Dierk Schaefers Blog

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XXVIII

logo-moabit-kDieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit,

die keine Kindheit war

Achtundzwanzigstes Kapitel

Chef kann ich auch

„Da wäre aber noch etwas was ich Ihnen vorher noch sagen muss!“ Ich überwand meine Angst, mit der Wahrheit herauszurücken. Neugierig schaute er mich an. Wer A sagt, muss auch B sagen können. „Ich bin erst vor sechs Monaten aus dem Zuchthaus Celle, nach 25 Monaten Haft entlas­sen worden!“ So, nun war es heraus! Eigentlich war ich ja nie ein ängstlicher Typ. Als aber mein neuer Chef so plötzlich von seinem Stuhl aufstand, an mir vorbei zur Türe ging, erwartete ich zumindest, dass er mir abrupt die Türe zeigen würde, wenn nicht gar auf mich einschlagen. Hätte ich doch dafür sogar Verständnis gehabt. Wie konnte sich ein Ex-Zuchthäusler erdreisten, in so einem renommierten Gasthaus nach Arbeit nachzusuchen. Weil die Türe hinter ihm aber zuklappte, glaubte ich eher, dass er sich nur Verstärkung holen wollte, um mich aus seinem Büro hinaus zu befördern. Schließlich war er nicht mehr der Jüngste, ich dagegen im besten Alter, dazu noch ein Verbrecher. Ich spielte schon mit dem Gedanken mich wie ein geprügelter Hund davon­zuschleichen, als auch schon die Bürotüre hinter mir geöffnet wurde. Unheil erwartend zog ich den Kopf ein. Erst als die teppichgedämpften Schritte neben mir an dem breiten, antiken Schreibtisch halt machten, ohne dass weitere Personen den Raum betraten, wagte ich meinen Kopf zu drehen. Vor bzw. neben mir, stand mein zukünftiger Arbeitgeber. Er setzte ein lederbezogenes Tablett mit Goldintarsienarbeit auf dem Schreibtisch ab.

Auf dem Tablett stand eine Flasche Cognac vom Feinsten. Einer mit fünf Sternen, versteht sich. Daneben zwei echte Cognacgläser. Ich meine damit diese überdimensionalen Gläser, wo sich das Aroma des Cognacs so richtig ausbreiten konnte, dabei kaum den Boden des Glases ausfüllend. Ich verspreche es allen, insbesondere denjenigen, die noch nie das Vergnügen hatten, an solch einem Tropfen zu schnüffeln, dass sie dieses einmalige Bukett nie wieder vergessen werden. Aus eben dieser Flasche goss er uns höchstpersönlich gerade soviel ein, wie es den Anstand nicht verletzte. Herr W. setzte sich sein Glas mitnehmend auf seinen Chefsessel, prostete mir zu und verlangte: „Na, dann erzählen Sie mal, Herr Schulz!“ Wie nahe er der Wahrheit war, als er noch scherzhaft hinzufügte: „Wen haben Sie denn umgebracht?“

Eingedenk dessen, dass ich meinem neuen Arbeitgeber gleich im vornhinein reinen Wein ein­schenken wollte, hatte ich in meiner Zeugnismappe auch die Urteilsbegründung von meiner Verurteilung mitgebracht. „Lesen Sie selbst!“ Damit reichte ich ihm die Drucksache des Gerichts hinüber. Und tatsächlich nahm er sich die Zeit das Urteil zu lesen. Nur hin und wieder schaute er forschend über seinen Brillenrand zu mir herüber. Er zeigte keinerlei Gemütsregungen beim Lesen. Nur einmal schob er sein Cognacglas näher zu mir, sagte: „Schenken Sie uns noch einen ein!“ Gleichzeitig mit dem Herüberschieben des gelesenen Dokuments nahm er seine Lesebrille ab, schaute mich erstaunt an und bemerkte erstaunt: „Dafür sind Sie verurteilt worden? Und ich dachte immer Notwehr wäre erlaubt!“ Abgesehen von dem Verständnis welches er mir entgegenbrachte, bestand er trotzdem auf einer 14tägige Probezeit. Was ich nur Recht und Billig fand. Mit anderen Worten ich war eingestellt.

Nur wer in Selbstmitleid versinkt, versinkt auch im Alkoholsumpf.

Natürlich wurde ich in der ersten Zeit ganz besonders unter die Lupe genommen. Die Arbeitsweise der bereits langjährig in seinem Betrieb arbeitenden kannte er ja bereits. Ich war es von meinen Anfängen in diesem Beruf gewohnt mit der auch in diesem Restaurant verkehrenden Prominenz umzugehen. Wäre es nach mir gegangen, hätte ich dort bis zu meiner Rente arbeiten können. Doch wieder einmal machte die Justiz mir einen Strich durch die Rechnung. Oder auch meine unbeherrschte Wut über die Aussage, der beiden Bäckersöhne, denen ich im folgenden Frühjahr beim Frühlingsfest begegnete. Obwohl ich einen festen Arbeitsplatz und einen Wohnsitz hatte, alles Kriterien die eigentlich eine U-Haft überflüssig machen, wurde ich dennoch gleich in den Bau gesteckt. Mit der Reststrafe aus meiner Bewährungszeit von 11 Monaten verbrachte ich wieder 18 Monate hinter schwedischen Gardinen. 1972 stand ich dann wieder mit Nix auf der Straße. Nur wer in Selbstmitleid versinkt und das tun nicht wenige der Ex Knackis, versinkt auch im Alkoholsumpf. Der Abstieg zum Penner ist vorprogrammiert. Für solch eine Karriere war ich mir zu schade. Ich war, blieb ein stolzer und dickköpfiger Ostpreuße. Hatte ich doch bereits schon viel schwierigere Lebenslagen gemeistert.

Meine Perle hatte sich längst einen neuen Stecher zugelegt. Im Kröpke Cafe genoss ich meine neu­gewonnene Freiheit bei einer Tasse Kaffee und Cognac. Und wie es der Zufall wollte kam eine ehemalige Kollegin herein. Zu dem Zeitpunkt ahnte ich noch nicht, dass sie schon längst ein Auge auf mich geworfen hatte. Ich glaubte sie zu schocken, als ich ihr unumwunden, als sie mich gefragt hatte, wo ich den solange gewesen wäre, die Wahrheit über mein zwischenzeitliches Studium der Knastologie und Gitterkunde berichtete. Verstehe einer die Frauen! Von wegen geschockt! Sie troff vor lauter Mitleid. Ich brauchte dann nicht nur nicht meine Zeche zahlen. Sie sorgte anschließend auch sehr hingebungsvoll dafür, dass mein Hormonhaushalt wieder in Ordnung kam. Von einem Anspruch auf Arbeitslosengeld hatte ich bis dato noch nie etwas gehört. So verdiente ich mir mein Geld, wie schon zu TBC Zeiten, als Kaschemmenkellner im Rotlichtmilieu. Schwarz natürlich.

Ich meldete mich in einer Fahrschule an, begann auch gleich mit den Fahrstunden. Schon nach vier Wochen war ich reif dafür, die Prüfung abzulegen. Doch unser rechtstaatliches System hatte etwas dagegen, dass ein Vorbestrafter den Führerschein erwarb.

auf Grund meiner Vorstrafen nicht geeignet ein KFZ zu führen

Einen Tag vor meiner Prüfung flatterte wieder einmal ein blauer Brief ein. In der Zeit, wo ich beim DRK meinen Erste-Hilfe-Kurs-Schein gemacht und jede Menge Fahrstunden absolviert hatte, meine Theoriestunden besuchte, durchliefen meine Papiere alle Instanzen. Laut Führungszeugnis, so stand es in dem Schreiben, wäre ich auf Grund meiner Vorstrafen nicht geeignet ein KFZ zu führen. Basta! Abgesehen von den Unkosten die ich bereits gehabt hatte, regte mich ganz besonders der Zusatz im besagten Schreiben auf: Für den Ablehnungsbescheid, verlangte die Behörde, solle ich auch noch 40 Mark blechen. Fragen Sie mich bitte nicht, ob ich deswegen sauer war! Es gab da aber noch einen ganz anderen Aspekt. Meine neue Freundin, eine der ersten weiblichen ausgebildeten Kellnerinnen hatte schon viel mehr Erfahrung im Beruf gesammelt. Zum einen war sie zwei Jahre älter als ich, zum anderen fehlten ihr ja auch nicht meine verlorenen Knastjahre. In den letzten Jahren war sie eigentlich immer nur in den Wintermonaten in Hannover, um in der Nähe ihrer Familie zu sein und, weil sie nicht viel davon hielt, in der kalten Saison irgendwo im Schnee zu arbeiten. Aber in der Sommersaison, so erklärte sie mir, wäre ordentlich Kohle zu machen. So hatten wir längst beschlossen und natürlich auch bereits einen Arbeitsvertrag weiter südlich von Hannover unterschrieben. Genauer gesagt im schönen Spessart. Nur, um dort zu arbeiten brauchte man unbedingt einen fahrbaren Untersatz. Genau dort, wo man den Film „Das Wirtshaus im Spessart“[1] gedreht hatte, befand sich unser Arbeitsplatz. Vier Kilometer davon entfernt aber hatten wir uns eine Unterkunft ausgeguckt. Rohrbrunn war die nächste Ortschaft. Ansonsten gab es außer der Raststätte, wo wir arbeiten wollten, und viel Wald dazwischen keine andere Möglichkeit. Höchstens noch in Mespelbrunn, wo der andere Film mit Liselotte Pulver gedreht wurde. „Das Spukschloss im Spessart“[2].

Die RAF war schuld, dass mein führerscheinloses Fahren aufflog.

Aber das war noch weiter entfernt. Ich war mir ganz sicher die Führerscheinprüfung zu bestehen, hatte schon mal ein niedliches, kleines Auto, einen NSU Prinz als Gebrauchtwagen gekauft. Weil damals noch keine Nacht-, noch Autobahnfahrten im Programm standen, so übte ich dies schon mal ganz nebenbei. Einen Führerschein gab es also nicht; der Arbeitsvertrag unterschrieben, das Zimmer angemietet und ein Auto stand auch schon vor der Türe. Was also anderes tun als den Job annehmen? Ob nun mit oder ohne Führerschein. In der Folgezeit durchquerte ich damit ganz Deutschland. Von der Insel Norderney bis an den Tegernsee. Ein Tagesausflug nach Österreich war auch drin. Das ganze ging 26 Monate lang gut. Vom kleinen Prinz über VW und Ford Capri steigerte ich mich bis hin zum dicken fetten Mercedes. Die RAF war daran schuld, dass mein führerscheinloses Fahren aufflog. Nicht doch! Nein! Ich war kein RAF Terrorist! Es wurden nur die Verkehrskontrollen verstärkt. Vor allem kontrollierten die lieben Polizisten (grrrr!) mit Vorliebe die etwas größeren Autos, die von den RAF Gruppen bevorzugt gefahren wurden. Bei solch einer Kontrolle geriet ich ins Netz. Ende mit lustig. Außer dass man mir eine Strafe in Höhe von 1116 Mark aufbrummte, verhängte man dazu noch eine zweijährige Führerscheinsperre. Das war doch schon mal ein Lichtblick. War das erste Versagen eines Führerscheins ohne Zeitlimit verfasst, so konnte ich mich doch nun darauf einrichten, dass ich nach Ablauf von zwei Jahren doch noch zum begehrten Lappen kam. Bis das aber soweit war, gab es zwar noch erwähnenswerte Ereignisse, die Sie aber nicht alle wissen müssen. Pünktlich nach Ablauf von zwei Jahren meldete ich mich bei der zuständigen Behörde, um zu erfragen, ob ich denn nun endlich den Führerschein machen dürfe. Klar, wurde ich beschieden, wenn Sie den Psychologischen Eignungstest bestehen? Was war das denn? Ich erfuhr, dass man dieses auch gerne mit dem Idiotentest umschrieb. Was blieb mir anderes übrig? Wieder die vorge­schriebenen Fahrstunden. Theorie pauken. Bei der Prüfung selbst hatte der Prüfer schon nach 18 Minuten erkannt, dass ich zum Führen eines Pkws geeignet war. Wir fuhren zurück zur Fahrschule, wo an diesem Morgen alles mit der theoretischen Prüfung begonnen hatte und ging von da aus gleich um die Ecke zu meinem Mercedes! Was denn? Ich brauchte das Auto um zu meiner sieben Kilometer entfernten Arbeitsstelle zu kommen. Vormittags wäre es ja noch gegangen, mit dem Bus dorthin zu kommen, nachdem ich etwa zwei Kilometer bis zur Bushaltestelle zu Fuß zurückgelegt hätte. Aber nachts, wenn ich Feierabend hatte, fuhr gar kein Bus mehr! Ich nehme doch stark an, dass dieser Straftatbestand auch unter eine Verjährungsfrist fällt. Wenn nicht, auch egal. Ich kann mir mit meinen 451 EUR Rente ohnehin kein Auto mehr leisten. [3]

„Entweder du nimmst den Jungen oder ich stecke ihn ins Heim!“

In welchem Desaster der erste Versuch eine Familie aufzubauen geendet ist, haben Sie ja bereits gelesen. Ich möchte hier nicht auch noch in Erinnerungen schwelgen, was mir die Zweite einge­bracht hat. Nur soviel: das verflixte siebte Jahr! Hatte ich es schon wieder geschafft, durch meiner Hände Arbeit ganz weit nach vorne zu kommen, so fühlte sich meine um 16 Jahre jüngere Frau vernachlässigt. Sie trieb es doch tatsächlich im Nebenzimmer. Die erste und einzige Ohrfeige, die ich jemals einer Frau verpasst habe – und ich zog aus. Kurz bevor der Scheidungstermin anstand, kam meine zweite Frau zu mir, stellte mich vor die Alternative: „Entweder du nimmst den Jungen (mein dritter Sohn) oder ich stecke ihn ins Heim!“[4] Bei der bloßen Erwähnung des Wortes Heim klingelten bei mir sämtliche Alarmglocken. Sie erinnern sich an mein Heimleben?

Wenn man vom Teufel spricht…….Ende April 2006 lasse ich mich von der Sonne herauslocken. Ich lasse mich etwa vier Kilometer weit bis in die Stadtmitte treiben. Gerade noch hatte ich darüber nachgedacht, wie fremd ich eigentlich in dieser Stadt geworden war, weil ich doch ganze 10 Jahre völlig aus dem Verkehr gezogen worden war, da quert doch eine menschliche Gestalt meinen Weg die mir nur allzu vertraut erscheint. Immer noch der gleiche Haarschnitt und die eingefärbte tizianrote Farbe. Die Größe stimmte auch. Langsam begann ich ihren 20 Meter Vorsprung aufzuholen. Leichter konnte sie es mir nicht machen, um mir letztendlich sicher zu sein. Sie hielt vor einer öffentlichen Tele­fon­box, steckte eine Karte hinein. Derweil lehnte ich mich außen an die Plexiglasverkleidung und konnte ihr direkt ins Gesicht sehen. Kein Zweifel. Selbst nach über dreißig Jahren erkannte ich sie wieder.

An dieser Stelle muss ich nun doch nochmals auf meine Erinnerungen zurückgreifen. Hatte ich nur ziemlich kurz abgehandelt, dass ich im Jahre 1971 von einer erfahrenen Kollegin erstmals erfahren hatte, dass ein Kellner in der Sommersaison richtig gutes Geld verdienen kann, wenn man nur bereit ist die Großstadt zu verlassen und den Bewohnern in den Urlaub folgt. Es war dann nicht bei bloßer Kollegialität geblieben. Nachdem wir dann im Spessart eine finanziell erfolgreiche Saison durchgestanden hatten, fuhren wir führerscheinlos weiter zum Tegernsee und machten selbst erst einmal unseren wohlverdienten Urlaub. Wieder in Hannover eingetroffen, wo wir ja beide unsere Familienangehörigen hatten, dachten wir gar nicht daran vom Arbeitslosengeld zu leben. Denn in den Wintermonaten gab es wieder ein Überangebot von Servicepersonal in der Stadt. Viele in der Gastronomie Tätigen lebten von diesem Job Hopping.

