Dierk Schaefers Blog

Sind es die Veterinärtheologen (Schweinepriester) oder ist das Ganze ein Saustall?

Kann man diese Kirche insgesamt als kriminell bezeichnen?

So fragt Frau Tkocz in Ihrem heutigen Kommentar. Sie ist ansonsten eher zurückhaltend, doch die Dokumentation „ Gottes missbrauchte Dienerinnen“ bei ARTE war wohl der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.

Ich gebe ihren Kommentar hier in vollem Wortlaut wieder.

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Heute kam in ARTE die Dokumentation „ Gottes missbrauchte Dienerinnen“. Das nächste Verbrechen nach dem Phädophilenskandal innerhalb der katholischen Kirche. Kann man wie es Herr Kronschnabel macht, diese Kirche gesamt als kriminell und hier jetzt als „Schweine­züchter“ bezeichnen? Sicherlich kann man es anders ausdrücken, jedoch bleibt trotzdem der Grundgedanke, diese Kirche durch und durch als ein krankes, kriminelles System zu bezeich­nen, sehe ich auf jeden Fall auch so. Mit Männern an der Spitze, die als Vertreter der Moral selber die Moral so biegen wie sie diese in den jeweiligen Situationen brauchen. In der Doku­men­tation deutlich erkennbar , dass beispielsweise die Kirche gegen Abtreibung ist, aber wenn dann die vergewaltigte Nonne schwanger wird abtreiben soll. Eine andere Nonne auf Anweisung ihrer Oberin das Kind „Gott schenken soll“, es zur Adoption frei geben musste. Nichts weiter als Erpressung, denn wenn man den Anordnungen seines Ordens nicht folgt fliegt man raus. Nun diese Nonne folgte den Anweisungen der Oberin, flog trotzdem raus. Immerhin nahm sie sich einen Anwalt und bekam nach zwei Jahren ihr Kind zurück. Aber das ist eher eine Ausnahme und an den Händen dieser Priester klebt auch Blut, denn nicht jede Nonne überlebte einen Schwangerschaftsabbruch. Also da kommt was zusammen, Lügner, Betrüger, Vergewaltiger und auch Mörder ob direkt oder indirekt spielt keine Rolle.

Geht es eigentlich noch verkommender als Gott auch noch für seine Schandtaten und Verbrechen zu benutzen? So ein „Schweinepriester“, der seine Vergewaltigungen an den Nonnen auch noch für selbstverständlich hält, weil er das Werkzeug Jesus sei. So jedenfalls rechtfertigte er seine Vergewaltigungen gegenüber der Nonne.

Ich gehe gar nicht davon aus, dass die Kirche ständig leugnet um nicht zu zahlen, natürlich will sie es nicht, aber die Leugnung ist für die Kirche eine Überlebensstrategie, denn die Aufdeckung der gesamten Verbrechen und die dahinter liegenden Absichten würden wohl in Menschen Zweifel setzen, ob diese Kirche überhaupt einen Sinn macht, wenn also jene Menschen, die diese Kirche repräsentieren Verbrechen begehen, die so manchen „gewöhn­lichen Verbrecher“ in den Schatten stellt. Diese Kirche ist nicht mit Gott, sondern mit ihren Vorstellungen von einer Lebensweise, die nach außen hin- uns also dem Volk- zeigen soll, wo wir moralisch zu stehen haben und sich nach innen derart kriminell, skrupellos, schweinisch über Leichen gehend verhält, dass man nicht mehr so wie hier schon oft auch geschrieben, davon ausgehen kann, dass es sich hier um Einzelfälle und/oder nur um einen kleinen Teil der Kirche handelt. Ich kann doch auch nicht akzeptieren, wenn ein Mensch beispielsweise sehr viel Gutes tut, aber ein Vergewaltiger ist sagen, Schwamm drüber er tut aber sonst doch sehr viel Gutes. Nein nicht „Schwamm drüber“, die Dokumentation hat sehr gut gezeigt, wie diese Kirche funktioniert, wie sie mit Verbrechen umgeht und der Papst nicht einmal bereit war öffentlich zwei ehemalige Nonnen zu empfangen. Es sollte heimlich hinter verschlossenen Türen passieren, was dann diese ehemaligen Nonnen abgelehnt haben, weil sie sich nicht noch einmal fremd bestimmen lassen wollten und auch nicht zulassen wollten, dass diese Verbrechen wieder unterm Tisch fallen und wenn das Oberhaupt dieser Kirche nicht in der Lage ist sowohl mit den Verbrechern als auch mit den Opfern angemessen umzugehen und weiter vertuschen will, ist er auch nicht besser wie seine Priesterverbrecher. Es ist schon so wie Herr Kronschnabel es ausdrückt, alles Schweinezüchter und warum soll man es auch anders ausdrücken. Diese Kirche hat es nicht verdient respektvoll behandelt zu werden. Ich finde es zwar bedauerlich, dass jene Menschen, die dieser Kirche angehören so von dieser Organisation betrogen werden, aber man muss schon unterscheiden zwischen Kirche und Glauben und Jesus- so er jetzt da mal in Rom wäre- würde sicherlich auch dort vor der Türe kotzen, denn hätte er heute diese Dokumentation gesehen wäre ihm auch schlecht geworden.

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Meine Antwort: Auch der Papst.jpg

Danke, liebe Frau Tkocz, für Ihren Kommentar. Wenn jemand wie Sie so drastisch schreibt, ist eine Grenze überschritten. Die Verantwortlichen werden die Bedeutung nicht ermessen können, weil sie blind sind und die meisten immer noch nicht merken, dass sie nicht mehr mit dem Rücken zur Wand, sondern vor dem Abgrund stehen – ein Höllenabgrund. Doch wer glaubt noch an die Hölle? Bei Dante würden sie jedenfalls im tiefsten Kreis der Hölle landen. In der Kirche zu Weilheim/Teck kann man es sehen: https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/8652756424/in/album-72157633254631808/ .

Die gesellschaftliche Konstruktion von Vergangenheiten und ihre Bewirtschaftung

Posted in Geschichte, Gesellschaft, Kultur, Kunst by dierkschaefer on 13. Januar 2019

Valentin Groebners Buch mit dem Titel „Retroland“ handelt vom „Geschichtstourismus“ und der „Sehnsucht nach dem Authentischen“[1]. Der Autor ist vielgereist und da viele von uns auch Vielreisende sind, gibt es vieles, was wir kennen, was aber nun einen Aha-Effekt auslöst. Denn manches, was wir für echt gehalten haben, ist – gelinde gesagt – „auf echt“ stilisiert, manchmal sogar ein pures Artefakt der am Tourismus interessierten Kreise. Tourismus, so lernen wir, ist der weltweit drittstärkste Wirtschaftszweig.

Da spielen natürlich religiös konnotierte Zielorte eine wichtige Rolle für religiös interessierte Bildungsbürger. Ein Tourismusunternehmen nennt sich sogar „Biblisch Reisen“. So nimmt uns der Autor mit zu den Sacri Monti in Piemont[2].

sacri monti

Auch wenn wir vor den lebensgroßen Darstellungen biblischer Szenen nicht in religiöse Verzückung fallen, so stehen wir in Varollo doch staunend vor dem blutüberströmten Jesus im begehba­ren Grab. „Die Auferste­hung hat noch nicht stattgefunden, und du bist dabei.“ Für den Glaubenden ist dies die „Wiederaufführ­barkeit der Vergangenheit“.[3]

Diesem katholischen Beispiel schließen sich die Gedanken an Wallfahrten und der Reliqienglaube an. Doch wie steht es mit unseren Krippenspielen zur Weihnachtszeit? Bleiben wir evangelisch und folgen dem Autor durch die Luther-Dekade – von einem Erinnerungsort zum andern – und der verblassende Tintenfleck auf der Wartburg wird immer wieder aufgefrischt. Valentin Groebner stellt die kommerziellen Zwecke bei der „Rekonstruktion“ der Vergangenheiten heraus, Rekonstruktionen, die man gezielt nicht nur pflegt, sondern ihnen auch erfindungsreich nachhilft. – So weit, so erhellend wie auch unterhaltsam.

Doch es bleiben Fragen. Nicht nur stören zuweilen die Redundanzen: Teile des Buches wurden zuvor schon anderweitig publiziert, eine gewisse Straffung wäre gut gewesen. Auch manch unterstelltes Motiv von Reisenden erscheint etwas plakativ. Bedeutender sind allerdings zwei Desiderate.

Der Autor ist kein Wissenssoziologe. Das Standardwerk der Wissenssoziologie, Berger/Luck­mann, Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit, sucht man im umfangreichen Literaturverzeichnis vergeblich. Doch während Berger/Luckmann die gesellschaftliche Konstruktion von Realität (einschließlich der Sinn-Welt) beschreiben und im Grundsätzlichen bleiben, so greift Groebner einen Teilaspekt heraus: Die Bewirtschaftung der Vorstellungen von Vergangenheiten zu beiderlei Nutzen, dem ihrer Marketingexperten und dem ihrer zahlenden Konsumenten.

Der Autor ist auch kein Theologe. Sonst hätte er wohl die Bedeutung seiner Überlegungen für Theologie und Kirchengeschichte erkannt. Da geht es nicht nur um so etwas wie die Konstan­tinische Schenkung und die gut gemeinten frommen Rückdatierungen von Klostergründungen und der gefakten Urkunden. Es geht vielmehr um das „Kerngeschäft“ der Verkündigung: „Er ist (damals) wahrhaftig auferstanden“ und er errettet uns heute. Dieses Kerngeschäft ist die Bewirtschaftung der Vergangenheit, einer Vergangenheit, die trotz und wegen aller theologi­schen Forschung – so nach der ipsissima vox – sich als konstruiert erweist, wenn sie auch historische Kernelemente haben mag. Der Prozess der Vergangenheitskonstruktion fand bereits im Altes Testament statt – Stämmeamphiktionie, er wurde fortgesetzt mit den Berichten im Neues Testament, die vieles als erfüllte Weissagung aus dem Altes Testament zur Konstruktion des Lebens und des Todes Jesus übernommen haben. Es gehört zu den grandiosen Leistungen der frühen Christenheit, im Rückblick auf das Wirken und Leiden Jesu von Nazareth und mit Rückgriff auf die Facetten des alttestamen­tarischen Gottes eine Gottes­vorstellung entwickelt zu haben, die mit der Figur des Heiligen Geistes zukunftsoffen ist, zukunftsoffen auch über unsere Endlichkeit hinaus. Dazu gehören das Ringen um ein „gültiges“ Credo, die Kanonbildung, die Fortentwicklung der Dogmatik und die Weiterentwicklung der „Gottesbilder“.

