Dierk Schaefers Blog

Die Betroffenen sitzen mal wieder am Katzentisch

Asymmetrische Machtverteilung in der Stiftung „Anerkennung und Hilfe“.

Das Papier war aus dem Netz verschwunden, nun ist es wieder da – und hier auch.Stiftung-Anerkennung-und-Hilfe-Praesentation-BeB-2017

Wer aufmerksam liest, kennt das Spiel schon von Runden Tisch Heimkinder her.

Ein Blick auf die Folie 29 zeigt die Funktionsweise des Lenkungsausschusses, das ist der, der lenkt, bei ihm liegt die Macht. Die Liste der dafür ernannten Personen findet man auf den Folien 34 – 37.29.jpg

Wer ist Mitglied?

Je drei Vertreter der Institutionen, die zahlen sollen. Die wollen möglichst wenig zahlen, was in der Natur der Sache liegt.

Das sind

  • Bundesregierung,
  • Länder,
  • Kirchen.

Um es bildhaft zu machen:lenkungsausschuß

 

Dann gibt es den Fachbeirat. Er hat beratende Funktion. Wer gehört dazu?

Je drei Vertreter von

  • der Gruppe der Betroffenen,
  • der Gruppe der Betroffenenvertreter,
  • der Gruppe der Sachverständigen.

Das sieht dann so aus:fachbeirat

Der Fachbeirat entsendet Vertreter in den Lenkungsausschuß. Das werden maximal 3 sein, aus jeder Gruppe einer.

Für den Sachverständigen vom Dienst nehmen wir einmal an, dass er tatsächlich neutral ist, also für niemanden Partei ergreift, sondern seinen Sachverstand einbringt (unter welchen Gesichtspunkten?).

Ob die Betroffenenvertreter, sei es von der Aktion psychisch Kranke, der Deutschen Gesellschaft für bipolare Störungen oder von der Bundesvereinigung Lebenshilfe wirklich die Betroffenen vertreten und nicht hauptsächlich ihren Verband, vermag ich nicht zu beurteilen. Nehmen wir also an, sie ergreifen Partei für die Betroffenen.

Dann hat die Betroffenenpartei zwei Sitze im Lenkungsausschuß. Ihnen sitzen neun Parteienvertreter gegenüber, die möglichst wenig Geld ausgeben wollen.

Ohnehin ist der Finanzrahmen vorab festgelegt worden. Das Dokument zeigt die Entwicklung der Kompromisse auf, die ohne die Betroffenen ausgehandelt wurden.[1]

Diese Asymmetrie setzt die Veranstalter ins Unrecht, selbst wenn halbwegs gute Entscheidungen für die einzelnen Betroffenen gefällt werden sollten. Doch um Verhandlungen auf Augenhöhe hatte man sich ja bereits schon am Runden Tisch gedrückt [2] und den Sachverständigen Prof. Dr. Manfred Kappeler[3] ausgeschlossen, der war zu kritisch.

Was im Lenkungsausschuß fehlt ist die parteiliche Rechtsvertretung der Betroffenen durch eine kompetente Anwaltskanzlei. Doch eine anwaltliche Vertretung der Betroffenen hatte ja schon Antje Vollmer gescheut wie der Teufel das Weihwasser.

Eine Beschwerdemöglichkeit haben die Betroffenen selbstverständlich auch nicht. Antragsteller sind sie, Almosenempfänger werden sie, soweit sie Glück haben.

[1] https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/01/19/man-befurchtet-dass-sich-der-neue-fonds-als-fass-ohne-boden-entpuppen-wird/ https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/08/03/behinderte-werden-als-menschen-zweiter-klasse-behandelt-der-bundesverband-evangelische-behindertenhilfe-beb-begruesst-das/

[2] https://dierkschaefer.wordpress.com/2011/01/31/der-runde-tisch-heimkinder-und-der-erfolg-der-politikerin-dr-antje-vollmer/

[3] https://dierkschaefer.wordpress.com/2010/11/12/prof-dr-manfred-kappeler-vom-%e2%80%9ezwischenbericht%e2%80%9c-des-runden-tisches-heimerziehung-zum-entwurf-des-%e2%80%9eendberichts%e2%80%9c-%e2%80%93-zwischen-den-zeilen-gelesen-ii/

Sie haben einen guten Riecher, die Brüder von Korntal

Die Klärung der Missbrauchsvorwürfe in der Evangelischen Brüdergemeinde Korntal ziehen sich hin. Dabei hätte es fast einen guten Weg gegeben. Der Rechtsanwalt Weber hatte die Untersuchung der Vorwürfe vornehmen sollen. Hatte? Hätte! Er war schon beauftragt mit der Untersuchung der einschlägigen Vorfälle bei den Regensburger Domspatzen. Das Vertrauen der ehemaligen Heimkinder hatte er. Dies Vertrauen war offenbar berechtigt, denn der Bericht, den er nun über Regensburg vorgelegt hat, ist beachtlich und zeugt von seiner Kompetenz im Umgang mit der Materie. »Der vom Bistum Regensburg beauftragte unabhängige Sonderermittler Ulrich Weber bezifferte die Zahl der von ihm ermittelten Opfer am Dienstag in Regensburg auf 547. Weber sagte vor Journalisten, er gehe weiter von einer Dunkelziffer in Höhe von etwa 700 Opfern aus. Der rund 450 Seiten starke Bericht wurde im Internet veröffentlicht[1]

Solche Aussichten waren der Brüdergemeinde offenbar zu gefährlich und sie kegelten ihn aus dem Verfahren.

Wie denn? Ganz einfach: »Die Mediatoren, die Brüdergemeinde und Opfervertreter bis zu einer Beauftragung begleiten sollten, stoppten das Verfahren vorerst. Als Grund wurde ein Medienbericht angegeben, demzufolge der Anwalt in eine Korruptionsaffäre verwickelt sein könnte.«[2] Ein Medienbericht – tolle Quelle! Weber könnte betroffen sein. Ein gefundenes Fressen. Ab mit ihm!

Weber selbst wies die Berichte zurück: „Es wird nicht gegen mich ermittelt“[3], er übt »scharfe Kritik an den Mediatoren. …[und] begründet seine Entscheidung mit inhaltlichen Differenzen mit der auftraggebenden Brüdergemeinde. Wohl war der Vertrag zwischen ihm und den Pietisten weitgehend ausgehandelt. Doch „eine explizit von mir geforderte Erklärung­, dass die Brüdergemeinde von einem Einflussrecht auf meine Veröffentlichungen im Aufklärungsprozess Abstand nimmt, ist bisher nicht erfolgt. Ein unabhängiges Arbeiten wäre unter diesen Umständen nicht möglich“, sagt Weber. Er greift in seiner Absage zudem die Mediatoren Elisabeth Rohr und Gerd Bauz scharf an. „Die Einflussnahme der Mediatoren, speziell deren Kommunikationsverhalten in den letzten Tagen, zeugte von fehlendem Respekt, da Inhalte und Entwicklungen über meine Verpflichtung, ohne mich vorab zu informieren, in die Öffentlichkeit getragen wurden.“«[4]

Der Mann hätte gefährlich werden können. Und nun sieht mans ja an seiner Behandlung des Regensburger Falls. Diese schonungslose Offenheit auch im Korntaler Fall? Da sei Gott vor – oder die Brüdergemeinde, was in deren Augen wohl dasselbe ist. Sie haben halt einen guten Riecher für gottlose Schnüffelei in ihrer Vergangenheit, die doch sehr anrüchig zu sein scheint.

PS: Korntal wurde bereits 23 mal in diesem Blog behandelt. Der erste Eintrag datiert vom 2. Mai 2014. Gut Ding will Weile haben – und Gottes Mühlen mahlen langsam. Hoffentlich irren sich die frommen Brüder, denn das Sprichwort geht weiter: Gottes Mühlen mahlen langsam, aber sicher.

[1] http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/547-domspatzen-opfer-von-uebergriffen-15111308.html Dienstag, 18. Juli 2017

[2] https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/15/korntal-und-die-vorverurteilung/

[3] http://www.swr.de/swraktuell/bw/missbrauchsfaelle-in-korntal-aufklaerung-verzoegert-sich-weiter/-/id=1622/did=18999174/nid=1622/1yhc7ht/

[4] http://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.missbrauchsskandal-bruedergemeinde-ulrich-weber-wirft-in-korntal-hin.d7619177-34c4-4648-a9bf-501d60334fc4.html

Warum sollte es Herrn Kronschnabel interessieren, dass Gott aus der Kirche ausgetreten ist?

Posted in Kirche, News, Religion, Theologie, Weltanschauung by dierkschaefer on 8. Juli 2017

Ich habe es schon am 10. April 2014 hier im Blog verkündet, gleich als ich es erfuhr.[1] Hanns Dieter Hüsch hat es am 1.11.2012 auf youtube veröffentlicht, er weiß es aber spätestens seit 1988. Doch auf meinen post hat – entschuldigen Sie, Herr Kronschnabel – kein Schwein reagiert. Mehr Kirchenkritik geht doch eigentlich nicht. Zu viel Humor?

Nun erreicht mich heute die Nachricht vom Kirchenaustritt Gottes ein weiteres Mal.[2]

Mich hatte natürlich interessiert: Wo isser denn hingetreten? Hüsch wußte das nicht so genau. Man meint ja meist, Gott sei im Himmel, no church area. Doch zuweilen, so meint Hüsch, ruhe der sich vom Himmel auch mal aus. Wo nimmt Gott seine Aus-Zeit? Am Niederrhein. Hier, so Hüsch, »geht selbst der liebe Gott von Zeit zu Zeit spazieren. Er hat am Niederrhein ein Haus und ruht sich dort vom Himmel aus.« Gott ruht sich dort vom Himmel aus.jpgEs sei ihm gegönnt. Dauerpräsenz im Himmel, Ewigkeit genannt, mag selbst für Gott zu anstrengend sein, und auch wir, so wir dort landen, wollen auch nicht ständig „Luja“ singen.[3]

Vielleicht konnte Hüsch ja inzwischen selber feststellen, ob es stimmt, was er gesagt hat. Denn er ist wohl mittlerweile selber dorten. Seit Nikolaus 2005 weilt Hanns Dieter Hüsch nicht mehr auf Erden.[4]

Interessiert wohl alles nicht. Schade. Kein Humor.

[1] https://dierkschaefer.wordpress.com/2014/04/10/gott-ist-aus-der-kirche-ausgetreten/  https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/10958684993/in/set-72157637867592835   ow.ly/vDagA

[2] http://tobiasfaix.de/2017/07/gott-ist-aus-der-kirche-ausgetreten/

[3] https://www.youtube.com/watch?v=FW6P_crgp8M

[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Hanns_Dieter_H%C3%BCsch

Die gesellschaftliche Verzwergung der Kirche

Ein düsteres Bild von der Zukunft der evangelischen Kirche zeichnet Reinhard Bingener in seinem Artikel über „die scheinbar reiche Kirche“[1]. Für die katholische Schwesterkirche dürfte es ähnlich aussehen. Düster ist das Bild, weil die Verfreikirchlichung der Großkirchen kaum abwendbar zu sein scheint.

Wenn es ums Geld geht, ist auch bei den Kirchen ein Hauen und Stechen zu erwarten. Wo soll und kann gespart werden? Welche kirchliche Arbeit „rechnet sich“? Die großen Sozialkonzerne Diakonie und Caritas sind fein raus, einerseits sind sie von den „verfassten“ Kirchen unabhängig, andererseits können sie dem Kostendruck auf dem Sozialmarkt gut standhalten. Zudem sind sie zwar hauptsächlich für die Heimkinderskandale verantwortlich gewesen, doch den Imageverlust haben „die Kirchen“ gehabt, die versäumt haben, die Verantwortlichkeiten transparent zu machen. Und: Aus der Kirche kann man austreten, aus der Diakonie nicht.

Es kann also nur um die Angebote der schrumpfenden verfassten Kirchen gehen, mit denen die Kirchensteuerzahler gehalten werden können. Der interne Kampf um die Ressourcen wird zugunsten des „Kerngeschäfts“ ausgehen. Es sind die einzelnen Gemeinden und ihre Ortspfarrer, die kirchliches Leben gestalten und erhalten, wenn denn der Pfarrer „ankommt“. Sonderfunktionen und überregionale Angebote werden es schwer haben, sich im Verteilungskampf zu behaupten. Aus meiner Tätigkeit in meinem gesamten Berufsleben als „Sonderpfarrer“ in verschiedenen Funktionen weiß ich, dass diese Dienste gern angenommen werden und das Renommee der Kirche auch bei denen heben, die die „Kern-Dienste“ fast nur für die Wendemarken ihres Lebens in Anspruch nehmen. Aber Kirchensteuerzahler werden durch die Sonderdienste wohl nur selten gewonnen, – vielleicht aber gehalten? Als Sonderpfarrer ist man nicht selten auch Klagemauer für die an der Kirche Leidenden. Doch das ist nicht messbar. Messbar sind neben der Gemeindegröße das Kollektenaufkommen, die Teilnahme an Gottesdiensten und sonstigen Angeboten der Ortsgemeinden. Man wird sich nach dem Markt strecken. Die Gottesdienste – der Besuch wird weiter zurückgehen – werden bunter und differenzierter. Sie sind es schon geworden durch Familien-, Krabbel-, Segungs- und Salbungsgottesdienste, und was den kreativen Kollegen und Kolleginnen noch so einfällt. Die Wohlfühlgemeinde, eine Kirche zum Kuscheln, sie denkt gewiss nicht nur an sich. Zum Wohlfühlen gehört auch der Einsatz für andere. Die vielfältige Unterstützung für Flüchtlinge ist nur ein Beleg dafür. Doch die Vielfalt der bisherigen kirchlichen Angebote und ihre gesellschaftliche Bedeutung werden allenfalls wahrgenommen, wenn eine der Sonntagskollekten einem besonderen Schwerpunkt gewidmet wird. Und der hoffentlich umtriebige und dennoch im Einzelfall empathisch zugewandte Pfarrer sollte sich hüten, seine Gemeinde mit Predigten zu vergrämen, die ihr Wohlgefühl stören könnten. Ab und an darf es auch eine Bußpredigt sein, denn auch gelegentliche Zerknirschung „passt schon“. Der Weg in freikirchenähnliche, kleinteilige „Gemeinschaften“ und damit die gesellschaftliche Verzwergung ist vorgezeichnet.

Schade!

[1] FAZ Montag, 3. Juli 2017, S.8

PS: Ich weiß, dass viele Leser meines Blogs, ehemalige Heimkinder, dies gar nicht schade finden. Sie werden entsprechende Kommentare schreiben und ich kann ihnen nicht verdenken, dass sie nur den Gesamtkonzern „Kirche“ im Auge haben. Die Kirchenleitungen haben durch ihre Strategie am Runden Tisch selber dafür gesorgt und die Kirchenaustritte redlich verdient, die daraus resultierten.

Betroffene, die sich freigeschwommen haben, reden Klartext, ohne Schaum vorm Mund.

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XXX

 

logo-moabit-kDieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

      Eine Kindheit,

     die keine Kindheit war

Dreißigstes Kapitel

Automatenbetrug ist ein anstrengender Job

 

Von der Endstation des Zuges bis zur Schiffsanlegestelle war es ein ganz schönes Stück des Weges. Und das mit dem Gewicht. Vor allen Dingen durfte ich mir beim Zoll keine Blöße geben. Also hieß es Zähne zusammen beißen, so tun als würde ich ganz normales Gepäck mit mir tragen. Die Tommys haben es so an sich, dass sie nur bei den Einreisenden fast alles durchwühlen. Schnaps und Zigaretten waren in England derart teuer, dass kein Mensch auf die Idee käme, auch nur eine Schachtel oder eine Flasche mit aufs Festland zu nehmen. Umgekehrt waren o.g. Dinge beliebtes Schmuggelgut.

Die nächste schweißtreibende Hürde war dann der schmale und steile Treppenaufgang auf der Fähre selbst. Irgendwie schaffte ich auch dies, etwa sieben Stunden später die gleiche Prozedur in Hoek von Holland. Vom Schiff zum Zug. Im Zug selbst überstieg es fast meine Kräfte, die Koffer in die Gepäckablage zu hieven.

An der Deutsch-Holländischen Grenze hielten die Zollbeamten mich trotz meiner seriösen Kleidung und meines Alters nicht für schützungswürdig. Zwei weitere Personen in meinem Abteil sahen viel fragwürdiger aus. Aber nein, ICH musste meine Koffer vorzeigen. Die Zöllner zeigten sich ganz schön überrascht, so viele englische Münzen vorzufinden. Zwar hatte ich mit solch einer Frage über­haupt nicht gerechnet, fand aber ganz schnell die passende Ausrede, warum ich soviel von den Münzen mit mir herumschleppte. Ich erzählte den Grünen eine plausibel erscheinende Geschichte. Nämlich dass mich englische Freunde von der Navy, in Celle stationiert, gebeten hatten, eben diese Menge 5-Pence Münzen aus London mitzubringen. Die Soldaten hätten nach wie vor noch alte Spielgeräte in ihrem Casino stehen, die immer noch 5-Pence Stücke annehmen würden. In London selbst waren alle Einwurfsschlitze für 5 Pence Münzen längst zugelötet. Denn das englische Pfund hatte in den letzten Jahren ganz schön an Wert verloren, so dass besagte Münzen nicht mehr gefragt waren. Diese meine Aussage zur Verwendung der Silberlinge nahmen die Beamten so hin wünschten mir eine gute Reise.

