Dierk Schaefers Blog

150 Jahre Bethel – Ein chrismon spezial

»„Für Menschen da sein“: Das ist so ein einfacher Satz.« So begrüßt Annette Kurschus, Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen, die liebe Leserin und den lieben Leser.

Und dann schreibt sie von der außerordentlich segensreichen Entwicklung der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel seit den allerersten Anfängen.

Nun darf man von der ersten Frau der westfälischen Kirche nicht erwarten, dass sie mit ihrer Gratulation die Festharmonie stört. Aber chrismon hätte wenigstens auf einer Seite an die nicht so segensreichen Momente in dieser Entwicklung erinnern müssen. Ich, der ich viele Kontakte mit ehemaligen Heimkindern habe, fühle mich an den Film von Thomas Vinterberg erinnert. Dort wird auch ein Fest gefeiert, ein Familienfest. Und dann geschieht das Schockierende. Der Jubilar sieht sich mit den Vorwürfen konfrontiert, zwei seiner Kinder missbraucht zu haben.[1] Unter der Oberfläche der Harmonie einer funktionierenden Familie taucht das Grauen auf.

Sicherlich ist Bethel eine hilfreiche Einrichtung und nur weltferne Idealisten werden von einem Sozialkonzern mit Eigeninteressen sprechen. Doch wenn das Grauen keinen Platz im Festkalender bekommt, wird das Fest zur Lüge. In der Infographik auf Seite 22f taucht auch das Schild „Freistatt“ auf. Die „Moorsoldaten“ aber werden beschwiegen. Doch vielleicht ist es ja ein versteckter Hinweis, dass zwischen der heutigen Bezeichnung Bethel im Norden und Freistatt Welten liegen. Damals war es brutale Ausbeutung der jungen Schutzbefohlenen, die man beim besten Willen nicht „Arbeitstherapie“ nennen konnte. Der Film „Freistatt“ wurde auf „arte“ gezeigt und ist – in schlechter Bildauflösung – auf youtube verewigt. Den Link dazu findet man in meinem Blog in einem Kommentar.[2] Der Film ist preisgekrönt: »Drehbuchpreis für „Anstalt Freistatt, Moorhof zur Hölle“«[3], unter diesem Link auch der Kommentar von Martin Mitchell, einem ehemaligen „Moorsoldaten“ vom 3. August 2016. Er zitiert aus der Braunschweiger Zeitung.

Hier ein Auszug:

»Sechs Wochen lang hat [der im Jahre 1923 geborene] Erich Helmer 1968 als Pfarrer IM DIAKONISCHEN HEIM IN FREISTATT IM KREIS DIEPHOLZ gearbeitet. Dort waren Jugendliche untergebracht, die als kriminell galten, und Jugendliche, die von ihren Eltern abgeschoben wurden. Helmers Auftrag lautete, die Jugendlichen zu betreuen und mit ihnen Wege aus der Kriminalität zu finden. Dazu kam er aber nicht. Die Jugendlichen mussten von mor­gens bis abends im Moor schuften. Freizeit gab es nicht, Räume für Einzelgespräche oder einen Hauch von Privatsphäre auch nicht. Helmer erlebte, wie die Jugendlichen geschlagen und getreten wurden, wie sie mit Zahnbürsten den Boden schrubben und sich abends damit die Zähne putzen mussten.«

Zum chrismon-spezial hätte auch ein kurzer Blick auf diesen Teil der Jubelvergangenheit gehört. Nichts davon, auch kein Hinweis auf den Vortrag von »Pas­tor Friedrich von Bodelschwingh, theologischer Vordenker, Gründungsvater und Chef in Bethel. [Er] behauptete: Die Sterilisierung Behinderter entspreche dem Willen Jesu. von Bodelschwingh wört­lich: „Ich würde den Mut haben, in Gehorsam gegen Gott, die Eliminierung an anderen Leibern zu vollziehen.“«[4]

