Dierk Schaefers Blog

Twitterkultur – Keine Diskussion über #Inklusion

Posted in Gesellschaft, Kinder, Kinderrechte, Kindeswohl, Kultur, Leben, Medien, News, Religion, Soziologie by dierkschaefer on 13. Oktober 2017

Heute, 13.10.2017 13:44 habe ich die Twitter-Mitteilungen 10-17 dokumentiert, die mich über mein Twitterkonto erreicht haben. Lediglich zwei Großaufnahmen von Herrn Trump habe ich aus Platzgründen gelöscht, auch leere Aufzählungszeichen. Eine Zensur fand nicht statt.

Die Datei „Mitteilungen“ bei Twitter weist nicht meine Antworten aus, die ich auf einige der Tweeds gegeben habe. Wer sich die Mühe machen will, kann die aber in meiner Timeline nachlesen. Eigentlich sollte man auf Mitteilungen dieser Art nicht antworten, jedenfalls kein zweites Mal, möchte aber nicht nachgesagt bekommen, man kneife. Doch wenn man ohnehin unter der Gürtellinie angegriffen wird, macht dieser Vorwurf auch nichts mehr aus.

Die meisten Mitteilungen beschäftigen sich mit dem Thema „Inklusion“, zu dem ich zuletzt einen Beitrag auf meinem Blog geschrieben habe, der im Wesentlichen einen Zeitungsartikel wiedergab. Inklusion und der ideologische Mainstream https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/10/05/inklusion-und-der-ideologische-main%c2%adstream/ Die Kommentarfunktion wurde nicht wahrgenommen. Dort gab es auch Links zu älteren Artikeln über Inklusion, z.B. Inklusion macht Kinder zu Verlierern. https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/04/07/kinderrechte-inklusion-macht-kinder-zu-verlierern/ Hier gab es zwar Kommentare, doch die waren eher geeignet, die Inklusionsideologen zu verärgern.

Ähnlich wie schon in einem anderen Artikel beschrieben (https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/02/18/die-methodische-zurichtung-des-menschen/ ) hatte auch diesmal „jemand dieser namhaften Twitterer in meinem Profil gesehen …, dass ich – nicht nur, aber auch – Pfarrer bin. Also spielte diese Dame mein Christsein gegen mich aus mit der Behauptung, ich hätte es vor mir hergetragen. Mein Twitter-Profil weist mich aus als „Psychologe/Kriminologe/Theologe | Pfarrer iR. | Blogger https://dierkschaefer.wordpress.com/ : | Kinderrechtspreis 2009 | Psychologische Praxis | Gutachtenerstellung“. Man beachte die Reihenfolge. Doch der Vorwurf „Christ“ verbunden mit dem der Diskriminierung machte Schule. Andere folgten. Ich will das ja nicht gleich Shitstorm nennen, aber unter der Gürtellinie ist das schon.

Die Mitteilungen und Retweets gehen nicht auf die in meinem Artikel genannten Fälle ein, sondern fordern pauschal die Inklusion aller irgendwie behinderten Schüler. Es wird keine Rücksicht auf die Art der Behinderung genommen, keine Rücksicht auf die Auswirkungen auf nicht-behinderte Schüler. Nur am Rande wird auf die fehlenden personellen wie wirtschaft­lichen Ressourcen für Inklusion in Regelklassen angesprochen. Ein Tweed hat sogar die Ursache ausgemacht: Die noch bestehenden Förderschulen blockieren die Mittel für die Inklusion in Regelklassen.

Mein Fazit: Twitter eignet sich wegen der Beschränkung auf 140 Zeichen nicht unbedingt als sachliche Diskussionsplattform. Selbst einen eigenen Blog im Hintergrund nutzen manche Zeitgenossen nicht, um differenziert auf Sachprobleme einzugehen. So stellte eine Bloggerin ihren persönlichen Fall von Inklusion offenbar als Blaupause für Inklusion überhaupt dar.

„Manche Leute haben es nicht weit, bis zu ihrem Horizont“, sagte einmal ein Oberkirchenrat, doch der ist qua Beruf und Christ ohnehin indiskutabel.

Also ein anderes Beispiel zum Schluss. Ich kann allerdings die Quelle nicht belegen. Im Lernversuch hatte man einer Ratte beigebracht, wie sie Elektroschocks abstellen kann, nämlich durch Druck auf einen Hebel in ihrem Käfig. (Ich will jetzt keine Diskussion über Tierversuche eröffnen.) In Erwartung der Schocks hielt sich die Ratte besser gleich in der Nähe des Hebels auf. Sie hatte gelernt. Dann setzte man ihr eine zweite Ratte in den Käfig. Als der Schock kam, vergaß sie, was sie gelernt hatte, und fiel stattdessen über die Kollegin her. Wer’s lieber literarisch mag lese von Alfred Andersch in seinem Roman „Die Rote“ (München 1964, S. 37-44): „Grausiges Erlebnis eines venezianischen Ofensetzers.“ Dort wird angesichts mangelnder Vernunft sogar Zweifel an Gottes guter Ordnung geäußert, was die Religionskritiker meines Publikums besänftigen mag.

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Die Öffis sind uns teuer und kommen uns teurer als nötig

Posted in BRD, Gesellschaft, Medien, Staat by dierkschaefer on 27. August 2017

Die Öffentlich-rechtlichen Sender sollen eine Grundversorgung an Information sicherstellen, dies weitgehend staatsfern. Dafür brauchen sie Einnahmen. Soweit, so gut, volle Zustimmung. Am besten ginge das über eine Rundfunksteuer. Diese Einnahmen sollten vom Staat garantiert werden ohne Einflussnahme auf das Programm. Damit das nicht hinterrücks geschieht, sollte der Steueranteil für die Unterhaltung der Sender dynamisiert werden. Wenn das nicht aussreicht, z.B. wegen erhöhten Bedarfs zur Beschaffung und Ausstrahlung der Informationen, wird ein politisch-unabhängiges Gremium über die Angemessenheit befinden müssen, Richter beispielsweise. Die „Öffis“ sollten uns teuer sein.

Aber brauchen wir zwei davon? Zwei, die sich beide spreizen und aufhübschen mit Sonderkanälen? Zwei, die beide meinen, sie müssten auch zur Massenunterhaltung beitragen, die übrigens bei den Öffis zunehmend weniger Zuspruch findet?

Klar, die können nicht den ganzen Tag Nachrichten senden, über die politischen Hintergründe informieren und Kommentare dazu absetzen. Das würde nur Info-Freaks interessieren und damit den Auftrag auf Grundversorgung an Information aushöhlen. Doch eine Mischung, wie sie der Deutschlandfunk hinbekommt, wäre doch eine Möglichkeit. Der berichtet sogar über Sport – was mich nicht interessiert, und bringt Kultur, die andere nicht interessiert. Es gibt ja den Ausschaltknopf – oder die „Privaten“, die von der Quote leben. Die können das ganz gut und brauchen dafür keine zwangsfinanzierte öffentlich-rechtliche Konkurrenz, die den Wettbewerb verzerrt. Die Öffis sollten so gut finanziert werden, dass sie auf Werbeeinnahmen nicht angewiesen sind und uns folglich damit auch nicht behelligen.

Die Wettbewerbsverzerrung ist durch die Aufbläung der Öffis bei den Zeitungen angekommen. Jürgen Kaube geht in der FAZ darauf ein und schreibt ganz richtig:

»Niemand in den Zeitungen schätzt gering, was das Deutschlandradio und andere Sender leisten. Oder Arte, 3sat, ARD-alpha. Aber das Gros des zwangsfinanziert Ausgestrahlten hat nichts mit der Demokratie, einem Bildungsauftrag oder auch nur dem Anregen von Gedanken zu tun, die anders als durch immer höhere Pflichtabgaben nicht zu haben wären.«[1]

Ob die Zeitungen allerdings gut davonkämen, wenn die Öffis sich auf ihren Grundauftrag konzentrieren würden, darf bezweifelt werden. Ich nutze die Öffis fast ausschließlich im Autoradio. Wenn ich viel unterwegs war, bin ich am nächsten Tag mit meiner Zeitung sehr schnell fertig und kann dann auch den dortigen Anzeigen kaum Aufmerksamkeit widmen.

[1] http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/von-staatsrundfunk-und-zwangsgebuehr-kommentar-zum-rundfunkbeitrag-15168540.html, Hervorhebung von mir.

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« Kap. 41 f

moabitDieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit,

           die keine Kindheit war

 

Einundvierzigstes Kapitel

Mir fehlt die Ader zum rachsüchtigen Menschen.

Fantasie besaßen sie ja, was das Aussuchen eines Observierungspunktes betraf. Weil sich nun aber keine Häuserreihe auf der gegenüberliegenden Straßenseite befand, weil dort ein Park ange­legt war, hatte man sich das Eisstadion zunutze gemacht. Das befand sich schräg gegenüber der Wohnung. Das Dach des Eisstadions bestand aus Zeltplane. Und da sich die Wohnung des zu Observierenden in der ersten Etage befand, konnte man mit einem guten Nachtsichtgerät genau ins Wohn- und Schlafzimmerfenster der beiden hineinschauen. Vielleicht sparten die Bullen sogar Geld dabei? Brauchten sie sich doch keine Pornofilme ausleihen.

Auch das Auto von unserem „Dummfick“ hatte man ständig im Blickfeld, welches vor dem Haus geparkt wurde. Auf diese Weise wurde die Polizei Zeuge, wie noch spät in der Nacht vom „Dummfick“ und Paule ein größeres Bündel aus dem Haus zum Auto geschleppt wurde. Nachdem die beiden das Bündel im Kofferraum verstaut hatten, fuhren sie los. So gut der Beobach­tungs­standort auch gewählt war, hatte man eines nicht bedacht. Die Hindernisse, die man zu überwinden hatte, um zum eigenen Auto zu kommen, um eine eventuelle Verfolgung aufzunehmen, dazu war ihr Standort völlig ungeeignet. Längst war der nichtsahnende Paule aus deren Sichtweite entschwunden, als das SEK[1] dort ankam wo es, bzw. sie, losgefahren waren.

Nachdem Paule und „Dummfick“ sich beraten hatten, wohin mit der Leiche, um die Leiche von Wolfgang handelte es sich schließlich, wurde der erste Gedanke wieder verworfen. Der erste Gedanke war gewesen, Wolfgang auf dem Friedhof in ein frisches Grab dazuzulegen. Der zweite Plan war dann doch vielversprechender. In der Nähe von Osnabrück hatte Paule einige Jahre seines Lebens bei einem Onkel auf dem Lande verbracht. Dort kannte er sich aus. Weitab vom Straßenrand, wo kein Hund so schnell hinkam und eventuell eine Spur aufnehmen konnte, grub man ein gut zwei Meter tiefes Loch im Acker. Die letzte Ehre, die man Wolfgang erwies, war die Tatsache, dass man ihm anlässlich des ersten Adventssonntags eine große rote Schleife um den Teppich, worin er eingepackt war, band. So weit, so gut! In den nächsten hundert Jahren hätte man Wolfgangs Überreste wahrscheinlich nicht gefunden.

Wie Reni zum Beinamen „Dummfick“ kam.

Wären da nicht die impernenten[2] Bullen gewesen, die unbedingt wissen wollten, was da so mitten in der Nacht aus dem Haus geschleppt worden war. Selbstverständlich bereiteten sie sich gründ­lich vor, bevor sie am nächsten Tag an der Wohnungstüre von „Dummfick“ klingelten. Sie hatten im Vorfeld recherchiert, dass die Adelige noch nie etwas mit der Polizei zu tun hatte. Solch unbe­darfte Bürger konnte man viel leichter überrumpeln als einen gewieften Verbrecher wie Wolfgang. Doch der war nun schon tot und Reni allein zu Haus. In dem Moment, wo Reni den Bullen die Türe öffnete, hatte sie sich von mir den Beinamen „Dummfick“ [3] verdient. Die Überrum­pelungs­taktik der Bullen bei unbescholtenen Menschen besteht darin, sobald die Türe geöffnet wird, einen Fuß dazwischen zu stellen, damit man ihnen nicht wieder die Türe vor der Nase zuknal­len kann, sobald sie sich mit ihren Polizeimarke ausgewiesen haben. Knallhart sagte man ihr auf den Kopf zu, dass sie nicht leugnen könne, in der vergangenen Nacht mit einem Mann zusammen Waffen aus der Wohnung getragen zu haben, um sie woanders zu verstecken. „Wie? Waffen? Wir haben die Leiche von Wolfgang Dietrich aus der Wohnung entfernt!“ So hübsch wie die echte Blondine war, so gut sie im Bett war, wie Wolfgang geprahlt hatte, zu einem Zeitpunkt, als er das alles noch lebend genießen konnte, so blöd war sie auch. Deshalb auch, warum ich sie fortan nur noch „Dummfick“ nannte. Bereitwillig zeigte Dummfick dann auch den Ort, wo sie Wolfgang verbuddelt hatten. Dass die Bullen sie deshalb gleich mit an den Arsch kriegen würden, hatte sie gar nicht bedacht. Wie auch? Sie war ja von Natur aus blond! Vielleicht spielte auch ein wenig der Inzucht­adel eine kleine Rolle dabei. Irgendwo muss ja ein Grund dafür vorhanden sein, dass sich soviel Dummheit in einem Kopf vereinigte. Ihren IQ, der mal gerade knapp über Zimmertemperatur lag, bewies sie dann ja gleich nochmal der Polizei gegenüber. Bei der Durchsuchung der Wohnung fiel den Beamten auf, dass ungewöhnlich viel hi-tec, und nicht gerade von der billigsten Sorte, vorhanden war. Dummfick wurde gefragt, wer denn das teure Zeug angeschafft hätte. „Na, Wolf­gang!“ – „Wie, Wolfgang? der bezieht doch nur Arbeitslosengeld. Davon hat er das alles ange­schafft?“ – „Wieso Arbeitslosengeld? Mir hat er gesagt, er sei Bankräuber von Beruf“, ant­wortete die wahrheitsliebende Komtess. Hätte das Weib gewusst, dass ich dem Wolfgang die teu­ren Geräte für ’nen Appel und Ei besorgt hatte, hätte sie mich bestimmt auch noch in die Pfanne gehauen und ich hätte eine weitere Anklage wegen Hehlerei am Hals gehabt. Jetzt, knapp 16 Jahre später, frage ich mich noch immer, da die Bullen kein Geld gefunden haben, wo denn das Geld aus dem Bankraub abgeblieben war. Während der einen Woche, wo er noch zu leben hatte, konnte er die Summe doch nicht schon verbraten haben! Soviel Interna mir Paule später in der gemeinsamen Knastzeit auch verriet, auf diesbezügliche Fragen ging er nicht ein.