Einer der größten Spielautomatenaufsteller der Stadt hatte mehrere Kneipen von den Brauereien angepachtet. Für die Bewirtschaftung dieser Kneipen suchte er Leute, die auf Prozentbasis in seinen Kneipen arbeiteten. Wir meldeten uns, ließen uns die Geschäftsbedingungen erklären und zeigten uns bereit, solch einen Job bis zur nächsten Sommersaison anzunehmen. Von allen von ihm gelie­ferten Getränken bekamen wir unsere 10% Provision. Kaffee und Tee konnten wir auf eigene Rech­nung verkaufen. Der Boss war ganz schön sauer, als unser Verbleiben bei ihm nur knapp zwei Monate anhielt. Eigentlich sollten wir am Sonntag auch mal ein paar Stunden für uns haben. Es stand im Vertrag, dass wir am Sonntag nach dem Frühschoppen, der um 13 Uhr endete, die Kneipe schließen durften. Aber machen Sie mal den Stammgästen, die hauptsächlich aus Jung­gesellen bestanden, klar dass sie nun nach Hause zu gehen hatten. Die meisten standen schon morgens gegen neun Uhr vor der Türe, bis gegen 13 Uhr hatten sie schon so einiges Intus und stellten sich dann einfach stur, wenn es hieß: große Pause bis 18 Uhr. Auch an schlechten Novem­bertagen kamen meine Mutter und mein Stiefvater angeradelt, um ein paar Sonntags­stunden mit mir zu verbringen. Da man mir nachsagte, dass alles was ich koche auch gegessen werden könnte, war es für mich eine Freude, auch mal meine Mutter verwöhnen zu dürfen. Also bereitete ich in der winzig kleinen Küche ein Sonntagessen für uns vier Personen. Zwar hatte ich die Kneipentüre abge­schlossen, aber einige Unentwegte konnte ich einfach nicht rausbekommen. So lief denen dann das Wasser im Munde zusammen, wie sie zusehen mussten, wie wir am Stamm­tisch sitzend unsere Mahlzeit verzehrten. Ich weiß noch ganz genau, dass ich bei unserem ersten Zusammensein Forelle Müllerin zubereitet hatte. Eine Aumage[5] an meine liebe Mutter die, wenn sie die Wahl hatte, Fleisch für Fisch stehen ließ. Die gebratene Forelle verbreitete einen Duft in der kleinen Kneipe, der den verbliebenen Gästen in die Nase stieg. Als meine Mutter auch noch das Salatdressing lobte, fragte doch einer der Gäste, ob nicht noch eine Forelle übrig sei. „Da würde ich auch nicht Nein sagen!“ machte sich ein zweiter lippenleckend bemerkbar. Da hatte ich den Salat. Tags zuvor hatte ich von einem Gast, einem Hobby Angler, zehn ganz frische Harzer Bach­forellen abgekauft. Während meine Mutter nochmals Kartoffeln schälte, ließ ich vier weitere Forellen in der Pfanne brutzeln und rührte frische Salatsauce an.

Von da an war ich nicht nur mehr Bierzapfer, sondern auch noch Koch. Irgendwie hatte es sich schnell herumgesprochen. In der Nähe befand sich ein größeres Autohaus mit vielen Angestellten sowie ein Straßenbahndepot. Schon bald reichten die drei Kneipentische bei weitem nicht mehr aus, um die Kundschaft aufzunehmen. Also wurde der in einem Nebenraum stehende Kröckeltisch[6] in die Ecke gestellt, dafür kamen vier weitere Tische. Dem Besitzer war es nur Recht, verdiente er doch an den Getränken auch seinen Teil. Brauchte zuerst immer nur einer kurz vor 11 im Laden zu sein, so musste ich schon bald spätestens um 9 Uhr in der Küche stehen, um den täglich wech­selnden Mittagstisch vorzubereiten. Bis 1 Uhr Nachts, so stand es im Vertrag, musste die Kneipe geöffnet sein. Nachmittags und abends fand ich dann „Entspannung“, indem ich mit den Gästen eine Runde nach der anderen ausknobelte. Was der „Wirt“ trinkt, trinkt auch der mitkno­belnde Gast. Ich bevorzugte „Pünktchen!“ Pünktchen bestand aus 20 Gramm Weinbrand und etwa gleich­viel Cola. Im Durchschnitt kam ich so im Laufe des Tages auf eine 0,7 Liter Weinbrand. Dann setzte ich mich immer noch führerscheinlos ins Auto und fuhr für ein paar Stunden Schlaf nach Hause. Bloß gut das sich daran bald etwas änderte. Meine Magenschleimhaut begann schon zu rebellieren.

Und dann gleich so ein großes Objekt!?

Eines Abends bat mich ein mir noch völlig unbekannter, sehr gut gekleideter Gast um ein paar ungestörte Minuten. Ich vermutete in ihm einen Vertreter und wollte ihn schon damit abwimmeln, indem ich ihm sagte, dass ich hier nur Angestellter und überhaupt nicht befugt sei, irgendwelche Verträge abzuschließen. Es war schon richtig, dass er ein Vertreter wäre, aber in einer ganz ande­ren Angelegenheit käme, einer die mir von Nutzen sein könnte. Also fand ich eine ruhige Ecke, um mir anzuhören, was er mir denn nützliches zu sagen hätte. Es stellte sich heraus, dass sich meine gute Küche schon bis zur verpachtenden Brauerei herumgesprochen hatte. Dort fand man es ziem­lich ungewöhnlich, dass solch eine kleine Kneipe solch einen Aufschwung genommen hatte. Nun läge es der Brauerei aber am Herzen, einem guten Kunden einen geeigneten Pächter zu vermitteln. Ich erfuhr dabei auch, dass bereits zweimal jemand zum Probeessen da gewesen wäre und man mich deshalb für prädestiniert hielt, mir die Pacht anzubieten. Es handele sich dabei um ein Restau­rant mit 84 Sitzplätzen im Inneren und einer großen Terrasse. Nein, nicht hier in der Stadt, vielmehr wäre es ein Flugplatzcasino mit angeschlossenem Hotel, welches 16 Betten umfasse. Etwa 50 Kilometer von Hannover entfernt. Ob ich wohl bereit wäre mir das Objekt anzusehen, fragte mich der Vertreter. Ohne Rücksprache mit meiner Lebensabschnittsgefährtin wollte ich darüber nicht entscheiden. Der Mann blieb doch tatsächlich noch fast zwei Stunden sitzen, gab sich den Gästen gegenüber als Brauereivertreter zu erkennen und schmiss auch noch ein paar Runden und wartete geduldig bis auch E. Zeit für ein Gespräch fand. Während der Gäste­kreis immer dünner wurde, konnte ich ihr zwischendurch schon mal das Wichtigste erzählen. So wurden wir uns dann ziemlich schnell einig und für den nächsten Kneipenruhetag ein Treffen ausgemacht. Am Zielort angekommen, erfuhren wir, dass dies der derzeit größte Privatflugplatz Europas wäre. Was aber den Ausschlag gab in diesen Pachtvertrag einzusteigen, war die Sympathie, die der Besitzer ausstrahlte. Das lag vor allem daran, dass er Ostpreuße wie ich war oder umgekehrt. Als mein Landsmann uns dann in das eigentliche Pachtobjekt einführte, konnte ich nicht anders als begeistert sein. Ich war beeindruckt von dem riesigen Tower, zu dem ich vom Restaurant direkten Zugang hatte, als auch von den riesigen Hangars und der gegenüberliegenden eigenen Repara­turwerkstatt. Ein ganz in der Nähe befindlicher Flachbau beherbergte eine Flugschule. Eine doppelte, 800 Meter lange Start- und Landebahn mit Runway, wo später sogar viermotorige Maschinen landeten und starteten, machte mich fast sprachlos, aber auch ein wenig ängstlich vor der Aufgabe, die mich hier erwartete. Vor allem die 240 Personen fassende Außenterrasse, die es ja auch zu bewirten gab. Nicht dass es mir an Fachwissen oder gar an Selbstbewusstsein mangelte, aber das Ganze erschien mir doch etwas zu überdimensional. Ich dachte auch sofort an die Perso­nalfrage. Schließlich lag dieser Flugplatz mitten zwischen nichts als Feldern und Wäldern. Die nächste Ortschaft war links vom Flugfeld mindestens 2 Km und nach rechts mehr als 3 Km ent­fernt. Der nächste Bahnhof fast acht Kilometer. E. allerdings war vollauf begeistert und wollte sofort unterschreiben. Ich musste sie ganz schön bremsen. Man beruhigte uns aber dahingehend, dass bis vor vier Monaten der vorige Pächter aus Gesundheitsgründen aufgeben musste, dieser immer drei feste Aushilfen gehabt hätte, deren Adressen man uns gerne geben würde. Der Besitzer bat uns inständig, doch den Vertrag einzugehen. Der eigentliche Flugbetrieb würde kolossal darun­ter leiden, dass es seit vier Monaten weder ein Hotelbett gäbe, noch ein Butterbrot zu haben sei. Des­halb würden fast alle Stammgäste, die zum Teil aus Italien, der Schweiz und dem Süddeutschen Raum kämen und weiter nach Skandinavien wollten einen Umweg fliegen müssen. Ich bat mir eine Woche Bedenkzeit aus, um das Für und Wider abzuwägen. Und wenn überhaupt würde ich erstmal nur einen Einjahresvertrag unterschreiben. Schließlich war ich noch nie selbstän­dig gewesen. Und dann gleich so ein großes Objekt!? Hinzu kam noch: die Heizperiode war im vollen Gange, dass wir gar nicht das nötige Startkapital hatten, um die Ölkessel aufzufüllen und dann noch der nötige Warenbestand! Aber schon zwei Tage später, ohne die Woche Bedenkzeit abwarten können, rief mich mein Landsmann an. Ich legte ihm nun ganz offen dar, wie es um unsere finanzielle Situation bestellt sei und wir uns schon von daher dagegen entscheiden müssten.

„Aber Herr Schulz! darüber können wir doch reden. Ich bin bereit, Ihnen alles für die Erstaus­stat­tung zur Verfügung zu stellen!“. Dieses Angebot, sich vom Kriegskind, welches sich von Katzen und Kartoffelschalen sowie vom Brot­betteln ernähren musste, über die Heimkarriere und dem Studium der Knast- und Gitterkunde, sollte ich nun Chef werden, war einfach zu verlockend. „Dieter, du wärst ganz schön blöd, würdest du diese Chance nicht beim Schopfe packen!“ dachte ich bei mir. Was besagte da schon der Passus im Pachtvertrag, dass das Flugplatzcasino täglich! geöffnet sein müsse, wie ein Bahnhof. Freie Tage gab es nur dann, wenn das Wetter keinen Flugbetrieb zuließe. Aber war ich es nicht gewohnt ständig im Stress zu leben? Hatte ich nicht schon immer, soweit ich zurückdenken kann fremdbestimmt gelebt? Wann hatte ich als Steward zur See schon mal einen freien Tag gehabt, außer wenn wir mal kurze Zeit im Hafen lagen? Hätte ich nicht genügend Abwechslung bei der Betreuung der Gäste? Liebte ich nicht gerade diesen Umstand ständig mit neuen Gesichtern und Charakteren zu leben? Wir sagten zu!

War ich es nicht gewohnt ständig im Stress zu leben?

Bloß gut, dass ich dahingehend Vorsorge betrieben hatte, dass ich vorerst nur einen Einjahres­ver­trag unterschrieb, welcher sich automatisch auf fünf Jahre verlängern sollte, sollte keine rechtzeitige Kündigung erfolgen. Unter den ansässigen Fliegern befand sich auch ein Zeitungsmensch. Dieser entwarf für uns eine ganz tolle Zeitungsannonce. Die Brauerei, deren Biersorte ich in der Annonce erwähnte, die ich auszuschenken gedachte, schickte mir einen Scheck, der meine Unkosten um eini­ges überschritt. Ich hatte nur wenige Tage Zeit anlässlich eines Jubiläums ein Kaltes Büffet zu zau­bern. Wir mussten dann auch noch in dem eigentlich für 84 Gäste konzipiertem Gastraum 102 Plätze bewerkstelligen. Die Kasse begann zu klingeln. Und dann schon wieder am 6. Dezember. Es war zur Tradition geworden, dass ein auf einem Doppel­decker stehender Nikolaus Süßigkeiten und kleine Plüschtiere auf das Publikum herunterwarf. Das war aber noch längst nicht alles. Zur Tradi­tion gehörte auch, dass die Gäste anschließend im Restaurant mit Heringsfilet nach Hausfrauenart bewirtet wurden. Auf jedem Tisch wurden große Schüsseln mit Sahnehering, Pellkartoffeln, Brot und Butter gestellt. Nur gut, dass ich meine Mutter, ja, auch meinen Stiefvater zur Hilfe hatte. Das Restau­rant reichte bei weitem nicht aus, den Gäste­andrang aufzunehmen. Dick eingemummelt saßen etwa 100 Gäste auch noch auf der Som­mer­terrasse und warteten auch dort auf Bedienung. Als hätte es meine Mutter geahnt. Sie hatte mich dazu überredet, nicht in der Metro[7] die viel teureren Fischfilets zu kaufen, sondern den Hering fässerweise direkt aus Bremen kommen zu lassen. Viele Stunden stand sie dann in der Küche, nahm die Fische aus, filetierte sie, warf diese Filets in zwei große Wannen. Sie schnitt Unmengen von Zwiebeln, Gurken und Äpfeln klein, die ebenfalls in den Wannen landeten. Bei der Metro hatte ich nur die Gewürze als auch palettenweise 2 ½ Liter Dosen Sahne und Mayonnaise eingekauft. Für eine feste Summe konnte jeder Gast soviel davon essen wie er nur konnte. Meinen Reibach machte ich dennoch. Schon alleine die Getränke, die dabei verzehrt wurden sorgten für guten Umsatz. Noch tagelang danach riefen Gäste an und fragten, ob denn noch etwas von dem leckeren Hering da wäre.

Das Personal der am Flugplatz hängenden Betriebe, sowie eine in der Nachbarschaft ansässige Firma waren fortan meine Stammgäste. Und natürlich die Piloten, die wieder begannen diesen Platz anzufliegen. Eine Sechsergemeinschaft von Piloten nebst Frauen kam regelmäßig aus Berlin, um hier in Westdeutschland ihrem Hobby Fliegen nachzukommen. An Gästemangel litten wir bestimmt nicht. Ärger bekam ich nur mit der Frau meines Boss. Der kam nämlich öfter zu mir zum Essen als es seiner Frau lieb war. Wartete sie doch des Öfteren am gedeckten Mittagstisch zu Hause auf ihren Mann, während dieser sich den Magen bei mir vollschlug. Zwischen Ihrem Mann und mir hatte sich ein inniges Verhältnis entwickelt. Des Öfteren kam er auch am Abend querfeld­ein in Gummistiefeln zu mir herüber, um sich mal auszuquatschen. Sprach dabei gerne einer Flasche Morio Muskat zuviel zu. Böse Blicke auf mich werfend durfte sie ihren Mann dann des Öfteren abholen. Bei diesen Gesprächen erfuhr ich dann auch so ganz nebenbei, wie er als Ostpreuße, der doch wie jeder andere auch nur mit 40 Mark angefangen hatte, zu seinem Reichtum gekommen war. Eigentlich hatte er ja noch in Ostpreußen Förster gelernt. Konnte sich aber nicht daran gewöhnen, einem toten Reh in die traurigen Augen zu blicken. Er begann zu tüfteln. Der Türöffnungsmechanis­mus eines jeden VW, der noch heute an jedem dieser Autos existiert, ist auf seinem Mist gewach­sen. So wurde mein Boss zum Millionär, bekommt noch heute für jeden Türgriff mindestens einen Cent. Auch wie er zur Fliegerei gekommen war erzählte er mir. Ein chronisches Asthmaleiden hatte seinen Arzt bewogen, ihm Höhenluft zu verordnen. Ursprünglich von Höhenangst befallen ging er dennoch auf Anraten seines Arztes in die Berge. Dort verlor er dann auch seine Höhenangst. Um sich aber immer die weite Reise und Zeit zu sparen in die Berge zu fahren, legte er sich ganz in der Nähe seiner Erfindungswerkstatt eben diesen Flugplatz an.

Der Tag als die Bombe platzte

An dem Verhältnis zwischen meinem Verpächter und mir oder gar an der langen Arbeitszeit lag es bestimmt nicht, dass ich den Pachtvertrag dann doch nicht um weitere fünf Jahre verlängerte. Ganz und gar nicht! Vielmehr war es wieder einmal eine Frau, genauer gesagt die besagte Lebensab­schnittsgefährtin, die meine Zukunftspläne zunichte machte. Einmal in der Woche musste ich nach Hannover fahren, um beim Großhandel einzukaufen. Zu der Zeit gab es noch keine EC Karten oder dergleichen. Schecks wurden nicht angenommen. Beim Einkauf zählte nur Bares. Vorausschicken muss ich noch, dass ich als Vorbestrafter natürlich keine Gaststättenkonzession bekam. Deshalb hatte ja auch E. den Pachtvertrag unterschreiben müssen. Bei der Bank und unserer Konto­führung waren wir allerdings gleichberechtigt. Also, immer wenn ich zum Einkaufen fuhr, hielt ich bei der Bank an, holte Kontoauszüge ab, zahlte manchmal Geld ein oder hob das nötige ab. Bei solch einer Gelegenheit kam der große Knall!

Zunächst glaubte ich ja wieder an einen Fehler meiner Bank. War es doch schon mal passiert, dass unser Konto plötzlich um eine ziemlich erkleckliche Summe angewachsen war. Ich muss wohl damals so ein verblüfftes Gesicht gemacht haben, so dass der Schalterbeamte[8] es mir ansehen musste, dass da etwas nicht stimmen konnte. Beflissen war er zu mir gekommen und hatte gefragt, ob etwas nicht stimme. Ich ehrliche Haut reichte ihm die Kontoauszüge hinüber und fragte wie unser Konto zu solch einer Einzahlungssumme komme. Nach kurzer Prüfung stellte sich heraus, dass da ein Zahlendreher uns kurzfristig zu richtig reichen Leute gemacht hatte. Natürlich wurde der Fehler umgehend berichtigt. An solch einen Fehler dachte ich an dem Tag als die Bombe platzte. Nur diesmal war unser Konto nicht begünstigt. Vielmehr war es fast leer. In etwa hatte ich ja den Überblick. Nicht auf die Mark genau, aber auf fast Null, das konnte nicht sein. Wieder war es der gleiche Schalterangestellte, der mir zu Hilfe kam. Doch wirklich helfen konnte er mir diesmal nicht. Was ich von ihm erfuhr, bescherte mir Puddingknie. Wie ich erfahren musste, war meine liebe E. ein paar Tage vorher da gewesen und hatte etwas über 70000 Mark abgehoben. Ohne mir überhaupt ein Wort davon zu sagen.