Ist Bethel heute ganz anders? Sicherlich. Aber die FAZ vom 27. Januar 2017 berichtet unter der Überschrift Ausgerechnet in Bethel »„Für Menschen da sein“, so lautet das Motto der Stiftung, von der viele sagen, sie habe mit ihrem Tak­tieren auf dem Rücken der Menschen ihren Haus­halt sanieren wollen. „Von denen kann man in Sachen kaltblütigem Verhandlungsgeschick noch was lernen“, sagt ein an der Sache nicht be­teiligter Beamter im Düsseldorfer Schulministerium.« [5]

Spenden für Bethel? chrismon-spezial druckt den Aufruf von Pastor Ulrich Pohl,Vorsitzender des Vorstandes der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel samt Überweisungsträger ab. Der Kollege Pohl zählt zu den Geschäftsleuten des Evangeliums und macht das recht professionell. Hat auch schon einen Platz in meinem Blog samt vielen Kommentaren.[6] Alles lesenswert. Ich beherzige das.

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Das_Fest_(Film)

[2] https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/27/willkommen-arbeit-macht-frei/

[3] https://dierkschaefer.wordpress.com/2013/07/18/drehbuchpreis-fur-anstalt-freistatt-moorhof-zur-holle1/

[4] so Alexandra Galle in einem Kommentar von 17. Juli 2015 in https://dierkschaefer.wordpress.com/2014/12/27/hephata-aus-tradition/

[5] https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/27/willkommen-arbeit-macht-frei/

[6] https://dierkschaefer.wordpress.com/2014/11/24/5764/

Keine rentenrechtliche Anerkennung von Zwangsarbeit

»Unter Zwang geleistete Arbeit von Heimkindern könne nicht als Beitragszeit in der Rentenversicherung anerkannt werden.«[1]

Als positiv ist hervorzuheben, dass hier gerichtlich überhaupt der Gedanke geäußert wird, es könne in Kinderheimen Zwangsarbeit gegeben haben. Ein Gedanke, den die vorurteils­behaftete „Moderatorin“ des Runden Tisches, Antje Vollmer, gescheut hat, wie sprichwörtlich der Teufel das Weihwasser, um einen Vergleich zu wählen, der für eine Theologin passend erscheint.

»Nach Auffassung des Landessozialgerichts ist es zwar glaubhaft, dass die Klägerin zu verschiedenen Arbeiten herangezogen worden ist, wenn auch der genaue Umfang auch unter Berücksichtigung von bereits bestehenden Beweiserleichterungen nicht mehr aufklärbar ist. … Weder habe aber nach damaligem Recht eine echte versicherungspflichtige Beschäftigung vorgelegen, noch habe es Beitragszahlungen des Heimes gegeben, noch sei ein Arbeitsver­hältnis vereinbart worden. Nach damaliger Anschauung sei das Prinzip der Erziehung durch Arbeit vorherrschend gewesen. Heimkinder haben nicht in einem auf den freien Austausch von Arbeit und Lohn gerichteten Verhältnis gestanden. Was die Klägerin im Rahmen ihrer Unterbringung erhalten habe (Kost/Logis, Bekleidung, Taschengeld), stelle sich daher nicht als (beitragspflichtiges) Arbeitsentgelt dar. Ob das Kinderasyl Gundelfingen seinerzeit Personal eingespart oder die Arbeit der Klägerin gewerblich für Dritte genutzt habe, sei nicht aufklärbar gewesen, hätte aber auch nicht zur Versicherungspflicht geführt. … Eine rentenrechtliche Berücksichtigung dieser Zeiten sei nach der gegebenen Rechtslage nicht möglich und damit Sache des Gesetzgebers.«[2]

 

Was wir dem Urteil entnehmen können:

  1. Kinder als Schutzbedürftige konnten sich der schutzpflichigen Einrichtung dem als Arbeitstherapie getarnten Zwang nicht widersetzen. Wenn das Gericht meint: Heimkinder haben nicht in einem auf den freien Austausch von Arbeit und Lohn gerichteten Verhältnis gestanden, so ist das ein Hohn. Speziell diese Kinder waren rechtlos ihren Einrichtungen ausgeliefert, die sie rücksichtlos wirtschaftlich zur Kostendeckung und Gewinnerzielung ausgebeutet haben. Die Arbeitstherapie war in kirchlichen Einrichtungen zudem religiös verbrämt; manche Erzieher werden selber daran geglaubt haben. Selbstverständlich bekamen die Kinder weder einen Lehrlings-, noch Arbeitsvertrag. Das wäre nachteilig für die Einrichtungen gewesen – bis heute! Da Sozialgerichte nur aufgrund bestehender Gesetzeslage urteilen können, sind ihnen die Hände gebunden, damalige Menschenrechtsverletzungen (Zwangsarbeit gehört dazu) als solche anzuerkennen. Hier ist der Gesetzgeber gefordert, meint auch das Gericht. »Der Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages habe zwar im Jahr 2008 hinsichtlich der Möglichkeit der Beitragsnachentrichtung für Arbeit während der Heimunterbringung ein Tätigwerden des Gesetzgebers angeregt.«[3] Doch dieser schläft den Schlaf des Ungerechten.
  2. Die Beweislage ist schwierig. Doch die Behandlung der Entschädigungsleistungen für Homosexuelle (§ 175) weist einen Ausweg: Per Eidesstattlicher Erklärung sollen sie Entschädigungen beanspruchen können. Die sind allerdings in einer Höhe gehalten, die den ehemalige Heimkinder vertraut vorkommen dürfte: In Deutschland gibt es (fast) nichts für Opfer. „Du Opfer!“
  3. Der Hinweis auf den Runden Tisch von Frau Vollmer und die in der Folge geöffnete rudimentäre Anerkennung von Rentenzeiten ist selbst rudimentär. Seit Jahren ist die Anerkennung gleicher Vorgänge in Einrichtungen für Kinder mit Behinderung überfällig. Auch von dort wurde Zwangarbeit glaubhaft berichtet.

Und sollte sich der Gesetzgeber, das Bundesparlament, aufraffen, die Gesetzeslage zugunsten der Opfer zu verbessern, so werden sich gewiss im Bundesrat Rat und Widerstand dagegen finden.

 

[1] https://www.juris.de/jportal/portal/page/homerl.psml?nid=jnachr-JUNA170303535&cmsuri=%2Fjuris%2Fde%2Fnachrichten%2Fzeigenachricht.jsp

[2] wie Anmerkung 1

[3] http://rsw.beck.de/aktuell/meldung/lsg-baden-wuerttemberg-keine-rentenrechtlichen-beitragszeiten-fuer-ehemalige-heimkinder-wegen-zwangsarbeit

Heimkinder als Verfügungsmasse

Als Versuchskaninchen wurden sie auch benutzt. Seit Sylvia Wagner über Arzneimittel­studien an Heimkindern publiziert hat[1], purzeln die Meldungen geradezu aus dem Medien. Immer mehr Heime und Fälle werden genannt, auch aus dem Ausland[2]. Die FAZ veröf­fentlichte am 19. November einen ganzseitigen Artikel über „Tablettenkinder“ an recht prominenter Stelle[3].

Die Heimereignisse sind also noch vielfältiger, als sie bisher dargestellt wurden. Doch überraschend kommt das nicht. Es ist nur ein weiteres unterdrücktes und verdrängtes Kapitel der Heimgeschichte.

Ich sehe bisher fünf Phasen.

Die erste Phase ist durch das Stichwort „Schläge im Namen des Herrn“ (SPIEGEL-Redakteur Wensierski) zu umreißen. Es ging um die Vorkommnisse in den Heimen, die man aufgrund der damaligen pädagogischen Kenntnisse – vorsichtig formuliert – als hinderlich für den weiteren Werdegang vieler ehemaliger Heimkinder bezeichnen kann. Die Heimkinder nennen die alltäglichen Demütigungen, Gewalttätigkeiten, Zwangsarbeit und Bildungsverwei­ge­rung „Verbrechen“. Die folgenden Phasen resultieren aus dieser ersten.

Als diese Vorkommnisse nicht mehr geleugnet werden konnten, kam die zweite Phase: der Runde Tisch Heimkinder, „moderiert“ von Frau Vollmer. Hier saßen wenige ehemalige Heim­kinder einer Phalanx von kompetenten Interessenvertretern von Staat und Kirchen gegen­über – und sie wurden gezielt betrogen.[4] Die Medien schreiben bis heute von Ent­schädigungen, obwohl die bescheidenen Geldzuwendungen erklärtermaßen keine sein sollen, denn dann gäbe es einen Rechtsanspruch. Das durfte nicht sein, ebensowenig wie man bereit war, die Zwangsarbeit als solche zu deklarieren und zu vergüten. Auch heute noch renom­mierte Firmen blieben verschont. Bleibende Körperverletzungen blieben unberücksichtigt wie grundsätzlich auch die Kinder aus Behindertenheimen und Kinderpsychiatrien.

