Dierk Schaefers Blog

Die Kirche braucht Hilfe, um wieder ehrlich zu werden.

Allein schafft sie es nicht. Sie hat zwar die Verbre­chen gestanden, die Misshandlungen, die Miss­bräuche und die Demütigungen, die in kirch­lichen Einrichtungen durch kirchliche Mitarbeiter verübt wurden, sie ist aber nicht willens, in den Stand der tätigen Reue zu treten. Außerdem verhindert sie durch die Einrede der Verjährung eine gründliche Aufklärung der Verbrechen und ihrer Folgen. Der Staat folgt diesem Prozesshindernis, indem er Verfahren erst gar nicht eröffnet, da sie – strafrechtlich – keine Folgen haben würden.

Angesichts der Menge der Verbrechen und der großen Zahl der Opfer, oft auch angesichts der besonderen Schwere der Vorwürfe, wird durch die paumissbrauch b2schale Verjährung aber kein Rechts­friede hergestellt – und die Kirchen bleiben unter dem Vorwurf der Verbrechen, ihrer Vertuschung und der Verweigerung zumindest der Aufklärungsforderungen ihrer Opfer; von gefinkelten[1] Zahlungszusagen ganz zu schweigen

Da die Kirchen[2] derart verstockt sind, brauchen sie Hilfe von außen, Hilfe von denen, die sich immer noch Kirche als die communio sanctorum vorstellen. Auch die anderen, soweit sie nicht kirchen- oder religionsfeindlich eingestellt sind, bedauern die Haltung der Kirchen, die ihre seelsorglichen, ihre caritativen und die kulturellen Leistungen verdunkelt.

Hilfe von außen könnte der Staat bieten, wenn er bereit wäre, Rechtsfrieden wieder herzustellen, nicht zuletzt auch, um die historischen und immer noch wirkenden kulturellen Werte gegen ihre offiziellen Vertreter zu schützen. Dazu könnten Elemente aus der – auch den Kirchen gut bekannten – Inquisitionsprozessordnung dienen. Es geht dabei nicht um Folter oder Scheiterhaufen, sondern um die Ermittlungsidee: »In einem Inquisitionsverfahren stand die Ermittlung der möglichst durch Geständnis zu offenbarenden Wahrheit im Vordergrund, und nicht die Anklage.«[3]

Das Geständnis liegt bereits vor, denn die Kirchen konnten sich der Beweiskraft der Wolke von Zeugen[4] und der Qualität der vorliegenden wissenschaftlichen Untersuchungen auf die Dauer nicht verschließen. So fehlt es nun noch an der umfassenden Aufklärung ohne Rück­sicht auf Prozesseinreden, also der Verjährung. Diese Inquisition sollte der Staat leisten, indem er einen Untersuchungsrichter benennt und ihn befugt, Akten noch vor ihrer Vernichtung zu beschlagnahmen, Sach­verständige anzuhören und die heutigen kirchlichen Verantwortlichen zu verhören. Dies alles, soweit nicht mehr strafrechtlich verwertbar, ohne Strafandrohung aber mit zivilrecht­licher Wirkung auf Entschädigungs­leistungen – die vielleicht dann doch „freiwillig“ erfolgen könnten, wenn unserer „Behördenkirche“[5] die Augen nicht mehr gehalten[6] sein sollten. Das wäre auch eine Erleichterung für all die Kollegen und Kolleginnen, die – selber ehrlich – ihre Kirche wieder ehrlich sehen wollen.

Fußnoten

[1] Sinnverwandte Begriffe: ausgefuchst, durchtrieben, gerissen, gewieft, raffiniert, schlau, trickreich, tricky; schweizerisch: gefitzt https://www.wortbedeutung.info/gefinkelt/

[2] Zeichnung: Die Wurmlinger Kapelle auf einer etwa 1830 von Louis Helvig angefertigten Lithografie.

[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Inquisitionsverfahren

[4] Hebr. 12,1

[5] Martin Niemöller

[6] Lukas 24,16

Singe, o Göttin, vom Zorn der geschändeten Knaben!

»Verrecken sollst du Vieh, verrecken wie ein Hund! …topor2

In meinem Kopf sprang ein Schalter um, ich schlug ihm mehrfach mit den Fäusten in’s Gesicht, [1] er wich zurück, fiel rücklings auf’s Sofa, seine Nase blutete. …  „Du spieltest Gott, Du warst dort im Kinder-KZ ja auch Gott, zwei deiner Schergen hielten mich fest, du tobtest dich an mir aus, an einem schmäch­tigen Vierzehnjährigen.“«

»Dann ging ich aus dem Haus, ging zu meinem Auto, konnte nicht sprechen, meine Begleiter ließen mich eine Zeit lang in Ruhe und dann fragte einer leise „Und …?“ – „Ihm läuft das Blut über die Fresse, wie damals mir und euch – und mir geht es innerlich unsagbar gut“. – „Der holt die Bullen.“ – „Der holt keine Bullen, denn der weiß, was dann in den Medien abgeht,“ sagte ich. „So war es auch, der verlor kein Wort über meinen abend­lichen Besuch. Mir war unsagbar wohl, eine unsagbare Last war mir von der Seele gefallen. Aber der Triumph lag in dem Wissen, dass sich dieser elende Kinderschinder vor Angst fast in die Hose gemacht hatte. Er erlebte erstmals, wie sich ein wehrloser Mensch fühlt, wenn er geschlagen und gedemütigt wird. Das Menschsein zu verlieren ist grausam – und der Kinderschinder erlebte es in seinem eigenen Haus! Von seiner Allmacht war nichts mehr da, eines seiner Opfer hatte ihn zum Opfer gemacht, seine Welt brach zusammen.«

»Seit meiner „Auge um Auge“ – Aktion ging es mir seelisch gut; leider entkamen mir drei dieser menschlichen Ungeheuer, die im Namen ihres Gottes prügelten und vögelten – und uns sonntags in die Kirche ihres Diakonie-Kinder-KZ’s führten. Und sich abends wieder Opfer holten, die sie vergewaltigten und ihnen anschließend erklärten, dass sie, die Kinder, doch einfach Dreck wären. Deshalb seien sie ja schließlich hier, im Heim. AMEN.«[2]

Zorn!

„Europas erstes Wort“ nennt es der Philosoph Peter Sloterdijk[3]: »Am Anfang des ersten Sat­zes der europäischen Überlieferung im Eingangsvers der Ilias taucht das Wort „Zorn“ auf, fatal und feierlich wie ein Appell, der keinen Widerspruch duldet«. „Singe, Göttin, den Zorn des Peleiaden Achilleus.“[4]

»Die alte Welt hatte sich zum Zorn ihre eigenen Wege gebahnt, die nicht mehr die der Moder­nen sein können. Wo diese an den Therapeuten appellieren oder die Nummer der Polizei wäh­len, wandten die Wissenden von früher sich an die Überwelt. Um das erste Wort Euro­pas zum Klingen zu bringen, wird von Homer die Göttin angerufen. … Wenn das Wort „Gewalt­ver­herrlichung“ je einen Sinn hatte – für die­sen Introitus zur ältesten Urkunde der euro­päischen Kultur wäre es am Platz. Doch würde es nahezu das Gegenteil des­sen bezeichnen, worauf es in seinem heutigen, unvermeidlich mißbilligenden Gebrauch abzielt. Den Zorn besingen heißt ihn denkwürdig machen, was aber denkwürdig ist, steht dem Eindrucksvollen und dauerhaft Hochzuschätzenden nahe, ja geradezu dem Guten. Diese Wertungen sind den Denk- und Empfindungsweisen der Modernen so stark entgegengesetzt, daß man wohl zugeben muß: Ein unverfälschter Zugang zum Eigensinn des homerischen Zornverständnisses wird uns in letzter Instanz versperrt bleiben.«

Soweit Sloterdijk zum Zorn der Altvorderen. Lässt sich vernünftig daran anknüpfen? Ich denke, ja. Das verbindende Stichwort dürfte Affektkontrolle sein. Den griechischen Helden hätte sie ihre Heldenhaftigkeit genommen. Vernünftig mit aufsteigendem Zorn umgehen und ihn zügeln zu sollen, war in ihrer Vorstellungswelt nicht vorgesehen und darum gegen ihre Natur. Dies ist jedoch in der Moderne die Erwartung an den gesitteten, zivilisierten Men­schen. „Wer schreit, hat Unrecht“, sagte meine Lehrerin, als die Stimme eines Kollegen unüberhörbar von drei Zimmern weiter bis in unser Klassenzimmer drang. Ich bin weit davon entfernt, Kronschnabel als griechischen Helden zu stilisieren. Zu oft haben wir uns wegen seiner – in der Regel verbalen – Ausraster[5] gekabbelt.[6] Natürlich ist seine Selbstjustiz nicht akzeptabel – aber hat er Unrecht?

Selbstjustiz[7]

Selbstjustiz kommt vor, wenn die „ordentliche“ Rechtsprechung versagt oder gar gänzlich fehlt.[8] Insofern ist Selbstjustiz der Versuch, den gestörten Rechtsfrieden wiederherzustellen.

Das ist hier nicht weiter zu vertiefen. Aber stehen die Verjährungsgrenzen der Verbrechen an Kin­dern und ihre fortgesetzte Vertuschung nicht dem Rechtsfrieden eklatant entgegen? „Der holt keine Bullen, denn der weiß, was dann in den Medien abgeht,“ sagte Kronschnabel und behielt Recht damit. Es gibt also – sogar auf beiden Seiten – ein Verständnis der Rechts­lage, das über das positive Recht hinausgeht. Ob allerdings der Faustschlag von einem Gericht als Affekttat milde beurteilt worden wäre, möchte ich bezweifeln. Zu überlegt waren seine Vor­be­reitungen und er müsste deutlich machen, dass der Faustschlag nicht geplant war, sondern der Affekt erst während des Gesprächs virulent wurde.

Wenn man in der Öffentlichkeit zuschlägt, kann die Sache allerdings anders ausgehen.

»Weißt du, was mich an deiner G´schicht so wundert? Ich kenn´ wirklich nur eine einzige Geschichte. Dass ein Heimkind, ein ehemaliges Heimkind, mal hingeht und einen voll, voll erwischt.[9]

Was du sogst. Ha ha.

Gibt´s sowas?

Gibt´s scho. I hab zugeschlagen damals. Dem hab i eine auf´s Maul gehaut.

Hab´ ´ne Anzeige gekriegt und circa 2300 Geldstraf´. «[10]

Die Selbstjustiz hat noch einen Nachtrag verdient. Ich hatte Erich Kronschnabel gefragt: „Ich wüsste dazu noch gern, wie Ihre Familie Sie aus dem Stephansstift wieder freigekriegt hat. Ging das problemlos?“ Die Antwort kam postwendend: „Entkommen trifft tatsächlich zu, denn ich flüchtete bei der Kartof­felernte.“

Kronschnabel bediente sich des VW-Käfers, den der „Drecksack und Sklaventreiber = Landwirtschaftsleiter“ fahrbereit mit Schlüssel am Ackerrand abgestellt hatte.

