Mal besonders hervor getan hatte, wenn es darum ging, andere ertappte Sünder zu züchtigen, fielen seine eigenen Prügel besonders schön aus. Aus meiner Sicht gesehen. Von einem längeren Krankenhausaufenthalt kam er nicht wieder in dieses Heim zurück. Vorn am Eingang unseres Hauses war ein Schild angebracht, darauf stand: Kinderheim für schwererziehbare Kinder, Haus 1. Ich glaube kaum, dass die Behörden ihn nach Hause geschickt haben in der Meinung, dass diese Prügel ihn hinreichend erzogen hätten. Schade! Ich hätte mich gerne noch weiter mit seiner Erziehung beschäftigt. Ja, so grausam können Kinder untereinander sein.

Aber Kinder lernten nun mal schnell … von den Erwachsenen. Das waren ja der Kinder Vorbilder. Woher sollten sie für ihren weiteren Lebensweg sonst ihr Rüstzeug erhalten?[4] Für den zweiten, den wir im Verdacht hatten, der aber im anderen Schlafsaal lag, musste ich mir etwas anderes ausdenken. Man konnte mir einige Schlechtigkeiten nachsagen, aber nicht, dass ich kein Kämpferherz hätte. Der zweite Aspirant hatte doch tatsächlich den Nerv, obwohl er sich seiner Größe und Stärke vollkommen bewusst war, mich Wurzelzwerg an einem der Schlechtwettertage, an denen wir dann im Haus Tischtennis oder andere Spiele, sowie auch Ringen veranstalteten, zu einem Ringkampf herauszufordern. Er mochte mich anscheinend nicht besonders, was übrigens auf Gegenseitigkeit beruhte, weil ich einfach nicht nach seiner Pfeife tanzen wollte. Endlich, so glaubte er, wollte er mir mal vor versammelter Mannschaft zeigen, wie stark er war und mich demütigen. Mit Verwunderung hörten die anderen, dass ich seine Herausforderung annahm. Ich hatte nicht nur in meinem Schwager einen guten Lehr­meister gehabt, was das Lernen von Tricks beim Nahkampf anging, sondern auch meine Freunde, die russischen Soldaten, hatten mir einiges gezeigt. Was viel später erst durch die Filmindustrie allgemein zugänglich gemacht wurde, das wurde bei jeder guten Soldaten­aus­bildung schon längst praktiziert. Wenn man sich nicht unbedingt an die olympischen Regeln hielt, konnte man den stärksten Mann aufs Kreuz legen. ICH nahm mir vor, IHN zu demüti­gen. Immer das Gleiche. Meistens hielten die Jungs es schon für einen Ringkampf, Kampf überhaupt, wenn sie sich nur kräftig genug an den Klamotten zerrten. Davon gab es doch zu jener Zeit wirklich nicht in Hülle und Fülle. Gab es nichts an den Klamotten zu zerren, wie in unserem Fall, weil wir nur Turnzeug anhatten, versuchte man es mit dem Schwitzkasten. Das kennen wir ja schon. Ich erdreistete mich ihm in die Weichteile zu fassen, was er bei dieser Gelegenheit anscheinend gar nicht als sehr angenehm empfand. Oder hatte ich einfach nur nicht zärtlich genug zugegriffen? Er verzichtete zunächst einmal auf den Schwitzkasten. Mich wild anstierend kam er mit Armen, die wie Dreschflegel in der Gegend rumfuchtelten, auf mich zu. Einer der Russen hatte mir mal ganz plastisch vorgeführt, wie die menschliche Hand beschaffen war. Durch ihn wurde mir erst bewusst, dass der Mittelfinger immer weiter heraus­ragte, als die übrigen. Wenn man die Hand also mit etwas Anstrengung ganz ausstreckte, ein einigermaßen gutes Augenmaß hatte (hatte ich beim Schießen bewiesen), und diesen Mittelfinger mit der übrigen Hand dran, versteht sich, blitzschnell dem Gegner auf den Solarplexus (den Ausdruck habe ich nicht von den Russen, der soll nur meine Weiterbildung anzeigen) platziert, dann haut es den stärksten Mann um. Wovon ich mich in diesem Falle überzeugen konnte. Ich hatte mich ganz genau an die Anweisungen gehalten. So bekam kaum einer mit, wie ich dieses Großmaul auf die Matte geschickt hatte. Besorgt tuend beugte ich mich zu ihm herunter. Es war ihm vorläufig nicht möglich ein Wort herauszubringen, zuhören, dass wusste ich, konnte er aber. „Paß auf mein Freund, ich habe gehört, du sollst nachts schnarchen und mit offenem Mund schlafen. Wenn du mich auch nur noch mal schief anguckst, werde ich eines Nachts kommen und dir ins offene Maul scheißen! Ist dir das ver­ständlich genug?“ Um ihn von meiner Fähigkeit zur Brutalität dieser Art zu überzeugen, drückte ich dem Burschen zwei meiner Finger auf seine beiden Augenlider und drückte nur ein ganz wenig zu. Von da an brauchte er bei mir seine Kraft nicht mehr unter Beweis stellen. Kraft haben und sie auch richtig einsetzen, dass sind zwei verschiedene Schuhe. Nur einmal noch versuchte er seine Scharte bei mir auszuwetzen. Als ich Anfang Februar mit Peter H. von unserer Flucht zurückkehrte und er dabei war, als die Meute auf uns losgelassen werden sollte. Er sah darin wohl seine Chance, sich für seine Niederlage rächen zu können. Er war einer von denen, die dann dafür auch das Stuhlbein küssen durften. Für den Rest meiner dortigen Anwesenheit (August) hatte er dann wirklich seine Lektion gelernt.