Im Zug überkam mich das Bedürfnis nach einem guten deutschen Bier. Woher sollte ich bei meiner ersten derartigen Reise auch wissen, dass dies ein Zug aus der Ostzone war. Er befuhr die Strecke Warschau-Hoek von Holland und zurück; dass ich mich in einem Speisewagen der Mitropa[1] befand, hatte ich noch gar nicht so recht realisiert. Stutzig wurde ich erst, als ich genüss­lich das Bier trinken wollte. Verzeiht mir bitte, liebe Dresdner, aber ihr müsst zugeben, das Rade­berger eurer Zeit konnte mit dem unsrigen auf keinen Fall mithalten. Weil ich aber nun fast mein letztes Geld dafür ausgegeben hatte, würgte ich es auch herunter. Bei der Ankunft in Hannover hatte ich schon das erste Problem. Ich wohnte außerhalb von Hannover. Wie dorthin kommen ohne ausrei­chende Barmittel? Die außerplanmäßige Ausgabe für einen neuen Aktenkoffer hatte ein ganz schönes Loch in meiner Kasse hinterlassen. Zudem wusste ich, dass ich zu Hause angekom­men erst einmal den Kühlschrank auffüllen musste. Für die drei vorhersehbaren Tage meiner Abwe­sen­heit hatte ich für meinen 9jährigen Sohn schon gesorgt. Doch wie sollte ich nun so schnell wieder an Bares kommen, damit wir nicht hungern mussten?

Ich wechselte einfach nur meine englischen Pence wieder in D-Mark um.

Zunächst einmal warf ich zwei 5-Pence Münzen in ein großes Schließfach[2], verstaute mein schweres Gepäck darin. Ich behielt lediglich die Umhängetasche mit ca. 500 Münzen bei mir. Markstück bleibt Markstück, dachte ich mir. Ich steuerte eine von den beiden Spielhallen[3] im Bahnhof an. Pro­bieren geht über Studieren, besagt ein Sprichwort. Und siehe da, auch dieser Groschenräuber schluckte meine Münzen. Nicht dass ich so dämlich war, auf mein Glück zu hoffen, indem der Auto­mat mir eine ordentliche Serie schenkte. Ich wollte ja auch schnell nach Hause. Wollte duschen und wieder mal richtig ausschlafen. Deshalb wechselte ich einfach nur meine englischen Pence wieder in D-Mark um. Wenn ich etwa 21 Münzen eingeworfen hatte, zeigte mein Guthaben­konto auf dem Display 20 Mark und Zehn Pfennige an. Ich drückte auf den Rückgabeknopf und erhielt so vier 5-Markstücke und einen Groschen zurück. Das machte ich dann sechsmal, dann kamen schon die 2-Markstücke heraus. Das hieß also, dass die 5-Markröhre ausgeschöpft war. Etwas später spuckte der Automat nur noch Markstücke aus, da wurde es Zeit für mich das Feld zu räumen. Ich hatte zwar von Beginn an gehört, dass meine Münzen gar nicht in der Auto­matenröhre hängen blieben, sondern schnurstracks in den Safe abglitten. Der Safe war immer mit drei Spiel­auto­maten verbunden, und darin ergoss sich der Gewinn von den drei aneinander gekoppelten Automaten. Ach ja, zwischendurch hatte ich auch noch etwas Glück. Ich hatte ohne eine Risiko­taste gedrückt zu haben im Laufe meiner Fütterung des Automaten mit 5-Pence Münzen eine 20er als auch eine 50er Serie zu bekommen. Im Endeffekt hatte ich in etwa die gleiche Menge Mark­stücke rausgeholt wie ich an Pencemünzen reingesteckt hatte.

Etwa 200 Münzen waren noch in meiner Umhängetasche. Jetzt, wo es so großartig lief, schon auf­hören? Mal sehen wie die Fahrkartenautomaten auf englisches Geld reagierten. Zahlte man in Hannover direkt beim Bus- bzw. Straßenbahnfahrer, so kostete eine Fahrt 2 Mark. Holte man sich aber am Automaten gleich ein Sechserpack der Fahrscheine, dann kostete dies ganze 9 Mark. Sollte der Automat auch meine Münzen annehmen, so hieß das, dass mich dieselben sechs Karten laut Wechselkurs gerade mal 1Mark80 kosten. Bereitwillig spuckten auch die Fahrkartenautomaten solche Sechserpacks aus, sobald ich diese mit 9 Münzen gefüttert hatte.

Na, da machte ich meine Tasche doch gleich ganz leer. Am/Im Bahnhof gab es mehrere solcher Automaten, die ich immer abwechselnd benutzte. Ich wollte ja schließlich kein Aufsehen erregen, indem ich allzu lange am gleichen Automaten stehen blieb. Außerdem war schon wenige Hundert­meter weiter die nächste Haltestelle der U-Bahn in der Passe­relle.[4] Auch dort gab es gleich meh­rere solcher Automaten. Gierig geworden holte ich gleich nochmal Nachschub aus dem Schließ­fach. Damit brauchte ich dann auch nicht mehr so ein schweres Gewicht nach Hause schleppen. Ich wusste ja von Bekannten, dass die Kioskbesitzer, wenn sie für die ÜSTRA die Fahrkarten ver­kauften, mal so eben nur Pfennige daran verdienten. Bot ich diesen aber an, den gleichen Sechser­pack für 6 Mark zu erwerben, und dabei steuerfrei 3 Mark daran zu verdienen, konnte keiner widerstehen. Verständlich, dass meine Laune stieg, ich mir ein Taxi leistete und nach Hause fuhr, wo ich von meinem Sohn freudig begrüßt wurde. Wieder Land in Sicht, dachte ich bei mir und spürte rein körperlich wie die Anspannung der letzten Tage von mir abfiel. Kurzer Hand lud ich meinen Sohn zum Italiener ein. Den Stress, gleich noch einkaufen gehen zu müssen, anschließend auch noch das Essen zuzubereiten, den wollte ich mir nicht antun.

Von wegen leicht verdientes Geld

Als Nebeneffekt lernte ich Hannover erst so richtig kennen, während ich das fremde Geld in bare Münze umsetzte. Von wegen leicht verdientes Geld, wie sich später der Staatsan­walt darüber äußerte. Immer abends, wenn mein Sohn im Bett war, machte ich mich auf den Weg. Bis spät in die Nacht hinein schleppte ich eine große Sporttasche mit mir herum, hielt Ausschau nach Zigaret­ten­automaten. Die Umhängetasche war gefüllt mit Mark­stücken. Pardon, ich sollte wohl besser sagen: Mark-Ersatzstücken.

Es war ja nun auch nicht so, dass jeder Automat bedingungslos das Ersatzgeld akzeptierte. Es dauerte eine Weile bis ich so einige Tricks dazu lernte. Einige Automaten gaben die Ware ohne weiteres heraus. Da hätte ich ebenso gut passend geschliffene Kieselsteine einwerfen können. Und dann gab es da schon einige sehr gut justierte Münzprüfer, die sich überhaupt nicht überlisten ließen. Manche wollten, dass ich die Münzen mit einem Schwung hinein schnip­sen musste, andere wiederum reagierten nur, wenn ich die Münzen ganz sachte hineingleiten ließ. Dann kam es auch schon mal vor, Geld-Tütedass ein Automat, der schon einige Schachteln herausgerückt hatte, plötzlich verstopft war. Irgendwann kriegte ich auch spitz woran das lag. In den abgewogenen Plastik­beuteln, wie ich sie in London bei den Banken erhielt[5], waren nicht immer nur eng­lische Münzen. Hauptsache das Gewicht stimmte. So verirrten sich des Öfteren aus­ländische Geldstücke darin. Und häufig waren aber auch die echten Münzen derart bearbeitet worden, dass sie erhebliche Macken aufwiesen, so dass sie im Automatenschlitz hängen blieben und alles verstopften. Rückgabeknopf drücken war dann auch zwecklos, die Münze hing irgendwo fest. Meine Richterin, die mich später zu verurteilen hatte, war selbst Opfer solch einer verstopften Münzröhre geworden, als sie sich mal am späten Abend aus einem von mir zuvor besuchten Zigarettenautomaten bedienen wollte. Sie hatte natürlich bei dem Aufsteller angerufen. Dieser hatte ihr natürlich den Grund dafür genannt.

Während ich so durch die Nacht wanderte, bekam ich natürlich auch schon mal Durst. An meiner Apfelschorle nippend schaute ich mir auch die beiden obligatorischen Geldspiel­automaten in der Kneipe an. Einige Londonreisen später hatte ich soviel dazu gelernt, dass ich noch lange nicht in jede Kneipe ging, wenn mich der Durst überkam. Bald schon hatte ich gecheckt, welche Automa­ten meine Münzen auch wechselten und welche nicht. In jedem Hunderterbeutel befanden sich bis zu drei unbrauchbare Münzen. So machte ich mich daran, während mein Sohn in der Schule war, Beutel für Beutel durchzusehen. Das lohnte sich sogar in doppelter Hinsicht. Zum Einen vermied ich dadurch, dass Automaten mit irgendwelchen deformierten Münzen verstopft wurden, zum Anderen stellte ich dabei fest, dass die 5-Pence Münzen aus drei Epochen stammten. Den größten Anteil machten die neueren Ausgaben, wo die Queen mit einer Krone drauf abgebildet war. Etwa 70%. Diese hatten, wie ich heraus bekam, den geringsten Silberanteil und hatten dement­sprechend ein erheblich abweichendes Gewicht von unseren DM Stücken. 20% der Münzen zeigte die Queen noch mit Zopf. Die Zigaretten – und Spielautomaten nahmen diese bezopfte Münze zu fast 90% an.

Natürlich hatte der Staatsanwalt recht, als er sagte, dass ich bei meinen Taten eine kriminelle Energie entwickelt hätte.

Am liebsten mochte ich aber die ganz alten Münzen. Darauf abgebildet war irgendein ehema­liger King. Zu der Zeit hatte das englische Pfund, bzw. die 5-Pence Münze noch einen richtigen Wert. Diese Art von Münze hatte meiner Erfahrung nach 98% von unserer DM. Leider fand ich im Durch­schnitt immer nur 7-8 solcher Münzen in einem Beutel. Anfangs fiel fast jeder dritte Zigarettenauto­mat selbst auf die ganz neuen englischen Münzen herein. Dann aber begannen die Aufsteller zu reagieren. Es wurde immer schwieriger an anderer Leute Geld bzw. Zigaretten zu kommen. Die beiden letztgenannten Münzsorten hob ich mir für die Geldspielautomaten auf, obwohl manche davon auch die erst genannten schluckten. Ich habe dann sogar Tagebuch darüber geführt. Konnte ich 1000 Münzen in einem Groschengrab unterbringen bekam ich als Gegenwert 1100 Mark heraus; das lag daran, dass ich nicht zockte und auch jede noch so kleine Serie einfach laufen ließ und so kam ich viel besser voran als bei den Zigaretten.Die Schachtel Zigaretten verkaufte ich für 2 DM. Leicht auszurechnen, dass dabei nur 660 DM für mich herauskamen. Immer von 1000 englischen Münzen ausgehend.

Wenn ich mal wieder einen Automaten gefunden hatte, der funktionierte, wurde ich nicht gleich gierig. Stets ließ ich die nötige Vorsicht walten. Man konnte ja nie wissen, wer an Schlaflosigkeit litt und deshalb am Fenster saß. Oder diejenigen, die einen leichten Schlaf hatten und sich von dem ständigen „Ratsch-Bumm!“ beim Herausziehen und wieder Hineinschieben der Schublade, wo die Zigaretten herauskamen, gestört fühlten. Nur sehr selten stand ein Automat so günstig, dass ich diesen auch vollkommen leer machen konnte. Ansonsten begnügte ich mich mit drei bis vier Schachteln bei einem Gang. Suchte den Automaten dann natürlich nach einer Stunde wieder auf.

Natürlich hatte der Staatsanwalt Recht, als er sagte, dass ich bei meinen Taten eine kriminelle Energie entwickelt hätte. Hatte ich noch nach meiner ersten Reise die Münzen in der Innenstadt planlos verteilt, war so finanziell nach vorne gekommen, machte ich mir schon nach der zweiten Reise einen Plan. Das heißt ich nahm mir den Stadtplan von Hannover vor. Ich schnitt ein Plan­quadrat heraus und graste diese Gegend systematisch ab.

War doch klar, dass ich meine Unkosten niedrig halten wollte.

Der Absatz machte mir keine Schwierigkeiten. Zu der Zeit hatte ich noch einen großen Freundes­kreis. Die Raucher darunter nahmen mir die verbilligten Zigaretten mit Handkuss ab. Ein Kiosk­besitzer direkt vor der größten U-Bahn Station konnte laufend die Sechserpacks von Fahrkarten gebrauchen. Nur leider war die ÜSTRA schon bald dagegen, dass sich da jemand so billig bediente. Wochenlang prangte ein hellrot leuchtender Pfeil, der auf den Münzschlitz wies, mit der schwarzen Aufschrift: “nimmt keine Markstücke an!“ an den Fahrkartenautomaten. Es dauerte eine ganze Weile, um neue Münzprüfer[6] zu entwickeln. Ich glaube, das hat mehr gekostet, als ich jemals an Fahrkarten herausgeholt habe.

Jedem ist wohl bekannt, dass die Engländer eine Berufsarmee haben. Gerade hier in Niedersach­sen gab es jede Menge dieser Besatzungs-Berufssoldaten. Damit diese Soldaten ihre Lieben in der Heimat oder die aus der Heimat ihre Liebsten, Söhne, Väter besuchen konnten, hatte sich ein reger Buspendelverkehr entwickelt. Ich erfuhr davon. Und, ich erfuhr auch, dass man ohne weiteres auch als Deutscher diese preiswerte Reise in Anspruch nehmen konnte. Das ganze kostete aber im Gegen­satz zu der Zugfahrt (340 DM) nur 101 DM! War doch klar, dass ich meine Unkosten niedrig halten wollte. Hinzu kam noch, dass ich mir das lästige Umsteigen und Schleppen des schweren Gepäcks sparen konnte. Ich setzte mich gegen 17 Uhr in den Bus, war am nächsten Morgen in London. Warum ich diese Details schildere? Nun, seit 1990 gibt es keine derartigen 5-Pence Münzen mehr und Deutschland hat den Euro[7] eingeführt.

Diesen hier beschriebenen „Job“ führte ich von 1983 – 1990 aus.

Mit einer zweijährigen Unterbrechung. Besser gesagt einer Zwangspause von zwei Jahren. Nein, keine Krankheit war schuld daran. Oder doch? Ich männliches Weichei hatte mich mal wieder verliebt.

Es kam wie es kommen musste. Wir landeten zusammen im Bett.

Hier korrigiere ich mich lieber. Nicht ich hatte mich zunächst verliebt, vielmehr wurde mir Liebe vorgeheuchelt. Ich muss gestehen, dass ich mich geschmeichelt fühlte von solch einer hübschen jungen Frau (ich 45, sie 19!!!) auserkoren zu sein. Erst viel später, zu spät! erkannte ich die Beweg­gründe, warum ich solch große Chancen bei ihr hatte. Sie war schon mit 16 aus Berlin von ihren Eltern abgenabelt, lebte derzeit von Sozialhilfe mit einer Freundin zusammen. Ich wäre viel zu schüchtern gewesen sie zu fragen, ob sie mit mir nach Hause kommen würde. Eigentlich war ich ja nur in die Stadt reingefahren, um Staubsaugerbeutel einer bestimmten Marke zu kaufen. In einem Lokal wollte ich mir noch einen Gerstensaft zu Gemüte führen, bevor ich wieder zu meinem Sohn nach Hause fuhr. Ich hatte gerade eine „Mark“ meiner speziellen Sorte in die Musikbox geworfen, da stand sie auch schon mit ihrer Freundin neben mir und fragte, ob sie eine Platte ihrer Wahl drücken dürfe. Warum auch nicht? Die nächste Frage aber war auch schon, ob ich ihr ein Bier ausgeben könnte. Ich dachte mir wirklich nichts dabei, ihr auch diesen Wunsch zu erfüllen. Inzwischen war ich ja wieder ein gut betuchter Mann geworden.

Seltsam der Name ihrer Freundin fällt mir jetzt sofort ein, während ich mich so gar nicht mehr an den Namen meiner dritten Ehefrau erinnern kann. Ehrlich! Allenfalls fällt mir ihr Mädchenname gerade mal ein. Den Vornamen hat mein Gehirn völlig verdrängt. Na ja, bei dem einen Bier blieb es natürlich nicht. Und wo sie doch mit ihrer Freundin da war, konnte ich diese schlecht aus­schließen. Auch das machte mich nicht viel ärmer. Schließlich war dies eine ganz normale Kneipe und keine Animierbar. Ich genoss es, mich mit der recht witzigen kleinen Person zu unterhalten. Hatte ich doch schon viele Monate kaum Kontakte gepflegt und mich fast ausschließlich nur mit meinem Sohn unterhalten können. Zwar konnte ich meinem Sohn jetzt wieder alle seine Wünsche erfüllen, viel mit ihm gemeinsam unternehmen, seine Hausaufgaben beaufsichtigen, ansonsten steckte ich meine Nase wieder verstärkt in die Bücher, sah fern, blieb einsam. Von diesem, meinem derzeitigen Leben berichtete ich auch, als ich danach gefragt wurde. Würde mir der Vorname ein­fallen würde ich jetzt schreiben, N.N. wollte mir nicht glauben, dass ich als alleinerziehender Vater mit meinem 9jährigen Sohn alleine eine Dreizimmerwohnung am Stadtrand von Hannover bewohne. Aus dem Nachmittag wurde Abend. Ich rief meinen Sohn zu Hause an, dass er doch so lieb sein möchte alleine ins Bett zu gehen, Vati kommt heute etwas später nach Hause. Dieser nahm das auch ohne zu murren hin. Die Freundin meiner Frau in spe (wovon ich zu dem Zeitpunkt noch nicht einmal zu träumen wagte, von in spe) verabschiedete sich und wir beide wechselten die Lokalität. Während ich zwischendurch immer mal wieder eine Cola trank, konnte sie einen ordent­lichen Stiefel Bier vertragen. Gegen Mitternacht ging mein Bares zur Neige. Jedenfalls das, was ich bei mir getragen hatte.