Was ich dann zu hören bekam, machte mich erst recht fassungslos.

Zu keinem klaren Gedanken mehr fähig setzte ich mich ins Auto und fuhr zurück. E. ahnte wohl schon, was auf sie zukam, als ich so schnell, zu schnell, wieder auftauchte. Außerdem verhießen meine Blicke nichts Gutes. Sofort setzte sie ihr Trotzgesicht auf, verschränkte ihre Arme vor der Brust und begann sofort mit ihrer Verteidigung. „Bevor du anfängst auszurasten hör mir erstmal zu!“ Was ich dann zu hören bekam, machte mich erst recht fassungslos. Als Erstes versuchte sie mich dahingehend zu beschwichtigen, dass ich dann ja bei der nächsten Jahresabrechnung ihre anteilige Hälfte einbehalten könne. Über den Verbleib der relativ großen Summe, zumindest in meinen Augen zu damaliger Zeit, legte sie dann auf Nachfrage auch Rechenschaft ab. Sie hatte ihrer jüngsten Schwester den Auszug bei den Eltern ermöglicht. Dazu gehörte natürlich auch eine komplette neue Wohnungseinrichtung, nebst Mietsicherheit und Maklergebühren. Mir schien, E. hätte ihrer Schwester einen Palast eingerichtet. Zumal die Kaufkraft der D-Mark Anfang der sieb­ziger Jahre mit dem heutigen Geld nicht zu vergleichen ist. Dieses hielt ich ihr auch vor. Schon etwas kleinlauter gab sie dann auch zu, sich selbst auch etwas Besonderes gegönnt zu haben. Das Besondere bestand aus einem 3/4 langen Ozelotmantel! Für soviel Luxus hatte ich nun gar kein Verständnis. Mir hatte sie Vorhaltungen gemacht, wenn ich meiner Mutter mal etwas Geld zusteckte, wenn sie jedes Mal hilfsbereit zur Stelle war, wenn abzusehen war, dass wir beide den Gästeandrang nicht alleine würden bewältigen können. Zumal der Sommer sehr schön gewesen war und ganze Familien in Scharen zum Flugzeuggucken gekommen waren. Wir bekamen immer wieder zu hören, dass Kinder ihre Eltern solange genervt hatten, bis ein geplanter Zoo Besuch zum Flugzeuggucken umdisponiert wurde. Wer es sich leisten konnte, durfte auch einen Rundflug genießen. Alles in Allem war es ein sehr erfolgreiches, aber auch arbeitsintensives Jahr gewesen. Dass ich jetzt auch noch leer ausgehen würde, das mochte ich nicht hinnehmen. Wer sagte mir denn, dass E. sich nicht wieder von unserem Konto bediente. Ihr Vorschlag besagte nämlich, dass sie erst in zwei Jahren wieder ihren Geschäftsanteil beanspruchen konnte. Im Gegensatz zu mir hatte sie jede Woche auf einen freien Tag bestanden, wo sie sich großkotzig mit einem Taxi in das 50 Kilometer entfernte Hannover fahren ließ, um dort mit ihren Freundinnen auf ihre Kosten die Sau rauszulassen. In ihrer Eitelkeit sonnte sie sich im Neid der meist ehemaligen Kolleginnen und ließ sich als Chefin feiern. Das alles nahm ich ja noch gelassen hin, da ich im Grunde genommen in meine Arbeit, meinen Erfolg verliebt war. Da ich aber mit dieser Frau keine weitere Perspektive erkennen konnte, musste ich dem Besitzer die traurige Mitteilung machen, dass ich den fälligen Fünfjahresvertrag leider nicht unterschreiben könne.

Mein Boss empfand dies als persönlichen Tiefschlag, wo doch allem Anschein nach alles bestens lief. Ich mochte E. nicht in die Pfanne hauen, schob den Gesundheitszustand meiner Mutter vor. Ein paar Wochen noch musste ich mit E. den Laden offen halten, dann trennten sich unsere Wege. A fonds perdu![9]

 

Fußnoten

[1] Eine nette Räuberpistole aus den 50er Jahren https://de.wikipedia.org/wiki/Das_Wirtshaus_im_Spessart_(1958)

[2] Eine Art Fortsetzng https://de.wikipedia.org/wiki/Das_Spukschlo%C3%9F_im_Spessart

[3] Von der Sache her eine Wiederholung. Darum in der Fußnote: 451 EUR Rente? Lieber Leser, obwohl ich auch immer, während meiner insgesamt 17 Jahre Haftzeit gearbeitet habe, hat der Staat niemals für mich Rentenbeiträge eingezahlt. Von wegen Knacki lebt auf Steuerzahlerkosten. 30 Jahre habe ich dennoch geklebt. Nur leider haben mich die 11 Jahre Versorgungsausgleich für meine Ehefrauen soweit runter gedrückt. Sowohl meine Erste als auch Zweite Ehefrau hatten es nicht nötig zu arbeiten. Ich verdiente ja gutes Geld, wenn man mich denn arbeiten ließ, während die angetrauten für eine saubere Wohnung und ordentlich erzogene Kinder zuständig sein sollten.

[4] Mehr dazu im nächsten Kapitel

[5] Gemeint ist Hommage im Sinne von Ehrung https://neueswort.de/hommage/

[6] Krökeltisch = Tischfußballtisch. Tischfußball ist in bestimmten Regionen unter anderen Namen bekannt. In Hannover und Umgebung kennt man den Sport unter dem Namen Krökeln, ein Tischfußballtisch wird dem­ent­sprechend als ‚Krökler‘ bezeichnet. Der Begriff kommt von der Bezeichnung Krökel für eine Eisenstange im Hannoverschen. https://de.wikipedia.org/wiki/Tischfu%C3%9Fball

[7] Gemeint ist ein Handelsunternehmen der Metrogruppe https://de.wikipedia.org/wiki/Metro_Group

[8] Eine damals gängige Bezeichnung auch für Bankangestellte https://de.wikipedia.org/wiki/Bankbeamter

[9] Kapital ohne Aussicht auf Wiedererlangen http://www.wissen.de/fremdwort/fonds-perdu

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»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XXVII

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Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit,

die keine Kindheit war

Siebenundzwanzigstes Kapitel

Raus aus’m Celler Knast

Obwohl inzwischen 36 Jahre vergangen sind, kann ich mich noch genau an den Wortlaut erinnern, der in diesem amtlichen Schreiben niedergeschrieben war. „Auf Ihr Schreiben vom … Antrag auf vorzeitige Haftentlassung ist die … Strafkammer des Landgerichts zu dem Beschluss gekommen … Im Falle, dass Sie der Strafkammer einen festen Wohnsitz und einen Arbeitsplatz nachweisen können, steht Ihrer vorzeitigen Entlassung nichts mehr im Wege“.

„Schulz, was hast du denn? Es hat doch geklappt. Also kein Grund so trübsinnig da zu sitzen!“ sagte der Beamte zu mir, nachdem er gelesen hatte, was ich herüber gereicht hatte. „Toll! soll ich jetzt eine Annonce in die Zeitung setzen? Zuchthäusler sucht Arbeit, damit er vorzeitig entlassen werden kann?“ fragte ich ihn. An seiner Äußerung erkannte ich wieder einmal, dass so ein Tür­schließer nicht von hier bis jetzt denken konnte. Über meine Aussage jedoch machte er sich doch tatsächlich Gedanken. Er schaute auf seine Uhr „Mensch Schulz, der Anstaltsleiter hat doch heute seine monatliche Sprechstunde, wo die Gefangenen angehört werden, die sich per Antrag bei ihm vorgemeldet haben!“ – „Na und ? Habe ich mich vorgemeldet, habe ich einen Termin?“ – „Warte! Ich versuche das hinzukriegen. Vielleicht kann ich dich da noch mit reinschieben!“ Er verschloss vorsorglich und gewissenhaft meine Zellentüre und eilte zum Telefon. Kurz darauf bei der Abend­brotausgabe strahlte er übers ganze Gesicht. „Geht klar, Schulz. Du kommst gleich zum Anstaltsleiter!“.

Ich bewundere das phänomenale Namensgedächtnis des Anstaltsleiters. „Was gibt es denn so Dringendes, dass Sie (er war der Einzige, der das „Sie“ vor den Namen eines Gefangenen setzte) mich so dringend zu sprechen wünschen?“ begrüßte er mich in seinem Amtszimmer. „Ich doch nicht! Mein Stationsbeamter war der Meinung, dass mein Anliegen dringend wäre!“ klärte ich ihn auf. „Gut, also was gibt es?“ Wortlos reichte ich ihm das Schreiben vom Gericht hin. Er überflog die wenigen Zeilen, obwohl ich davon überzeugt war, dass er davon eine Kopie oder ähnliches bereits selbst vom Gericht erhalten hatte und schaute mich an. Fragte: „Und? Wo Ist das Problem? Wie ich weiß, haben Sie ein gutes Verhältnis zu ihrer Mutter, wo Sie unterkommen können, sowie Ihre Freundin, mit der ich auch schon gesprochen habe! Und was die Arbeit angeht, sehe ich auch kein Problem. Sie haben von Ihrem letzten Arbeitgeber vor Gericht nur Lob erfahren. Wenn ich die Arbeitsmarktlage richtig sehe, dürfte es für Sie keine Schwierigkeiten geben, einen Arbeitsplatz zu finden!“ Auf seine Armbanduhr tippend meinte er nur noch: „Für heute dürfte es etwas zu spät sein. Aber wenn ich Sie morgen für drei Tage in Urlaub schicke, dürften Sie mir einen Arbeits­vertrag vorlegen können!“

So was war ja noch nie da gewesen. Ausgang und Urlaub zur Entlassungsvorbereitung war derzeit noch gar nicht vorgesehen und später auch nur über viele Formalitäten zu erreichen. Hier aber entschied der Anstaltsleiter ad hoc, dass ich am nächsten Tag schon Urlaub bekommen sollte. Und tatsächlich wurde ich am nächsten Morgen beim Aufschluss darauf aufmerksam gemacht, nicht zur Arbeit auszurücken, sondern mich gleich nach dem Frühstück auf der Asser­vatenkammer einzufinden, um mich zivil einzukleiden. Der Urlaubsschein liege bereits an der Pforte.

Hatte ich mich doch schon längst auf weitere 11 Monate in diesem Loch abgefunden, so kam diese Wendung für mich völlig überraschend. Ich hatte gar keine Zeit und Möglichkeit (meine Mutter hat bis zu ihrem Lebensende nie ein Telefon besessen), jemanden von meiner Ankunft zu unterrichten. Meine Mutter, die vom Gartenhäuschen bis zur Pforte einen Weg von gut 30 Metern zurückzulegen hatte, schlürfte mit müden Schritten und gesenktem Haupt in Richtung Gartenzaun ohne zu sehen, wem sie das Herausklingeln zu verdanken hatte. Auf halben Wege zur Garten­pforte, wo ich notgedrungen auf sie wartete, rief ich sie in freudiger Wiedersehenserwartung an. „Hallo Mutti, mach doch nicht so ein griesgrämiges Gesicht. Wir haben April, einen schönen Frühlingstag und dein Sohn kommt dich besuchen!“ Diese Ansprache hätte ich mir besser ver­kneifen sollen oder? Als meine Stimme in ihren Gehörgang eindrang, riss sie ihren Kopf hoch, blieb wie erstarrt mit weit aufgerissenem Mund und Augen auf dem Plattenweg, der zur Pforte führte, wie angewurzelt stehen. Wie sie mir später sagte, hätte sie geglaubt einen Geist in meiner Gestalt vor sich zu sehen. Vermutete sie mich doch sicher verwahrt hinter Gittern. Da meine Mutter vorläufig zu keiner Bewegung fähig war, kletterte ich notgedrungen über den Zaun. Anstatt des ansonsten üblichen Begrüßungsküsschens bekam ich nur jede Menge Tränenflüssigkeit in Höhe meines Schlüsselbeins aufs Hemd; wie oft in meiner Kindheit hatte meine Mutter MEINE Tränen trocknen, mich trösten müssen? Oh, wie stark und groß ich mich auf einmal fühlte, als ich meine Mutter auf meinen Arm gestützt ins Haus führen durfte. Ich konnte, wollte, ihren Gefühlsausbruch nicht unterbrechen. Wir saßen uns im Wohnzimmer noch eine ganze Weile, unsere Hände inein­ander verkrampft gegenüber, bis Mutter den Schock überwunden hatte. Dann aber kriegte sie sich wieder ein und machte sich Sorgen über mein leibliches Wohl.

Es war die Arbeitszeit, die viele Ehen zerstörte.

Herr Hundertmark, der Sachbearbeiter auf dem Gebiet der Gastronomie auf dem Arbeitsamt Han­nover, der mich schon seit meiner Lehrzeit kannte, zeigte sich erfreut darüber, mich mal wieder zu sehen. Auf seine Frage, wo ich denn so lange gesteckt hätte, antwortete ich ihm wahrheitsge­mäß. Er wusste es zu schätzen, dass ich ihm nichts vorlog, sondern die Wahrheit erzählte. Er meinte, dass er sich davon nicht freisprechen könnte, in meiner Situation nicht ebenso gehandelt zu haben. In den Anfängen der siebziger Jahre war es schwierig, noch richtige, gelernte Kellner zu vermitteln. Er zeigte mir eine Statistik, aus der hervorging, dass viel mehr Köche und Kellner bei dem VW-Werk oder bei Conti in Hannover als angelernte Arbeiter beschäftigt seien als den Gaststätten­betrieben zur Verfügung standen. Es war die Arbeitszeit, die viele Ehen zerstörte. Da ich mir aber geschworen hatte NIE mehr zu heiraten, ich meinen erlernten Beruf auch noch liebte, war es für mich keine Frage, ob ich dort weitermachen würde, wo ich zuletzt aufgehört hatte.

Herr Hundertmark hatte genügend freie Stellen zur Verfügung. Er riet mir allerdings, nicht unbe­dingt auf die Wahrheit großen Wert bei meiner neuen Einstellung zu legen. Deshalb auf solche Fragen nach dem letzten Arbeitsplatz vorbereitet, nahm ich mein Seefahrtsbuch zu meinem Vor­stellungsgespräch mit. Ich war ja, wie Sie sich noch erinnern können, ein cleveres Kerlchen. Auf die diesbezügliche Standardfrage, wo ich denn zuletzt gearbeitet hätte, wedelte ich mit dem Seefahrtsbuch vor der Nase meines zukünftigen Chefs herum und erklärte ihm, dass ich endlich wieder an Land arbeiten wolle, da meiner Mutter Gesundheitszustand sehr zu wünschen übrig ließe. Ich wollte in Zukunft gerne in ihrer Nähe sein. Da meine ehemalige Reederei ihren Sitz in Holland hatte, fiel es auch gar nicht weiter auf, dass ich fast in der Mitte des Jahres eine völlig unbefleckte deutsche Steuerkarte und auch eine leere Invalidenkarte, wie sie damals vonnöten war, dem Arbeitgeber gab.

Meinem neuen Arbeitgeber war das Seefahrtsbuch ohnehin ein Buch mit sieben Siegeln; ich konnte ihn also ohne weiteres damit aufs Glatteis führen. Er verlangte allerdings einen Arbeitsvertrag, in dem stand, dass ich meinen Dienst schon am 1. Mai antreten sollte. Das war mehr als knapp. Schrieben wir doch bereits den 24ten April. Meinem Glück vertrauend und die Justiz in Zeitnot bringend, unterschrieb ich selbstbewusst den Arbeitsvertrag.

Das wären doch verlorene Tage für unsere junge Liebe, meinte sie.

Ich muss hier gestehen, dass ich mich erst am dritten, letzten Tag meines gewährten Urlaubs zur Arbeitsbeschaffung überhaupt darum gekümmert hatte. In den ersten Tagen hatte ich einen ganz anderen Nachholbedarf in der Freiheit. Meine neue Braut – pardon-, was ich eigentlich sagen wollte, dass meine neue Braut eine geniale Idee hatte. Warum warten, wenn ich erst am Donners­tagabend wieder in der Anstalt in Celle antanzen musste, am Freitag mein Anstaltsleiter meinen Arbeitsvertrag in der Hand hielt, dieser denselben mit viel gutem Willen und Zeit noch am Freitag zum Gericht weiterleiten würde, dann würde er frühestens am folgenden Montag beim Land­gericht eintreffen. Das wären doch verlorene Tage für unsere junge Liebe, meinte sie. Deshalb fuhr die ganze Familie mit mir mit dem Taxi direkt zum Landgericht. Nur, wie auch die Maurer ihre Kelle, wie nachgesagt, pünktlich aus der Hand fallen lassen, so machten auch die Beamten gerne pünkt­lich Feierabend. So standen wir vier ziemlich verloren auf dem Gerichtsflur vor dem Zimmer des zuständigen Staatsanwaltes, nachdem wir festgestellt hatten, dass es kurz nach 16 Uhr war. Spä­testens in sechs Stunden musste ich mich wieder in Celle einfinden, wollte ich mir meine Chance zur vorzeitigen Entlassung nicht selbst vermasseln.