„Die Polizei griff mich in meinem Elternhaus auf und schaffte mich zurück zu den (warmen) Brüdern. Zuhause hatte ich teilweise erzählt, was mir bei den Scheinheiligen widerfahren war. Das trieb meinen Vater zu seinem Anwalt und der flog beim Amtsrichter ein und erreichte dort die sofortige Aufhebung der Einweisung durch das Jugendamt.“ … „Der Käferklau brachte mir von den warmen Brüdern gewaltige Prügel und von einem kleinen Amtsrichter­lein mit Nazivergangenheit 14 Tage Jugendarrest in Neustadt/Rübenberge ein. Das kleine Arschloch von Staatsanwalt fuhr gewaltig großmäulig auf und verlangte 6 Monate Jugend­knast. Das Auftreten unseres Familienanwaltes blieb nicht fruchtlos, alle sprachen den Nazi­dialekt, man hatte Stallgeruch, und mein Alter zeigte den Hauptmann, den er sonst zu unterdrücken wusste. Das Staatsanwältchen wurde ganz leise, als die alten Nazis mit ihm fertig waren. Der hatte gedient, der verstand und kam fast um das bißchen Verstand. Damals gefielen mir die alten Nazisäcke einen Tag lang. Sie schossen sich gegenseitig in die Knie, war lustig.“

„Problemlos war die anwaltliche Aktion keineswegs, wie ich dann später erfuhr. Die Kinder­ficker konnten mich noch 6 Wochen auf ihrer geschlossenen Station festhalten, bis meine Eltern mich abholen konnten. Nebenher liefen Ermittlungsverfahren gegen den verantwort­lichen Jugendamtsleiter des damaligen Landkreises Wesermünde. Man konnte (wollte) dem Nazischwein nicht an’s Leder, ich lernte sehr früh, was Nazi-Vitamin B bewirken kann. Auch der die ganze Sauerei lostretende Nazilehrer ging straffrei aus. Ich holte die Bestrafung 20 Jahre später nach – und ging auch straffrei aus … weil er roch, dass es besser wäre, einfach das Maul zu halten. Welches der in die Sauereien verwickelten Schweine ich später erwischen konnte, das bezahlte teuer. Mein Respekt vor Obrigkeiten war für immer weg, ich greife mir solche Häns’chen auf die verachtungsvolle Art. Motto: „Wer bezahlt hier wen, Herr/Frau Unwichtig?!“ Ich weiss, das ist nicht schön und nicht richtig, aber ich wende genau deren Methoden an – und die sind ja auch unrichtig.“

Andere Zeiten hatten andere Strafen:  [11]früher

Hass

Wenn Kronschnabel nach seiner Racheaktion sagt, „mir geht es innerlich unsagbar gut“, ist der Zorn erkennbar verflogen. Zorn vergeht, Hass frisst weiter. Bei Kronschnabel bleibt sein grenzenloser Hass auf alles, was irgendwie mit Kirche und Diakonie zusammenhängt.

Hass kann sehr beständig und dauerhaft sein. Niemand hat ein Recht, dem Opfer den Hass auszureden oder zu verbieten. Er ist auch nicht abkaufbar. Aber: Hass macht blind. Und er vergiftet das Leben, auch wenn er zutiefst befriedigen mag.[12] Doch Kronschnabel leidet unter »furchtbaren Erinnerungen. Sie kommen nachts, sie reißen dich aus dem Schlaf, sie nehmen dir die Luft, du schreist deine Angst vor der geilen Drecksau mit Titel Diakon heraus – und wenn du Glück hattest, wachst du in den dich haltenden Armen deines Partners auf. Und irgendwann, wenn sie groß genug sind um zu verstehen, fragen auch deine Kinder nicht mehr, warum der Vater/die Mutter nachts manchmal so schreit. Du siehst es in ihren Augen, du siehst das Mitleid, die Zuneigung, die Liebe und auch die Verschrecktheit. Und erlebst, dass sie bei dem Wort Kirche nur Hass zeigen. Du leidest darunter wie ein Hund, weil du erkennst, dass die Täterschweine auch deine Kinder erreichten. DIE VERBRECHE­RISCHEN SCHWEINE DER DIAKONIE MACHTEN AUCH MEINE KINDER ZU OPFERN!«

Für Kronschnabel sind die Verbrechen gegenwärtig.[13] Sie sind die Quelle von Zorn und Hass, sind aber auch immer Retraumatisierung, die Wiederbelebung der Vergangenheit.

Trauma und Retraumatisierung

Mit dem Schaubild von Dr. Besser lässt sich der Vorgang gut und knapp darstellen. Das habe ich in diesem Blog bereits getan und muss es nicht wiederholen: https://dierkschaefer.wordpress.com/2018/11/25/wenn-die-seele-zuckt-trigger/

Abwicklung

Da wäre nur noch der Umgang der Täterorganisationen mit ihren Opfern anzusprechen.

Ein Mail von Kronschnabel:[14]

»Lieber Herr Schäfer, ich schicke hier einen anonymisierten Beschluss der Hannoveraner.

Meinen bekommen Sie unbearbeitet per Post. Den hier lesbaren Tenor findet man in jedem Beschluss, die arbeiteten mit Textbausteinen. Was man sich an sexuellen Spielarten vorstellen kann, kam der Kommission auf den Tisch. Die alten Säcke der Kommission könnten die besten Sexgeschichten schreiben, Porno pur.«

Meine Antwort: „Die emotionsfreie Darstellung der Vorgänge und ihrer Bewertung dürfte juristisch korrekt sein und es wäre überzogen von furchtbaren Juristen zu sprechen. Aber sie scheinen von der Psychodynamik in solchen Fällen nichts zu wissen. Sie sind entweder völlig unbeleckt von wissenschaftlich gesicherten Kenntnissen von Trauma und Retraumatisierung – oder sie haben den Auftrag, die Kassen ihrer Arbeitgeber zu schonen.“

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Hier das Mail von Erich Kronschnabel, in dem er das Zusammentreffen mit seinem Täter ausführlich beschreibt, (Auszüge sind oben wiedergegeben).

»Gleiches mit Gleichem „heimzuzahlen“, das versteht jeder Mensch. Christen und sonstige Gutmenschen lehnen das zwar ab, aber als Atheist erlebte ich, dass auch ein sich Christ nen­nender Diakon das „wie du mir, so ich dir“ versteht, wenn ihn die Vergangenheit einholt und er für seine früheren Missetaten zu sühnen hat.

Er war Diakon im Kinderheim Stephansstift in Hannover, avancierte in der Außen­stelle Kronsberg, einem berüchtigten Kinder-KZ bis in die 70er Jahre hinein, zum „Haus­vater“ – und war für die Heimkinder ein gewalttätiger Stiefvater übelster Sorte. Nicht nur ich erlebte ihn als übelsten Schläger. Unterstützung erhielt er durch seine ihm unterstellten „Brüder“ (so nannten sich die scheinheiligen Schläger im Dienste der Diakonie).

Nach Bekanntwerden der Verbrechen an zahllosen Heimkindern holte auch mich die lange verdrängte Vergangenheit ein. Die Namen der Schläger und Vergewaltiger waren im Gehirn eingebrannt, ich begann mit der systematischen Tätersuche. Logistik war beruflich mein täg­lich Brot, bei der Internetsuche stellten sich schnell Erfolge ein. Telefonbucheinträge waren ergiebig, denn die inzwischen auch schon alten Täter nutzten Festnetzanschlüsse.

Günter Wallraff war mein Vorbild, ich wurde zum ehemaligen Diakonieschüler.

Eine frühere Sekretärin meines Peinigers freute sich sehr über den Anruf des ehemaligen Diakonieschülers, wir tauschten alte Erinnerungen aus, die Namen der früheren „Erzieher“ waren mir ja geläufig, die alte Frau schöpfte keinerlei Verdacht und nannte mir gerne die Adressen der ehemaligen „Kollegen“, auch die meines Peinigers. Weil ich die soooo gerne mal besuchen möchte….

Tante Google zeigte mir eine gepflegte Wohngegend in Hannover, zeigte mir ein stattliches Gebäude als Wohnsitz meines Peinigers. Heute – nach meinem Besuch – ist das Haus in Google Maps unkenntlich gemacht. Was natürlich sinnloser Quatsch ist, denn die Nachbar­gebäude sind unverblendet und die Hausnummer ist eh bekannt.

Ich schloss mich mit zwei weiteren Opfern des feinen „Hausvaters“ kurz und an einem reg­nerischen Abend fuhren wir nach Hannover. Ich hatte mir aus dem Internet den Namen eines verstorbenen Diakons „geliehen“. Ich klingelte. Eine Frauenstimme meldete sich über die Sprechanlage, ich stellte mich als der ehemalige Diakonieschüler Schröder vor und fragte, ob sie die Frau von Bruder N. sei und wenn ja, ob der noch lebe. „Ja, mein Mann lebt noch, aber kommen Sie bitte herein!“. Der Summer gab die Tür frei, ich stand in einer kleinen Diele, mir gegenüber stand eine alte Dame, am Ende der Diele guckte ein Mann aus einem Zimmer. Unverkennbar mein Peiniger, der alte Scherge lächelte, seine Frau bat mich in’s Wohnzim­mer, „Bruder“ N. begrüßte mich freudig.

„Ich kann mich zwar nicht mehr an Sie erinnern, aber ich freue mich sehr, einen alten Kolle­gen zu sehen“ schwadronierte er. Wieder Erinnerungsaustausch, alle Namen waren mir ja geläufig, ich konnte überhaupt nicht auffliegen. Der Schweinehund mir gegenüber war trotz seines hohen Alters noch rüstig. Kein Wunder, der hatte ja nie ernsthaft arbeiten müssen. Kinder schlug er so nebenbei zusammen, wie alle seine (warmen) „Brüder“, die sich am „Frischfleisch“ nach Lust und Laune bedienten. In mir stieg die kalte Wut hoch, als ich diese Fresse wiedersah.

In einer Gesprächspause zeigte ich mit dem Zeigefinger auf meine Stirnnarbe und fragte „Erinnerst du dich an den Tag, als du mir mit dem Schuh an den Kopf getreten hast?“. Er erstarrte, seine Frau sagte „Ja aber…“, man hätte eine Stecknadel fallen hören [können] und er fragte leise „Wer sind Sie?“. In seinen Augen stand Angst, die Vergangenheit, seine schmie­rige Vergangenheit hatte ihn eingeholt.

„Du erinnerst dich genau, du Schwein, deine Augen sagen es mir, nur mein Name fällt dir nicht ein – weil du zahllose Kinder so misshandeltest wie mich!

Du spieltest Gott, Du warst dort im Kinder-KZ ja auch Gott, zwei deiner Schergen hielten mich fest, du tobtest dich an mir aus, an einem schmächtigen Vierzehnjährigen. Und als mich deine Schergen losließen und ich am Boden lag, tratest du mit dem Fuß zu, meine Stirn platzte auf und das Blut lief in meine Augen. Von der alten H. weiß ich, dass du Schwein Krebs hast. Verrecken sollst du Vieh, verrecken wie ein Hund!“

Er stand auf, stand sprachlos da, fixierte mich und sagte leise „Aber man muss doch auch mal vergessen können, das ist doch schon sechzig Jahre her…“

In meinem Kopf sprang ein Schalter um, ich schlug ihm mehrfach mit den Fäusten in’s Gesicht, er wich zurück, fiel rücklings auf’s Sofa, seine Nase blutete. Sie kreischte „Aufhören, aufhören….!“ „Das hättest du deinem Schwein damals auch zurufen sollen, wenn er Kinder prügelte. Ihr ekelhaftes Gesindel, ihr verfluchten Kinderschinder!“

Dann ging ich aus dem Haus, ging zu meinem Auto, konnte nicht sprechen, meine Begleiter ließen mich eine Zeit lang in Ruhe und dann fragte einer leise „Und…?“  „Ihm läuft das Blut über die Fresse wie damals mir und euch – und mir geht es innerlich unsagbar gut“.  „Der holt die Bullen“.  „Der holt keine Bullen, denn der weiß, was dann in den Medien abgeht“, sagte ich.

