Dierk Schaefers Blog

Die Sieger schreiben die Geschichte.

Das stimmt immer noch. Doch nicht ganz.

»Zeitzeugen gesucht!

Für den Bayerischen Rundfunk recherchieren wir über Medikamententests an Heimkindern. Wir sind auf der Suche nach Menschen, vorzugsweise aus Bayern, die sich an Medikamenten­gaben erinnern können: Haben Sie den Verdacht, dass an Ihnen Experimente für die Pharmaindustrie? gemacht wurden? Können Sie sich erinnern, solchen Tests Ihr Einverständnis gegeben zu haben? Oder gab es Medikamentengaben, die Sie sich im Nachhinein nicht erklären können, beispielsweise weil Sie nicht krank waren und trotzdem Medikamente bekommen haben?

Für unsere Recherche würden wir auch gerne mit ehemaligen Mitarbeitern von Kinderheimen sprechen, die sich erinnern können, Medikamente zu Testzwecken verabreicht zu haben.

Wir möchten allen Spuren nachgehen, nach Möglichkeit die Verantwortlichen konfrontieren und Unrecht aufdecken.

Sie erreichen uns unter den E-Mail-Adressen Christiane.Hawranek@br.de und Simon.Plentinger@br.de«

 

Zeitzeugen, Betroffene, Opfer schreiben Geschichte von unten. Die wird meist nicht gedruckt, aber das Internet ist ein großes Archiv und jeder kann dort Spuren hinterlassen, Spuren, die lästig sind für die Gewinner. https://dierkschaefer.wordpress.com/2010/09/09/wenn-die-ohrenzeugen-der-augenzeugen-verstummt-sind-beginnt-die-geschichtsschreibung/ Wenn dann noch jemand kommt, der über diese Spuren in größerem Rahmen berichten will – und die Mittel dazu hat – wird Geschichte lebendig. Das Buch von Peter Wensierski war so ein Weckruf und brachte die Geschichte der Kinder in kirchlichen und staatlichen Heimen ins Bewußtsein der Öffentlichkeit. All die Leugnungs- und Vertuschungsversuche der Täternach­folger liefen ins Leere, auch ihre Drohungen. Doch außer Öffentlichkeit ist nicht viel gewesen, denn am Runden Tisch unter der „Moderation“ von Antje Vollmer konnten Staat und Kirche in Tätergemeinschaft das für sie Schlimmste verhindern: Eine Entschädigung der ehemaligen Heimkinder. https://dierkschaefer.wordpress.com/2011/01/31/der-runde-tisch-heimkinder-und-der-erfolg-der-politikerin-dr-antje-vollmer/

Aber das Vertuschen hat aufgehört. Die Täter stehen im Rampenlicht – und sie machen durch die Bank eine schlechte Figur.

Im Aufruf des Bayrischen Rundfunks geht es um Kinder als Versuchskaninchen. Schon am Runden Tisch war die Rede von Medikamentengaben, die nichts mit einer Krankheit der Kinder zu tun hatten. Doch wie beim Thema Zwangsarbeit war Frau Vollmer auch dafür taub. Sie schützte die Täter. Nachdem nun Sylvia Wagner mit ihrer Arbeit dieses dunkle Kapitel publiziert hat, http://duepublico.uni-duisburg-essen.de/servlets/DerivateServlet/Derivate-42079/04_Wagner_Heime.pdf liegen auch diese Verbrechen offen zutage. Ich habe hier im Blog bereits im Februar 2016 darüber berichtet. https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/02/03/demenz-die-medikamente-dafuer-wurden-an-heimkindern-getestet/ , im September folgte https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/09/19/kinder-als-versuchskaninchen/ . Der Forschungsbericht von Sylvia Wagner wurde im Juni publiziert.

Am Freitag voriger Woche haben wir Helmut Jacob das letzte Geleit gegeben. Es war ihm sehr wichtig, dass die Verbrechen an den Heimkindern nicht in Vergessenheit geraten.

Ich bitte darum die Leser meines Blogs, den Aufruf des Bayrischen Rundfunks zu verbreiten und alle von den Medikamentenversuchen Betroffenen, von ihren Erfahrungen zu berichten, auch wenn nicht mehr dabei herauskommt, als das alles herauskommt.

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»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XVIII

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Dieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder eine Kindheit,

die keine Kindheit war

Achtzehntes Kapitel

Ich war doch der einzige „Mann“ in der Familie …

Bei einem dieser häufigen Marktbesuche, als ich gerade wieder gestohlene Schlangengurken gegen Brot eintauschen wollte, wurde ich Zeuge einer standrechtlichen Erschießung am Rande des Marktplatzes. Jemand war auf die clevere Idee gekommen, wie man den fleisch­armen Markt besser auslasten könnte. Er holte sich dafür, nachdem er es ausgekundschaftet hatte, des nachts frische Kinderleichen aus den Gräbern und verhökerte die besten Stücke für Horrorpreise auf dem Markt. Solche Blüten trieb der Krieg „Bloß gut, dass wir uns solche Preise nicht leisten konnten!“ Da waren mir die Katzen, die auch immer seltener wurden, doch schon lieber.

Um im Winter auch etwas für unseren Ofen zu haben, oder auch schon mal was anderes dafür einzutauschen, gingen wir auf Kohlenklau.[1]

Meine Schwester ließ sich dann mit ihren 11 Jahren lieber auf den Tisch legen.

In der Nähe unseres „Wohn­bezirkes“ war ein Güterbahnhof. Nachdem mein Bruder ausge­fallen war, mussten meine Schwester und ich eine neue Arbeitsaufteilung schaffen. Früher war mein Bruder auf den Tender einer Lok geklettert, meine Schwester hatte die Kohlen unten eingesammelt und in die Rucksäcke verstaut, während ich Schmiere stand. Jetzt aber musste meine Schwester auf die Lok und ich unten beides besorgen. Einsammeln, einpacken und Schmiere stehen. Dabei wurde ich Knirps offensichtlich überfordert. Es kam, wie es kom­men musste! Erwachsene durften sich bei solch einer Tätigkeit überhaupt nicht erwischen lassen. Das mindeste, was ihnen dabei drohte war, ab nach Sibirien – hieß es jeden­falls. Wir Kinder, so hofften wir, riskierten höchstens eine Tracht Prügel. Nun, um im Winter einen war­men Hintern zu haben, riskierten wir eben diesen durch Schläge zu bekom­men, anstatt am warmen Ofen. Als wir in den Wachraum geführt wurden, stand dort ein rie­siger warmer Kachelofen. Er bollerte richtig vor Hitze. Die Russen konnten sich da schon ganz anders mit Brennmaterialien versorgen als wir armen Würstchen. Würstchen wollte man auch uns machen, oder zumindest in den Ofen werfen, wobei demonstrativ der Ofen geöffnet wurde für die Frechheit, die wir begangen hatten. Klauen ist eine Sache, sich erwischen lassen, die andere Seite der Medaille. Soviel Angst, wie uns die Wächter des Bahn­hofs einjagten, hatte der ganze Krieg in uns vorher noch nicht erweckt. Ich kann es nicht sagen, es wurde über sol­che Dinge auch später nicht mehr gesprochen, ob meine Schwester schon früher hatte dran glauben müssen. Um uns vor dem drohenden Feuertod zu retten, wie meine Schwester wohl meinte, ließ sie sich schon eher mit ihren nunmehr 11 Jahren lieber auf den Tisch legen. Eine Tracht Prügel hätte sie sicherlich vorgezogen, als das was nun mit ihr geschah. Weil der dritte es gar nicht mehr aushalten konnte, musste ich meinen Mund herhal­ten. Hinterher durften wir sogar die bereits eingesam­mel­ten Kohlen mitnehmen. Meine Mutter hätte bestimmt damals schon graue Haare deswegen bekommen, hätte sie es erfahren. Meine Schwester nahm mir des­halb, weil sie sich so etwas dachte, den Schwur ab, lieber davon der Mutter gegenüber nichts zu erwähnen, wie teuer wir diesmal unsere Kohlen eingekauft hatten. Überhaupt nah­men die Vergewaltigungen überhand. Es gingen zwei Beauftragte durch die Straßen und such­ten uns auf. Wir wurden darauf hingewiesen, uns nicht einschüchtern zu lassen, wenn doch, uns soviel als möglich von solchen Unholden zu merken und dann zur Miliz zu kommen. Das sah in der Theorie ganz gut aus, die Praxis aber?