Als ich mich von N.N. verabschieden wollte, bestand sie darauf mitzukommen. Sie wollte mir partout nicht die Geschichte mit dem alleinerziehenden Vater abnehmen. Die Zeit, wo noch Straßenbahnen oder Busse fahren, war schon längst überschritten. Ein Schelm, wer jetzt Böses denkt, wenn ich sage, dass ich sie im Taxi mitnahm. Zu Hause angekommen bat ich sie im Taxi zu warten, weil ich erst Geld aus der Wohnung holen müsse. Darauf wollte sie sich so gar nicht einlassen. „Nee, nee dann bleibe ich auf den Fahrtkosten sitzen!“ meinte sie. Der Taxifahrer ließ sich darauf ein, dass wir beide nach oben gingen, als ich ihm meine Brieftasche mit sämtlichen Papieren zu Pfand gab. Noch bevor ich Bargeld aus meinem Vorrat hervorholen konnte, bestand sie darauf, erstmal meinen Sohn sehen zu wollen. Also führte ich sie zum Kinderzimmer, machte das Licht an, und da lag selig schlummernd mein Sohn, wie sie sich selbst überzeugen konnte. Aber immer noch misstrauisch inspizierte sie, nachdem wir den Taxifahrer entlohnt hatten, das Badezimmer und schaute in die Schränke. Sie suchte nach Spuren, ob ich nicht doch ein weibliches Wesen beherbergte.

Es kam wie es kommen musste. Wir landeten zusammen im Bett.

 

Fußnoten

[1] Die MITROPA, später MITROPA AG, war eine Bewirtungs- und Beherbergungsgesellschaft, die die Versorgung von Reisenden in Bahnhöfen und auf Autobahnraststätten bereitstellte und durchführte. Sie wurde 1916 zum Betrieb von Schlaf- und Speisewagen gegründet. „MITROPA“ ist ein Akronym, das sich aus „MITteleuROPäische Schlaf- und Speisewagen Aktiengesellschaft“ ableitet. https://de.wikipedia.org/wiki/Mitropa

[2] Die Leistung des Automaten wird erschlichen, indem der Täter den Kontrollmechanismus des Geräts überlistet. Dies kann beispielsweise durch das Verwenden von Falschgeld zur Überwindung eines Münzprüfers geschehen https://de.wikipedia.org/wiki/Erschleichen_von_Leistungen

[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Spielhalle  https://de.wikipedia.org/wiki/Spielautomat Soll keine Einladung sein: https://www.onlinecasinobluebook.com/de/wissen/tutorials/spielautomaten/

[4] Die Einkaufspromenade in der Innenstadt von Hannover, … entstand in den 1970er-Jahren beim unterirdischen Stadtbahnbau und hieß ursprünglich Passerelle bis zu ihrer Umbenennung im Jahr 2002 zu Ehren der Künstlerin Niki de Saint Phalle. https://de.wikipedia.org/wiki/Niki-de-Saint-Phalle-Promenade

[5] Aus dem Besitz von Dieter Schulz

[6] Münzprüfer (auch: Münzer) sind Geräte, die Münzen nach bestimmten Vorgaben sortieren. Sie werden in Automaten eingesetzt, um Falschgeld, Fremdwährung oder unerwünschte Münzwerte zu erkennen und auszu­sortieren. https://de.wikipedia.org/wiki/M%C3%BCnzpr%C3%BCfer

[7] An der Euro-Einführung kann es zu diesem Zeitpunkt nicht gelegen haben. https://de.wikipedia.org/wiki/Euro

 

Inhaltsverzeichnis _Inhaltsverzeichnis

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XXIX

moabit k1Dieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

        Eine Kindheit,

     die keine Kindheit war

Neunundzwanzigstes Kapitel

Von da an ging es mit mir bergab

Solange ich noch Arbeit fand, gab es auch einen neuen Anfang. Natürlich fand ich den auch sehr schnell wieder. Mir machte es auch nichts aus, vom Chef wieder zu einem Chef de Rang degra­diert zu werden. Außer einer erneuten Enttäuschung in Punkto Frauen nahm ich nur zwei Koffer mit in den Harz, wo ich mich in einem neuerbauten Hotel im Zonenrandgebiet für 1100 Mark Monats­lohn wieder in die niedere Kaste der Kellner einreichte.[1] Im Harzhotel hatte ich zum ersten Mal im Leben eine 5-Tagewoche. Ich konnte mich wieder meinem Hobby, Reiten widmen und lernte auch schnell wieder eine neue Liebe kennen. Hatte sich zwei Jahre zuvor die um 6 Jahre ältere E. in mich verliebt, war es diesmal eine 17 Jahre jüngere. An einem autofreien Sonn­tag während der Ölkrise bekam ich eine Sondergenehmigung, fuhr mit meiner Zukünftigen zu ihrer Mutter nach Braunschweig ins Krankenhaus. Dort unterschrieb ihre Mutter ihr Einverständnis dafür, dass ihre erst 16-jährige Tochter heiraten durfte. Vom Unterleibskrebs zerfressen konnte sie dann noch nicht einmal an den Hochzeitsfeierlichkeiten teilnehmen. Wenige Wochen später starb sie auch schon. Der Vater war bereits ein Jahr zuvor an Lungenkrebs verstorben. Rückblickend nehme ich an, dass meine zweite Frau in mir eher einen Vaterersatz gesehen hatte. Wie sonst erkläre ich mir ihr Handeln, was unseren gemeinsamen Sohn anging? Nein! Wir mussten nicht heiraten. Der Junge kam erst knapp 11 Monate nach der Eheschließung zur Welt.

Es war nicht der schlechteste Job, den ich im Harz hatte. Bei der ganz neu eingeführten 5-Tage­woche in der Gastronomie war das Gehalt natürlich auch dementsprechend. Für mich alleine allemal genug. Aber für eine im Entstehen begriffene Familie zu wenig. Ich ließ eine Anzeige in der Fachpresse schalten. Ich bekam sage und schreibe 86 Zuschriften. Mit dem Titel „Geschäftsführen­der Oberkellner“ verdiente ich zwar mehr als das Doppelte, musste dafür natürlich auch reichlich Stunden kloppen. Hätte ich mich doch nur um meine ohnehin reichliche Arbeit gekümmert. Aber nein, ich musste ja eine Spendenaktion ins Leben rufen[2]. Presse und Bürgermeister wurden auf­merksam. Dass ich dabei einige Male mit den Honoratioren der Stadt in der Zeitung abgebildet wurde, war ja nicht weiter schlimm. Eher schmeichelte es mein Ego. Doch dann beging ich den Fehler mich als Wahlhelfer einspannen zu lassen. Bei Parteiversammlungen erregte ich mit meinen Ansichten wieder Aufmerksamkeit. Man wollte mich partout in die Wählerliste eintragen. Ich musste unbedingt den Rückzug antreten. Aber wie ohne mein Gesicht zu verlieren? Ich hatte erkannt, dass ich mich zu weit aus dem Fenster gelehnt hatte. Meine Beweggründe für den Rückzieher? Nun, hätte ich mit der Partei mitgezogen, hätte sich die Presse natürlich auf mich gestürzt, mein Inneres nach außen gekehrt. Allzu leicht wäre man draufgestoßen, dass ich erst vor wenigen Jahren noch im Zuchthaus Celle gesessen hatte. Wie wäre ich, meine Partei dann dagestanden!? Hundert­tausend Einwohner zählte die Stadt, in der fast jeder jeden kannte. Durch meine Arbeit in einem renom­mier­ten Restaurant war ich ohnehin bereits bekannt wie ein bunter Hund. Wäre ich Hutträger gewesen, hätte ich bei einem Gang durch die Stadt vor lauter Hutschwenken gar nicht mehr den Kinderwagen schieben können. Abgesehen davon, dass sich mein Chef ohnehin von mir getrennt hätte, nachdem mich die Reporter in der Luft zerrissen hatten, wäre ich zum Spießrutenläufer geworden.

Also schob ich meine Frau, nach Rücksprache natürlich, vor. Sie käme hier nicht mit den Men­schen zurecht, weil sie sich nach ihrer norddeutschen Heimat, ihren Geschwistern sehne. Die drei­monatige Kündigungsfrist einhaltend hatte ich auch schon wieder durch die Fachpresse einen geeig­neten Job am Stadtrand von Hannover gefunden. Auch dort verdiente ich gut genug, so dass meine Frau sich ausschließlich um Wohnung und Kind kümmern konnte. Was mich natürlich beim Versorgungsausgleich einen gehörigen Batzen von meinem Rentenanspruch kostete.

Weil es meiner kleinen Familie an nichts mangeln sollte, war ich wieder einmal mehr mit meiner Arbeit als mit meiner Frau verheiratet. Man kann nun mal nicht alles zu gleicher Zeit haben. Was meiner Frau, der Mutter meines Sohnes, abging, sie von ihrem oftmals abgespannten Mann nach der Arbeit nicht bekam, holte sie sich eben wo anders. Ich Blödmann, hatte ich doch nun schon zum zweiten Male den gleichen Fehler gemacht; die Arbeit vor die Liebe und die Fürsorge für die Familie gestellt! Dass aber eine Frau, Mutter, die ihr Kind neun Monate lang unter dem Herzen getragen, unter Schmerzen zur Welt gebracht hatte, eines Tages sagen konnte: „Entweder du nimmst den Jungen zu dir oder ich stecke ihn in ein Heim!“ das ging über meinen Horizont. Ich dachte gar nicht daran meinem Sohn einem Schicksal zu überlassen, wie ich es im Heim erfahren musste.

Ich lebe mit meinem Sohn jetzt erst meine Kindheit nach.

Das Jugendamt hatte natürlich geprüft, ob ich als alleinerziehender Vater überhaupt in Frage käme. Auch wurde mein Sohn befragt, wozu er sich entscheiden würde. Er entschied sich für mich. Bei dem abschließenden Gespräch mit einer Kinderpsychologin vom Jugendamt wurde ich gefragt, ob ich wüsste, warum der Junge sich für mich entschieden hätte. „Na klar, weil er spürt das ich ihn liebe, ich jeden freien Arbeitstag etwas mit ihm zusammen unternehme!“ konnte ich nur antworten. „Könnte es nicht sein, dass Ihr Sohn die materiellen Vorteile bei Ihnen sieht? Wie ich bei meinem Besuch in seinem Kinderzimmer feststellen konnte, haben Sie ihn weit über Bedarf hinaus mit Spiel­zeug etc. zugedeckt. Eben weil Sie ihn so lieb haben, sieht der Junge natürlich seine Vorteile bei Ihnen. Ob er sich jemals wirklich dankbar dafür zeigen wird, dass Sie ihm alles in den Hintern geschoben haben?“ gab die Psychologin zu bedenken. „Hören Sie mal. Ich erwarte keine Dank­barkeit von meinem Sohn. Erstens, ich lebe mit meinem Sohn jetzt erst meine Kindheit nach. Er bekommt ganz einfach all das, was ich als Kind selbst auch gerne gehabt hätte. Die Freude meines Sohnes ist mir Dankbarkeit genug. Außerdem! Wenn ich für meine Zigaretten und mal ein zwei Bier mal so eben 10 Mark am Tag ausgeben kann, im Grunde genommen für nichts, dann ist es doch nur recht und billig, wenn ich meinem Sohn in etwa das gleiche, nur in anderer Form zukommen lasse!“ erwiderte ich daraufhin. Mit dieser meiner Ansichtsweise hatte ich ihr vollends den Wind aus den Segeln genommen.

Wie bringt man ein schulpflichtiges Kind und die Arbeit in der Gastronomie unter einen Hut?

Beim Scheidungstermin wurde mir auch gleich das Personensorgerecht zugesprochen. Die Folge­zeit sollte zeigen, dass ich mich mal wieder falsch entschieden hatte. Zum einen waren die heuti­gen Heime, zumindest in der BRD, ganz anders gestaltet, zum anderen lag mein Sohn mir dann doch noch bis zu seinem 30ten Lebensjahr auf der Tasche. Und, mein eigenes Leben geriet vollends aus den Fugen. Heute würde ich sagen: hätte ich doch lieber die Alimente aus der Trink­geldkasse gezahlt, ohne dass es mir besonders weh getan hätte, hätte ich mir zumindest 12 weitere Knastjahre gespart. Was ich nämlich nicht bedacht hatte: wie bringt man ein schulpflichtiges Kind und die Arbeit in der Gastronomie unter einen Hut?

Meine Mutter war viel zu früh bereits vor acht Jahren gestorben. Meine Schwester lebte in der DDR. Ich hatte niemanden auf dieser Welt, der meinen Sohn während meiner Arbeitszeit hätte betreuen können. Meine Arbeitszeit begann in der Regel um 11 Uhr mittags. Dafür kam ich kaum mal vor Mitternacht nach Hause. Außer dem gemeinsamen Frühstück vor seinem Schulbeginn hatte ich nur den Freitagnachmittag für meinen Sohn. Freitags hatte das Restaurant geschlossen. Dann konnte ich mit meinem Sohn nach der Schule immer noch etwas zusammen unternehmen. Samstags und sonn-/feiertags, wenn Sohnemann keine Schule hatte, war ich am meisten beruflich eingespannt. Eine ehemalige Freundin meiner Frau, selbst mit drei Kindern gesegnet, nahm gerne die 20 Mark, die ich ihr täglich zahlte, um meinen Sohn nach der Schule zu beaufsichtigen und ein warmes Essen zu geben. Sie kochte mit Vorliebe riesengroße Eintöpfe für ihre fünfköpfige Familie. Mit mei­nem Sohn waren es nun schon sechs Personen. So gab es dann zwei bis drei Tage lang immer den gleichen Eintopf. Gegen 20 Uhr am Abend schickte sie meinen Sohn, der ja nur zwei Hausein­gänge weiter im gleichen Häuserblock wohnte, ins Bett. Indem sie ihre eigenen Kinder immer mit­schickte, damit auch gewährleistet war, dass Sascha gut dort ankam, ersparte sie sich das Abend­brot für die Kinder. Denn diese plünderten regelmäßig unseren Kühlschrank. Das nervte mich zwar ganz schön, nahm es aber gottergeben hin. Womit ich allerdings gar nicht klar kam, war, dass denen auch nicht jedes noch so gut ausgedachte Versteck von mir entging. Weil mein Sohn viel mehr und eine größere Auswahl an Spielzeug hatte, hielten sich die Blagen mehr in unserer Woh­nung auf als ich für gut befand. So hatten sie genügend Zeit meine Wohnung auf den Kopf zu stellen. Das, fand ich, war nicht im Sinne des Erfinders. Was also dagegen tun? Klar merkte ich, dass mein Sohn darunter litt, dass sein Vater so wenig Zeit für ihn hatte. Ich versuchte immer öfter mit meinen Kollegen den Dienst zu tauschen, sie darum zu bitten mich früher nach Hause gehen zu lassen. Das störte erheblich den Betriebsfrieden, wie mir eines Tages mein Chef vorhielt. Er meinte dass es das Beste sei, dass wir uns voneinander trennen sollten. Er gestaltete meine Kündigung derart, dass ich keine Sperre beim Arbeitsamt bekam, was das Arbeitslosengeld betraf.

Nun hatte ich zwar viel Zeit für meinen Sohn, aber viel, viel weniger Geld zur Verfügung. Hatte ich bei meiner Arbeit viertausend und mehr im Monat verdient, einschließlich Trinkgelder versteht sich, so musste ich plötzlich mit knapp tausend Mark im Monat auskommen. Na ja, in den ersten Mona­ten merkte ich das noch nicht so richtig. Hatte ich doch noch einige Ersparnisse. Beim Einkauf hatte ich selten mal auf die Mark geachtet, die ich ausgab. Doch nun hatte ich ja genü­gend Zeit mich im Einkaufszentrum auch in anderen Geschäften umzusehen. Ich musste feststellen, dass gleiche Produkte auch billiger zu haben waren. Ich begann auf den Pfennig zu achten. Alleine die laufenden Fixkosten verschlangen fast das ganze Arbeitslosengeld. Mein Auto stand fast nutzlos in der Garage. Damit machte ich nur noch Ausflüge an den Wochenenden mit meinem Sohn. Klar genoss der die diversen Freizeitparks wie Serengeti oder den Heidepark Soltau, aber da ging jede Menge Geld drauf, was langsam zur Neige ging. Steuern, Versicherung und Gara­gen­miete konnte ich gut und gerne einsparen. Also weg mit dem Auto.

Von da an ging es mit mir bergab!

Was mich aber so gar nicht wirklich glück­lich machte, war das ewige Rumsitzen, das Nichtstun, außer das Mittagessen pünkt­lich nach Schulschluss auf dem Tisch zu haben. So versuchte ich eben mal in einem reinen Nacht­geschäft meine Brötchen zu verdienen. Es wurde gerade wieder das berühmte GOP Variete Theater neu eröffnet[3]. Ich wurde eingestellt und wurde zu meiner Freude Zeuge, wie unser allerseits beliebter Entertainer Harald Juhnke den Eröffnungsabend mitgestaltete. Didi Hallervorden und ähnliche Showgrößen traten auf, konnten mich aber nicht wirklich begei­stern, weil es mich unheim­lich schlauchte gegen sechs Uhr des Morgens nach Hause zu kommen, der Junge aber schon um sieben Uhr wieder zur Schule fertig gemacht werden musste. Gegen 13 Uhr aber musste auch schon wieder das Mittagessen fertig sein. Schulaufgaben mussten beauf­sichtigt werden. Lange hielt ich das nicht durch. Sorry, aber zum ersten Mal im Leben machte mir die Arbeit wirklich keinen Spaß. Das Arbeitsamt zeigte Verständnis dafür, zahlte mir wieder Arbeitslosengeld. Von da an ging es mit mir bergab! Der Zufall brachte es mit sich, dass ich auf eine Geldquelle stieß, die allerdings so gar nicht als legal eingestuft werden kann.