Die Staatsanwaltschaft schaffte es bei weitem nicht, innerhalb eines halben Jahres eine Anklage­schrift zu verfassen. Dummficks Rechtsanwalt stellte deshalb einen Antrag auf Haftentlassung. Das Gesetz schreibt es jedenfalls so vor. Die Anklageschrift muss vor Ablauf von sechs Monaten stehen, ansonsten muss der Angeklagte aus der U-Haft entlassen werden. Paule gab mir auf dem Hof die Begründung zu lesen, mit der man diesen Antrag auf Haftentlassung im Falle von „R von K“[4] ablehnte. Besagte Person stand unter dem dringenden Tatverdacht, Beihilfe zum Mord gelei­stet zu haben. Im Falle, dass man „R von K“ bis zur Verhandlung auf freien Fuß setze, stehe zu befürchten, dass sie sich weiterhin in Unterweltskreisen bewegen würde. Diese Vermutung sei dadurch bestätigt, dass sie laut eigener Aussage zunächst mit dem Berufsverbrecher Wolfgang Dietrich, dann mit dem gefährlich eingestuften Bruno Reckert eine Liaison eingegangen sei, zu dessen weiteren Bekanntenkreis auch der Mitangeklagte Paul M … und andere Unterweltgrößen gehörten. Einige dieser Sätze sind bei mir haften geblieben. Das übrige übliche Bla Bla, mit vielen Paragraphen gespickt, habe ich vergessen.

Der Polizei reichten die dürftigen Angaben.

Eigentlich hätte ich ja das Kapitel, was diese Tussi betraf abhaken können. Wäre ihr Name nicht Monate später wieder aufgetaucht. Nämlich in meiner Anklageschrift betreffs des Bankraubes in Eisenhüttenstadt. Dass es überhaupt zu der Anklageschrift kam, dabei hatte eben Dummfick einen kleinen Anteil. Natürlich hatte man sie bei den Vernehmungen ausgepresst wie eine Zitrone. Sie musste ja so einiges über die Aktivitäten von Wolfgang und Bruno Reckert wissen. Was sie wusste plauderte sie natürlich auch aus. In der Hoffnung ihren eigenen Arsch dadurch zu retten. So gab sie auch an, dass Wolfgang mit anderen, aber ohne Bruno Reckert, mit dem hätte sie sich ja an diesem Tage verlobt, in die Ex DDR gefahren sei, um seinem Beruf als Bankräuber nachzugehen. Auch dass Wolfgang dabei sehr erfolgreich gewesen sein müsse, da er eine große Summe Geld vorzeigen konnte. In dem Knastbetrieb, wo ich arbeitete, zeigte mir ein Mitgefangener einen Artikel im Stern. Die Überschrift lautete: „Die Spur des Bruno Reckert führt bis in die neuen Länder“. Na und? Was ging mich das noch an? Ich hatte doch mit dem kein Ding zusammen gedreht. Mir kam gar kein Gedanke, dass in Wirklichkeit Harry, Wolfgang und ich damit gemeint sein könnten. Wie bei den Medien so üblich wurde hier etwas aus dem Zusammenhang gerissen. Hätte die Presse allerdings korrekt berichtet, dass Bruno lediglich eine seiner Waffen, nämlich besagter Magnum Revolver, an uns verliehen hatte, wären bei mir sämtliche Alarmglocken angeschlagen.

Der Bankraub an sich war höchstwahrscheinlich bei den zuständigen Stellen schon längst in der Ablage gelandet. Doch als die Polizei in dem Mordfall zu ermitteln begann, den Hinweis von Dummfick erhielt, verfolgte man natürlich auch diese Spur. Einen bewaffneten Raubüberfall auf­geklärt zu haben, machte sich immer gut in der Personalakte und war einer Beförderung sehr dienlich. Die gelegte Spur von dem Weib war brandheiß. Konnte man diese doch auf einen bestimmten Tag einkreisen. Der Polizei reichten die dürftigen Angaben der Blondine, um letzt­endlich auch auf Harry und mich zu kommen. Endlich konnten die Bullen ihr weniges Hirn benut­zen, um Zusammenhänge zu konstruieren. Noch einmal Bingo für die Polizei.

Seit sieben Monaten schon hatte ich mich wieder an den Knastalltag gewöhnt. An einem Junitag ging ich nach der Arbeit sofort zu der Beamtenloge und meldete ein ausgehendes Telefon­ge­spräch an. Als ich dann endlich an der Reihe war, mein fünfminütiges Gespräch führen zu dürfen, bekam ich auch gleich Helga an der Strippe. Obwohl ich eindeutig ihre Stimme erkannte, dachte ich zuerst, eine verkehrte Nummer eingetippt zu haben. Ich konnte nicht verstehen, was Helga da sagte. „Entschuldigen SIE bitte, ich werde IHNEN gleich antworten, ich muss nur noch meinen Besuch rauslassen!“ Einwandfrei, das war Helga am anderen Ende der Leitung. Aber was redete sie da für einen Mist. Von wegen SIE und Ihnen? Im Hintergrund ein paar Männerstimmen, dann das Schließen der Türe. Helga ließ hörbar Luft ab, als sie sagte: „So jetzt können wir reden!“ – „Was ist denn da los?“- „Stell dir vor, das war gerade die Polizei, die hier war. Deshalb konnte ich nicht anders sprechen. Die haben mich gefragt, ob du eine Schwester in Eisenhüttenstadt wohnen hast und haben auch dein Auto auf der Straße fotografiert!“ Jetzt ging bei mir endlich ein Licht auf. So hell wie Osram: Der kürzlich erschienene Sternbericht………..!

Mit sich überschlagenden Gedanken im Kopf war ich aus dem Weg zurück zu meiner Zelle. Da rief auch schon ein Bekannter aus dem Rotlichtviertel zu mir hoch; „He, Dieter, hast du schon gehört? Harry haben sie verhaftet!“ Kein noch so gut gesichertes Gefängnis kann verhindern, dass der Nachrichtendienst bestens funktioniert. Jetzt war es nur noch eine Frage der Zeit, bis sie auch zu mir kommen würden. Eine ziemlich unruhige Nacht hatte ich verbracht, trotzdem ging ich am nächsten Morgen zur Arbeit. Schon bald kam einer der Werkmeister an meinen Arbeitsplatz und sagte, ich solle mich bei der Oberaufsicht melden, ich hätte Besuch. Natürlich konnte ich mir denken, wer mich da besuchen wollte. „Nö, keine Lust!“ sagte ich dem Beamten. „Ich habe weder einen Besuchstermin, noch hat sich mein Anwalt angemeldet!“. Minuten später kommt der Beamte zurück. „Schulz, du musst hochgehen, dein Anwalt ist außerplanmäßig gekommen!“. Ich kannte ja bereits die Methoden hier in der Anstalt. Bei einer erneuten Weigerung würde das Rollkommando eintreffen und mich gefesselt nach oben schleppen. Bei der Oberaufsicht angekommen sagte man mir, dass ich zu Zimmer 4 gehen solle. Es gab eine ganze Reihe solcher Zimmer. Dort traf man sich mit seinem Anwalt zu einem Gespräch oder aber auch mit der Kripo, falls diese noch etwas wissen wollten.

Unser mickriger Bankraub

Zimmer Nummer 4 stand weit offen. Darin saßen gleich drei männliche Typen und weiter hinten in der Ecke, saß eine Frau hinter einer Schreibmaschine. An der Kleidung erkannte ich sofort, dass zwei der Kerle aus dem Osten kommen mussten. Der offensichtliche Westbulle stand doch tatsäch­lich auf und wollte mich mit Handschlag begrüßen. Die ausgestreckte Hand übersah ich geflissent­lich, sagte statt Guten Tag, „Oh, ich muss mich im Zimmer geirrt haben. Ich wollte zu meinem Anwalt!“- „Nein, nein, Sie sind hier schon richtig! Sie sind doch Herr Dieter Schulz?“

Ich hatte natürlich sofort die Taktik des „guten“ Bullen durchschaut. Äußerlich kehrte ich den Coo­len heraus, so tuend als würde ich so gar nicht wissen, worum es hier eigentlich ging. Ich will hier nicht das ganze Gespräch wiedergeben. Nur soviel: ich weigerte mich auf die Vorwürfe bezüg­lich Eisenhüttenstadt auch nur irgendetwas auszusagen. Somit hatte die extra dafür mitge­brachte Schreibkraft am Fenster nicht all zuviel zu schreiben. Aber dieses ausgekochte Biest hatte es faust­dick hinter den Ohren. Im Polizeidienst mit allen Wassern gewaschen legte sie mich doch rein. Wie das? Selbst ich, der ja bereits viele gemeine Tricks unseres Justizwesens kannte, fiel auf ein kleines Wörtchen herein. Ich übersah einfach ein kleines Wort von gerade mal vier Buchstaben, welches die Tippse eingefügt hatte. Im Originaltext sollte es heißen: Zu den mir am heutigen Tage gemachten Vorwürfen möchte ich keine Aussagen machen. Das wollte und konnte ich unter­schreiben. Diese hinterlistige Ziege hatte ein bedeutungsvolles Wort dazwischen gepackt, woran sich später bei der Verhandlung der Richter immer wieder festbiss. Zwischen den Worten möchte ich keine Aussagen machen, hatte sie listigerweise das Wort NOCH keine Aussagen machen, gehängt. Für das Gericht kam dieses kleine Wort NOCH einem Geständnis gleich.

Mir fehlt die Ader zum rachsüchtigen Menschen.

Mein Fehler; warum vertraute ich auch blind der blinden Justitia. Die Beweislage gegen mich und Harry war sehr dünn, was ja auch bei der langen Prozessdauer zum Tragen kam. Die meisten Mord­fälle werden viel schneller abgehandelt und verurteilt. Unser mickriger Bankraub, wo noch nicht mal eine einzige Person zu Schaden gekommen war, zog sich über fünf Monate und 25 Prozesstage hin. Zunächst einmal verlegte man mich ganz schnell in eine weit entfernte JVA. Täter­trennung nennt man so was. Wegen der dürftigen Beweislage musste man unbedingt vermeiden, dass Harry sich mit mir die Aussagen absprechen konnte. Innerhalb derselben Anstalt hätte es immer eine Möglichkeit dazu gegeben, selbst wenn man in ganz anderen Häusern untergebracht war.

Bei dem letzten Besuch in Hannover konnte ich Helga noch, mit der Genehmi­gung der Anstalts­leitung selbstverständlich, vier Blankoschecks übergeben. Ich wollte nicht, dass die Bullen mein Konto plünderten in der Annahme, dass mein Guthaben aus dem Bankraub stammte. Ebensogut hätte ich aber das Konto so belassen kön­nen. Denn Helga, von der ich geglaubt hatte, dass ich auf ihre Treue zu mir Häuser bauen könne, ließ mich schon bald wissen, dass sie sich nicht mehr als meine Ver­lobte betrachte. Nur sehr wenige Sachen aus meinem Privatbesitz durfte ein Freund von mir später noch aus dem Keller holen. Das war der Dank dafür, dass ich sie vor Gericht aus allem herausgehalten hatte. Selbst nachdem sie sich brieflich von mir losgesagt hatte, hätte ich immer noch alles bei der Polizei beichten können. Anhand von Fotos z.B. wäre img 13780 b.jpgsie überführt worden, zumindest an meinem England- als auch Amster­damreisen beteiligt[5] gewesen zu sein. Ebenso: ihre Mitwisserschaft vom Bankraub hätte ihr ein paar Jährchen gesiebte Luft eingebracht. Doch mir fehlt die Ader zum rachsüchtigen Menschen.[6]

 

 

Zweiundvierzigstes Kapitel

Neustart mit 61 Jahren

So wurden wir, Harry und ich, zu 9 bzw. 7 Jahren zum Studium von Knast und Gitterkunde verur­teilt. Ein reiner Indizienprozess, waren doch extra 2 x 2 Beamte der Kripo und zwei unterschied­liche Aussagen von Beamten der JVA Hannover geladen worden. Nach dem ersten Mal musste die Kripo zurück nach Hannover, um sich eine Aussagegenehmigung zu holen, beim zweiten Mal drucksten sie auch nur herum. Erst als ich meinem Anwalt ins Ohr flüsterte, eine ganz bestimmte Frage zu stellen, verriet sich der gerade im Zeugenstand Sitzende halbwegs. Den Rest konnte ich mir selbst zusammenreimen, was meinen schon längst gehegten Verdacht aufs trefflichste bestä­tigte. Nach der Frage, wer denn der Tippgeber [gewesen sei], der der Kripo den Hinweis auf [mich] abgegeben hatte, wurde erklärt, dass man dem Aussagenden Vertraulichkeit zugesagt hatte. Meine Frage über den Anwalt wurde dahingehend gestellt, welchem Ressort die beiden denn in Hannover zugehörten. „Falschgeld“,—- erschrocken innehaltend verbesserte er sich ganz schnell: „Banden­diebstähle, besonders Autodiebstahl“ stotterte er.

„Geldfälscher der Polizei ins Netz gegangen.“

Mir war alles klar! Bekam ich doch wenige Tage nach meiner Inhaftierung am 6.12.90 die ver­klau­sulierte Nachricht, [dass] die Produktion der Blüten abgeschlossen sei. Besonders meine Kochkünste wurden hervorgehoben, die ihm nun abgehen würden. Damit konnte er nur meinen, dass ihm finanziell die Luft ausgeht. Ein paar Tage später schon große Schlagzeilen in den Medien: „Geldfälscher der Polizei ins Netz gegangen.“ Kaufmann hieß der Dandy; mit ihm und seiner Schwester hatte ich das Ganze aufgezogen. Doch als ich wegen der Haschischgeschichte hops-genommen wurde, gingen den beiden meine Geldzuschüsse verloren, wovon sie ausschließ­lich gelebt hatten. Hatten sie sich doch außerhalb von Hannover einen Bauernhof gepachtet, damit die Schwester ihrem Hobby, Pferde, nachgehen konnte. Schon im Vorgefühl des zu erwar­ten­den Geldsegens hatten sie sich diesen Luxus geleistet. Die laufenden Kosten konnten sie nicht mehr bedienen. So machte sich denn Kaufmann auf dilettantische Weise daran, das Falschgeld zu waschen. Von Hannover über Hamburg, Bremen schlug er einen Bogen über NRW bis ins süd­deutsche Gebiet. Ausgerechnet in der Hochburg der deutschen Beamten wurde er auch prompt auf frischer Tat erwischt. Seine Masche war immer die gleiche. Er tauchte immer schon kurz nach Öffnung diverser Kaufhäuser dort als Kunde auf. Bis er in Karlsruhe auftauchte, waren einige Tage vergangen und diverse Scheinchen bei der Bundesbank aufgefallen. Großalarm! Hatte man doch im Vorfeld damit geprahlt, das neue Geld sei fälschungssicher.[7] Woher die Blüten kamen, konnte man ganz gut zurückverfolgen. So wurden sämtliche Kaufhäuser der BRD gewarnt. Kaufmann, der immer vorgab, ein Kaufmann zu sein, war ein ganz simpler Schlosser. Sein Einkommen reichte allerdings nie, sich das teure Hobby, Strichjungs, zu finanzieren. So hatte er sich schon sehr früh das Image eines Geschäftsmannes zugelegt. Diese Rolle spielte er nur zu gerne. Deshalb auch seine Auftritte mit Privatklamotten einschließlich Krawatte, und ständig wichtigtuerisch. Selbst im Knast einen dicken Akten­ordner unterm Arm. So hatte ich ihn kennen gelernt. Aber erst nach der Haftentlassung wegen der Münzgeschichte traf ich ihn draußen und ließ mich von seinem Auftre­ten blenden und einwickeln. Der Mann hatte sich in den vielen Haftjahren, die er schon hinter sich hatte, ein gewisses Pseudowissen angeeignet. Immer die gleiche Masche in den Kaufhäusern: Er kaufte sich teure Rasierwässerchen in der einen Abteilung, ebenso teure Unterwäsche in einer anderen. Weiter ging es in die Krawattenabteilung; das gleiche Spiel. Er fühlte sich sehr sicher. [Nun] hatte die Bundesbank ihre Warnungen herausgegeben und sämtliche Angestellten [waren] gleich am frühen Morgen diesbezüglich gebrieft worden. [So] ergab es sich, dass ein ziemlich gelangweilter Kaufhausdetektiv an diesem Morgen in Karlsruhe nichts anderes zu tun hatte, als den einzigen Kunden in der Abteilung zu beobachten. Er folgte Kaufmann auch zur nächsten Kasse. Erst beim dritten Einkauf klingelten beim Beobachter die Alarmglocken. Jedes Mal zahlte Detlev an der Kasse mit einem 200er. Während er den Zahlschein aus der rechten Innentasche hervorholte, [ließ er] das Wechselgeld in die linke Tasche verschwinden. Wem wäre das nicht eigenartig vorgekommen? Daraufhin bat der Detektiv Herrn Kaufmann ihm ins Büro zu folgen.