Zum Glück gab es im Gerichtsgebäude aber immer noch ein paar regsame Hände. Eine niedere Kaste im Beamtengeflecht war dazu da, die Arbeit der Oberen für den nächsten Tag vorzubereiten. Ein junger Mann schob einen Wagen mit Akten beladen über den Flur und verteilte diese in die einzelnen Amtszimmer. Wie er uns da so geknickt auf dem Flur stehen sah, enttäuscht darüber, dass nur wenige Minuten gefehlt hatten, um unser Anliegen vorzubringen, fragte er, was der Anlass unse­rer Traurigkeit wäre. Nachdem ich dem jungen Mann erklärt hatte, worum es ging, sah er über­haupt kein Problem darin, unsere Verspätung wieder auszubügeln. Den mit meiner Mutter unterschriebenen Mietvertrag sowie den Arbeitsvertrag einschließlich des Briefes vom Gericht selbst mit dem Aktenzeichen versehen befestigte der junge Assistent mit einer überdimensionalen Plastik­klammer oben auf der ersten Akte, die der Staatsanwalt am nächsten Morgen zur Vorbereitung seines Termins unbedingt in die Hand nehmen musste. Der hilfsbereite junge Mann war davon überzeugt, dass der zuständige Staatsanwalt meinen Vorgang keinesfalls übersehen könne. Mit gemischten Gefühlen, nicht wissend welchen Erfolg ich haben würde, fuhr ich natürlich rechtzeitig in das Celler Loch (Entschuldigung! Dieses Celler Loch[1] wurde ja erst viel später durch die angeb­lichen RAF Terroristen in die Mauer gesprengt!) zurück. Aber wie soll ich die paar Quadratmeter sonst beschreiben?

Hatte ich doch zum ersten Male mit 23 mein erstes Bier überhaupt getrunken, war also keineswegs ein Alki, gönnte ich mir in der Bahnhofskneipe in Celle doch noch zwei kleine Bier. Ahnte ich doch schon, dass es für mich mühsam sein könnte einzuschlafen. Ein Mentholbonbon und dann waren es nur noch zweimal lang hinfallen und schon stand ich, vom Bahnhof aus gesehen vor der Gefäng­­nispforte. Mit dem nötigen Papier ausgestattet ließ man mich natürlich auch wieder rein. Dank des Gerstensaftes oder auch vielleicht, weil die letzten beiden Nächte ziemlich anstrengend gewesen waren, schlief ich dann doch recht bald den Schlaf aller Gerechten. Am nächsten Morgen rückte ich wie alle anderen wieder zur Arbeit aus. Ich wusste es ja selbst nicht, was nun auf mich zukam. Deshalb konnte ich auch keine diesbezügliche Frage konkret beantworten. Hauptsächlich wurde danach gefragt, ob ich den auch die Gelegenheit gehabt hätte, ordentlich Saft abzulassen. Ich war natürlich Kavalier und schwieg bei solchen Fragen.

Eine saubere Blitzentlassung

Die zu Zeitstrafen Verurteilten begannen in der Regel die letzten Hundert Tage im Countdown herunter zu zählen. Dieser enorme Stress blieb mir diesmal erspart. Ich bekam eine saubere Blitz­entlassung im wahrsten Sinne des Wortes. Ich setzte mich also wie gewohnt an meine Näh­ma­schine. Wie immer war unser Arbeitsbetrieb als dritter an der Reihe, um unseren gesetzlich garan­tierten Hofgang von 30 Minuten zu absolvieren. Im Zuge der Strafvollzugsreform durften wir jetzt auch schon zu zweit oder gar zu dritt nebeneinander uns unterhaltend im Karree von 20 x 80 Metern unseren Bewegungsapparat in Form halten.

Kaum hatte unsere Freistunde begonnen und mich von allen Seiten die Leidensgenossen mit Fra­gen bombardiert hatten, wie denn z.B. die Welt da draußen sich verändert hätte, da rief auch schon mein Werkmeister von oben aus dem Fenster einen seiner Kollegen vom Hofdienst zu, er möge doch den Dieter Schulz zu ihm schicken. Im Betrieb angekommen schaute der Beamte mich von oben bis unten an, fragte: „Schulz, hast du im Urlaub irgendetwas ausgefressen?“ – „Nö! Wieso?“ – „Warum will dich sonst der Anstaltsleiter sehen?“ Ich war mir keiner Schuld bewusst. Schließlich stand seinerzeit noch nicht der Vermerk auf dem Ausgangs-Urlaubsschein: Alkohol und Drogenverbot!

Mit Alkohol hatte ich mich sehr zurückgehalten, weil sich das Zeugs bei mir immer auf die Potenz negativ auswirkte. 1970 kannte überhaupt noch kein Knacki andere Drogen als Tabak und Kaffee. Mit keinem Gedanken dachte ich daran, dass unser Abstecher zum nicht einmal diensttuenden Staatsanwalt etwas mit meiner Vorladung zum Direktor zu tun haben könnte. Als ich dann endlich vor ihm stand, brauchte ich mir nicht mehr unnötig den Kopf darüber zu zerbrechen. „So kenne ich Sie, Herr Schulz! Nie können Sie den Amtsweg einhalten. Hatte ich Ihnen nicht mit auf den Weg gegeben, dass Sie mir nach Ablauf von Ihrem Dreitage-Urlaub einen Arbeitsvertrag sowie eine Meldebescheinigung vorlegen sollten, damit ich Ihre vorzeitige Entlassung in die Wege leiten kann? Und was tun Sie?“ Ich glaube aber, er bewunderte eher meine Initiative, als dass er mir böse war. Er schaute auf seine Uhr und sagte: „Wenn Sie sich beeilen, können Sie in der nächsten Stunde diese Anstalt als freier Mann verlassen! Der Staatsanwalt hat mich vorhin angerufen und Ihre Entlassung verfügt, da Sie ja schon am 1. Mai ihre Arbeit antreten müssen!“ Jetzt wird wohl jeder verstehen was ich mit einer Blitzentlassung gemeint habe. „Ach ja, damit sich ihre Mutter oder sonst wer darauf vorbereiten kann, dürfen Sie von meinem Apparat jemanden anrufen!“ gab er sich gönnerhaft. Der Vermieter meiner Geliebten hatte Telefon im Haus. Dort rief ich dann auch an. Meine Freun­din versprach mir, mich vom Knast abzuholen. „Wie denn? In einer Stunde bin ich doch schon draußen!“ – „Wozu hat mein Hauswirt ein Taxiunternehmen?“ Damit war unser Gespräch auch schon beendet.

Der renitente Schulz zieht wieder mal eine Show ab!

Nur, meine Haftzeit zog sich dann doch noch einige Stunden hin. Die ganzen Abteilungen, die ich noch zu durchlaufen hatte, um endlich meine Entlassungspapiere zu bekommen, waren eigentlich nicht der Punkt, was die Verzögerung bewirkte. Es war ein sturer Beamter, der darauf bestand, dass ich einen Wisch unterschreiben sollte, dass ich bei meiner Entlassung vollkommen gesund sei und keinerlei Regressansprüche an die Anstalt stellen würde. Und genau diesen Wisch wollte ich nicht unterschreiben. Eingedenk dessen, dass sich mit meiner ärztlichen Betreuung während meiner Haft­zeit zweimal erhebliche Differenzen ergeben hatten, ich erst ins Krankenrevier gebracht wurde, als man merken musste, dass ich meine Krankheit nicht nur simulierte, pochte ich darauf, meinen Gesundheitszustand von einem Arzt meiner Wahl in Freiheit checken zu lassen. Da hieß es dann: ohne Unterschrift keine Entlassung! Ich unterschrieb auch bei dieser Drohung nicht. Ich wurde in eine Arrestzelle gesteckt. Ich hatte bereits meine Zivilklamotten an, reichlich Tabak in der Tasche und wartete. Ich wartete etwa eine Stunde. Die Zellentüre ging auf, man führte mich wieder zu dem Beamten, der mir die Unterschrift abverlangt hatte. Der gleiche Spruch: Unterschreiben oder keine Entlassung! Das wollte in meinen ostpreußischen Dickschädel einfach nicht rein. Wieder ab in die Arrestzelle. Inzwischen hatte meine Liebste draußen an der Pforte schon angefragt, wann denn nun Herr Schulz entlassen würde. Es hätten sich da Probleme ergeben. Das könne noch dauern, wurde sie beschieden. Bei ihrer zweiten Nachfrage blieb es nur beim Versuch einer Frage. Sie wurde brüsk der Türe verwiesen. Es hatte sich schon bis zur Gefängnispforte rumgesprochen, dass der renitente Schulz wieder mal eine Show abzog. Als unbescholtene Bürgerin unseres Rechtsstaates ließ sich meine Geliebte diese Behandlung nicht gefallen. Die Taxiuhr tickte vor sich hin und bei ihr tickte eine Idee. Genau gegenüber dem Zuchthaus, pardon, die Bezeichnung Zuchthaus war ja bereits abgeschafft, also gegenüber dem Gefängnis begann ein schön angelegter Park. Und dort stand auch eine doppelte Telefonzelle der Deutschen Post. Es lagen sogar heile Telefonbücher darin. Im Branchenverzeichnis fand sie jede Menge Rechtsanwälte. Schon beim fünften Versuch erreichte sie ein Anwaltsbüro, wo ein Rechtsanwalt nicht gerade beim Gericht war, um einen Ter­min wahrzunehmen. Wenige Minuten später hielt er neben dem Taxi. Auf dem Dach des Taxis unterschrieb meine Liebste eine Vollmacht, gab ihm das vereinbarte Honorar. Als Bevollmächtigter Rechtsanwalt verlangte er an der Pforte Zugang zu seinem Mandanten Dieter Schulz. Natürlich wurden auch Rechtsanwälte gründlich durchsucht, bevor sie zu ihrem Mandanten konnten. Nur kam es erst gar nicht mehr dazu, dass er ins Gefängnis in eine extra dafür vorgesehene Zelle vorgelassen wurde. Ein Telefongespräch mit der Ankündigung, dass Herrn Schulz sein Anwalt da wäre, genügte, um mir meine Entlassungspapiere auszuhändigen. Ohne die hartnäckig von mir geforderte Unterschrift versteht sich.

Der Mai 1970 war schon ein vorgezogener Sommer. Ich trat pünktlich meinen Dienst bei meinem neuen Arbeitgeber an. Trotz meiner anfänglichen Befürchtungen, in den 25 Monaten meiner Haft etwas von meinem Beruf verlernt zu haben, klappte alles als wäre ich nie raus gewesen. Leider ent­puppte sich die GmbH (Gesellschaft mit beschränkter Hoffnung) auch als solche. Meine Hoffnung jetzt endlich wieder ein geregeltes Leben in völliger Freiheit gestalten zu können, beschränkte sich auf ganze zweieinhalb Monate. – Abgesehen davon, dass ich mal beim Küchenchef Spaghetti reklamierte, die ich einem Gast ser­vieren sollte, die aber so aussahen, als wären sie schon mal gegessen worden, zoffte er mich an, „ob ich denn nun ein Kellner wäre, dann würde ich die Spaghetti auch servieren können, ohne dass der Gast dies merke!“ brüllte er mich an. Also gut. Ich verwickelte den Gast in ein Gespräch, legte von ihm unbemerkt die Spaghetti so vor, dass er diese nicht sah und drapierte über den Nudel­klumpen geschickt die Soße. Der Gast schien ein eher schüchterner Mitmensch zu sein. Oder aber er war von seiner Frau nichts Besseres gewohnt. Dass er aber seine Piccata Milanese mit lan­gen Zähnen aß, bemerkte ich schon.

Jener Vorfall war allerdings nicht der ausschlaggebende Punkt, warum dieses Arbeitsverhältnis nur ganze zweieinhalb Monate andauerte. In dem Personalumkleideraum standen genau 18 Spinde, ähnlich wie wir sie beim Bund hatten. Sie bestanden aus Blech mit den üblichen Luftschlitzen am oberen Ende. Jeder Angestellte brachte sein eigenes Schloss mit. Eines Tages jedoch erwiesen sich diese Vorhängeschlösser als rausgeschmissenes Geld. Irgendjemand hatte mit etwas Kraftaufwand die leichten Blechtüren so nach außen verbogen, dass er bequem die darin hängende Privatgar­de­robe durchwühlen konnte. Ich, als Kellner, ließ natürlich nie Bargeld in meiner Garderobe. Brauchte ich doch jeden Groschen als Wechselgeld, so wie ein Handwerker sein Werkzeug. Noch nicht mal Fingerabdrücke fand die gerufene Kripo. Schon gar nicht den Einbrecher. Dafür aber fand mein Chef zwei Tage später meinen Haftentlassungsschein, der ihm unter der Türe durch­ge­schoben worden war. Bei meiner Entlassung hatte man mir nämlich geraten, diesen Schein noch mindestens drei Monate aufzubewahren. Das wäre nützlich bei irgendwelchen Kontrollen oder Behördengängen. Solange könne es nämlich dauern, bis ich sicher sein könnte, dass ich nicht mehr als Inhaftierter geführt würde. Also bewahrte ich den Schein in meiner bargeldlosen Brief­tasche in dem Garderobenschrank auf. Meiner Meinung nach konnte der Dieb nur aus den eige­nen Reihen stammen. Wie sonst kommt zwei Tage danach der Schein ins Büro meines Chefs. Nach­dem dieser mich hochkant gefeuert hatte, weil er es nicht überwinden konnte, auf mein See­fahrtsbuch hereingefallen zu sein, bekam ich am nächsten Tag von Herrn Hundertmark auf dem Arbeitsamt gleich wieder mehrere Stellen zur Auswahl.

Der neue Job hatte auch nur ein Haltbarkeitsdatum von vier Monaten. Eines Tages im November, tags zuvor hatte ich noch die letzte Kaiserenkelin bei ihrer Geburtstagsparty bedient, wurde ich ins Personalbüro gebeten. Man verlangte von mir, die vom Haus gestellte weiße Kellnerschürze abzu­bin­den und die Kasse abzuschlagen. Warum? Das wüsste ich ja wohl selbst am besten, wurde mir gesagt. Ich kann mir den Grund meiner plötzlichen Entlassung nur so vorstellen, dass mich irgend­ein Gast als ehemaligen Zuchthäusler erkannt hatte oder aber von meinem Ex-Chef im Kollegen­kreis angeschwärzt wurde.

Entweder man suchte einen guten Kellner oder aber jemanden mit einer sauberen Vergangenheit.

Lache Bajazzo[2], für Tränen zahlt man nicht! Dieses Lied und warum weinen, wenn man ausein­ander geht, wenn an der nächsten Ecke schon ein anderer steht?[3] fiel mir ein, als ich mich wieder in Zivil­kleidung schmiss. Damals brauchte man samstags nur die Seite mit den Stellenan­zeigen aufzuschla­gen um zu erfahren, wo alles Kellner gesucht wurden. Ich hatte meine Lektion gelernt. Mit Ver­schwei­gen oder Lügen meiner wahren Vergangenheit konnte ich keinen Blumentopf gewinnen. Mein neues Motto hieß: Ab durch die Mitte. Entweder man suchte einen guten Kellner oder aber jemanden mit einer sauberen Vergangenheit. Ich versuchte es also beim dritten Anlauf mit der Wahr­heit. In einer sehr renommierten Gaststätte, die sogar unter Denkmalschutz stand, bat ich den Chef sprechen zu dürfen zwecks der ausgeschriebenen Stelle für einen Kellner. Als ich dem dann gegenüber saß, klopfte mir das Herz bis zum Halse. Als erstes weigerte er sich, meine in der vor ihm liegenden Mappe befindlichen Zeugnissen anzusehen. „Papier ist geduldig!“ mit diesen Wor­ten schob er mir die Mappe wieder zu. „Ich mache mir gerne selbst ein Bild von den Menschen, die hier arbeiten. Wie Sie vielleicht wissen, haben wir hier ein exquisites Publikum, welches viel herumkommt und sich mit gutem Service auskennt. Wenn Sie am Tisch filieren, tranchieren, kochen und flambieren können, etwas vom Wein verstehen und mir das in der 14tägigen Probezeit beweisen, sehe ich keinen Grund, dass wir nicht ein festes Arbeitsverhältnis eingehen !“ Mit den wenigen Sätzen hatte er mir klipp und klar seine Einstellungsphilosophie erklärt.

„Da wäre aber noch etwas was ich Ihnen vorher noch sagen muss!“

 

Inhaltsverzeichnis _Inhaltsverzeichnis

 

Fußnote

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Celler_Loch

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_gefl%C3%BCgelter_Worte/L#Lache.2C_Bajazzo.21

[3] http://www.songtexte.com/songtext/marlene-dietrich/wer-wird-denn-weinen-wenn-man-auseinander-geht-73c25eb1.html

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XXVI

logo-moabit-kDieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit,

           die keine Kindheit war.