Ich fahre lieber fort die chronologische Reihenfolge meines Lebens aufzuzeigen.

Wir waren die besiegten Deutschen, wir hatten zu gehorchen.

Wieder sollte ein einschneidender Abschnitt für uns beginnen. Nur ganze 24 Stunden ließ man uns Zeit, das Nötigste (wieder einmal) zusammenzupacken und uns bereit zu halten. Ganze Hundertschaften durchkämmten die Trümmer, um nach Deutschen zu suchen, und ihnen davon Mitteilung zu machen, dass wir am nächsten Tag mit Sack und Pack auf der Straße zu stehen hätten. Abmarsch bereit! Was für einen Sinn hätte es ergeben, sich dagegen aufzulehnen oder gar weg zu laufen? Wir waren die besiegten Deutschen, wir hatten zu gehor­chen, wie man vorher ja auch dem Schicklhuber[2] gehorcht hatte und dadurch in diese Lage gekommen war. Wie musste das doch erst die treffen, die an den Endsieg geglaubt hatten? Ich wusste nichts von einem Sieg über andere Rassen, der hätte erkämpft werden sol­len. Ich wusste, dass wir von überall wieder vertrieben wurden, wo wir uns gerade eingelebt hatten. Die kleinen Gruppen auf den Straßen am nächsten Tag wurden zusammen­getrieben. Ja, zusammengetrieben! Aus allen Ecken kamen sie zusammengeströmt. Die unübersehbaren drohenden Gewehre ließen es uns leichter fallen, den Weg zu gehen, den man uns wies. In den Reihen wurde schon gemunkelt, dass die Russen mit uns jetzt das gleiche tun würden, wie der Adolf es mit Juden und Russen getan hätte. Ich wusste nicht, was dieser gewisse Adolf mit diesen Leuten gemacht hatte. Was Juden überhaupt waren, wusste ich schon gar nicht. Die Erwachsenen hätten mich ruhig etwas besser darüber aufklären können, dann hätte ich später nicht soviel darüber nachlesen müssen. Ohne besondere Angst, die die Erwachsenen aber zu haben schienen, trottete ich schicksalsergeben im Strom mit. Auch meine Mutter, auf einem Dorf geboren und groß geworden, schien die Angst der Städter nicht so ernst zu nehmen. Auf dem vorbezeichnetem Güterbahnhof, wo meine Schwester mir noch einen Verschwörerblick zuwarf, stand ein langer, sehr langer – zu langer – Güterzug für uns bereit.

1949 ging es erst weiter.

Ich will ja gar nicht behaupten, dass wir dort wie das liebe Vieh hineingetrieben wurden oder wie Ölsardinen eingepfercht wurden, aber weit entferne ich mich damit nicht von der Wahrheit. Ich will ja auch keinen Roman schreiben. Eine Mischung aus Erlebtem und Wunschdenken. Keiner von uns Betroffenen hatte so einen Wunsch geäußert. Aber danach fragte auch nie­mand. Der Zug ruckte an, und ab ging es wieder einmal ins Ungewisse. Es hatte keiner für nötig gehalten, uns darüber aufzuklären, wohin wir unser Ticket gelöst hatten. Das Ticket hatten wir umsonst bekommen, weil wir Deutsche waren. Einen geschenkten Gaul schaute man nicht ins Maul. Warum der Zug bloß so langsam war? In Insterburg[3] sollten wir es erfah­ren. Entweder die Lokomotive war zu schwach auf der Brust oder der Zug war zu lang. Jeden­falls mussten ein paar Waggons abgekoppelt werden, bevor die Reise weiterging. Wir hatten das Pech im Unglück, am hinteren Ende des Zuges gelandet zu sein. Dabei waren wir doch morgens schon auf der Straße gestanden und hatten lange warten müssen, bis wir in Richtung Bahnhof mar­schierten. Kinder fühlen sich oft als ungerecht behandelt. Ich, wir, hatten nicht lange Zeit darüber nachzudenken, warum es so war, wie es war. Man verbrachte all die, die hatten aussteigen müssen, wieder in ein bestimmtes Stadtgebiet, und hieß uns so gut einzu­richten, wie es eben ginge, es würde bald weitergehen. Wieder krochen wir über Trümmer, um das Nötigste zusammen zu suchen. Das Nötigste wurde immer mehr. 1949 ging es erst weiter.

Ich bekam so viele Fische, wie noch nie!

Für Insterburg kommen nur wenige Erinnerungen auf. Eine riesige Fischfabrik. Die lag aber auf der anderen Seite des für uns erlaubten Bezirkes. Dort hinüber zu kommen war gar nicht so leicht. Erst recht nicht für einen so kleinen Knirps wie mich. Einige Male gelang es mir über eine einigermaßen heile Brücke zu gelangen, indem ich mich so dicht an einen Unifor­mier­ten anschloss, dass es für die Wache aussehen musste, wir gehörten zusam­men. Mit ein paar erbeuteten Fischen zurück zu kommen, war nicht ganz so schwierig. Dieser Trick zog aber nicht lange, ich wurde durchschaut und wieder zurück gewiesen. Dann ließ ich mich zusammen mit Arbeitern über die Memel rudern. So tuend, als würde ich meinen Vater von der Schicht abholen. Das ging auch ganz gut. Bestimmte Arbeiter kannten mich schon recht gut, und warfen mir auch schon Fische zu, ohne dass ich sie darum anbetteln musste. Nicht alle Arbeiter waren so freigiebig. Ich musste mich schon an die Schichten halten, wo ich etwas bekam. Einmal hatte ich doch glattweg die „Fähre“, bestehend aus einem größeren Ruder­boot, verpasst. Einsam und verlassen lag unten am Ufer das Boot. Der Bootsmann machte Pause; auf der anderen Seite des Flusses erwarteten mich wieder ein paar Fische. Eine eingeplante Mahlzeit für die ganze Familie. Schmalhans war bei uns Küchenmeister, was würden die zu Hause für enttäuschte Gesichter machen, käme ich mit leeren Händen nach Hause. Ich war doch der einzige „Mann“ in der Familie, ich konnte und wollte sie nicht ent­täuschen. In meiner Verzweiflung kletterte ich ins Boot. Was die anderen konnten, konnte ich auch. Ich hatte ja genau gesehen, wie es gemacht wurde. Alles sah so leicht und einfach aus. Ruderblätter aufnehmen, ins Wasser tauchen, kräftig drücken, Ruderblätter anheben, etwas zurück schieben und wieder eintauchen. – Schon die Größe des Bootes vertrug sich nicht mit der meinen. Meine Arme waren viel zu kurz geraten, um die Ruder (hoch bekommen hatte ich sie ja schon!) richtig einsetzen zu können. Also gut, dann eben immer nur ein Ruder eintau­chen, rüberrutschen und das gleiche auf der anderen Seite. Hatte ich ja auch schon gesehen, beim Anlegemanöver. Schon beim dritten oder vierten Eintauchen wurden die Biester immer schwerer. Das Boot begann sich zu drehen. Ich verlor eines der Ruder. Es schwamm einfach davon. Am Ufer waren schon einige auf mich aufmerksam geworden. Mit guten Ratschlägen wurde nicht gespart. Ich verstand zwar das Russisch perfekt, doch meine Kraft reichte nicht aus, die Ratschläge in die Tat umzusetzen. Das Boot bewegte sich zwar, sogar ziemlich schnell. Aber flussabwärts. Immer weiter vom Ufer entfernte es sich. Panik erfasste mich. Nicht alleine weil ich das Boot nicht mehr unter Kontrolle halten konnte, sondern weil sich auch die Fischfabrik immer mehr entfernte. Dann verlor ich auch das zweite Ruder. Ich kannte noch nicht einmal eine Badewanne, wie sollte ich schwimmen können. Unter den vielen Schaulustigen befand sich aber ein beherzter Mann, ein noch relativ junger Soldat. Der hatte seine Uniform abgelegt, und schwamm auf mein Boot zu. Unterwegs erhaschte er eines der Ruder. Er war noch nicht einmal böse auf mich. Er sprach nur beruhigend auf mich ein und konnte ganz geschickt mit dem einen verbliebenen Ruder umgehen. Als ich ihm, während er ruderte, erklärte, weswegen ich dieses Risiko einge­gangen war, ruderte er mich doch tat­sächlich zur Fischfabrik hinüber, wo ebenfalls alles Maul­affen feil hielt. Mein Retter rief ihnen zu, was geschehen sei. Ich bekam so viele Fische, wie noch nie! Da scherten mich auch die bösen Schimpfworte nur wenig, mit denen der Fähr­mann mich am jenseitigen Ufer bedachte. Später zollte er mir sogar so etwas wie Respekt. Bei jeder weiteren Überfahrt erzählte er meine Geschichte jedem, der sich im Boot befand.