So war es auch, der verlor kein Wort über meinen abendlichen Besuch. Mir war unsagbar wohl, eine unsagbare Last war mir von der Seele gefallen. Aber der Triumph lag in dem Wissen, daß sich dieser elende Kinderschinder vor Angst fast in die Hose gemacht hatte. Er erlebte erstmals, wie sich ein wehrloser Mensch fühlt, wenn er geschlagen und gedemütigt wird. Das Menschsein zu verlieren ist grausam – und der Kinderschinder erlebte es in seinem eigenen Haus! Von seiner Allmacht war nichts mehr da, eines seiner Opfer hatte ihn zum Opfer gemacht, seine Welt brach zusammen.

Monate später erlebte ich bei einer weiteren Rechnungslegung ähnliche Verhaltensweisen früherer Täter aus dem Kreis der Diakonie. Wenn wir sie stellten und als das bloßstellten, was sie waren, knickten sie ein, wurden hilflose Kreaturen, denen die pure Angst in den Augen stand, einer stand mit nassen Hosen da. Tat ihm mehr weh als die Schläge in die Fresse.

Viel erstaunlicher waren allerdings die Reaktionen der noch lebenden Ehefrauen. Die zeterten und kreischten wie Perlhühner, kamen mit „… ist doch alles Lüge, ihr wollt doch nur Geld! Mein Mann war immer anständig zu euch Pack!“ Wahrheiten wurden verdrängt, werden von den noch lebenden Tätern immer noch verdrängt. Heimkinder waren und sind für diese Dia­ko­nieschergen einfach PACK! Ich vermute, daß diese (Un)Menschen nur so mit ihrem Gewis­sen zurechtkommen, denn ich stellte immer wieder fest, dass diese Kanaillen genau wussten, was sie an Unrecht lieferten.

Seit meiner „Auge um Auge“ – Aktion ging es mir seelisch gut, leider entkamen mir drei dieser menschlichen Ungeheuer, die im Namen ihres Gottes prügelten und vögelten – und uns sonntags in die Kirche ihres Diakonie-Kinder-KZ’s führten. Und sich abends wieder Opfer holten, die sie vergewaltigten und ihnen anschließend erklärten, dass sie, die Kinder, doch einfach Dreck wären. Deshalb seien sie ja schließlich hier, im Heim. AMEN…«[15]

Wer vergibt ist der Gebende.

Er wird dadurch stärker als der Schuldige, der ihm etwas schuldig bleibt, nämlich die tätige Reue. Erst danach kann man wieder auf Augenhöhe kommen.

Das haben die Kirchen nicht kapiert, der Staat auch nicht.

Fußnoten


[1] Graphik: Gespiegelter Scan, Roland Topor https://de.wikipedia.org/wiki/Roland_Topor

[2] Dies sind die von mir anders montierten Zitate aus dem Bericht von Erich Kronschnabel. Ich hatte ihn nach der Lektüre von Sloterdijk darum gebeten, weil ich darin einen weiteren Zugang zu Kronschnabels Art gesehen hatte, mit seinem Schicksal als gedemütigtes, vergewaltigtes ehemaliges Heimkind umzugehen. Wir sind seit langer Zeit in Mailkontakt, manchmal auch per Telefon. Wir schätzen und vertrauen einander. Nur zwei Links von vielen: https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/01/14/hass-ist-eine-menschliche-emotion-scharfer-und-anhaltender-antipathie/  https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/06/27/wie-unfein-erich-spricht-klartext-ueber-die-diakonie-konzentriert-und-schlagkraeftig/

Sein Originalmail ist für den interessierten Leser unten wiedergegeben.

[3] Die folgenden Zitate aus: Peter Sloterdijk, Zorn und Zeit, Frankfurt 20081.

[4] Im Unterschied zu Sloterdijk folge ich hier der „klassischen“ Tieck‘schen Übersetzung von „Μῆνιν [= Zorn] ἄειδε θεὰ Πηληιάδεω Ἀχιλῆος“.

[5] https://dierkschaefer.wordpress.com/2018/11/29/wenn-der-landesbischof-zum-trigger-wird-und-dann-auch-noch-meister-heisst/

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/06/27/wie-unfein-erich-spricht-klartext-ueber-die-diakonie-konzentriert-und-schlagkraeftig/

[6] https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/07/10/die-sache-mit-gott-werden-wir-in-diesem-leben-wohl-nicht-mehr-gebacken-kriegen/

[7] Selbstjustiz ist ein weites, hier nicht abzuschreitendes Feld. Genannt sei nur die Ohrfeige von Beate Klarsfeld für den „furchtbaren Juristen“ Filbinger; er wurde erkennbar an der Kirchentür zu Villingen verewigt (https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/5527357060/in/photolist-9qrgvJ-9qo93p-9qr9FE-9qo56X-9qrehL-9qo6Fk-9qoaEa-9qrgby) oder Marianne Bachmeier, die den Mörder ihrer Tochter im Gerichtssaal erschoss. „Ich wollte ihm ins Gesicht schießen. Leider habe ich ihn in den Rücken getroffen. Hoffentlich ist er tot“. https://www.ndr.de/geschichte/chronologie/Die-Rache-der-Marianne-Bachmeier,mariannebachmeier101.html . Zu Selbstjustiz zähle ich auch die sogenannten Ehrenmorde, bis hin zu politisch motivierten Angriffen und Morden.

[8] https://de.wikipedia.org/wiki/Blutrache

[9] Damit war Kronschnabel gemeint.

[10] Auszug aus einem Interview mit einem Heimopfer. Die Aussage dieses Mannes, der hier nicht genannt werden soll, liegt mir komplett vor.

[11] Paul Beck, Oberländer Spitzbuben-Chronik, zitiert aus: Michael Barczyk, Die Spitzbubenchronik, Oberschwä­bische Räuberbanden – Wahrheit und Legende, Ravensburg, o.J., S. 102

[12] https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/01/14/hass-ist-eine-menschliche-emotion-scharfer-und-anhaltender-antipathie/

[13] https://dierkschaefer.wordpress.com/?s=abgebr%C3%BCht

[14] vom 21.03.2020

[15] Mail vom 19.03.2020, keine inhaltlichen Veränderungen, eine [Ergänzung]

Lauter Zuständigkeiten, welch ein Zustand! Der Anstand bleibt auf der Strecke.

Wer den epd-Bericht über den »Beauftragtenrat, der sich mit sexualisierter Gewalt im Umfeld der Kirche beschäftigen soll«[1] liest, kommt aus dem Staunen nicht heraus, wenn er kein Insider ist, also die Interna der EKD und ihrer unabhängigen Landeskirchen nicht kennt, auch nicht die Unterschiede zwischen der „verfassten“ Kirche und ihrer Sozialkonzerne, die mit dem Sammelbegriff Diakonie auch nur unzureichend abgebildet sind.[2]

Als Insider weiß man, warum Opfer des sexuellen Missbrauch in kirchlichen Zusammenhängen sich fragen: »„Warum werde ich lediglich an die jeweilig zuständige Stelle der Landeskirche verwiesen, in der mir der Missbrauch angetan wurde?“« –  Das gilt besonders für Entschädigungsfragen, »für die jede Landeskirche … eben selbst … in ihren diskreten Verfahren zuständig [ist].«

»Detlev Zander … hofft, dass er die Gelegenheit hat, den Synodalen ins Gewissen zu reden – und damit echtes Verständnis erfährt«. Das ist sein Anspruch. Ich denke nicht, dass er so naiv ist und meint, sich damit durchsetzen zu können.

Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg, sagt man.

So könnte die EKD als Versammlung der einzelnen Landeskirchen und ihrer Sozialkonzerne unter diplomatischer Berücksichtigung aller Eitelkeiten Zanders Vorschlag für die Anlaufstelle folgen: »Psychologen und Juristen müssten die Geschichten der Anrufenden gleich anonym aufnehmen.«

Dazu müsste allerdings die Anlaufstelle finanziell und personell gut ausgestattet werden. Sie müsste vor allem tatsächlich und erkennbar von jedem denkbar kirchlichen Einfluss unabhängig sein. Im Hintergrund müssten sich die Landeskirchen und kirchlichen Verbände auf einen Entschädigungsrahmen einigen und dafür eine Entschädigungsstelle einrichten, an die die Anlaufstelle im anonymisierten Verfahren aus ihrer Kenntnis des jeweiligen Falls Forderungen stellen kann. Das setzt Vertrauen voraus. Doch warum sollen nur die Betroffenen einer Anlaufstelle und ihrem Personal vertrauen?

Das Ganze müsste nach dem „front-office-“ und back-office“-Prinzip laufen. Wer sich bei der Anlaufstelle meldet, hat nur einen und immer denselben Verhandlungspartner, der gegebenenfalls noch einen psychologischen Beistand vermittelt, sonst aber alle Hintergrundfragen klärt, so dass der Betroffene nicht mit den kuriosen kirchlichen Zuständigkeiten behelligt wird, die nur als Hinhaltetaktik verstanden werden.

In einer Art gentlemen‘s agreement müssten dann die einzelnen Landeskirchen und anderen kirchlichen Einrichtungen, in deren Bereich und Verantwortung die Missbrauchshandlungen fallen, den Entscheidungen zustimmen, die von übergeordneten Stellen getroffen sind, die aber offiziell keine übergeordneten Stellen sein dürfen.

So könnte man‘s machen. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.

Ich habe gelernt, dass wo Widerwille ist, es auch Widerstand gibt – und habe nicht sehr viel Hoffnung.


[1] Zitate aus: https://www.evangelisch.de/inhalte/162004/04-11-2019/sexueller-missbrauch-der-evangelischen-kirche-und-was-getan-wird-im-jahr-2019-bis-zur-ekd-synode Gleich der Auftakt offenbart das Dilemma dieser Kirche, wenn man von ihr überhaupt im Singular sprechen mag: »Sieben Menschen aus hohen Positionen in Landeskirchen und aus der Diakonie bilden seit der EKD-Synode 2018 den Beauftragtenrat, der sich mit sexualisierter Gewalt im Umfeld der Kirche beschäftigen soll. Im Juni 2019 traten sie zum ersten Mal gemeinsam im Kirchenamt der EKD in Hannover auf. Kirsten Fehrs, die Sprecherin des Rates ist, war stolz, dass sie einen Flyer präsentieren konnte. „.help“ – eine Anlaufstelle für Betroffene sexualisierter Gewalt.- Kerstin Claus, aus dem Betroffenenrat des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauch (UBSKM), war auch auf diese Pressekonferenz geladen. Sie stand vor der versammelten Presse und sagte, sie sehe diesen Flyer zum ersten Mal. Betroffene seien in die Ausgestaltung der Anlaufstelle für Betroffene nicht einbezogen worden.«

[2] Sollte sich jemand für Details interessieren, sei auf die Abschnitte „Dienstleistungspartner Kirche“ und „»Landeskirchen«?“ meiner Darstellung im Pfarrerblatt verwiesen: http://www.pfarrerverband.de/pfarrerblatt/index.php?a=show&id=4529 Mein Essay blieb ohne jeden Kommentar. Dieses Thema ist – positiv gewendet – unter meinen Kollegen nicht kontrovers.