Sechsundzwanzigstes Kapitel

Mordanklage

Wie gesagt, mein Dienstplan lag auch in Kopie immer in der Wohnung herum. Danach richtete sich meine Frau, wenn sie ihren Lover kommen ließ. Dass ich mal außerplanmäßig auftauchen könnte, war ihr nicht in den Sinn gekommen.

Ich fuhr mit dem Fahrstuhl in die 14te Etage, schloss die Wohnungstüre auf. Ich sah ein wenig Licht zum Flur hin vom Wohnzimmer durch das geriffelte Glas in der Türe fallen. Vom Wohnzimmer ging es direkt ins Schlafzimmer. In der Zwischentüre war eine Milch­glasscheibe angebracht. Von dort kam die Lichtquelle. Sie wird wohl noch lesen, dachte ich. Es war ja auch noch relativ früh.

Zwischen ihren weißen, weit gespreizten Schenkeln lag ein pechschwarzer Männerkörper.

Pustekuchen. Von wegen, sie las ein Buch! Sie ließ es sich nach allen Regeln der Kunst besorgen. Zwischen ihren weißen, weit gespreizten Schenkeln lag ein pechschwarzer Männerkörper. Erst als meine Frau zu sprechen anfing, merkte der Actionheld, dass irgendetwas nicht stimmte, lag er doch mit von der Türe abgewandtem Gesicht auf meiner Frau. Unverfroren forderte mich mein holdes Weib auf: „Geh in die Küche und warte bis wir fertig sind, dann bekommst du eine Erklärung!“

Noch bevor ich diese Frechheit verdauen konnte, begannen sich die Ereignisse zu überschlagen.

Der Bimbo[1] zeigte sich sehr erbost darüber, in seiner schönen Beschäftigung gestört worden zu sein. Sprang der doch samt seiner Lanze aus dem Bett und auf mich zu. Obwohl er hätte wissen müs­sen, es hier mit einer verheirateten Frau zu tun zu haben, versuchte er den rechtsmäßigen Mann aus dem Weg zu räumen. Nicht nur die diversen Schlägereien im Heim, auf der Straße und Hafen­kneipen hatten mich zu kämpfen gelehrt. Schließlich hatte ich ja noch eine Spezialausbildung vom Staat finanziert beim Bund erhalten. Meine Schmerzen im linken Fuß nahm ich überhaupt nicht mehr wahr. Zunächst einmal war ich nur damit beschäftigt seinen Schlägen auszuweichen. Dabei war ich schon ins Wohnzimmer ausgewichen und hatte die offene Balkontüre gesehen. Damit der Bimbo mir nicht die gesamten Möbel zerschlagen konnte, ein Regal hatte er schon demoliert, wich ich auch noch auf den völlig leeren Balkon aus. Verdammt noch mal, auch der Kerl schien mit Adrenalin vollgepumpt zu sein. Meine Handkantenschläge sowie meine zielsicher angebrachten Fingerspitzenattacken auf seinen Solarplexus zeigten keinerlei Wirkung. Meine Handknöchel began­nen schon zu schmerzen, abgesehen davon, dass mir das Blut aus der Nase in den Mund floss.

14 Etagen reichten nicht, aus ihm einen flugfähigen Menschen zu machen.

Dann schoss mir ein Ratschlag in den Kopf, den ich mal bei einer geselligen Runde mit mei­nen Schiffskameraden aufgeschnappt hatte. „Hast du mal Ärger mit einem Neger, versuche es erst gar nicht, ihn mit der Faust k. o. zu schlagen. Warum sind die meisten Boxweltmeister wohl N ..? Die haben eine ganz andere Schädelstruktur. Soll ich euch mal sagen, wo die Typen empfindlich sind?“ Was der erfahrene Seemann damals ausgeplaudert hatte, fiel mir jetzt ein. Der Kerl schwitzte nicht alleine von seiner schweren Arbeit auf meiner Frau. Es war dazu auch noch eine heiße August­nacht. Hinzu kam noch der heiße Kampf zwischen uns beiden, dass er regelrecht zu stinken begann. Versuchte er doch auch, mich mit seinen Armen zu umklammern. Ich stand ohne­hin nicht auf Kerle, also musste ich jetzt was tun. Mit dem Seitenrist meiner Lederschuhsohle holte ich kräftig aus und trat ihm ordentlich vors Schienbein. Sein Schrei klang wie der Beginn eines Kriegstanzes. Über den Beginn kam er allerdings nicht hinaus. Er stellte einen Weltrekord im Hochsprung auf. Das war das letzte, was er in diesem Leben tat. Er hüpfte doch tatsächlich mit diesem Hochsprungrekord direkt ins Nirwana. Wenn er denn dorthin gehörte. Die Evolutionszeit bis zum Aufschlag 14 Etagen tiefer reichte nicht aus, aus ihm einen flugfähigen Menschen zu machen.

Gruppensex?

Einige Leute im Haus hatten zu der Zeit schon Telefonanschluß. Deshalb war die Polizei mit dem Arzt auch so schnell vor Ort. Meinem geschwollenen Bein wurde keinerlei Beachtung geschenkt. Dafür bekam ich ein paar ziemlich eng anliegende Handschellen angelegt. Meine Frau, wohl ahnend, dass auch ihre zweite Ehe nicht mehr zu kitten war, behauptete der Polizei gegenüber doch allen Ernstes, dass wir Gruppensex gemacht hätten und ich den schwächsten Moment des Kerls ausgenutzt hätte, um ihn vom Balkon zu stoßen, weil ich es nicht hätte ertragen können, dass sie auch bei dem Kerl da unten Gefühle gezeigt hätte. Ihre Aussage bekräftigte sie dann auch noch damit, dass ich auf Gruppensex stehen würde, indem sie die damals in Deutschland noch verbote­nen Pornohefte hervorholte, die ich mir während der Seefahrtszeit in Schweden und/oder in Dänemark gekauft hatte. Das alles genügte, um mich gleich in U-Haft zu stecken. Schon am nächsten Morgen eröffnete mir der Untersuchungsrichter, dass eine Mordanklage gegen mich vorliegt und ich deshalb in Untersuchungshaft verbleiben würde. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich das ganze Geschehen der vergangenen Nacht noch gar nicht richtig realisiert in meinem Hirn. In den letzten Stunden in der Polizeizelle hatte ich immer versucht, das Geschehene aufzuarbeiten. Es gelang mir aber nicht. Meine Gedanken schienen neben meinem Körper zu schweben, ohne dass ich sie zu fassen bekam. Ich stand einfach neben mir. Immer wenn ich mich fragte, warum meine Frau nur diese infame Lüge der Polizei gegenüber vorgebracht hatte. Und da setzte es bei mir auch schon aus. So als hätte ich Watte in meinem Gehörgang vernahm ich, was man mir vorwarf und ließ mich anschließend mit weichgewordenen Knien abführen. Es ging direkt zur Krümmede 3. Im Unterbewusstsein nahm ich das Haus Nummer 8 wahr. Dort lebten meine Schwiegereltern, wo wir häufig zu Besuch waren. Links von der Haupteinfahrt zum Knast war eine Wohnsiedlung der Beam­ten. Der größte Teil der Justizbeamten, die im Knast auch Schließer genannt wurden, wohnten dort. So auch mein Schwiegervater. Oberverwalter seines Zeichens. 13 Kinder hatte der Mann in die Welt gesetzt. Eines davon war meine Frau. Mein Schicksal hatte es so gewollt, dass ich ausgerech­net an das Schwarze Schaf der Familie geraten war. Eines Tages, ich saß gerade auf dem Klo, um meinen Knastfraß der Natur zurück zu geben, da drehte sich mit lautem Knirschen ein Schlüssel im Türschloss. Laut genug, dass der ohnehin hellhörige Bau alles mithören konnte, schrie er, ohne meine Zelle zu betreten: „Du Strolch musst nicht denken, dass dir hier irgendein Vorteil dadurch entsteht, dass du mein Schwiegersohn bist. Das heißt warst. Für so einen wie dich gibt es keinen Platz in unserer Familie!“ Damit schloss er auch schon wieder meine Zellentüre. Somit hatte er der gesamten Bochumer Knastwelt kundgetan, dass er sich von der Tat seines Schwiegersohnes distanziert hatte. Ich sah ihn dann nur noch einmal in meinem Leben. D.h. während meiner U-Haftzeit. Ich hatte mich gleich um Arbeit in der Anstalt bemüht. Einerseits, um der Monotonie des Knastalltags zu entgehen, zum anderen weil ich inzwischen der Nikotinsucht verfallen war. So lernte ich denn blass­blaue Briefumschläge zu kleben, die vom gesamten Justizwesen in NRW benötigt wurden. Für 1200 gefertigte Umschläge gab es 50 Pfennige. Jeder Knacki bemühte sich, dieses Soll überzuer­füllen, denn dann gab es eine Sonderprämie, für die dann auch schon mal ein Glas Instantkaffee drin war. Während dieser Zeit hatte mein Schwiegervater, der die Aufsicht über eine aus Knackis bestehende Reparaturkolonne hatte, einen Auftrag für die Arbeitshalle, in der auch ich arbeitete. Was soll ich sagen? Draußen noch in Freiheit bei unseren Besuchen lobte er mich immer wieder wegen meines Fleißes und dafür, dass ich seine Tochter trotz der beiden bereits vorhandenen Kin­der geheiratet hatte und wie gut ich die Familie versorgte. Dabei hob er besonders hervor, dass ich ja auch ein waschechter Ostpreuße war, wie er auch. Davon war nun nichts mehr zu spüren. Er vermied es mich anzusehen, drehte mir ständig vielsagend seinen Arsch zu.

Ich habe oft im Leben feststellen müssen, dass ein Unrecht selten alleine kommt. Ich bekam einen sehr engagierten Pflichtverteidiger zugewiesen. Dieser bröselte den ganzen Vorfall besagter Nacht bis ins Kleinste auf und schaffte es, einen vereidigten Sachverständigen hinzuzuziehen. Die Lügen meiner Frau, von wegen Gruppensex, wurden schon alleine vom Zeitfaktor widerlegt. Denn mein Chef und die Arbeitskollegen konnten guten Gewissens aussagen, dass es gar nicht möglich war, dass ich daran beteiligt war. Dann bekam auch noch mein Hauswirt bzw. der Architekt des Hoch­hauses sein Fett weg. Es stellte sich nämlich heraus, dass die Balkonbrüstung bei weitem nicht die vorgeschriebene Höhe hatte. Bei vorschriftsmäßiger Höhe wäre der Bimbo nicht ins Fliegen gekom­men. Letztendlich wurde die Anklage auf schwere Körperverletzung mit Todesfolge reduziert. Was den Richter veranlasste mich zu fragen, was ich denn vorziehen würde: Viereinhalb Jahre Gefängnis oder drei Jahre Zuchthaus. Natürlich entschied ich mich für die „nur“ drei Jahre Zuchthaus. Bis das Urteil rechtskräftig wurde verging allerdings noch einige Zeit. Schon einen Tag, nachdem mein Schwiegervater in unserem Briefumschläge fabrizierenden Betrieb aufgetaucht war, schickte mich mein Werkmeister wieder zurück auf die Zelle. Hatte man meinem Schwiegervater schon den Schlüssel für den U-Haft Bereich abgenommen, so wollte man jetzt auch jeden anderen Kontakt verhindern. Die Gefängnisleitung oder auch seine missgünstigen Kollegen(?) trauten ihm nicht so recht. Um mir auch weiterhin durch meinen Sklavenlohn ein paar Annehmlichkeiten gönnen zu können, gab man mir auf Drängen hin eine Knochenarbeit auf die Zelle. Ich „durfte“ Fußbälle nähen. Ich denke nur noch mit Grausen an diese Fußballnähzeit zurück. Bis es zu meinem „Mord­prozess“ kam vergingen eine Reihe von Monaten.

Im Knast und schon wieder Vater?

Zu der nervenaufreibenden Prozessführung flat­terte mir auch noch ein Brief in die Zelle, worin mir mitgeteilt wurde, dass ich erneut Vater eines Sohnes geworden sei. Laut Kopie der Geburtsurkunde sollte dieser Boarfa Marem Driss[2] heißen. So ein Driss aber auch. Driss steht in NRW, zumindest in Bochum, für das Wort Scheiße![3] Nie habe ich diesen „meinen“? Sohn zu Gesicht bekommen. Ich nehme aber stark an, dass er eine ebenso schöne braune Hautfarbe hatte, wie die zwei danach geborenen Kinder meiner Frau. Wie mein Rechtsanwalt recherchieren konnte, war zwei Tage nach dem Bimbo-Abflug dessen Bruder aus Marokko eingeflogen, um an der Beerdigung teilzunehmen. Diesen Bruder nahm sich meine noch Ex-Frau auch gleich zur Brust. Und weil die Geburt des Kin­des noch in die gesetzliche Karenzzeit fiel, wurde der Junge eben auch noch in mein Stammbuch geschrieben. Ich wehrte mich natürlich mit Hilfe meines Anwalts dagegen. Doch noch bevor es deswegen zu einer Gerichtsverhandlung kommen konnte, hatte sich die Angelegenheit von selbst erledigt. Ich bekam wieder einmal so einen vielleicht sogar von mir gefertigten Blauen Brief. Darin enthalten war ein Totenschein. Ohne weiteren Kommentar erfuhr ich so, dass es keinen Moarfa Marem Driss mehr gab.

Tauschangebot: Eine Zelle in Celle

Einen Tag nachdem das Urteil rechtskräftig geworden war, wurde mir eine Audienz beim Gefäng­nis­direktor zuteil. Dieser legte mir nahe ein Gesuch zu schreiben, welches die Bitte enthielt, mich meine Haftstrafe nicht in NRW absitzen zu müssen, sondern sie gerne in Celle, Niedersachsen, zu verbüßen. Als Begründung reichte natürlich die verwandtschaftliche Beziehung zu einem in NRW tätigen Justizbeamten. Außerdem machte man es mir schmackhaft, indem man mich darauf hinwies, dass ja nur wenige Kilometer entfernt meine Mutter wohnen würde und diese mich in Celle viel öfter besuchen könne. Diesem Antrag wurde natürlich sehr schnell statt gegeben. Im Austausch mit einem Gefangenen aus Niedersachsen, der lieber seine Zeit in NRW absitzen wollte, ging es recht zügig über die Bühne.

Jetzt lernte ich mal so richtig den Unterschied zwischen einem Gefängnis und einem Zuchthaus ken­nen. Nicht nur der Unterschied zwischen dem Neubau in der Bochumer U-Haftanstalt und dem Jahrhunderte alten Bau in Celle war gravierend. Hatte ich in Bochum schon eine etwas über acht Quadratmeter große Zelle mit eingebautem Klo bewohnt, so bekam ich in Celle, weil ich unbe­dingt eine Einzelzelle wollte, eine so genannte Kopfzelle zugewiesen. Zwischen Türe und Fenster war mal gerade Platz für ein zwei Meter langes Bett und einem Waschständer. Statt eines einge­bauten Klo’s hatte ich eine Plastik-Bettpfanne, eine Waschschüssel und eine Wasserkanne. Mein tragbares Plastikklo durfte ich jeden Morgen auf der gleichen Etage entleeren und säubern. Zwei­mal am Tage konnte ich eine Kanne voll Wasser fassen. Die Breite der Zelle war so ausge­messen, dass ich, wollte ich mich schlafen legen, den Tisch an der gegenüberliegenden Wand hochklappte und ankettete. Umgekehrt, wollte ich am Tisch sitzen, musste ich das Bett hoch­klap­pen und an der Wand mit einer Kette einhaken.

Ich lernte im Celler Zuchthaus die tiefsten Abgründe der Menschheit kennen.