                                                                   Die Russen nannten mich nur noch Mischa, und man nahm mich überall mit hin.

Wieder verbrachte ich die meiste Zeit wie in Königsberg, Brot bettelnd und mich in den Markthallen herumtrei­bend. In den Markthallen bekam ich auch oft, augenzwinkernd von den Anbietern, eine kleine Kostprobe auf die Hand, wie es sonst nur interessierten Kunden zustand. Sonnenblumenkerne, Hirse, ein kleines Stück Melone oder anderes Obst. Selbst den Kefir schüttete man mir in die hohle Hand, und ich leckte diese Köstlichkeit ab.

Die Russen nannten mich nur noch Mischa und man nahm mich überall mit hin. Ob die Soldaten nun ihre Pferde ausritten, Manöver durchführten, ich saß meistens mit im Sattel. Ich konnte mich in den Ställen fast frei bewegen. Etwas Hafer fiel dabei auch für mich mit ab. Ich durfte bei allen Stallarbeiten mitmachen, ein Pferd reiten, sofern ich nicht gerade darauf bestand, dass mir jemand beim Satteln half. Diese Kosaken hatten ihren Spaß daran, mich auf ihren ungesat­tel­ten Pferden reiten zu sehen. Wie ich ihre Sprache immer besser erlernte, so lernte ich auch den Umgang mit Pferden und mich auf deren bloßen Rücken und ohne Zaumzeug zu halten. Man betrachtete mich als so etwas Ähnliches wie ihr Maskottchen. Nicht einmal die höch­sten Vorgesetzten vertrieben mich. Nur einmal gingen sie doch etwas zu weit mit meiner Zuge­hö­rigkeit zu ihrer Truppe. Beim Wodka-Saufen und Machorka[4]-Rauchen hielt ich mich dezent zurück. Für solche Sachen war mein Gaumen denn doch zu zart. Aber nicht immer soffen sie Wodka, woher auch? Ich bekam fast immer, wenn ich Durst hatte und wir uns gerade auf dem Kasernengelände befanden, Kwas zu trinken. An einem heißen Sommertag, nach einem lan­gen Ritt, hatten wir alle „Brand“ in der Kehle. Auf der Gemeinschaftsstube wurde auch gleich eine Pulle aus einem Versteck geholt. Diese Pulle begann zu kreisen. Dabei hatte ich doch nur ein Glas Kwas auf einen Zug hinuntergetrunken. Dass es nicht nur Kwas war, bemerkte ich erst, als es bereits in meiner Kehle wie Feuer zu brennen begann. Diese blöden Kosaken! Hatten sie doch fast reinen Sprit gesoffen, in ihrem besoffenen Kopp sich einen Scherz mit mir erlaubt. Mein minimales Körpergewicht und das Ungewohntsein nicht mit berechnend hatten sie mir nur ganz wenig, wie sie sich später entschuldigten, mit unter mein Getränk gemischt. Diese feigen Hunde. Sie hatten mich vor lauter Angst, weil ich einfach weggetreten war, auf einen Heuwagen oben aufgelegt, mich vor unser Trümmerhaus gefahren und mich dort samt einer Fuhre Heu, fast neben dem Eingang abgeladen. Damals schnarchte ich noch nicht so wie heute. Deshalb wunderte meine Mutter sich zwar über den Heuhaufen neben der Kellertüre, kam aber nicht auf die Idee, mich darin zu suchen. Sie lief mit meiner Schwester und ein paar hilfsbereiten Nachbarn die ganze Nacht herum und suchte mich über­all. Aber eben nicht dort, wo ich meinen Rausch ausschlief. Da bewahrheitet sich wieder einmal altes Sprichwort, (wurde aber schon vor meiner Zeit erfunden). Warum in die Ferne schweifen, wo doch das Glück so nah?!

Ich war neun, als mir kaum noch etwas entging, worauf ich zielte.

Von Fisch schwärmten auch meine Kosaken­freunde. Nicht gerade von dem Salzfisch, wie er in der Fischfabrik zu haben war. Frischfisch musste es schon sein. Bei unseren Ausritten, die manchmal Tage dauerten, und auch gebiwakt wurde, schmeckt natürlich nur ein über dem offe­nen Feuer gegrillter Fisch so richtig nach Fisch. Dazu gab es dann auch noch in der heißen Asche in der Schale gebackene Kartoffeln. Hat jemand dagegen etwas einzuwenden? Kennen Sie jemanden, der bei Manöverausritten Angelzeug oder Fischnetze mitnimmt? Ich auch nicht! Eine Handgranate ins Wasser werfen, erfüllt den gleichen Zweck. Meistens reichte schon ein Wurf, um alle satt zu bekommen. Ich gebe ja zu, es war nicht die feine englische Art, aber so dicke hatten es die Soldaten auch nicht mit ihrer Verpflegung. Und wenn mal eine Wildente oder anderes mit dem Karabiner erlegt wurde, so wurden die fehlen­den Patronen eben als Manövermunition abgeschrieben. Die Soldaten mussten doch in Übung bleiben. Ich kann mich noch gut an meinen ersten Rückstoß erinnern, der mir fast die Schulter wegzureißen schien. Ich war neun, als mir kaum noch etwas entging, worauf ich zielte. Des­halb wohl auch meine guten Schießergebnisse später im Heim. Ich sag’s ja, wen die Russen erst mal in ihr Herz geschlossen haben, der hat fast Narrenfreiheit bei ihnen. Vor allem aber Kinder. Wo sie konnten, halfen sie damit wenigstens meiner Familie nicht zu verhungern. Trotzdem reichte es nicht hinten und nicht vorne.