Alles nur Fake? Die Frage ist falsch gestellt. Im Unterschied zu den Formen des gehobenen Tourismus und der unbestrittenen Fortwirkung und Stilisierung des Erlebten im Erinnern, geht es bei der Pflege christlicher Tradition (wie auch in wohl den meisten Religionen) um die Vermittlung von Sicherheit in der Gegenwart und um Zukunftshoffnung über Leid und Tod hinaus.

[1] Valentin Groebner: „Retroland“. Geschichtstourismus und die Sehnsucht nach dem Authentischen.

  1. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2018. 219 S., Abb., br., 20 – €.

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Sacri_Monti

https://www.swr.de/schaetze-der-welt/sacri-monti-italien-schaetze-welt-erbe/-/id=5355190/did=8735442/nid=5355190/ioon3n/index.html

swr.de

https://www.swr.de/schaetze-der-welt/sacri-monti-italien-schaetze-welt-erbe/filmtext-video/-/id=5355190/did=8735442/mpdid=8883686/nid=5355190/1sxea99/index.html

[3] Dieser Passus, ab „Varollo“, und das Photo aus der Rezension von HANNES HINTERMEIER, FAZ/24.8.18, S.10

Was ist denn an Bad Boll so toll?

Der Ort hat doch nicht mal 6.000 Einwohner!

Dennoch, Bad Boll: Ein Dorf, mehr als manche Stadt

Wieso?

Wer aufmerksam durch den Ort geht, dem fallen Häuser auf, deren Architektur unty­pisch für ein Dorf ist. Auch die Siedlungs­struktur, denkt man sich die Neubau­gebiete weg, erscheint merkwürdig. Friedhöfe gibt es gleich mehrere – und das nicht nach dem Schema alter und neuer Friedhof. Bei der Kirche gibt es einen alten und zum neuen muss man nur durch ein Tor. Diese Friedhöfe gehören zu Boll und seinen zwei Siedlungskernen. Der dritte, das ursprüng­liche BAD Boll hat auch zwei beieinander liegende Friedhöfe. Beide erstaunen, weil viele der dort Bestatteten aus so ziemlich allen Winkeln der Welt hier gelandet sind.[1] Wie kommt es zu den acht Trigrammen aus dem I GING[2] auf dieser Grabstätte?

 

Der Ort hat also was. Doch was?

 

Das Besondere begann mit „des Königs Wunderbad“ und seinen illustren Besuchern, die kamen wegen der Blumhardts und danach kamen mehr oder weniger zufällig die Anthroposophen und schließlich die Evangelische Akademie.

 

Manche sprechen vom „Kraftort Bad Boll“; so eine Referentin beim Abendgespräch im Café Heuss; sie stieß auf Zustimmung bei anderen Teilnehmerinnen. Der Künstler KWAKU-Eugen Schütz sprach bei seiner Vernissage[3] vom „Heiligen Boden“, und meinte damit die Akademie.

 

Das brachte mich in eine gewisse Verlegenheit. Normalerweise hätte mein geschätzer und hochkompetenter Kollege Albrecht Esche den Vortrag im Literarischen Salon übernehmen sollen.

Blumhardts Literarischer Salon in der Villa Vopelius in der Evangelischen Akademie Bad Boll [4]literatursalon.jpg

Er hätte dann von der Teufelsaustreibung bei der Gottliebin Dittus und dem glaubens­starken Blumhardt berichtet, mit dem alles begann. Ich hätte still dabeigesessen und mir meine Gedanken gemacht. Nun aber, der Kollege war im Urlaub, musste ich einspringen – Magie und Zauberei sind wirklich nicht meine Sache[5]. Schließlich nannte mich jemand den „am meisten säkularisierten Pfarrer unserer Akademie,“[6] und spuk­hafte Erscheinungen halte ich eher für erklärungsbedürftig und prinzipiell auch erklä­rungs­fähig.[7] Ein Kraftort? Ich halte es eher mit Sankt Hieronymos, der meinte, es komme nicht darauf an, in Jerusalem gewesen zu sein, denn „sowohl von Jerusalem wie von Britannien aus steht der Himmel gleichermaßen offen; denn das Reich Gottes ist inwendig in euch.“[8] Was also tun? Ich schlug also folgerichtig das Stich­wort „Ort“ im „Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens“ nach.[9] Das lässt dann ganz schnell an andere Verbindungen von Ort und Magie denken (Friedhöfe, Wallfahrtsorte), aber auch an „stoffgebundene“ magische Vorstel­lungen (Sakramente, Reliquien). Ja, der Aber­glaube kennt Kraftorte, gute wie böse.

Und Bad Boll?

Ob Kraftort oder nicht: Es gibt drei Aspekte für die besondere Bedeutung von Bad Boll

  1. Das Kurhaus
  2. Die Anthroposophie
  3. Die Akademie

ad 1: Herzog Friedrich I. von Württemberg ließ ohne Erfolg nach Salz graben.

1595 stieß man dabei auf Versteinerungen und auf die Schwefel- und Thermalquellen. Das „Wunder­bad“ bezog sich auf die Versteinerungen, die hielt man für ein Wunder Gottes.

1596 wurde das heutige Kurhaus in seiner ersten Form von Heinrich Schickhardt[10] erbaut. Es gab 12 Freiplätze für „Gnadenbädler“. Das Bad florierte nicht so sehr. Die erhofften „oberen Stände“ kamen nicht.

1821 – 23 lässt König Wilhelm I die noch heute das Kurhaus bestimmende schlossartige Anlage in Huf­eisen­form errichten.

1852 erwirbt Blumhardt d.Ä. das Kurhaus mit 400 Gulden Eigenkapital (Der Preis war schon auf 25.000 Goldgulden gesunken)[11]. Mit seinem Wirken beginnt die nationale und internatio­nale Ausstrahlung von Bad Boll.

Wer war Johann Christoph Blumhardt? Ein Wunderheiler? Ein Teufelsaustreiber?

Johann Christoph Blumhardt (* 16. Juli 1805 in Stuttgart; † 25. Februar 1880 in Boll) war ein Pfarrer der württembergischen Erweckungsbewegung, evangelischer Theologe und Kirchenlieddichter. … 1820 – nach einer zweiten Aufnahmeprüfung, dem „Landexamen“ – wurde er Stipendiat des Evangelisch-theologischen Seminars in Schöntal. Während seines Theologiestudiums in Tübingen lernte er u.a. Eduard Mörike kennen, der ebenfalls als Student im Evangelischen Stift wohnte und zu dem sich eine innige Freundschaft entwickelte. … Im Juli 1838 wurde er zum Pfarrer in Möttlingen (bei Bad Liebenzell) ernannt. Hier heiratete er Doris Köllner, eine Tochter seines Missionsfreundes Karl Köllner. 1842 wurde ihr Sohn, der spätere Theologe Christoph Friedrich Blumhardt, geboren.

Gottliebin Dittus, eine junge Frau aus der Gemeinde, litt an einer unerklärlichen Krankheit: sie wurde von Krämpfen geplagt, fremde Stimmen redeten aus ihr.[12] Zwei Jahre lang – 1842 und 1843 – begleitete er diese Frau seelsorgerlich, indem er sie immer wieder an Gottes Ver­heißungen erinnerte und mit ihr betete. An Weihnachten 1843 endete ihr Leiden, das Blum­hardt später in einem Krankheitsbericht an das kirchliche Konsistorium als „Geister­kampf“ bezeichnet. Der laute Ruf der Geheilten „Jesus ist Sieger“ wird zum Losungswort Johann Christoph Blumhardts.[13]

Diese Heilung löste in Möttlingen eine Buß- und Erweckungsbewegung aus. [14]

Wenn ein Ort eine Ausstrahlung hat, ein Kraftort ist, dann wäre Möttlingen zunächst ein böser Ort, der dank Blumhardt zum guten Kraftort wurde und nach seinem Weggang nicht mehr war. Am Ort kann’s also nicht gelegen haben.

Die Erweckungsbewegung brachte Turbulenzen und die Kirchenbehörde begrenzt Blum­hardts Aktivitäten. Er darf nun keine Auswärtigen mehr empfangen und keine Heilungen (Handauf­legen) mehr tätigen. So sucht er nach Alternativen und kauft das Kurhaus. Damit beginnt der „Aufstieg“ des Kurbades und Ortes von Bad Boll. Jetzt kamen die „illustren Besucher“.

„Bad Boll war im 19. und beginnenden 20. Jahr­hundert ein vielbesuchtes »protestantisches Lourdes«. Im Kurhaus versammelten sich neben einheimischen Gästen aus Württemberg auch Angehörige des reformierten und lutherischen Bürgertums aus der Schweiz, dem Elsass und aus Norddeutschland, darunter nicht wenige Adelige. Sie hofften von Krankheiten geheilt zu werden, suchten aber auch ihr Seelenheil, also Lebenshilfe, Lebenssinn und Orientierung.

Zwischen 1852 und 1919 wirkten hier Vater (Johann Christoph) und Sohn (Christoph) Blumhardt als Pfarrer und Therapeuten. Wurde der Ältere vor allem als erfolgreicher Heiler – im Dienste seines Heilandes – wahr­genommen, so erlangte der Jüngere eine spektakuläre Berühmtheit durch sein politisches Engagement in der SPD. Deshalb galt Bad Boll seit 1900 auch als Treffpunkt von Sozialisten, politischen wie religiösen.“

Zu Johann Christoph Blumhardt sind drei Persönlichkeiten zu nennen, die im Literatur­salon präsentiert werden.

ð Eduard Mörike, mit ihm bestand eine Freundschaft seit dem Studium am Tübinger Stift.

ð Ottilie Wildermuth war mehrmals bei Johann Christoph Blumhardt und – wie sie eigens betonte – seiner Ehefrau Doris zu Besuch. Sie bewunderte Doris noch mehr als Johann Christoph, die mit großer Ruhe und Gelassenheit das umtriebige Gewimmel von zahlreichen Menschen aus ganz Deutschland und dem angrenzenden Ausland „managte“. Ottilie bekam als begabtes und intelligentes Kind früh einen „Wunderkindstatus“. Ihre Stellung als bekann­teste und geschätzte Autorin der Zeit war durchaus etwas Besonderes und Ungewöhn­liches.