Selbstbeherrschung war noch nie meine Stärke

Entschuldigt bitte, Ihr Zigarettenautomatenaufsteller, Groschenräuber in Form von Geldspiel­auto­matenbetreibern und ÜSTRA[4], aber jetzt, nachdem das Ganze ja schon längst verjährt ist, kann ich es ja zugeben, dass ich jahrelang etwas von eurem Gewinn abgeschöpft habe. Ehrlich gestanden nagt das Ganze etwas moralisch an mir. Ich kann aber heute noch an der Entwicklung absehen, dass keiner von euch daran pleite gegangen ist. Aber nun zurück zu dem Zufall, der mich wieder nach vorne brachte. Außer mich um das Wohlergehen meines Sohnes, um die Sauberkeit der Wohnung zu kümmern, blieb mir sehr viel Freizeit. Viel Freizeit aber kostete auch viel Geld. Nur, davon hatte ich nichts mehr. Also hing ich entweder vor der Glotze oder las Unmengen von Büchern bis meine Augen nicht mehr mitmachten. Eines Nachts, die Müdigkeit wollte sich bei mir noch lange nicht einstellen, ich hatte eine interessante Lektüre vor mir, musste ich feststellen, dass mich meine Nikotinsucht überkam, ich aber keine Sargnägel mehr im Hause hatte. Jeder Süchtige wird mir nachfühlen können, wenn ich sage, dass ich bereits nach einer halben Stunde Entzugs­erscheinungen bekam. Um diese späte Zeit gab es im weiteren Umkreis auch keine Kneipe mehr, in der ich mich mit Nachschub hätte versor­gen können. Ein Automat war zwar ganz in der Nähe, aber ich hatte nur noch zwei Markstücke, brauchte aber deren drei um mir welche ziehen zu kön­nen. Noch nicht einmal im Sparschwein meines Sohnes fand ich ein 1-Mark Stück. Selbstbeherr­schung war noch nie meine Stärke gewesen. Fieberhaft suchte ich nach einer Lösung meines Problems.

Meinem auf ungewöhnliche Situationen trainiertes Gehirn ging ein Lichtlein auf. Zunächst nur ein ganz schwaches, welches aber richtig zu glühen begann, als ich im Keller das von mir gesuchte Münzalbum gefunden hatte. Während meiner Seefahrtszeit hatte ich aus aller Herren Länder Münzen, diese in Alben gesammelt. Mir war nämlich eingefallen, dass wir schon damals so manche 20-Franc-Münze, die seinerzeit kaum einen Wert in Deutschland hatte, in die Musikbox gesteckt hatten, dafür aber als Gegenleistung sechs Musikstücke im Gegenwert von einer Mark hören konnten. In Flipper und Kröckelautomaten klappte das gleiche.[5] Beim Aufeinanderlegen der Mark-Stücke auf die sehr alten 20 Franc Stücke stellte ich sehr schnell fest, dass das nicht klappen würde. Doch dann fiel mein Blick auf eine andere Münzeinheit. Nur sehr selten hatten wir diese Fünf-Pence-Münzen in Deutschland zum Einsatz gebracht und verschwendet. Anfang der 60er Jahre hatte das englische Pfund eine ganz andere Kaufkraft. Jetzt aber hüpfte mein Herz vor Freude. Bei einem Vergleich mit der DM war die Größenabweichung nur ganz minimal. Auch schien die Metall­legierung eine Ähnlichkeit aufzuweisen. Ich nahm alle sieben noch vorhandenen Fünf-Pence-Münzen aus dem Album und hoffte darauf, dass eine davon von dem Zigarettenauto­maten akzeptiert werden würde. Zuerst fütterte ich den Automaten mit meinen noch vorhandenen echten zwei Markstücken, warf eine 5-Pence Münze hinterher. Diese rutschte doch tatsächlich genauso durch. Was soll ich sagen? Die Schublade des Automaten ließ sich ganz normal heraus­ziehen, und zum Vorschein kam meine 5 Pence - 1 DM.jpgZigarettenmarke. Einen langersehnten Zug aus meiner billig erworbenen Zigarette inhalierend begann ich auch wieder klar zu denken. Ich hatte ja immer noch 6 Münzen in der Tasche. Warum eigentlich nicht? dachte ich, und warf die nächsten drei Münzen in den Schlitz. Auch diesmal ließ sich die Schublade leicht herausziehen. Ebenso klappte es mit den letzten drei Münzen. Tja, wenn das so leicht war![6]

Den Rest der Nacht benutzte ich mein Bett auch nicht mehr. Meine grauen Zellen dagegen wurden ganz schön angestrengt. Ich begann Zahlen auf ein Blatt Papier zu schreiben. Am nächsten Tag ging ich nachmittags mit meinem Sohn zum Einkaufszentrum, wo es auch ein Reisebüro gab.

Alles auf eine Karte setzend hatte ich mein Konto geplündert.

Ganz nebenbei möchte ich noch erwähnen, dass wir dabei seiner Mutter zweimal begegneten, ohne dass diese ihren Sohn auch nur Guten-Tag gesagt hätte, geschweige sich erfreut darüber zeigte oder gar nach seinem Befinden erkundigt hätte. Wir waren schlicht und einfach Luft für sie. Ich merkte allerdings sehr wohl, dass mein Sohn von der Begegnung sehr berührt wurde. Seine kleine Patschehand verkrampfte sich in der meinen, dass es mir fast das Herz zerriss. Im Reisebüro angekommen buchte ich eine Zugreise nach London. Das kostete mich stolze 340 DM. Zum dama­ligen Umtauschkurs wären das schon alleine über 2000 Fünf Pence Münzen gewesen. Hinzu kamen noch die anderen Reisespesen plus eine Übernachtung in London. Alles auf eine Karte setzend hatte ich mein Konto geplündert. Zumal es gerade frisches Geld vom AA gegeben hatte.

Wie ich erst viel später bemerkte hatte mir das Reisebüro natürlich die teuerste Reisestrecke verkauft.

Viel mehr, als dass ich in London bei den Banken Pfundnoten in 5-Pence Münzen umtauschen musste, wusste ich eigentlich gar nicht, als ich dieses Geschäft begann. Um nicht unnötig aufzu­fallen ging ich dabei sehr vorsichtig vor. Schließlich hatte London so an die 480 Banken und somit konnte ich unauffällig nach und nach sechstausend Münzen eintauschen. Je nach Größe der Bank legte ich 20 – 30 Pfund an den Schalter und bat diese in 5-Pence Münzen zu wechseln. Einmal allerdings fragte mich eine Bankangestellte mit einem Augenzwinkern: „Oh, you are German? Do you like it for the Phone?“, tauschte aber trotzdem die 20-Pfundnoten in Münzen um. In England hatte es sich längst herumgesprochen, dass die in Deutschland stationierten Soldaten am Ende ihres Heimaturlaubs gerne einen kleinen Vorrat an eben diesen 5-Pence-Münzen mit nach Deutschland nahmen. Auf diese Weise konnten sie dann sehr preiswert an Münztelefonen in die Heimat telefonieren. Ebenso fand man in Deutschland auch in Billardtischen, Flippern und Musikboxen solche Münzen. Seltener in Geldspielautomaten. Ich weiß noch, dass ich einmal ziemlich erbost darüber war, als mir statt meines erhofften Gewinns in DM lauter Irische 5-Pence Münzen entgegen kamen.

Für 20 englische Pfund bekam ich jedesmal vier Beutel à 100 5-Pence Münzen

Zunächst aber verbrachte ich sehr viel Zeit damit ein preiswertes Hotelzimmer aufzutreiben. Das billigste kostete dann auch „nur“ 18 Pound. Inklusive Frühstück. Pfui, was für ein Drecksloch! Aber hatte ich nicht schon viel schlechter im Leben geschlafen? Kaum größer als eine Gefängniszelle, wo für das Bett mangels Bettstützen Ziegelsteine als Beine dienen mussten. Die Dusche drei Etagen tiefer im Keller. Der Ekel ließ es nicht zu, dass ich diese Dusche in Anspruch nahm. Der Frühstücks­raum sah auch nicht gerade appetitanregend aus. Und dann erst das typisch englische Breakfast … klebrige Tischplatte, klebrig-verschmierte Honig- und Marme­ladegläser auf dem Tisch. Und dann der schlabberige Toast. Als man mir dann auch noch den Teller mit dem Bacon, Grilltomaten und Beans in Tomatensoße und den obligatorischen Spie­geleiern vorsetzte, war ich auch schon bedient, das heißt, ich war satt noch bevor ich etwas gegessen hatte. Ich versuchte den Express­kaffee. Gallebitter. So ging ich dann auf die Suche nach einem richtigen Café in der Hoffnung, wenigstens einen guten Kaffee zu bekommen. Ohne Kaffee am Morgen war ich kein richtiger Mensch. Und siehe da, in der Nähe war die Victoria Station, und dort gab es ein pikfein sauberes Café. Es gab richtigen Filterkaffee und unter dem Glastresen leckere Kuchenstücke. Nachdem ich mich ordentlich gestärkt hatte und der leckere Kaffee mich genügend aufgeputscht hatte, nahm ich meinen Diplomatenkoffer zur Hand und begab mich auf die Suche nach Banken.

Ich wurde auch schon mal gefragt, für wen ich den soviel Kleingeld benötige. Wurde auch schon mal abgewiesen, wenn ich keine passende Antwort parat hatte. Daraus lernte ich natürlich. Bevor ich eine neue Bank betrat, schaute ich mich erstmal in der Umgebung um, welche Geschäfte sich in der Nähe befanden. Mit Vorliebe merkte ich mir dann meistens den Namen eines Pubs in der Nähe. Dort wurde ja bekanntlich viel Kleingeld gebraucht, weil in den Pubs, nicht wie in Deutsch­land auf Bierdeckeln der Verzehr vermerkt wurde, sondern immer gleich bezahlt werden musste. In London lernte ich auch, was in Deutschland noch längst nicht gang und gäbe war, dass man sich schön in angemessener Entfernung vom Vordermann in eine Schlange einzureihen hatte, auch an Bushaltestellen.

Todesmutig hob ich unter großer Anstrengung meine Zukunft auf.

Für 20 englische Pfund bekam ich jedesmal vier Beutel à 100 5-Pence-Münzen. Nach dem Besuch von fünf Banken hatte ich 2000 Münzen und das Gewichtslimit meines Diplomatenkoffers erreicht. Ich merkte gar nicht, dass sich der Tragegriff bereits bei 1600 durchbog. Ich konnte mal gerade fünf bis sechs Meter zurücklegen, musste dann auch schon die Tragehand wechseln. Ich musste zurück zum „Hotel!“ Dorthin zu kommen wurde dann aber richtig beschwerlich. Beim Wechseln der Straßenseite verabschiedete sich der Koffergriff von dem überlasteten Koffer. Der lag nun mitten auf der Straße und Autos näherten sich. Ich schwitzte Blut und Wasser, konnte doch aber nicht mein Vermögen liegen lassen. Todesmutig hob ich unter großer Anstrengung meine Zukunft auf, wobei ich deutlich den Luftstrom der an mir vorbeirasenden Autos spürte. Eine unvorhersehbare Ausgabe kam damit auf mich zu. Ich musste mir einen neuen Aktenkoffer (macht immer einen besseren Eindruck bei den Banken, ebenso eine korrekte Kleidung – sprich Krawatte!) kaufen. Ich hatte erkannt, dass es sich immer bezahlt macht Qualität zu kaufen. Also erstand ich eine weltbekannte Qualitätsmarke. Ich schaffte es dann doch noch im Laufe des Tages 5500 5-Pence Münzen einzutauschen. Ich mochte noch gar nicht daran denken, wie ich mit dem enormen Gewicht nach Deutschland kommen sollte. Ich hatte bis hierhin nur gerechnet, dass mir pro vier Münzen DM 1,20 Gewinn winken würde. Ich ging davon aus, die noch zu ziehenden Zigaretten an einen Freundeskreis statt drei DM pro Schachtel für zwei Mark abzugeben. Aber bis es soweit war lag noch eine Menge Arbeit vor mir. Zunächst aber gönnte ich mir am Abend noch einen Besuch in einem Pub. Trank zwei Gulnes[7] und zwei Malt Whisky[8]. Mit der nötigen Bettschwere schlief ich auch dann bald den Schlaf aller Gerechten.

Am nächsten Morgen umging ich gleich den Breakfastroom. Nach der Stärkung im Victoria Café musste ich auch schon mein „Hotelzimmer“ räumen. Das Gewicht der Münzen auf Koffer, Akten­koffer und eine Umhängetasche verteilt kämpfte ich mich die schmale Treppe herunter, nahm mir ein Taxi und ließ mich zum Bahnhof fahren. Bus oder Subway wären natürlich billiger gewesen. Doch bei dem mitzuschleppenden Gewicht? Schließfächer waren zu der Zeit (1983) in London noch nicht üblich. Zumindest gab es eine Gepäckaufbewahrung. Der Angestellte, der mein Gepäck annahm, brauchte drei Anläufe, um die beiden Koffer von der Rampe zu bekommen. Verblüfft fragte er mich, was ich denn da drin hätte. Ich sagte ihm wahrheitsgemäß, dass da Silber drin wäre. Sein Gesichtsausdruck verriet mir, dass er sich veralbert fühlte, schleppte dann aber doch die Gepäckstücke zum Regal. Befreit von jeglicher Last hatte ich nun den ganzen Tag über Zeit etwas für meine Kultur zu tun. So lernte ich im Laufe der nächsten sechs Jahre, wo ich dieses Geschäft betrieb, London sehr gut kennen. Von London bis Dover konnte ich ja noch ziemlich unbeschwert reisen. Das Gepäck hatte ich im Gepäckwagen abgegeben. Doch dann war es eine Tortur bis nach Hannover. Wer das nicht so recht nachvollziehen kann, sollte mal 5500 Mark­stücke, rezitive[9] Pencemünzen mit sich herum schleppen. In Dover ging es schon los, wo ich einen Vorgeschmack davon bekam, wie schwer es sein würde in Zukunft mein Geld zu verdienen.

Fußnoten

[1] Dieter Schulz schiebt an dieser Stelle eine Erinnerung ein, die im Ablauf eher störend ist: Eben diese Frau lief mir bei einem Stadtspaziergang nach knapp 34 Jahren über den Weg. Obwohl sie einen Krückstock als Gehhilfe benutzte, hatte sie dennoch sehr viele Wiedererken­nungs­werte. Ich, inzwischen schon längst Brillenträger geworden, auch waren meine Haare nicht mehr so lockig wie zu unserer gemeinsamen Zeit, dazu waren sie nicht mehr dunkelblond wie frü­her, sondern schon fast weiß, ich wurde nicht so schnell in ihre Erinnerung eingeord­net. Nachdem auch diese Hürde genommen war, hatte sie nichts Besseres zu tun als mir den Vorwurf zu machen, dass ich damals viel zu schnell das Handtuch geworfen hätte. In dem etwa zehnminütigen Gespräch ließ sie mich auch wissen, wie sehr verknallt sie doch in mich gewesen wäre und lange Zeit über die Trennung nicht hinweg­gekommen wäre. Was ich in drei Ehen nicht geschafft hatte, das hatte sie nun gleich beim ersten Anlauf geschafft. Sie war inzwischen schon seit 15 Jahren ver­heiratet. Diesen Mann hatte sie gerade von der Tele­fonzelle aus angerufen, damit dieser sie aus der Stadt abhole. Beschriebene Begegnung veranlasste mich dazu, diese Episode in meinem Leben auch noch zu Papier zu bringen. Nicht weil ich dadurch nicht gerade in schönen Erinnerungen schwelge. Ich möchte dem geneigten Leser damit nur vermitteln, dass ich nicht von Haus aus ein Verbrecher geworden bin, weil ich etwa arbeitsfaul gewesen wäre und mir auf „leichte“ Weise ein schönes Leben gestalten wollte. Ich erzähle ihnen hier auch nichts vom Pferd, um mich in einem besseren Licht darzustellen. Das meiste hiervon kann ich immer noch belegen.

[2] Das hat Dieter Schulz anscheinend öfter gemacht. Im Anhang der Gesamtedition wird eine Spendenaktion zugunsten von Heimkindern in Siegen dokumentiert werden.

[3] GOP Dezember 1992 https://de.wikipedia.org/wiki/GOP_Variet%C3%A9-Theater_Hannover

[4] ÜSTRA Hannoversche Verkehrsbetriebe AG Straßenbahnen, Busse https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%9Cstra_Hannoversche_Verkehrsbetriebe

[5] Einschub Schulz: Dazu sollte allerdings gesagt werden, dass die Münzprüfer damals noch nicht so gut funktionierten.

[6] Aus dem Besitz von Dieter Schulz. Beide Münzen haben denselben Durchmesser und dasselbe Gewicht.