Schnell war die Polizei vor Ort. Man fand noch reichlich Zweihunderter in seinen Taschen nebst einem Schließfachschlüssel, wo sich weitere Tausende fanden. Zum xten Male wegen Betrugs vor Gericht hatte er sich sicherlich SV[8] verdient, was ihm ja bereits angedroht worden war. Um sich bessere Karten zu verschaffen, ließ [er] mich lieber über die Klinge springen, um vor Gericht einen für ihn günstigen Deal herauszuschlagen. Was ja auch geklappt hat.

Bewährungswiderruf wegen der 5-Pence Geschichte und Haschisch-Deal brachten mir im End­effekt 11 Jahre und 8 Monate Gesamtstrafe ein. Wobei ein Monat enthalten war wegen Missach­tung des Gerichts. Meine einzige Aussage vor Gericht selbst waren die Worte: „Ich weiß ja, dass sie mir nicht glauben; für den Glauben ist jemand ganz anderes zuständig: Gott !“ Erst nach zwei Jahren stand meine endgültige Strafe fest. Nachdem alle Rechtswege ausgeschöpft waren, stellte ich einen [Antrag auf] Strafzusammenzug[9]. Erst wurde der Antrag verworfen. Doch nach einer Beschwerde darüber wurde dem stattgegeben. Doch dafür war es nötig, dass ich persönlich noch mal in Frankfurt/Oder vor Gericht erschien. Ich hatte dem Gericht angeboten, einige Ungereimt­heiten des Indizienprozesses aufzuklären. Was die federführende Staatsanwältin Frau K. aus Eisen­hütten­stadt veranlasste, sofort persönlich nach Frankfurt zu kommen. Ich legte ein umfas­sendes Geständ­nis ab. Ich hatte ja nichts mehr zu verlieren. Was sie besonders interessierte war, wie wir trotz umfangreicher Sperren einschließlich der [durch die] Wasserschutzpolizei entkommen konnten und ob bei dem Überfall echte Waffen oder Attrappen im Spiel waren. Ich hatte ja selbst bei unserem Halt in dem Wald beim Geldzählen die Waffen zu Gesicht bekommen.

Es waren eine Magnum 457[10] magnum web-photo horizontalnebst einer 8mm-Pistole, geliehen von Bruno Reckert. Dem konnte ich nicht mehr weh tun; kurz bevor er aus Hamburg nach Cottbus zur Aussage eingeflogen werden konnte, verstarb dieser urplötzlich, sportlich auf der Höhe und gerade mal so erst um die 40.[11] Soweit hörte sie aufmerksam zu und machte fleißig Notizen. So gar nicht daran interessiert war sie über die Tatsache der tatsäch­lich in unsere Hände gefallenen Raubsumme. Zumindest habe ich mir durch die nachträgliche Aufklärung inform eines Geständnisses 1 Jahr und 8 Monate erspart.

Wieder zurück in die JVA Celle bezog ich wieder mein altes Wohnklo von 8,7 qm. Wegen Platz­man­gel wurden diverse Pensumarbeiten in der Zelle verrichtet. Ich hatte zusätzlich eine Nähma­schine, womit ich mein mageres Taschengeld verdiente. Kaffee und Tabak nebst einiger Zusatzkost konnten wir monatlich einkaufen. Ein Teil des Verdienstes ging zur Rücklage für die Zeit nach der Entlassung. All die Jahre im Knast gearbeitet, doch nur ein Arbeitslosengeld wurde später bewilligt, wofür ich meine Beiträge abgezogen bekam. Doch die ganzen Jahre gingen von meiner Renten­anwartschaft ab[12].

„Prominenz“ im Celler Knast

Was habe ich da in Celle für „Prominenz“ kennengelernt, von der RAF über die IRA und jede Menge Kindesmörder, Mörder im allgemeinen, schließlich saß kein Gefangener in Celle ein, der weniger als 8 Jahre abzusitzen hatte: Winter, an denen der Atem an den Wänden gefror, Hitze­som­mer wie in einer Sauna, keine Ventilatoren mehr im Celler Handel zu erhalten.

Im Rahmen der Weihnachtsamnestie kam ich schon am 21 Dezember [2002] auf freien Fuß. Ich kam zunächst einmal bei meiner Brieffreundin unter. Ich sehnte mich regelrecht nach Arbeit, und ich fand auch welche. In einem Szenelokal arbeitete ich als Koch, schwarz natürlich. Mein Sohn hatte sich wegen seinem schlechten Gewissen, all die Jahre nicht bei mir gemeldet, keine Weih­nachts­karte, geschweige denn zum Geburtstag. Hatte er doch mit Harry, der sich noch auf freiem Fuß befand, meinen „Drogenbunker“ (Wert: 75.000 DM) leergeräumt. Dieter, kein kleiner Dum­mer, spürte seinen Sohn wieder auf. Ich hatte mir im Januar ein paar Mal den Arsch abgefroren, konnte ihm eine schriftliche Nachricht zukommen lassen. In etwa, dass Blut dicker als Wasser sei, und: scheiß auf das verlorene Geld! Ich hätte für alles Verständnis und sei auch nicht mehr böse. Ich möchte nur meinen Sohn wiederhaben. Meine Telefonnummer als Unterschrift.

Vielfacher Opa!

Wenige Tage später erreichte ihn meine Nachricht. Ich machte gerade ein Mittagsschläfchen, als meine Brieffreundin mir das Telefon brachte. Mein Hals schnürte sich zu, meine Tränendrüsen waren auch beteiligt. Wann und wo wir uns sehen könnten, fragte mein Sohn. Ich konnte halb­wegs stammeln; die Adresse und bei wem er klingeln solle. Überhaupt keinen Sinn mehr, den unterbro­chenen Mittagsschlaf fortzusetzen, nachdem er gesagt hatte, dass er mit seiner Freundin ohnehin ganz in der Nähe sei. Als es klingelte raste ich zum Türspion. Aus dem Fahrstuhl trat ein echt stattlicher Mann, im Schlepptau, in seiner Begleitung eine zierliche, nett anzusehende weib­liche Person. Und noch jemand kam aus dem Fahrstuhl, ein kleiner Junge von ca. 5 Jahren, mein Enkel! Davon hatte ich deren zwei und dazu noch eine Enkelin, wie ich gleich darauf erfuhr. Mein Sohn war sogar schon verheiratet gewesen. Die Enkel allerdings hatten drei verschiedene Mütter. Dieser Schlawiner. Mein Sohn war hoffnungslos verschuldet. Bald suchte ich eine eigene Woh­nung, groß genug, wo mein Sohn samt Freundin mit einzog. [13]

Witz komm raus, du bist umzingelt

Bald schon wieder war ich meinen Job los, weil der Wirt glaubte, ich hätte zuviel Interesse an sei­ner Frau gezeigt. Seiner Statur gemäß wurde mein Sohn gerne bei einer Security-Firma ange­stellt. Durch seine Fürsprache wurde auch ich in der Firma angenommen. Witz komm raus, du bist umzin­gelt. U.a. wurde ich bei der Eishockey-Europameisterschaft in Hannover [eingesetzt], ausge­tragen auf dem Expogelände[14]. Wenig später schon wurde die CeBIT[15] eröffnet. Was heute wohl kaum noch möglich ist: ich als vorbestrafter Bankräuber wurde dazu eingeteilt (ua. weil ich mit einem schönen schwarzen Anzug bekleidet war), den Tisch zu bewachen, an dem später nach der Eröffnungsrede unser Bundeskanzler Schröder mit einer russischen Delegation Platz nahm. Erst als ich den Job gekündigt hatte, schickte man mir diverse Papiere zu, wo ich erklären sollte, nicht vorbestraft zu sein………ha..ha.

Mein Kündigungsgrund allerdings war: Während der Eröffnungsfeierlichkeiten wurde in meinem Bereich reichlich Hektik verbreitet. Im Hintergrund wurde ein riesiges Büffet aufgebaut, in unmittel­barer Nähe von mir mühte man sich ab, Tische und Stehtische für den kommenden Ansturm vorzu­bereiten. Die Menge an Personal war gar nicht so leicht zu rekrutieren. Man hatte alles genom­men, z.B. Schüler und Studenten; mein Kellnerprofiherz begann zu bluten, was ich da an Dilettan­tismus mir ansehen musste. Ein schwarzgekleideter Herr im Frack und einem gepflegten Schnäuzer versuchte etwas Ordnung da reinzubringen. Da er ein Namensschild an seinem Frack trug, fragte ich ihn geradeheraus, ob er, da ja die CeBIT mit vielen Restaurants bestückt war, ob man noch Fachleute benötige. Ich brauchte nur das Hotel zu benennen, in dem ich gelernt hatte, da schaute er auf seine Uhr, bedauerte, dass es schon zu spät sei, gab mir eine Telefonnummer, wo ich unbe­dingt am nächsten Morgen anrufen sollte. Schon bei der Personalchefin avisiert sollte ich mich sofort auf den Weg machen, wurde ich beschieden. Ich war wieder voll in meinem Ele­ment und der Verdienst war auch nicht schlecht. Nicht nur während der Messe war ich gefragt, im Laufe des Jahres gab es auf dem Expogelände reichlich Events und Betriebsfeiern. Ich meldete mich ganz brav für die Tage, wo ich einen Job hatte, beim Arbeitsamt ab, nahm noch einen zweiten Aushilfsjob als Kellner an und der Aufstieg begann mit sage und schreibe 61!!

§§§

Hier endet die in sich geschlossene und von ihm vorgelegte Darstellung des Lebenslaufs von Dieter Schulz. „Der Aufstieg begann mit sage und schreibe 61!!“, schreibt er.

Doch wie ging es weiter?

Sein Kontakt zu mir begann am 30. März 2005 mit einem Mail, da war Schulz 64 Jahre alt: „Guten Tag Herr Schaefer, wie das Leben einem so mitspielt, dachte ich erst gestern, als ich im ZDF den bewußten Bericht über Kriegskinder sah.“

Ich hatte an der Evangelischen Akademie Bad Boll zu der Zeit insgesamt drei „Kriegskinder­tagungen“ organisiert. Er hatte im Netz nach Schicksalsparallelen gesucht und war dabei auf mich gestoßen. Ich ging auf ihn ein und erfuhr von seinem Manuskript. Der Mailwechsel hatte mich neugierig gemacht und ich hatte gemerkt, dass Dieter Schulz Gesprächspartner suchte. Er war, wie er schrieb, in einer „Depri-Phase“. Zwei Dinge halfen ihm, da rauszu­kommen. Der Kontakt mit mir und die Aussicht, sein Leben in einem Buch, vielleicht gar in einem Film darzustellen, und dann seine „Wahlfamilie“ in Königsberg. Dort wollte er sein Leben beschließen. Dazu mehr im Anhang.

Am 12. August 2005 lernten wir uns aus Anlass eines Gesprächs mit den Dokumentarfilmern Dr. Krieg und seiner Frau Monika Nolte in Köln persönlich kennen. Ich hatte ihm am 9. August gemailt: „Dr. Krieg übernimmt Ihre Fahrtkosten. Ich stehe ab 14:12 h am Aufgang zu Gleis 10 und halte eine blaue Kriegskinder-Dokumentation, die Sie ja kennen, in der Hand. Dann fahren wir gemeinsam mit der S-Bahn nach Deutz. Ich melde uns für spätestens 15:15 bei Dr. Krieg an, dann haben wir noch ein bißchen Luft, uns vorher persönlich kennenzu­lernen.“

Er war zu dieser Zeit „voll-fit“; wir sprachen lange miteinander und er erzählte von seinem Leben nach der Niederschrift seiner 111-Seiten-Autobiographie. Wir bekamen einen Einblick in das Milieu von Unterschichtkriminalität und staunten. Das wollten wir natürlich als Fort­set­zung der bisherigen Biographie für ein Buch- und Filmprojekt haben. Schulz sagte zu und lieferte bis hin zu dem hier mit Kapitel 42 abgeschlossenen Teil. Das Filmprojekt mit Dr. Krieg lief an, eine Fahrt mit Dieter Schulz nach Königsberg mit Einsatz der Handkamera und Recherchen nach im Text genannten Personen. Alles sehr erfolgreich. Doch Dr. Krieg konnte keine Geldgeber für den geplanten Doku-Film auftreiben und ich keinen Verlag für das Buch.

Das 42. Kapitel konnte Herr Schulz nur unter Mühen schreiben, denn er hatte zu diesem Zeitpunkt zwei Schlag­anfälle hinter sich, war seit 2007 auf einen Rollator angewiesen und konnte nur einhändig tip­pen. Er mailte es mir am 24.8.2011. Der Gesundheitszustand (bei klarem Kopf) erklärt die durchgängige Kleinschreibung in seinem Mail und wohl auch die sonstigen Ausfallserschei­nungen schon zum Zeitpunkt der Abfassung seines Mails. Es machte ziemlich viel Mühe, dieses Mail werkgetreu zu überarbeiten. Inzwischen sitzt Dieter Schulz nach mindestens dem dritten Schlaganfall im Rollstuhl und in Telefongesprächen habe ich oft Schwierigkeiten, ihn zu verstehen. Dann blieb das Projekt trotz mancher Versuche einen Verlag zu finden erst einmal liegen; schließlich kam ich auf die Idee, es kapitelweise hier im Blog zu veröffentlichen. Dieter Schulz stimmte zu – und meine Arbeit begann im Juli 2016. Sie ist noch nicht abgeschlossen.

Wie soll es weitergehen?

Geplant ist eine PDF-Gesamtfassung mit Vor- und Nachwort sowie einem Materialanhang hier im Blog; wenn’s klappt bis Ende des Jahres. PDF deshalb, weil die typographischen Möglichkeiten in meinem Blog nicht zufriedenstellend sind. Vielleicht wird es auch ein echtes eBook oder ein Buch in einer krimino­lo­gischen Reihe geben. Toll wäre es, wenn sich jemand aus dem Bereich Sozialpsychologie­/Psy­chologie/Kriminologie finden ließe, der am Beispiel von Dieter Schulz eine Masterarbeit zu Fragen krimineller Karrieren verfasst. Das wäre zwar das sprichwörtliche weite Feld, das aber abzugrenzen wäre. Auch der Mailverkehr mit Dieter Schulz ist eine wahre Fundgrube wie auch einiges aus seinem Besitz, mir von ihm zur Verfügung gestellt.

cover mit umriss

 

 

Das „Cover“ aber steht schon und wird bei Veröffentlichung der Gesamtausgabe hier im Blog wieder auftauchen.