Sie schrieb vom „Frieden, der auf diesem Haus ruht“. Mit den Worten „Wenn selten Wunder noch geschehen. Weil jetzt der Herr nur leise schafft“ hatte sie den Wandel in der Blumhardt­schen Wirkung getroffen.

ð „Christian Buddenbrook“, alias Friedrich Wilhelm Leberecht Mann. Er war der Onkel von Thomas Mann, war psychisch-labil, und wird in einer krankhaft belasteten Zeit zu Blum­hardt nach Bad Boll geschickt. „Was Blumhardt bewirken konnte, wissen wir nicht – von Heilung spricht niemand.“ Übrigens: Buddenbrook war der Name eines Sekundanten im Effi Briest-Duell.

1880 nach dem Tod seines Vaters übernahm Christoph Friedrich Blumhardt die Leitung von Bad Boll. Er gewann als Seelsorger und wortgewaltiger Bußprediger einen Ruf weit über seine Heimat hinaus. Ging es seinem Vater überwiegend um individuell-seelsorgerliche Hil­fen, so dem Sohn um die Heilung der Strukturen. Er sah in der Sozialdemokratie die Kraft zur Förderung des Reiches Gottes.

1888 gründete er in Eckwälden das „Haus für Nerven- und Gemütsleidende“, er verkaufte es 1901. Den Grund dafür konnte ich nicht herausfinden.

Persönlich kamen zu ihm und sind im Salon präsentiert:

ð Ludwig Richter (und Sohn) war insgesamt sechs Mal »in dem lieben Boll«. Anlass dafür gab ihm sein Sohn Johannes Heinrich (1830-1890), der seit 1872 häufig Hilfe bei den Blum­hardts suchte und seit 1888 ganz in Eckwälden, in dem von Christoph Blumhardt gegründeten „Haus für Nerven- und Gemütsleidende“, lebte. Er hatte Depressionen, wohl auch Paranoia. „Heinrich Richter fand in Bad Boll einen Zufluchtsort, der ihm Leben ermög­lichte. Er starb am 12. Juli 1890 und liegt auf dem Blumhardt-Friedhof begraben.“

ð „Effi Briest“, alias Elisabeth (Else) Baronin von Ardenne[15] »Ein gütiges Schicksal führte mich nach Bad Boll im lieben Württemberg, das mir zur zweiten Heimat wurde. Die Seele des großen Hauses, Pfarrer Blumhardt, dessen helfende Liebesfäden weit über Deutsch­land liefen, wusste auch mir festen Grund unter die lahm gewordenen Füße zu geben und meiner Seele neuen und besseren Aufschwung.« Christoph Blumhardt setzte sie als Pflegerin im Haus für Nerven- und Gemüts­kranke in Eckwälden ein. Sie starb in Lindau und bekam ein Ehrengrab bei Potsdam.[16]

ð Hermann Hesse „hatte das Dasein »Unterm Rad« im evangelischen Seminar Maulbronn satt und riss aus. Deshalb wurde er von seinen hilflosen Eltern dem Rettungsanker Christoph Blumhardt anvertraut und landete im Mai 1892 in Bad Boll. … Sechs »selige Wochen in Boll« erlebte Hermann Hesse. Nach einer Suizidvorbereitung wegen unerwiderter Liebe setzte Blumhardt ihn zornig vor die Tür und empfahl ihn nach Stetten in die Heil- und Pflegeanstalt für Schwach­sinnige und Epileptische.“

ð Gottfried Benn „begann auf Wunsch seines Vaters 1903 in Marburg ein Theologie- und Philosophiestudium. Viel lieber aber wollte er Medizin studieren. Deshalb reiste Pastor Gustav Benn aus Sellin/Brandenburg 1904 mit seinem Sohn nach Bad Boll, um Rat und Hilfe einzuholen, sicherlich auch um Unterstützung durch den berühmten Gottesmann zu erhal­ten. Christoph Blumhardt ergriff Partei für den jungen Gottfried Benn und leitete so die Karriere ein, die den späteren Dichter und Arzt berühmt machen sollte.“

ð Richard Wilhelm   „kam 1897 als Vikar nach Boll und freundete sich rasch mit Christoph Blumhardt sowie dessen 18-jähriger Tochter Salome an, seiner späteren Frau. 1899 reiste er als Missionar nach China aus und lebte in Tsingtau/Kiautschou.[17]“ Der Boxeraufstand[18] 1900 mit der Parole von Wilhelm II. »Pardon wird nicht gegeben« öffnete Richard Wilhelm die Augen für die Motive des Kolonialismus und der sie stützenden Mission. »Unter Umständen müsst Ihr Chinesen mit den Chinesen werden, sei es auch, dass es zu einer Trennung von den kirchlich denkenden Menschen kommt. […] Christen brauchen sie gar nicht zu werden. Diesen Namen sollte man in fremden Ländern gar nicht aufkommen lassen. Wer den Willen Gottes tut, ist des Himmelreichs Kind, ob er von Konfuzius oder von Kirchenvätern abstammt.« – Christoph Blumhardt an Richard Wilhelm, 21. Januar 1901.“ Man beachte die Weite des Horizontes dieses ansonsten sehr pietistischen Mannes.

ð Hermann Kutter – „Sein Buch »Sie müssen!« (1903) wurde zum wirkungsmächtigsten Dokument der religiös-sozialen Bewegung[19]. Jenseits aller Differenzierungen und Vorbehalte werden darin die Sozialdemokraten für Gottes Wirken in der Welt in Anspruch genommen.“

ð Karl Barth »Das Einzigartige, wir sagen mit vollem Bedacht: das Prophetische in Blum­hardts Botschaft und Sendung lag darin, wie sich das Eilen und Warten[20], das Weltliche und das Göttliche, das Gegenwärtige und das Kommende in seinem Reden und Tun begegnete, vereinigte, ergänzte, immer wieder suchte und fand.«

Es fehlt August Bebel: „Wenn er bei Blumhardt in Bad Boll sei, könne sogar er an Gott glauben.“[21]

Auch Clara Zetkin besuchte Bad Boll und schrieb an Blumhardt: „Mit der Versicherung herzlichster Hochachtung grüßt Sie Ihre ergebene Clara Zetkin.“

Zu nennen wäre noch Max Reger, der auf Vermittlung von Blumhardt in Boll kirchlich getraut wurde. Reger war katholisch, seine Braut war evangelisch und geschieden. Zu damaliger Zeit ein Hindernis für eine kirchliche Trauung. Reger wurde nach der Trauung exkommuniziert.

Die Eingabe Heine/Blumhardt gibt bei Google keinen passenden Treffer. Die beiden werden einander nicht gekannt haben. Und doch unterstelle ich eine Seelenverwandtschaft zwischen dem ernst-frommen Blumhardt und dem Spötter Heine.

Die Heineverse wären jedenfalls, von der Frivolität abgesehen, durchaus nach dem Sinn von Blumhardt gewesen:

Ein neues Lied, ein besseres Lied,
O Freunde, will ich euch dichten!
Wir wollen hier auf Erden schon
Das Himmelreich errichten.

Wir wollen auf Erden glücklich sein,
Und wollen nicht mehr darben;
Verschlemmen soll nicht der faule Bauch,
Was fleißige Hände erwarben.

Es wächst hienieden Brot genug
Für alle Menschenkinder,
Auch Rosen und Myrten, Schönheit und Lust,
Und Zuckererbsen nicht minder.

Ja, Zuckererbsen für jedermann,
Sobald die Schoten platzen!
Den Himmel überlassen wir
Den Engeln und den Spatzen.[22]

Im Laufe der Jahre wurde Blumhardt zu einer bedeutenden Person der Zeitgeschichte. Als 1888[23] Kaiser Wilhelm I. auf dem Sterbebett lag, wurde Blumhardt zu ihm gerufen.[24]

1887/1988 ließ Blumhardt in Eckwälden das „Haus für Nerven- und Gemütsleidende“ bauen. Baronin von Ardenne hatte hier ihr Arbeitsfeld. Das Haus wurde bereits 1901/1902 an die vier Schwestern Härlin verkauft, die hier bis 1930 ihr Pensionat „für höhere Töchter“ führten.[25] Ob und wie dieser Verkauf mit dem Weggang der Baronin zusammenhing, konnte ich bisher noch nicht ermitteln.

1920 (erw)erben die Herrnhuter[26] von den Blumhardt-Erben das Kurhaus, das den Erforder­nis­sen der Zeit nicht mehr entsprach.[27]

Im Gefolge der Herrnhuter sozusagen kam nach dem Krieg die „Europäisch-Festländische Brüder-Unität“[28] nach Bad Boll (1961).

Mit den Herrnhutern beginnt die Fortsetzung der Geschichte des Kurhauses, zunächst ganz im Sinne von Blumhardts Erben. Heute, nach mehrfachem Besitzerwechsel, ist das Kurhaus ein normaler Rehabi­li­tationsbetrieb. Noch (?) wird der große Saal, der „Kirchensaal“ für Gottes­dienste genutzt. Im „Blumhardtzimmer“ fällt eher die Nutzung durch die Kurseelsorge auf: ein großer dominierender Tisch aus der Jetzt-Zeit und das Regal voll mit den derzeit gebräuchlichen Gesangbüchern; das „Zinzendorfzimmer“ taucht nur noch im Wegweiser auf. Fragt man penetrant nach, wird einem die Zimmertür zum psychologischen Dienst des Kurbetriebes gezeigt.