Aktueller Nachtrag

„Kirchenjurist Blum zu Missbrauch: Debatte um Entschädigung wäre verkürzt“. Die frische Meldung von https://www.evangelisch.de/inhalte/162426/12-11-2019/kirchenjurist-blum-zu-missbrauch-debatte-um-entschaedigung-waere-verkuerzt  macht deutlich, dass finanzielle Interessen überwiegen, doch hinter Geschwafel verborgen werden: »„Entschädigung ist genau nicht, was wir als Institution leisten können“. Man WILL also keine Entschädigung leisten und setzt auf bewährte Ausweichmethoden: „Statt von Entschädigung spricht die evange­lische Kirche von Anerkennungs- oder Unterstützungsleistungen, über die man sich mit den Betroffenen im Einzelfall verständigen will.“ Die Einzelnen werden über den jeweiligen landeskirchlichen Tisch gezogen. Sie werden vereinzelt, bekommen keinen Rechtsanwalt, keinen Anspruch, sondern Almosen für ihre Bedürftigkeit. Ihnen gegenüber werden nicht Einzelne sitzen, sondern mehrere ausgebuffte Kirchenjuristen mit klarem Auftrag: Es so billig wie möglich zu machen.

Wenn nur die Heuchelei nicht wäre: »Blum sagte, die Forderung nach Zahlungen in diesen Größenordnungen führe zwangsläufig zu Auseinandersetzungen über die Beweisbarkeit. Das seien genau die Verfahren, „die die Betroffenen über lange Zeit stark belasten und retraumatisieren würden“«. Rücksichtnahme zahlt sich aus. Einfach widerlich!

Zeitvergleich

Geschichte wiederholt sich nicht – so heißt es. Doch es gibt merkwürdige Parallelen.

Heute sehen wir einen Artikel aus der Frankfurter Zeitung vom 01.11.1929.[1] 90 Jahre ist es her, dass diese Zeitung eine detaillierte Analyse des Aufstiegs der Nazi-Partei vorlegte. Vier Jahre später galt keine Pressefreiheit mehr, war alles gleichgeschaltet zu einer Nazi-Lügen­presse.

Schnuppern wir doch kurz die Luft der damaligen Freiheit:

»der Kern der Wählerschaft hat an der guten demokratischen Tradition des Landes festgehal­ten; nur ein – allerdings ansehlicher – Bruchteil ist der nationalsozialistischen Werbung wider­standslos erlegen, nämlich der Teil der Bauernschaft und des Bürgertums, den Kriegsende, Umwälzung und Inflation politisch aus dem Gleise geworfen und derart direktionslos gemacht haben, daß er, verstärkt durch wirtschaftlich Unzufriedene aller Art, seit zehn Jahren von Wahl zu Wahl anderen Phantomen nachjagt.« » Für den [badischen] Landtag bedeutet der Einzug der Nationalsozialisten eine Vermehrung der Elemente, die sich weigern, überhaupt fair mitzuarbeiten, die die Aufgabe des Landtags nicht fördern, sondern von innen heraus sabotieren wollen. Zu den fünf Kommunisten kom­men sechs Nationalsozia­listen; ein volles Achtel des Landtags wird damit aus Abgeordneten gegen den Landtag bestehen. Sie treiben ein unehrliches Spiel, indem sie trotzdem die volle Gleich­berechtigung mit den andern Parteien in Anspruch nehmen – die ihnen selbstver­ständ­lich gewährt werden wird –, wie es auch unehrlich ist, selbst einen Staat des Zwanges, der bruta­len Vergewalti­gung aller Andersdenkenden zu propagieren und gleichzeitig laut zu lamen­tieren und vor Entrüstung außer sich zu sein, wenn der bestehende Staat sich gegen ihre Wühlarbeit mit sehr zahmen Mitteln zur Wehr setzt.«

Zeitsprung

»Wo die NSDAP erfolgreich war, ist es heute die AfD. Das erklärt natürlich nicht den ganzen Wahlerfolg der AfD. Aber es ist ein wichtiger Faktor, ähnlich wichtig wie andere Erklärun­gen, die man bislang oft hören konnte:  Arbeitslosigkeit, Verlust von gut bezahlten Jobs im Industriesektor, Unsicherheit wegen der Zuwanderung.«[2] »Was die beiden Parteien gemein­sam haben, ist, dass sie offensichtlich Menschen mit ihren rechtspopulistischen Denkweisen ansprechen, mit relativ schnellen und national gefärbten Lösungen für Probleme und Krisen der Zeit, mit ihrem Insider-Outsider-Denken.«

Dies ist die eine Seite des Problems und seiner Parallelen. Die weiteren Details sollte man den angegebenen Artikeln entnehmen. Dann sieht man auch, dass ein 1:1 Vergleich nicht funktioniert.

Doch auf der anderen Seite des Problems haben wir wieder eine Parallele.

Vor 90 Jahren schrieb die Frankfurter Zeitung: »Die Empfänglichkeit weiter Volkskreise für die nationalsozialistische Agitation könnte nicht so groß sein, wenn die Republik die volle Ueberzeugungs- und Anziehungskraft entfaltet hätte, die gerade einer auf dem demokrati­schen und sozialen Prinzip aufgebauten Institution innewohnen muß. Deshalb muß der Nationalsozialismus der Republik ein Stachel zur Selbstkritik sein; die Republik ist robust genug, um solche unablässige Selbstkritik ertragen zu können.«

Die Überzeugungs- und Anziehungskraft unserer Demokratie ist im Sinken und als enttäusch­ter/empörter Bürger könnte man geneigt sein, mancher AfD-Argumentation zu folgen – wenn es nicht die AfD wäre. Unsere Funktionseliten haben ihre Glaubwürdigkeit weitgehend verloren durch zahlreiche Skandale. Es sind ja nicht nur die Großbauprojekte, die merkwürdi­gerweise nicht von der Stelle kommen, es ist nicht nur der Zustand unserer maroden Infra­struktur, bei dem man sich fragt, wo die Steuergelder hingeflossen sind. Es ist vor allem die Kumpanei mit Wirtschaft und Industrie geschmiert durch die Lobbyvertreter, genannt sei hier nur die Autoindustrie, die gerade durch ihre Betrügereien dabei ist, unsere Wirtschaft gegen die Wand zu fahren. Transparenz in diesen Dingen ist Tabu und die „Abgeordnetenwatch“ ein böser Bube.

Unser Gemeinwesen wird von zwei Seiten bedroht: Von seinen Vertretern, die gekonnt auf der Klaviatur gesetzlicher Möglichkeiten spielen – und dabei auch manchmal falsch spielen. Ihnen muss man auf die Finger hauen und sie bei den Wahlen abstrafen – wenn es da denn Alternativen gibt. Die erklärten Gegner unserer menschenrechtsbegründeten freiheitlichen Lebensweise sind Feinde dieses Staates und der Mehrheit der rechtlich Denkenden. Hier müssen unsere Staatsorgane mit allen rechtlichen Möglichkeiten durchgreifen bis hin zum Parteienverbot. Es wird Zeit. 1929 hatte man nur noch vier Jahre bis zur Machtergreifung der Feinde der Menschheit.


[1]Zitate aus :  https://www.faz.net/aktuell/politik/historisches-e-paper/historisches-e-paper-nsdap-erstmals-im-badischen-landtag-16402663.html

[2] Die gegenwartsbezogenen Zitate sind entnommen aus: https://www.zeit.de/politik/deutschland/2019-02/afd-waehler-rechtsextremismus-nsdap-gemeinden-milieu/komplettansicht

Todessehnsüchtige junge Männer[1]

Posted in Kriminalität, Kriminologie, Kultur, Medien, Moral, News, Psychologie, Soziologie, Täter, Terrorismus, Tod by dierkschaefer on 12. Oktober 2019

Sie lieben den Tod. Er soll sie groß machen und über ihre dürftige Existenz hinwegheben.

[2]

In der Erklärung der Motive von Amoktätern sind wir schon weiter. Eine vermeintliche oder tatsächliche Kränkung ist der Ausgangspunkt ihrer Rache, möglichst an denen, die sie für schuldig halten. Im Fall der Amoktäter ist es meist ihre persönliche Umwelt: die Schule, in der sie versagt haben.[3]

Die Kriminologin Britta Bannenberg nennt als Persönlichkeitsmerkmale[4]:

Täterpersönlichkeit 1

  • Ängstliche stille Kinder
  • Aufmerksamkeitsprobleme
  • In der Grundschule bereits: Angst vor Gleichaltrigen, Lern- und Konzentrationsschwierig­keiten („Träumer“)
  • Später „verstummt“, starren im Unterricht vor sich hin, Versetzungen aus Mitleid und als Belohnung für Wohlverhalten

Täterpersönlichkeit 2

  • Rückzüglich, still, nicht aggressiv auffällig
  • Verdacht oder Diagnose erheblicher Persönlichkeitsstörungen (narzisstische Persönlichkeits­störung – depressive Phasen abgelöst von starken Hass- und Rachephantasien; Schwelgen in der Tatplanung)
  • Die Täter wissen, dass etwas nicht mit ihnen stimmt (Hinweise, etwa Faltblatt …)

Täterpersönlichkeit 3

  • Tagebücher, Aufzeichnungen, Äußerungen gegenüber Mitschülern, Gleichaltrigen …
  • Einzelgänger – täuscht teilweise, da in der Schule zwingend Kontakt
  • Äußerungen zu Suizid, Amok, großem Abgang … „ich werde es tun und nehme noch jemanden mit!“

Täterpersönlichkeit 4

  • Unangemessene Kränkbarkeit – sie fühlen sich gemobbt, werden aber nicht gemobbt
  • Hass, Ablehnung anderer, Rache – scheint nie nachvollziehbar und aufgesetzt
  • Pubertäre Probleme vermischt mit grandiosen Ideen eigener Gewalt
  • Zum Teil lange Tatplanung, Todeslisten, gedankliche Vorwegnahmen der Tathandlungen (die zum Teil auch ausgeführt werden) – sich steigernde Phasen

Täterpersönlichkeit 5

  • Probleme im Umgang mit Mädchen und Sexualität – aus Schüchternheit und Wünschen nach Beziehungen wird Ablehnung und Hass
  • Eltern wissen oder ahnen,
  • dass ihr Sohn psychische Probleme hat, unternehmen aber nichts
  • Lehrer bemerken Probleme nicht (unauffällige Schüler) oder sehen aus Hilflosigkeit über die schlechten Leistungen der verstummten Schüler hinweg

„Es scheint mir beim Phänomen Amok im Wesentlichen um Suizid (Bilanz-Suizid) zu gehen, allerdings mit oft gezielt-aggressiv-tödlicher „Mitnahme“ Anderer. Motiv oft: Vom nobody zum somebody![5]

Die gilt nicht nur für Amoktäter,

sondern auch für

  • die aktuellen Terrorangriffe [6]
  • für Prominenten-Stalking mit Tötung
  • für Kriegsbegeisterung

Bleiben wir bei den aktuellen Terrorangriffen mit vermeintlichen Feindbildern, vermeintlich, weil auf mehr oder weniger kollektiven Mythen aufsitzend. Die Täter sind nicht in erster Linie Antisemiten[7] oder Hasser des westlichen Lebensstils. Sie greifen nur die in ihrer Phantasiewelt gängigen Mythen und Schuldzuweisungen auf, um ihr Ungenügen und ihren Hass zu begründen.[8]

Helene Bubrowski und Constantin van Lijnden beschreiben «ein Radikalisierungsprogramm für erfolg- und orientierungslose junge Männer. … „Im Tod haben Mitglieder von Project Mayhem einen Na­men“, heißt es im Film Fight Club, wo ori­entierungslose junge Männer sich unter Aufgabe ihrer Individualität für Zerstö­rungs­aktionen gegen die Gesellschaft zu­sammen­schließen, um ihrem Leben einen Sinn zu geben – wer dabei umkommt, den ehren die Ver­bliebenen, indem sie ihn wie­der als Person anerken­nen statt als bloße Nummer….