Nachdem ich meinen dreimonatigen A-Vollzug mit Nichts-tun hinter mich gebracht hatte, durfte, nein musste ich arbeiten. Eingeteilt wurde man dort, wo gerade ein Platz frei war. So lernte ich zunächst Kulturtaschen zu nähen. Wurde von dort abge­worben, um im Nebenbetrieb Arbeits­handschuhe aus Leder zu nähen. Jede der Knastarbeiten war natürlich mit einem Mindestpensum belegt. Erst wer darüber hinaus produzierte kam in den Genuss einer Prämie. Diese ausgelobte Prämie machte den Reiz aus, sich akkordmäßig ins Zeug zu legen, wurde die Prämie doch vollständig zum Einkauf freigegeben, während von dem Normal­verdienst ein Drittel zur Bildung einer Rücklage für die Zeit nach der Entlassung abgezogen wurde. Als Vorarbeiter und gleich­zei­tigem Zellennachbarn hatte ich den berühmt-berüchtigten Tangojüngling. Den Spitznamen Tango­jüngling hatte ihm seinerzeit die Presse gegeben. Eigentlich war der von Hallatsch[4] der erste Bom­ben­leger der BRD in der Nachkriegszeit. Dieses arrogante Stück Scheiße hatte einige Briefbomben verschickt, einen Menschen getötet und einen erblinden lassen. Er war wohl derzeit einer der „pro­mi­nentesten“ Gefangenen. Hatte ich draußen in Freiheit die Art von Prominenz bedient, die mehr oder weniger als solche zu bezeichnen waren, weil Film, Presse oder Rundfunk sie dazu gemacht hatten, so lernte ich im Celler Zuchthaus die tiefsten Abgründe der Menschheit kennen. So wurde ich sogar (Ohren-)Zeuge, wie ein Stern Reporter in meiner Nachbarzelle ein Interview mit dem Bom­benleger durchführte. Sorry, Herrschaften. Seit dieser Zeit lese ich keine Interviews mehr in irgendeiner Zeitschrift. Zwischen dem, was ich gehört hatte und dem anschlie­ßend Gedruckten lagen ganze Welten. Ich möchte hier noch anfügen, dass die Behauptung, der von Hallatsch wäre ein arroganter, hochnäsiger Fatzke gewesen, nicht alleine auf meinem Mist gewachsen ist. Sämt­liche damals diensttuenden Beamten einschließlich des Gefängnisdirektors wären da meiner Mei­nung. Dieser Schönling verbrauchte jeden Monat Unmengen von Nivea­dosen, um seine Haut jung zu halten. Er glänzte ständig wie eine Speckschwarte. Auch noch als ich ihm mal zufällig viele Jahre später im AOK Gebäude in Hannover begegnete. Als ich ihn dabei mit dem Namen von Hallatsch ansprach, glänzte er nach wie vor wie eine Speckschwarte, hatte aber längst seinen Namen gewechselt. Er, wie ein Dandy gekleidet, tat ganz empört, dass ich ihn ange­sprochen hatte. Es müsse eine Verwechslung sein. Damit dreht er mir den Rücken zu. Ich irrte mich ganz bestimmt nicht. War er doch mein Vorarbeiter gewesen und dazu auch noch mein bester Kunde. Kunde insofern, dass er ständig meine neuesten Ausgaben der Pornohefte im Leasingver­fahren erhielt. Wie denn das? werden Sie sich jetzt fragen.

Eigentlich hätte ich gar nicht zu arbeiten brauchen. Mein Spind war ständig gefüllt.

Nun, ich hatte einen Weg gefunden, solche Hefte, die es damals noch nicht einmal in Deutschland zu erstehen gab, eben in dieses Zuchthaus zu schmuggeln. Eigentlich hätte ich gar nicht zu arbei­ten brauchen. Mein Spind war ständig gefüllt. Ja, sogar überfüllt mit Tabak und Kaffee, der einzi­gen Knastwährung, für die man sich so manches leisten konnte. Von Hallatsch gönnte sich manch­mal sogar einen Schwanz­lutscher. Das aber erst ab dem Jahre 1969, als die große Koa­lition mit Beteiligung der SPD das Strafvollzugsgesetz reformiert hatte. Das hieß: der Name Zuchthaus wurde abgeschafft und jede Menge am Strafvollzug an sich geändert. So auch die Erlaubnis ein Transi­stor­radio zu erstehen. Und vieles mehr. Bis dahin waren die selbstgebastelten sogenannten „Immchen“[5] hoch im Kurs. Also jede Neuausgabe eines Pornoheftes hatte 32 Seiten. Diese num­merierte ich natürlich fein säuberlich und verlieh das Heft für ein Päckchen Tabak für 24 Stunden. Hatte ich alle meine für mich erreichbaren Kunden abgegrast, so verkaufte ich das jeweilige Heft an einen Kalfaktor eines anderen Häuserblocks. Der besser verdienende Vorarbeiter und Nichtraucher von Hallatsch erkaufte sich das Privileg, die jeweiligen Hefte als erster zu erhalten damit, dass er mir sogar zwei Päckchen Tabak dafür zahlte.

Die Strafvollzugsreform brachte es auch mit sich, dass am Wochenende Umschluss genehmigt wurde. In den Nachmittagsstunden konnte man sich mit anderen Gefangenen in einer Zelle treffen. Einfach nur Quatschen, Schachspielen, Skat oder, was noch beliebter war, Pokern. Es gab dann noch die Gefangenen, die draußen bei einer Fremdfirma arbeiten durften. So konnte ich dann auch besonders guten Freunden, wenn sie am Wochenende bei mir zu Besuch waren, sogar einen Cognac oder Wodka anbieten. Weil auch das Licht nicht mehr pünktlich um 22 Uhr abgeschaltet wurde, wir einfach nur die Glühbirne selbst lockern durften, wenn wir schlafen wollten, blieb mir genügend Zeit, dicke Briefe zu schreiben. Endlich konnten die Gefangenen sich auch unge­schwärzte Zeitungen in den Knast bestellen. Zeitungen an sich konnte man schon immer beziehen. Nur alle verbrechensrelevanten Artikel und andere Dinge, die ein Knacki nicht lesen sollte, wurden einfach geschwärzt. Auch das hatte nun ein Ende. So kam ich dann mit meinem schriftstellerischen Talent an eine Frau. Es würde hier zu weitführen, den gesamten Knastalltag zu beschreiben. Dass die Knastzeit aller­dings kein Zuckerschlecken ist, dürfte wohl jedem Leser bekannt sein. Deshalb würde ich auch nur auf Anfrage die näheren Einzelheiten beschreiben, wie es mir dennoch gelang, mit meiner Briefbe­kannt­schaft IM KNAST während ihres Besuchs Körperflüssigkeiten auszutauschen. Sämtliche, wohlgemerkt!

Wieso nur verzettele ich mich immer wieder in Einzelheiten? Ich wollte doch eigentlich nur im Rückblick mein Leben aufarbeiten und dem Außenstehenden vermitteln, WARUM ich so viele Jahre im Knast zugebracht habe. Vielleicht um ein wenig Ver­ständnis bettelnd?

Nein, ich wurde nach meiner Haftentlassung wie so viele weder zum Bettler mit einem Schild um den Hals: „Haftentlassener ohne Arbeit und Obdach bittet um eine kleine Spende!“ Auch wurde ich nicht zum billig-saufenden Penner. Wird ein Gefangener in der Neuzeit automatisch zu einem Anhörungstermin geladen, wo darüber entschieden wird, ob es zu verantworten ist, einen Gefan­ge­nen schon nach zwei Drittel verbüßter Haftstrafe zu entlassen, musste der Knacki sich selbst darum kümmern. Kurz vor Ablauf der Zeit musste der Gefangene ein Gesuch schreiben. Er musste auch darin schildern, warum er glaube, einen Straferlass von einem Drittel seiner Strafe verdient zu haben. Ich machte mir nicht viel Hoffnung, einen Straferlass zu bekommen. Zwar war ich immer fleißig meiner Arbeit nachgegangen, hatte die vorgeschriebene Menge stets überschritten, aber nur weil ich gierig darauf war, mit einem guten Geldpolster nach meiner Entlassung ausgestattet zu sein. Na ja, auch um die Zeit mit Arbeit totzuschlagen, um ehrlich zu sein. Ansonsten war ich nicht gerade der handliche und gefügsame Gefangene gewesen. Stets hatte ich ausgenutzt, dass es einen Petitionsausschuss gab, wo ein Gefangener Missstände im Knast anpran­gern konnte. Die Stellungnahmen vonseiten der Anstaltsleitung mussten denen ganz schön auf den Keks gegangen sein. Ich glaubte also, dass deren Stellungsnahme auf mein Gnadengesuch dementsprechend ausfallen würde. – Weit gefehlt. Eher war es anscheinend so, dass man mich herausgelobt hatte, um endlich diesen Störenfried los zu werden.

Mir wenig Erfolg ausrechnend hatte ich dann auch ziemlich verspätet, mehr aus langer Weile, auf Drängen meiner neuen Liebschaft und um auch zu erfahren, wie man mich denn im Knast beur­teilte, das entsprechende Gesuch geschrieben. In schon relativ kurzer Zeit bekam ich mal wieder einen Blauen Brief vom Stationsbeamten ausgehändigt, als ich von der Arbeit kam. Besagter Beamte, der ja auch an der Stellungnahme der Anstalt beteiligt war, wie so viele andere ein­schließlich des Gefängnispfarrers, ahnte schon, worum es in dem amtlichen Schreiben ging. Nachdem er auch allen anderen aus den Betrieben einrückenden Gefangenen die Zellentüren aufgeschlossen hatte, kam er wieder zu mir zurück. Es war eigentlich die Zeit, wo die Zellentüren offen blieben und wir unsere Zellenklos nochmal reinigen konnten, sowie die Wasserkanne neu füllen durften. Er fand mich am Tisch sitzend und auf den Brief starrend vor. Statt Wasser zu holen holte ich immer noch tief atmend Luft.

„Na Schulz was steht drin?“ konnte der Schlüsselknecht seine Neugierde nicht länger verbergen.

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Fußnoten

[1] Die Bezeichnungen dieser Person entsprechen nicht der heute üblichen political-correctness. Ich habe sie beibehalten. Dierk Schäfer

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Driss

[3] http://www.mitmachwoerterbuch.lvr.de/detailansicht.php?Artikel=Driss

[4] Erich von Halacz http://www.daserste.de/kriminalfaelle/sendung_dyn~uid,fr6030t31x7yohbe8cff8943~cm.asp

https://de.wikipedia.org/wiki/Erich_von_Halacz

[5] Immchen, Kosebezeichnung für Ehemann oder Freund http://www.ruhrgebietssprache.de/lexikon/immchen.html

Die Aufklärung der Missbrauchsvorwürfe gegen die Evangelische Brüdergemeinde Korntal

Das klingt ja überraschend gut: Ein neuer Anlauf zur Klärung der Korntaler Missbrauchsvorwürfe.[1] Endlich fragt auch mal jemand, „ob es eine spezifische religiöse Dimension der strafenden Pädagogik gibt.“

Die Akteure wirken glaubwürdig und alle Betroffenen wären gut beraten, sich von der Glaubwürdigkeit im direkten Kontakt zu überzeugen, gemeinsam ihre Forderungen und Sichtweisen einzubringen und nicht durch kontraproduktive Pressearbeit voreilig Druck aufzubauen.

Natürlich könnte es einen Punkt geben, an dem sie den Eindruck bekommen, dass nicht mehr rücksichtslos-neutral gearbeitet wird. Auf mich machen die drei im Artikel vorgestellten Akteure den Eindruck, dass sie furchtlos ermitteln werden.

Doch es scheint sich ein Drama zu wiederholen. Die ehemaligen Heimkinder im Hintergrund vom Prozess des Runden Tisches – damit meine ich nicht deren Vertreter – hatten sich darauf versteift, einen Rechtsanwalt gestellt zu bekommen, der zwar große finanzielle Hoffnungen weckte, aber seine Zulassung verloren hatte. Das war ein Eigentor, denn damit hatten sie ihren Vertretern am Runden Tisch die Möglichkeit genommen, energisch von der „Moderatorin“ Vollmer Waffengleichheit einzufordern, nämlich die Finanzierung einer Rechtsberatung durch eine renommierte Anwalts­kanzlei. Die Zerstrittenheit der ehemaligen Heimkinder im Hintergrund des Runden Tisches Heimerziehung spielte denen in die Hände, die keinerlei Interesse an einer nennenswerten Entschädigung hatten; das waren die Interessenvertreter von Staat und Kirche. Die Machtasymmetrie am Runden Tisch blieb unangesprochen und unangefochten und ein echter Rechtsfriede wurde bis heute nicht erreicht.

Und nun wieder ein gleiches Szenario in Korntal. Die Einen lassen sich auf den Prozess ein und die Anderen mauern. Ein jämmerliches Bild. Aber ein déjà-vue.

Man lese und beherzige: „Der Runde Tisch Heimkinder und der Erfolg der Politikerin Dr. Antje Vollmer“.[2]

[1] https://www.kontextwochenzeitung.de/gesellschaft/318/wer-traut-hier-wem-4347.html

[2] https://dierkschaefer.wordpress.com/2011/01/31/der-runde-tisch-heimkinder-und-der-erfolg-der-politikerin-dr-antje-vollmer/

An wehrlosen Heimkindern kann man ungestraft auslassen, was man an Juden oder Andersdenkenden nicht mehr auslassen kann.

Frechheit siegt. Wäre in diesem Fall zu wünschen, wenn es überhaupt Frechheit ist.

Schon erstaunlich, der Griff ins Polemikfach, zu dem sich der Autor Christian Geyer verstie­gen hat. „Kinder haben im Grundgesetz nichts zu suchen“, meint er und spricht von „Frechheit“[1]. Ich will ihm darin nicht folgen, auch wenn ich es höchst befremdlich finde, wie er die Realität ausblendet, die sich nicht die sich nicht puristisch an der Rechtsdogmatik misst. Selbstverständlich haben zunächst die Eltern „das natürliche Recht und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht“ auf Pflege und Erziehung – und ich will hier nicht den Rückgriff der Eltern des Grundgesetzes auf das Naturrecht problematisieren. Aber wir erfahren doch fast täglich, dass es Eltern gibt, die dieses Recht und seine Verpflichtung nicht verstehen, es gar missbrauchen zu Vielerlei oder es missachten – bis hin zum Totschlag. Und selbst unterhalb dieser Schwelle gibt es laut Marie von Ebner-Eschenbach „leider nicht viele Eltern, deren Umgang für die Kinder ein Segen ist.“ Immerhin reicht das Elternrecht nach parlamenta­rischem Beschluss bis zur einschneidenden Körperverletzung durch Beschneidung. Da hilft nicht einmal das Wächteramt des Staates.

Wie wichtig der Grundrechtsschutz von Kindern ist, erleben Scheidungskinder besonders häufig. Familienrichter haben keine Ausbildung in Entwicklungspsychologie, manche halten, wie der frühere Präsident des Familiengerichtstages Siegfried Willutzki immer wieder betonte, Fortbildung für einen Eingriff in ihre richterliche Freiheit. Und dank der Unbeirrbarkeit von Bundesländern, in Kindesangelegenheiten zu sparen, sind ja nur Kinder, verzichtet man auf die professionelle Befähigung von Verfahrenspflegern, auch Anwalt des Kindes genannt.

Kinderrechte im GG können aber nicht nur ein besserer Schutz vor verantwortungslosen Eltern sein, sie wären auch ein Schutz vor manchen Jugendamtseingriffen, die, wie wir auch immer wieder erfahren, Kinder nicht ausreichend schützen, die keine Fachaufsicht fürchten müssen und zuweilen fiskalischer Enge die Priorität einräumen.

Kinderrechte im GG würden nicht per se den Kindern einen geschützen Raum öffnen. Doch hier muss die Sachdiskussion beginnen, wenn sie samt Wahlrecht ins Grundgesetz gekommen sind.

Auch ein voreiliger Anwalt des Kindes kann Schaden anrichten, ebenso wie die ideologische Befangenheit auf Seiten unbelehrbarer Eltern. Auch haben manche der Befürworter solcher Rechte ein politisches Nebenkalkül. Aber ist es wirklich eine Frechheit, sich den realen Nöten von Kindern zuzuwenden, auch wenn die Wege aus der formal-juristischen Korrektheit hinausführen?

Herrn Geyer kann ich aus meiner Beschäftigung mit dem Thema viel Material anbieten.

[1] http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kinderrecht-im-grundgesetz-eine-frechheit-14957358.html

Wenn Verjährung nicht greift, helfen milde Urteile.

Zwei Jahre und acht Monate Haft »wegen gefährlicher Körperverletzung und Misshandlung von Schutzbefohlenen. Der Staatsanwalt hatte vier Jahre gefordert. … Der 55 Jahre alte Ehemann der Gruppenleiterin … wird zu einem Jahr und acht Monaten auf Bewährung verurteilt. Außerdem muss er 3600 Euro zahlen. Eine 44-Jährige weitere Erzieherin erhält ein Jahr und drei Monate auf Bewährung, muss 1800 Euro zahlen. Berufsverbote, wie sie der Staatsanwalt gefordert hat, hält das Gericht für nicht notwendig.«

https://www.nwzonline.de/panorama/autistische-heimkinder-regelmaessig-brutal-gequaelt_a_31,2,3230315746.html

Wurde doch vorausgesetzt, dass sich in christlich-diakonischen Heimen dem „ärmsten Bruder“ im Geist der Nächstenliebe und der Barmherzigkeit angenommen wird.

Wieso dann die vielfachen Demütigungen und das Anwenden von Gewalt?

Ulrike Winkler hat in ihrem Vortrag in Hamburg ein desolates Bild dieser Anstalten vorgestellt. Nicht neu, aber komprimiert.

Die Frage des Wieso hat soweit ich weiß noch keinen Theologen zu einer plausiblen Antwort herausgefordert.

Leider hat Frau Winkler die Vertuschungs- und „Entschädigungs“praxis im Vortrag ausgespart. Auch für dieses Verhalten kirchlicher Einrichtungen hätte ich gern eine theologische Stellungnahme – und werde sie wohl nicht bekommen.

http://www.schmuhl-winkler.de/pages/Alsterdorf-Winkler.pdf

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XXI

logo-moabit-kDieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit,

die keine Kindheit war

Einundzwanzigstes Kapitel

Erwähnte ich schon, dass ich ein cleveres Kerlchen war?