Albrecht Esche schreibt: Mit dem Tod der Blumhardts „war dann in Bad Boll alles aus und vor­bei. Auch das gute Wasser, die Schwefelquelle sowie die — al­lerdings erst vor einigen Jahr­zehnten aufgefundene — Mi­neralquelle, wurde nicht als Geschenk des Schöpfers und der Schöpfung religiös-therapeutisch genutzt, auch nicht die einmalige Lage und Naturlandschaft. So bleiben die Besucher mit sich allein und auf sich selbst gestellt. Und so bleibt uns heute nur noch die Erinnerung — oder aber ein neuer Aufbruch zu den unerschöpflichen spirituellen Quellen, die dieser Ort zu bieten hat.“

ad 2: Nur kurz zur Anthroposophie

Anknüpfungspunkt: Wala und Blumhardthaus in Eckwälden

  •  1935 gründet Rudolf Hauschka die Firma „Wala“ in Bad Boll-Eckwälden.[29] Mit dieser Gründung begann die Ausbreitung der Anthropo­sophie in Bad Boll-Eckwälden.
  •  1937 Im Blumhardthaus eröffnet der Anthroposoph Dr. Geraths[30] das „Heil-und Erziehungs­institut[31] für seelenpflegebedürftige Kinder“[32] Er knüpfte auch bewusst an das geistige Erbe der Blumhardt’s an.
  •  1965 gründet Geraths das „Rudolf Steiner-Seminar für Heilpädago­gik“[33]. In diesen Umkreis gehört auch die
  •  1962 gegründete „Margarethe-Hauschka-Schule für künstlerische Therapie und Massage“.
  • O 1987 wird in Bad Boll das „Seminar für freiheitliche Ordnung e.V“.[34] gegründet.

So kamen im Lauf der Zeit viele Anthroposophen nach Boll und Bad Boll; man sieht’s im Ortsbild an der alternativen Bekleidung der Frauen. Es gibt auch eine anthroposophische Apotheke[35]. Bad Boll scheint für die Anthroposophen ein Kraftort zu sein.

Zwei Anmerkungen zur Anthroposophie in Bad Boll.

  1. Aus einem unveröffentlichten Protokoll von „Karma“[36]-Arbeits-Sitzungen hier in Bad Boll:

„Frau M. ist „hellsichtig“, stieß bei der Karmaarbeit mit X. auf dunkle gemein­same Geschichten, die sie den Engeln zur „Transformation“ übergaben. Sie bekamen von diesen den Auftrag, zu ihnen Kontakt zu halten, weiter alle vier Wochen Karmaarbeit zu betreiben, sich um die Landschaft und ihre Geschichte zu kümmern.

Y gab den Hinweis auf unerlöste Orte in der Gegend. So kam man auf den Brunnen im Kurhaus mit unerlösten Gestalten.“

X und Y kenne ich persönlich. Über X habe ich im vorigen Jahr ein religionspsychologisches Gutachten zur forensischen Verwendung erstellt.

  1. Das „Heil-und Erziehungs­institut für seelenpflegebedürftige Kinder“, 1937 in Eckwälden gegründet, hat es geschafft, dass kein einziges der behinderten Kinder der T4-Aktion[37] der Nazis zum Opfer fiel.

Aus meinen vielfachen Kontakten mit Anthroposophen und ihren Einrichtungen habe ich den Eindruck gewonnen, dass diese mit Menschen mit Behinderung angemessener umgehen, als das in unseren kirchlichen Einrichtungen oft der Fall zu sein scheint. Die Aussicht auf spätere Inkarnationen reduziert offenbar den Erfolgsdruck, Menschen mit ihrem einzigen Erdenleben auf den richtigen Weg zum Himmel zu bringen oder gar zu zwingen.

ad 3: Die Akademie

Der Künstler der augenblicklichen Ausstellung sprach vom „heiligen Boden“ und meinte damit die Begegnungen auf Tagungen der Akademie. Er pries die Dynamik; hier entstehe etwas Neues.

Was hat es damit auf sich?

Schon vor Kriegsende gab es Pläne für eine Akademie, die sich mit der Initiative von Eber­hard Müller und Prof. Helmut Thielecke konkretisierten. Sie wollten eine Art Forum für gesell­schaftspolitisch wichtige Fragen schaffen: Meinungsvielfalt, die es unter der Nazi-Herrschaft nicht gab. Die Anfänge waren turbulent und sind hier nicht im Detail darzustellen. Das Kurhaus wurde nur rein zufällig der Ort der ersten Tagung und der folgenden. Banaler Grund: Es stand leer, weil die Amerikaner die Betten abtransportiert hatten. Eberhard Müller besorgte die Betten und konnte die erste Tagung mit knapp 160 Teilnehmern eröffnen. Die Tagung wendete sich an „Männer des Rechts und der Wirtschaft“, Frauen waren nicht „mitge­meint“[38]. Die Teilnehmerliste zeigt: Hier war die erhoffte Nachkriegselite angespro­chen. Die zweite Tagung diente der Verankerung der Akademie-Idee in der Württember­gi­schen Landeskirche, die dritte hatte die Arbeiter im Focus.

Um die Auswirkungen der Akademiearbeit nur kurz zu skizzieren: Lange galt es als Aus­zeich­nung, (auch ohne Honorar) in der Akademie zu referieren. Neben hochrangigen Wissen­schaftlern war auch viel Politprominenz zu verzeichnen, oft auch auf dem Weg zum Aufstieg ins Spitzenamt. Wenn man unbedingt will, könnte man meinen, dieser Kraftort habe den end­gültigen Kick zur Spitze gegeben.

Die Evangelische Akademie Bad Boll wurde zudem die Mutter aller kirchlichen Akademien, bundesweit, evangelisch wie katholisch. Auch eine Akademie auf Kreta ist Ergebnis der Arbeit von Eberhard Müller. Veranstaltungen dieser Akademien waren –wie ich es nenne – Talkshows vor dem Begriff. Heute haben die Talkshows im Fernsehen den Akademien erfolg­reich die Teilnehmer und Zuschauer streitig gemacht. Mit den Talkshows können Politiker sehr schnell auf vorgegebene aktuelle Fragen reagieren, die Zuschauer brauchen sich nicht vom Sofa zu erheben und haben keinen – inzwischen wirklich sehr teuren – Tagungs­beitrag zu entrichten.

Die Kirchen bauen ihre Akademien zurück oder geben sie auf.

img 13404Es ist eine Ironie der Geschichte: Auf dem architekto­ni­schen Höhepunkt der Akade­mie[39], 1995 zum 50jährigen Jubi­läum (Kapelle und erhebliche Erweiterung des Café Heuss) wurde das Dilemma der Akademien deutlich formu­liert. 2001 kamen das Symposium und 2010 der neue Süd­flügel hinzu, all dies Glanzstücke moderner Architektur.

Ich sagte damals: Der Hotel­betrieb ist Chance der Akademie und zugleich Klotz am Bein. Nun, der Hotelbetrieb floriert dank der Gasttagungen, die Akademie-Tagun­gen gehen zurück. Wer seine Teilnahme selber finanzieren muss, überlegt sich das.

Vom „Kraftort Bad Boll“ bleibt die Erinnerung an kraftvolle, tatkräftige, phantasievolle und begeisterungsfähige Persönlichkeiten. Erinnerungen, die ständig der Neubelebung bedürfen, wenn der Ort seine museale Anziehungskraft behalten will und er braucht Menschen, die aufs Neue Zeichen setzen, die über Bad Boll hinauswirken.

Warten (auf das Reich Gottes) und pressieren (sein Kommen beschleunigen) – dafür stan­den die Blumhardts. Der Skeptiker merkt an, dass dies auch verheerende Folgen haben kann, wenn man zu sehr pressiert, aber die uneigennützige Liebe zu den Menschen fehlt. Ein Reich Gottes gab es auch zur Täuferzeit in Münster[40] und in der historischen Abfolge manche ideo­logische Verirrung, mit der kraftvolle, tatkräftige, phantasievolle und begeisternde Per­sönlich­keiten die Völker ins Verderben gestürzt haben. Die Blumhardts waren vor der Hybris gefeit, weil sie trotz aller Begeisterung für Gottes Reich ihm Raum ließen, es zu voll­enden. Und auch für uns ließen sie Platz für die kraftvolle, tatkräftige, phantasievolle und begei­sternde Mitwir­kung am Reich Gottes.

Die nächste Blumhardttagung im Oktober trägt Blumhardts Motto: „Wir müssen Gott in die Hände arbeiten“.

 

Editorische Nachbemerkung

Dieser Text entstand im Rahmen eines Klassentreffens der Abiturklasse 13d des Jahrgangs 1964 der Humboldt­schule in Hannover-Linden. Da mein Kollege Albrecht Esche urlaubs­bedingt verhindert war, musste ich mich einar­beiten und den Vortrag in Blumhardts Literatur­salon in der Villa Vopelius in der Evangelischen Akademie Bad Boll übernehmen. Ich habe es nicht bereut.

Sehr viele Informationen stammen aus dem Buch von Albrecht Esche, Reich Gottes in Bad Boll, 20164. Ich verdanke ihm sehr viel. Die Zitate sind nicht im Detail nachgewiesen. Das Buch ist in der Akademie erhältlich und sehr empfehlenswert. ISBN 978 936369-53-3

Viele Informationen habe ich auch entnommen aus GEMEINDE BOLL (ed.), Boll, Dorf und Bad an der Schwäbischen Alb, 1988. Auch diese Zitate sind nicht eigens ausgewiesen.

Fußnoten

[1] Der Blumhardt-Friedhof, der im Jahr 1866 angelegt wurde, gilt als kulturhistorisch bedeutsam, nicht nur für die Region. In seiner Erde ruhen sowohl viele Mitglieder der weitläufigen Familie Blumhardt als auch Menschen aus aller Herren Länder, die sich um Johann Christoph Blumhardt (1805–1880) und später um seinen Sohn Christoph Friedrich Blumhardt (1842–1919) scharten. https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.bad-boll-blumhardt-friedhof-wird-restauriert.67efc5ee-65c2-404c-9543-c564177e90ee.html

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/I_Ging

[3] 10. Juni 2018

[4] Photo: Dierk Schäfer

[5] Obwohl wir 15 Jahre in einem „Spukhaus“ gewohnt haben. Doch die ungeklärten Klopfgeräusche haben uns nicht aus der Ruhe gebracht. Wir lachen immer noch darüber.

[6] So wurde ich vom Kollegen Wolfgang Wagner einem Besucher vorgestellt. Ich wusste gar nicht, dass er mich so gut kennt.

[7] Mit Parapsychologie habe ich mich vielfach beschäftigt und wurde regelmäßig in meiner skeptischen Haltung bestätigt. Interessant, dass auch Thomas Mann bei spiritistischen Sitzungen Protokoll führte und sich bluffen ließ. Auch der „Geisterkampf“ der Gottliebin mit Blumhardt (d.Ä.) bietet manche Erklärungsansätze für spukhafte Erscheinungen.