[7] Es dürfte sich um Guinness gehandelt haben, Biermarke aus Irland. https://de.wikipedia.org/wiki/Guinness_(Bier)

[8] https://de.wikipedia.org/wiki/Single-Malt-Whisky

[9] respektive

 

Inhaltsverzeichnis _Inhaltsverzeichnis

 

Wenn Inklusion bloß Illusion wäre, …

… aber sie ist politischer Betrug. Hansgünter Jung berichtet heute vom Praxisschock[1]. Der war allerdings abzusehen und wurde vielfach vorausgesagt, nicht nur hier im Blog.[2]

Jung schreibt: »Die inklusive Schule war lange Zeit ein Selbstläufer. Ihre Prot­agonisten brauchten nur das Wort „UN-Behindertenrechtskonvention“ auszusprechen – und unbequeme Fragen zu Sinnhaftigkeit und Rechtmäßigkeit dieses bildungspoliti­schen Großprojekts wurden gar nicht erst gestellt. Gesinnungsethische Beflissen­heit ersetzte juristische Hermeneutik. Doch jetzt bahnt sich im öffentlichen Diskurs eine Wende an. Sie beruht auf ei­nem Praxis­schock, der gleich von zwei Sei­ten kommt. Die Eltern der behinderten Kinder erleben, wie eine Förderschule nach der anderen aufgelöst wird. Gleich­zeitig hat sich der Blick der Öffent­lichkeit dafür geschärft, wie schwierig Inklusion in den meisten Fällen ist: schließlich gilt es den Lernbehinderten, geistig Behinder­ten und Verhaltensauffälligen gerecht zu werden. Die Sensibilisierung hat etwas da­mit zu tun, dass die Lehrkräfte der Regel­schulen neuerdings vor eine weitere Auf­gabe gestellt sind. Sie müssen jetzt auch noch zahlreiche Flüchtlings- und Migran­tenkinder ohne Deutschkenntnisse unter­richten und erziehen. Jetzt hört man den überforderten Lehrkräften endlich zu, wenn sie fragen: „Was sollen wir eigent­lich noch alles leisten?“«

Mich wundert diese Entwicklung nicht, höre ich doch ähnliches aus dem Schulbereich von meinen Bekannten.

 

Fußnoten

[1] Hansgünter Lang, Inklusion vor der Wende, Lange Zeit waren die kritischen Stimmen zur Integration behinderter Schüler kaum zu hören, nun stellt sich der Praxisschock ein. Zitate aus diesem Artikel. FAZ-Print, Donnerstag, 18. Mai 2017. Wird wohl nicht digital erhältlich sein. Ich habe den Artikel gescannt und schicke ihn gern auf Mailanforderung zur privaten Verwendung.

[2] https://dierkschaefer.wordpress.com/2013/04/03/die-illusion-der-inklusion/

https://dierkschaefer.wordpress.com/2013/06/12/die-faz-geizt-mal-wieder-mit-ihren-print-artikeln-und-stellt-sie-nicht-ins-netz/

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/04/07/kinderrechte-inklusion-macht-kinder-zu-verlierern/

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XXVIII

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Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit,

die keine Kindheit war

Achtundzwanzigstes Kapitel

Chef kann ich auch

„Da wäre aber noch etwas was ich Ihnen vorher noch sagen muss!“ Ich überwand meine Angst, mit der Wahrheit herauszurücken. Neugierig schaute er mich an. Wer A sagt, muss auch B sagen können. „Ich bin erst vor sechs Monaten aus dem Zuchthaus Celle, nach 25 Monaten Haft entlas­sen worden!“ So, nun war es heraus! Eigentlich war ich ja nie ein ängstlicher Typ. Als aber mein neuer Chef so plötzlich von seinem Stuhl aufstand, an mir vorbei zur Türe ging, erwartete ich zumindest, dass er mir abrupt die Türe zeigen würde, wenn nicht gar auf mich einschlagen. Hätte ich doch dafür sogar Verständnis gehabt. Wie konnte sich ein Ex-Zuchthäusler erdreisten, in so einem renommierten Gasthaus nach Arbeit nachzusuchen. Weil die Türe hinter ihm aber zuklappte, glaubte ich eher, dass er sich nur Verstärkung holen wollte, um mich aus seinem Büro hinaus zu befördern. Schließlich war er nicht mehr der Jüngste, ich dagegen im besten Alter, dazu noch ein Verbrecher. Ich spielte schon mit dem Gedanken mich wie ein geprügelter Hund davon­zuschleichen, als auch schon die Bürotüre hinter mir geöffnet wurde. Unheil erwartend zog ich den Kopf ein. Erst als die teppichgedämpften Schritte neben mir an dem breiten, antiken Schreibtisch halt machten, ohne dass weitere Personen den Raum betraten, wagte ich meinen Kopf zu drehen. Vor bzw. neben mir, stand mein zukünftiger Arbeitgeber. Er setzte ein lederbezogenes Tablett mit Goldintarsienarbeit auf dem Schreibtisch ab.

Auf dem Tablett stand eine Flasche Cognac vom Feinsten. Einer mit fünf Sternen, versteht sich. Daneben zwei echte Cognacgläser. Ich meine damit diese überdimensionalen Gläser, wo sich das Aroma des Cognacs so richtig ausbreiten konnte, dabei kaum den Boden des Glases ausfüllend. Ich verspreche es allen, insbesondere denjenigen, die noch nie das Vergnügen hatten, an solch einem Tropfen zu schnüffeln, dass sie dieses einmalige Bukett nie wieder vergessen werden. Aus eben dieser Flasche goss er uns höchstpersönlich gerade soviel ein, wie es den Anstand nicht verletzte. Herr W. setzte sich sein Glas mitnehmend auf seinen Chefsessel, prostete mir zu und verlangte: „Na, dann erzählen Sie mal, Herr Schulz!“ Wie nahe er der Wahrheit war, als er noch scherzhaft hinzufügte: „Wen haben Sie denn umgebracht?“

Eingedenk dessen, dass ich meinem neuen Arbeitgeber gleich im vornhinein reinen Wein ein­schenken wollte, hatte ich in meiner Zeugnismappe auch die Urteilsbegründung von meiner Verurteilung mitgebracht. „Lesen Sie selbst!“ Damit reichte ich ihm die Drucksache des Gerichts hinüber. Und tatsächlich nahm er sich die Zeit das Urteil zu lesen. Nur hin und wieder schaute er forschend über seinen Brillenrand zu mir herüber. Er zeigte keinerlei Gemütsregungen beim Lesen. Nur einmal schob er sein Cognacglas näher zu mir, sagte: „Schenken Sie uns noch einen ein!“ Gleichzeitig mit dem Herüberschieben des gelesenen Dokuments nahm er seine Lesebrille ab, schaute mich erstaunt an und bemerkte erstaunt: „Dafür sind Sie verurteilt worden? Und ich dachte immer Notwehr wäre erlaubt!“ Abgesehen von dem Verständnis welches er mir entgegenbrachte, bestand er trotzdem auf einer 14tägige Probezeit. Was ich nur Recht und Billig fand. Mit anderen Worten ich war eingestellt.

Nur wer in Selbstmitleid versinkt, versinkt auch im Alkoholsumpf.

Natürlich wurde ich in der ersten Zeit ganz besonders unter die Lupe genommen. Die Arbeitsweise der bereits langjährig in seinem Betrieb arbeitenden kannte er ja bereits. Ich war es von meinen Anfängen in diesem Beruf gewohnt mit der auch in diesem Restaurant verkehrenden Prominenz umzugehen. Wäre es nach mir gegangen, hätte ich dort bis zu meiner Rente arbeiten können. Doch wieder einmal machte die Justiz mir einen Strich durch die Rechnung. Oder auch meine unbeherrschte Wut über die Aussage, der beiden Bäckersöhne, denen ich im folgenden Frühjahr beim Frühlingsfest begegnete. Obwohl ich einen festen Arbeitsplatz und einen Wohnsitz hatte, alles Kriterien die eigentlich eine U-Haft überflüssig machen, wurde ich dennoch gleich in den Bau gesteckt. Mit der Reststrafe aus meiner Bewährungszeit von 11 Monaten verbrachte ich wieder 18 Monate hinter schwedischen Gardinen. 1972 stand ich dann wieder mit Nix auf der Straße. Nur wer in Selbstmitleid versinkt und das tun nicht wenige der Ex Knackis, versinkt auch im Alkoholsumpf. Der Abstieg zum Penner ist vorprogrammiert. Für solch eine Karriere war ich mir zu schade. Ich war, blieb ein stolzer und dickköpfiger Ostpreuße. Hatte ich doch bereits schon viel schwierigere Lebenslagen gemeistert.

Meine Perle hatte sich längst einen neuen Stecher zugelegt. Im Kröpke Cafe genoss ich meine neu­gewonnene Freiheit bei einer Tasse Kaffee und Cognac. Und wie es der Zufall wollte kam eine ehemalige Kollegin herein. Zu dem Zeitpunkt ahnte ich noch nicht, dass sie schon längst ein Auge auf mich geworfen hatte. Ich glaubte sie zu schocken, als ich ihr unumwunden, als sie mich gefragt hatte, wo ich den solange gewesen wäre, die Wahrheit über mein zwischenzeitliches Studium der Knastologie und Gitterkunde berichtete. Verstehe einer die Frauen! Von wegen geschockt! Sie troff vor lauter Mitleid. Ich brauchte dann nicht nur nicht meine Zeche zahlen. Sie sorgte anschließend auch sehr hingebungsvoll dafür, dass mein Hormonhaushalt wieder in Ordnung kam. Von einem Anspruch auf Arbeitslosengeld hatte ich bis dato noch nie etwas gehört. So verdiente ich mir mein Geld, wie schon zu TBC Zeiten, als Kaschemmenkellner im Rotlichtmilieu. Schwarz natürlich.

Ich meldete mich in einer Fahrschule an, begann auch gleich mit den Fahrstunden. Schon nach vier Wochen war ich reif dafür, die Prüfung abzulegen. Doch unser rechtstaatliches System hatte etwas dagegen, dass ein Vorbestrafter den Führerschein erwarb.

auf Grund meiner Vorstrafen nicht geeignet ein KFZ zu führen

Einen Tag vor meiner Prüfung flatterte wieder einmal ein blauer Brief ein. In der Zeit, wo ich beim DRK meinen Erste-Hilfe-Kurs-Schein gemacht und jede Menge Fahrstunden absolviert hatte, meine Theoriestunden besuchte, durchliefen meine Papiere alle Instanzen. Laut Führungszeugnis, so stand es in dem Schreiben, wäre ich auf Grund meiner Vorstrafen nicht geeignet ein KFZ zu führen. Basta! Abgesehen von den Unkosten die ich bereits gehabt hatte, regte mich ganz besonders der Zusatz im besagten Schreiben auf: Für den Ablehnungsbescheid, verlangte die Behörde, solle ich auch noch 40 Mark blechen. Fragen Sie mich bitte nicht, ob ich deswegen sauer war! Es gab da aber noch einen ganz anderen Aspekt. Meine neue Freundin, eine der ersten weiblichen ausgebildeten Kellnerinnen hatte schon viel mehr Erfahrung im Beruf gesammelt. Zum einen war sie zwei Jahre älter als ich, zum anderen fehlten ihr ja auch nicht meine verlorenen Knastjahre. In den letzten Jahren war sie eigentlich immer nur in den Wintermonaten in Hannover, um in der Nähe ihrer Familie zu sein und, weil sie nicht viel davon hielt, in der kalten Saison irgendwo im Schnee zu arbeiten. Aber in der Sommersaison, so erklärte sie mir, wäre ordentlich Kohle zu machen. So hatten wir längst beschlossen und natürlich auch bereits einen Arbeitsvertrag weiter südlich von Hannover unterschrieben. Genauer gesagt im schönen Spessart. Nur, um dort zu arbeiten brauchte man unbedingt einen fahrbaren Untersatz. Genau dort, wo man den Film „Das Wirtshaus im Spessart“[1] gedreht hatte, befand sich unser Arbeitsplatz. Vier Kilometer davon entfernt aber hatten wir uns eine Unterkunft ausgeguckt. Rohrbrunn war die nächste Ortschaft. Ansonsten gab es außer der Raststätte, wo wir arbeiten wollten, und viel Wald dazwischen keine andere Möglichkeit. Höchstens noch in Mespelbrunn, wo der andere Film mit Liselotte Pulver gedreht wurde. „Das Spukschloss im Spessart“[2].

Die RAF war schuld, dass mein führerscheinloses Fahren aufflog.

Aber das war noch weiter entfernt. Ich war mir ganz sicher die Führerscheinprüfung zu bestehen, hatte schon mal ein niedliches, kleines Auto, einen NSU Prinz als Gebrauchtwagen gekauft. Weil damals noch keine Nacht-, noch Autobahnfahrten im Programm standen, so übte ich dies schon mal ganz nebenbei. Einen Führerschein gab es also nicht; der Arbeitsvertrag unterschrieben, das Zimmer angemietet und ein Auto stand auch schon vor der Türe. Was also anderes tun als den Job annehmen? Ob nun mit oder ohne Führerschein. In der Folgezeit durchquerte ich damit ganz Deutschland. Von der Insel Norderney bis an den Tegernsee. Ein Tagesausflug nach Österreich war auch drin. Das ganze ging 26 Monate lang gut. Vom kleinen Prinz über VW und Ford Capri steigerte ich mich bis hin zum dicken fetten Mercedes. Die RAF war daran schuld, dass mein führerscheinloses Fahren aufflog. Nicht doch! Nein! Ich war kein RAF Terrorist! Es wurden nur die Verkehrskontrollen verstärkt. Vor allem kontrollierten die lieben Polizisten (grrrr!) mit Vorliebe die etwas größeren Autos, die von den RAF Gruppen bevorzugt gefahren wurden. Bei solch einer Kontrolle geriet ich ins Netz. Ende mit lustig. Außer dass man mir eine Strafe in Höhe von 1116 Mark aufbrummte, verhängte man dazu noch eine zweijährige Führerscheinsperre. Das war doch schon mal ein Lichtblick. War das erste Versagen eines Führerscheins ohne Zeitlimit verfasst, so konnte ich mich doch nun darauf einrichten, dass ich nach Ablauf von zwei Jahren doch noch zum begehrten Lappen kam. Bis das aber soweit war, gab es zwar noch erwähnenswerte Ereignisse, die Sie aber nicht alle wissen müssen. Pünktlich nach Ablauf von zwei Jahren meldete ich mich bei der zuständigen Behörde, um zu erfragen, ob ich denn nun endlich den Führerschein machen dürfe. Klar, wurde ich beschieden, wenn Sie den Psychologischen Eignungstest bestehen? Was war das denn? Ich erfuhr, dass man dieses auch gerne mit dem Idiotentest umschrieb. Was blieb mir anderes übrig? Wieder die vorge­schriebenen Fahrstunden. Theorie pauken. Bei der Prüfung selbst hatte der Prüfer schon nach 18 Minuten erkannt, dass ich zum Führen eines Pkws geeignet war. Wir fuhren zurück zur Fahrschule, wo an diesem Morgen alles mit der theoretischen Prüfung begonnen hatte und ging von da aus gleich um die Ecke zu meinem Mercedes! Was denn? Ich brauchte das Auto um zu meiner sieben Kilometer entfernten Arbeitsstelle zu kommen. Vormittags wäre es ja noch gegangen, mit dem Bus dorthin zu kommen, nachdem ich etwa zwei Kilometer bis zur Bushaltestelle zu Fuß zurückgelegt hätte. Aber nachts, wenn ich Feierabend hatte, fuhr gar kein Bus mehr! Ich nehme doch stark an, dass dieser Straftatbestand auch unter eine Verjährungsfrist fällt. Wenn nicht, auch egal. Ich kann mir mit meinen 451 EUR Rente ohnehin kein Auto mehr leisten. [3]

„Entweder du nimmst den Jungen oder ich stecke ihn ins Heim!“

In welchem Desaster der erste Versuch eine Familie aufzubauen geendet ist, haben Sie ja bereits gelesen. Ich möchte hier nicht auch noch in Erinnerungen schwelgen, was mir die Zweite einge­bracht hat. Nur soviel: das verflixte siebte Jahr! Hatte ich es schon wieder geschafft, durch meiner Hände Arbeit ganz weit nach vorne zu kommen, so fühlte sich meine um 16 Jahre jüngere Frau vernachlässigt. Sie trieb es doch tatsächlich im Nebenzimmer. Die erste und einzige Ohrfeige, die ich jemals einer Frau verpasst habe – und ich zog aus. Kurz bevor der Scheidungstermin anstand, kam meine zweite Frau zu mir, stellte mich vor die Alternative: „Entweder du nimmst den Jungen (mein dritter Sohn) oder ich stecke ihn ins Heim!“[4] Bei der bloßen Erwähnung des Wortes Heim klingelten bei mir sämtliche Alarmglocken. Sie erinnern sich an mein Heimleben?

Wenn man vom Teufel spricht…….Ende April 2006 lasse ich mich von der Sonne herauslocken. Ich lasse mich etwa vier Kilometer weit bis in die Stadtmitte treiben. Gerade noch hatte ich darüber nachgedacht, wie fremd ich eigentlich in dieser Stadt geworden war, weil ich doch ganze 10 Jahre völlig aus dem Verkehr gezogen worden war, da quert doch eine menschliche Gestalt meinen Weg die mir nur allzu vertraut erscheint. Immer noch der gleiche Haarschnitt und die eingefärbte tizianrote Farbe. Die Größe stimmte auch. Langsam begann ich ihren 20 Meter Vorsprung aufzuholen. Leichter konnte sie es mir nicht machen, um mir letztendlich sicher zu sein. Sie hielt vor einer öffentlichen Tele­fon­box, steckte eine Karte hinein. Derweil lehnte ich mich außen an die Plexiglasverkleidung und konnte ihr direkt ins Gesicht sehen. Kein Zweifel. Selbst nach über dreißig Jahren erkannte ich sie wieder.