Die dritte Phase begann mit dem Bekanntwerden des umfangreichen sexuellen Missbrauchs in den Erziehungseinrichtungen und mündete in den separaten Runden Tisch Missbrauch. Missbrauch war am ersten Runden Tisch bereits zur Sprache gekommen, war jedoch kein eigenes Thema, wie auch die Medikamentierung der ehemaligen Heimkinder. Viele berichteten, wenn auch nicht von Versuchen, so doch von Medikamenten zur Ruhigstellung mit psychotropen Substanzen. Das hat nicht weiter interessiert.

Nun beginnt die vierte Phase mit der Aufdeckung umfangreicher medizinischer Versuche an ehemaligen Heimkindern. Medikamente waren nicht das einzige. Ich erinnere mich an die Schilderung eines ehemaligen Heimkindes, der wegen Bettnässen in der Universitätsklinik Tübingen mit Elektroschocks am Penis behandelt wurde bis zur Verschmorung des Gewebes.

Eine fünfte Phase wird gerade eingeleitet mit der Errichtung einer Stiftung „Anerkennung und Hilfe“ für die ehemaligen Heimkinder aus Behinderteneinrichtungen und Psychiatrien.

Das Schicksal der Kinder in den Heimen hat die Forschung beflügelt, wie auch jetzt aktuell in der Medikamentensache. Die Heimkinder sehen nach meiner Kenntnis dabei hauptsächlich, dass für die Forschung Geld bereitgestellt wird (wie auch für die Verwaltung ihrer Anträge), aber kein Geld für halbwegs angemessene Entschädigungen. Ein Großteil der ehemaligen Heimkinder lebt in äußerst bescheidenen Verhältnissen, allein schon bedingt durch heimver­ursachte Bildungsmängel.

Ich teile die Skepsis der ehemaligen Heimkinder, dass auch für die neu bekannt werdenden Fälle wieder nur „Almosen“ übrig bleiben werden, – auf Antrag und unter retraumatisierenden Bedingungen. Unsere Medien werden wieder von Entschädigungen sprechen. Sie sollten besser recherchieren.

Bewertung: Schutzbefohlene können zu den verschiedensten Zwecken „verzweckt“ , also missbraucht werden, die Geschichte der Heimkinder belegt das. Es wäre auch nach den Insassen der Seniorenheime zu fragen, nach den Strafgefangenen, auch nach Kranken in den Krankenhäusern, – es gäbe wohl noch manche andere. Ich will bei den Kindern bleiben.

Neuere Vorkommnisse[5] zeigen, dass trotz einer Besserung der Verhältnisse wohl auf breiter Basis in den totalen Institutionen es ohne Rücksicht auf die Rechtslage[6] immer wieder zu Übergriffen kommt, die nicht tolerierbar sind. Vertrauen mag gut sein, Kontrolle ist besser. Wir brauchen für die verschiedenen Gruppen Schutzbefohlener Ombudsleute, die nach ihrer Überprüfung der Plausibilität von Vorwürfen bevollmächtigt sind, die Fälle in den Einrichtungen zu untersuchen (Befragungen, Akteneinsicht, Schiedsbefugnis, Beschwerde­macht bis hin zur Anklagebefugnis). Viele Schutzbefohlene haben noch ihre Familien oder Freunde, die für sie die Ombudsperson anrufen können, wenn sie nicht selber mehr dazu in der Lage sind.

Doch ich fürchte, dass unsere Politiker eher um ihre Wiederwahl besorgt sind und auf Lobbyisten hören, denn auf die Sorgen und Beschwerden „kleiner Leute“.