[8] Zitiert nach Herbert Donner, Pilgerfahrt ins Heilige Land, Stuttgart, o.J., S. 13

[9] Sp. 1308 – 1311

[10] https://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Schickhardt

[11] Der „Rest“ wurde durch eine großzügige Spende abgedeckt und durch Stellung einer Bürgschaft.

[12] Man fühlt sich an der Film „Der Exorzist“ erinnert: https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Exorzist . Als Skeptiker denkt man aber eher an „Chopper“ http://www.sueddeutsche.de/bayern/jahre-geist-chopper-spuk-in-der-zahnarztpraxis-1.1299536 oder an den Lehrling im Haushaltswarengeschäft: https://www.zeit.de/1979/08/der-kriminalist-und-der-spukprofessor

[13] Sein Bericht an die Kirchenbehörde: Möttlingen, den 31. Juli 1850. http://www.christliche-autoren.de/sieg-ueber-die-hoelle.html Montag, 16. Juli 2018 Die Webseite, auf der der Bericht gehostet ist, wird von Personen mit vergleichbarer Vorstellungswelt und Glaubensintensität betrieben.

[14] nach Wikipedia

[15] geb. Elisabeth von Plotho ð https://de.wikipedia.org/wiki/Elisabeth_von_Plotho

[16] Der Tagesspiegel vom 9.2.09 schrieb: „Elisabeth von Ardenne ist 34 Jahre alt, als ihr Ehe-Albtraum ein Ende hat. Von da an lernt sie, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Sie reist ins württembergische Bad Boll zu einem Guru, [sic!] von dem sie sich spirituelle Orientierung erhofft. Der Bußprediger Christoph Blumhardt steht im Ruf, ein Wunderheiler zu sein, später wird er Sozialist und SPD- Landtagsabgeordneter. Blumhardt redet der Ehebrecherin ihre Schuldgefühle aus und ermutigt sie, eine Ausbildung zur Krankenpfle­gerin zu beginnen. Sie arbeitet in vielen Heilanstalten in Süddeutschland, der Schweiz, in Schlesien und in Berlin-Zehlendorf. Besonders gut kann sie mit Patienten umgehen, die unter psychischen Störungen leiden, die Ärzte schätzen die kluge Für sorglichkeit und Engelsgeduld der Krankenschwester. Ab 1915 verdient sie ihren Lebensunterhalt als ständige Begleiterin der schwer nervenkranken Margarethe Weyersberg. Die wohlhabende Familie der Pflegetochter finanziert nicht nur die gemeinsame Wohnung, sondern auch Reisen der beiden Frauen nach Italien.“ Zum Thema „Ehrengrab“ gibt die Vorsitzende der „AG Histo­rische Friedhöfe und Kirchhöfe Berlins“ am 27.6.18 per Mail die Auskunft: „meines Wissens nach wurde die Grabstätte E.V. Ardenne als Ehrengrab anerkannt, weil sie das Vorbild für Fontanes Effie Briest war. einen anderen Grund kenne ich nicht.“

[17] https://de.wikipedia.org/wiki/Kiautschou

[18] https://de.wikipedia.org/wiki/Boxeraufstand

[19]Religiöser Sozialismus https://de.wikipedia.org/wiki/Religi%C3%B6ser_Sozialismus#1900_bis_1945

[20] Am Kurhaus stehen die Initialen des Königs und seiner Frau: W und P, Wilhelm und Pauline wurde auch als „Warten und Pressieren“ interpretiert, warten auf das Reich Gottes und seine Ankunft beschleunigen.

[21] https://kochmeint.wordpress.com/tag/blumhardt-friedhof/ „Bebel- und auch bibelfest“ sei er, so stellte die Göppinger SPD in einem Wahlplakat zur Landtagswahl 1900 ihren Kandidaten Blumhardt vor. https://lassalle-kreis.de/print/795

[22] http://gutenberg.spiegel.de/buch/-383/2

[23] Dreikaiserjahr https://de.wikipedia.org/wiki/Dreikaiserjahr

[24] https://lassalle-kreis.de/print/795

[25] https://www.swp.de/suedwesten/landkreise/lk-goeppingen/mit-blumhardt-verwoben-17625939.html

[26] https://de.wikipedia.org/wiki/Herrnhuter_Br%C3%BCdergemeine

[27] https://www.bruedergemeine-bad-boll.de/brueder-unitaet/geschichte/

[28] https://www.ebu.de/startseite/

[29] https://de.wikipedia.org/wiki/Wala_Heilmittel https://www.wala.de/unternehmen/

[30] http://biographien.kulturimpuls.org/detail.php?&id=217

[31] http://institut-eckwaelden.de/

[32] Anthroposophische Seelenpflege – für eine Person, die sich in ihrer gegenwärtigen Inkarnationsform nicht in der uns geläufigen Art zu realisieren vermag, die jedoch der Pflege und Bildung bedarf, um dadurch für spätere Inkarnationen bessere Voraussetzungen zu erlangen. Quelle nicht mehr gefunden.

[33] https://www.akademie-anthroposozial.de/rudolf-steiner-seminar/ueber-uns/

[34] https://www.dreigliederung.de/profile/badbollseminarfuerfreiheitlicheordnungev

[35] Ich spreche vom „Kugellager“.

[36] „Karma“ und „Doppelgänger“ sind Schlüsselbegriffe bei Rudolf Steiner. https://anthrowiki.at/Doppelg%C3%A4nger https://anthrowiki.at/Doppelg%C3%A4nger

[37] https://de.wikipedia.org/wiki/Aktion_T4

[38] Dennoch gibt es vier namentlich genannte Frauen in der Teilnehmerliste. Bei drei Teilnehmern war der Vermerk c. ux. (cum uxore) hinzugefügt.

[39] Die Evangelische Akademie Bad Boll ist – wie auch manche andere – durch zahlreiche Erweiterungen (aufgrund ihrer Erfolge) ein Spiegelbild der architektonischen Entwicklung in Deutschland. Photo: Werner Feirer, © Evangelische Akademie Bad Boll

[40] https://de.wikipedia.org/wiki/T%C3%A4uferreich_von_M%C3%BCnster

„Die Muslime als starkes Argument für den christlichen Religionsunterricht“

Nicht nur das, sondern auch für die theologischen Fakultäten. Was manche angesichts der Probleme mit islam(ist)ischer Enkulturation begreifen, hat auch bei den Christen gewirkt: Die weithin gelungene Zähmung von Religion, die eigentlich nicht gezähmt werden kann, weil Gottes Wille über menschlichen Gesetzen steht. Das will ich an dieser Stelle nicht vertiefen. Aber die Säkularisierung war wirkungsvoll und nun erhofft man mit einem solchen Prozess einem „aufgeklärten“ Euro-Islam den Weg bereiten zu können. Die Aufklärung hat bei den Kirchen recht lange gedauert.

Es ist geradezu belustigend zu sehen, wie dank des Islam Religionsunterricht für Leute akzeptabel wird, die ihn bisher verkannt haben. Da war von Indoktrinierung die Rede, noch dazu vom Staat finanziert.[1] Die meisten dieser Leute haben wohl nie einen Lehrplan für Religionsunterricht in der Hand gehabt. Selbst viele „Gebildete“ meinen, im Religions­unterricht werde doch nur die Bibel gelesen.

Nun schreibt die Süddeutsche, der der Titel dieses Posts entnommen ist, über den Religions­unterricht und wie er sich verändert habe.[2] Das ist einerseits informativ, andererseits eher oberflächlich, denn eine echte Kritik des Religions­unterrichtes findet nicht statt. Eher naiv wird referiert: Es hat sich ja auch sehr geändert, das Fach, sagen viele Religionslehrer selbstbewusst: Wir bringen in die Schule, was sonst keiner leisten kann. Wir unterrichten authentisch über unseren Glauben. Bei uns kommen die existenziellen Themen zur Sprache – und unser Unterricht dient der Persönlichkeits­ent­wicklung, bei der es nicht nur auf die Noten ankommt.

Religionsunterricht hat deutlich mehr zu sein als das, um im allgemeinen Bildungsplan seine Berechtigung zu finden.[3] Es wird Zeit, dass die Religionslehrer vermitteln, welche Bedeutung Religion[4] für den Zusammenhalt einer zivilisierten Gesellschaft haben kann und sollte. Am französi­schen Beispiel kann man sehen, was man versäumt, wenn man die religiöse Bindung von Menschen ignoriert und meint, mit einem laizistischen Staatskult könne eine pluralistische Gesellschaft zusammengehalten werden.[5]

[1] https://dierkschaefer.wordpress.com/2014/12/29/das-marchen-von-der-zwangsmissionierung-deutscher-kinder-im-staatlichen-religionsunterricht/

[2] http://www.sueddeutsche.de/bildung/schule-wie-sich-der-religionsunterricht-in-deutschland-veraendert-hat-1.2987758

[3] https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/01/06/ohne-religionsgeschichte-wird-es-nicht-gehen/

[4] natürlich nicht nur die christliche

[5] https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/01/28/laizismus-als-losung-vieler-probleme/

https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/02/01/laizismus-als-losung-vieler-probleme-anscheinend-nicht-hatte-ich-argumentiert/

Die Geschichte, die niemand fördern wollte

Posted in Geschichte, Gesellschaft, heimkinder, Kinderrechte, Kirche, Kriminalität, Kunst, Medien, Pädagogik, Politik by dierkschaefer on 21. März 2015

»Mit viel Applaus bedacht wurde am Mittwochabend die Österreich-Premiere von „Von jetzt an kein Zurück“, Christian Froschs Drama über ein Pärchen jugendlicher romantischer Rebellen in der alten Bundesrepublik Deutschland des Jahres 1967, die, von Jugendamt und Eltern eingewiesen, durch die autoritären Mühlen geschlossener „Erziehungsheime“ geschliffen werden.«

»Proteste gegen die Heimerziehung gab es bereits früher, und zwar markante: In dem TV-Film „Bambule“ von 1970 proben Insassinnen eines Mädchenheims in Berlin den Aufstand. Er wurde aber kurz vor seiner Ausstrahlung zurückgezogen und für Jahrzehnte ins Archiv verbannt, weil sich Drehbuchautorin Ulrike Meinhof zu dem Zeitpunkt bereits zu sehr radikalisiert hatte.

Im Jahr davor gab es die sogenannte „Heimkampagne“, Initiativen, eine Revolte, ein großer gelungener Ausbruchsversuch – ein Auslöser für die Liberalisierung in paar Jahre danach.