 

 

 

 

 

 

Mir hat der Lebenslauf von Dieter Schulz die Augen geöffnet für meine oft unverdienten Chancen im eige­nen Leben und ich habe Respekt gewonnen für seine Lebens­leistung, auch wenn sie über weite Strecken hinweg eine kriminelle war.

Dierk Schäfer

Fußnoten

[1] Dieter Schulz benutzt SEK (Spezialeinsatzkommando) https://de.wikipedia.org/wiki/Spezialeinsatzkommando stets in maskuliner Form. Das hat mich gestört. Ich war 15 Jahre Polizeipfarrer und habe mit SEK und MEK https://de.wikipedia.org/wiki/Mobiles_Einsatzkommando gearbeitet. Ich hab’s verbessert.

[2] Natürlich die „impertinenten“ Bullen. https://de.wikipedia.org/wiki/Impertinenz Ich hab’s nicht verbessert, weil Schulzes Umgang mit Fremdwörtern zuweilen an die sympathische Figur des „Bräsig“ aus Fritz Reuters Ut mine Stromtid erinnert.

[3] Dieter Schulz benutzt in grimmiger Überzeugung für Reni, Freifrau, Renate von … die Bezeichnung „Dummfick“. Immerhin hat schließlich ihre unbedachte Äußerung gegenüber der Polizei zur Aufklärung des Bankraubs und seiner Verurteilung geführt, auch wenn er mit der Mordsache nichts zu tun hatte. „Ich nenne sie nur noch Dummfick“, sagte er mit viel Affekt in der Stimme bei unserem Gespräch in Köln. Im Folgenden werde ich die Anführungszeichen bei Dummfick weggelassen.

[4] Die Initialen mit Adelstitel.

[5] Helga auf der steilen Treppe des Amsterdamer Drogenlieferanten. Photo aus dem Besitz von Dieter Schulz.

[6] Dazu mehr im Anhang der Gesamtausgabe

[7] „Der neue Schein ist zwar computerlesbar und automatensicher, aber in puncto Kopierer ist er schlechter als der alte.“ Hier wird auch der Komplize Wolf-Detlev Kaufmann erwähnt: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13488254.html

[8] Sicherheitsverwahrung

[9] § 55, Nachträgliche Bildung der Gesamtstrafe https://dejure.org/gesetze/StGB/55.html

[10] http://smith-wessonforum.com/s-w-hand-ejectors-1896-1961/132608-big-magnum-bigger-magnum.html

[11] Im Telefongespräch zweifelte Dieter Schulz einen natürlichen Tod an und meinte: Der wurde gestorben.

[12] Noch heute werden Strafgefangene für ihre Arbeit im Gefängnis um ihre Rentenansprüche betrogen.

[13] Mail vom 5. Oktober 2007: Das Neueste ist: ich bin mit meinem Sohn in ein Haus in Wunstorf eingezogen. Einer meiner größten Fehler des Lebens! Ich bin schon wieder auf der Suche nach einer Bleibe. Das haut heutzutage einfach nicht hin, drei Generationen unter einem Dach.

[14] https://de.wikipedia.org/wiki/Expo_2000

[15] https://de.wikipedia.org/wiki/CeBIT

Inhaltsverzeichnis _Inhaltsverzeichnis

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« Kap. 39 f

logo-moabit-kDieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

       Eine Kindheit,

       die keine Kindheit war

Neununddreißigstes Kapitel

Banküberfall erfolgreich abgeschlossen – wohin mit dem Geld?

Dieser gehirnbenebelte Idiot war drauf und dran unsere Aktion vorzeitig zu beenden. Wollte er doch auf den Polizeiwagen ballern, der sich auf der in Gegenrichtung befindlichen Fahrbahn mitten in einem Stau befand. Es ist doch ganz natürlich, dass man in einer Stadt mal einem Poli­zeiwagen begegnet. Wäre unser Auto schon zur Fahndung ausgeschrieben, hätte man irgendwo Straßensperren errichtet,  unmittelbar nach dem Raub die Ausfallstraßen aus Eisenhüttenstadt heraus. Ich zweifelte ja gar nicht daran, dass er mit seinem Ballermann mit einem gezielten Schuss den Motor des Polizeiautos außer Gefecht setzen könne. Nur würde das dann wirklich eine Jagd auf uns auslösen. Mit diesen Argumenten konnte ich ihn dann doch noch wieder beruhigen. Wolfgangs Hektik musste ich dann noch ein zweites Mal unterbinden. Kurz vor dem ehemaligen Grenzübergang Marienborn/Helmstedt hörten wir das typische Geräusch, welches Polizeiautos so an sich haben, wenn sie schnell zu einem Einsatzort müssen. Wieder hatte Wolfgang seinen Schieß­prügel zur Hand das Seitenfenster heruntergedreht. Ob er denn meine, die Polizei sei so doof, sich mit Martinshorn anzumelden, wenn sie drei bewaff­nete Bankräuber im Begriff sei fest­zunehmen? Wahrscheinlich, wovon wir dann auch schnell überzeugt wurden, wären die zu einem Autobahnunfall unterwegs. Kein Wunder, dass Wolfgang überall Gespenster sah. Wann war er schon mal mit einem Auto unterwegs gewesen? Zumindest in den letzten 20 Jahren. Wieder gelang es mir Wolfgang zu beruhigen.

Sie habe sich neu verlobt.

Sehr bald steckten wir in einem Stau. Wir erreichten gerade noch so eben die Autobahnraststätte Marienborn, ergatterten einen der letzten noch freien Parkplätze. Den so erzwungenen Aufenthalt nahmen wir dann auch gleich für eine Nahrungsaufnahme, die erste seit dem Frühstück. Wolf­gang, inzwischen ganz euphorisch, nutzte die Fahrtpause dazu, seine adelige Freundin in Han­nover anzurufen. Er kündigte an, recht bald wieder zuhause zu sein. Sie solle, falls Gäste in der Woh­nung wären, diese wegschicken. Sie beide hätten allen Grund eine kleine Privatfeier zu starten. Wie ich erst viel später erfuhr, hatte Reni gar nicht daran gedacht ihre Gäste weg zu schicken. Im Gegenteil. Sie konfrontierte ihren Verlobten mit der Aussage, dass sie sich neu verlobt hätte. Und zwar mit seinem ehemaligen Knastbruder Bruno Reckert. Sie erinnern sich? Das war der meistge­suchte Verbrecher von Deutschland zu der Zeit, weil er sich mit einer Waffe aus der JVA Lingen selbst entlassen hatte. Wolfgang nahm diese Kündigung gelassen hin. Voller Stolz zeigte er den Anwesenden seine Beute und meinte, dass er ein paar Tage brauche, um sich selbst eine Woh­nung zu suchen. Diese authentischen Insider-Informationen erhielt ich später in der JVA Celle von einem der an diesem Abend Anwesenden. Paule traf ich dort wieder, weil er 15 Jahre sitzen musste und im Anschluss an die 15 Jahre noch einmal LL[1]. Die 15 Jahre Höchststrafe für die Überfälle, die er gemeinsam mit Bruno Reckert begangen hatte. LL gibt es nur für Mord! Aber darauf komme ich noch zurück.

Am 20ten November 1990, einem Freitag, waren wir 13 Stunden nach dem Banküberfall wieder in Hannover. Für den kommenden Sonntag hatten wir ausgemacht, dass ich ihm[2] 200 Gramm Haschisch vorbeibringen würde. Für seinen jüngeren Bruder, der bei der Bundeswehr diente. Schon bei diesem Besuch merkte ich, dass zwischen Wolfgang und Reni nicht alles so war, wie bei mei­nen früheren Besuchen. Ich sprach ihn deswegen an, als wir eine Weile alleine im Wohnzimmer saßen. Wolfgang meinte nur, dass er mich die Tage anrufen würde. Er wollte sich dann mit mir treffen und alles erklären. Es kam aber zu keinem weiteren Treffen.

An jenem Freitagabend setzte ich Harry in seinem geliebten Rotlichtviertel ab. Er überredete mich, doch wenigstens einmal auf unseren gelungenen Coup anzustoßen. In einer von ihm bevorzugten Bar bestellte er zwei Bier für uns und fragte natürlich die anwesenden Animierdamen und den Wirt selbst, ob sie mit ihm was mittrinken würden. Natürlich ließen die sich nicht großartig bitten. Wofür waren sie schließlich Animierdamen? Harry, der von mir vornehmlich kleine Scheine von der Beute erhalten hatte, holte selbstverständlich einen von den wenigen Zweihundertern heraus und zahlte seine Zeche sofort. Alle sollten sehen, dass er wieder einmal ein Vollstecker[3] war. Dementspre­chend war er auch mit dem Trinkgeld mehr als großzügig. Ich nuckelte man gerade aus Höflichkeit an meinem Bier. Harry dagegen hatte seine Flasche mit fast einem Zug geleert. Und schon hieß es für ihn eine neue Runde. Für alle versteht sich. Ich selbst lehnte dankend ab. Ich musste ja noch Auto fahren. Ich durchschaute sein Spielchen. Wieder zahlte er aus der Tasche, wo sich die Zwei­hunderter befanden. Diese Großkotzigkeit schien man hier am Steintor von Harry schon zu kennen. Allen war klar, dass Harry wieder ein größeres Ding mit Erfolg abgezogen hatte. Ich dachte gar nicht daran, mich von den Animierdamen becircen zu lassen. Anders dagegen Harry. Der hatte schon längst eines der Mädchen auf seinem Schoß sitzen und seine Finger sonst wo. Trotz aller Überredungskünste ließ ich mich nicht darauf ein, mich weiterhin von Harry einladen zu lassen. Ich wollte ganz einfach nach Hause, zu meinem Sohn und meiner Lebensgefährtin.

Wann in meinem Leben wurde ich auch schon mal belobigt?

Helga wollte natürlich eine Erklärung von mir, warum ich so plötzlich und so lange die Wohnung verlassen hätte. Sie war auch gerade erst von ihrer Spätschicht nach Hause gekommen. Mein Ver­trauen zu Helga war derzeit noch riesengroß. Hinzu kam noch, dass auch ich endlich meiner ange­stauten Freude über das Gelingen des Raubzuges Luft verschaffen musste. Ein wenig Bewun­de­rung, was meiner Seele gut tun würde, hatte ich mir verdient. Wortlos zog ich den Reißverschluss meiner Erste-Hilfe-Tasche auf und schüttete die Geldbündel zwischen uns auf die Couch. Solch einen Geldsegen hatte meine hochverschuldete Helga noch nie auf einem Haufen gesehen. Ihre schönen großen Augen, in die ich mich eigentlich verliebt hatte, wurden noch viel größer. An dem Tag, als ich von ihrem miesen Kontostand erfuhr, hatte ich ihr versprochen, dass wir zusam­men das wieder auf die Reihe kriegen würden. Mit diesem Einreden [?] konnte ich mein Verspre­chen einlösen. Zunächst einmal konnte sie gar nicht glauben, was sie da sah. Sie wollte dafür eine Erklä­rung haben. Die gab ich ihr auch, ohne etwas an der Wahrheit zu beschönigen. Ihre bewun­dernden Blicke gingen mir wie Honig herunter. Wann in meinem Leben wurde ich auch schon mal belobigt?

Am nächsten Tag schon ließ ich mich auch bei meinem Geschäftspartner im Büro blicken und konnte ihm grünes Licht für unser Vorhaben geben. Das heißt, ich konnte ihm verkünden, dass die weitere Finanzierung gesichert sei. Im Glauben daran, dass ein Geschäftspartner, mit dem ich ein viel größeres Ding abzuziehen im Begriff stand, der ja selbst ein vielfach Vorbestrafter war, den könnte ich ebenfalls einweihen, woher das Geld stammte, schenkte auch ihm reinen Wein ein. Meine Gutgläubigkeit an Menschen war eben grenzenlos. Ich unbelehrbarer Idiot lernte wohl nie aus! Ich brachte noch schnell das Haschisch unter die Leute. War ich doch nach meiner Einkaufs­reise nach Amsterdam gleich zu dem anderen Coup abberufen worden, hatte somit noch den gesamten 3-Kilo-Vorrat im Bunker. Nicht dass ich jetzt unbedingt Geld benötigt hätte. Das Warm­halten meines Großdealers in Amsterdam gehörte ganz einfach zu meinen zukünftigen Plänen in Verbindung mit den selbsthergestellten Geldscheinen. Längst hatte ich das volle Vertrauen meines Geschäftspartners in Amsterdam erworben.

Ich glaubte, ich würde fliegen.

Der Besitzer eines pikfeinen Coffee-Shops in der City von Amsterdam hatte natürlich niemals solche großen Vorräte im Haus, wie ich sie jedesmal haben wollte. Haschisch an sich war in Hol­land ganz legal zu erwerben, aber auch nur bis zu fünf Gramm pro Person. Zählte er die ersten Male noch ganz pingelig die Scheine ab, die ich ihm beim Kauf der Ware rüberreichte, so legte er später meine Geldbündel ziemlich achtlos zur Seite und bestand darauf, dass ich die Ware auch noch selbst prüfte. Ich jedoch begnügte mich damit die Qualität mit meinem Geruchssinn festzu­stellen. Einmal hatte ich aus der Wasserpfeife ein paar Züge getan. Als ich die 500 Kilometer lange Rückfahrt nach Hannover antrat glaubte ich, hinter dem Steuer meines Autos sitzend, ich würde fliegen. Ich schaffte es gerade mal bis zur Autobahn. Dann übergab ich das Steuer an Helga und legte mich auf die Rückbank zum Schlafen hin. Diese verfehlte dann auch prompt die Abzweigung in Richtung Venlo.

So wie er mir also vertraute, vertraute ich ihm, was die Qualität anging. Auf Drängen meiner Abnehmer in Hannover fuhr ich einmal an einem Sonntag nach Amsterdam. Sein Personal gab sich alle Mühe, ihren Chef aufzutreiben. Bis der dann endlich eintraf, die benötigte Ware beisam­men hatte, das Ganze schön vakuumverpackt bereit zum Transport war, vergingen Stunden. In der Zwischenzeit wurden ich und Helga hofiert wie Staatsgäste. Es wurde nicht zugelassen, dass wir in ein nahegelegenes Restaurant gingen. Der Chef persönlich besorgte uns eine Speisekarte und holte dann auch selbst das ausgesuchte Menu. In besagten Coffee-Shops wurde laut Gesetz auch kein Alkohol ausgeschenkt. Ein Bier zum Essen wurde ebenfalls aus der Nachbarschaft herbeige­schafft. Während wir uns mit Speis und Trank stärkten, drehte man wegen der übrigen Gäste die Musik auf volle Lautstärke. Die eilig herbeigeschafften Einzelteile, die für das Vakuumverpacken nötig waren, wurden im Getränkelager aufgebaut. Die laute Musik deshalb, weil der eigentliche Vorgang beim Absaugen und Verschweißen in Frischhaltefolien einen unheimlichen Krach machte. Diesem sonntäglichen Stress wollte sich mein Geschäftspartner nicht unbedingt noch einmal unter­ziehen. Deshalb gab er mir seine direkte Durchwahl-Telefonnummer. Damit konnte ich meine Bestellung schon vor Abfahrt aus Hannover durchgeben. Was den Vorteil hatte, dass alles schon säuberlich verpackt war, wenn wir dort ankamen. Längst hatte er mir das Angebot unterbreitet, doch mal eine Sammelbestellung zu machen. Bei der Abnahme von 20 Kilo und mehr würde er alles frei Haus liefern. Schon als die Sache mit der eigenen Geldherstellung Konturen annahm machte ich ihm Hoffnungen, dass ich daran arbeiten würde. Einige solvente Türken in Hannover würden mich schon länger bedrängen, für sie nicht nur Haschisch mitzubringen. Was ja auch den Tatsachen entsprach.