meine Mutter draußen am Zug hängend

Es wurden Hamsterfahrten bis nach Litauen und Lettland unternommen. Dabei wäre meine Mutter beinahe ums Leben gekommen und ein anderes Mal meine Schwester. Bilder dieser sog. Hamsterfahrtszüge sind mir später noch oft untergekommen. Ich habe auch Kommentare darüber von anderen gehört. Von Menschen, die allerdings solche Fahrten nicht mitgemacht haben. Kein Kommentar zu diesen Kommentaren! Im Zuginneren saßen die Privilegierten und Delegierten und alle (?), die eine Fahrkarte besaßen. Der Rest schwang sich im Anfahren oder in einer langsamen Kurve noch auf den Zug. Die Plätze waren knapp. Knapper als die vielen Hungrigen, die es damals gab. So wurde jeder freie Platz ausgenutzt. Bis auf die Tritt­bretter (daher wohl auch der Ausdruck: Trittbrettfahrer..?) und sogar die Dächer wurden belegt. Hauptsache man kam ans Ziel, und mit etwas im Rucksack auch wieder zurück. Alles was man durch die Kriegs­wirren hindurch hat retten können und einigermaßen von Wert war, tauschte man gegen etwas Essbares ein. Die Bauern warteten ja direkt darauf. Nur wenige ließen sich erweichen, nur so aus christlicher Nächstenliebe etwas heraus zu tun. Z.B. waren Feuerzeuge und Feuerzeug­steine sehr gefragte Artikel. Dann verkaufte man ihnen eben Feu­erzeugsteine, oder aus Patronenhülsen gebastelte Feuerzeuge. Dass die Feuerzeugsteine meist wertlos waren, merkten sie erst zu spät. Zur Probe hatte man natürlich echte, aber ansonsten taten es auch kleingeschnittene Fahrradspeichen. Fahrrad­schläuche und anderes Zubehör fand man schon noch in den Trümmern, wenn man nur auf­merksam genug suchte. Auf solcher Ham­sterfahrt passierte es, dass meine Mutter draußen am Zug hängend beinahe von einem entgegenkom­men­den anderen Zug, an dem eine ebensolche Menschentraube hing, herunter gerissen worden wäre. Ein beherzter schneller Zugriff eines Mitreisenden bewahrte sie noch im letzten Moment davor. Ich sehe noch heute manchmal ihre weit aufgerissenen Augen, die auf mich gerichtet waren, als sie ihr letztes Stündlein glaubte überstanden zu haben. Mit nur einer Hand, und nur noch einem Fuß am Zug hängend, ihren schweren Rucksack auf dem Rücken, hatte selbst der Mann Schwierigkeiten, sie lange festzu­halten. Dann aber griff jeder zu, der in ihrer Reichweite war. Meine Mutter wurde mir so noch für 25 Jahre erhalten. Meine Schwe­ster isst nun schon seit ihrem 12ten Lebensjahr keinerlei Eier mehr. Sie kann noch nicht einmal mehr Schokoladenostereier ohne Misstrauen ansehen. Auf einer der Fahrten durften wir mal wieder bei einem Bauern in der Scheune übernachten. Im Stroh fand meine Schwester ein Ei. Genauer gesagt ein schönes großes Gänseei. Dies finden, aufschlagen und ausschlür­fen war bei dem ständigen Hunger selbstverständlich. Nicht lange danach wand sie sich bereits in Krämpfen, wie ich es später nur noch bei gebärenden Frauen beobachten konnte. Bloß gut, dass es damals noch Menschen gab, die nicht gleich wegen jedem Wehwehchen zum Arzt laufen mussten. Alles was die Natur einem antat, konnte man auch mit der Natur wieder heilen, wusste man. Wir mussten zwar länger als vorgesehen auf dem Bauernhof blei­ben, aber meine Schwester kam durch. Erfreut sich heute noch bester Gesundheit, wenn man von ihrem Blutdruck und ihrem Übergewicht absieht. Aus mir ist ja letztendlich auch ein Pracht­bursche von 172 Zentimetern und 65 Kilo Lebensgewicht geworden, trotz alledem, was ich Ihnen bisher von mir schildern konnte. Alle meine Söhne haben mich schon im Alter von ca. 13 Jahren in der Größe überflügelt. Ich gönne es ihnen; dafür brauchten sie auch keinen Tag in ihrem Leben zu hungern.

Fußnoten

[1] http://www.rp-online.de/kultur/kohlenklau-mit-gottes-segen-aid-1.6494204 fringsen

[2] gemeint ist Schicklgruber https://de.wikipedia.org/wiki/Hitler_(Familie)

[3] politisch korrekt: Tschernjachowsk https://de.wikipedia.org/wiki/Tschernjachowsk

[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Machorka

Was gab’s bisher?

Editorische Vorbemerkung – https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/06/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt/

https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/06/00-editorische-vorbemerkung.pdf

Kapitel 1, Die Ballade von den beschissenen Verhältnissen – oder – Du sollst wissen, lieber Leser: Andere sind auf noch ganz andere Weise kriminell – und überheblich. https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/07/29/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-erstes-kapitel/ https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/07/01-erstes-kapitel.pdf

Kapitel 2, In Dönschten, am Arsch der Welt … ach Monika! https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/08/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-ii/https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/08/02-ach-monika.pdf

Kapitel 3, Weiter im Kreislauf: Heim, versaut werden, weglaufen, Lage verschlimmern. https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/09/28/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iii/  https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/09/03-weiter-im-kreislauf.pdf

Kapitel 4, 17. Juni 53: Denkwürdiger Beginn meiner Heimkarriere  https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/10/24/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iv/  04-beginn-meiner-heimkarriere-17-juni-53_2

Kapitel 5, von Heim zu Heim https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/11/21/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-v/     PDF: 05-von-heim-zu-heim

Kapitel 6, Wieder gut im Geschäft mit den Russen https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/12/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-vi/   06-wieder-gut-im-geschaft-mit-den-russen

Kapitel 7, Lockender Westen https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/04/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-vii/  PDF 07-lockender-westen

Kapitel 8, Berlin? In Leipzig lief’s besser. https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-viii/   PDF: 08-berlin-in-leipzig-liefs-besser

Kapitel 9, Aber nun wieder zurück nach Berlin https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/17/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-ix/   PDF: 09-aber-nun-wieder-zuruck-nach-berlin

Kapitel 10, Bambule  https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/02/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-x/   PDF: 10-bambule

Kapitel 11, Losgelöst von der Erde jauchzte ich innerlich vor Freude  https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/06/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xi/   PDF: 11-losgelost-von-der-erde

Kapitel 12, Ihr Lächeln wurde um noch eine Nuance freundlicher. Süßer!  https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/07/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xii/   PDF: https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2017/02/12-sc3bcc39fer.pdf

Kapitel 13, Von Auerbachs Keller in den Venusberg  https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/19/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xiii/   PDF: 13-von-auerbachs-keller-in-den-venusberg

Kapitel 14, Ein halbes Jahr Bewährungsprobe. Wo? Im Heim! https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/21/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xiv/   PDF: ein-halbes-jahr-bewahrungsprobe

Kapitel 15, Spurensuche – und der Beginn in Dönschten  https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/22/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xv/   PDF: https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2017/02/15-spurensuche.pdf

Kapitel 16, Was also blieb uns übrig, als aufs Ganze zu gehen?  https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/03/07/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xvi/    PDF: 16 Was also blieb uns übrig

Kapitel 17, War es den Aufwand wert, dieses beschissene Leben vor den Bomben zu retten?!  https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/03/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xvii/                            PDF: 17 War es den Aufwand wert

Kapitel 18, Ich war doch der einzige „Mann“ in der Familie … https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/03/15/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xviii/  PDF: 18 der einzige „Mann“ in der Familie  PDF:  18 der einzige „Mann“ in der Familie

 

Wie geht es weiter?