Weil aus den Studenten hinter der Kampagne aber Prominente der terroristischen RAF wurden – neben Meinhof etwa Andreas Baader und Gudrun Ensslin -, geriet jede Kritik an der militärischen Struktur von Heimen in den Verdacht der Linksradikalität, eine Debatte versandete. Und die Kirchen schwiegen ohnedies zu ihrer in der Nachbetrachtung peinlichen Rolle als Einpeitscher „christlicher Werte“.«

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Bis hierher und nicht weiter – ich mag nicht mehr. Rezension eines nur halb gelesenen Buches: Marko Martin, Die Nacht von Salvador

Posted in Kunst, Psychologie by dierkschaefer on 17. Februar 2015

Auf Seite 244 bin ich angekommen, 498 Seiten hat das Buch, dazu eine nicht gezählte Seite, die eine Art Epilog sein soll.

Marko Martin, Die Nacht von Salvador, Ein Fahrtenbuch.

„Die Andere Bibliothek“ hat das Buch verlegt, exquisit editiert, wie in dieser Edition üblich. Das verzweigte Wegenetz des Fahrtenbuchs überzieht Buchrücken und Cover des feinen roten Leineneinbands. Die erste bedruckte Seite zählt in freier Anlehnung an die Wegkarte über die Seite verteilt neun Stationen auf, von Danzig im Norden bis nach Kapstadt im Süden. Der grüne Rand auf der Außenkante soll uns wie auch die fett-grünen Seitenzahlen das ganze Buch hindurch begleiten. Von außen gesehen hat die Längsschnittseite eine eher schmutzig-graue Anmutung.

Blättern wir um, so sehen wir über beide Seiten verteilt 19 Zielpunkte, eine Strecke weist nach oben über den Rand hinaus – wohin mag sie den Leser führen? Neugierig blättern wir weiter. Die nächste Doppelseite überrascht: Rechts der Buchtitel auf grünem Papier in schwarzer Schrift, nur die „Nacht von Salvador“ sticht weiß hervor, links ist die Seite gespiegelt auf weißem Papier, aus schwarz ist grün geworden, aus weiß nun schwarz. Das Signum der Buchreihe, ein von rechts kommender Komet, darunter der Name der Reihe mit dem Hinweis „Begründet von Hans Magnus Enzensberger“ ist auf beiden Seiten sehr kleingehalten zu sehen, links natürlich spiegelverkehrt.

Wir blättern weiter und bemerken, wie angenehm glatt und dennoch griffig das ausgesuchte Papier des Buches ist, weit entfernt vom billigen groben Papier anderer Anbieter. Die Bücher dieser Reihe wollen seit Enzensberger und Franz Greno auch wegen der exquisiten Ästhetik ihrer Hardware gekauft werden – und die hat ihren Preis.

Doch nun zur „Software“. Links eine Widmung „Für H., ohne den es dieses Buch nicht gäbe.“ Nun ja, H. wird’s gefreut haben. Weiter: Rechts drei Zitate. Das mittlere sei hier hervorge­hoben: „Sie fragen, welchen Plan ich habe? Gar keinen. Ich gehe der Linie der Spannungen nach, verstehen Sie. Ich gehe der Linie der Erregung nach.“: Witold Gombrowicz, Pornographie.

Das Inhaltsverzeichnis auf der nächsten rechten Seite zählt im Fließtext und Flattersatz mit fett-grün gedruckten Seitenangaben auf, was den Leser erwartet, doch das bleibt eher kryptisch.

„Ein Geständnis“, beginnend auf der ersten Seite des Textes. Es ist eines, wird aber gleich wieder infrage gestellt: „Vielleicht ist es ja auch nur ein ausgelegter Köder, diese Sache mit der Religion in ostdeutscher Provinz, eine zu offensichtliche Spur … Aber was geschieht, wenn du mit acht oder zehn Jahren zum ersten Mal Worte hörst wie: Sünde, Unzucht, weltliche Triebhaftigkeit und Ausschweifung, oder, wenn die Reihe der Vorlesenden an dich kommt, du Abschnitte und Sätze vorträgst, in denen vor Onanie, Trunksucht, Drogenmiss­brauch, Homosexualität und Teenager-Schwangerschaften gewarnt wird?“ Er sei kein Psychologe, schreibt der Erzähler und zeigt doch nur, dass es psychologisch interessant ist, wie ein aus einer „Familie gläubiger Bibelchristen“ kommendes und in den geistig engen Konventikeln der Zeugen Jehovas, unter den Augen der „kontrollwütigen Staatssicherheit“ sozialisiertes Kind zu einem homosexuellen, weltläufigen und extrem belesenen jungen Mann herangereift ist. Das ist schon wert, ein ganzes Buch zu füllen. Aber solche Überlegungen sind seine Sache nicht. Der Erzähler lebt lieber.

 

Man muß schon sehr gut schreiben können, sagte ich zu meiner Frau, nach dem titelgebenden ersten Kapitel, der Nacht von Salvador. „Man liest, ohne zu ermüden, über rund 55 Seiten hinweg den Monolog einer alten Frau.“ Sie hat zwar einen Zuhörer, doch dessen Bedeutung und Reaktionen werden im Monolog nur unterstellt und nie bestätigt. Sie berichtet so etwa im Stil der Molly von James Joyce von ihrem rite de passage: Mit 15, als Quinceañera werden, so erzählt die Alte, in Salvador die jungen Mädchen gesellschaftsfähig, mannbar hätte man früher gesagt. Dazu feiert man ein Familienfest, bei dem die jungen Mädchen aber nur eine Nebenrolle spielen. Im Rückblick der alten Dame ist es nicht sonderlich erstrebenswert, in diese Gesellschaft der mafiösen Kaffeebarone eingeführt zu werden. Aber es ist lesenswert, wie sie aus einer nicht definierten Zukunft in gelebter Distanz, von Cap Ferrat in Südfrankreich aus, ihre Familie und die uns noch gar nicht so weit entfernten Zeitläufe beschreibt. Yves, ihr Mann, habe sie schon früh dort herausgeholt und sie gibt sich glücklich und zufrieden mit ihrer Lebensgeschichte. Nie wieder habe sie nach Salvador zurückgewollt, jede Beziehung zu dort abgebrochen. Doch waren es nur diese Gesellschaft und ihr übergriffiger Vater?

Wie weit diese Übergriffe gingen, erfahren wir nicht. Dafür etwas anderes. Ihr liebster Cousin, Marcos, hmm, der Autor nennt sich Marko, Marcos also verschwindet auf ihrem Fest mit einem unbekannten Gringo in einem der Zimmer im ersten Stock und sie erlebt am Schlüsselloch das exstatische Zusammensein der beiden Männer. Fein verteilt über die ganze Erzählung der Dame taucht dieses Erlebnis immer wieder auf, ohne Bewertung, durchzogen von der faszinierten Neugier der damals 15jährigen – und der Enttäuschung. Marcos war ihr der liebste Cousin. –  Großartig geschrieben diese hin und her changierenden Erinnerungen mit den distanzierenden Einwürfen, der Zuhörer wolle sie nur aushorchen für andere Zwecke.

Dieser Auftakt lohnt das ganze Buch.

Ich las weiter und sagte zu meiner Frau: „Das Buch ist durch und durch schwul, man könnte es dem Frieder schenken.“ Frieder ist ein alter Bekannter unserer Familie. Er ist schwul und redet in einer auch heute noch nicht selbstverständlichen Nüchternheit und Offenheit über Sexuelles. Zuweilen sehe ich ihn an der Kasse der Tankstelle, wo er ganz fröhlich für seine ehemals extravagante Lebensführung hinzuverdient, doch das ist eine andere Geschichte. „Wieso schwul?“, fragte meine Frau, sie hatte mir das Buch geschenkt. „Du hast mir doch von dem Monolog der alten Dame erzählt.“ – „Ja“, sage ich, „aber ihr Schlüsselerlebnis war ein schwules, und nun ist das Buch nur noch schwul.“ – „Davon war aber in der Rezension nichts zu lesen.“ – „Rezensionen können in die Irre führen.“

Dies ist eine Rezension. „Nur noch schwul“ führt in die Irre. Der Erzähler ist viel herumge­kommen und vielbelesen. Zunächst ist es auch interessant, ihn in die Hamams von Damaskus zu begleiten und dabei auch das Ausmaß der Bespitzelung der Assad’schen Geheimdienste kennenzu­ler­nen. Sicher, dem aufmerksamen Zeitungsleser war es auch vor den aktuellen Syrienkriegen nicht entgangen, wie durchspitzelt Damaskus war, doch hier gewinnt das Wissen eine Erleb­nis­dimension.

Doch die Fahrt geht weiter. Der Sprung nach Südamerika ist dann schon anspruchsvoller. Fitzcarraldo, was war das noch mal? Ja, das Schiff, das über den Berg geschleppt wird. Ja, Werner … ? Oh, mein Namensgedächtnis! Stimmt, Herzog. Werner Herzog hat den Film gedreht und er war offensichtlich auch in Iquitos. Iquitos? Nie gehört, Managua ja, auch Caruso. Aber Iquitos müßte ich nachschlagen. Da soll ein Haus aus Eisen stehen von Eiffel in Paris gebaut, zerlegt und dort wieder aufgebaut. Auch Klaus Kinski soll dort gewesen sein – in seiner unnachahmlichen Art. Ja, mit Herzog.

Doch diese vermeintlichen Highlights tauchen auf zwischen den ausführlichen Erinnerungen an Besuche in Schwulenclubs. Die Fahrten dorthin dominieren in diesem „Fahrtenbuch“ und die immer gleichen Verschlingungen von Zungen und Gliedern, vorgetragen in ebenso verschlungenen Monologen/Dialogen. Was im Eingangskapitel gut war, wird nun zur monotonen Methode. – Aus! Schluß jetzt. Die Hälfte des Buches reicht.