Die Veränderung in meinem Leben begann damit, dass ich in der Folgezeit zum häufigen Schulschwänzer wurde. Die Verlockung war aber auch zu groß, und wurde immer größer. Schnell fand ich heraus, während ich immer noch staunend den riesigen Bahnhof erforschte, dass fast aus jedem ankommenden Zug gleich mehrere russische Offiziere ausstiegen. Manch­mal folgte ich einem von ihnen, konnte mich aber nicht dazu überwinden, ihn so einfach wegen ein paar Groschen anzusprechen. Schließlich verspürte ich nicht den Kohldampf wie zu der Zeit in Königsberg. 1950 war die Not nicht mehr so groß. Es gab allerdings Dinge die sich ein kleiner Junge gerne gewünscht hätte.

Es stellte sich mit der Zeit heraus, dass kaum ein Offizier nach Leipzig kam, der nicht irgend­einen bestimmten Auftrag hatte. Aber so gut wie jeder nahm die Gelegenheit wahr, seinen Auf­trag mit einer Shoppingtour durch Leipzig zu verbinden. Leipzig war immerhin eine Messestadt. Und es hatte sich herumgesprochen, dass im Gegensatz zu den übrigen Provinz­städtchen, wo sie herkamen, in Leipzig Waren zu haben waren, die es dort nicht gab. Das alles wusste ich allerdings natürlich nicht.

Endlich rang ich mich dazu durch, einen recht freundlich aussehenden Offizier anzusprechen. „Onkel hast du vielleicht 20 Pfennige für mich? Ich möchte gerne in den Zirkus gehen!“ Der Offizier sah nicht nur freundlich aus, er war es auch. „Natürlich mein Junge! Wer so gut russisch spricht, soll auch belohnt werden!“ Doch zunächst wollte er wissen wie alt, woher, und vor allem, woher ich so gut russisch sprechen konnte. Ich sagte ihm wahrheitsgemäß, dass ich aus Königsberg, genauer gesagt aus Kaliningrad käme, wo ich mit meiner Mutter und Schwester bis 1949 unter den Russen gelebt hätte. Auf seine Frage, wo denn mein Vater wäre, log ich etwas. Tatsache aber ist, ich wusste es bis zu diesem Zeitpunkt selbst nicht genau. Ich sagte ihm, dass dieser im Krieg gefallen sei. Der Offizier, wohl selbst noch an der Eroberung Deutschlands beteiligt, immerhin war er schon Major, atmete tief durch und strich mit seiner Hand durch mein Haar, fragte mich, was denn der Eintritt in den Zirkus kosten würde. Wahrheitsgemäß nannte ich ihm den billigsten Preis von 55 Pfennigen. „So, da fehlen dir also noch 20 Pfennig?“ fragte er. „Tatsache ist“, blieb ich bei der Wahrheit, „Ich habe keinen Pfennig. Ich werde aber versuchen noch bei anderen um den Rest zu fragen!“ „Brauchst du nicht, Junge!“ Dabei kramte er in seinen Taschen herum und brachte eine Handvoll Alumini­um­geld hervor, wovon man so schöne schwarze Finger bekam, drückte sie mir in die Hand. Mir blieb fast die Luft weg vor Freude und Überraschung.

Am nächsten Tag lernte ich mehr vom Leben, als ich jemals hätte in der Schule hätte lernen können.

Während wir gemeinsam die breite Treppe in Richtung Ostausgang hinunter gingen, fragte er mich nach meinen Zensuren in der Schule aus. Er war regelrecht entsetzt, als ich ihm ganz Stolz z.B. meine Eins im Russischen ansagte. Schließlich stellte sich heraus, dass in Russland die Eins die schlechteste, aber die Fünf die beste Note ist. So lernte ich wieder etwas dazu. Hatte ich doch bis zum 9ten Lebensjahr in Ostpreußen keine Schule von innen gesehen. Noch bevor wir den Taxistand erreichten, fragte er mich, ob ich denn morgen auch hier am Bahnhof sein würde. Er müsste in Leipzig über­nachten und hätte am nächsten Tag vor, noch einige Einkäufe zu tätigen. Er könnte gut einen Führer gebrauchen, der ihm z.B. das russische UNIWERMAG1 und das große HO-Kaufhaus2 zeigen könne. Wir einigten uns darauf, dass ich am nächsten Morgen um 10 Uhr vor dem Hotel „Stadt Leipzig“3, welches ausschließlich für das russische Militär reserviert war, auf ihn warten würde. Scheiß auf Schule. Meine Führung würde mir bestimmt wieder eine Handvoll Aluminiumgeld einbringen. Am nächsten Tag lernte ich mehr vom Leben, als ich jemals hätte in der Schule hätte lernen können.

Vorsichtshalber versteckte ich meinen Schulranzen in der Toreinfahrt zum Hinterhaus, wo wir wohnten. In der Toreinfahrt selbst war ein etwas größerer Vorbau eingelassen. Dieser Vorbau diente als Schornstein für gleich zwei aneinander gebaute Häuser. An dem Schornstein war in der Toreinfahrt eine Klappe angebracht, damit der Schornsteinfeger auch von dort Zugang hatte. Diese Klappe hochschiebend war genügend Platz vorhanden für meinen Pappmaché Schulranzen. Meine Mutter oder meine Schwester sollten, wenn sie vor mir nach Hause kamen, nicht gleich auf dumme Gedanken kommen, dass ich eventuell die Schule schwänzen könnte.

Wegen der Möglichkeit, dass während meiner Abwesenheit der Schornsteinfeger gerade seiner Arbeit nachging, brauchte ich mir keine Sorgen zu machen. Immer wenn der Schorn­steinfeger in unsere Straße kam, stand schon einen Tag vorher draußen auf dem Bürgersteig mit Kreide geschrieben: Morgen kommt der Schornsteinfeger!

Also, kurz nach 10 kam dann auch mein Major aus dem Hotel, der mich schon vom Früh­stücks­zimmer aus auf der anderen Straßenseite gesehen hatte. Das Hotel war direkt hinter dem Bahnhof. Und vom Bahnhof war es nicht allzu weit zum Uniwermag, dem russischen Kaufhaus, wo wiederum nur Russen Zutritt hatten. Also musste ich draußen warten. In Sichtweite vom Uniwermag war auch schon das HO-Kaufhaus. Während ich vor dem Uniwer­mag wartete, fiel mir auf, dass einige Typen sich an die russischen Offiziere heran­machten und sie in ein Gespräch verwickelten. Die meisten gingen einfach weiter, andere blieben stehen, sprachen etwas länger mit den Zivilisten. Und siehe da, sie änderten manch­mal ihr angestrebtes Ziel, und begleiteten die Zivilisten in eine ganz andere Richtung. Keinen blassen Schimmer, was da vor sich ging. Bis ja, bis ich mit meinem Major schon wieder auf dem Rückweg vom HO war. Da wurden auch wir angesprochen. Schon vorher, während sich der Major u.a. mit Dessous für seine Frau in der Heimat eindeckte, hatte er mich gefragt, ob ich wüsste wo er z.B. echte Schweizer Uhren kaufen könne. Man hätte ihm gesagt, dass in Leipzig alles zu bekommen wäre. So auch Banbarchet. Also goldene Uhren verstand ich ja zu übersetzen. Aber Banbarchet? Nie gehört dieses Wort. Woher auch. Wer interessierte sich in den frühen Nachkriegsjahren schon für französischen Samt. Hier und jetzt aber war sowas angesagt. Die russischen Offiziere die einen fürstlichen Sold bekamen, jedes Jahr eine Heimfahrt, waren ganz verrückt danach. Und, Leipzig war die Handelsmetropole für solche Konterbande.

Mein Major war hocherfreut, als uns der Kerl ansprach. Sich unserem Schritt anpassend lief er neben uns her und radebrechte in schlechtem Russisch: Schto warn schilallte? Banbarchet, Schassie, Schuba…..? (Was wünschen Sie? Samt, goldene Uhren, Pelze?) Als ich mich empört einmischte, ich mir nicht mein erhofftes Führungsgeld durch die Lappen gehen lassen wollte, beruhigte mich der deutsche Schieber. „Sei nicht blöd Junge, da sind für dich zwischen 5 bis 20 Mark drin, bei dem Geschäft!“ Ich dachte ich spinne. Letztendlich wartete ich am verein­barten Treffpunkt, während der Schieber mit meinem Major in einem Taxi davon fuhr. Und siehe da, meine Geduld zahlte sich aus. Zum einen gab mir der Major für die erfolgreiche Füh­rung doch tatsächlich ganze 20 Mark. Der ließ sich dann auch gleich das kurze Stück zum Bahnhof mit dem Taxi weiterfahren. Ich konnte gerade noch feststellen, dass er jetzt ein Packet mehr mit sich herumschleppte. Der etwa 40jährige Schieber lud mich zu einer Limo­nade in eine nahe gelegene Kneipe ein. Dort verklickerte er mir dann bei einer Waldmeister­limo seinen Berufsstand (Schieber) und warb mich gleichzeitig als Zuträger von weiterer Kund­schaft an. Der Major hatte doch tatsächlich einen Pelzmantel, vier Meter Samt und eine echte Schweizer Uhr in Golddouble und 16 Steinen erworben. Wie mir der mir gegenüber­sitzende Typ, der etwas russisch in seiner kurzen Gefangenschaft gelernt hatte, in gutem Deutsch erklärte. Er wolle zu mir ganz ehrlich sein. Der Major hätte gleich drei Teile gekauft. Für jedes Teil bekäme er zehn Mark Provision. Diese wolle er mit mir ehrlich teilen, und schob mir 15 Mark wie ein Verschwörer unter dem Tisch zu. Wow! Das Schuleschwänzen hatte sich echt gelohnt.

Er hatte mich nach allen Regeln der Kunst beschissen

Nur, wie brachte ich es meiner Mutter bei, woher ich das Geld hatte, um ihr das Geschenk von einem halben Pfund Kaffee im Schwarzmarktwert von 20 Mark machen zu können? Wusste ich doch, dass meine Mutter sich jeden Monat ein viertel Pfund gönnte. Dieses viertel Pfund hütete sie wie ihren Augapfel, brühte ihn bis zu dreimal auf. Nun ja, auch das bekam ich hin. Wurde dafür ganz dolle gedrückt. Hatte ich zunächst auch daran gedacht den Schieber für seine Ehrlichkeit und dem großzügigen Teilen vor Freude zu drücken, so kam ich doch recht bald dahinter, dass der Typ ein ganz gemeiner Betrüger war. Er hatte meine Unwissen­heit und meine Winzigkeit als Menschenskind einige Tage lang nur ausgenutzt. Und wie mit einer Unverfrorenheit, die es nur echte Gauner drauf haben, hatte er mich nach allen Regeln der Kunst beschissen. Anfangs schöpfte ich ja auch noch gar keinen Verdacht, dass da etwas faul sein könnte. Ich mochte nur nicht seine Geheimniskrämerei. Er wollte mir partout nicht sagen, wo seine Quellen waren, von denen er die Ware bezog.

Einen Steinwurf entfernt vom Uniwermag, wo von den Schiebern die Kunden angesprochen wurden, am Bahnhof selbst, wo aus allen Ecken der DDR die potentiellen Kunden anreisten traute sich kein Schieber hin, da war die Bahnpolizei vor, also in der Nähe des Uniwermags war das Rathaus von Leipzig. Und dort war auch ein Taxistand. Dort stiegen auch immer die Schieber mit ihren Kunden ein. Ich hatte mir gut gemerkt in welche Richtung sie davon fuhren. Anstatt immer nur auf die Rückkehr zu warten, begab ich mich sehr schnell, noch bevor das Taxi losfuhr, zu dem Punkt wo ich es hatte abbiegen sehen. Beim nächsten Mal war ich schon wieder an dem Punkt angelangt, um zu sehen wie es weiterging. Nach einiger Zeit, wobei ich mir dann schon selbst ein Taxi nehmen musste, hatte ich auch schon das Ziel, d.h. den Hehler der Ware im Visier. Wobei es sich allerdings nur um den französischen Samt und einen Uhrendealer handelte. Andere Anlaufstellen kamen in der nächsten Zeit noch hinzu. Und das war gut so! Denn es passierte schon mal, dass eine Razzia durchgeführt wurde. Die Polizei wusste natürlich von den Schiebergeschäften, die im Umkreis vom Uniwermag getätigt wurden. Nachdem die observierten Schieber meistens bis auf den letzten Mann ins Netz gegangen waren, befand ich mich ganz alleine auf weiter Flur. Mich Knirps nahm man einfach nicht für voll. Das dachte anscheinend Frau Wilke, bei der ich dann notgedrungen selbst mit einem Käufer auftauchte auch. Sie wohnte in einer Villengegend ganz in der Nähe des Zoos. Als ich geklingelt hatte, sie durch den Türspion einen uniformierten Russen sah, mich Zwerg erfasste der Türspion erst gar nicht in seinem Blickfeld, öffnete sie. Als aber statt eines bekannten Schiebers so ein Knirps in Begleitung des Russen vor der Türe stand, wollte sie uns doch die Türe vor der Nase zuschlagen. Erwähnte ich schon, dass ich ein cleveres Kerlchen war? Ich hatte ja damit gerechnet, dass die Dealerin geschockt sein würde. Mich hatte ja niemand offiziell bei ihr eingeführt. „Entweder Sie lassen uns jetzt rein, oder die Polente ist schneller hier wie Sie Ihre Ware verstecken können!“ warnte ich kackfrech.

Ich erklärte ihr ganz kurz, wie ich auf sie gekommen sei. Und fragte auch noch, ob sie noch gar nicht gemerkt hätte, dass seit Tagen ihre Kunden ausblieben. Natürlich hatte es sich schon herumgesprochen, dass wieder einmal eine Razzia stattgefunden hatte. Während der Kunde sich die die fünf Sorten Samt vorlegen ließ, klärte ich sie weiter über mich auf. Und siehe da, plötzlich war ich voll akzeptiert. Sie fand es für ihr Geschäft viel unverfänglicher, wenn ich Stepke bei ihr auftauchte. Von da an war ich in den Folgejahren in ihren Augen ein guter Geschäftspartner.

Eigentlich konnte ich recht bald fast alle Wünsche der Kundschaft erfüllen.

Ich hatte noch ganz in der Nähe des Bahnhofs einen ganz unscheinbaren Tabakladen als Bezugsquelle für Samt ausfindig gemacht, wo der ältere Herr keine Sperenzchen machte, als ich zum erstenmal mit einem Kunden auftauchte. Nicht immer war jeder Dealer mit Ware versorgt. So war es immer gut mehrere Quellen zu haben. So hatte ich zwischen Rathaus und Uniwermag auch noch in der berühmten Mädlerpassage ein Uhren-Schmuck­geschäft ausfindig gemacht, wo so gut wie immer eine große Auswahl an vergoldeten Schweizer Uhren vorrätig war. Na ja, Nutria und andere kostbare Pelze in Leipzig zu erstehen, war auch kein Problem. War Leipzig doch eine Hochburg der Kürschner Zunft. Eigentlich konnte ich recht bald fast alle Wünsche der Kundschaft erfüllen. Lackschuhe und Perlonstrümpfe sowie Fieberglas-Koffer waren gefragt. Ebenso Streptomycin und Penicillin. Nicht selten wurde auch nach benutzbaren Frauen gefragt. Auch dafür war ich ein Ansprechpartner.

Um aber auf Frau Wilke (so hieß sie wirklich!) zurückzukommen; ich war nicht sonderlich erstaunt darüber, dass sie, nachdem sich mein erster persönlicher Kunde gleich zweimal vier Meter Samt hatte einpacken lassen, ohne wegen des angesprochenen Preises zu handeln, gab mir Frau Wilke zu verstehen, dass ich wegen der Provision nochmal vorbei kommen müsse. Schließlich müsse der Russe das ja nicht unbedingt mitbekommen. Konnte ich gut verstehen, denn, hätte der Käufer gesehen, was ich da in die Hand gedrückt bekam, wäre ihm sicherlich die Galle hochgekommen. Denn ich war ja selbst baff über die Summe. Ich brachte den Kunden noch bis zum wartenden Taxi und verabschiedete mich mit der Begründung, das ich selbst ganz in der Nähe wohnen würde. Der Russe nahm es hin. Und ich holte mir meine vermeintlich doppelte Provision von Frau Wilke ab. Hatte der miese Typ, mit dem ich einige Zeit zusammengearbeitet hatte, indem ich ihm immer neue Kundschaft zuführte, nicht gesagt, dass er mit mir teilen würde? Was war es? Wut oder freudige Überraschung, als ich von Frau Wilke das Geldbündel in die Hand bekam. Ich musste es drei-viermal zählen, bevor ich es glauben konnte. Ich hielt doch tatsächlich 180 Mark in der Hand!

Eigentlich konnte ich recht bald fast alle Wünsche der Kundschaft erfüllen.