Kapitel 19, Überhaupt, in der DDR gab es keine Kriminalität.

Kapitel 20, Wie schnell sich doch die Weltgeschichte ändert!

 

Korntal und die Vorverurteilung

Ein Beschuldigter ist bis zu seiner gerichtsfesten Verurteilung als unschuldig nicht nur anzusehen, sondern zu behandeln. Das Urteil über Rechtsanwalt Weber ist in Korntal schon gefällt.

Es hat zwar auch noch keinen Prozess über die Missbrauchsvorwürfe gegen Verantwortliche in Korntal gegeben; dank der Verjährungsfristen wird es wohl auch nicht dazu kommen. Dennoch ist ein öffentlicher Druck entstanden, aufgebaut worden, die Vorwürfe zu klären und die Vergangenheit – wie auch immer – aufzuarbeiten.

 

»Eigentlich hätte Weber vor wenigen Tagen offiziell als Aufklärer beauftragt werden sollen. Die Mediatoren, die Brüdergemeinde und Opfervertreter bis zu einer Beauftragung begleiten sollten, stoppten das Verfahren vorerst. Als Grund wurde ein Medienbericht angegeben, demzufolge der Anwalt in eine Korruptionsaffäre verwickelt sein könnte.«[1]

»Weber selbst wies die Berichte zurück: „Es wird nicht gegen mich ermittelt“, sagte der Anwalt, der zuvor auch die Missbrauchsvorwürfe bei den Regensburger Domspatzen aufgearbeitet hatte. … Opfervertreter Detlev Zander erklärte nach den Gesprächen: „Die Wünsche der Opfer werden hier überhaupt nicht mehr berücksichtigt.“ Er selbst hatte den Missbrauch im Sommer 2014 öffentlich gemacht. Der heute 55-Jährige war in den 1960er und 70er Jahren im Heim. Seinen Angaben zufolge werfen inzwischen mehr als 300 ehemalige Heimkinder der Brüdergemeinde vor, in den 1950er bis 1980er Jahren in den zwei Kinderheimen der Gemeinde sexuell missbraucht, misshandelt und gedemütigt worden zu sein. Der Versuch einer Aufarbeitung war Anfang 2016 schon einmal gescheitert. Eine neuer Versuch, die verhärteten Fronten zu überwinden, soll bei einer weiteren Gesprächsrunde am 25. März unternommen werden.«[2]

»Bei seiner Absage übt der Rechtsanwalt scharfe Kritik an den Mediatoren. …Weber begründet seine Entscheidung mit inhaltlichen Differenzen mit der auftraggebenden Brüdergemeinde. Wohl war der Vertrag zwischen ihm und den Pietisten weitgehend ausgehandelt. Doch „eine explizit von mir geforderte Erklärung­, dass die Brüdergemeinde von einem Einflussrecht auf meine Veröffentlichungen im Aufklärungsprozess Abstand nimmt, ist bisher nicht erfolgt. Ein unabhängiges Arbeiten wäre unter diesen Umständen nicht möglich“, sagt Weber. Er greift in seiner Absage zudem die Mediatoren Elisabeth Rohr und Gerd Bauz scharf an. „Die Einflussnahme der Mediatoren, speziell deren Kommunikationsverhalten in den letzten Tagen, zeugte von fehlendem Respekt, da Inhalte und Entwicklungen über meine Verpflichtung, ohne mich vorab zu informieren, in die Öffentlichkeit getragen wurden.“«[3]

Aufgrund des Berichts über die Verwickelung in den Korruptionsskaldal »verkündete die Mediatorin im Korntaler Missbrauchsskandal – ohne Rücksprache mit den ehemaligen Heimkindern – die Wahl Webers könne nicht stattfinden. Stattdessen solle Weber zunächst die Möglichkeit gegeben werden, sich zu den Vorwürfen zu äußern. Die Betroffenen erfuhren davon aus der Presse. Weber sagte am Samstag, er habe eine „gebotene Stellungnahme“ zu den gegen ihn erhobenen Vorwürfen abgegeben. „Ich werde nicht verdächtigt, und gegen mich wird auch nicht ermittelt.“ Über die dennoch erfolgte Berichterstattung sagte er: „Für die Motivlage hier wie dort habe ich keine Erklärung.“«[4]

»Vertreter der Opferorganisationen hielten trotz der Meldungen an dem Juristen fest, der auch die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals bei den Regensburger Domspatzen leitet.Weber fürchtet nach eigenen Worten, dass ein unabhängiges Arbeiten in Korntal nicht möglich wäre. Die Brüdergemeinde habe keine von ihm geforderte Erklärung abgegeben, seine Veröffentlichungen im Aufklärungsprozess nicht zu beeinflussen. Den Mediatoren Elisabeth Rohr und Gerd Bauz wirft er „fehlenden Respekt“ vor. Sie hätten Informationen über seine Verpflichtung in die Öffentlichkeit getragen, ohne ihn vorher zu informieren. Ehemalige Korntaler Heimkinder berichteten von sexueller und körperlicher Gewalt sowie Zwangsarbeit in Brüdergemeinde-Einrichtungen insbesondere in den 60er und 70er Jahren. Ein erster Versuch der Aufklärung scheiterte im vergangenen März, nachdem die Betroffenen dem Team um die Landshuter Sozialwissenschaftlerin Mechthild Wolff das Vertrauen entzogen hatten.«[5]

»Im Ringen um die Aufarbeitung von Missbrauchsfällen bei der evangelischen Brüdergemeinde Korntal (Kreis Ludwigsburg) fordern Opfervertreter nun ein Krisengespräch mit Vertretern der Landeskirche Württemberg. „Es ist höchste Zeit für ein Signal an die Missbrauchsopfer, dass sich etwas bewegt“, sagte Netzwerk-Sprecher Detlev Zander. … Der Anwalt habe „aufgegeben, weil die Brüdergemeinde ihn nicht unabhängig arbeiten lassen will, doch wir kämpfen weiter für Weber“, sagte Zander. Die Brüdergemeinde wies das zurück. …

Nach Angaben des Betroffenen-Netzwerks werfen mehr als 300 ehemalige Heimkinder der Brüdergemeinde vor, in den 1950er bis 1980er Jahren in deren zwei Kinderheimen sexuell missbraucht, misshandelt und gedemütigt worden zu sein. Ob es tatsächlich zu dem geforderten Krisentreffen kommt, war zunächst nicht absehbar.«[6]

 

Man sagt, die Hoffnung sterbe zuletzt. Hier sieht es nach einem langen Würgetod aus.