 

Schlussreflektion: Das Buch ist kein Porno, dazu ist es literarisch, auch in seinen kunstvollen politischen wie historischen Anspielungen zu anspruchsvoll. Warum ermüdet es mich? Gut, die schwule Welt ist nicht die meine. Aber Teleny von Oscar Wilde ist auch ein schwules Buch und hat mich nicht gelangweilt. Es mag an der Struktur dieses Fahrtenbuches liegen. Eine Reiserückerinnerung inform fiktiver Gesprächs- und Gedankenfetzen fetzt nicht. Es bleibt der Eindruck eines Anti-Lebens, eines ausschweifenden – das ist nicht moralisch gemeint – eines in die Welt und in eine Erlebniswelt ausschweifenden Lebens aus der Enge provinzieller religiöser und politischer Duckmäuserei. Der Erzähler dokumentiert gelassen-trotzig seinen Protest gegen seine Herkunft. Soll er es doch tun und sein Leben genießen. Was kümmert es den Leser?

Doch der Erzähler gleicht der alten Dame aus Salvador. Die ist auch auf Distanz gegangen und der Leser fragt sich, ob sie von ihrem Glück in Cap Ferrat wirklich so voll überzeugt ist.

 

Dies alles unter Vorbehalt. Ich habe nur die erste Hälfte gelesen.

 

Das Buch werden wir dann wohl doch dem Frieder schenken.

Wäre ein Gott, ein Gott, … Silvester 2014

Posted in Kunst, Theologie by dierkschaefer on 31. Dezember 2014

 

Vom Sturmwind zerzaust,

gebeutelt, gebeugt,

vom Leben gezeichnet.

 

Seine Zweige,

sind sie Ausdruck der Sehnsucht

nach besseren Welten für Bäume?

 

Das ganze Gedicht: silvester 2014

 

 

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Das Märchen von der Zwangsmissionierung deutscher Kinder im staatlichen Religionsunterricht.

Posted in Geschichte, Gesellschaft, Kirche, Kunst, Pädagogik, Politik, Religion, Soziologie, Theologie, Weltanschauung by dierkschaefer on 29. Dezember 2014

Das Märchen wird immer wieder kolportiert und ist dennoch falsch.

Religionsunterricht ist in den meisten Bundesländern ein reguläres Unterrichtsfach für Schüler, die bzw. deren Eltern evangelisch bzw. katholisch sind. Wer nicht daran teilnehmen möchte, kann sich abmelden. Ist er oder sie noch nicht 14 Jahre alt, also noch nicht „religionsmündig“, entscheiden die Eltern über die Teilnahme.[1]

Dazu erhielt ich diesen Kommentar:

»Ich habe 4 inzwischen erwachsene Kinder, Wer vom Religionsunterricht befreit war, musste so eine Art Ethik-Unterricht absolvieren. Ich glaube, das hieß Werte und Normen. Die Lehrer waren dieselben, wie die Religionslehrer. In einer Grundschule war der Religionsunterricht so gelegt, dass die Kinder immer mitten drin eine Freistunde hatten. Nie am Ende oder am Anfang des Schultages.«

 

Solange der Religionsunterricht die Normalität war, hat es der Staat, in diesem Fall die Bundesländer, für ausreichend gehalten, dass die kirchlich anerkannten Religionslehrer[2] Werte und Normen im Rahmen eines konfessionellen Unterrichts vermittelten; sie wurden und werden dafür vom Kultusministerium bezahlt. Verschiedene Gründe haben dazu geführt, dass für immer mehr Kinder die Teilnahme am Religionsunterricht nicht mehr „selbstverständlich“ war. Also musste der Staat selber für Unterricht in Werten und Normen sorgen; dieser Unterricht heißt Ethikunterricht[3] und kann nicht abgewählt werden. Selbstverständlich sind die Religionslehrer von ihrem Studium her befähigt, Ethikunterricht zu erteilen. Sie sollten dazu aber nicht eingesetzt werden, weil die Eltern sich mit Recht wehren könnten, schließlich haben sie doch wohl ihre Gründe gehabt, als sie ihre Kinder vom Religionsunterricht abgemeldet haben, und sie dürfen einem Ethiklehrer, der auch Religionslehrer ist, misstrauen, wenn auch dieses Misstrauen in der Regel keinen inhaltlichen Rückhalt haben wird. Es gibt das Studienfach Ethik, das Lehrer für diesen Unterricht befähigt. Da Ethik-Unterricht kein Konfessionsunterricht sein darf, sonst müsste man sich abmelden dürfen, ist eine Konfessionszugehörigkeit des Lehrers unerheblich, im Gegensatz zum Religionsunterricht.

Schaut man sich die Lehrpläne für beide Fächer an, so wird man große Überlappungen feststellen. Wie denn auch anders? Die Werte und Normen in unserem Kulturraum sind nur geringfügig abhängig von der Konfession. Im Religionsunterricht wird stärker die religiös-konfessionelle Begründung für Ethik betont werden, der Ethik-Unterricht wird stärker philosophisch ausgerichtet sein. In beiden Unterrichtsfächern werden Religionen als Quelle und Bezugspunkt für Ethik durchgenommen, auch die „Fremdreligionen“. Dabei wird der Religionsunterricht den Bereich Kirchengeschichte ausführlicher behandeln. Täte er es nicht, müsste es im Geschichtsunterricht geschehen, da die Kirchengeschichte eng mit der europäischen Profangeschichte verwoben ist. Dasselbe gilt übrigens auch für die Geistesgeschichte und die Kunstgeschichte. Der Religionsunterricht könnte also erheblich entlastet und von Indoktrinationsvorwürfen befreit werden, wenn die anderen Fächer vollumfänglich ihren Bildungsauftrag erfüllen würden. Was im Religionsunterricht inzwischen nur noch selten vorkommt, ist im Ethikunterricht Tabu: Singen und Beten als persönliche Glaubensbekundung. Es ist schon lange her, dass Religionsunterricht als „Kirche in der Schule“ verstanden wurde.

Stundenplantechnisch wäre es optimal, wenn Religionsunterricht und Ethikunterricht zeitlich parallel angesetzt würden, um Freistunden zu vermeiden. Mit den allgemein vermehrten Wahlmöglichkeiten von Unterrichtsfächern sind Freistunden aber ohnehin zur Normalität geworden und der Schultag inzwischen vielfach ein ganzer Schultag. Leider bieten noch nicht alle Schulen eine Mensa und Arbeitsplätze für die Schüler zu Erledigung ihrer Aufgaben an.

Übrigens: In manchen Bundesländern kann Religion im Abitur als Leistungsfach gewählt werden. Da wird, wie auch sonst im Religionsunterricht, nicht der Glaube benotet, sondern das Wissen. Mit streng gläubigen Schülern bekommt ein Religionslehrer zuweilen mehr Schwierigkeiten als mit den anderen. Denn die historisch-kritische Methode in der Behandlung biblischer Schriften gehört zu Lehrplan. Diese Methode hat schon manchen einfachen Glauben erschüttert. Doch davon wissen viele nichts, besonders die, die unbedarft von Indoktrination reden.

[1] Umfassende Information: https://de.wikipedia.org/wiki/Religionsunterricht_in_Deutschland

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Religionslehrer

[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Ethikunterricht_in_Deutschland

Jedem seine Rolle im Weihnachtsgeschehen

Posted in Kunst, Religion, Theologie by dierkschaefer on 21. Dezember 2014

Die Rolle des hartherzigen Wirtes aus Bethlehem ist in Görlitz schon besetzt –  durch einen Investor.[1] Der sagt zwar, die Weihnachtsgeschichte habe keine historischen Hintergrund, womit er recht hat.

Doch Geschichten haben ihre eigene Realität und er hat sich passend eingeordnet.

 

In der Pastorale des Santons de Provence [2]sagt Boufareou, der Trompetenengel des Herrn, auch völlig ohne historischen Hintergrund:

 

„Die Wunder dieser Nacht kann ich euch nicht alle erzählen. Zum einen waren es zu viele, zum anderen ist es so: der liebe Gott macht den Menschen gern eine Freude, aber er mag es gar nicht, wenn man seine Wunder laut herausposaunt. Und im übrigen gab es einen in Bethlehem, auf den die gute Nachricht und die bezaubernde Musik gar keine Wirkung hatten. Das war der herzlose Roustido. Er war der einzige Reiche in Bethlehem. Er besaß hektarweise Olivenbäume, Mandelbäume, Apfelbäume … aber je mehr er verdiente, desto mehr trocknete sein Herz aus. Die Heilige Schrift verschweigt es, um ihm nicht weh zu tun, aber er war es, der den Heiligen Joseph und die Heilige Jungfrau vor die Tür gesetzt hat. So einer war Roustido.“

[1] https://dierkschaefer.wordpress.com/2014/12/20/ach-weihnachten-horen-sie-auf-mit-dem-firlefanz-das-mit-der-krippe-ist-doch-nur-ein-marchen-ohne-jeden-historischen-hintergrund/

[2] Deutsche Fassung: Bethlehem, Provence, http://www.amazon.de/Bethlehem-Provence-Eine-Weihnachtsgeschichte-Nachspielen/dp/393736756X

http://bookview.libreka.de/retailer/urlResolver.do?id=9783937367576&retid=100355#X2ludGVybmFsX0ZsYXNoRmlkZWxpdHk/eG1saWQ9OTc4MzkzNzM2NzU3NiUyRkZDJmltYWdlcGFnZT0mX19zdGI9U3VjaHRleHQ=

Weihnachten zwischen Kunst und Kitsch

Posted in Gesellschaft, Kunst, Religion by dierkschaefer on 21. Dezember 2014

Das Reich Gottes ist mitten unter euch!

oder

Zwischen Kunst und Kitsch

 

Bethlehem liegt in der Provence, und Jesus ist in Südfrankreich geboren! So die Pastorale des Santons de Provence, die Südfranzösische Weihnachts-geschichte. Und warum auch nicht? Das Reich Gottes ist mitten unter euch! (Lk 17, 21) Von dieser Zusage ermutigt haben die Menschen immer wieder die Geschichten der Bibel nicht nur in ihre Sprache übersetzt, nein, auch in ihre Landschaft, in ihren Kulturraum, in ihre Zeit herübergeholt.

Theologen versuchen mühsam auf dem Weg des Verstandes den garstigen breiten Graben zwischen damals und heute auszuloten. Sie entwerfen Konstruktionspläne für einen tragfähi­gen Brückenschlag.

Die Künstler taten sich da schon immer viel leichter. Mit Pinsel und Feder, Spiel und Musik entwarfen sie immer wieder aufs neue mit den Ausdrucksmitteln ihrer Zeit und Kunst für ihre Zeitgenossen die Vision des Reiches Gottes unter den Menschen: Die Architektur der Gebäude des Isenheimer Altars ist die aus der Zeit Grünewalds, die Gesichter der biblischen Gestalten sind, wie die Mode auch, die der jeweiligen Zeitgenossen. Die Maltechnik ist ‚modern’. Symbolik und Emblematik sind auf der Höhe der Zeit. Denn nur so sind sie verstehbar.