Ich sagte Detlev nicht, wie ich das Geld waschen wollte.

Ich gab dem Mann in Amsterdam vorsorglich schon mal einen Tipp, in welcher, wenn überhaupt, Größenordnung ich da einsteigen würde, weil ich ja das Risiko tragen würde und es sich von daher auch schon lohnen müsse. Skeptisch fragte ich ihn, ob er solch eine Menge auch bewerkstelligen könne. Er schien beleidigt zu sein. Ich bin daraufhin eine so schmale Treppe hinaufgestiegen.[4] [Die gibt es] noch nicht einmal auf einem Schiff. treppe NL 1.jpgVoller Stolz zeigte er mir sein Warenlager. Es mussten Millionenwerte sein, die er vorrätig hielt. Generös bot er mir eine Nase Koks an. Ich, keine Ahnung wie man das Zeugs anwendete, tat das, was man mir mal darüber gesagt hatte, wie man die Qualität testen könne. Ich rieb mir etwas davon aufs Zahnfleisch. „Papperlapapp! So macht man das!“. Er bereitete zwei Linien auf einem Spiegel vor und zog sich diese mit einem silbernen Röhrchen in die Nase. Beim Weglegen des Röhrchens stieß er versehentlich mit dem Ellenbogen gegen das noch fast volle Päckchen mit dem übrigen Koks. Es fiel auf den Teppichboden, verteilte sich dort. Er machte sich erst gar nicht die Mühe das Häufchen wieder in den Beutel zu kratzen. Er trat ganz einfach mit seinem Schuh drauf und verrieb es in den Teppich. Auf welche Weise ich vorhatte unser Geld zu waschen, hatte ich Detlev bisher nicht verraten. Aus welchen Gründen auch immer. Mein Plan war, auf keinen Fall mehr als 1,5 Millionen in Umlauf zu bringen. Und das möglichst gezielt an einer Stelle. Dann sollte durch drei geteilt werden und Schluss. Notfalls, so hatte ich ihm und seiner Schwester erklärt , die ja die eingetragene Geschäftsführerin war, würde ich das Kopiergerät eigenhändig zerstören. Mit jeweils einer halben Million konnte man sich sehr gut ein solides, legales Geschäft aufbauen. Können Sie sich schon denken, worauf ich abzielte?

Obwohl ich das volle Vertrauen meines Amsterdamer Geschäftspartners genoss, hatte ich mir schon längst ein Pseudonym zugelegt. Auch hatte er nie mein Auto zu Gesicht bekommen. So konnte ich ihm weismachen, dass ich aus Frankfurt käme und dort ein mehr schlecht als recht gehendes Immobilienbüro betreibe. Weshalb ich auch dieses Nebengeschäft betreibe. Im Falle, dass unser großangelegtes Geschäft zum Tragen kommen würde, hätte ich kurzfristig ein Büro in Frankfurt angemietet, ein dementsprechendes Aushängeschild angebracht und mir die Ware dorthin schicken lassen. Wie später von der Bundesbank bestätigt wurde, war unser „Geld“ wirklich gut. Es dauerte Wochen bis man dies entdeckte. Wie also sollte mein Lieferant den Betrug auf Anhieb erkennen? Er wäre damit zurück nach Holland gefahren, hätte allerfrühestens nach ein paar Tagen den Beschiss bemerkt. Wahrscheinlich wäre er sogar im Knast gelandet. Selbst wenn er so einen langen Arm gehabt hätte, mich suchen zu lassen, hätte er sich daran die Zähne ausge­bissen. Bis er oder seine beauftragten Häscher festgestellt hätten, dass es mich in Frankfurt gar nicht gab, wäre ich schon längst im „Erholungsurlaub!“

Gezielt im Knast untertauchen

Ich hatte schon lange genügend Connec­tion bei gewissen Türken aufgebaut, um zu wissen, dass es kein Problem darstellte, Marihuana, Koks und auch Heroin in dieser Größenordnung mit einem Schlag loszuwerden. Natürlich nicht zu meinem Einkaufspreis. Detlev brauchte ja nicht zu wissen, dass ich dabei mein eigenes Süppchen kochte. Mir wären dabei nämlich unter dem Strich etwa zwei Millionen übrig geblieben, während er und seine Schwester die vereinbarten Fünfhunderttau­send bekamen. Abzüglich der von mir verauslagten Unkosten, versteht sich. Sobald besagtes Geschäft abgeschlossen war, hätte ich mich, um mich vor eventuellen Verfolgern aus Holland zu schützen, beim Gericht gemeldet und darum gebeten meine laufende Bewährungsstrafe zu wider­rufen. Mit vorgeschobenen Begrün­dungen hätte man meinem Ersuchen zustimmen müssen. Ich würde meine Bewährungsstrafe resultierend aus der Münzgeschichte als Erholungsurlaub betrach­ten. Meine letzte Reise nach Amsterdam hatte ich auf zwei Krücken gehend angetreten. Schuld daran war so ein böser Rottweiler, der mir kräftig ins Bein gebissen hatte. Eine schmerzhafte aber nicht zu ändernde Tatsache. Ansonsten lief alles bestens.

Die Geschichte mit Eisenhüttenstadt, wo wir uns ein Darlehen gegen eine Sicherheit von nur 9mm[5] geholt hatten, schien längst in Vergessenheit geraten zu sein. Zumindest hatte die Polizei dort schon längst die Hoffnung aufgegeben, den Fall noch lösen zu können. Ein kleiner, beleidigter Straßendealer seines Zeichens Junkie, den ich nicht mehr für wert hielt von mir Ware zu beziehen, weil er seine Schulden bei mir nicht bezahlte, machte meine ganzen Zukunftspläne zunichte. Mit 500 Gramm Hasch im Auto fuhr ich in die City, wo ich einen Liefertermin einhalten wollte. Helga war zu ihrer Spätschicht gefahren, mein Sohn hatte sich mit seinen 15 Lenzen schon bei seiner Freundin einquartiert. Ich hatte Langeweile, fuhr deshalb schon frühzeitig in die Stadt. Wie ich so an meinen Krücken durch die Passerelle humpele, werde ich von gleich vier Zivilbullen eingekreist.

 

Vierzigstes Kapitel

Ein fast perfekter Mord, wenn Frau „Dummfick“ nicht gewesen wäre.

Mir ihre Hundemarken vor die Augen haltend verlangen sie von mir die Taschen zu leeren. Dum­mer­weise hatte ich ganz gegen meiner Gewohnheit 24 Gramm der verschiedensten Hasch­sorten in meiner Hemdtasche. Das genügte natürlich, mich gleich aufs Revier zu schleppen. Nackt ausziehen war angesagt. Jedes Teil meiner Kleidung wurde akribisch durchsucht. Dabei ließ man mich mit nackten Füßen auf den dezemberkalten Fliesen stehen. Wie „gut“ unsere Polizei geschult ist erkannte ich daran, dass sie den kleinen Zettel (vier Mal zwei Zentimeter) geflissentlich übersah. Darauf war allerdings eine holländische Vorwahlnummer und die Direktwahl meines Lieferanten vermerkt. Dadurch, dass die Schlafmützen von Polizisten diesen so wichtigen Zettel nicht weiter beachteten, konnte ich später meine Verteidigungsstrategie vor Gericht aufbauen und gleichzeitig meine persönliche kleine Rache an meinem ehemaligen Geschäftspartner auskosten, der während meiner Abwesenheit in MEINEM Büro das Schloss ausgewechselt hatte. Sie erinnern sich, dass ich erwähnte ihm zu einer Kochlehre im Gefängnis verholfen zu haben?

Ich dachte gar nicht daran, der Polizei ihre Arbeit leicht zu machen.

Den so wichtigen Zettel in meiner Brieftasche hatten die Bullen übersehen. Sie übersahen aller­dings nicht, dass sich an meinem Schlüsselbund ein Autoschlüssel befand. Sie wollten wissen, wo das Auto steht. Wusste ich doch, dass ich aus dieser Nummer nicht mehr herauskommen würde, würde man das Auto durchsuchen und die 500 Gramm darin finden. Ich versuchte sie deshalb hinters Licht zu führen, behauptete, dass meine Verlobte damit zur Arbeit gefahren sei und dies nur ein Zweitschlüssel sei. Offiziell lief der Wagen ja sowieso auf ihren Namen. Leider glaubten sie mir diese Geschichte nicht. Nach etwa einer halben Stunde kamen zwei meiner Häscher triumphierend zurück zur Wache. Meinen Aktenkoffer in der Hand, worin sich die 500 Gramm befanden. Ade, du schönes, weiches Bett zu Hause!

Ich dachte gar nicht daran, der Polizei ihre Arbeit leicht zu machen. Wenn sie mich schon für ein paar Jahre einbuchten wollten, sollten sie gefälligst auch etwas dafür tun. Zunächst bemühten sie sich, einen Drogenspürhund aufzutreiben. Selbstverständlich hatten sie vor, auch meine Wohnung nach weiteren Drogen zu durchsuchen. Weit und breit war kein solcher Hund verfügbar. Nicht einmal der Zoll vom Langenhagener Flugplatz konnte ihnen helfen. So mussten die Bullen sich auf ihre eigenen Nasen verlassen. Als erstes rissen sie die schmiedeeiserne Flurgarderobe aus der Verankerung, als wir in der Wohnung ankamen. Ein zweiter stieß die Badezimmertüre mit einem Fußtritt auf, stürmte bis ans Ende zur Toilette hin, trat auch dort kräftig gegen den Klodeckel und riss fast den Wasserkasten aus der Wand. Mit den Türen des Alibertschrankes ging er auch nicht gerade zimperlich um. Dies alles geschah aus Frust darüber, dass sie mir keine ihnen genehme Aussage hatten entlocken können. Nachdem er sich im Badezimmer ausgetobt hatte, nahm er sich die Küche vor. Dort, so wusste ich, würde er pfundig[6] werden.

Der Begriff Vandalismus bekam für mich eine ganz neue Bedeutung.

Im Regal, gleich über dem Gewürzständer lag eine Zigarilloschachtel aus Blech. Darin befanden sich ein paar Gramm. Das waren kleine Bruchstücke, die von den Haschischplatten abgesplittert waren, wenn ich die Platten auf genau 100 Gramm zurechtschnitt. Die Menge war kaum der Rede wert, nachdem man ja schon 500 Gramm im Auto gefunden hatte und fiel nicht weiter ins Gewicht. Mit einer Acht an den Händen gefesselt stieß man mich im Wohnzimmer auf die Couch und erlaubte mir sogar, mir eine Zigarette zu drehen. „Hier ist bestimmt noch mehr!“ kam der aus der Küche freudestrahlend ins Wohnzimmer. Dabei wies er auf die kleinen Bruchstücke in der Blechschachtel aus der Küche. Dann begab er sich in das Zimmer, wo mein Sohn noch bis vor kurzem sein Domizil gehabt hatte. Ein anderer filzte das Wohnzimmer, wobei er sämtliche Schubladen herausriss. Noch nicht einmal den Sittichkäfig ließ er aus. Ich dagegen beobachtete angespannt, was der im Kinderzimmer anstellte. Darin stand auch unser Staubsauger. In diesem Staubsauger hatte ich als Notgroschen 5000 Mark versteckt. Würde der Bulle das Geld finden? Was würde er mit dem Fund tun? Würde er der Versuchung widerstehen, die nicht gerade uner­hebliche Summe einzustecken? Würde er so denken wie ich? Es war ja nicht davon auszugehen, dass ich ihn fragen würde, ob er die 5000 Mark gefunden hätte. Er hätte sich also gut und gerne die etwa zwei Monatsgehälter unbemerkt einstecken können. Immerhin dauerte es fast ein halbes Jahr, bis ich Gewissheit darüber erhielt, ob das Geld im Staubsauger gefunden worden war. Im Beschlagnahmeprotokoll jedenfalls stand nichts davon. Was allerdings gar nichts heißen sollte. Aber auch dieser Mann hatte eine schlechte Polizeischule besucht oder nicht gut genug aufgepasst.

Dafür aber überraschte mich der Typ aus dem Schlafzimmer. Kurz zuvor hatte ich ihn noch gefragt, ob er das bei sich zu Hause auch machen würde, nämlich sich mit den Schuhen auf meinem Bett­laken stehend räumte er den Kleiderschrank auf. Und wie. Wahllos zerrte er alles daraus hervor, ließ alles auf die Erde fallen, ohne sich zu vergewissern, ob sich zwischen den Kleidungsstücken nicht etwas versteckt sei. Der Begriff Vandalismus bekam für mich eine ganz neue Bedeutung. Seine Antwort auf meine Beschwerde, dass er mit Schuhen auf meinem Bett stand, tat er mit den Worten ab: „Das macht gar nichts. In diesem Bett wirst du in den nächsten Jahren ohnehin nicht mehr schlafen!“ Dass ich seitdem kein gutes Verhältnis mehr zu unserem Freund und Helfer aufbauen konnte, werden Sie vielleicht verstehen!?

„Bingo!“ – „Der Nikolaus war da!“

Das war aber gar nicht die angekündigte Überraschung. Erst als der Kerl meine Seite des Doppelbettes hochgeklappt hatte und eine Keksbüchse hochhielt und „Bingo!“ rief, erkannte ich den Grund seiner Freude. Bei den Kilomengen Hasch, die ich fast immer vorrätig hatte, war mir gar nicht aufgefallen, dass mir 700 Gramm irgendwie fehlten. Als der Bulle seine Trophäe in die Höhe hielt und Bingo rief, fiel mir siedend heiß ein, wieso ihm dieser Fund gelingen konnte. Tage zuvor war ich gerade im Begriff gewesen aus dem Haus zu gehen, um eine bestellte Lieferung pünktlich abzuliefern, klingelte das Telefon. Eine weitere Bestellung wurde mir angetragen. Diese musste ich dann noch abwiegen. Das nahm seine Zeit in Anspruch. Mein Pünktlichkeitswahn ließ es nicht zu, dass ich den Rest wie vorgesehen wieder zu dem eigentlichen Bunker (Bunker = Versteck) bringen konnte. So deponierte ich die 700 Gramm eben noch schnell im Bettkasten. Wo ich die 700 Gramm dann auch prompt vergaß. Keine Frage, dass sich die Fahnder darüber sehr freuten. So sangen sie dann auch auf der Fahrt zum Polizeipräsidium, wo sich auch das Haftge­fäng­nis befand. Dort verblieb der vorläufig Festgenommene bis zur Vorführung bei einem Haftrichter.