„Was glaubst du, was es uns kostet, dich immer wieder einzufangen?“

Von der Heimleitung her war für die Heimkinder Beschäftigungstherapie angesagt. Es begann damit, dass nach dem Mittagessen nur Schulaufgaben, von denen es immer reichlich gab, gemacht wurden. Ein Tintenklecks oder gar liederlich geschrieben bedeutete alles noch einmal von vorne. Jede Matheaufgabe wurde nachgerechnet. Man kam erst gar nicht dazu, falsche Hausaufgaben überhaupt in der Schule vorzuzeigen. Die Schüler, die in einem Fach besonders gut waren, waren verpflichtet, den schwächeren zu helfen. Der Erzieher saß vorne an der Tür und ließ nichts durchgehen, was nicht seine Billigung fand. Gehen durfte nur der, der auch seine Aufgaben zu dessen Zufriedenheit gemacht hatte. Die Freizeit hing also im Wesentlichen von den schulischen Leistungen ab. Die Schule selbst hatte sich anscheinend ein Soll gesetzt. Jeder Lehrer gab in seinem Fach eine gewisse Anzahl von Nachhilfestunden für diejenigen, die nicht alles restlos begriffen hatten. Somit schaffte es auch keiner in dieser Heimschule sitzen zu bleiben.

Dann gab es von der Heimseite her noch die Altpapier-, Altglas- und Buntmetall-Sammelaktionen. Alles für die Gemeinschaftskasse. Wie es aussah finanzierte sich das Heim fast selbst damit. Schon kurz nach meiner Ankunft in Dönschten wurde damit begonnen für den weihnachtlichen „Striezelmarkt[5]“ in Dresden zu produzieren. Von Krippenspielen, die mit Kerzenlicht angetrieben wurden, über Laubsägearbeiten und Hirsch- und Rehgeweihen, deren Rosetten zu Zierknöpfen oder ganze Stücke zu Messer­griffen und ähnlichem verarbeitet wurden, reichte die Palette, die wir anfertigten. Die aber auch reißenden Absatz in Dresden fanden. Es kam nichts davon zurück. Das Weihnachtsfest, bzw. die Feier fiel dagegen recht dürftig aus. Ich habe auch nicht einmal drei Mark Taschen­geld erhalten, die mir zugestanden hätten. „Was glaubst du, was uns das Einfangen immer kostet, wenn du mal auf Reisen gehst? Willst du das alles bezahlen?“ hielt man dagegen, als ich mal danach fragte. Na, wenn das so war, dachte ich schon im Oktober 1954 dran, dann würde es aber wieder mal höchste Zeit, dass ich auf Reisen ging. G. und M. hatten so etwas schon vermutet, dass ich mit der alten Tour weitermachen würde. Sie hatten mich sogar danach gefragt, und ich hatte ebenso ehrlich geantwortet, dass es mich nicht lange an einem Ort mehr halten würde. Sie gaben mir zu verstehen, dass ich bei ihnen in Leipzig jederzeit einen Anlaufpunkt hätte, und gaben mir sogar 50 Mark Reisegeld. Mit dem, was ich noch von den Russen aus Weißwasser hatte, kamen über 100 Mark zusammen. Ich hatte aber keines­wegs vor, das Polizistenpaar in Gewissenskonflikte mit ihrem Berufsstand zu bringen. So weit ging mein Vertrauen zu der Polizei nun auch wieder nicht.

Längst hatte ich mein Herz an Monika verloren. Ich schmachtete danach, sie auch nur aus der Ferne sehen zu können. Ihre Schillerlocken, ihre sanften Augen, die feine Röte, die ihr Gesicht jedes Mal zeigte, wenn ich sie mal aus der Nähe ansehen konnte, und sie meinen Blick bemerkte. Ihre Grübchen, wenn sie lächelte, all das wollte ich erst gar nicht aufgeben.

Außer zu den Sammelaktionen kamen wir ja kaum vom Heimgelände. Vielleicht einmal in der Woche der Aufstieg in 800 Meter Höhe, wo die einzige einigermaßen ebene Fläche war, wo wir dann meist nur Handball spielen durften, weil die eine Seite so steil abfiel, dass das Ball-Zurückholen das eigentliche Spiel um mehrere Minuten unterbrach. Eines der schönsten Täler des Osterzgebirges, wie uns gesagt wurde. Wir durften stundenlang Blüten an den Hän­gen der Berge sammeln. Ich bin mir nicht mehr ganz sicher, aber ich glaube, es war Finger­hut, der getrocknet von einer Pharmafirma abgeholt und auch gut bezahlt wurde. Von der gleichen Firma wurden auch die Kreuzottern aufgekauft, die wir gefangen hatten. Man zeigte uns sogar, wie man ihnen das Gift aus den Zähnen holte, und erklärte auch, dass es zu einem bestimmten Serum verarbeitet wurde, das Kranken zugute kam. Uns kam nichts davon zugute. Das einzig bleibende Andenken an meine Arbeiten dort habe ich bereits erwähnt. Der Dau­men­nagel. Wie ich mich also so umhörte und erfahren musste, dass es mit großen Schwie­rig­keiten verbunden war, überhaupt aus dem Bannkreis des Heimes zu kommen, obwohl noch nicht einmal der kleinste Zaun ein Hindernis darstellte, sondern die geographische Lage des Heims, machte ich mir so meine eigenen Gedanken. Und mir fiel auch wieder etwas ein. Das einzige kulturelle Ereignis, zu dem wir geführt wurden, war ein Fußballspiel in Schmiede­berg. Klein Kleckersdorf gegen Schienbein 04, oder so ähnlich. Jetzt war ich schon 3 km von Dönschten entfernt, auch in der richtigen Richtung reichte dieser Ausflug aber nur dazu aus, wenigstens schon mal was für die Fluchtvorbereitungen zu tun. Peter H. und noch zwei andere hatten sich für meinen Plan schon erwärmt. Alleine auf Wanderschaft gehen machte keinen Spaß. So hatte ich die drei also eingeweiht. Vor dem eigentlichen großen Spiel trat eine Schülermannschaft an. Diese Schülermannschaften zogen sich nach dem Spiel um und wollten anschließend von ihren größeren Vorbildern das Kicken noch besser erlernen. Bei der ungeheuren Zuschauerkulisse von mindestens 100 Personen, wovon die Hälfte unser Heim stellte, fiel es gar nicht weiter auf, dass wir uns an die Beutel der Gastschüler ranmachten, die so schön abseits auf einem Haufen lagen. Die erbeuteten Trikots unter unsere Sachen ziehend hatten wir die beiden Toiletten einige Zeit in Beschlag genommen. Jeder von uns war beim Abmarsch vom Heim mit einem Brotbeutel versehen worden. In diesen Beuteln konnten wir die Schuhe unterbringen. So ausgestattet gelang es uns dann wenige Tage später, weil die Trikots auch noch so schön schmutzig waren, auch den Busfahrer zu täuschen, der uns gegen seine Vorschrift aus diesem Gebiet rausbrachte.