Das gleiche gilt für die geistliche Musik: Passionen und Oratorien, Choräle und Requiems, sie alle sollen deutlich machen: Das Reich Gottes ist mitten unter uns in unserer Zeit. Was die gebildeten Zeitgenossen verstanden, wurde für die einfachen Leute in populäre, unmittelbar eingängige Form und Sprache umgegossen, wenn nicht von Fall zu Fall die künstlerische Fassung die stilisierte Version längst etablierter Volkskunst war. Der Abstieg aus der hohen Kunst rächt sich bis heute. Von verwilderten Bräuchen ist die Rede, wenn in den Neapolitanischen Krippen das pralle Volksleben und Markttreiben dargestellt wird, das keinen Bezug zum In-die-Welt-Kommen Gottes zu haben scheint.

Auch die französische Pastorale wird weitgehend ignoriert. Der Tourist entdeckt in der Provence die niedlichen kleinen Tonfiguren[1], die in ihrer Schlichtheit jede künstlerische Ambition zu leugnen scheinen. Eine Mischung aus Kunstgewerbe und Folklore. Aber Text und Noten aufzutreiben, gerät zum Abenteuer. Viele Franzosen in Südfrankreich haben ein­mal etwas von der Pastorale gehört. Ein freundliches, hilfsbereites Lächeln ist ihre erste Antwort auf die Nachfrage. Doch dann scheitern zum eigenen Erstaunen der Angesprochenen ihre Hilfsbemühungen. Weder der Bischof von Montpellier, noch der Abt von Arles wurden für uns fündig. In keiner Musikalienhandlung war die Partitur aufzutreiben. Schließlich konnte eine Bibliothekarin aus Nîmes einzelne Versatzstücke der traditionellen Musik besor­gen. Die noch fehlenden Chorsätze, Melodien und Soli mußte unser musikalischer Bearbeiter ergänzen. Dabei werden im laizistischen Frankreich teure und lang zuvor ausver­kaufte Weihnachtsmessen aufgeführt, in denen die Weihnachtsgeschichte und die Santons, die heiligen Herr und Frau Jedermann eine unlösbare Verbindung gefunden haben. Daneben haben viele Gemeinden ihre jeweils eigene, nicht schriftlich fixierte Tradition, mit Gesang und Spiel die provençalische Weihnacht in der Art der Pastorale darzustellen. In sehr vielen Familien spielen die Krippenfiguren eine so große Rolle wie bei uns der Weihnachtsbaum. Dann werden sie auch in Messen und Aufführungen wieder lebendig und erzählen von der Menschwerdung Gottes und der Entstehung der provençalischen Krippe durch die Verwand­lung der Provençalen in Santons.

Das Reich Gottes ist mitten unter uns: Bethlehem in der Provence. Zu den biblischen Herren Jedermann, den Hirten, und den exotischen Königen rückte die fromme Legende schon früh Ochs und Esel an die Krippe Jesu. Was sprach dagegen, den Kreis zu erweitern? Die Heiligen Marien waren ja ohnehin schon nach ihrer Flucht an der Rhônemündung gelan­det und zu Provençalen geworden. Wenn man die heiligen Personen in seine Landschaft transferiert, warum nicht auch sich selbst in die heiligen Geschichten?

Und so sehen wir die Menschen von Bethlehem vor uns, wie sie die naive Volkskunst porträtiert:

Der Müller ist Faulpelz und Hahnrei zugleich. Der Zigeuner, dem Verband der Sinti und Roma sei’s geklagt, wird als Hühnerdieb dargestellt. Sein Kontrahent, der Polizist, der ihn endlich stellen kann, hat aus lauter Bonhomie seine Waffe nie geladen. Und dann das komi­sche Paar Honorine und Pistachié: Er, der Tolpatsch, der bei der Jagd immer daneben schießt und sie, die den Leuten nicht mehr ganz frische Fische andreht und ein Mundwerk hat, von dem Heine gesagt hätte, es sei eine Guillotine für jeden anständigen Namen. Da ist Felix, bei dem man nicht so recht weiß, ob man in ihm mehr den Dorftrottel sehen oder ihn um sein glückliches Naturell beneiden soll. Er erklärt dem Blinden, was in der Welt geschieht: wie die drei Könige aufziehen, ihr Aussehen und ihre Geschenke.

Schließlich das Liebespaar Mireille und Vincent mit ihrem habgierigen, hartherzigen Vater. Sie sind dem Vers-Epos von Frédéric Mistral entsprungen, mitten hinein in die Erzäh­lungen des Volkes. Sie alle und noch weitere landschaftstypische Personen aus der vorindustriellen Welt, die dennoch nicht als Idylle verstanden werden will, werden durch die Geburt Jesu in der heiligen Nacht verwandelt. Sie werden im Rahmen ihrer Möglichkeiten gut und freundlich, sie werden den anderen Menschen ein Mensch.

Damit das anhält, erfolgt die zweite Verwandlung auf dem Fuß: Sie erstarren in ihrer liebenswürdigen, geläuterten Art zu den kleinen Heiligen, den Santons, und werden so in ihrer Reinheit bewahrt für die Ewigkeit. Und selbst der bis zum Schluß widerspenstige Roustido, der Vater Mireilles, willigt schließlich in die Eheschließung ein, nachdem nicht er den Hausstand der Brautleute zahlen muß, sondern dafür die Schatulle der Heiligen drei Könige in Anspruch genommen werden kann. So geht auch er in würdiger Pose in die Krippenge­sellschaft Jesu ein: Er legt die Hand seiner Tochter in die des armen, aber schmucken und ehrlichen Vincent, Stierhüter und Tanzmusiker in der Camargue.

Diese Gradwanderung zwischen Kunst und Kitsch wird ermöglicht durch die immer wie­der durchscheinende Distanz schmunzelnden Wohlwollens für menschliche und auch göttliche Unzulänglichkeiten. Oder sollten wir lieber von allzumenschlichen Schwächen sprechen, von denen auch der stolze, frisch gebackene Gott-Vater nicht verschont bleibt? Dieses distanzierende Wohlwollen ist zumeist mehr als nur oberflächliche Komik, sondern meint ganz hintergründig tiefer liegende Widersprüche in der Logik der Weihnachts­geschichte.

Was wir auf der Textebene beobachten, wiederholt sich in der Musik: Auch hier das Ineinander von volkstümlichen Melodien mit großer Musik: Weihnachtslieder und Bizet’s Oper, kunstvolle Chorsätze und einfache Choräle, dazu volkstümliche Tänze – ein buntes Stilgemisch mit dem Reiz eines Feldblumenstraußes.

Die Geschichte der Santons ist nicht so leicht abzugrenzen. In der Provence findet man weihnachtliche Szenen bereits auf frühchristlichen Sarkophagen und an den herrlichen Säulenkapitellen im Kreuzgang von St. Trophime in Arles. Doch die Tradition der szenischen Darstellung des Geschehens an der Krippe kam wohl aus Italien. Im Zeitalter der Gegenreformation erlebte das Krippenspiel einen Aufschwung in dem Bemühen nach noch mehr Anschaulichkeit und Volksnähe. In dieser Zeit entstand auch ein großer Teil des provençalischen weihnachtlichen Liedguts, so daß die Darstellung des Weihnachtsgeschehens bis in die Familien hinein beliebt und gebräuchlich wurde. Die Anfänge der heutigen Form der Pastorale datieren aus dem Beginn des vorigen Jahrhunderts. Eine wesentliche Popula­risierung brachte im vorigen Jahrhundert die Ausweitung der Krippendarstellung im engeren Sinne auf landschaftstypische Personen mit ihrer volkstümlichen Rollenaus­gestaltung. Das Handwerk des Santonnier, des Krippenfigurenherstellers, blühte auf. Es gibt jährliche Krippen­figurenausstellungen in Marseille und ein im Auftrag der UNESCO entworfenes Krippenmodell wird seit neuestem von einem Santonnier in St. Rémy hergestellt.

Wenn auch an einzelnen Orten noch Sprecher, die der provençalischen Sprache mächtig sind, gefunden werden können, scheint man sich heute meist an die französische Fassung von Yvan Audouard zu halten, der mit seinen Anachronismen den Text ausgesprochen lebhaft, amüsant und leicht zugänglich gestaltet hat. In der auf Kassette und Schallplatte verbreiteten Version vermittelt der Akzent des Midi den ganzen Charme dieser Landschaft. Allerdings haben sogar manche Franzosen Schwierigkeiten, die Sprache auf Anhieb lückenlos zu ver­stehen.

Natürlich lassen sich in einer deutschen Bearbeitung nicht alle Kostbarkeiten dieser Fassung übertragen, will man das Stück nicht durch erklärende Fußnoten zu einem Lehrstück für französische Literatur- und Landeskunde verfremden. Darum wurde auch auf eine Über­setzung im engeren Sinne verzichtet, sondern einer sinngemäßen Übertragung der Vorzug gegeben. Der Text mußte mit Rücksicht auf seine Aufführbarkeit im Rahmen einer Schulproduktion um manche reizende Szene gekürzt werden – und doch ist wohl auf sympathische Art das deutlich geworden, was den Reiz der Pastorale ausmacht. Die Präsenta­tion einer Utopie, zwar nicht real, aber doch zu Herzen gehend und Mut machend:

Das Reich Gottes ist mitten unter uns!

 

dierk schäfer[2]

 

[1] https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/3153433875 https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/3971447132/in/photolist-73WGSq-4QsrQw-5NJAcw-5NEb2z-i4QNP5-9fC3Ni-i4QS9S https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/2517421938

[2] aus Bethlehem Provence, http://www.amazon.de/Bethlehem-Provence-Eine-Weihnachtsgeschichte-Nachspielen/dp/393736756X

http://bookview.libreka.de/retailer/urlResolver.do?id=9783937367576&retid=100355#X2ludGVybmFsX0ZsYXNoRmlkZWxpdHk/eG1saWQ9OTc4MzkzNzM2NzU3NiUyRkZDJmltYWdlcGFnZT0mX19zdGI9U3VjaHRleHQ=