Wollen Sie auch wissen was die so erfolgreichen Fahnder sangen? Weil sich meine Verhaftung am 6. Dezember ereignete, sangen sie passend dazu: „Der Nikolaus war da!“

Ich, eigentlich aus dem Alter heraus, wo man noch an den Nikolaus glaubt, hätte mir wenn schon eine ganz andere Bescherung gewünscht, als ich sie nun serviert bekam. Bevor die Bullen meine Verhaftung mit besagtem Gesang feiern konnten, mussten sie erst noch einen Polizei Bulli bestel­len. Außer der nicht gerade geringen Menge Haschisch beschlagnahmten sie auch noch sechs originalverpackte CD Player, einige schnurlose Kopfhörer und anderes zu damaliger Zeit noch recht teures Elektro-Equipment. Einige „Kleinabnehmer“ hatten nicht immer das nötige Kleingeld, um meine Ware zu bezahlen. In der Szene war es durchaus üblich, sich mit Dingen bezahlen zu lassen, deren Herkunft nicht ganz koscher war. Was sollte das? Wenn man nicht gerade im Pleitefeuer brannte, sich Zeit lassen konnte, konnte man auch an dieser Ware seinen Reibach machen. Im Verlauf der nächsten drei Monate konnte die Ermittlungsbehörde nicht feststellen, woher die bei mir gefundenen Gegenstände kamen. Zähneknirschend teilte die Polizei mir mit, dass ich mir mein „Eigentum“ wieder abholen könne. Diese Scherzkekse! Zum einen mussten sie doch wissen, dass ich mich längst in Haft befand, ich die Sachen somit nicht abholen konnte, zum anderen sagte ich ihnen am Telefon, dass sie mir die Dinge genauso wieder in die Wohnung bringen sollten, wie sie sie mitgenommen hatten. Was also blieb ihnen übrig, mir die zu unrecht beschlagnahmten Sachen auf Steuerkosten wieder ins Haus zu schaffen.

Die Strafe? Peanuts. Doch es kam noch viel dicker.

Natürlich wurde dieses Thema später bei Gericht nochmal angeschnitten. Der Richter wollte dann schon wissen, wie soviel neue Technik in mein Haus gekommen sei. Meine diesbezügliche Erklä­rung konnte man schlecht widerlegen. Hatte ich doch im gerade wiedervereinigten Deutschland, in der Ex-DDR eine Schwester samt Kinder und Enkelkinder. Es war doch ganz natürlich, dass ich in der Vorweihnachtszeit schon mal passende Geschenke eingekauft hätte. Auch die bei meiner Fest­nahme konfiszierten 1.900 Mark musste man wieder herausrücken. Gehörte das Geld doch gar nicht mir, sondern Helga, meiner schwer arbeitenden Lebensgefährtin. Das wurde dazu auch noch glaubhaft belegt, in dem wir einen Kontoauszug vorlegen konnten. Daraus ging einwandfrei hervor, dass Helga tags zuvor 2.000 Mark von ihrem Konto abgehoben hatte. Die Strafe, die ich für diesen Geschäftszweig erhielt, waren Peanuts gegen das, was danach noch dazu kommen sollte.

„Der fast perfekte Mord“

Zwischen dem Rottweilerbiss und meiner Verhaftung geschah aber noch etwas Gravierendes. Es lagen immerhin zwischen dem Ding in Eisenhüttenstadt und meiner Verhaftung wegen Drogenbe­sitzes ganze 16 Tage. Zunächst tangierte es mich nur peripher, als mir beim Besuch in einer Rotlichtkneipe eine Zeitung vor die Nase gelegt wurde. Ich selbst war gerade aus Frankfurt zurück­gekehrt, wo ich mich schon mal nach einem geeigneten Büro umgeschaut hatte für das viel grö­ßere anstehende Geschäft. So war ich als fleißiger Zeitungsleser nicht auf dem Laufenden. Irgend­wie, wahrscheinlich durch Harrys Propaganda, war ich zu einer Nummer im Milieu gekommen. Gespannt beobachtete man mich als ich die Überschrift las.

„Der fast perfekte Mord“ stand da in großen Lettern als Überschrift. Dass der fast perfekte Mord an meinem Mittäter beim Banküberfall in Eisenhüttenstadt stattgefunden hatte, erfuhr ich erst aus dem fast ganzseitigen Artikel der Zeitung. Na und? Welche Schuld traf mich dabei? fragte ich mich. So eine enge Freundschaft hatten wir ja nicht gepflegt, als das es mich weiter belastete. An den Tod war ich schon während meiner Kindheit gewöhnt worden. Der Zeitungsartikel war wie gewöhnlich in solchen Fällen ziemlich reißerisch aufgemacht. Jedoch dachte ich nicht daran mich bei der Polizei zu melden, um einiges richtigzustellen. Es waren ja auch nur Vermutungen, die das in der Zeitung Geschilderte in gewissen Punkten hätten widerlegen können. An Wolfgangs Tod ließ sich ohnehin nichts mehr ändern. Mein Kopf war mit ganz anderen Problemen beschäftigt. Ganze acht Tage hatte Wolfgang sich an seiner Beute noch erfreuen können, während ich einen Großteil meiner Beute in das nächste Geschäft investiert hatte. Dieses Geschäft wollte gut durchdacht sein, wollte ich mich doch danach endgültig aus diesem Milieu verabschieden.

Doch wie bereits bekannt sollte es dazu nicht mehr kommen. Das Schicksal hatte eine andere Zukunft für mich vorgesehen. Die so gar nicht meinen rosaroten Träumen entsprach. Ich wurde also ins Polizeigefängnis verbracht. In einem zweiten Polizeiauto, welches zur gleichen Zeit mit uns dort eintraf, saß Helga. Weil die 700 Gramm Hasch in unserem Doppelbett gefunden wurde, hatte man sie natürlich gleichfalls in Verdacht, dass sie an dem nicht ganz legalen Drogenhandel beteiligt sei. Was im Grunde genommen ja auch stimmte. War sie doch jedesmal bei meinen Amsterdamreisen dabei gewesen, hatte selbst Bestellungen am Telefon angenommen, wenn ich nicht da war. Obwohl sie an allen Aktivitäten, einschließlich der Londonreisen teilgenommen hatte, sie auch die erste war, die von der Bankbeute wusste und davon profitierte, habe ich es geschafft, sie vor Gericht da vollkommen rauszuhalten. Ihren Dank dafür bekam ich erst später präsentiert.

Die Selbstmordgefahr ist in der ersten Haftnacht am größten.

Aus Frust darüber, dass die Bullen mir kein Geständnis hatten entlocken können, hatten sie mich trotz meiner Gehbehinderung mit auf dem Rücken gefesselten Händen durch die Stadt kutschiert. Selbstverständlich waren die Handschellen bis an den Anschlagspunkt eingerastet worden. Purer Sadismus musste dabei eine Rolle spielen, wenn sie die Kurven so nahmen, dass ich auf dem Rücksitz hin und her geschleudert werden musste. Mit den Füßen fand ich auch keinen Halt. Hatte man mir doch im Krankenhaus ganz schön viel Fleisch rund um die Bissstelle herausgeschnitten und vernäht. Jede Anstrengung tat höllisch weh. Noch saurer als sie ohnehin schon waren, wurden die mich begleitenden Bullen, als sich der Wachhabende an der Gefängnispforte weigerte, mich krückenbehafteten Neuzugang überhaupt anzunehmen. Er verlangte ordnungsgemäß von meinen Begleitern ein ärztliches Attest über meine Haftfähigkeit. Diesen konnten die natürlich nicht vor­weisen. Mit viel Überredungskunst gelang es ihnen dann doch noch den Wachhabenden dazu zu überzeugen, uns einen Raum zur Verfügung zu stellen, wo wir auf das Eintreffen eines Arztes warten könnten. Es dauerte aber eine geraume Weile, bis ein solcher auftauchte. Währendessen moserte einer der Beamten herum. Wegen der Überstunden, die er meinetwegen schieben musste, und dass er wegen mir eine Fortsetzung von „Mission Impossible“ verpasse. Was gingen mich deren Probleme an. Meine Uhr hatte seit etwa 10 Stunden begonnen von meiner 10 jährigen Haftstrafe herunter zu ticken. Dann kam er endlich. Der Arzt. Nein, nicht etwa der Notarzt. Wozu hatte man seine eigenen Polizeiärzte, der aber musste erstmal seinen Job im 30 Kilometer entfernten Neustadt am Rübenberge erledigen, bevor er zu uns nach Hannover kam. Der Arzt hatte noch nicht einmal die übliche Notfallarzttasche dabei, der löste lediglich meinen Verband am Bein, besah sich die frische Wunde, erklärte mich für hafttauglich. Jeder Laie hätte den Verband besser wieder anlegen können als es dieser Arzt anschließend wieder tat. Nach ein paar Stunden Schlaf auf der versifften Strohmatratze in der Gefängniszelle hätte ich mir aus dem gelösten Verband einen Strick drehen können. Gürtel, Schnürsenkel, alles, was zum Selbstmord tauglich war, wurde ja vorsorglich jedem Gefangenen abgenommen. Es ist ja statistisch bewiesen, dass die erste Haftnacht die selbstmord­gefährdeste ist. Wenige Stunden später, im richtigen Gefängnis, wo eine Zugangsuntersuchung Pflicht ist, schüttelten die Sanis dort nur den Kopf wegen meines notdürftigen Verbandes. Die drückenden Beweise, die die SOKO (dass eine SOKO eigens für mich installiert worden war, erfuhr ich erst jetzt!) gegen mich gesammelt hatte, machten es dem zuständigen Haftrichter leicht, sich für einen Haftbefehl zu entscheiden. Daran konnte auch der von Helga, die inzwischen schon wieder auf freiem Fuß war, alarmierte Rechtsanwalt nichts ändern.

Die vielfältigen Rückschläge, die ich in meinem bisherigen Leben bereits erlitten hatte, ließen es mich nicht ganz so tragisch nehmen, was mich nun erwartete. Es gibt im Leben nun mal keine Zeit, die man zurückdrehen könnte, einmal gemachte Fehler korrigieren kann man allenfalls in einem Diktat. Dass alles noch viel schlimmer kommen würde, daran dachte ich zu dieser Zeit überhaupt nicht. Einschließlich der noch offenen Bewährungsstrafe rechnete ich damit, die nächsten vier Jahre aus dem Verkehr gezogen zu werden. Im guten Amtsdeutsch begründet man eine Gefängnisstrafe mit dem Hinweis, dass durch die Inhaftierung die übrige Bevölkerung für eine Weile vor den Straf­tätern geschützt wird. Erst kürzlich hatte die Polizei ja wieder einen guten Fang gemacht. Sie konnte vermelden, dass der gefährliche Serienräuber Bruno Reckert wieder in das Netz des SEK gegangen war. Dass dies überhaupt möglich geworden war, lastete man meinem Mittäter Wolfgang Dietrich an. Das war auch der Grund, dass er nicht älter als 39 Jahre wurde. Sie erinnern sich? Am späten Abend des 20ten November waren wir von unserem erfolgreichen Beutezug aus Eisenhüttenstadt zurückgekehrt. Vorgesehen war aus Wolfgangs Sicht eine Feier mit seiner Verlobten. Aus seiner himmelhochjauchzenden Euphorie wurde ein Absturz der feinsten Sorte. In der Wohnung ange­kommen, bekam er statt eines Begrüßungsküsschen vor den Latz geknallt, dass Reni ihre Verlobung aufgelöst hätte, sich dafür seinen „Freund“ Bruno Reckert als neuen Verlobten auserkoren hatte. Nach wochenlanger Abwesenheit aus der JVA, einigen erfolgreichen Bank und Supermarktüber­fällen wurde Reckert ausgerechnet drei Tage nach seiner Verlobung mit dem Fräulein von K……aus seinem Versteck geholt.

Der Streit eskalierte schließlich.

Für „Paule“ war klar, dass Wolfgang der Tippgeber gewesen sein musste. In der Wohnung des adeligen Fräuleins, wo Wolfgang noch ein Bleiberecht hatte bis er etwas anderes gefunden hatte, kam es zwischen Paule und Wolfgang zum Streit. Eben wegen des Vorwurfs, der Verräter von Bruno gewesen zu sein. Der Streit eskalierte schließlich. Paule griff sich eine in der Ecke stehende Hantelstange und zog dem Wolfgang seinen Scheitel etwas nach. Das adelige Fräulein will angeblich von dem Streit nichts mitbekommen haben. Dabei spielte sich das Ganze nur knapp einen Meter vor der Schlafzimmertüre ab. Bei der Obduktion stellte man in der Pathologie auch noch Würgemale an dem Hals des Toten fest. Meine bescheidene Insidermeinung ist die, dass ich glaube, dass Reni Wolfgangs Krawatte etwas enger zog, nachdem er schon mal ganz friedlich und wehrlos auf dem Boden lag, und sie dem Wolfgang das Weiteratmen verweigerte. Paule wurde deswegen zu LL verurteilt. Reni dagegen zu nur 7 Jahren. Während die in meinen Augen jedenfalls eigentliche Schuldige keine 5 Jahre ihrer Strafe absaß, erblindete Paule im Knast. Meine letzte Information besagt, dass er bis vor drei Jahren immer noch als Blinder im Knast saß.

Und ich dachte immer das Verbrecher eingesperrt werden, um die Bevölkerung vor weiterem Unheil zu schützen. Quizfrage: Wen kann ein Blinder noch gefährden?

An dieser Stelle könnte ich ja eigentlich aufhören, über den Fortgang meines Lebensweges zu schreiben. Dafür könnte ich ein paar Hundert Seiten Gerichtsakten kopieren und dem geneigten Leser es selbst überlassen zu entscheiden, was Recht und Gesetz sind. Ich meine aber, dass ein jeder mal, vor allen Dingen diejenigen, die selbst noch nie vor Gericht gestanden haben, erfahren sollte, welche Fallstricke die Justiz zur Verfügung hat. Klar, vor dem Gesetz sind alle Menschen gleich. Nur! Einige sind etwas gleicher!

Ich will dabei gar nicht auf Gerichtsurteile verweisen, wo die Großkopfeten aus Politik und Wirt­schaft nie eine Zelle von innen gesehen haben. Einen kleinen Zigarettenautomatenbetrüger kann man getrost ein paar Jahre gesiebte Luft verpassen. Das geht aber auf keinen Fall bei einem gewissen Grafen oder Milliardenbetrüger der Großindustrie. Die Einzigen wirklich „Prominenten“, die ich während meiner langjährigen Haftzeit kennengelernt habe, waren Männer aus der RAF, ebenso der IRA. Beide Gruppen, wovon ich einige persönlich kennenlernen und mich mit ihnen unterhalten konnte, stehen mir viel näher als die „unschuldigen“ Großabzocker. Die standen wenigstens zu ihren Taten und Ansichten. Bei mehrfachen Gesprächen mit einem gewissen Knut habe ich erst den von der Presse geprägten Ausdruck: Stockholm Syndrom[7] verstanden.