Geldkatzen angeln

Einer der Jungen, der mitreiste, hatte ebenfalls Verwandte im Westen. Sein brennenster Wunsch war es nach „Drüben“ zu gehen. In Dresden besserten wir wie ein eingespieltes Team unser Reisegeld einigermaßen auf. Was die Frauen aber auch für einen Mist in ihren Hand­taschen hatten! Die Portemonnaies enthielten meistens auch nicht viel. Das lag anscheinend daran, dass wir immer erst zu spät an diese Dinger rankamen. Die Einkaufstaschen mussten schon etwas voller sein, wo die Frauen ihre Geldkatzen drauflegten und wir sie uns dann besser angeln konnten. Dementsprechend wie die Einkaufstasche voller wurde, wurde aber auch das Portemonnaie leerer. So mussten wir schon ziemlich oft zugreifen, um eine zufrie­denstellende Summe zusammen zu bekommen. Drei von uns schirmten das Opfer mit ihren Körpern ab, während der Vierte seine Finger spielen ließ. Nicht dass jetzt immer nur einer zulangen durfte. Jeder von uns wollte und konnte auch seine Geschicklichkeit unter Beweis stellen. Opfer waren ja genügend vorhanden.

Ein einziges Mal mussten wir die Beine unter die Arme nehmen und zeigen, dass wir auch gut laufen konnten. Aber bevor die Frau noch genau erklärt hatte, was ihr widerfahren, und wer ihr das angetan hatte, waren wir schon längst weg. Beim Überschlagen unserer Ausbeute kamen wir zu dem Schluss, dass es ruhig etwas mehr sein könnte. Frech wie Rotz suchten wir die Markthalle wieder auf. Wir hatten dann auch noch das unverschämte Glück eine Frau mit einem Hunderter bezahlen zu sehen. Bevor der Verkäufer das Geld aus der Hand der Kundin nehmen konnte, hatte ich ihm die Arbeit schon abgenommen. Ich kenne die rechtlichen Ver­hältnisse nicht so genau. Hatte die Kundin nun schon bezahlt? Oder trug sie den Verlust, weil der Geldschein noch nicht in der Kasse des Verkäufers geklingelt hatte? Wie auch immer. Wir waren für’s erste saniert. Sollten sich doch die Köpfe zerbrechen, die die Schuld daran trugen, warum wir Kriegsopferkinder unsere Kriegsopfer eintrieben.

Über die grüne Grenze in den Westen?  „Wir werden euch schon noch weich kochen!“

Wir kamen gut in Leipzig an. In Dresden hatten wir fünf Lauben aufbrechen müssen, bis wir die passende für uns gefunden hatten. Schließlich wollte jeder seinen eigenen Schlafplatz haben. So trugen wir Sofas und Decken zusammen und verbrachten eine geruhsame Nacht.

Ich konnte in Leipzig ja wohl schlecht mit der ganzen Gesellschaft bei meiner Schwester auftauchen. So kümmerten wir uns zunächst um neue Laubenschlafplätze, bevor ich über meine Schwester Verbindung zu meiner Mutter aufnahm. Die erste Nacht verbrachten wir gemeinsam wach bleibend und Pläne schmiedend, wie wir am besten über die Grenze kom­men könnten. In Schönebeck bei Magdeburg hatte Mutter eine Schwester wohnen, eine von 17, wovon nur vier den Krieg überlebt hatten. Ich war schon mal mit dort gewesen. Mein Cousin wurde, glaube ich, konfirmiert, es kann aber auch schon die Jugendweihe gewesen sein, so genau erinnere ich mich nicht mehr. Zu diesem Anlass waren wir dort zu Besuch gewesen. Wir hatten hinten im Garten zusammen unsere erste Zigarre gepafft und waren auch sonst ganz gut zurecht gekommen. Aus Platzmangel hatten wir Jungs in einem Bett geschla­fen. Er war ja bereits drei Jahre älter als ich und meinte mir beweisen zu müssen, dass er zu Recht aus der Kindheitsphase ausgetreten sei, indem er diese Weihe, welche es auch immer war, erhalten habe. Er zeigte mir im Bett seine Männlichkeit und auch das Produkt, was daraus entstehen konnte, wenn man es nur richtig anstellte. So gute Freunde waren wir also geworden. Vom Schwager selbst hatte Mutter erfahren, dass er sich ein Zubrot dadurch ver­diente, indem er einige Male im Monat, die „Grüne Grenze“ überschreite und Dinge herüber holte, die hier Mangelware wären. Dieser Onkel nun, da er ja die Grüne Grenze so gut kannte, sollte uns Bengels dazu verhelfen, nach „Drüben“ zu kommen. Um alle unsere Mäuler zu stop­fen und auch gut mit Reisegeld ausgestattet zu sein, nahm ich wieder meine Geschäfts­verbindungen in Leipzig in Anspruch. Gut abgeschirmt durch das Frühwarnsystem meiner Kum­pane begab ich mich wieder in das Viertel, wo ich meine Geschäfte zu machen pflegte. Nach zwei Tagen schon hatten wir mehr als genug. Jeder musste sich seine Geheimtasche am Hosenschlitz anfertigen und einen Teil des Geldes verstecken. Nach herzzerreißendem Abschied von Mutter und Schwester bestiegen wir den Zug gen Magdeburg. Mitten in der Nacht trafen wir in Schönebeck ein. Mag es sein, dass wir zu nachtschlafender Zeit kamen, und einen gar nicht gutgelaunten Onkel antrafen, oder konnte es sein, dass er zum „Wendehals“[6] geworden war?