Doch bald wird er [B.] sich dort buchstäb­lich einen Namen machen. Bald, wenn er erst genügend Juden ermordet hat und schließlich selbst getötet wird, werden die anderen Anons[9] wissen, wie er wirklich heißt, und werden ihm einen Platz einräu­men neben den anderen „Heiligen“« [Doch er hats verkackt:] »Sein Plan zerrinnt ihm in den Händen, als er die Tür zu seinem Anschlagsziel, einer Synagoge in Halle, verschlossen findet und stattdessen zu­nächst wahllos eine Passantin und so­dann einen Mann in einem Dönerladen erschießt. „ER VERSAUTS TOTAL, AA-AHHH Ist das unbeholfen“, schreibt ein „Anon“, der das Video live betrachtet, … „Oh man, das ist wie eine Slap-stick-Komödie“, meint ein anderer.« [10]

Bubrowski und van Lijnden erwähnen auch den sexuellen Aspekt. Auf B. warten, ähnlich wie auf die Märtyrer im islamischen Paradies, Frauen: »in seinem Manifest fabuliert er von sexuell gefügigen japanischen Animefiguren, die ihn nach seinem Tod in „Valhalla“ erwarten würden, sogenannten „Wai-fus“. Der Begriff ist eine Verballhornung des Englischen „Wife“ (Ehefrau) und bringt die ganze traurige Einsamkeit der In­cels[11] auf einen Punkt: Die „Waifus“, an de­ren Seite sie sich imaginieren, sind in ihrer Vorstellung ein Leben lang treue, hinge­bungsvolle, „echte“ Frauen, von denen sie mit großen Augen angehimmelt werden, die es aber auch mit gönnerhafter Fürsorge zu behandeln gilt. So verklärt und aus der Zeit gefallen dieses Frauenbild wirkt, so verquer sind auch die Vorstellungen dar­über, wie man sich die Gunst seiner „Wai-fu“ zu verdienen habe: Wie ein „echter Mann“ nämlich, im mutigen und siegrei­chen Kampf mit dem Feind, den Juden. Das alles mag vollkommen bizarr klin­gen, ist aber letztlich nur das Produkt von geringer Sozialkompetenz und niedrigem Selbstbewusst­sein[12], die in digitalen Echo­kammern über Jahre verstärkt, mit frauen- und fremdenfeind­lichen Vorstellungen an­gereichert und schließlich zur mörderi­schen Reife gebracht werden.«

Wie bei manchen School-shootings gibt es auch von diesen Hass-Tätern Manifeste, die sie hinterlassen oder schon vor der Tat ins Netz stellen. Oder sie zwingen uns neuerdings gar per Webcam beim Angriff die Tat mit ihren Augen zu sehen.

Im Hintergrund haben wir in der Regel jedoch sich selbst bedauernde Individuen, die den großen Abgang planen. Den sollten wir ihnen nicht gönnen, sondern in den Medien ihre Erbärmlichkeit in den Vordergrund stellen, in der Hoffnung, dass dies mehr abschreckt als die ins Auge springende fürchterliche „Großartigkeit“ ihrer Taten. Es sind im Grunde arme, gekränkte „Würstchen“, in den Tod verliebt, der ihnen die Größe verleihen soll, die ihnen – wie sie meinen – zusteht.


[1] Zweite, erweiterte Auflage

[2] Arnold Böcklin, Die Pest

[3] Amok als Form der Kommunikation

Finale Kommunikation / Schlussabrechnung

  • Jugendliche – School-shoting
  • Familientragödien

[4] Britta Bannenberg, Amoklauf – Kriminologische Erkenntnisse über ein spezielles Phänomen von Tötungsdelikten

[5] Ausführliche Literatur beim Verfasser

[6] Dazu sollte auch der „Todesflieger“ gezählt werden https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/03/28/das-lachen-der-tater/ Dazu auch: https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/03/24/manner-morden-lachelnd/

[7] Remko Leemhuis schreibt auf Twitter: Die Mutter des Terroristen von #Halle: „Er hat nichts gegen Juden in dem Sinne, er hat was gegen die Leute, die hinter der finanziellen Macht stehen. Wer hat das nicht?“

[8] Thomas-Theorem: „If men define situations as real, they are real in their consequences“

Wenn Menschen Situationen für real halten, dann sind sie in ihren Konsequenzen real. https://de.wikipedia.org/wiki/Thomas-Theorem

[9] Anons, die noch Anonymen

[10] FAZ, 12.10.2019, S. 3

[11]»„Incels“ nennen sich dort Nutzer, die keine Frauen abbekom­men, von „involuntary celibacy“, ungewoll­tes Zölibat. Zu ihren Merkmalen zählen weinerliches Selbstmitleid bei gleichzeiti­gem Selbsthass und ein unerfülltes An­spruchsdenken gegenüber Frauen, das schnell in Vergewaltigungs- oder Gewalt­fantasien umschlägt.« FAZ, 12.10.2019, S. 3

[12] Dirk Lorenz schreibt auf Twitter: »Die Frage nach psychologischen Motiven stellt sich tatsächlich niemand, soweit ich das sehe. Dabei wurden im Haus des Täters mehrere Zettel mit der Aufschrift „Niete“ gefunden. Er selbst nannte sich in der Videoübertragung „Verlierer“. Think about it.«

Die Katholische Kirche setzt Maßstäbe – in zweierlei Hinsicht

»Bei der Bischofskonferenz in Fulda ist von Entschädigungssummen bis zu 400tausend Euro die Rede.«[1] Das ist wahrhaft spektakulär – aber noch nicht amtlich im Detail. Zu den nicht unwichtigen Finanzfragen weiter unten.

Wichtiger erscheint mir, dass zum ersten Male von einer Entschädigung für erlittenes Unrecht gesprochen wird. Beide Begriffe gehören zusammen. Bisher gab es Kompensationszahlungen für die Übergriffe einzelner Funktionskatholiken[2]. Gedacht sind diese Zahlungen für die Auswirkungen der Vergehen – man sollte von Verbrechen reden, die ursächlich sind für eine heutige wie auch immer prekäre Lage der Opfer. Die Opfer sprechen von Almosen, ohne Rechtsanspruch, oft verbunden mit Schweigeverpflichtungen.

Wenn nun die Kirche dezidiert von Unrecht spricht, dann hat das Rechtsqualität, der nicht mehr nur mit Almosen zu begegnen ist. Hiermit werden diese Opfer erstmals auf Augenhöhe wahrgenommen. Aus Bittstellern sind Anspruchsberechtigte geworden. Endlich!

Dieser längst fällige Schritt der katholischen Kirche setzt meine Kirche, die evangelische Kirche unter Druck, ihm zu folgen – ich hoffe, sie tut es.

Ein Schritt, der die Opfer ins Recht setzt hat auch psychologische Wirkungen. Es ist bekannt, dass viele Missbrauchsopfer dermaßen traumatisiert sind, dass sie sich nicht melden, um nicht die Verwundungen wieder aufreißen zu lassen. Sie scheuen auch den Antragsweg, der ihnen auferlegt, ihre Geschichte jemandem anzuvertrauen und nicht zu wissen, ob ihr Schicksal verstanden wird, insbesondere, wenn sie argwöhnen müssen, dass das Personal, an das sie geraten, kirchlich beeinflusst ist oder gar völlig unsensibel. Die neue Rechtsposition könnte ihnen den Rücken stärken, damit sie hervortreten, auf ihr Recht pochen und damit zugleich den Opferstatus abwerfen. „Ich brauche mich wegen meiner Geschichte nicht zu schämen. Was ich erlebt habe, ist vor aller Welt als Unrecht anerkannt.“[3]

Dabei ist noch an weiteres kirchlich zu verantwortendem Unrecht zu denken. Es sind ja nicht nur die sexuell Missbrauchten. In den kirchlichen Erziehungseinrichtungen geschah vielfach Unrecht auch nichtsexueller Art. Kinder wurden gedemütigt, misshandelt und ausgebeutet. Vielen wurde eine ihren Fähigkeiten angemessene Bildung und daraus folgend Ausbildung verwehrt. Am Runden Tisch der unsäglichen Frau Vollmer wurde ihnen ein Platz auf Augenhöhe vorenthalten. Sie wurden als bemitleidenswerte Opfer mit Almosen abgespeist.[4]

Dieses Kapitel ist neu aufzurollen. Auch hier ist Unrecht als solches zu benennen, auch hier muss angemessen entschädigt werden.[5] Dies eröffnet zudem neue Horizonte. Denn das Unrecht begann häufig mit der Einweisung durch die Jugendämter, setzte sich zuweilen fort durch die Einstufung normal-intelligenter Kinder als „geistig-behindert“. Fast durchgängig vernachlässigte der Staat[6] seine Aufsichtspflicht. Es war also nicht nur ein kirchliches Versagen im Erziehungsauftrag, sondern auch ein staatliches. Mögen die Kirchen also für diese Fälle den Staat in die Mithaftung nehmen, dann wird’s billiger.

Nun zum Detail, in dem der Teufel zu stecken pflegt.

Da ist von zwei verschiedenen Möglichkeiten der Entschädigung die Rede.[7]

Bislang gab es für die Opfer pauschal 5tausend Euro in Anerkennung des erlittenen Leides.

Nun schlägt eine Arbeitsgruppe der Bischofskonferenz in Fulda zwei Modelle vor:

Entweder eine Entschädigungssumme von 300tausend für jeden Betroffenen, oder ein gestaffeltes System mit Zahlungen zwischen 4tausend und 400tausend. Eine Mischform scheint nicht vorgesehen. So wird es wieder auf Einzelfallösungen hinauslaufen. Jeder Betroffene muss nicht nur das erlittene Unrecht belegen, sondern auch den Zusammenhang zwischen diesem Unrecht und den fortdauernden Auswirkungen.

Damit sind wir wieder bei dem, was ich schon vor acht Jahren die Bordellisierung missbrauchter Kinder genannt habe.[8]

Dennoch: Die katholische Kirche ist einen bedeutenden Schritt vorangekommen, hoffentlich hält sie durch, auch es auf geschätzt eine Milliarde Euro kommen dürfte.


[1] https://www.sueddeutsche.de/politik/missbrauch-kirche-entschaedigung-1.4615849?reduced=true

[2] Man verzeihe mir diesen unschönen Ausdruck. Gemeint sind Männer und Frauen in Diensten der katholischen Kirche, die als Priester, Ordensangehörige oder Lehrer sich an schutzbefohlenen Kindern und Jugendlichen vergangen haben. Zur Zeit wird in diesem Zusammenhang besonders an sexuelle Übergriffe gedacht.

[3] Photo: https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/2515968357/

[4] Ich will mich nicht ständig wiederholen: Dieser Blog ist voll von Heimkinderangelegenheiten und dem Runden Tisch, der von Beginn an auf Betrug angelegt war. https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/01/03/der-runde-tisch-heimerziehung-ein-von-beginn-an-eingefadelter-betrug/

[5] Die Medien sprachen und sprechen unisono bei Zahlungen an ehemalige Heimkinder stets von Entschädigungen. Sie scheinen bis heute nicht kapiert zu haben, dass es erklärtermaßen keine Entschädigungen sein sollten, weil es sonst einen Rechtsanspruch gegeben hätte.