Fußnoten

[1] http://duepublico.uni-duisburg-essen.de/servlets/DerivateServlet/Derivate-42079/04_Wagner_Heime.pdf

[2] http://www.lkz.de/lokales/stadt-kreis-ludwigsburg_artikel,-%E2%80%9ETaeglich-ein-Becherle-mit-Smarties%E2%80%9C-_arid,396038.html

http://www.shz.de/lokales/schleswiger-nachrichten/ndr-mehr-medikamenten-tests-mit-heimkindern-als-bislang-bekannt-id15429721.html

http://www.tagesanzeiger.ch/zuerich/gemeinden/Schlimme-Befuerchtung-Pharmatests-an-Heimkindern/story/31169665

http://www.shz.de/regionales/newsticker-nord/ndr-mehr-psychopharmaka-tests-mit-heimkindern-als-bekannt-id15429266.html

http://www.aerztezeitung.de/panorama/article/924075/medikamententests-heimkindern-betroffener-erzaehlt.html

http://www.cbgnetwork.org/6964.html

Pharmaindustrie: grausame Medikamentenversuche unter dem Motto „Kinder sind unsere goldene Zukunft“

https://www.radio-utopie.de/2016/11/27/erprobungen-mit-aolept-und-megaphen-heimkinder-mussten-bayer-arzneien-testen/

[3] Von Reiner Burger, FAZ Sonnabend, 19. 11. 2016, S. 3. Leider kann ich aus ©-Gründen meinen Scan hier nicht einstellen.

[4] https://dierkschaefer.wordpress.com/2011/01/31/der-runde-tisch-heimkinder-und-der-erfolg-der-politikerin-dr-antje-vollmer/

[5] https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/07/12/friesenhof-skandal-neue-kinder-und-jugendhilfeverordnung-ab-ende-juli/

https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/09/12/gewerbeschutz-von-traegern-der-jugendhilfe-im-gesetz-besser-geschuetzt-als-das-kindeswohl/

[6] Auch die Rechtslage ist dank der Lobby-Arbeit der Sozialkonzene nicht im Sinne von Schutzbefohlenen gleich welcher Art. https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/06/24/die-zahnlosigkeit-der-gesetze-zum-recht-von-schutzbefohlen/

Gerade kommt noch ein neuer Link rein: http://www.derbund.ch/zuerich/gemeinden/Schlimme-Befuerchtung-Pharmatests-an-Heimkindern/story/31169665

#TELEKOM – Namen sind nicht nur Schall und Rauch.

Posted in Bürokratie, Erlebnispädagogik, Firmenethik, Kultur, Leben, Medien, Moral, News, Recht, Soziologie, Wirtschaft by dierkschaefer on 26. November 2016

Namen zeigen zuweilen, wo’s brennt. Bei der TELEKOM ist die TELEKOMmunikation verstümmelt. Das Logo zeigt’s noch deutlicher: Ein T gefolgt von drei Pünktchen – ein Offenbarungseid in Sachen Kommunikation: T

„Bin grad ohne Telefon – Telekom“, sage ich meinen Bekannten und stoße auf gequältes Mitleid. „Machen Sie sich auf fünf Wochen gefaßt!“

Ich hatte leichtsinnigerweise dem Vorschlag auf „Umstellung auf IP“ zugestimmt.

Die T hatte mir versichert, meine Fritz!Box und meine EUMEX-Anlage seien kompatibel. Ich müsse auch nicht daheim sein, das laufe alles im Hintergrund.

Aus dem Urlaub zurück war mein Telefon tot. Aber ich fand ein nicht bestelltes Paket vor mit „Speedport“ und „Speedportadapter“. Den Speedport legte ich zur Seite, ich hatte ja meine Fritz!Box, und begann zu adaptieren. Mein Telefon blieb tot.

Unter der Service-Nummer der T … begrüßte mich ein verräterisch-überbetontes „Herzlich willkommen!“ Das war der Empfangsautomat, der gleich gouvernantenhaft-helfend die Richtung wies: „Kundennummer bereit halten – Leider sind alle unsere Mitarbeiter zurzeit im Gespräch“ – und dann der an- und abschwellende Bocksgesang der Warteschleifenmusik. Bei meinen vielen Kommunikationsversuchen mit der T habe ich fast Heimatgefühle entwickelt.