Ich bekam es nie so genau heraus. Ich wurde noch an der Türe abgefertigt. Mir wurde, nach Vortragen meiner Bitte um Fluchthilfe unter Vorzeigen eines Briefes meiner Mutter rund­weg abgeschlagen, diese Bitte zu erfüllen. Onkel P. hätte damit längst aufgehört und wir soll­ten lieber zusehen, dass wir nach Hause kämen. Peng! Da war die Türe auch schon vor der Nase zugeschlagen. Ratlos schauten wir uns an, wir, die wir alle Hoffnungen auf diesen Onkel gesetzt hatten. Noch nicht einmal auf die eigenen Verwandten konnte man sich in solchen Zeiten verlassen. Wir trotteten wieder in Richtung Schönebecker Bahnhof. Ich erkannte noch nicht einmal meinen eigenen Cousin wieder, der uns auf der anderen Straßenseite folgte. Ich beging den Fehler die Person, die uns zu beobachten schien, nicht zu beachten. Wenn wir mal stehen blieben und diskutierten, blieb auch die Person auf der anderen Straßenseite stehen oder versteckte sich sogar in einem Hauseingang. Es mag meiner Erregung zugute gehalten werden, dass ich damals solche „Kleinigkeiten“ übersah. Wieso das so war weiß ich nicht, aber der kleine Bahnhof hatte einen Wartesaal, der die ganze Nacht über geöffnet zu haben schien. Wir gingen dort hinein. In dem Mitropa[7]-Restaurant befanden sich nur wenige Gäste. Beim Ober bestellten wir vier Hühnersuppen mit Brötchen. Wir bekamen je eine Tasse mit etwas Heißem drin, worauf ein paar Fettaugen schwammen. Das war aber auch die einzige Ähnlichkeit, die die Suppe mit einer Hühnerbrühe hatte, wie sie auf der Karte angeboten worden war. Wir brauchten der Sache auch gar nicht erst weiter auf den Grund zu gehen, den Boden der Tasse zu erforschen, ob sich da etwas Hühnerfleisch abgelagert haben könnte; der Mühe wurden wir enthoben. Aus dem Nichts waren plötzlich vier uns bekannte Uniformen aufgetaucht. Wir saßen an einem runden Tisch in einer Ecke (das Flüchtlinge sich aber auch immer in eine Ecke setzen müssen!). Ohne dass wir ihre Annäherung bemerkt hatten waren sie plötzlich vor uns aufgetaucht. „Eins, zwei, drei, vier, aufstehen und mitkommen!“ Das war unmissverständlich. Die grimmigen Gesichter machten es ganz deutlich. Uns war ohnehin der Appetit vergangen. Also standen wir folgsam auf und ließen uns in die Mitte nehmen. Unmiss­verständlich hatten die Ordnungshüter auch ihre Hände auf die bereits geöffneten Pistolentaschen gelegt. Beim Rausgehen dann erkannte ich die Person wieder, die uns auf dem Weg hierher gefolgt war. Es war niemand anders als mein lieber Cousin. Im Vorbei­gehen zuckte er bedauernd die Schulter und sagte, dass sein Vater ihm aufgetragen hätte, uns zu verfolgen und bei passender Gelegenheit die Polizei zu verständigen. Das war das letzte Mal, dass ich diesen und die andere Schönebecker Verwandtschaft zu Gesicht bekam.

Wieder lernte ich ein neues Heim kennen. Wobei es im Prinzip doch immer das Gleiche blieb. Nur das Geld, das wir in den Taschen hatten, konnte man uns abnehmen. Einer der Beamten, der einigermaßen menschlich vernünftig dachte, gab Anweisung uns für diese Nacht mit Ver­nehmungen zu verschonen, da wir ziemlich geschafft aussahen. In einem Kellerverlies auf eingebauten Betonpritschen verbrachten wir den Rest der Nacht. Es war klar, dass keiner die Vorgeschichte unserer Flucht, und wie wir es bewerkstelligt hatten, preisgab. Nicht einmal unsere richtigen Namen erfuhren sie. „Wir werden euch schon noch weich kochen!“ Mit dieser Drohung im Rücken wurden wir in einem Heim abgeliefert. Ein Heim von einer hohen Mauer umgeben. Auch so etwas kannte ich schon von Leipzig und Rummelsburg her. Parterre und in der ersten Etage waren schon die größeren Burschen untergebracht, die draußen entwe­der einer Arbeit nachgingen oder aber eine Lehrstelle hatten. Wir wurden in die zweite Etage verfrachtet, damit wir nicht so leicht wegkämen, wie wir erfahren durften. Dabei stand für mich schon nach dem ersten Blick aus dem Fenster fest, wie wir hier wieder wegkommen würden. Ich sah die Mauer, das Tor darin, auf der gegenüberliegenden Straßenseite, etwas schräg links eine Brücke und einen Bahnhof. Keine blasse Ahnung, welchen Stadtteil von Magdeburg wir die Ehre gaben. Aber auch der Rest, den ich gesehen hatte, machte mich zuversichtlich, dass wir hier auf keinen Fall bis zum nächsten Bettwäschetausch verbleiben würden.

Fußnoten

[1] Dazu später im Kapitel zu Eisenhüttenstadt

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Schmiedeberg_(Dippoldiswalde)

[3] Aktenzeichen XY … ungelöst https://de.wikipedia.org/wiki/Aktenzeichen_XY_%E2%80%A6_ungel%C3%B6st

[4] Bertolt Brecht, Flüchtlingsgespräche, Der Schüler lernt alles, was nötig ist, um im Leben vorwärts zu kommen. Es ist dasselbe, was nötig ist, um in der Schule vorwärts zu kommen. Es handelt sich um Unterschleif, Vortäu­schung von Kenntnissen, Fähigkeit, sich ungestraft zu rächen, schnelle Aneignung von Gemeinplätzen, Schmei­chelei, Unterwürfigkeit, Bereitschaft, seinesgleichen an die Höherstehenden zu verraten usw. usw.