An dieser Stelle muss ich nun doch nochmals auf meine Erinnerungen zurückgreifen. Hatte ich nur ziemlich kurz abgehandelt, dass ich im Jahre 1971 von einer erfahrenen Kollegin erstmals erfahren hatte, dass ein Kellner in der Sommersaison richtig gutes Geld verdienen kann, wenn man nur bereit ist die Großstadt zu verlassen und den Bewohnern in den Urlaub folgt. Es war dann nicht bei bloßer Kollegialität geblieben. Nachdem wir dann im Spessart eine finanziell erfolgreiche Saison durchgestanden hatten, fuhren wir führerscheinlos weiter zum Tegernsee und machten selbst erst einmal unseren wohlverdienten Urlaub. Wieder in Hannover eingetroffen, wo wir ja beide unsere Familienangehörigen hatten, dachten wir gar nicht daran vom Arbeitslosengeld zu leben. Denn in den Wintermonaten gab es wieder ein Überangebot von Servicepersonal in der Stadt. Viele in der Gastronomie Tätigen lebten von diesem Job Hopping.

Einer der größten Spielautomatenaufsteller der Stadt hatte mehrere Kneipen von den Brauereien angepachtet. Für die Bewirtschaftung dieser Kneipen suchte er Leute, die auf Prozentbasis in seinen Kneipen arbeiteten. Wir meldeten uns, ließen uns die Geschäftsbedingungen erklären und zeigten uns bereit, solch einen Job bis zur nächsten Sommersaison anzunehmen. Von allen von ihm gelie­ferten Getränken bekamen wir unsere 10% Provision. Kaffee und Tee konnten wir auf eigene Rech­nung verkaufen. Der Boss war ganz schön sauer, als unser Verbleiben bei ihm nur knapp zwei Monate anhielt. Eigentlich sollten wir am Sonntag auch mal ein paar Stunden für uns haben. Es stand im Vertrag, dass wir am Sonntag nach dem Frühschoppen, der um 13 Uhr endete, die Kneipe schließen durften. Aber machen Sie mal den Stammgästen, die hauptsächlich aus Jung­gesellen bestanden, klar dass sie nun nach Hause zu gehen hatten. Die meisten standen schon morgens gegen neun Uhr vor der Türe, bis gegen 13 Uhr hatten sie schon so einiges Intus und stellten sich dann einfach stur, wenn es hieß: große Pause bis 18 Uhr. Auch an schlechten Novem­bertagen kamen meine Mutter und mein Stiefvater angeradelt, um ein paar Sonntags­stunden mit mir zu verbringen. Da man mir nachsagte, dass alles was ich koche auch gegessen werden könnte, war es für mich eine Freude, auch mal meine Mutter verwöhnen zu dürfen. Also bereitete ich in der winzig kleinen Küche ein Sonntagessen für uns vier Personen. Zwar hatte ich die Kneipentüre abge­schlossen, aber einige Unentwegte konnte ich einfach nicht rausbekommen. So lief denen dann das Wasser im Munde zusammen, wie sie zusehen mussten, wie wir am Stamm­tisch sitzend unsere Mahlzeit verzehrten. Ich weiß noch ganz genau, dass ich bei unserem ersten Zusammensein Forelle Müllerin zubereitet hatte. Eine Aumage[5] an meine liebe Mutter die, wenn sie die Wahl hatte, Fleisch für Fisch stehen ließ. Die gebratene Forelle verbreitete einen Duft in der kleinen Kneipe, der den verbliebenen Gästen in die Nase stieg. Als meine Mutter auch noch das Salatdressing lobte, fragte doch einer der Gäste, ob nicht noch eine Forelle übrig sei. „Da würde ich auch nicht Nein sagen!“ machte sich ein zweiter lippenleckend bemerkbar. Da hatte ich den Salat. Tags zuvor hatte ich von einem Gast, einem Hobby Angler, zehn ganz frische Harzer Bach­forellen abgekauft. Während meine Mutter nochmals Kartoffeln schälte, ließ ich vier weitere Forellen in der Pfanne brutzeln und rührte frische Salatsauce an.

Von da an war ich nicht nur mehr Bierzapfer, sondern auch noch Koch. Irgendwie hatte es sich schnell herumgesprochen. In der Nähe befand sich ein größeres Autohaus mit vielen Angestellten sowie ein Straßenbahndepot. Schon bald reichten die drei Kneipentische bei weitem nicht mehr aus, um die Kundschaft aufzunehmen. Also wurde der in einem Nebenraum stehende Kröckeltisch[6] in die Ecke gestellt, dafür kamen vier weitere Tische. Dem Besitzer war es nur Recht, verdiente er doch an den Getränken auch seinen Teil. Brauchte zuerst immer nur einer kurz vor 11 im Laden zu sein, so musste ich schon bald spätestens um 9 Uhr in der Küche stehen, um den täglich wech­selnden Mittagstisch vorzubereiten. Bis 1 Uhr Nachts, so stand es im Vertrag, musste die Kneipe geöffnet sein. Nachmittags und abends fand ich dann „Entspannung“, indem ich mit den Gästen eine Runde nach der anderen ausknobelte. Was der „Wirt“ trinkt, trinkt auch der mitkno­belnde Gast. Ich bevorzugte „Pünktchen!“ Pünktchen bestand aus 20 Gramm Weinbrand und etwa gleich­viel Cola. Im Durchschnitt kam ich so im Laufe des Tages auf eine 0,7 Liter Weinbrand. Dann setzte ich mich immer noch führerscheinlos ins Auto und fuhr für ein paar Stunden Schlaf nach Hause. Bloß gut das sich daran bald etwas änderte. Meine Magenschleimhaut begann schon zu rebellieren.

Und dann gleich so ein großes Objekt!?

Eines Abends bat mich ein mir noch völlig unbekannter, sehr gut gekleideter Gast um ein paar ungestörte Minuten. Ich vermutete in ihm einen Vertreter und wollte ihn schon damit abwimmeln, indem ich ihm sagte, dass ich hier nur Angestellter und überhaupt nicht befugt sei, irgendwelche Verträge abzuschließen. Es war schon richtig, dass er ein Vertreter wäre, aber in einer ganz ande­ren Angelegenheit käme, einer die mir von Nutzen sein könnte. Also fand ich eine ruhige Ecke, um mir anzuhören, was er mir denn nützliches zu sagen hätte. Es stellte sich heraus, dass sich meine gute Küche schon bis zur verpachtenden Brauerei herumgesprochen hatte. Dort fand man es ziem­lich ungewöhnlich, dass solch eine kleine Kneipe solch einen Aufschwung genommen hatte. Nun läge es der Brauerei aber am Herzen, einem guten Kunden einen geeigneten Pächter zu vermitteln. Ich erfuhr dabei auch, dass bereits zweimal jemand zum Probeessen da gewesen wäre und man mich deshalb für prädestiniert hielt, mir die Pacht anzubieten. Es handele sich dabei um ein Restau­rant mit 84 Sitzplätzen im Inneren und einer großen Terrasse. Nein, nicht hier in der Stadt, vielmehr wäre es ein Flugplatzcasino mit angeschlossenem Hotel, welches 16 Betten umfasse. Etwa 50 Kilometer von Hannover entfernt. Ob ich wohl bereit wäre mir das Objekt anzusehen, fragte mich der Vertreter. Ohne Rücksprache mit meiner Lebensabschnittsgefährtin wollte ich darüber nicht entscheiden. Der Mann blieb doch tatsächlich noch fast zwei Stunden sitzen, gab sich den Gästen gegenüber als Brauereivertreter zu erkennen und schmiss auch noch ein paar Runden und wartete geduldig bis auch E. Zeit für ein Gespräch fand. Während der Gäste­kreis immer dünner wurde, konnte ich ihr zwischendurch schon mal das Wichtigste erzählen. So wurden wir uns dann ziemlich schnell einig und für den nächsten Kneipenruhetag ein Treffen ausgemacht. Am Zielort angekommen, erfuhren wir, dass dies der derzeit größte Privatflugplatz Europas wäre. Was aber den Ausschlag gab in diesen Pachtvertrag einzusteigen, war die Sympathie, die der Besitzer ausstrahlte. Das lag vor allem daran, dass er Ostpreuße wie ich war oder umgekehrt. Als mein Landsmann uns dann in das eigentliche Pachtobjekt einführte, konnte ich nicht anders als begeistert sein. Ich war beeindruckt von dem riesigen Tower, zu dem ich vom Restaurant direkten Zugang hatte, als auch von den riesigen Hangars und der gegenüberliegenden eigenen Repara­turwerkstatt. Ein ganz in der Nähe befindlicher Flachbau beherbergte eine Flugschule. Eine doppelte, 800 Meter lange Start- und Landebahn mit Runway, wo später sogar viermotorige Maschinen landeten und starteten, machte mich fast sprachlos, aber auch ein wenig ängstlich vor der Aufgabe, die mich hier erwartete. Vor allem die 240 Personen fassende Außenterrasse, die es ja auch zu bewirten gab. Nicht dass es mir an Fachwissen oder gar an Selbstbewusstsein mangelte, aber das Ganze erschien mir doch etwas zu überdimensional. Ich dachte auch sofort an die Perso­nalfrage. Schließlich lag dieser Flugplatz mitten zwischen nichts als Feldern und Wäldern. Die nächste Ortschaft war links vom Flugfeld mindestens 2 Km und nach rechts mehr als 3 Km ent­fernt. Der nächste Bahnhof fast acht Kilometer. E. allerdings war vollauf begeistert und wollte sofort unterschreiben. Ich musste sie ganz schön bremsen. Man beruhigte uns aber dahingehend, dass bis vor vier Monaten der vorige Pächter aus Gesundheitsgründen aufgeben musste, dieser immer drei feste Aushilfen gehabt hätte, deren Adressen man uns gerne geben würde. Der Besitzer bat uns inständig, doch den Vertrag einzugehen. Der eigentliche Flugbetrieb würde kolossal darun­ter leiden, dass es seit vier Monaten weder ein Hotelbett gäbe, noch ein Butterbrot zu haben sei. Des­halb würden fast alle Stammgäste, die zum Teil aus Italien, der Schweiz und dem Süddeutschen Raum kämen und weiter nach Skandinavien wollten einen Umweg fliegen müssen. Ich bat mir eine Woche Bedenkzeit aus, um das Für und Wider abzuwägen. Und wenn überhaupt würde ich erstmal nur einen Einjahresvertrag unterschreiben. Schließlich war ich noch nie selbstän­dig gewesen. Und dann gleich so ein großes Objekt!? Hinzu kam noch: die Heizperiode war im vollen Gange, dass wir gar nicht das nötige Startkapital hatten, um die Ölkessel aufzufüllen und dann noch der nötige Warenbestand! Aber schon zwei Tage später, ohne die Woche Bedenkzeit abwarten können, rief mich mein Landsmann an. Ich legte ihm nun ganz offen dar, wie es um unsere finanzielle Situation bestellt sei und wir uns schon von daher dagegen entscheiden müssten.

„Aber Herr Schulz! darüber können wir doch reden. Ich bin bereit, Ihnen alles für die Erstaus­stat­tung zur Verfügung zu stellen!“. Dieses Angebot, sich vom Kriegskind, welches sich von Katzen und Kartoffelschalen sowie vom Brot­betteln ernähren musste, über die Heimkarriere und dem Studium der Knast- und Gitterkunde, sollte ich nun Chef werden, war einfach zu verlockend. „Dieter, du wärst ganz schön blöd, würdest du diese Chance nicht beim Schopfe packen!“ dachte ich bei mir. Was besagte da schon der Passus im Pachtvertrag, dass das Flugplatzcasino täglich! geöffnet sein müsse, wie ein Bahnhof. Freie Tage gab es nur dann, wenn das Wetter keinen Flugbetrieb zuließe. Aber war ich es nicht gewohnt ständig im Stress zu leben? Hatte ich nicht schon immer, soweit ich zurückdenken kann fremdbestimmt gelebt? Wann hatte ich als Steward zur See schon mal einen freien Tag gehabt, außer wenn wir mal kurze Zeit im Hafen lagen? Hätte ich nicht genügend Abwechslung bei der Betreuung der Gäste? Liebte ich nicht gerade diesen Umstand ständig mit neuen Gesichtern und Charakteren zu leben? Wir sagten zu!

War ich es nicht gewohnt ständig im Stress zu leben?

Bloß gut, dass ich dahingehend Vorsorge betrieben hatte, dass ich vorerst nur einen Einjahres­ver­trag unterschrieb, welcher sich automatisch auf fünf Jahre verlängern sollte, sollte keine rechtzeitige Kündigung erfolgen. Unter den ansässigen Fliegern befand sich auch ein Zeitungsmensch. Dieser entwarf für uns eine ganz tolle Zeitungsannonce. Die Brauerei, deren Biersorte ich in der Annonce erwähnte, die ich auszuschenken gedachte, schickte mir einen Scheck, der meine Unkosten um eini­ges überschritt. Ich hatte nur wenige Tage Zeit anlässlich eines Jubiläums ein Kaltes Büffet zu zau­bern. Wir mussten dann auch noch in dem eigentlich für 84 Gäste konzipiertem Gastraum 102 Plätze bewerkstelligen. Die Kasse begann zu klingeln. Und dann schon wieder am 6. Dezember. Es war zur Tradition geworden, dass ein auf einem Doppel­decker stehender Nikolaus Süßigkeiten und kleine Plüschtiere auf das Publikum herunterwarf. Das war aber noch längst nicht alles. Zur Tradi­tion gehörte auch, dass die Gäste anschließend im Restaurant mit Heringsfilet nach Hausfrauenart bewirtet wurden. Auf jedem Tisch wurden große Schüsseln mit Sahnehering, Pellkartoffeln, Brot und Butter gestellt. Nur gut, dass ich meine Mutter, ja, auch meinen Stiefvater zur Hilfe hatte. Das Restau­rant reichte bei weitem nicht aus, den Gäste­andrang aufzunehmen. Dick eingemummelt saßen etwa 100 Gäste auch noch auf der Som­mer­terrasse und warteten auch dort auf Bedienung. Als hätte es meine Mutter geahnt. Sie hatte mich dazu überredet, nicht in der Metro[7] die viel teureren Fischfilets zu kaufen, sondern den Hering fässerweise direkt aus Bremen kommen zu lassen. Viele Stunden stand sie dann in der Küche, nahm die Fische aus, filetierte sie, warf diese Filets in zwei große Wannen. Sie schnitt Unmengen von Zwiebeln, Gurken und Äpfeln klein, die ebenfalls in den Wannen landeten. Bei der Metro hatte ich nur die Gewürze als auch palettenweise 2 ½ Liter Dosen Sahne und Mayonnaise eingekauft. Für eine feste Summe konnte jeder Gast soviel davon essen wie er nur konnte. Meinen Reibach machte ich dennoch. Schon alleine die Getränke, die dabei verzehrt wurden sorgten für guten Umsatz. Noch tagelang danach riefen Gäste an und fragten, ob denn noch etwas von dem leckeren Hering da wäre.

Das Personal der am Flugplatz hängenden Betriebe, sowie eine in der Nachbarschaft ansässige Firma waren fortan meine Stammgäste. Und natürlich die Piloten, die wieder begannen diesen Platz anzufliegen. Eine Sechsergemeinschaft von Piloten nebst Frauen kam regelmäßig aus Berlin, um hier in Westdeutschland ihrem Hobby Fliegen nachzukommen. An Gästemangel litten wir bestimmt nicht. Ärger bekam ich nur mit der Frau meines Boss. Der kam nämlich öfter zu mir zum Essen als es seiner Frau lieb war. Wartete sie doch des Öfteren am gedeckten Mittagstisch zu Hause auf ihren Mann, während dieser sich den Magen bei mir vollschlug. Zwischen Ihrem Mann und mir hatte sich ein inniges Verhältnis entwickelt. Des Öfteren kam er auch am Abend querfeld­ein in Gummistiefeln zu mir herüber, um sich mal auszuquatschen. Sprach dabei gerne einer Flasche Morio Muskat zuviel zu. Böse Blicke auf mich werfend durfte sie ihren Mann dann des Öfteren abholen. Bei diesen Gesprächen erfuhr ich dann auch so ganz nebenbei, wie er als Ostpreuße, der doch wie jeder andere auch nur mit 40 Mark angefangen hatte, zu seinem Reichtum gekommen war. Eigentlich hatte er ja noch in Ostpreußen Förster gelernt. Konnte sich aber nicht daran gewöhnen, einem toten Reh in die traurigen Augen zu blicken. Er begann zu tüfteln. Der Türöffnungsmechanis­mus eines jeden VW, der noch heute an jedem dieser Autos existiert, ist auf seinem Mist gewach­sen. So wurde mein Boss zum Millionär, bekommt noch heute für jeden Türgriff mindestens einen Cent. Auch wie er zur Fliegerei gekommen war erzählte er mir. Ein chronisches Asthmaleiden hatte seinen Arzt bewogen, ihm Höhenluft zu verordnen. Ursprünglich von Höhenangst befallen ging er dennoch auf Anraten seines Arztes in die Berge. Dort verlor er dann auch seine Höhenangst. Um sich aber immer die weite Reise und Zeit zu sparen in die Berge zu fahren, legte er sich ganz in der Nähe seiner Erfindungswerkstatt eben diesen Flugplatz an.

Der Tag als die Bombe platzte

An dem Verhältnis zwischen meinem Verpächter und mir oder gar an der langen Arbeitszeit lag es bestimmt nicht, dass ich den Pachtvertrag dann doch nicht um weitere fünf Jahre verlängerte. Ganz und gar nicht! Vielmehr war es wieder einmal eine Frau, genauer gesagt die besagte Lebensab­schnittsgefährtin, die meine Zukunftspläne zunichte machte. Einmal in der Woche musste ich nach Hannover fahren, um beim Großhandel einzukaufen. Zu der Zeit gab es noch keine EC Karten oder dergleichen. Schecks wurden nicht angenommen. Beim Einkauf zählte nur Bares. Vorausschicken muss ich noch, dass ich als Vorbestrafter natürlich keine Gaststättenkonzession bekam. Deshalb hatte ja auch E. den Pachtvertrag unterschreiben müssen. Bei der Bank und unserer Konto­führung waren wir allerdings gleichberechtigt. Also, immer wenn ich zum Einkaufen fuhr, hielt ich bei der Bank an, holte Kontoauszüge ab, zahlte manchmal Geld ein oder hob das nötige ab. Bei solch einer Gelegenheit kam der große Knall!