Hier darf ich noch einfügen, dass die beiden oben genannten Gruppen sich im Knast von den 15 übrigen, gemeinen Verbrechern distanzierten. Ich hatte es nur meinen Fremdsprachenkenntnissen zu verdanken, dass ich überhaupt von denen anerkannt wurde. Ohne mir teure Bücher kaufen zu müssen habe ich viel mehr von der irischen Geschichte erfahren, als ich hätte nachlesen können. Ebenso erging es mir bei dem Kontakt mit dem RAF Mann. Man möge mir meine wiederholten Abschweifungen vom eigentlichen Thema verzeihen. Doch zehnjähriges Eingesperrtsein, bedeutet noch lange nicht, dass alles spurlos an einem vorübergeht. Ereignisse finden überall statt. Ob ich nun als nackter „Wilder“ durch den Urwald husche oder mich im Großstadtdschungel bewege, so natürlich auch in einer Haftanstalt, wo es nur so von Menschen wimmelt. Menschen mit den verschiedenartigsten Charakteren. Allein das alltägliche Leben, aber insbesondere die herausra­genden Ereignisse während einer langjährigen Haftzeit, würden ein dickes Buch hergeben. So einige habe ich kennengelernt, die so gar nicht scharf darauf waren, was ihnen die Haftzeit so an Abwechslungen zu bieten hatte. Sie hängten sich einfach weg. Natürlich habe auch ich oft daran gedacht. Aber ich finde dazu gehört viel Mut. Den hatte ich nun mal nicht. Ich sitze also in U-Haft, warte darauf wie es weitergeht. In der Freistunde draußen auf dem Gefängnishof treffe ich auf Paule, erfahre die näheren Umstände, die zum Tode von Wolf­gang geführt haben und muss wieder mal innerlich über die Dummheit der Polizei grinsen, als ich von Paule erfahre wie der „Fast Perfekte Mord“ schließlich doch aufgeklärt wurde. Nicht die vielgepriesene Polizeiarbeit führte zum Erfolg. Eher würde ich dazu sagen, „Witz komm raus, du bist umzingelt.“ Natürlich stand davon kein Wort in der Zeitung, WIE der Mordfall aufgeklärt wurde. Es war wirklich der fast perfekte Mord, wäre den Bullen nicht Kommissar Zufall zu Hilfe gekommen. Oder besser noch Reni, die ich fortan nur noch „Dummfick“ nannte. Darf ich das hier näher ausführen? Ich tu es einfach, vielleicht lernen Sie ja dabei etwas über die Polizeiarbeit im Allgemeinen. Etwas weiter oben konnten Sie lesen, dass man den gefährlichen Verbrecher Bruno Reckert endlich wieder eingefangen hatte. Damit aber gab sich die Kripo nicht zufrieden. Sie wollte natürlich auch seine Mittäter dingfest machen. Alle ausgewerteten Spuren nach diversen Raubüber­fällen wiesen darauf hin, dass Bruno nicht alleine die Überfälle begangen hatte. Jetzt hieß es, die Verbrechensaufklärungsquote zu vervollständigen. Brunos Mittäter waren ja nicht weniger gefähr­lich. Außerdem hatte man bei Brunos Festnahme keine Beute noch die Tatwaffen gefunden. So observierte man schon etwas länger einen potentiellen Verdächtigen, der als Mittäter in Frage kam. Aus den Akten von Bruno Reckert, die in jedem Gefängnis fleißig vervollständigt werden, hatte das SEK recherchiert, mit wem der Bruno besonderen Kontakt im Gefängnisalltag gepflegt hatte. Weil auch deren Entlassungszeitpunkt ziemlich nahe beinander lag, hatte man ganz schnell auch den Paule in Verdacht, dem Bruno bei seiner Flucht geholfen, als ihm auch ein Versteck besorgt zu haben. Damit lagen sie gar nicht so falsch.

Fußnoten

[1] Lebenslänglich

[2] Gemeint ist Wolfgang

[3] [?] Laut Netzauskunft synonym für Gerichtsvollzieher https://www.mundmische.de/bedeutung/22878-Kuckuckskleber

[4] Photo aus dem Besitz von Dieter Schulz

[5] Gemeint ist das Kaliber der Schusswaffe

[6] Eine Freud’sche Fehlleistung? Gemeint ist fündig

[7] Unter dem Stockholm-Syndrom versteht man ein psychologisches Phänomen, bei dem Opfer von Geiselnahmen ein positives emotionales Verhältnis zu ihren Entführern aufbauen. Dies kann dazu führen, dass das Opfer mit den Tätern sympathisiert und mit ihnen kooperiert. https://de.wikipedia.org/wiki/Stockholm-Syndrom

Inhaltsverzeichnis _Inhaltsverzeichnis

Wenn Inklusion bloß Illusion wäre, …

… aber sie ist politischer Betrug. Hansgünter Jung berichtet heute vom Praxisschock[1]. Der war allerdings abzusehen und wurde vielfach vorausgesagt, nicht nur hier im Blog.[2]

Jung schreibt: »Die inklusive Schule war lange Zeit ein Selbstläufer. Ihre Prot­agonisten brauchten nur das Wort „UN-Behindertenrechtskonvention“ auszusprechen – und unbequeme Fragen zu Sinnhaftigkeit und Rechtmäßigkeit dieses bildungspoliti­schen Großprojekts wurden gar nicht erst gestellt. Gesinnungsethische Beflissen­heit ersetzte juristische Hermeneutik. Doch jetzt bahnt sich im öffentlichen Diskurs eine Wende an. Sie beruht auf ei­nem Praxis­schock, der gleich von zwei Sei­ten kommt. Die Eltern der behinderten Kinder erleben, wie eine Förderschule nach der anderen aufgelöst wird. Gleich­zeitig hat sich der Blick der Öffent­lichkeit dafür geschärft, wie schwierig Inklusion in den meisten Fällen ist: schließlich gilt es den Lernbehinderten, geistig Behinder­ten und Verhaltensauffälligen gerecht zu werden. Die Sensibilisierung hat etwas da­mit zu tun, dass die Lehrkräfte der Regel­schulen neuerdings vor eine weitere Auf­gabe gestellt sind. Sie müssen jetzt auch noch zahlreiche Flüchtlings- und Migran­tenkinder ohne Deutschkenntnisse unter­richten und erziehen. Jetzt hört man den überforderten Lehrkräften endlich zu, wenn sie fragen: „Was sollen wir eigent­lich noch alles leisten?“«

Mich wundert diese Entwicklung nicht, höre ich doch ähnliches aus dem Schulbereich von meinen Bekannten.

 

Fußnoten

[1] Hansgünter Lang, Inklusion vor der Wende, Lange Zeit waren die kritischen Stimmen zur Integration behinderter Schüler kaum zu hören, nun stellt sich der Praxisschock ein. Zitate aus diesem Artikel. FAZ-Print, Donnerstag, 18. Mai 2017. Wird wohl nicht digital erhältlich sein. Ich habe den Artikel gescannt und schicke ihn gern auf Mailanforderung zur privaten Verwendung.

[2] https://dierkschaefer.wordpress.com/2013/04/03/die-illusion-der-inklusion/

https://dierkschaefer.wordpress.com/2013/06/12/die-faz-geizt-mal-wieder-mit-ihren-print-artikeln-und-stellt-sie-nicht-ins-netz/

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/04/07/kinderrechte-inklusion-macht-kinder-zu-verlierern/

Frechheit siegt. Wäre in diesem Fall zu wünschen, wenn es überhaupt Frechheit ist.

Schon erstaunlich, der Griff ins Polemikfach, zu dem sich der Autor Christian Geyer verstie­gen hat. „Kinder haben im Grundgesetz nichts zu suchen“, meint er und spricht von „Frechheit“[1]. Ich will ihm darin nicht folgen, auch wenn ich es höchst befremdlich finde, wie er die Realität ausblendet, die sich nicht die sich nicht puristisch an der Rechtsdogmatik misst. Selbstverständlich haben zunächst die Eltern „das natürliche Recht und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht“ auf Pflege und Erziehung – und ich will hier nicht den Rückgriff der Eltern des Grundgesetzes auf das Naturrecht problematisieren. Aber wir erfahren doch fast täglich, dass es Eltern gibt, die dieses Recht und seine Verpflichtung nicht verstehen, es gar missbrauchen zu Vielerlei oder es missachten – bis hin zum Totschlag. Und selbst unterhalb dieser Schwelle gibt es laut Marie von Ebner-Eschenbach „leider nicht viele Eltern, deren Umgang für die Kinder ein Segen ist.“ Immerhin reicht das Elternrecht nach parlamenta­rischem Beschluss bis zur einschneidenden Körperverletzung durch Beschneidung. Da hilft nicht einmal das Wächteramt des Staates.

Wie wichtig der Grundrechtsschutz von Kindern ist, erleben Scheidungskinder besonders häufig. Familienrichter haben keine Ausbildung in Entwicklungspsychologie, manche halten, wie der frühere Präsident des Familiengerichtstages Siegfried Willutzki immer wieder betonte, Fortbildung für einen Eingriff in ihre richterliche Freiheit. Und dank der Unbeirrbarkeit von Bundesländern, in Kindesangelegenheiten zu sparen, sind ja nur Kinder, verzichtet man auf die professionelle Befähigung von Verfahrenspflegern, auch Anwalt des Kindes genannt.

Kinderrechte im GG können aber nicht nur ein besserer Schutz vor verantwortungslosen Eltern sein, sie wären auch ein Schutz vor manchen Jugendamtseingriffen, die, wie wir auch immer wieder erfahren, Kinder nicht ausreichend schützen, die keine Fachaufsicht fürchten müssen und zuweilen fiskalischer Enge die Priorität einräumen.

Kinderrechte im GG würden nicht per se den Kindern einen geschützen Raum öffnen. Doch hier muss die Sachdiskussion beginnen, wenn sie samt Wahlrecht ins Grundgesetz gekommen sind.

Auch ein voreiliger Anwalt des Kindes kann Schaden anrichten, ebenso wie die ideologische Befangenheit auf Seiten unbelehrbarer Eltern. Auch haben manche der Befürworter solcher Rechte ein politisches Nebenkalkül. Aber ist es wirklich eine Frechheit, sich den realen Nöten von Kindern zuzuwenden, auch wenn die Wege aus der formal-juristischen Korrektheit hinausführen?

Herrn Geyer kann ich aus meiner Beschäftigung mit dem Thema viel Material anbieten.

[1] http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kinderrecht-im-grundgesetz-eine-frechheit-14957358.html

Luthers Lümmel-Tüten in aller Munde

Posted in Firmenethik, Humor, Kirche, Medien, Protestantismus, Religion by dierkschaefer on 24. März 2017

Geschmacklos wie die Luther-Socken, besonders wenn sie gleichzeitig zum Einsatz kommen. Der Zentralverband der deutschen Werbewirtschaft schaut bewundernd zur rheinischen Kirche auf. Sie hat es geschafft, dieses Allerweltsverbrauchsprodukt aus der Fülle der Lutherdevo­tionalien hervorzuheben – und dies auch noch kostenfrei. Chapeau!

Der Zweitplazierte ist aber nicht neidisch. Ob er denn, wurde der Manager gefragt, an eine Neuauflage seiner Spielfigur denke, mit einer Wölbung unter dem Lutherrock. Da hat er souverän abgewinkt. Das sei nicht nötig. Was sich unter der Kleidung abspiele, wolle seine Firma auch weiterhin dem freien Spiel der Gedanken überlassen.

Und die rheinische Kirche, wie geht sie mit dem Erfolg um? Kaum zu glauben! Sie kostet den Erfolg nicht aus, sondern macht paradoxerweise einen Rückzieher und zieht die Luther-Lust-Lümmel rigoros aus dem Verkehr.

Ist das nun hinterfotzig oder ein rheinisch-fröhlicher Aufruf zur unverhüllten Lust?

Oder ganz einfach verschämte christliche Bescheidenheit?

Versteh einer die Welt – der Kirche.

 

https://www.google.de/search?hl=de&gl=de&tbm=nws&authuser=0&q=Luther+Kondome&oq=Luther+Kondome&gs_l=news-cc.1.0.43j43i53.2961.8974.0.10787.14.6.0.8.8.0.79.381.6.6.0…0.0…1ac.1.QVSOxN1k1hE

http://www.mdr.de/nachrichten/vermischtes/evangelische-kirche-kondom-verbot100.html

Österreich, du hast es besser – letztlich auch mit deiner Kirche.

Posted in Kirche, Medien, Religion, Weltanschauung by dierkschaefer on 16. März 2017

Ja, auch Österreich hatte seine Skandalbischöfe, hatte seine Missbrauchsskandale – und damit viel Präsenz „im Netz“.

Aber Österreich hat „kathpress“[1] – wir nur den „epd-pressedienst“[2]

Kathpress hat Geburtstag und uns wurde die Netzpräsenz vorgeführt.[3]

Ich will das gar nicht mit dem epd-pressedienst vergleichen, dachte aber an ein anderes Netzversagen unserer Kirche(n) und schrieb einen Kommentar:

 

»Unsere Kirchen sind – nicht nur bei der Präsenz im Netz – eher ein Trauerspiel. Sie sind eine Welt für sich. Allein der Kirchenjargon und die vielfach enge Vorstellungswelt!

Doch bleiben wir beim Thema Netz. Ich habe 15 Jahre als „Studienleiter“ an einer Evangelischen Akademie gearbeitet. Von Studien in der Regel keine Spur. Tagungsleiter waren wir. Bei uns wurde auch nicht „wissenschaftlich“ gearbeitet, wie einer der Direktoren wähnte. Wie denn auch! Wer die Differenziertheit von Wissenschaften auch nur ahnungsweise kennt, weiß, dass eine Akademie dazu weder die Manpower noch die Sachausstattung hat, auch nicht haben kann. Ein „Thinktank“ sollten wir sein. Pustekuchen! Jeder hatte sein Gärtlein für sich und verteidigte es.

Angetreten waren die kirchlichen Akademien mit der anspruchsvollen Aufgabe, öffentliche Themen „ins Licht des Evangeliums“ zu rücken und ein Podium für kontroverse gesellschaftliche Positionen zu bieten. Das hat punktuell auch gut geklappt. Doch die Zeiten, in denen die Politiker und sonstige gesellschaftliche Akteure einen Platz auf dem Podium einer Akademie zu schätzen wussten oder gar ein Referat hielten, sind – mit Ausnahmen – vorbei. Schließlich gibt es Talkshows zum Einnicken und die sozialen Medien. Mit Twitter erreicht man mehr Leute als über ein Referat in einer Akademie, für das die Teilnehmer viel Zeit und Geld mitbringen müssen.

Als es dann vornehmlich darum ging, den Hotelbetrieb der Akademie auszulasten, schlug ich meinem Akademiedirektor vor, eine Internetakademie zu gründen. Das hätte nicht nur die verpflichtende Koordination der Tagungsleiter erfordert (illusorisch), sondern auch die Aufteilung der gesellschaftsrelevanten Themenbereiche unter den Akademien bundesweit – also auch kirchenweit – noch illusorischer: „Schaue die Zertrennung an, / der sonst niemand wehren kann; / sammle, großer Menschenhirt, / alles, was sich hat verirrt. / Erbarm dich, Herr“.