[5] Striezelmarkt, https://de.wikipedia.org/wiki/Dresdner_Striezelmarkt

[6] Schulz verwendet den Wendehals, bevor dieser seine später bekannte Bedeutung bekam. https://de.wikipedia.org/wiki/Wendehals_(DDR)

[7] Mitropa

 Was gab’s bisher?

Editorische Vorbemerkung – https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/06/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt/ https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/06/00-editorische-vorbemerkung.pdf

Kapitel 1, Die Ballade von den beschissenen Verhältnissen – oder – Du sollst wissen, lieber Leser: Andere sind auf noch ganz andere Weise kriminell – und überheblich.

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/07/29/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-erstes-kapitel/ https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/07/01-erstes-kapitel.pdf

Kapitel 2, In Dönschten, am Arsch der Welt … ach Monika!

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/08/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-ii/ https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/08/02-ach-monika.pdf

Kapitel 3, Weiter im Kreislauf: Heim, versaut werden, weglaufen, Lage verschlimmern.

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/09/28/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iii/ https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/09/03-weiter-im-kreislauf.pdf

Kapitel 4, 17. Juni 53: Denkwürdiger Beginn meiner Heimkarriere

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/10/24/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iv/  04-beginn-meiner-heimkarriere-17-juni-53_2

Kapitel 5, von Heim zu Heim

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/11/21/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-v/   PDF: 05-von-heim-zu-heim

Kapitel 6, Wieder gut im Geschäft mit den Russen

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/12/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-vi/  06-wieder-gut-im-geschaft-mit-den-russen

Kapitel 7, Lockender Westen

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/04/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-vii/  PDF 07-lockender-westen

Kapitel 8, Berlin? In Leipzig lief’s besser.

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-viii/  PDF: 08-berlin-in-leipzig-liefs-besser

Kapitel 9, Aber nun wieder zurück nach Berlin

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/17/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-ix/  PDF: 09-aber-nun-wieder-zuruck-nach-berlin

Kapitel 10, Bambule

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/02/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-x/  PDF: 10-bambule

Kapitel 11, Losgelöst von der Erde jauchzte ich innerlich vor Freude

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/06/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xi/  PDF: 11-losgelost-von-der-erde

Kapitel 12, Ihr Lächeln wurde um noch eine Nuance freundlicher. Süßer!

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/07/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xii/  PDF: https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2017/02/12-sc3bcc39fer.pdf

Kapitel 13, Von Auerbachs Keller in den Venusberg

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/19/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xiii/   PDF: 13-von-auerbachs-keller-in-den-venusberg

Kapitel 14, Ein halbes Jahr Bewährungsprobe. Wo? Im Heim!

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/21/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xiv/   PDF: ein-halbes-jahr-bewahrungsprobe

Kapitel 15, Spurensuche – und der Beginn in Dönschten

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/22/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xv/   PDF: 15-spurensuche 

Wie geht es weiter?

Kapitel 16, Was also blieb uns übrig, als aufs Ganze zu gehen?

Kapitel 17, War es den Aufwand wert, dieses beschissene Leben vor den Bomben zu retten?!

Kapitel 18, Ich war doch der einzige „Mann“ in der Familie …

Kapitel 19, Überhaupt, in der DDR gab es keine Kriminalität.

Kapitel 20, Wie schnell sich doch die Weltgeschichte ändert!

 

Wie wird man kriminell?

Dieter Schulz ist ein Beispiel. Er wurde nicht zum Stehlen angeleitet wie Oliver Twist. Er ist Autodidakt. Erst musste er Wege finden, um in den Nachkriegswirren zu überleben. Dann geriet er auf die Abwege einer Heimkarriere – wie so manche Heimkinder, die durch ihre Heimerziehung auf der schiefen Bahn landeten.

Dieter Schulz hielt es in den Heimen nie lange aus, 28 Fluchtversuche aus insgesamt neun Heimen, und die Heime hielten ihn nicht aus. Das berichtet er seiner Autobiographie, die Kapitel für Kapitel hier im Blog erscheint.[1]

Im nächsten Kapitel sehe ich einen wichtigen Wendepunkt. Bisher war er sich nicht voll bewußt, was er angestellt hat, er war ja auch ein noch nicht schuldfähiges Kind. Selbst die Idee mit dem über die Straße gespannten Seil kam spontan aus der Situation heraus. Allerdings verursachte er damit einen schweren Unfall, der auch hätte tödlich ausgehen können.

Doch nun ist Bambule angesagt. Mit kühler Überlegung sorgt er dafür, dass seine Kameraden das Heim abfackeln und er sich zeitgleich bei seinen „Erziehern“ beschwert, also ein Alibi hat. Das ist für mich der Wendepunkt zu einer kriminellen Karriere: Die coole Planung eines Delikts. Später wird dann bei Dieter Schulz die Kriminalität zu einem Geschäftsmodell für ihn als Kleinunternehmer. Die Nazis hätten ihn als Berufsverbrecher[2] abgestempelt und mit einem grünen Winkel ins KZ gesteckt. Es mag Leute geben, die meinen „Recht so!“. Doch diese Pharisäer haben noch nie gelogen, noch nie das Finanzamt betrogen und auch als Jugendliche nie im Laden gestohlen. Sie stammen zumeist aus nicht-prekären Verhältnissen.

Ich warte nur noch auf den Kriminologen oder Psychologen, es darf auch ein Politiker sein, der mir den Unterschied erklärt zwischen einem Dieter Schulz und manchen Bankern aus dem Investmentbereich oder zu den Leuten, die Betrugs-Software in die Motoren einbauen lassen. In beiden Branchen ging es um gute Geschäfte, wenn auch kriminelle; in beiden Branchen wurden massenhaft Arbeitsplätze vernichtet und Lebenschancen zerstört, die Boni aber und die Pensionen werden ungerührt kassiert.