[6] Mit Staat sind hier alle involvierten staatlichen Einrichtungen gemeint, egal auf welcher Verwaltungsstufe.

[7] Diese Angaben sind entnommen aus https://www.sueddeutsche.de/politik/missbrauch-kirche-entschaedigung-1.4615849?reduced=true

[8] https://dierkschaefer.wordpress.com/2011/05/27/die-bordellisierung-misbrauchter-kinder/

Missbrauch mit dem Missbrauch?

Die Frage kehrt immer wieder und jeweils sind die Fronten verhärtet. Wer sich dazu äußert, wird sehr schnell und voreilig einer der beiden Seiten zugewiesen.

»Sehr geehrter Herr Schäfer, mir wurde zugetragen, dass Sie immer noch auf Quellen – Texte in ihrem Block –  verweisen, die verleumderische Informationen über eine vermeintliche Zusamnenarbeit von Zartbitter mit Prof. Fürniss enthalten.«[1]

Ein anonymer Zuträger also oder eine Zuträgerin. Auch kein konkreter Bezug auf meinen Blog. Erinnert mich an asymmetrische Verhörtechniken: Sie wissen schon, was man Ihnen vorwirft. (Nun ja, ich ahnte es schon: »Ich vermute, Sie beziehen sich auf diesen Passus in meinem Blog: „Die Methoden von „Beratungsstellen“ wie Zartbitter und Wildwasser galten als unbezweifelbar, stand dahinter doch ein veritabler Professor, der in Fortbildungs­kursen auch Kindergärtnerinnen und Lehrerinnen in „Aufdeckungsarbeit“ schulte. Wenn ein Kind „anatomisch korrekte“ Puppen[10] richtig zusammensteckte und seine Zeichnungen nach Meinung der „Experten“ sexuelle Hinweise enthielten, war das ein Beleg für sexuelle Erfahrung.“ https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/11/02/politisch-korrekt-ist-dieses-buch-ganz-und-gar-nicht/ «)

Ich ahnte es, aber schuldbewusst bin ich nicht. Und ohnehin: Sehr seriös tritt die Dame nicht auf. Doch es kommt noch besser:

»Sehr geehrte Frau Enders! „Darf ich daraus schlussfolgern, dass Sie sich in der Fachdiskussion gegen sexuelle Gewalt nach außen hinter der Maske des Kinderschützers verstecken, tatsächlich aber auch heute noch ein Streiter der Gegenbewegung sind?“« Diese rhetorische Frage ist natürlich eine Unverschämtheit. Aber cool bleiben: »Nein, Sie dürfen nicht. Ihre gewünschte Schlussfolgerung ist in der Diktion eine bösartige Unterstellung und in der Sache nicht zutreffend.«

Es geht also um Zartbitter. Wer dabei an Schokolade denkt, liegt wohl falsch. Photo: https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/5444245207/

Mit dem Montessori-Prozess begann der erste der großen Missbrauchsfälle. Wie die beiden folgenden, Worms und Flachslanden, fand er in den Medien ob der Monstrosität der Vorwürfe große Beachtung. Diese Fälle endeten mit Freisprüchen. Doch gerade mit Montessori blieb „Zartbitter“ in Erinnerung, blieb in Erinnerung, wie das Leben unschuldiger Menschen nachhaltig gestört, wenn nicht zerstört wurde.

Tamara Duve berichtete im SPIEGEL sehr glaubhaft, wie sie angesichts der nicht zutreffenden monströsen Anschuldigungen und ihrer Folgen ihre Voreingenommenheit beiseiteschob. »Für die Zartbitter-Frau war die Antwort des Kindes ein eindeutiger Hinweis auf sexuellen Mißbrauch durch den Erzieher Rainer Möllers, und so erklärte sie es auch der Mutter: „Entweder glaubst du dem Jungen, oder du glaubst ihm nicht. Dazwischen gibt es nichts.“ … Es war die Mitarbeiterin der örtlichen Beratungsstelle von „Zartbitter“, eine Freundin der Familie, die ihm diese Frage gestellt hatte.“«[2]

Eine Mitarbeiterin der örtlichen Beratungsstelle von „Zartbitter“ war es. Damals war nicht sonderlich bekannt, dass es verschiedene Zartbitter-Sorten gibt.

»Der erste Verein dieses Namens wurde 1986 in Münster gegründet. 1987 folgte ein Verein in Köln. Beide sind heute noch aktiv, sind aber nach Eigenangaben personell und finanziell unabhängig und arbeiten mit unterschiedlichen Konzepten. Von 1987 bis 2008 existierte noch ein gleichnamiger Verein bzw. eine Beratungsstelle in Coesfeld. Weiterhin hat ein Verein in Lauterbach von 2001 bis 2004 bestanden. Die Aufgaben sind ähnlich den Vereinen „Wildwasser“, deren erster 1983 in Berlin gegründet wurde. Jene beziehen ihre Arbeit allerdings auf den Kampf gegen sexuellen Missbrauch an Mädchen. … Zartbitter Köln e.V. distanzierte sich deutlich von der unprofessionellen Arbeitsweise des Vereins in Coesfeld und betonte, dass es keinerlei inhaltliche Kooperation der beiden Vereine gab. Der Verein Zartbitter Coesfeld hat sich 2008 aufgelöst.«[3]

Bei Zartbitter muss man also auf den Ort achten.[4] Auch eine Vermischung mit „Wildwasser“ sollte man tunlichst vermeiden. »Ich habe mit Wildwasser aber auch rein gar nichts zu tun. Sie scheinen da etwas zu verwechseln.« Das stimmt offensichtlich – allerdings sind diese Vereine – wenn auch mit unterschiedlichem Konzept – im selben Terrain unterwegs.

»Zartbitter Münster und Zartbitter Köln haben niemals mit Prof. Fürniss[5] kooperiert, sondern seine diagnostische Arbeitsweise von Beginn seiner Arbeit in Deutschland massiv kritisiert. Wir haben uns ebenso öffentlich von Zartbitter Coesfeld distanziert, die gegen unseren Protest unseren Banen „geklaut“ haben und mit Fürniss kooperierten.«

»Ich erwarte Ihre Korrektur.« Aber ja, gnädige Frau. … ich werde es in meinem Blog an der gegebenen Stelle berichtigen.

»Spiegel & co haben nach der gerichtlichen Bestätigung meiner Publikationen seit Ende der 90er Jahre nicht mehr einen einzigen Angriff gegen mich gestartet. Ich brauchte gar nicht gegen sie vorzugehen. Sie sind der erste, der den alten Mist wieder hervorgekramt hat. Ursula Enders« – »Keine Sorge, sehr geehrte Frau Enders, ich werde zwar weiterhin auf meinen Artikel verweisen, [dem „alten Mist“] aber Ihre Duftnote hinzufügen. Zudem werde ich Ihnen und unserem Mailwechsel einen ganzen Blogartikel widmen. Er ist es wert.«

Missbrauch mit dem Missbrauch? So die Überschrift dieses Artikels.

Dem ist noch ein weiteres Ergebnis der großen Missbrauchsprozesse hinzuzufügen: Der Bundesgerichtshof hat Mindestanforderungen an strafprozessuale Glaubhaftigkeitsgutachten aufgestellt. Wohl kein anderer Berufsstand hat eine vergleichbare „Würdigung“ seiner Tätigkeit erhalten. Prof. »Max Steller gehörte zu den maßgeblichen Gutachtern für das Urteil des Bundesgerichtshofs, mit denen 1999 die Standards für die Glaub­haftig­keits­begutachtung festgelegt wurden. Steller war auch führend beteiligt an den Freisprüchen in den damaligen Massen-Missbrauchs­pro­zessen.«

Sein Buch hatte ich im Blog rezensiert und dabei auch an meine Tagung erinnert: „Sexueller Mißbrauch in der Familie. Ein Vorwurf und seine Folgen.“. Hier erwähnte ich auch »Die Methoden von „Beratungsstellen“ wie Zartbitter und Wildwasser.« Das war nicht falsch, nur war es nicht Zartbitter/Köln. Doch Frau Enders führt den Frontenkrieg fort, den ich damals auf meiner Tagung erlebte: »Darf ich daraus schlussfolgern, dass Sie sich in der Fachdiskussion gegen sexuelle Gewalt nach außen hinter der Maske des Kinderschützers verstecken, tatsächlich aber auch heute noch[8] ein Streiter der Gegenbewegung sind?“«

Ein Wolf im Schafspelz, Schäfer heißt er noch dazu.


[1] Alle Zitate, soweit nicht anders ausgewiesen, sind Originalzitate aus dem Mailwechsel in diesem Monat zwischen Frau Enders und mir. Auf Wunsch stelle ich den gesamten Mailwechsel zur Verfügung.

[2] https://www.spiegel.de/spiegel/spiegelspecial/d-8955202.html aufgerufen: Montag, 12. August 2019

[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Zartbitter_(Verein) aufgerufen: Montag, 12. August 2019

[4] Das Projekt von Zartbitter/Köln beschreibt Frau Enders in https://www.zartbitter.de/gegen_sexuellen_missbrauch/images/Anhoerung_Missbrauch_Landtag_Enders_2019.pdf aufgerufen: Montag, 12. August 2019

[5] Fußnote von mir: »Ute Plass, die in Worms vom Jugendamt bevollmächtigte Wildwasser-Vertreterin, beruft sich auf Fürniss.« https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-9157906.html aufgerufen: Sonntag, 11. August 2019

[6] http://www.hrr-strafrecht.de/hrr/1/98/1-618-98.php3, Pressemitteilung: http://archiv.jura.uni-saarland.de/Entscheidungen/pressem99/BGH/strafrecht/glaubhft.html beide Links aufgerufen: Montag, 12. August 2019

[7] https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/11/02/politisch-korrekt-ist-dieses-buch-ganz-und-gar-nicht/ Links aufgerufen: Montag, 12. August 2019

[8] Fettdruck von mir.

Gott vergibt, Django nie. Gilt das auch für Missbrauch?

Kürzlich kam es bei einer Predigt zum Eklat. »Während der Ausführungen des emeritierten Pfarrers Ulrich Zurkuhlen (79) verließen zunächst ein Teil des Chores, später rund 70 Gottesdienstteilnehmer unter lautem Protest die Kirche.[1]«

Was war geschehen? Der Pfarrer gibt das so wieder:

»„So etwas habe ich in den 54 Jahren meines Lebens als Priester noch nicht erlebt.“ Er sei mit seiner Stimme nicht gegen „den schreienden Mob“ angekommen, habe seinen Standpunkt und vor allem die biblisch so wichtige Bedeutung von Vergebung nicht darlegen können. So habe etwa Jesus der Ehebrecherin und der barmherzige Vater dem verlorenen Sohn vergeben. Das sei ein Vorbild für jeden: „Wir beten ja nicht umsonst im Vaterunser: Vergib uns unsere Schuld wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“«

Unwissenheit schützt aber vor Strafe nicht. Der Kollege hatte naiv-unbedarft ein Minenfeld betreten. Er hat offenbar keinerlei Ahnung von den Auswirkungen des Missbrauchs auf das Leben der Opfer, weiß nichts von den Ängsten und Reaktionsweisen der Opfer, die – noch dazu von einem Täterkollegen – sich nicht ins Gewissen reden lassen wollen, wem und was sie zu vergeben haben. – Aber er sieht sich im Recht, spricht von „Mob“, schließlich hat er Jesus auf seiner Seite. Er kann sich offenbar nicht vorstellen, um in seiner Gedankenwelt zu bleiben, wie Opfer, im Paradies angekommen, empfinden, wenn sie dort ihren Peinigern begegnen, und vielleicht auch noch auf derselben Wolke gemeinsam Halleluja singen sollen.