Aber dermaßen gebündelt wären wir Kirchen auf Dauer ein kompetenter, aktueller Gesprächspartner und anerkannter Meinungsfaktor in der gesellschaftlichen Diskussion geworden. Mein Direktor hat müde abgewinkt. Ja, klar, aussichtslos. Und so dämmern wir unserer Bedeutungslosigkeit entgegen. Bald wird uns nicht einmal mehr der Wind ins Gesicht wehen – warum sollte er auch.«[4]

 

„Meine“ ehemaligen Heimkinder werden wohl eher zufrieden sein, dass die Kirche nicht nur bei ihnen versagt hat – dort allerdings gründlicher.

[1] https://www.kathpress.at/

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Evangelischer_Pressedienst

[3] http://www.theologiestudierende.de/2017/03/16/tritt-frisch-auf-tus-maul-auf/

[4] http://www.theologiestudierende.de/2017/03/16/tritt-frisch-auf-tus-maul-auf/#comment-56356

Korntal und die Vorverurteilung

Ein Beschuldigter ist bis zu seiner gerichtsfesten Verurteilung als unschuldig nicht nur anzusehen, sondern zu behandeln. Das Urteil über Rechtsanwalt Weber ist in Korntal schon gefällt.

Es hat zwar auch noch keinen Prozess über die Missbrauchsvorwürfe gegen Verantwortliche in Korntal gegeben; dank der Verjährungsfristen wird es wohl auch nicht dazu kommen. Dennoch ist ein öffentlicher Druck entstanden, aufgebaut worden, die Vorwürfe zu klären und die Vergangenheit – wie auch immer – aufzuarbeiten.

 

»Eigentlich hätte Weber vor wenigen Tagen offiziell als Aufklärer beauftragt werden sollen. Die Mediatoren, die Brüdergemeinde und Opfervertreter bis zu einer Beauftragung begleiten sollten, stoppten das Verfahren vorerst. Als Grund wurde ein Medienbericht angegeben, demzufolge der Anwalt in eine Korruptionsaffäre verwickelt sein könnte.«[1]

»Weber selbst wies die Berichte zurück: „Es wird nicht gegen mich ermittelt“, sagte der Anwalt, der zuvor auch die Missbrauchsvorwürfe bei den Regensburger Domspatzen aufgearbeitet hatte. … Opfervertreter Detlev Zander erklärte nach den Gesprächen: „Die Wünsche der Opfer werden hier überhaupt nicht mehr berücksichtigt.“ Er selbst hatte den Missbrauch im Sommer 2014 öffentlich gemacht. Der heute 55-Jährige war in den 1960er und 70er Jahren im Heim. Seinen Angaben zufolge werfen inzwischen mehr als 300 ehemalige Heimkinder der Brüdergemeinde vor, in den 1950er bis 1980er Jahren in den zwei Kinderheimen der Gemeinde sexuell missbraucht, misshandelt und gedemütigt worden zu sein. Der Versuch einer Aufarbeitung war Anfang 2016 schon einmal gescheitert. Eine neuer Versuch, die verhärteten Fronten zu überwinden, soll bei einer weiteren Gesprächsrunde am 25. März unternommen werden.«[2]

»Bei seiner Absage übt der Rechtsanwalt scharfe Kritik an den Mediatoren. …Weber begründet seine Entscheidung mit inhaltlichen Differenzen mit der auftraggebenden Brüdergemeinde. Wohl war der Vertrag zwischen ihm und den Pietisten weitgehend ausgehandelt. Doch „eine explizit von mir geforderte Erklärung­, dass die Brüdergemeinde von einem Einflussrecht auf meine Veröffentlichungen im Aufklärungsprozess Abstand nimmt, ist bisher nicht erfolgt. Ein unabhängiges Arbeiten wäre unter diesen Umständen nicht möglich“, sagt Weber. Er greift in seiner Absage zudem die Mediatoren Elisabeth Rohr und Gerd Bauz scharf an. „Die Einflussnahme der Mediatoren, speziell deren Kommunikationsverhalten in den letzten Tagen, zeugte von fehlendem Respekt, da Inhalte und Entwicklungen über meine Verpflichtung, ohne mich vorab zu informieren, in die Öffentlichkeit getragen wurden.“«[3]

Aufgrund des Berichts über die Verwickelung in den Korruptionsskaldal »verkündete die Mediatorin im Korntaler Missbrauchsskandal – ohne Rücksprache mit den ehemaligen Heimkindern – die Wahl Webers könne nicht stattfinden. Stattdessen solle Weber zunächst die Möglichkeit gegeben werden, sich zu den Vorwürfen zu äußern. Die Betroffenen erfuhren davon aus der Presse. Weber sagte am Samstag, er habe eine „gebotene Stellungnahme“ zu den gegen ihn erhobenen Vorwürfen abgegeben. „Ich werde nicht verdächtigt, und gegen mich wird auch nicht ermittelt.“ Über die dennoch erfolgte Berichterstattung sagte er: „Für die Motivlage hier wie dort habe ich keine Erklärung.“«[4]

»Vertreter der Opferorganisationen hielten trotz der Meldungen an dem Juristen fest, der auch die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals bei den Regensburger Domspatzen leitet.Weber fürchtet nach eigenen Worten, dass ein unabhängiges Arbeiten in Korntal nicht möglich wäre. Die Brüdergemeinde habe keine von ihm geforderte Erklärung abgegeben, seine Veröffentlichungen im Aufklärungsprozess nicht zu beeinflussen. Den Mediatoren Elisabeth Rohr und Gerd Bauz wirft er „fehlenden Respekt“ vor. Sie hätten Informationen über seine Verpflichtung in die Öffentlichkeit getragen, ohne ihn vorher zu informieren. Ehemalige Korntaler Heimkinder berichteten von sexueller und körperlicher Gewalt sowie Zwangsarbeit in Brüdergemeinde-Einrichtungen insbesondere in den 60er und 70er Jahren. Ein erster Versuch der Aufklärung scheiterte im vergangenen März, nachdem die Betroffenen dem Team um die Landshuter Sozialwissenschaftlerin Mechthild Wolff das Vertrauen entzogen hatten.«[5]

»Im Ringen um die Aufarbeitung von Missbrauchsfällen bei der evangelischen Brüdergemeinde Korntal (Kreis Ludwigsburg) fordern Opfervertreter nun ein Krisengespräch mit Vertretern der Landeskirche Württemberg. „Es ist höchste Zeit für ein Signal an die Missbrauchsopfer, dass sich etwas bewegt“, sagte Netzwerk-Sprecher Detlev Zander. … Der Anwalt habe „aufgegeben, weil die Brüdergemeinde ihn nicht unabhängig arbeiten lassen will, doch wir kämpfen weiter für Weber“, sagte Zander. Die Brüdergemeinde wies das zurück. …

Nach Angaben des Betroffenen-Netzwerks werfen mehr als 300 ehemalige Heimkinder der Brüdergemeinde vor, in den 1950er bis 1980er Jahren in deren zwei Kinderheimen sexuell missbraucht, misshandelt und gedemütigt worden zu sein. Ob es tatsächlich zu dem geforderten Krisentreffen kommt, war zunächst nicht absehbar.«[6]

 

Man sagt, die Hoffnung sterbe zuletzt. Hier sieht es nach einem langen Würgetod aus.

[1] http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.missbrauchsfall-korntal-rechtsanwalt-ulrich-weber-lehnt-zusammenarbeit-ab.ca296589-346e-4655-ad50-778bef7c75e5.html

[2] http://www.swr.de/swraktuell/bw/missbrauchsfaelle-in-korntal-aufklaerung-verzoegert-sich-weiter/-/id=1622/did=18999174/nid=1622/1yhc7ht/

[3] http://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.missbrauchsskandal-bruedergemeinde-ulrich-weber-wirft-in-korntal-hin.d7619177-34c4-4648-a9bf-501d60334fc4.html

[4] http://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.missbrauchsskandal-korntal-die-kuer-webers-scheitert-an-den-pietisten.5ff393ec-2b0d-49d7-8dc6-2848b9d682af.html

[5] http://www.epd.de/landesdienst/landesdienst-s%C3%BCdwest/jurist-weber-nicht-zur-aufkl%C3%A4rung-von-missbrauch-korntal-bereit

[6] http://www.zvw.de/inhalt.korntal-missbrauchsopfer-fordern-krisengespraech-mit-kirchenfuehrung.12d5e93f-d3c8-4a3a-8796-3fc827fee3b9.html

Das Reden von Gott in Zeiten des Internet.

»Redet man seit dem Internet anders über Gott als vorher?« fragte Antje Schrupp kürzlich über Twitter.

Die Frage ist so ungezielt wie komplex.

Wer ist man, der sich im Internet äußert, und wo im Internet?

Wer hat sich vor den Zeiten des Internet wo und wie über Gott geäußert?

Schließlich: Ist es mit der Beschränkung auf „Gott“ getan? Muss die Frage nicht ausgeweitet werden auf: Christentum und Religion überhaupt, spezifiziert nach den Themenbereichen „Kirche“, „Kirche und Staat“, „Religion und Gewalt“, „Islam“, „Säkularisierung“? Kurz: Allah hat viele Namen, Gott hat viele Facetten, Anhänger und Gegner, und viele Gleichgültige.

Wer Antje Schrupps Frage wissenschaftlich seriös beantworten will, sollte Geld für ein umfangreiches Forschungsprojekt beantragen. Säße ich im Bewilligungsgremium, würde ich ablehnen, so wie ich auch jeden Promovenden bedauern würde, der sich an dieser Frage nur verheben kann, auch Promovendinnen stemmen das nicht. Das Internet ist schließlich ein globaler Stammtisch, besser: viele Stammtische, auf die dann jeweils ein Themenschild gesetzt wird – und jeder, der will oder zu müssen meint, setzt sich dazu.

Antje Schrupp ist arbeitet journalistisch. Darum will ich auch eher journalistisch mit der Wiedergabe meines persönlichen Eindrucks antworten, aber inhaltliche Festlegungen zu Gott & Co. vermeiden.

Doch zunächst die Einschränkungen. Ich überblicke das Internet nicht, wer kann das schon. Meine Erfahrungen beschränken sich auf

  • aktuelle Meldungen einiger Online-Magazine,
  • Twitter, dazu gehört auch das „EvPfarrer’s Daily“ des Kollegen Ebel. »Diese Online-„Zeitung“ versammelt hauptsächlich Beiträge, die evangelische Pfarrerinnen und Pfarrer auf Twitter verbreitet oder in ihren Blogs veröffentlicht haben. Ergänzend fließen Meldungen von Einrichtungen der verfassten Kirche mit ein.« Dort wird natürlich besonders viel über Gott und die Welt getwittert. Diese Tweed-Sammlung ist aber geeignet, den Blick auf die Bedeutung Gottes im Internet quantitativ zu verzerren.
  • Foren meide ich meist, weil dort zu oft völlig undifferenziert und uninformiert nur „Meine Meinung, deine Deinung“ ausgetauscht wird, mit neckischen Nicknames und ohne Rücksicht auf Argumente.
  • Schließlich bekomme ich in meinem Blog Kommentare, in denen ehemalige Heim­kinder sich über Gott, Christentum und Religion äußern – so wie das halt in Foren üblich ist, hier aber hasserfüllt. Doch diese Klientel hat Grund dazu, wurden sie doch in kirchlichen Einrichtungen am Leben geschädigt und zuschlechterletzt von der Pfarrerin Antje Vollmer über den Runden Tisch gezogen.

Nun meine Antwort auf die Frage.

Sicherlich wird im Internet anders über Gott geredet, als zuvor anderswo. Wer hat früher öffentlich über Gott geredet? Lassen wir die Religionswissenschaftler außen vor. Es waren im weitesten Sinne Kirchenleute, Theologen, aber auch Menschen mit engen Bindungen an Christentum und Kirche.

Es gab auch schon immer Kirchenkritiker, die nicht nur im kleinen Kreis, sondern auch mit Öffentlichkeitswirkung über Gott redeten und schrieben, z.B. Herr Deschner mit seiner „Kriminalgeschichte des Christentums“.

Zu nennen ist auch die Indienstnahme Gottes zur Sicherung der Sterbebereitschaft von Soldaten und Opferbereitschaft der Bevölkerung in vielen Kriegen von allen Kriegsteilnehmern – bis hin zum Gefallenendenkmal.

Sicherlich wurde auch an manchem Stammtisch, wenn nicht über Gott, so doch über den jeweiligen Herrn Pfarrer geredet, insbesondere, wenn der Anlass dazu bot.

Die Säkularisierung hat manchen naiven Glaubensinhalten den Garaus gemacht. Die Köpfe wurden frei für religionskritische Ansichten.

Nun, in Zeiten des Internet, nutzen viele – meist anlassbezogen – die Möglichkeit, ihre Mei­nung zu Kirche und Gott zu publizieren.

Die Anlässe liegen im eigenen, realen Erfahrungsraum, sind vielfach aber auch durch Mel­dun­gen im Netz angeregt. Zum jeweiligen Anlass/Thema gibt es Echoräume von vielen Gleichge­sinnten und wenigen Vertretern abweichender Meinungen, doch die haben so gut wie keine Chance, die Stimmung umzudrehen.

Themen sind Kirche und Staat, besonders die Kirchensteuer, die „Macht“ der Kirchen, kirchliche Verfehlungen (z.B. Misshandlungen und Missbrauch in kirchlichen Einrichtungen, Geldverschwendung à la Limburg u.a.m.). Da trifft es dann nicht nur die Einzelpersonen oder die Kirche, sondern Gott bekommt auch noch sein Teil ab, wie die Religion überhaupt. War sie nicht immer schon gewalttätig? Dann kommt der pauschale Verweis auf „Religionskriege“ oder etwas aktueller auf den Islam.

So und in dieser Häufigkeit wurde früher wohl nicht über diese Themen publiziert, wenn man von ideologischen Kriegen gegen die Religion absieht, wie sie von den Nazis geschürt wur­den oder auch vom real existierenden Sozialismus. Allerdings gab es nicht nur den „Pfaffen­spiegel“. Die erotischen Fehltritte des Klerus waren schon immer ein literarischer Topos, geradezu ein Schmankerl, wenn auch eher als eine Art Untergrundliteratur, wohin sexuelle Dinge früher ganz generell gehört haben.

Hin und wieder taucht in Eigenberichten im Netz auch das Problem der Theodizee auf, das schon manche Menschen aus der Glaubensbahn geworfen hat.

Dann sind noch die Theologen selbst zu nennen, die das Netz missionarisch nutzen oder ihre mehr oder weniger vom theologischen Mainstream abweichenden Meinungen publizieren. Sie sind letztlich auch „Bekenner“, wie sie mit anderem Vorzeichen in manchen Foren als Ver­fech­ter des „wahren“ Glaubens zu finden sind: Bibelfundis.

Nur hinzuweisen ist auf die Präsenz islamischer/islamistischer Internet-Nutzer, die auf ihre Art über Allah schreiben. Doch da fehlt mir jede Beurteilungsgrundlage, wäre aber wichtig, um Herausforderungen zu begegnen.

Gott und Religion werden wohl weiterhin bedeutsame Themen sein. Der Islam rettet zurzeit nicht nur den christlichen Religionsunterricht vor dem missionierenden Atheismus, sondern stellt unserer Gesellschaft religiöse Fragen, die sie nicht hören will, denen sie aber nicht mit atheistischer Contra-Haltung oder denkfauler Gelassenheit begegnen sollte. https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/01/06/ohne-religionsgeschichte-wird-es-nicht-gehen/