Es gibt verschiedene Wege kriminell zu werden. Ein Dieter Schulz ist mir dann immer noch sympathischer.

Nachsatz: Die Perry-Preschool-Studie hat zwar tolle Präventiv-Erfolge gebracht, deutlich weniger Kriminalität u.a., aber diese Erfolge betreffen nur die festgestellte Kriminalität, die derer, die sich erwischen lassen.[3] Doch immerhin hat sie viele „normale“, geglückte(?) Lebensläufe ermöglicht.

Fußnoten

[1] Editorische Vorbemerkung – https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/06/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt/

Kapitel 1, Die Ballade von den beschissenen Verhältnissen. https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/07/29/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-erstes-kapitel/

Kapitel 2, In Dönschten, am Arsch der Welt … ach Monika! https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/08/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-ii/

Kapitel 3, Weiter im Kreislauf: Heim, versaut werden, weglaufen, Lage verschlimmern.

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/09/28/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iii/

Kapitel 4, 17. Juni 53: Denkwürdiger Beginn meiner Heimkarriere https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/10/24/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iv/

04-beginn-meiner-heimkarriere-17-juni-53_2

Kapitel 5, von Heim zu Heim

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/11/21/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-v/

Kapitel 6, Wieder gut im Geschäft mit den Russen

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/12/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-vi/

Kapitel 7, Lockender Westen

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/04/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-vii/

Kapitel 8, Berlin? In Leipzig lief’s besser.

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-viii/

Kapitel 9, Aber nun wieder zurück nach Berlin

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/17/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-ix/

Wie geht es weiter?

Kapitel 10, Bambule

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Berufsverbrecher

[3] https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2012/09/perry-ds-11.pdf

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« …

moabit k1… sagte der Gefängniswärter. Dieter Schulz tippt auf einer alten Justizschreib­maschine einen Teil seiner Biographie. 112 Seiten auf dünnem Durchschlagpapier, mit hüpfenden Buchstaben von Rand zu Rand eng beschrieben. Die Recht­schrei­bung ist abenteuerlich wie sein Leben. Schule kam nur am Rande vor. Wie denn auch? 1941 in Königsberg geboren, erst 1949 von dort in der DDR gelandet macht der 10jährige dank seiner Russischkenntnisse Schwarzmarkt­geschäfte mit den russischen Soldaten und beginnt eine spektakuläre Heimkarriere durch 9 Heime, 28mal ausgerissen. Er schreibt vom Kreislauf »Heim/versaut-werden/weglaufen­/Lage verschlimmern«. Endstation: Knast.

Wie hat er unter diesen Umständen so gekonnt schreiben gelernt? Auch ein span­nendes Leben erzählt sich nicht von selbst. Er ist ein Erzähltalent und breitet vor dem Leser kunstvoll ver­wickelt mit Rückblenden und Vorgriffen seinen Lebensweg aus, den er im Anschluß an die 112 Seiten später, im „Ruhestand“ fortschreibt: Kriegsende und Rote Armee, Vergewaltigun­gen, Kohlenklau, Hamsterfahrten, als 13jähriger eine ménage à trois mit einem Polizisten­pärchen, Fluchtversuch in den Westen samt Beschuß durch den Bundes­grenzschutz, Ausbil­dung zum Fallschirmspringer, als Stewart auf den Weltmeeren, und dann die kriminelle Karri­ere: sorgfältig geplanter Automatenbetrug und die „Dienstreisen“ nach England, Gewaltde­likte, Drogenhandel, Falschgelddruck und Bankraub. Dazu sein ewiges Pech mit den Frauen und das Bestreben, seine Kinder nicht einem Heim zu überlassen. Und die Sehnsucht nach der fernen angebeteten und nie erreichten Monika. All das ist mehr, als eigentlich in ein Leben paßt. Doch keine Larmoyance. Er hat früh gelernt, Kräfteverhältnisse und Bedingungen hinzunehmen, auch wenn sie ihm nicht passen.

Wir hängten uns große Beutel um und gingen Ähren lesen. Jedes Feld wurde streng bewacht. Einmal, ich war mit meiner Mutter alleine zur Ernte gegangen, tauchten plötzlich, wie aus dem Nichts, drei Soldaten auf. Wegrennen war nicht mehr drin. Diese Soldaten behaupteten ganz dreist, dass sie gesehen hätten, wie wir die Ähren von einem noch nicht abgeernteten Feld abgerissen hätten. Auf solch frevelhaftes Tun, Schädigung der Sowjetmacht, stand Bunker. Jeder wusste das. Auch meine Mutter. Die Soldaten ließen aber mit sich reden, wie sie sagten. Meine Mutter durfte sich sogar auf einen ausgebreiteten Militärmantel legen. Mit mir unterhielt sich ganz freundlich einer der Soldaten und versuchte mich abzulenken und aufzuheitern. Ich fand es aber gar nicht belustigend, als ich dann auch noch den Mantel später mit dem Schlüpfer meiner Mutter reinigen musste.

So lakonisch sind seine Beschreibungen nicht immer. Doch die Haltung ist typisch: Wer klein, also machtlos ist, muß die Dinge eben hinnehmen, wie sie sind. Doch wenn klein sich wehren kann, tut er es mit seinen Mitteln und besorgt sich ein optimales Alibi, während andere von ihm angestiftet das Kinderheim abfackeln. Dennoch wurde er als Rädelsführer erkannt und kam in ein Heim für ganz schwere Jungs.

Aus kriminologischer Sicht stellt sich die Frage, ob diese Lebensgeschichte von Beginn an so angelegt war, daß sie mit vorhersehbar hoher Wahrscheinlichkeit in erhebliche Kriminalität münden und hinter Gitter führen würde. In der traditionellen kriminalistisch-kriminologischen Theorie, Praxis und Kriminalpolitik war die Meinung verbreitet, der „typische Kriminelle“ sei jemand mit entsprechenden Anlagen, die ihn für eine solche Karriere unausweichlich bestim­men. Auch die Gegenansicht, der „Kriminelle“ gedeihe nur bei einem entsprechenden krimi­no­genen Nährboden, war letzten Endes deterministisch ausgerichtet. Aus vielfältigen quali­tativen Analysen von Lebensgeschichten und ihren Windungen sowie aus quantitativen Ver­laufsforschungen wissen wir heute, daß stets aleatorische Momente auftauchen, die das Leben in die eine oder andere Richtung lenken. Damit sind immer wieder Chancen und Versuchun­gen verbunden, deren Verwirklichung wiederum von den Lebensumständen beeinflußt wird.