[1] http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.missbrauchsfall-korntal-rechtsanwalt-ulrich-weber-lehnt-zusammenarbeit-ab.ca296589-346e-4655-ad50-778bef7c75e5.html

[2] http://www.swr.de/swraktuell/bw/missbrauchsfaelle-in-korntal-aufklaerung-verzoegert-sich-weiter/-/id=1622/did=18999174/nid=1622/1yhc7ht/

[3] http://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.missbrauchsskandal-bruedergemeinde-ulrich-weber-wirft-in-korntal-hin.d7619177-34c4-4648-a9bf-501d60334fc4.html

[4] http://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.missbrauchsskandal-korntal-die-kuer-webers-scheitert-an-den-pietisten.5ff393ec-2b0d-49d7-8dc6-2848b9d682af.html

[5] http://www.epd.de/landesdienst/landesdienst-s%C3%BCdwest/jurist-weber-nicht-zur-aufkl%C3%A4rung-von-missbrauch-korntal-bereit

[6] http://www.zvw.de/inhalt.korntal-missbrauchsopfer-fordern-krisengespraech-mit-kirchenfuehrung.12d5e93f-d3c8-4a3a-8796-3fc827fee3b9.html

Kinder als Versuchskaninchen

Arzneimittelstudien an Heimkindern kamen angeblich nur selten vor. Das sieht aber anders aus. Die Studie[1] nennt es „ein Versäumnis des Runden Tisches Heimkinder“ und fragt, „warum es der RTH abgelehnt hat, sich mit diesem Thema näher zu befassen.“

Als pauschale Antwort bietet sich an, dass der Runde Tisch unter Vorsitz von Antje Vollmer offensichtlich bemüht war, die Verantwortlichkeiten nicht ausufern zu lassen. Die staatlichen und kirchlichen Heime und ihre Schwarze Pädagogik[2] konnte man schlecht aussparen, dafür aber deren finanzielle Risiken gering halten. Doch für die Medikamentation waren nicht nur die verabreichenden Mitarbeiter der Einrichtungen verantwortlich, sondern große Firmen, die in den Heimen Versuchsreihen starten konnten,[3] Versuchsreihen, die von Medizinern geplant wurden, deren Berufsbiographien in zahlreichen Fällen bruchlos in die Zeit zurückreichten, in denen sie für NS-Verbrechen verantwortlich waren.[4] – Damit hätte man die Pharma-Firmen belastet. Das wollte Frau Vollmer wohl nicht.

Auch im Falle der Zwangsarbeit[5] hat sie abgeblockt und damit heute noch bestehende und renommierte Firmen unter ihren Schutzmantel[6] genommen. [7] [8]

Mir fallen keine unverfänglichen tiefer schürfenden Antworten auf die Frage ein, warum es der RTH abgelehnt hat, sich mit diesen Themen näher zu befassen.

Die Sache mit den Medikamententests an nichteinwilligungsfähigen Personen ist leider ein aktuelles Thema geworden.[9]

Fußnoten

[1] http://duepublico.uni-duisburg-essen.de/servlets/DerivateServlet/Derivate-42079/04_Wagner_Heime.pdf

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Schwarze_Pädagogik

[3] https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/02/03/demenz-die-medikamente-dafuer-wurden-an-heimkindern-getestet/

[4] Die „Moderatorin“ des Runden Tisches, die den Begriff Zwangsarbeit nur für Nazi-Zwangsarbeit verwendet sehen wollte. Sie sah darüber hinweg, daß die „Arbeitstherapeuten“ in den Heimen vielfach ehemalige SA-Leute und die Gutachter einschlägig belastet waren. In den Heimen – kirchlich wie staatlich – hatten wir die Fortsetzung des Nazi-Systems. Frau Vollmer in ihrer grün-christlichen Bigotterie hat das nicht bekümmert. Sie sprach zwar von erzwungener Arbeit, bat jedoch die Profiteure nicht zur Kasse und sah völlig darüber hinweg, daß es Zwangsarbeit nicht nur für Jugendliche gab, sondern auch für Kinder. https://dierkschaefer.wordpress.com/2014/06/17/zwangsarbeit-in-ost-und-west-was-sind-die-unterschiede/

[5] https://dierkschaefer.wordpress.com/2012/05/05/zwangsarbeit-nicht-nur-fur-ikea/

[6] https://de.wikipedia.org/wiki/Schutzmantelmadonna

[7] Die Zwangsarbeit. Eine geringe Pauschalentschädigung als Rentenersatz gibt es, anders als in Irland, bei uns nur für Jugendliche, die Zwangsarbeit leisten mußten, wobei der Begriff Zwangsarbeit peinlichst vermieden wird. Es gibt keine Lohnnachzahlung, weder von den kirchlichen, noch von den staatlichen Einrichtungen, die von der Zwangsarbeit profitiert haben. Auch nicht von der Privatwirtschaft, die gut an den Kindern verdient hat. Es schien wohl nicht opportun, die Betriebe, darunter Firmen mit großer Bedeutung, zwangszuverpflichten. Zwangsarbeit ja, Zwangsentschädigung nein.

Und für die Zwangsarbeit von Kindern gibt es GAR NICHTS. https://dierkschaefer.wordpress.com/2013/07/09/er-ist-ein-priester-du-must-ihm-gehorchen/

[8] Antje Vollmer, Moderatorin des westdeutschen Runden Tisches für ehemalige Heimkinder, mied wie der Teufel das Weihwasser die Anwendung des Begriffs Zwangsarbeit auf die Ausbeutung der ehemaligen Heimkinder (West!) durch respektable Industriebetriebe und einzelne Bauern. Sie wollte den Begriff ausschließlich für die Zwangsarbeit für Nazi-Deutschland gelten lassen. Und so tauchten weder der Begriff noch der Sachverhalt im Abschlußbericht des Runden Tisches auf. Die Nutznießer der Zwangsarbeit wurden nicht nur nicht am Fonds beteiligt, sondern blieben unerwähnt. https://dierkschaefer.wordpress.com/2013/09/29/zwangsarbeit-ost-und-zwangsarbeit-west/

[9] https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/05/25/medikamententests-und-nicht-einwilligungsfaehige-personen-ein-ideales-menschenmaterial/

Pflegebetrug in Milliardenhöhe – Was ist das Überraschende?

Posted in Deutschland, Firmenethik, Justiz, Korruption, Kriminalität, Moral, News, Politik, Soziologie, Staat by dierkschaefer on 16. April 2016

Betrug gibt’s überall. Warum nicht auch im Pflegebereich? Das sollte nicht sein, ist aber nicht weiter überraschend.

Es verwundert auch nicht, wenn es heißt: »Regelmäßige unangekündigte Kontrollen würden kaum stattfinden. „Die meisten Länder haben die Aufsicht auf ein Minimum zurückgefahren“«.[1]

Missstände in Pflegeheimen sind schon lange bekannt. Doch dass die Leute schlecht gepflegt wurden, hat nicht weiter gestört. Beispielhaft sei nur an den Fall der Altenpflegerin Brigitte Heinisch erinnert. Die hatte sich daran gestört und ???? wurde gekündigt.[2]

Neu ist, dass es nun Aufsicht geben soll. Warum? Weil es Unregelmäßigkeiten bei den Finanzen gibt. Man liest sogar von einer Mafia.

Wie sagt man so schön: Wenn’s um Geld geht, hört die Freundschaft auf. Das scheint aber nur für Nutznießer zu gelten, die keine Lobbyisten beschäftigen.

[1] http://www.dw.com/de/bka-ermittelt-gegen-pflege-mafia/a-19192897

http://www.zeit.de/wirtschaft/2016-04/pflege-pflegedienste-organisierter-betrug

[2] https://dierkschaefer.wordpress.com/2012/04/24/pflegewuste-deutschland-pflegeheime-auf-dem-prufstand/

https://dierkschaefer.wordpress.com/2011/07/31/wurdiges-sterben/

https://dierkschaefer.wordpress.com/2011/12/31/2243/

https://dierkschaefer.wordpress.com/2011/08/27/das-strasburger-bugeleisen-und-die-feinen-konturen-des-deutschen-rechts/

Staatsmänner – #Genscher im Vergleich

Gefeiert wird er als großer Staatsmann. Was er zu Europa gesagt hat, ist auch richtig und wichtig, gerade in der jetzigen Krise.

In meinem Beitrag Sand ins Getriebe![1] habe ich an Genschers Anteil an der Ermordung von Elisabeth Käsemann[2] erinnert und das Thema Machthaber angesprochen.

Im Nachhinein musste ich an einen anderen Fall aus der BRD-Geschichte denken, in dem ein Machthaber für den Tod eines Menschen verantwortlich war.