So naiv darf ein kirchlicher Funktionär nicht sein. Er sollte aus der Missbrauchs- und Vertuschungsdiskussion Empathie mit den Opfern gelernt haben und sollte wissen, dass mit „Schwamm drüber“ und „Friede, Freude, Eierkuchen“, also mit billiger Vergebung die Opfer in ihrer Verletztheit nicht zu erreichen sind oder – besser noch – gegen solche Priester revoltieren.

Er kennt auch die einschlägige Fachliteratur nicht.[2] Ich zitiere:

»Angesichts vielfachen sexuellen Missbrauchs, über die Zahlen könnte man streiten, muss „man“, nicht nur der Pfarrer im Gottesdienst, darauf gefasst sein, dass es unter den Zuhörerin­nen kirchlicher, aber auch sonstwie öffentlicher Rede, missbrauchte Personen gibt, die auf der Suche nach Verständnis sind, aber zudem retraumatisierbar. Doch diese „Fallgruppe“ wird nicht erkannt und berücksichtigt. … Missbrauchte haben ein Recht nicht nur auf Zorn, sondern auch auf Hass. Dem darf man nicht moralisierend begegnen.«[3]

Der leitende Pfarrer der Gemeinde, »Rau, zeigte sich auch deshalb betroffen, „weil wir eine der ersten Pfarreien im Bistum waren, die ein Präventionskonzept verfasst und eingeführt haben. Dazu gehört auch, die Perspektive der von Missbrauch Betroffenen einzunehmen“«.

Das ist lobenswert. Man sollte überhaupt niemanden mehr auf die Kanzel lassen, der das nicht kapiert hat. Insofern gehört das Buch „Damit der Boden wieder trägt – Seelsorge nach sexuellem Missbrauch“ mit zu allen Präventionsbemühungen, auch wenn dort die Seelsorge an denen im Mittelpunkt steht, bei denen Prävention zu spät kommt.

Fußnoten††


[1] Zitate aus: https://www.kirche-und-leben.de/artikel/eklat-bei-predigt-ueber-missbrauch-und-vergebung-in-muenster/

[2] Erika Kerstner / Barbara Haslbeck / Annette Buschmann, Damit der Boden wieder trägt – Seelsorge nach sexuellem Missbrauch, 1. Auflage 2016, 240 Seiten, ISBN: 978-3-7966-1693-8,

[3] Rezension: https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/01/25/damit-der-boden-wieder-traegt-seelsorge-nach-sexuellem-missbrauch/

Photo: dierk schäfer, unter Verwendung von https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/9293646525/in/photolist-oJAxqG-g9gJpW-fafnjV-bnSxGj-bp7bwD-bp6UXa-9vSzzw-8JgXum-8JdVdn-8JespT-8Jhwcs-8Jhp79-8Jhh2L-8JebdD-8JedK2-8Jeft6-8JhuK5-bp7kSK-9pfQSv-8JegZ4

17 Jahre Knast gab es für Dieter Schulz. Nun ist er gestorben. Wie sollen wir ihm gerecht werden?

Die Leser meines Blogs kennen Dieter Schulz. In vielen Folgen erschien hier seine Autobiographie[1].

Man sagt gern umschreibend, jemand habe das Zeitliche gesegnet. Doch das Zeitliche segnen konnte er wohl kaum. Denn die Zeiten waren nicht gut zu ihm, und er hat entsprechend reagiert.

Hier mein Nachruf:

Nachruf auf Dieter Schulz [2]

Sein Leben begann am 27. Januar 1940 und endete am 12. Juni 2019.

Was er erlebte, was er machte, reicht locker für drei Leben aus, wie ich schrieb, und keines wäre langweilig.

Was jedoch – oberflächlich gesehen – spannend ist, entpuppt sich als terrible, als erschreckend.

»War es den Aufwand wert, dieses beschissene Leben vor den Bomben zu retten?!« fragt Dieter selber in seiner Autobiographie und fasst damit seine schrecklichen, uns erschreckenden Kindheitserlebnisse zusammen.

Wie kann Leben unter diesen Startbedingungen gelingen?

Dass es „funktionieren“ kann, ist bei ihm nachzulesen.

Aber wie hat es funktioniert?

Nachrufe, also Rückbesinnungen auf kriminelle Karrieren sind kein Problem, wenn es sich um bedeutende Kriminelle handelt, also um Staatmänner, Feldherren, Patriarchen, auch Firmengründer. Entweder man lässt die kriminellen Passagen weg oder man schönt sie – und wenn der Nachrufer vom selben Kaliber ist, verherrlicht er sie sogar.

Doch was ist mit den „kleinen Leuten“?

»unsereins hinterlässt nur flüchtige spuren, keine
zwingburgen, paläste, denkmäler und tempel
wie heilige, herrscher, heerführer, auch keine
leuchttürme von wissen und weisheit.

irgendwo in archiven überdauern daten
unseres dagewesenseins, – kann sein, eines tags
kommt ein forscher und ergänzt mit belanglosigkeiten
das bild unserer zeit, und wir sind dabei.«

Als „klein, aber oho“ habe ich Dieter Schulz charakterisiert. Ich denke, das trifft ihn ganz gut und er hat auch nicht widersprochen – gelesen hat er‘s. Man kann es nachlesen, demnächst in den Tübinger Schriften und Materialien zur Kriminologie. In meinem Dank für alle Beteiligten an dieser Veröffentlichung schreibe ich (und muss nun die Todesnachricht hinzufügen):

»Zuallererst danke ich Dieter Schulz für seine Autobiographie. Er hat sie als Mahnung an künftige Generationen verstanden und darin auch einen Sinn für seinen reichlich „schrägen“ Lebenslauf gesehen. Ich verwendete dafür im Mailwechsel das Sprichwort: Gott schreibt auch auf krummen Linien gerade. Aus seiner Idee einer eigenständigen Publikation ent­wickelte sich – nolens volens – eine kriminologische Fachpublikation, und Dieter Schulz musste ertragen, dass seine locker hingeschriebene und stark stilisierte Geschichte auch kritischen Augen standhalten musste mit nicht immer schmeichelhaften Schlussfolgerungen. Er hat dieses ertragen, so wie er auch – wieder nolens volens – die longue durée des Entstehungsprozesses erdulden musste, obwohl sie sich auf seine Seelenlage auswirkte: Zwischen Hoffnung und Depression. Herzlichen Dank, lieber Dieter Schulz! – Ich habe ihm diesen Dank vorweg­geschickt, obwohl noch nicht alles „in trockenen Tüchern“ ist, denn sein Gesundheitszustand ist prekär.«

Nun hat ihn wenigstens dieser Dank noch lebend erreicht.

Was bleibt von diesem Leben?

Uns bleibt seine Autobiographie als „mahnend Zeichen“, ein zum Teil schrecklicher, erschreckender aber faszinierender Rückblick.

Und seine Angehörigen soweit sie noch leben? Seine diversen Frauen? seine Kinder?

Die Frauen werden wohl kaum von seinem Tod erfahren und wohl auch nicht alle seiner Kinder. Doch wer ihn „dicht bei“ erlebt hat, kommt nicht drumherum, für sich selbst das disparate, das erschreckend/schreckliche Bild von Dieter Schulz zu würdigen, – ja, zu wür­digen! Er war ja nicht nur „der Täter“, von was auch immer. Er hat in seiner Lebensbe­schreibung auch sein Inneres offengelegt. Er konnte weinen, nachts im Bett als Heimkind, und musste am nächsten Tag wieder auf der Matte stehen, Gefühle waren tabu. Bei allen Eitelkeiten verfügte er über ein hohes Maß an Selbstreflexion, auch darin konnte er rück­sichtslos sein.

Ich möchte diesen Nachruf mit zwei seiner Idealfiguren abschließen, die ihn bestimmt haben.

Da ist zunächst seine über alles geliebte Mutter. Sie warf sich schützend über ihre Kinder, wenn Tiefflieger Jagd auf die Flüchtenden machten – da wuchs in aller Bedrohung das, was wir Urvertrauen nennen. Sie „hielt uns am Kacken“ schreibt er in seiner unnachahmlichen Drastik; im Psychologenjargon steht beides für die basic needs, für die Grundbedürfnisse. Sie versteckte ihn vor VoPo und Jugendamt, aber sie griff in ihrer Erziehungsnot auch zum Aus­klopfer oder gar Schürhaken und gerbte ihm das Fell. Eine Frau, hart gemacht durch das Leben.

Auf der anderen Seite die unerreichbare Monika, sein Schwarm aus Dönschten, einem seiner vielen Kinderheime. Er sah sie nur am Fenster und verehrte sie, wie ein Minnesänger seine unerreichbare Dame. Sie zählt zu den Adressaten, die er in seiner Lebensbeschreibung nennt. Sie soll nicht alle seiner Verirrungen lesen, um kein schlechtes Bild von ihm zu bekommen.

Wir aber haben alles gelesen und müssen sehen, wie wir auf diesen krummen Linien gerade schreiben, um ihm gerecht zu werden. Er hat es verdient.


[1] https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2017/07/inhaltsverzeichnis.pdf

[2] Die Todesanzeige wurde mir von seinem Sohn Sascha übersandt.

Der Fisch stinkt vom Kopf her

Posted in Kirche, Korruption, Kriminalität, Kriminologie, Moral, Recht, Religion, Soziologie, Täter, tradition by dierkschaefer on 19. April 2019

Ja, so sagt man. Damit es auch im Vatikan verstanden wird: Piscis primum a capite foetet![1]


Photo: Dierk Schäfer, Der eine Fisch sieht nur lebendig aus. Alle wurden frisch von einem Fischer in Marseille zum Kauf ausgelegt.

Doch diesmal hatte es anders angefangen: bei manchen Mitarbeitern der vielen Bodensta­tionen der himmlischen Zuversicht. Sie vergriffen sich an Kindern und Jugendlichen in Kinderheimen, Schulen, Seminaren, Sakristeien, auch im Beichtstuhl. Ob der Gestank zum Himmel stieg? Er breitete sich aus, doch er wurde verdeckt bis er doch durch die Ritzen drang. Puh, das stinkt, riefen die Leute, woher kommt die Fäulnis?

So beauftragte der Kopf des Fisches notgedrungen für die Öffentlichkeit einen Schnüffel­dienst. Der sollte den Bauch untersuchen, aber nicht den Kopf.[2]

»Der Kriminologe Christian Pfeiffer sollte den Missbrauch in der katholischen Kirche aufklären.“ Das ging nicht gut aus. »Im Gespräch mit giovanni di lorenzo erzählt er erstmals, was ihm im Konflikt mit den Würdenträgern widerfuhr[3]

Anfangs waren die Diözesen und ihre Bischöfe kooperativ. Doch als die merkten, dass auch die in die Gegenwart ragende Mitverantwortung von Bischöfen, von Diözesen und Verwal­tun­gen hätte aufgedeckt werden können, sperrten Sie den Zugang zu den Akten und setzten die Forscher ganz forsch unter Druck: »Über die Veröffentlichung der im Rahmen der Unter­suchung erstellten Berichte, insbeson­dere Art und Umfang der Vorstellung der Unter­suchungs­ergebnisse gegenüber der Öffentlich­keit, entscheiden VDD[4] und KFN[5] gemeinsam. Ist eine Einigung nicht möglich, unterbleibt die Veröffent­lichung.«.