Am Anfang der „Geschichten“ sind vielleicht die unmittelbaren Konsequenzen bestimmter Entscheidungen, nicht aber die langfristigen Folgen ohne weiteres erkennbar. Dies gilt dem Grunde nach für alle Lebensläufe gleichermaßen, für unauffällige, für besonders vorbildliche und für negativ abweichende. Bei jungen Menschen, die – in der Sprache der jüngeren Krimi­nologie – sich früh in Richtung Delinquenz und dann in die Kriminalität entwickeln, wäre es falsch, von einer früh festgelegten kriminellen Energie auszugehen. Vielmehr zeigt sich oft eine Lebens- oder bei schwierigsten Umständen auch buchstäbliche Überlebensenergie, die sich bei Bedarf auch „übergesetzlich“ manifestiert. Das, was im häufigen Kontakt mit ver­gleichbaren Notwendigkeiten in entsprechenden Lernumfeldern am Ende als kriminelle Karriere dasteht, ist eine dynamische, also keineswegs deterministische, aber doch quasi „naturwüchsige“ Entwicklung zu einem Leben als „gelernter Verbrecher“.

In solchen Biographien verläuft die Entwicklung von kindlichen Auffälligkeiten über jugend­typische Kriminalität und schließlich „Knast-Lehre“ zu immer professioneller werdenden gesetzwidrigen Methoden.

Dieter Schulz brauchte keine Lehrmeister. Er ist durch und durch Autodidakt, geschult an seinen speziellen Lebensverhältnissen. Über weite Strecken hin war er ein Straßenkind, das erfolgreich auf der Straße gelebt und dabei auch gelernt hat: Wir wären gut, anstatt so roh, doch die Verhältnisse, die sind nicht so.[1] Was hätte aus dem so pfiffigen und willensstarken Dieter Schulz unter glücklicheren Umständen werden können?! Wahrscheinlich wäre Schulz ein braver Arbeitnehmer und Familienvater geworden. Größere Chancen hat sein Jahrgang seinerzeit kaum bekommen, es sei denn, das Elternhaus gab die Grundlage. Und eins ist gewiß: Ein normal-bürgerlicher Dieter Schulz hätte uns wenig zu erzählen gehabt. Ich glaube, er weiß das und sieht deshalb nicht mit Groll auf sein Leben zurück. Er belästigt weder sich noch den Leser mit Larmoyance.

»Bitte denken Sie immer daran, dass ich kein Schriftsteller im klassischen Sinne bin. Dafür reichen meine sechs Volksschuljahre bei weitem nicht aus. Zum Dichter nicht geboren, nicht ausgebildet. Das mögen Sie bestimmt an meiner eigenwilligen Schreibweise schon längst erkannt haben. Ich habe auch nicht vor, mit diesem Manuskript ein großes Werk zu präsen­tieren. Mit meinen begrenzten Mitteln will ich Ihnen lediglich das nackte, wahre Leben schil­dern, in das ich in einer Zeit hineingeboren wurde, die ich keiner zukünftigen Generation noch einmal zu erleben wünsche«.

In diese Grundeinstellung fügt sich, daß er an keiner Stelle seine im Erwachsenenleben hefti­ger werdenden Straftaten schönt, sondern seine kriminellen Unternehmungen mit nüchternem bis gelegentlich sarkastischen Blick schildert: So sein groß angelegter Münzbetrug oder ein umfang­reiches Drogengeschäft, das er mit selbst gedruckten Blüten finanzieren wollte, und ein Bankraub. Das Mißlingen dieser und anderer Geschäfte schreibt er zwar nicht den Umstän­den, wohl aber regelmäßig seinen Kumpanen zu.

Dem Leser tritt ein prall gefülltes, keineswegs nur kriminelles Leben vor Augen, für das Schulz sich zurecht viele Leser wünscht, damit ihnen ein solches erspart bleibt.

Von außen betrachtet haben wir es mit einem Schicksal zu tun, das uns ausgehend von der Kriegs- und Nachkriegssituation in Ostpreußen über die Verhältnisse in der DDR in die bundesrepublikanische Gegenwart führt. Seine Biographie ist damit zugleich ein höchst anregendes und unterhaltendes Stück Zeitgeschichte mit Wiedererkennungseffekten. Die allerdings aus ungewohnter Perspektive.

 

§ § § § § § § § § § § § § § §

 

Als ich Dieter Schulz kennenlernte, war er ein unauffälliger Mann unterdurchschnittlicher Körpergröße. Inzwischen ging er, nach mehreren Schlaganfällen zunächst am Rollator und hatte Mühe, seinen PC zu bedienen, nunmehr ist er auf einen Rollstuhl angewiesen und kommt ohne Hilfe nicht mehr aus dem Haus. All das ist unauffällig für sein Alter.

Das Leben des Dieter Schulz ist filmreif. Ich gab seine auf der Knast-Schreib­maschine getippte Biographie einem bundesweit renommierten Kriminologen. „Publikationsf­ähig?“, fragte ich bei der Rückgabe. „Publikationsbedürftig!“, war seine Antwort. Sein Institut transskribierte den Text zu einer authentischen digitalen Version, also bearbeitbar. Wir formulierten den oben abgedruckten „Trailer“ und suchten nach Verlegern und potentiellen Drehbuchautoren. Bis heute: Fehlanzeige.