Es begann mit dem Überfall auf Hanns Martin Schleyer in Köln am Montag, den 5. September 1977 und endete 43 Tage später mit seiner Ermordung. »Herr Schmidt, der in seinem Machtkalkül von Anfang an mit Schleyers Tod spekulierte, kann ihn in der Rue Charles Peguy in Mülhausen in einem grünen Audi 100 mit Bad Homburger Kennzeichen abholen«, stand im Bekennerschreiben.[3]

Hier ist ein Vergleich möglich.

»Noch kurz vor ihrem Tod 2008 sagte Waltrude Schleyer: „Ich habe mich nie damit abgefunden, dass der Staat meinen Mann geopfert hat.“«[4] Aus Gründen der Staatsräson war Helmut Schmidt nicht auf die Forderungen der Schleyer-Entführer eingegangen. Im Staatsakt für den von Terroristen der Roten Armee Fraktion (RAF)[5] ermordeten Arbeitgeber­präsidenten Hanns Martin Schleyer in der Domkirche St. Eberhard , saß die Witwe neben dem damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt – sie wurde damit ihrer Rolle gerecht. Aber auch Schmidt. Im Jahr 2013 erhielt er den renommierten Schleyer-Preis. Hanns Eberhard, der älteste der vier Söhne Schleyers, war Mitglied der Jury. Es wird bis zur Preisverleihung kein leichter Weg für die Familie Schleyer gewesen sein. Doch sie erwies Schmidt einen – wenn wohl auch schmerzhaften – Respekt.

In seiner sehr persönlich gehaltenen Dankesrede sagte Schmidt: »[Mir ist] sehr klar bewusst, daß ich – trotz aller redlichen Bemühungen – am Tode Hanns Martin Schleyers mitschuldig bin. Denn theoretisch hätten wir auf das Austauschangebot der RAF eingehen können. Als im letzten Herbst Schleyers Sohn Hanns-Eberhard Schleyer mich besucht hat, um mir den heutigen Preis anzutragen, hat mich dies tief berührt. … Umso mehr möchte ich mich vor der heutigen Entscheidung der Familie Schleyer verbeugen. Es rührt mich heute zutiefst, daß die Familie Schleyer öffentlich ihren Respekt gegenüber meiner damaligen Haltung zum Ausdruck bringt.«[6]

Das ist Größe! Vonseiten der Familie und vonseiten Schmidts.

Für Schmidt ist hinzuzufügen: »In einem Interview mit der „Zeit“ 30 Jahre später erzählten er und seine Frau Loki, dass sie 1975 nach dem RAF-Überfall auf die deutsche Botschaft in Stockholm, bei der zwei Botschaftsangehörige als Geiseln genommen und, weil der Staat unter Kanzler Schmidt hart blieb, erschossen wurden, eine Entscheidung zu den Akten gegeben hatten: „Falls Frau Schmidt oder Herr Schmidt gekidnappt werden sollten, soll der Staat nicht austauschen.“ Die Selbstbehauptung des Rechtsstaats ist das eine, persönliche Schuld das andere. Helmut Schmidt hat daran nie einen Zweifel gelassen: „Ich bin verstrickt in Schuld gegenüber Schleyer, gegenüber Frau Schleyer und gegenüber den beiden Beamten in Stockholm, die umgebracht wurden.“«[7]

 

Wie erbärmlich ist die Rolle Genschers dagegen. Nichts hat ihn gehindert, diplomatischen Druck auf Argentinien auszuüben um Elisabeth Käsemann zu retten.

Wie erbärmlich sein Kneifen hinterher:

»Dabei wusste die Behörde nach Austins Aussage genau Bescheid, dass Käsemann noch am Leben war und wo sie gefangen gehalten wurde. Selbst das halboffizielle Angebot, sie gegen Geld freizulassen, wurde ignoriert.

Was hinter dieser Untätigkeit steckte, versucht Regisseur Friedler den damaligen Staatsministern Hildegard Hamm-Brücher (FDP) und Klaus von Dohnanyi (SPD) zu entlocken (zu einem bereits zugesagten Interview mit Ex-Außenminister Genscher kam es nicht [Hervorhebung: ds]). Beiden ist die Sache im Rückblick sichtlich unangenehm, plausibel erklären können oder wollen sie ihr Verhalten jedoch nicht. Eine sehr peinliche Figur macht im Film Hamm-Brücher, der man glauben soll, sie sei damals eine Art Praktikantin ohne jeden Einfluss gewesen – und nicht die Nummer zwei im Ministerium. Dohnanyi lässt immerhin durch­blicken, dass das Interesse der deutschen Industrie an guten Geschäften mit den Diktatoren absoluten Vorrang hatte – und „das Mädchen“ (Genscher) dabei ein Störfaktor war.« [Hervorhebung: ds]).[8]

Nun wird Genscher wohl mit einem Staatsakt geehrt werden, die höchste offizielle Würdigung, die unser Staat zu vergeben hat.[9] Das gehört zum Protokoll und ist auch in Ordnung so, denn er hat sich um Deutschland verdient gemacht. Dennoch wäre es nicht unangemessen, wenn bei aller Würdigung auch der Name Elisabeth Käsemann genannt würde. Das wird jedoch nicht geschehen, denn so etwas gehört nicht zum Protokoll.[10] Darum sei hier an Elisabeth Käsemann erinnert.

 

Ein Nachtrag ist noch erforderlich, »auch wenn die Republik diese Namen längst vergessen hat«: Heinz Marcisz, der Fahrer von Schleyer und die Polizisten im Begleitfahrzeug: Reinhold Brändle, Helmut Ulmer und Roland Pieler.[11] Es scheint für die toten Polizisten wohl einen Staatsakt gegeben zu haben: Nach dem Terrorüberfall, berichtet die Mutter von Roland Pieler, »kam ein Telegramm von Bundeskanzler Helmut Schmidt …, 57 Wörter, darunter die vier „in Erfüllung seiner Pflicht“, anschließend ein Staatsakt und eine Entschädigung. 12 500 Mark. „Wir haben unser Auskommen“, sagt die Mutter ausweichend, „es dreht sich nicht um Geld.“ Sie sagt danach nicht mehr viel, nur: „Im Nachhinein hilft in so einer Situation sowieso nichts.“«[12]

Wie ich damals zuverlässig hörte, hatte es der Kirchengemeinderat abgelehnt, den Staatsakt in der Stuttgarter Stiftskirche stattfinden zu lassen. Das war im Zusammenhang mit meiner pompösen Einführung als Polizeipfarrer in der Stiftskirche im September 1978, pompös, weil als Kompensationshandlung gedacht. Darüber werde ich später noch schreiben.

[1] https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/04/02/sand-ins-getriebe/

[2] https://dierkschaefer.wordpress.com/2014/06/07/schach-ist-das-spiel-der-konige/ http://jacobsmeinung.over-blog.com/2016/03/elisabeth-kasemann-das-blut-an-den-fingern-des-hans-dietrich-genscher.html

[3] Zitiert nach https://de.wikipedia.org/wiki/Schleyer-Entf%C3%BChrung

[4] http://www.swp.de/ulm/nachrichten/politik/Von-Staatsraeson-und-Schuld;art4306,1968810

[5] http://www.spiegel.de/panorama/zeitgeschichte/raf-terror-boock-nennt-namen-von-schleyers-mutmasslichen-moerdern-a-504539.html

[6] http://www.schleyer-stiftung.de/pdf/pdf_2013/Rede_Helmut_Schmidt_autorisiert.pdf

[7] http://www.swp.de/ulm/nachrichten/politik/Von-Staatsraeson-und-Schuld;art4306,1968810

[8] http://www.tagblatt.de/Nachrichten/Das-Maedchen-stoert-Wie-die-deutsche-Regierung-den-Mord-an-Elisabeth-Kaesemann-in-Kauf-nahm-81990.html

[9] http://www.n-tv.de/politik/Genscher-wird-wohl-mit-Staatsakt-geehrt-article17376296.html

[10] Das wird bei der Verleihung des „Internationalen Mendelssohn Preises zu Leipzig” an Genscher im Jahr 2014 nicht anders gewesen sein. https://dierkschaefer.wordpress.com/2014/09/08/internationaler-mendelssohn-preis-an-genscher-und-elisabeth-kasemann/ https://dierkschaefer.wordpress.com/2014/09/08/genscher-und-kasemann/

[11] https://de.wikipedia.org/wiki/Schleyer-Entf%C3%BChrung

[12] http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-24093756.html

Demenz? Die Medikamente dafür wurden an Heimkindern getestet.