Da machte Pfeiffer nicht mit. »Ich denke, zu diesem Zeitpunkt war den Akteuren der Kirche zum ers­ten Mal bewusst, dass unsere Forschung wehtun könnte. Und dass es uns auch darum ging, aufzu­decken, dass so viele enttarnte Täter weiterbeschäf­tigt wurden.«

Da machte die Kirche nicht nun mehr mit und wollte die Aufklärung beenden.[6]

Doch wie? Sie bot Schweigegeld: »Um uns zum Schweigen zu motivieren, formulierte sie im Ver­tragsangebot, dass – mit Unter­zeichnung weder wir an die Kirche noch die Kirche an uns finanzielle An­sprüche hätte. Ergänzend wurde uns mitgeteilt, dass wir nicht ausgegebene Forschungsmittel in Höhe von circa 120.000 Euro für sonstige Forschungs­zwecke behalten dürfen.«

»Wir lassen uns nicht kaufen«, sagte Pfeiffer und pfiff auf das vergiftete Angebot.

Das kam aber gar nicht gut an: »Auf einmal verkrampfte Bischof Acker­mann[7] — körperlich und von der Sprache her. Er re­dete mich mit „Professor Pfeiffer“ an und erklärte mir, wenn ich mich weigere, den Vertrag zu unter­schreiben, und der Zensurvorwurf nach draußen dringe, dann sei ich ein Feind der katholischen Kirche – und das wünsche er niemandem. Er er­klärte weiter, dass sie meinen guten Ruf öffentlich massiv attackieren würden und offen­legen müssten, welche Schwierig­keiten es mit dem Institut gegeben habe. Er sagte, dass mir das schaden wür­de, dass ich es bereuen und einen schweren Fehler begehen würde, wenn ich nicht unterschriebe.« (Ackermann? Den kennen wir doch: – O je, dass er so oft in meinem Blog vorkommt, hat mir erst die Suchfunktion offenbart[8])

Wie ging’s aus?

»Wie in einem Krimidrehbuch. Bischof Ackermann ging nach seiner Wutrede aus dem Raum, anschließend ergriff Langendörfer[9] das Wort. … Er betonte, dass wir uns ja wirklich gut verstünden und uns mensch­lich so nahegekommen seien. Und er fragte, ob ich das jetzt alles zerstören wolle. Er bat mich, doch ein­fach über die Gründe des Scheiterns zu schweigen.«

Und?

»Ich meinte nur: „Gegenüber einem Kri­minologen bad cop, good cop zu spielen, das geht nicht, Pater Langendörfer!“ Das war dann das Ende der Veranstaltung.«

Wie ging’s weiter?

»Wir haben vor Gericht zweimal gewonnen. Die Kirche musste ihren Antrag auf einstweilige Verfügung zurück­ziehen und auf ihrer Homepage den Satz streichen, sie hätte sich mit uns auf Vertragsformulierungen geeinigt, die die Wissenschaftsfreiheit respektier­ten. Und ich durfte weiter von Zensur sprechen.«

Doch apropos Langendörfer. Der hatte nach einem Vortrag Pfeiffers (im Herbst 2011 vor den Generalvikaren, also den obersten Verwaltungsbeamten aller Bis­tümer) kritisch gefragt, »ob ich wirklich so offen über den Zölibat reden musste.«

Pfeiffer hatte damit ein Tabu-Thema berührt. Schließlich beruht die Anforderung und zugleich Fiktion der katholischen Priester bis hinauf zum Papst auf der Idealvorstellung ihrer A-Sexualität, analog der bekannten Dame ohne Unterleib, die ja auch nur eine Vorspiegelung auf Jahrmärkten ist.[10] Jetzt einen Bogen zu schlagen zur asexuell imaginierten Mutter Jesu würde zu weit führen. Zu weit jedenfalls ging es den Würdenträgern der katholischen Kirche, den Zölibat als wichtigen Faktor in die Missbrauchsuntersuchung einbezogen zu sehen.

Zurück auf Los: Der Kopf des Fisches stinkt schon lange, wenn auch nicht so vernehmlich wie zu Zeiten der Renaissancepäpste. Sie brauchten kein Vertuschungsdeodorant.[11] Inwiefern auch für Päpste aus neuerer Zeit die A-Sexualität nur ein Wolkenkuckucksheim darstellt, könnte sich bald erweisen.

Pfeiffer sagt »Das Verbieten von Sexualität ist ein Grundfehler und hat massiv zum Miss­brauch bei­getragen. Die ständige Lüge von der Enthaltsam­keit vergiftet die Kirche von innen her.«

Datum: Karfreitag 2019

Fußnoten

Es sind sehr viele, doch die interessierten Leser werden sie zu schätzen wissen.


[1] Piscis primum a capite foetet! Il pesce puzza dalla testa http://www.beleadergroup.com/2017/06/19/piscis-primum-a-capite-foetet-il-pesce-puzza-dalla-testa/ Für die deutsche Version: https://www.mundmische.de/bedeutung/20644-Der_Fisch_stinkt_vom_Kopf_her

[2] https://dierkschaefer.wordpress.com/2014/03/25/kindesmisbrauch-zweiter-anlauf-der-bischofe/

[3] alle Zitate aus: DIE ZEIT, Nr. 17, 17. April 2019, S. 47f, Der komplette Artikel sei meinen Lesern, Gläubigen wie auch Ungläubigen, herzlich empfohlen.

[4] Verband der Diöze­sen Deutschlands (VDD)

[5] Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN)

[6] »Wir ha­ben Herrn Pfeiffer heute gekündigt, weil das Ver­trauensverhältnis völlig desolat ruiniert ist.«

[7] »Stephan Ackermann,Der Bischof von Trier, 56, ist der Missbrauchsbeauftragte der Deutschen Bischofskon­ferenz. Dieses Amt bekleidet er seit Februar 2010. Unter seiner Ägide überarbeitete die DBK ihre Leitlinien für den Umgang mit sexuellem Missbrauch Minderjähriger durch Kleriker«

[8] https://dierkschaefer.wordpress.com/2014/09/26/missbrauchsbeauftragter-ackermann-hat-die-relevante-information-verschwiegen/

https://dierkschaefer.wordpress.com/2012/03/18/das-fingerspitzengefuhl-des-herrn-ackermann/

https://dierkschaefer.wordpress.com/2011/12/18/damit-ist-bischof-ackermann-zum-fall-geworden/

Bischof Ackermann hat sich sogar auf den Boden geworfen und stellvertretend die Sünde der Kirche bekannt. Doch das blieb alles im rituellen Rahmen. Herr Focke fällt aus dem Rahmen, er ist ausfallend – und er hat das Recht dazu. Herr Focke ist die Frucht kirchlicher Erziehung. https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/01/07/in-wirklichkeit-aber-sind-sie-reissende-woelfe/

Herr Werner wendet sich … nicht an die Allgemeinheit, sondern an ausgesuchte Adressaten: so auch: sehr geehrter Bischof Ackermann https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/05/25/zwei-pfingstbotschaften-gehen-aneinander-vorbei/ Hier sein offener Brief:

https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/01/17/die-entstehende-neue-missbrauchsstudie-der-kirche/  https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/01/19/man-befurchtet-dass-sich-der-neue-fonds-als-fass-ohne-boden-entpuppen-wird/

https://dierkschaefer.wordpress.com/2014/08/01/aus-dem-bistum-trier/

https://dierkschaefer.wordpress.com/2014/03/25/kindesmisbrauch-zweiter-anlauf-der-bischofe/

Die katholische Kirche warf sich in Person von Herrn Ackermann bäuchlings vor den Altar und bekannte ihre Sünden https://dierkschaefer.wordpress.com/2013/07/15/das-system-schlug-mit-wucht-zuruck/

Auch innerhalb der Kirche steigen solche Blasen auf: Kinder wurden mißbraucht und weitergereicht, wie wir dem Telefon-Hot-Line-Report von Bischof Ackermann gestern entnehmen konnten. Die Omerta, das Schweigegebot, hat jahrelang den Umgang der Kirche mit den Verfehlungen mancher Amtsträger bestimmt https://dierkschaefer.wordpress.com/2013/01/18/kriminelle-blasen/

Was fehlt, ist Transparenz, die nicht von Diözese zu Diözese anders definiert werden sollte. Ob Bischof Ackermann tatsächlich für alle seine Kollegen spricht, ist nach dem Konflikt KFN-DBK fraglich: »Die Ergebnisse seien durch nichts zu beschönigen, sagte der Bischof. Allerdings werde seitens der Kirche auch nichts beschönigt, was als Beweis der festen Absicht der Bischöfe genommen werden solle, sich einer „offenen wissenschaftlichen Aufarbeitung“ des Umfangs und der Ursachen sexueller Gewalt in der Kirche zu stellen und die Freiheit der Wissenschaft zu respektieren.« https://dierkschaefer.wordpress.com/2013/01/17/ubergriffe-als-ausdruck-liebender-verbundenheit-in-christus-oder-auserwahlung-vor-gott-ausgegeben/

Weiterbeschäftigung pädophiler Priester ausgerechnet im Bistum Trier, Sitz des Mißbrauchsbeauftragten Ackermann. https://dierkschaefer.wordpress.com/2012/04/23/merkwurdige-inkonsequenzen-innerhalb-der-katholischen-kirche/

Sehr geehrter Herr Dr. Ackermann, als ein Anwalt, der seit Jahren Opfer sexueller Gewalt durch katholische Priester in Deutschland und Österreich berät und vertritt, bin ich immer wieder damit konfrontiert, dass sich die Kirche gegenüber Schadenersatzansprüchen auf die Einrede der Verjährung beruft. https://dierkschaefer.wordpress.com/page/2/?s=Ackermann

Bischof Stephan Ackermann zur Entschädigungsregelung (März 2011), https://dierkschaefer.wordpress.com/2012/02/24/bischofskonferenz-versprach-unkomplizierte-losung/

In den Karfreitagsgottesdiensten der katholischen Kirche soll eigens für die Opfer sexueller Übergriffe gebetet werden. Der Beauftragte der Deutschen Bischofskonferenz für Fälle sexuellen Missbrauchs, der Trierer Bischof Stephan Ackermann, regte am Mittwoch an, in die traditionellen Fürbitten eine Bitte „für die Kinder und Jugendlichen“ einzufügen, denen „in der Gemeinschaft der Kirche, großes Unrecht angetan wurde, die missbraucht und an Leib und Seele verletzt wurden, https://dierkschaefer.wordpress.com/2010/04/01/symbolhandlungen-und-ihre-glaubwurdigkeit-%e2%80%93-und-die-opfer-zweiter-klasse/

[9] »Hans Langendörfer – Der Jesuit ist Sekretär der Deutschen Bischofskonferenz und Geschäftsführer des Ver­bandes der Diözesen Deutschlands. Im VDD sind alle 27 selbstständigen Bistümer zusammengeschlossen. Langendörfer, 68, verantwortet die Rechtsgeschäfte und die Mittelvergabe des VDD.

[10] http://schaubudenzauber.de/dame-ohne-unterleib/

[11] https://de.wikipedia.org/wiki/Kastanienbankett