Zunächst glaubte ich ja wieder an einen Fehler meiner Bank. War es doch schon mal passiert, dass unser Konto plötzlich um eine ziemlich erkleckliche Summe angewachsen war. Ich muss wohl damals so ein verblüfftes Gesicht gemacht haben, so dass der Schalterbeamte[8] es mir ansehen musste, dass da etwas nicht stimmen konnte. Beflissen war er zu mir gekommen und hatte gefragt, ob etwas nicht stimme. Ich ehrliche Haut reichte ihm die Kontoauszüge hinüber und fragte wie unser Konto zu solch einer Einzahlungssumme komme. Nach kurzer Prüfung stellte sich heraus, dass da ein Zahlendreher uns kurzfristig zu richtig reichen Leute gemacht hatte. Natürlich wurde der Fehler umgehend berichtigt. An solch einen Fehler dachte ich an dem Tag als die Bombe platzte. Nur diesmal war unser Konto nicht begünstigt. Vielmehr war es fast leer. In etwa hatte ich ja den Überblick. Nicht auf die Mark genau, aber auf fast Null, das konnte nicht sein. Wieder war es der gleiche Schalterangestellte, der mir zu Hilfe kam. Doch wirklich helfen konnte er mir diesmal nicht. Was ich von ihm erfuhr, bescherte mir Puddingknie. Wie ich erfahren musste, war meine liebe E. ein paar Tage vorher da gewesen und hatte etwas über 70000 Mark abgehoben. Ohne mir überhaupt ein Wort davon zu sagen.

Was ich dann zu hören bekam, machte mich erst recht fassungslos.

Zu keinem klaren Gedanken mehr fähig setzte ich mich ins Auto und fuhr zurück. E. ahnte wohl schon, was auf sie zukam, als ich so schnell, zu schnell, wieder auftauchte. Außerdem verhießen meine Blicke nichts Gutes. Sofort setzte sie ihr Trotzgesicht auf, verschränkte ihre Arme vor der Brust und begann sofort mit ihrer Verteidigung. „Bevor du anfängst auszurasten hör mir erstmal zu!“ Was ich dann zu hören bekam, machte mich erst recht fassungslos. Als Erstes versuchte sie mich dahingehend zu beschwichtigen, dass ich dann ja bei der nächsten Jahresabrechnung ihre anteilige Hälfte einbehalten könne. Über den Verbleib der relativ großen Summe, zumindest in meinen Augen zu damaliger Zeit, legte sie dann auf Nachfrage auch Rechenschaft ab. Sie hatte ihrer jüngsten Schwester den Auszug bei den Eltern ermöglicht. Dazu gehörte natürlich auch eine komplette neue Wohnungseinrichtung, nebst Mietsicherheit und Maklergebühren. Mir schien, E. hätte ihrer Schwester einen Palast eingerichtet. Zumal die Kaufkraft der D-Mark Anfang der sieb­ziger Jahre mit dem heutigen Geld nicht zu vergleichen ist. Dieses hielt ich ihr auch vor. Schon etwas kleinlauter gab sie dann auch zu, sich selbst auch etwas Besonderes gegönnt zu haben. Das Besondere bestand aus einem 3/4 langen Ozelotmantel! Für soviel Luxus hatte ich nun gar kein Verständnis. Mir hatte sie Vorhaltungen gemacht, wenn ich meiner Mutter mal etwas Geld zusteckte, wenn sie jedes Mal hilfsbereit zur Stelle war, wenn abzusehen war, dass wir beide den Gästeandrang nicht alleine würden bewältigen können. Zumal der Sommer sehr schön gewesen war und ganze Familien in Scharen zum Flugzeuggucken gekommen waren. Wir bekamen immer wieder zu hören, dass Kinder ihre Eltern solange genervt hatten, bis ein geplanter Zoo Besuch zum Flugzeuggucken umdisponiert wurde. Wer es sich leisten konnte, durfte auch einen Rundflug genießen. Alles in Allem war es ein sehr erfolgreiches, aber auch arbeitsintensives Jahr gewesen. Dass ich jetzt auch noch leer ausgehen würde, das mochte ich nicht hinnehmen. Wer sagte mir denn, dass E. sich nicht wieder von unserem Konto bediente. Ihr Vorschlag besagte nämlich, dass sie erst in zwei Jahren wieder ihren Geschäftsanteil beanspruchen konnte. Im Gegensatz zu mir hatte sie jede Woche auf einen freien Tag bestanden, wo sie sich großkotzig mit einem Taxi in das 50 Kilometer entfernte Hannover fahren ließ, um dort mit ihren Freundinnen auf ihre Kosten die Sau rauszulassen. In ihrer Eitelkeit sonnte sie sich im Neid der meist ehemaligen Kolleginnen und ließ sich als Chefin feiern. Das alles nahm ich ja noch gelassen hin, da ich im Grunde genommen in meine Arbeit, meinen Erfolg verliebt war. Da ich aber mit dieser Frau keine weitere Perspektive erkennen konnte, musste ich dem Besitzer die traurige Mitteilung machen, dass ich den fälligen Fünfjahresvertrag leider nicht unterschreiben könne.

Mein Boss empfand dies als persönlichen Tiefschlag, wo doch allem Anschein nach alles bestens lief. Ich mochte E. nicht in die Pfanne hauen, schob den Gesundheitszustand meiner Mutter vor. Ein paar Wochen noch musste ich mit E. den Laden offen halten, dann trennten sich unsere Wege. A fonds perdu![9]

 

Fußnoten

[1] Eine nette Räuberpistole aus den 50er Jahren https://de.wikipedia.org/wiki/Das_Wirtshaus_im_Spessart_(1958)

[2] Eine Art Fortsetzng https://de.wikipedia.org/wiki/Das_Spukschlo%C3%9F_im_Spessart

[3] Von der Sache her eine Wiederholung. Darum in der Fußnote: 451 EUR Rente? Lieber Leser, obwohl ich auch immer, während meiner insgesamt 17 Jahre Haftzeit gearbeitet habe, hat der Staat niemals für mich Rentenbeiträge eingezahlt. Von wegen Knacki lebt auf Steuerzahlerkosten. 30 Jahre habe ich dennoch geklebt. Nur leider haben mich die 11 Jahre Versorgungsausgleich für meine Ehefrauen soweit runter gedrückt. Sowohl meine Erste als auch Zweite Ehefrau hatten es nicht nötig zu arbeiten. Ich verdiente ja gutes Geld, wenn man mich denn arbeiten ließ, während die angetrauten für eine saubere Wohnung und ordentlich erzogene Kinder zuständig sein sollten.

[4] Mehr dazu im nächsten Kapitel

[5] Gemeint ist Hommage im Sinne von Ehrung https://neueswort.de/hommage/

[6] Krökeltisch = Tischfußballtisch. Tischfußball ist in bestimmten Regionen unter anderen Namen bekannt. In Hannover und Umgebung kennt man den Sport unter dem Namen Krökeln, ein Tischfußballtisch wird dem­ent­sprechend als ‚Krökler‘ bezeichnet. Der Begriff kommt von der Bezeichnung Krökel für eine Eisenstange im Hannoverschen. https://de.wikipedia.org/wiki/Tischfu%C3%9Fball

[7] Gemeint ist ein Handelsunternehmen der Metrogruppe https://de.wikipedia.org/wiki/Metro_Group

[8] Eine damals gängige Bezeichnung auch für Bankangestellte https://de.wikipedia.org/wiki/Bankbeamter

[9] Kapital ohne Aussicht auf Wiedererlangen http://www.wissen.de/fremdwort/fonds-perdu

Inhaltsverzeichnis _Inhaltsverzeichnis

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XXVII

logo-moabit-kDieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit,

die keine Kindheit war

Siebenundzwanzigstes Kapitel

Raus aus’m Celler Knast

Obwohl inzwischen 36 Jahre vergangen sind, kann ich mich noch genau an den Wortlaut erinnern, der in diesem amtlichen Schreiben niedergeschrieben war. „Auf Ihr Schreiben vom … Antrag auf vorzeitige Haftentlassung ist die … Strafkammer des Landgerichts zu dem Beschluss gekommen … Im Falle, dass Sie der Strafkammer einen festen Wohnsitz und einen Arbeitsplatz nachweisen können, steht Ihrer vorzeitigen Entlassung nichts mehr im Wege“.

„Schulz, was hast du denn? Es hat doch geklappt. Also kein Grund so trübsinnig da zu sitzen!“ sagte der Beamte zu mir, nachdem er gelesen hatte, was ich herüber gereicht hatte. „Toll! soll ich jetzt eine Annonce in die Zeitung setzen? Zuchthäusler sucht Arbeit, damit er vorzeitig entlassen werden kann?“ fragte ich ihn. An seiner Äußerung erkannte ich wieder einmal, dass so ein Tür­schließer nicht von hier bis jetzt denken konnte. Über meine Aussage jedoch machte er sich doch tatsächlich Gedanken. Er schaute auf seine Uhr „Mensch Schulz, der Anstaltsleiter hat doch heute seine monatliche Sprechstunde, wo die Gefangenen angehört werden, die sich per Antrag bei ihm vorgemeldet haben!“ – „Na und ? Habe ich mich vorgemeldet, habe ich einen Termin?“ – „Warte! Ich versuche das hinzukriegen. Vielleicht kann ich dich da noch mit reinschieben!“ Er verschloss vorsorglich und gewissenhaft meine Zellentüre und eilte zum Telefon. Kurz darauf bei der Abend­brotausgabe strahlte er übers ganze Gesicht. „Geht klar, Schulz. Du kommst gleich zum Anstaltsleiter!“.

Ich bewundere das phänomenale Namensgedächtnis des Anstaltsleiters. „Was gibt es denn so Dringendes, dass Sie (er war der Einzige, der das „Sie“ vor den Namen eines Gefangenen setzte) mich so dringend zu sprechen wünschen?“ begrüßte er mich in seinem Amtszimmer. „Ich doch nicht! Mein Stationsbeamter war der Meinung, dass mein Anliegen dringend wäre!“ klärte ich ihn auf. „Gut, also was gibt es?“ Wortlos reichte ich ihm das Schreiben vom Gericht hin. Er überflog die wenigen Zeilen, obwohl ich davon überzeugt war, dass er davon eine Kopie oder ähnliches bereits selbst vom Gericht erhalten hatte und schaute mich an. Fragte: „Und? Wo Ist das Problem? Wie ich weiß, haben Sie ein gutes Verhältnis zu ihrer Mutter, wo Sie unterkommen können, sowie Ihre Freundin, mit der ich auch schon gesprochen habe! Und was die Arbeit angeht, sehe ich auch kein Problem. Sie haben von Ihrem letzten Arbeitgeber vor Gericht nur Lob erfahren. Wenn ich die Arbeitsmarktlage richtig sehe, dürfte es für Sie keine Schwierigkeiten geben, einen Arbeitsplatz zu finden!“ Auf seine Armbanduhr tippend meinte er nur noch: „Für heute dürfte es etwas zu spät sein. Aber wenn ich Sie morgen für drei Tage in Urlaub schicke, dürften Sie mir einen Arbeits­vertrag vorlegen können!“

So was war ja noch nie da gewesen. Ausgang und Urlaub zur Entlassungsvorbereitung war derzeit noch gar nicht vorgesehen und später auch nur über viele Formalitäten zu erreichen. Hier aber entschied der Anstaltsleiter ad hoc, dass ich am nächsten Tag schon Urlaub bekommen sollte. Und tatsächlich wurde ich am nächsten Morgen beim Aufschluss darauf aufmerksam gemacht, nicht zur Arbeit auszurücken, sondern mich gleich nach dem Frühstück auf der Asser­vatenkammer einzufinden, um mich zivil einzukleiden. Der Urlaubsschein liege bereits an der Pforte.

Hatte ich mich doch schon längst auf weitere 11 Monate in diesem Loch abgefunden, so kam diese Wendung für mich völlig überraschend. Ich hatte gar keine Zeit und Möglichkeit (meine Mutter hat bis zu ihrem Lebensende nie ein Telefon besessen), jemanden von meiner Ankunft zu unterrichten. Meine Mutter, die vom Gartenhäuschen bis zur Pforte einen Weg von gut 30 Metern zurückzulegen hatte, schlürfte mit müden Schritten und gesenktem Haupt in Richtung Gartenzaun ohne zu sehen, wem sie das Herausklingeln zu verdanken hatte. Auf halben Wege zur Garten­pforte, wo ich notgedrungen auf sie wartete, rief ich sie in freudiger Wiedersehenserwartung an. „Hallo Mutti, mach doch nicht so ein griesgrämiges Gesicht. Wir haben April, einen schönen Frühlingstag und dein Sohn kommt dich besuchen!“ Diese Ansprache hätte ich mir besser ver­kneifen sollen oder? Als meine Stimme in ihren Gehörgang eindrang, riss sie ihren Kopf hoch, blieb wie erstarrt mit weit aufgerissenem Mund und Augen auf dem Plattenweg, der zur Pforte führte, wie angewurzelt stehen. Wie sie mir später sagte, hätte sie geglaubt einen Geist in meiner Gestalt vor sich zu sehen. Vermutete sie mich doch sicher verwahrt hinter Gittern. Da meine Mutter vorläufig zu keiner Bewegung fähig war, kletterte ich notgedrungen über den Zaun. Anstatt des ansonsten üblichen Begrüßungsküsschens bekam ich nur jede Menge Tränenflüssigkeit in Höhe meines Schlüsselbeins aufs Hemd; wie oft in meiner Kindheit hatte meine Mutter MEINE Tränen trocknen, mich trösten müssen? Oh, wie stark und groß ich mich auf einmal fühlte, als ich meine Mutter auf meinen Arm gestützt ins Haus führen durfte. Ich konnte, wollte, ihren Gefühlsausbruch nicht unterbrechen. Wir saßen uns im Wohnzimmer noch eine ganze Weile, unsere Hände inein­ander verkrampft gegenüber, bis Mutter den Schock überwunden hatte. Dann aber kriegte sie sich wieder ein und machte sich Sorgen über mein leibliches Wohl.

Es war die Arbeitszeit, die viele Ehen zerstörte.

Herr Hundertmark, der Sachbearbeiter auf dem Gebiet der Gastronomie auf dem Arbeitsamt Han­nover, der mich schon seit meiner Lehrzeit kannte, zeigte sich erfreut darüber, mich mal wieder zu sehen. Auf seine Frage, wo ich denn so lange gesteckt hätte, antwortete ich ihm wahrheitsge­mäß. Er wusste es zu schätzen, dass ich ihm nichts vorlog, sondern die Wahrheit erzählte. Er meinte, dass er sich davon nicht freisprechen könnte, in meiner Situation nicht ebenso gehandelt zu haben. In den Anfängen der siebziger Jahre war es schwierig, noch richtige, gelernte Kellner zu vermitteln. Er zeigte mir eine Statistik, aus der hervorging, dass viel mehr Köche und Kellner bei dem VW-Werk oder bei Conti in Hannover als angelernte Arbeiter beschäftigt seien als den Gaststätten­betrieben zur Verfügung standen. Es war die Arbeitszeit, die viele Ehen zerstörte. Da ich mir aber geschworen hatte NIE mehr zu heiraten, ich meinen erlernten Beruf auch noch liebte, war es für mich keine Frage, ob ich dort weitermachen würde, wo ich zuletzt aufgehört hatte.

Herr Hundertmark hatte genügend freie Stellen zur Verfügung. Er riet mir allerdings, nicht unbe­dingt auf die Wahrheit großen Wert bei meiner neuen Einstellung zu legen. Deshalb auf solche Fragen nach dem letzten Arbeitsplatz vorbereitet, nahm ich mein Seefahrtsbuch zu meinem Vor­stellungsgespräch mit. Ich war ja, wie Sie sich noch erinnern können, ein cleveres Kerlchen. Auf die diesbezügliche Standardfrage, wo ich denn zuletzt gearbeitet hätte, wedelte ich mit dem Seefahrtsbuch vor der Nase meines zukünftigen Chefs herum und erklärte ihm, dass ich endlich wieder an Land arbeiten wolle, da meiner Mutter Gesundheitszustand sehr zu wünschen übrig ließe. Ich wollte in Zukunft gerne in ihrer Nähe sein. Da meine ehemalige Reederei ihren Sitz in Holland hatte, fiel es auch gar nicht weiter auf, dass ich fast in der Mitte des Jahres eine völlig unbefleckte deutsche Steuerkarte und auch eine leere Invalidenkarte, wie sie damals vonnöten war, dem Arbeitgeber gab.

Meinem neuen Arbeitgeber war das Seefahrtsbuch ohnehin ein Buch mit sieben Siegeln; ich konnte ihn also ohne weiteres damit aufs Glatteis führen. Er verlangte allerdings einen Arbeitsvertrag, in dem stand, dass ich meinen Dienst schon am 1. Mai antreten sollte. Das war mehr als knapp. Schrieben wir doch bereits den 24ten April. Meinem Glück vertrauend und die Justiz in Zeitnot bringend, unterschrieb ich selbstbewusst den Arbeitsvertrag.

Das wären doch verlorene Tage für unsere junge Liebe, meinte sie.