Heimkinder dienten als Versuchskaninchen für Nazi-Ärzte und Pharma-Firmen. Die Nazi-Ärzte sind tot, die Pharmafirmen waschen die Hände in Unschuld. Das Franz von Sales-Haus[1] in Essen entlässt den Gärtner, der in Frontal 21 zu Wort kommt.

 

Ob die Handlangerin von Kirche und Staat wußte, warum sie sich am Runden Tisch nur mit den Verbrechen in Kinderheimen befasste und nicht auch mit denen in Behinderteneinrichtungen? Das Thema von Medikamententests tauchte schon am Runden Tisch auf bis hin zu Elektroschock-Therapie am Penis eines Bettnässers. Nun wissen wir mehr. In den Behinderteneinrichtungen und Jugendpsychiatrien scheinen Medikamententests systematisch gewesen zu sein. Hier nur ein paar Auszüge aus dem SPIEGEL-Bericht[2] als Vorbereitung auf den Beitrag von Frontal 21[3]. Wer Phantasie hat, braucht dann keinen Horror-Film mehr.

 

»„Ich habe mehrfach in Dokumenten gefunden, dass Ärzte berichteten: ‚Wir haben das Medikament in Tierversuchen getestet, wir müssen das jetzt am Menschen testen.’ Und da hat man Heimkinder dafür benutzt.“«

»Heimkinder waren bis in die Siebzigerjahre weitgehend rechtlos und daher als Testpersonen den Pharmafirmen und Ärzten hilflos ausgeliefert. Die involvierten Konzerne lehnen auf Anfrage jedoch jede Verantwortung für die damaligen Studien ab. Merck etwa verweist auf die damals andere Gesetzeslage zur Dokumentation von Medikamententests: „Wir können uns nicht für etwas entschuldigen, was nicht in unserer Verantwortung lag. Sollten sich Dritte nicht entsprechend Gesetzeslage verhalten haben, bedauern wir das selbstverständlich.“ Auch die Troponwerke sehen sich nicht in der Verantwortung. Ihnen lägen keine Informationen vor.«

»Die Pharmazeutin Sylvia Wagner hat bisher 50 Studien mit Heimkindern gefunden, die im Auftrag oder in Kooperation mit Arzneimittelfirmen entstanden. Sie sagt, das sei nur die Spitze eines Eisbergs. „Ich habe in keinem einzigen Fall einen Hinweis gefunden, dass die Kinder aufgeklärt wurden oder überhaupt gefragt wurden. Auch die Eltern wurden nicht gefragt.“«

»Innerhalb eines Dreivierteljahrs mussten die Kinder des Kinderheims insgesamt über 37.000 Pillen schlucken, darunter allein 13.000 Tabletten Truxal. Der Test wurde nur deshalb aktenkundig, weil der langjährige Heimarzt den extrem hohen Einsatz von Psychopharmaka ablehnte und unter Protest zurücktrat.«

»Der Versuch fand in Kooperation mit der herstellenden Pharmafirma Merck statt. Der Darmstädter Konzern brachte das Medikament 1963 auf den deutschen Markt, es wird heute als Antidemenzmittel verkauft. Die Ergebnisse der Studie veröffentlichte Heinze in einer medizinischen Fachzeitschrift – einer der wenigen bisher bekannten Belege für Medikamententests mit Heimkindern.«

»Das Psychopharmakon wird in der Fachinformation nur für Erwachsene empfohlen, damals wurde es aber an Kindern des Heims Neu-Düsselthal erprobt.«

»Chef der Kinder- und Jugendpsychiatrie Wunstorf war bis Anfang der Sechzigerjahre Hans Heinze, ein skrupelloser Arzt mit Nazivergangenheit. Während der NS-Zeit war er Gutachter des Euthanasie-Mordprogramms T4, bezeichnete unzählige Kinder als „lebensunwert“ und schickte sie in den Tod. Nach 1945 konnte er seine Karriere in Wunstorf fortsetzen.«

 

Keiner will die Verantwortung übernehmen – sehen wir einmal von der christlichen Reaktion des Franz-von-Sales Hauses ab.

Wie wär’s mit der Bundesärztekammer? Schließlich waren es Ärzte, die als Erfüllungsgehilfen der Pharma-Unternehmen die Verantwortung trugen – und wohl gut daran verdienten. Ja, ich weiß, die sind tot. Aber könnte neben die Kollektivscham nicht auch eine Kollektivverantwortung treten? Den Kirchen wird sie zugeschrieben und viele der damals in kirchlichen Einrichtungen misshandelten Heimkinder sind ausgetreten. Das ist verständlich. Wie kann man es den staatlichen Einrichtungen, den Ärzten und den Pharmafirmen „heimzahlen“?

Ich fürchte, die sind noch mehr „fein raus“ als die Kirchen.

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Franz_Sales_Haus

[2] http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/medikamententests-in-deutschland-das-lange-leiden-nach-dem-kinderheim-a-1075196.html

[3] http://www.zdf.de/frontal-21/medikamententests-deutscher-pharmafirmen-in-kinderheimen-42014560.html

Aus dem Nähkästchen plaudern? Nein, das tut er nicht, kann aber viel aufzählen zum Vertrauen im Arzt-Patienten-Verhältnis.

Posted in Gesellschaft, Justiz, Korruption, Kriminalität, Kriminologie, Politik by dierkschaefer on 7. August 2015

»Das Vertrauen, das die Bundesärztekammer postuliert wie eine geschuldete Vorleistung auf Heilung, unterscheidet sich in Nichts von dem Vertrauen, das Priester von Ihnen fordern, bevor sie Ihnen eine Befreiung von der „Erbsünde“ in Aussicht und Rechnung stellen. Im Krankheitssystem, liebe Patienten, besteht die Erbsünde in der bloßen Tatsache, dass Sie leben, vergehen und sterben.«[1]

»Das „Arzt-Patienten-Verhältnis“ … ist, nach Ansicht des Hartmannbundes und des Großen Senats, derart bestimmt von innig-einseitigem Vertrauen, dass jede Analogie zu schnöden Marktverhältnissen abwegig sei. Mag sie gelten für Ingenieure, den TÜV, Seilbahnunter­nehmen und Luftverkehrsgesellschaften, für wen auch immer –nicht aber für leibhaftige Vertragsärzte! Der Unterschied zwischen einem Rechtsanwalt und einem Kassenarzt ist, dass der Kunde den Arzt notgedrungen liebt, den Rechtsanwalt naturgesetzlich hasst. Und sind wir nicht alle in der Hand des Hippokrates?«

Vergnüglich und bedrückend zugleich zu lesen. Doch so ist sie, unsere Gesellschaft. Auch wir, die wir gern korrumpierbar wären, aber leider nicht so einen hohen korruptiven Marktwert haben.

[1] Alle Zitate aus http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2015-08/aerzte-bestechung-korruption-pharmaindustrie/komplettansicht

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