Ich hatte noch ganz in der Nähe des Bahnhofs einen ganz unscheinbaren Tabakladen als Bezugsquelle für Samt ausfindig gemacht, wo der ältere Herr keine Sperenzchen machte, als ich zum erstenmal mit einem Kunden auftauchte. Nicht immer war jeder Dealer mit Ware versorgt. So war es immer gut mehrere Quellen zu haben. So hatte ich zwischen Rathaus und Uniwermag auch noch in der berühmten Mädlerpassage ein Uhren-Schmuck­geschäft ausfindig gemacht, wo so gut wie immer eine große Auswahl an vergoldeten Schweizer Uhren vorrätig war. Na ja, Nutria und andere kostbare Pelze in Leipzig zu erstehen, war auch kein Problem. War Leipzig doch eine Hochburg der Kürschner Zunft. Eigentlich konnte ich recht bald fast alle Wünsche der Kundschaft erfüllen. Lackschuhe und Perlonstrümpfe sowie Fieberglas-Koffer waren gefragt. Ebenso Streptomycin und Penicillin. Nicht selten wurde auch nach benutzbaren Frauen gefragt. Auch dafür war ich ein Ansprechpartner.

Um aber auf Frau Wilke (so hieß sie wirklich!) zurückzukommen; ich war nicht sonderlich erstaunt darüber, dass sie, nachdem sich mein erster persönlicher Kunde gleich zweimal vier Meter Samt hatte einpacken lassen, ohne wegen des angesprochenen Preises zu handeln, gab mir Frau Wilke zu verstehen, dass ich wegen der Provision nochmal vorbei kommen müsse. Schließlich müsse der Russe das ja nicht unbedingt mitbekommen. Konnte ich gut verstehen, denn, hätte der Käufer gesehen, was ich da in die Hand gedrückt bekam, wäre ihm sicherlich die Galle hochgekommen. Denn ich war ja selbst baff über die Summe. Ich brachte den Kunden noch bis zum wartenden Taxi und verabschiedete mich mit der Begründung, das ich selbst ganz in der Nähe wohnen würde. Der Russe nahm es hin. Und ich holte mir meine vermeintlich doppelte Provision von Frau Wilke ab. Hatte der miese Typ, mit dem ich einige Zeit zusammengearbeitet hatte, indem ich ihm immer neue Kundschaft zuführte, nicht gesagt, dass er mit mir teilen würde? Was war es? Wut oder freudige Überraschung, als ich von Frau Wilke das Geldbündel in die Hand bekam. Ich musste es drei-viermal zählen, bevor ich es glauben konnte. Ich hielt doch tatsächlich 180 Mark in der Hand!

Natürlich gehörte ich meinem Lebenswandel gemäß in eine erzieherische Maßnahme.

Wie der Leser das verstehen soll? Nun, je nach Marktlage, oder besser gesagt Lagerbestän­den, wurde von dem Dealer ein fester Preis an den Schlepper gezahlt. Es lag also an dem Schieber, welchen Preis er bei dem Käufer aushandelt. Da aber viele Russen gerne feilschten, konnte die Provision unterschiedlich ausfallen. Da aber mein Kunde anstandslos den gefor­derten Preis von 350 Mark ohne Murren gezahlt hatte, standen mir bei derzeitiger Marktlage die Differenz von 90 Mark pro vier Meter Samt zu. Ich war einfach nur baff! Bei so einem einträglichen Geschäft, immerhin kamen an guten Tagen bis zu 400!!! Mark zusammen, da ließ ich schon mal fünfe gerade sein und dachte gar nicht daran, dass es da auch noch die Schulpflicht gab. Entschuldigungsschreiben waren für mich kein Problem. Hatte ich mir doch schon längst die Sütterlinschrift meiner Mutter abgeguckt. Fortan brauchte meine Mutter nie mehr auf ihren geliebten echten Bohnenkaffee zu verzichten. Geschweige denn die Pampe mehrmals aufzubrühen. Wie ich an das Geld kam, verschwieg ich ihr nicht. Nur das dazu oft Schuleschwänzen angesagt war, verschwieg ich ihr lieber.

Die Sonntage, wo ich mich am/im Zoo etc. herumtrieb, mochte ich auch nicht mehr missen. Natürlich gehörte ich meinem Lebenswandel gemäß in eine erzieherische Maßnahme. Aber zum einen litt eigentlich meine schulische Leistung gar nicht darunter. Ich war top am Ball, und wichtige Arbeiten nahm ich immer wahr.

Nur der Grund, warum ich letztendlich in ein Heim für Schwererziehbare kam, das war sehr ungerecht. So empfinde ich noch heute.

 

Anmerkung:

Leider erlaubt diese Programmsoftware keine Fußnoten und auch keine Hyperlinks mehr. Das ist äußerst ärgerlich für die Leser wie für mich. Da ich meist mit Fußnoten arbeite, habe ich einen erheblichen Mehraufwand mit einer Extra-Numerierung und die Leser können die Fußnoten nur über das Extra-PDF erreichen und dort hoffentlich auch anklicken, soweit Hyperlinks angegeben sind.

Ich verzichte in Zukunft darauf, den jeweiligen Artikel auch als PDF anzubieten und verweise auf die geplante Gesamtedition dieser Biographie, die dank Fußnoten und Hyperlinks hier im Blog nur noch als PDF darzustellen sein wird.

Aus denselben Gründen gibt es das Inhaltsverzeichnis nur noch als PDF.

Ich bitte die Leser, diese Umständlichkeit zu tolerieren. Auch ich bin von der Veränderung überrascht und not amused.

Fußnoten  21 – fußnoten
Inhaltsverzeichnis  21 Inhaltsverzeichnis

 

 

Mit 15 Jahren ausgebufft und fit fürs Leben. Eine kriminologische Zwischenbilanz

logo-moabit-kGewinner sehen normalerweise anders aus. Dieter Schulz ist mit seinen 15 Jahren Gewinner – im Überlebenskampf, er wäre sonst untergegangen.

Im Knast auf einer klapperigen Justizschreibmaschine schreibt er über seine ungewöhn­liche Kindheit. Mit dem 20. Kapitel ist der Teil weitgehend abgeschlossen, in dem er noch nicht strafmündig war. Waren seine Delikte bis jetzt schon gravierend, so waren sie doch reiner Über­lebenskampf, die Fluchten aus den Heimen zählen dazu.

Schulz schreibt keinen Roman.[1] Hier wird über reales Geschehen und Erleben berichtet. [2]

Zeit für eine Zwischenbilanz.

Das mit dem Gewinner hatte er so noch nicht gesehen. Erst Freitag telefonierte ich mit ihm. Ja, doch, sagte er dann, stimmt, er habe gekämpft und das erfolgreich.

Da liegt das Dilemma. Aus meiner Adoptionsarbeit weiß ich, wie ungeheuer problematisch es sein kann, ein Kind aus der dritten Welt zu adoptieren, das mehrere Jahre erfolgreich auf der Straße gelebt hat. Ein solches Kind hat gelernt, was dort zum Überleben bitter nötig ist: Stehlen, Betrügen, Gewalt, Sex als Tauschware. All das ergibt keine gute Prognose für das Überleben in unserer Gesellschaft, denn es ist äußerst schwierig, Verhaltensweisen abzulegen, mit denen man Erfolg hatte. Das wissen wir auch aus ganz banalen Tierversuchen. Eine Ratte, die im Lernlabyrith gelernt hat, wo das Futter versteckt ist, irrt nicht mehr suchend herum, sondern steuert das Ziel direkt an. Legt man nun das Futter an anderer Stelle ab, so dauert es eine Reihe von Versuchen, bis die Ratte umgelernt hat.

Was hat Dieter gelernt? Wozu wurde er „zugerichtet“?[3]

Er schreibt: Ich bin Jahrgang 1940. Wurde in Königsberg geboren. Und genau an meinem 5ten Geburtstag kam der Krieg nach Königsberg. Erst 1949 wurde die Familie von den Rus­sen nach Leipzig verfrachtet. Drastisch und mit sehr feiner Distanzierung beschreibt er die Vergewaltigungen, Morde, Notprostitution, den Hunger, Vertreibung und die Schieber­geschäfte.

Das haben doch viele andere auch erlebt und sind nicht kriminell geworden, sagte mir jemand. Ein Argument, das mir schon in der Heimkinderdiskussion begegnet ist. Auch dort haben es einige ehemalige Heimkinder trotz aller Belastungen zu einem unauffälligen, manche gar zu einem erfolgreichen Lebenslauf geschafft. Die anderen blieben „Opfer“ – und wurden auch noch Opfer von Vorwürfen, warum sie es nicht gepackt haben, das Leben.

Das kann man mit Schulz nicht vergleichen. Ihn vorschnell als Opfer einzuordnen, liegt nahe. Er hat als Kind gesehen und erlebt, was Kinder besser nicht sehen und erleben sollten. Man spricht sehr leicht von Traumatisierung. Wenn überhaupt, war das aber offensichtlich keine dauerhafte. Der Wille zum Überleben war stärker. Und Schulz hat sich durchgeboxt, durch­getrickst und durchgemogelt. „Erwähnte ich schon, dass ich ein cleveres Kerlchen war?“ fragt er im 21. Kapitel. Das war er tatsächlich, und er steckte voller Lebensenergie. Keine Opfer-, sondern eine Täterpersönlichkeit hat sich früh bei ihm herausgebildet. Vielleicht sollte man besser von Macher-Persönlichkeit sprechen, denn damit ist nicht unbe­dingt eine kriminelle Täterschaft verbunden. Doch auf der Schattenseite des Lebens gelten andere Gesetze – wie in der Dreigroschenoper: „Wir wären gut anstatt so roh, …“[4]

Dieter Schulz hatte gelernt, in einer feindlichen Umgebung zu überleben – was ja nicht wenig ist. Er hatte gelernt, dass es dabei nicht auf Gesetze und auch nicht auf Sitte und Anstand ankommt. Was wir Sozialisierung nennen, hat durchaus stattgefunden, aber nicht in der „bürgerlich-anständigen“ Version.[5]

Und die Fähigkeiten? Auf ihn trifft die Redewendung „klein, aber oho“ zu, umgangssprach­lich meint man damit „klein, aber beachtlich energisch, selbstbewusst, leistungsfähig“. Dieter Schulz sagt von sich, er lerne schnell. So auch Russisch. Das verhalf ihm zu seinen Schwarz­markt­geschäften, Kuppeleien und Betrügereien – als Kind! Dazu kamen Diebstähle, Ein­brüche, Ausbrüche, Brandstiftung und eine Falle, die für zwei Volkspolizisten hätte tödlich ausgehen können.

Er hat noch etwas gelernt: Gefühle machen angreifbar, man muss sie verstecken. »Nachts weinte ich auch schon mal unter der Bettdecke. Immer nur den Abgebrühten spielen war für meine kleine Jungenseele doch nicht so leicht wegzustecken, wie es den Anschein haben mag.«

Dieses ganze Potential liegt nun für den zweiten Teil seiner Autobiographie bereit – und er nutzt es, wenn er in Schwierigkeiten kommt, – kriminell, warum auch nicht? und endet schließlich an der Knastschreibmaschine, auf der er nicht nur die Frage stellt, War es den Aufwand wert, dieses beschissene Leben vor den Bomben zu retten?![6]

Auch wenn er sich im Rückblick zurecht als „Ergebnis“ einer heillosen Zeit darstellt, geschieht auch dies noch mit der Absicht, ein warnend Beispiel abzugeben. Selbst in der Opferrolle noch tatorientiert.

Das Sündenregister des Kindes und Jugendlichen ist auch eine weitere kriminologische Überlegung wert. Denn Pardon wird nicht gegeben. Ich lernte bereits im Studium, dass es nicht gut ist, eine Akte beim Jugendamt zu haben. Ist die erst einmal angelegt, wird alles gesammelt und bei Bedarf hervorgeholt. Kinder aus „guten Familien“ haben selten eine Jugendamtsakte, weil diese Familien Devianzen meist selber regeln können. Bei Dieter Schulz kommt Heimausbruch zu Trebe[7] zu Heimausbruch. Seine „Gefährlichkeit“ wächst von Mal zu Mal. Pädagogische Neuanfänge gibt es nicht, immer nur das Heim, also mehr vom Selben, obwohl man weiß, dass das nicht hilft. So führt pädagogisches Versagen dazu, dass in solchen Fällen die Jugendamtsakte nahtlos in die Strafakte überführt werden kann. Im Volksmund heißt es, der Teufel schitt immer auf den größten Hucken. Wenn noch nix da ist, schit hei nich.

Doch es gibt hin und wieder einen Nachlass. Die Öffentlichkeit regt sich oft auf, wenn wegen „mangelnder Nestwärme“ o.ä. der Strafrahmen nicht voll ausgeschöpft wird. Hätte Dieter Schulz vielleicht auch gekriegt, „wenn der Richter das gelesen hätte“. Hatte er aber nicht, denn seine Autobiographie gab’s noch nicht, nur sein Vorstrafenregister: 16 Vorstrafen werden strafverschärfend im Urteil aufgeführt.Ist der Leumund gut, also keine Vorstrafen, ist die Sozialprognose gut. Leute mit positivem Sozialisationshintergrund sind aus der „Normalsicht“ lebenstüchtiger, zuweilen aber auch erfolgreicher in der Kriminalität, als die von Kind auf geschädigten. Eigentlich müßte man ihnen vor Gericht ihre bisherige Unbescholtenheit zum Vorwurf machen: Sie hatten privat wie beruflich einen unbelasteten, sorgenfreien Werdegang und blieben bisher unbescholten. Dennoch haben Sie bewusst Schrott­immobilien verkauft und viele Menschen in den Ruin getrieben. Das müssen wir straf­verschärfend werten.

Dieter Schulz sieht sich auch weiterhin als Winner. Er ist überzeugt, einmal in den Himmel zu kommen. Habe ich doch die Hölle bereits auf Erden erlebt und meine Sünden mit 17 Jahren Knast abgebüßt.

Auf wen er dort wohl alles treffen wird?

Fußnoten

[1] Verschiedene Genres kämen infrage, wenn es ein Roman wäre:

  1. Schelmenroman: »Der Schelm stammt aus den unteren gesellschaftlichen Schichten, ist deshalb ungebildet, aber „bauernschlau“. Er durchläuft alle gesellschaftlichen Schichten und wird zu deren Spiegel. Der Held hat keinen Einfluss auf die Geschehnisse um ihn herum, schafft es aber immer wieder, sich aus allen brenzligen Situationen zu retten. «https://de.wikipedia.org/wiki/Schelmenroman
  2. Bildungsroman: »Bildung soll beim Bildungsroman nicht nur das Thema des Romans sein, sondern auch dem Leser vermittelt werden. Ähnlich wie im didaktischen Aufklärungsroman geschieht dies durch das „missiona­rische Überlegen­heits­gefühl eines sich selbst bewussten Erzählers, der seinen Bildungsvorsprung gegenüber Held und Leser geltend machen [kann]“. Dieser distanzierte, oft ironische Erzähler ist also neben dem Helden und dem Leser die wesentliche Figur eines Bildungsverhältnisses, das als Bildungsgeschichte bezeichnet wird.« https://de.wikipedia.org/wiki/Bildungsroman . Dieter Schulz ist einerseits „Held“ der Geschichte, andererseits aber oft auch der distanzierte und ironische Erzähler. Das kann nicht jeder Memoirenschreiber, dennoch hat dieser Lebensbericht Parallelen
  3. zu „Memoiren“: https://de.wikipedia.org/wiki/Memoiren und
  4. zur Autobiographie. https://de.wikipedia.org/wiki/Autobiografie .

[2] Die ersten 20 Kapitel sind bereits hier im Blog erschienen, damit ist der Teil abgeschlossen, den Dieter Schulz spontan auf der Justizschreibmaschine verfasst hat: auf dünnem Durchschlagpapier in Zeilen mit von Rand zu Rand hüpfenden Buchstaben, mit unterschiedlicher Anschlagstärke und abenteuerlicher Rechtschreibung getippt.

Die nächsten rund 20 Kapitel erreichten mich per Mail. Schulz war inzwischen frei und wurde von uns ermutigt, weiterzuschreiben.

[3] Dierk Schäfer, Die Zurichtung des Menschen – auch ohne Religion, Deutsches Pfarrerblatt – Heft: 9/2016, http://www.pfarrerverband.de/pfarrerblatt/index.php?a=show&id=4128

[4] http://lyricstranslate.com/de/bertolt-brecht-erstes-dreigroschenfinale-lyrics.html

[5] Diese ist allerdings nicht in allen Fällen ein zuverlässiger Weg zu einem Leben frei von Kriminalität, nicht einmal von schwerer Kriminalität. Das zeigt ein Blick auf die gerade aktuell sichtbaren Machenschaften erfolgreicher Firmen und ihrer Manager. Auch diese sind Täterpersönlichkeiten, sonst hätten sie in ihrem Umfeld nicht reüssieren können. Selbst wenn sie mal zur Rechenschaft gezogen werden, fallen sie weich. Dieter Schulz aber lebt ärmlich von Sozialhilfe, sitzt im Rollstuhl und hin und wieder fährt man ihn zum Discounter-Einkauf.

[6] https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/03/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xvii/

[7] http://umgangssprache_de.deacademic.com/26403/Trebe

 

In Kapitel 21, geht es weiter. Titel: Erwähnte ich schon, dass ich ein cleveres Kerlchen war? Darin erfahren wir, wie er es angestellt hat, ins Schiebergeschäft einzusteigen, wirklich sehr clever.

_Inhaltsverzeichnis