Ich muss hier gestehen, dass ich mich erst am dritten, letzten Tag meines gewährten Urlaubs zur Arbeitsbeschaffung überhaupt darum gekümmert hatte. In den ersten Tagen hatte ich einen ganz anderen Nachholbedarf in der Freiheit. Meine neue Braut – pardon-, was ich eigentlich sagen wollte, dass meine neue Braut eine geniale Idee hatte. Warum warten, wenn ich erst am Donners­tagabend wieder in der Anstalt in Celle antanzen musste, am Freitag mein Anstaltsleiter meinen Arbeitsvertrag in der Hand hielt, dieser denselben mit viel gutem Willen und Zeit noch am Freitag zum Gericht weiterleiten würde, dann würde er frühestens am folgenden Montag beim Land­gericht eintreffen. Das wären doch verlorene Tage für unsere junge Liebe, meinte sie. Deshalb fuhr die ganze Familie mit mir mit dem Taxi direkt zum Landgericht. Nur, wie auch die Maurer ihre Kelle, wie nachgesagt, pünktlich aus der Hand fallen lassen, so machten auch die Beamten gerne pünkt­lich Feierabend. So standen wir vier ziemlich verloren auf dem Gerichtsflur vor dem Zimmer des zuständigen Staatsanwaltes, nachdem wir festgestellt hatten, dass es kurz nach 16 Uhr war. Spä­testens in sechs Stunden musste ich mich wieder in Celle einfinden, wollte ich mir meine Chance zur vorzeitigen Entlassung nicht selbst vermasseln.

Zum Glück gab es im Gerichtsgebäude aber immer noch ein paar regsame Hände. Eine niedere Kaste im Beamtengeflecht war dazu da, die Arbeit der Oberen für den nächsten Tag vorzubereiten. Ein junger Mann schob einen Wagen mit Akten beladen über den Flur und verteilte diese in die einzelnen Amtszimmer. Wie er uns da so geknickt auf dem Flur stehen sah, enttäuscht darüber, dass nur wenige Minuten gefehlt hatten, um unser Anliegen vorzubringen, fragte er, was der Anlass unse­rer Traurigkeit wäre. Nachdem ich dem jungen Mann erklärt hatte, worum es ging, sah er über­haupt kein Problem darin, unsere Verspätung wieder auszubügeln. Den mit meiner Mutter unterschriebenen Mietvertrag sowie den Arbeitsvertrag einschließlich des Briefes vom Gericht selbst mit dem Aktenzeichen versehen befestigte der junge Assistent mit einer überdimensionalen Plastik­klammer oben auf der ersten Akte, die der Staatsanwalt am nächsten Morgen zur Vorbereitung seines Termins unbedingt in die Hand nehmen musste. Der hilfsbereite junge Mann war davon überzeugt, dass der zuständige Staatsanwalt meinen Vorgang keinesfalls übersehen könne. Mit gemischten Gefühlen, nicht wissend welchen Erfolg ich haben würde, fuhr ich natürlich rechtzeitig in das Celler Loch (Entschuldigung! Dieses Celler Loch[1] wurde ja erst viel später durch die angeb­lichen RAF Terroristen in die Mauer gesprengt!) zurück. Aber wie soll ich die paar Quadratmeter sonst beschreiben?

Hatte ich doch zum ersten Male mit 23 mein erstes Bier überhaupt getrunken, war also keineswegs ein Alki, gönnte ich mir in der Bahnhofskneipe in Celle doch noch zwei kleine Bier. Ahnte ich doch schon, dass es für mich mühsam sein könnte einzuschlafen. Ein Mentholbonbon und dann waren es nur noch zweimal lang hinfallen und schon stand ich, vom Bahnhof aus gesehen vor der Gefäng­­nispforte. Mit dem nötigen Papier ausgestattet ließ man mich natürlich auch wieder rein. Dank des Gerstensaftes oder auch vielleicht, weil die letzten beiden Nächte ziemlich anstrengend gewesen waren, schlief ich dann doch recht bald den Schlaf aller Gerechten. Am nächsten Morgen rückte ich wie alle anderen wieder zur Arbeit aus. Ich wusste es ja selbst nicht, was nun auf mich zukam. Deshalb konnte ich auch keine diesbezügliche Frage konkret beantworten. Hauptsächlich wurde danach gefragt, ob ich den auch die Gelegenheit gehabt hätte, ordentlich Saft abzulassen. Ich war natürlich Kavalier und schwieg bei solchen Fragen.

Eine saubere Blitzentlassung

Die zu Zeitstrafen Verurteilten begannen in der Regel die letzten Hundert Tage im Countdown herunter zu zählen. Dieser enorme Stress blieb mir diesmal erspart. Ich bekam eine saubere Blitz­entlassung im wahrsten Sinne des Wortes. Ich setzte mich also wie gewohnt an meine Näh­ma­schine. Wie immer war unser Arbeitsbetrieb als dritter an der Reihe, um unseren gesetzlich garan­tierten Hofgang von 30 Minuten zu absolvieren. Im Zuge der Strafvollzugsreform durften wir jetzt auch schon zu zweit oder gar zu dritt nebeneinander uns unterhaltend im Karree von 20 x 80 Metern unseren Bewegungsapparat in Form halten.

Kaum hatte unsere Freistunde begonnen und mich von allen Seiten die Leidensgenossen mit Fra­gen bombardiert hatten, wie denn z.B. die Welt da draußen sich verändert hätte, da rief auch schon mein Werkmeister von oben aus dem Fenster einen seiner Kollegen vom Hofdienst zu, er möge doch den Dieter Schulz zu ihm schicken. Im Betrieb angekommen schaute der Beamte mich von oben bis unten an, fragte: „Schulz, hast du im Urlaub irgendetwas ausgefressen?“ – „Nö! Wieso?“ – „Warum will dich sonst der Anstaltsleiter sehen?“ Ich war mir keiner Schuld bewusst. Schließlich stand seinerzeit noch nicht der Vermerk auf dem Ausgangs-Urlaubsschein: Alkohol und Drogenverbot!

Mit Alkohol hatte ich mich sehr zurückgehalten, weil sich das Zeugs bei mir immer auf die Potenz negativ auswirkte. 1970 kannte überhaupt noch kein Knacki andere Drogen als Tabak und Kaffee. Mit keinem Gedanken dachte ich daran, dass unser Abstecher zum nicht einmal diensttuenden Staatsanwalt etwas mit meiner Vorladung zum Direktor zu tun haben könnte. Als ich dann endlich vor ihm stand, brauchte ich mir nicht mehr unnötig den Kopf darüber zu zerbrechen. „So kenne ich Sie, Herr Schulz! Nie können Sie den Amtsweg einhalten. Hatte ich Ihnen nicht mit auf den Weg gegeben, dass Sie mir nach Ablauf von Ihrem Dreitage-Urlaub einen Arbeitsvertrag sowie eine Meldebescheinigung vorlegen sollten, damit ich Ihre vorzeitige Entlassung in die Wege leiten kann? Und was tun Sie?“ Ich glaube aber, er bewunderte eher meine Initiative, als dass er mir böse war. Er schaute auf seine Uhr und sagte: „Wenn Sie sich beeilen, können Sie in der nächsten Stunde diese Anstalt als freier Mann verlassen! Der Staatsanwalt hat mich vorhin angerufen und Ihre Entlassung verfügt, da Sie ja schon am 1. Mai ihre Arbeit antreten müssen!“ Jetzt wird wohl jeder verstehen was ich mit einer Blitzentlassung gemeint habe. „Ach ja, damit sich ihre Mutter oder sonst wer darauf vorbereiten kann, dürfen Sie von meinem Apparat jemanden anrufen!“ gab er sich gönnerhaft. Der Vermieter meiner Geliebten hatte Telefon im Haus. Dort rief ich dann auch an. Meine Freun­din versprach mir, mich vom Knast abzuholen. „Wie denn? In einer Stunde bin ich doch schon draußen!“ – „Wozu hat mein Hauswirt ein Taxiunternehmen?“ Damit war unser Gespräch auch schon beendet.

Der renitente Schulz zieht wieder mal eine Show ab!

Nur, meine Haftzeit zog sich dann doch noch einige Stunden hin. Die ganzen Abteilungen, die ich noch zu durchlaufen hatte, um endlich meine Entlassungspapiere zu bekommen, waren eigentlich nicht der Punkt, was die Verzögerung bewirkte. Es war ein sturer Beamter, der darauf bestand, dass ich einen Wisch unterschreiben sollte, dass ich bei meiner Entlassung vollkommen gesund sei und keinerlei Regressansprüche an die Anstalt stellen würde. Und genau diesen Wisch wollte ich nicht unterschreiben. Eingedenk dessen, dass sich mit meiner ärztlichen Betreuung während meiner Haft­zeit zweimal erhebliche Differenzen ergeben hatten, ich erst ins Krankenrevier gebracht wurde, als man merken musste, dass ich meine Krankheit nicht nur simulierte, pochte ich darauf, meinen Gesundheitszustand von einem Arzt meiner Wahl in Freiheit checken zu lassen. Da hieß es dann: ohne Unterschrift keine Entlassung! Ich unterschrieb auch bei dieser Drohung nicht. Ich wurde in eine Arrestzelle gesteckt. Ich hatte bereits meine Zivilklamotten an, reichlich Tabak in der Tasche und wartete. Ich wartete etwa eine Stunde. Die Zellentüre ging auf, man führte mich wieder zu dem Beamten, der mir die Unterschrift abverlangt hatte. Der gleiche Spruch: Unterschreiben oder keine Entlassung! Das wollte in meinen ostpreußischen Dickschädel einfach nicht rein. Wieder ab in die Arrestzelle. Inzwischen hatte meine Liebste draußen an der Pforte schon angefragt, wann denn nun Herr Schulz entlassen würde. Es hätten sich da Probleme ergeben. Das könne noch dauern, wurde sie beschieden. Bei ihrer zweiten Nachfrage blieb es nur beim Versuch einer Frage. Sie wurde brüsk der Türe verwiesen. Es hatte sich schon bis zur Gefängnispforte rumgesprochen, dass der renitente Schulz wieder mal eine Show abzog. Als unbescholtene Bürgerin unseres Rechtsstaates ließ sich meine Geliebte diese Behandlung nicht gefallen. Die Taxiuhr tickte vor sich hin und bei ihr tickte eine Idee. Genau gegenüber dem Zuchthaus, pardon, die Bezeichnung Zuchthaus war ja bereits abgeschafft, also gegenüber dem Gefängnis begann ein schön angelegter Park. Und dort stand auch eine doppelte Telefonzelle der Deutschen Post. Es lagen sogar heile Telefonbücher darin. Im Branchenverzeichnis fand sie jede Menge Rechtsanwälte. Schon beim fünften Versuch erreichte sie ein Anwaltsbüro, wo ein Rechtsanwalt nicht gerade beim Gericht war, um einen Ter­min wahrzunehmen. Wenige Minuten später hielt er neben dem Taxi. Auf dem Dach des Taxis unterschrieb meine Liebste eine Vollmacht, gab ihm das vereinbarte Honorar. Als Bevollmächtigter Rechtsanwalt verlangte er an der Pforte Zugang zu seinem Mandanten Dieter Schulz. Natürlich wurden auch Rechtsanwälte gründlich durchsucht, bevor sie zu ihrem Mandanten konnten. Nur kam es erst gar nicht mehr dazu, dass er ins Gefängnis in eine extra dafür vorgesehene Zelle vorgelassen wurde. Ein Telefongespräch mit der Ankündigung, dass Herrn Schulz sein Anwalt da wäre, genügte, um mir meine Entlassungspapiere auszuhändigen. Ohne die hartnäckig von mir geforderte Unterschrift versteht sich.

Der Mai 1970 war schon ein vorgezogener Sommer. Ich trat pünktlich meinen Dienst bei meinem neuen Arbeitgeber an. Trotz meiner anfänglichen Befürchtungen, in den 25 Monaten meiner Haft etwas von meinem Beruf verlernt zu haben, klappte alles als wäre ich nie raus gewesen. Leider ent­puppte sich die GmbH (Gesellschaft mit beschränkter Hoffnung) auch als solche. Meine Hoffnung jetzt endlich wieder ein geregeltes Leben in völliger Freiheit gestalten zu können, beschränkte sich auf ganze zweieinhalb Monate. – Abgesehen davon, dass ich mal beim Küchenchef Spaghetti reklamierte, die ich einem Gast ser­vieren sollte, die aber so aussahen, als wären sie schon mal gegessen worden, zoffte er mich an, „ob ich denn nun ein Kellner wäre, dann würde ich die Spaghetti auch servieren können, ohne dass der Gast dies merke!“ brüllte er mich an. Also gut. Ich verwickelte den Gast in ein Gespräch, legte von ihm unbemerkt die Spaghetti so vor, dass er diese nicht sah und drapierte über den Nudel­klumpen geschickt die Soße. Der Gast schien ein eher schüchterner Mitmensch zu sein. Oder aber er war von seiner Frau nichts Besseres gewohnt. Dass er aber seine Piccata Milanese mit lan­gen Zähnen aß, bemerkte ich schon.

Jener Vorfall war allerdings nicht der ausschlaggebende Punkt, warum dieses Arbeitsverhältnis nur ganze zweieinhalb Monate andauerte. In dem Personalumkleideraum standen genau 18 Spinde, ähnlich wie wir sie beim Bund hatten. Sie bestanden aus Blech mit den üblichen Luftschlitzen am oberen Ende. Jeder Angestellte brachte sein eigenes Schloss mit. Eines Tages jedoch erwiesen sich diese Vorhängeschlösser als rausgeschmissenes Geld. Irgendjemand hatte mit etwas Kraftaufwand die leichten Blechtüren so nach außen verbogen, dass er bequem die darin hängende Privatgar­de­robe durchwühlen konnte. Ich, als Kellner, ließ natürlich nie Bargeld in meiner Garderobe. Brauchte ich doch jeden Groschen als Wechselgeld, so wie ein Handwerker sein Werkzeug. Noch nicht mal Fingerabdrücke fand die gerufene Kripo. Schon gar nicht den Einbrecher. Dafür aber fand mein Chef zwei Tage später meinen Haftentlassungsschein, der ihm unter der Türe durch­ge­schoben worden war. Bei meiner Entlassung hatte man mir nämlich geraten, diesen Schein noch mindestens drei Monate aufzubewahren. Das wäre nützlich bei irgendwelchen Kontrollen oder Behördengängen. Solange könne es nämlich dauern, bis ich sicher sein könnte, dass ich nicht mehr als Inhaftierter geführt würde. Also bewahrte ich den Schein in meiner bargeldlosen Brief­tasche in dem Garderobenschrank auf. Meiner Meinung nach konnte der Dieb nur aus den eige­nen Reihen stammen. Wie sonst kommt zwei Tage danach der Schein ins Büro meines Chefs. Nach­dem dieser mich hochkant gefeuert hatte, weil er es nicht überwinden konnte, auf mein See­fahrtsbuch hereingefallen zu sein, bekam ich am nächsten Tag von Herrn Hundertmark auf dem Arbeitsamt gleich wieder mehrere Stellen zur Auswahl.

Der neue Job hatte auch nur ein Haltbarkeitsdatum von vier Monaten. Eines Tages im November, tags zuvor hatte ich noch die letzte Kaiserenkelin bei ihrer Geburtstagsparty bedient, wurde ich ins Personalbüro gebeten. Man verlangte von mir, die vom Haus gestellte weiße Kellnerschürze abzu­bin­den und die Kasse abzuschlagen. Warum? Das wüsste ich ja wohl selbst am besten, wurde mir gesagt. Ich kann mir den Grund meiner plötzlichen Entlassung nur so vorstellen, dass mich irgend­ein Gast als ehemaligen Zuchthäusler erkannt hatte oder aber von meinem Ex-Chef im Kollegen­kreis angeschwärzt wurde.

Entweder man suchte einen guten Kellner oder aber jemanden mit einer sauberen Vergangenheit.

Lache Bajazzo[2], für Tränen zahlt man nicht! Dieses Lied und warum weinen, wenn man ausein­ander geht, wenn an der nächsten Ecke schon ein anderer steht?[3] fiel mir ein, als ich mich wieder in Zivil­kleidung schmiss. Damals brauchte man samstags nur die Seite mit den Stellenan­zeigen aufzuschla­gen um zu erfahren, wo alles Kellner gesucht wurden. Ich hatte meine Lektion gelernt. Mit Ver­schwei­gen oder Lügen meiner wahren Vergangenheit konnte ich keinen Blumentopf gewinnen. Mein neues Motto hieß: Ab durch die Mitte. Entweder man suchte einen guten Kellner oder aber jemanden mit einer sauberen Vergangenheit. Ich versuchte es also beim dritten Anlauf mit der Wahr­heit. In einer sehr renommierten Gaststätte, die sogar unter Denkmalschutz stand, bat ich den Chef sprechen zu dürfen zwecks der ausgeschriebenen Stelle für einen Kellner. Als ich dem dann gegenüber saß, klopfte mir das Herz bis zum Halse. Als erstes weigerte er sich, meine in der vor ihm liegenden Mappe befindlichen Zeugnissen anzusehen. „Papier ist geduldig!“ mit diesen Wor­ten schob er mir die Mappe wieder zu. „Ich mache mir gerne selbst ein Bild von den Menschen, die hier arbeiten. Wie Sie vielleicht wissen, haben wir hier ein exquisites Publikum, welches viel herumkommt und sich mit gutem Service auskennt. Wenn Sie am Tisch filieren, tranchieren, kochen und flambieren können, etwas vom Wein verstehen und mir das in der 14tägigen Probezeit beweisen, sehe ich keinen Grund, dass wir nicht ein festes Arbeitsverhältnis eingehen !“ Mit den wenigen Sätzen hatte er mir klipp und klar seine Einstellungsphilosophie erklärt.

„Da wäre aber noch etwas was ich Ihnen vorher noch sagen muss!“

 

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Fußnote

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Celler_Loch

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_gefl%C3%BCgelter_Worte/L#Lache.2C_Bajazzo.21

[3] http://www.songtexte.com/songtext/marlene-dietrich/wer-wird-denn-weinen-wenn-man-auseinander-geht-73c25eb1.html