Nun also die „moderne“ Publikationsform im Blog. Ein Pseudonym will er nicht, will auch den Originaltitel behalten:

Der Ausreis(ß)ende oder: Eine Kindheit, die keine Kindheit war

Er mailte mir: nein, ich möchte auf keinen fall, dass irgend etwas verfälscht wird. ich möchte keine namensänderung, und auch keine andere überschrift. in diesem sinne hoffe das sie das recht daraus machen.

ich verbleibe mit freundlichen grüßen ihr dieter schulz

 

Nun denn: Ich werde nach Kapiteln geordnet den Lesern meines Blogs diese Biographie vorlegen, die mehr ist als eine bloße Kriegs- und Heimkind-Biographie. Geplant ist eine Folge pro Monat. Diese „Fortsetzungsgeschichte“ ist erkennbar am einleitenden Logo, das auf einem Photo von mir und meiner Bearbeitung beruht https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/9648956075/ .

Überschriften, Zwischenüberschriften und vielleicht auch Fußnoten stammen von mir. Ansonsten werde ich den Text ohne Verfremdungen, leicht angepaßt, wiedergeben. Die Kopie der Biographie samt Ergänzungen durch Dieter Schulz liegt bei mir und kann bei Interesse eingesehen werden.

Damit bin ich mitten in der editorischen Vorbemerkung. Die Quellenlage ist verwickelt, hier aber nur von philologisch-wissenschaftlichem Interesse.[2] Ich gebe den Eigenbericht von Dieter Schulz originalgetreu wieder, wobei ich mich um leichtere Lesbar­keit bemüht habe. Sinnverändernde oder interpretative Eingriffe habe ich vermieden.

Nun wünsche ich den Lesern und Leserinnen, dass sie aus dieser Biographie etwas für sich und ihr Weltverständnis mitnehmen können.

Dierk Schäfer

PDF-Fassung 00 editorische Vorbemerkung

 

Fußnoten

[1] Bertold Brecht

[2] Stand der Beschreibung der Quellenlage vom 1.4.2011. Seitdem hat sich die Lage nicht verändert, wenn man davon absieht, dass es zu einer Print-Publikation und auch zu einer filmischen Dokumentation nicht gekommen ist.

I Schriftliche Eigenberichte von Dieter Schulz

  1. Die „Urschrift“ ist die 111 Seiten umfassende Teilbiographie, geschrieben von Dieter Schulz während seiner ca. 10-jährigen Haft in Cottbus. Der Text wurde auf einer alten Justizschreibmaschine und auf dünnem Durch­schlagpapier weitgehend von Rand zu Rand geschrieben. Vorhanden ist noch die Fotokopie dieser Urschrift. Das Original hat Herr Schulz nach Erstellung einer Überarbeitung und Fortführung der Biographie, die er seiner Nichte diktierte, vernichtet.
  2. Diese zweite Version liegt als scanfähige Druckvorlage vor, digitalisiert im Kriminologischen Institut.
  3. Herr Schulz hatte vor Erstellung der zweiten Version bereits an der Fortführung seiner Biographie gearbeitet, weil er mit Aussicht auf ein Dokumentations-Filmprojekt dazu ermuntert wurde. Diese Zwischenschritte sind als eMails noch vorhanden. Ein Abgleich mit den Passagen aus Version zwei hat bisher nicht stattgefunden.

Zum Stand der Bearbeitung der Quellen 1 und 2:

Ein erster Abgleich hat ergeben, daß Herr Schulz bei seiner Überarbeitung von Quelle 1 stilistische Glättungen und Ergänzungen vorgenommen hat, einige davon regelrechte up-dates, die dem Leser helfen sollen, die dama­ligen Verhältnisse zu verstehen. Er verändert damit aber auch den zeitlichen Blickwinkel. Ist Quelle 1 ein Rück­blick aus dem Jahr 1990/91, so dürfte Quelle 2 etwa ab 2007 entstanden sein. Dieser neue Blickwinkel wird auch in den ersten Teil der Biographie hineingetragen. Mit einem Lektor wäre zu besprechen, wie man damit umgehen sollte. Jedenfalls ist die Urschrift (Quelle 1) ist etwas holpriger und damit auch authentischer.

Beide Quellen beginnen mit einer Art Vorwort oder Einleitung, die Einblick in die „Philosophie“ dessen gibt, der sich als Opfer der Gesellschaft und der Verhältnisse im Knast wiederfindet. Erst auf Seite sieben (in der Zählung von Quelle 1) beginnt die eigentliche Biographie.

Mein (Dierk Schäfer) Vorgehen bei der bisherigen Texterstellung (Abgleich der beiden ersten Quellen): Da ich Quelle 1 für authentischer halte, habe ich in einem ersten Schritt, und soweit ich bisher gekommen bin, den „Urzustand“ weitgehend wiederhergestellt und die Rechtschreibung weitgehend korrigiert. In einem zweiten Schritt habe ich einige „Kapitel“ herausgegriffen, ihnen eine Überschrift gegeben und den Text ganz leicht gestrafft. Dies ist problemlos rückgängig zu machen. Allerdings kann ich mir vorstellen, daß man noch mehr straffen sollte.

II Dieter Schulz übersandte auch noch Zeitungsausschnitte, Gerichtsakten und andere Belegstücke. Hier wäre zu überlegen, ob und wie man diese in das Buch einbezieht. Denkbar wäre die Auswertung dieser Belegstücke inform einer kriminologischen Fallbeurteilung.

III Ein Gespräch mit Dieter Schulz, das bei dem Dokumentarfilmer Dr. Robert Krieg in Köln stattgefunden hat. Anwesend zusätzlich dessen Ehefrau, Monika Nolte und Dierk Schäfer. Schulz berichtete hier auch von seinem weiteren Lebenslauf nach der 10jährigen Haftstrafe. Ergebnis dieses Gesprächs waren seine schriftliche Fortschreibung des Lebenslaufs (s. o. Punkt 3), die Erstellung einer Kurzfassung der Lebensgeschichte durch Dr. Krieg und eine filmische Kurz-Dokumentation einer Fahrt von Dr. Krieg mit Dieter Schulz an Orte aus der Biographie von Dieter Schulz. Eine filmische Dokumentation ist bisher nicht erfolgt.