Also: Fast nichts gegen die Mitarbeiter der T , die sind durchweg freundlich bemüht, einem zu helfen – und ich habe viele kennengelernt, immer wieder neue. Kontinuierliche Kommunikation ist bei T nicht möglich. Immer wieder aufs neue die Kundennummer und das Problem genannt, bis ich mich beinahe selbst als Problem wahrnahm. Nur einmal hat mich einer kommentarlos in den Orbit der Warteschleife zurück-katapultiert und einmal geriet ich an einen, der sich nur mit Produktziffern und anderen Abkürzungen verständlich machen wollte. Der Techniker, der schließlich bei mir auftauchte, ein Nerd wie er im Netz steht, befand, die Leitung sei in Ordnung – und verschwand.

Hilferuf an Fritz!Box: „Ist meine Box kompatibel?“ Keine Warteschleife, Problem geschildert. „Ich schaue nach.“ Dann ein Mail (mein Netzanschluss war zum Glück intakt geblieben): „Nicht kompatibel“.

Wieder die Warteschleife der T . „Ich will hinter die IP-Umstellung zurück!“ – „Die Rückgabefrist ist abgelaufen, 14 Tage im Fernabsatzgeschäft. Nun haben Sie einen Speedport an der Backe“(sic!). Wie beruhigend. Ich sehe mich betrogen, koppele meine Fritz!Box ab und schließe meinen (?) Speedport an. Das Telefon bleibt tot.

Wieder die Warteschleife, wieder die scheußliche Musik, und immer wieder Mitarbeiter, die mich freundlich fernsteuern für die Einrichtung des Speedports.

Entgegen der Bedienungsanleitung: „Den Adapter brauchen Sie trotzdem. — Machen Sie doch mal … dies … und das“. T : „Dann ist wohl der Adapter kaputt. Wir schicken einen neuen“. – „Wann kommt der?“

Seit einer Woche ohne Telefon, angewiesen auf mein Prepaid-Handy und immer in Kontakt mit der inzwischen fast lieb gewonnenen T .

„O, bitte, bitte, Telekom, komm, komm, komm!

Doch bei der Kommunikationsmethode der T , Automaten mit Zufallszuweisung an menschliche Mitarbeiter, da wird’s wohl noch dauern.

Auch mein Arzt sagte erfahrungsgequält: „Machen Sie sich auf fünf Wochen gefaßt!“

Das verräterische Bedauern der Firma Merck.

»Ein Sprecher des Pharmaunternehmens sagte, Merck habe nicht rechtswidrig gehandelt. Die Frage nach Wiedergutmachung stelle sich daher nicht. „Sollten sich Dritte nicht entsprechend der Gesetzeslage verhalten haben, bedauern wir das selbstverständlich“, erklärte das Unternehmen.«[1]

Die Selbstverständlichkeit des Bedauerns entlarvt den Pharmariesen. Geheucheltes Mitleid, purer Hohn für die Betroffenen. Selbstverständlich sieht sich die Firma nicht in der Verantwortung, will nicht in Verbindung mit Medikamentenversuchen an Kindern gebracht werden, will nicht zahlen. Diese Abwehrhaltung ist verständlich. Auch das hessische Sozialministerium bringt sich aus der Schusslinie, spart sich jedoch das „selbstverständliche“ Bedauern. »„Wie auch aus der Veröffentlichung von Frau Wagner hervorgeht, gab es damals keine gesetzlichen Vorschriften, Medikamententests bei einer zuständigen Bundesoberbehörde anzumelden.“ Außerdem unterlagen die Tests noch nicht der behördlichen Überwachung durch die zuständige Landesbehörde. „Das erklärt, warum wir hierzu keine Informationen aus dieser Zeit vorliegen haben.“«

So klug war man bei Merck nicht. Eine freud’sche Fehlleistung? Immerhin bleibt ungeklärt, auf welcher Grundlage Merck der Ärztin des Kinderheims Hephata ein noch nicht zugelassenes Mittel lieferte[2], das „typischerweise bei Psychosen oder Schizophrenien eingesetzt“ wird. Wen beliefert heute die Firma Merck mit nicht zugelassenen Arzneimitteln? Und lehnt die Verantwortung für ihren Einsatz ab? Die Selbstverständlichkeit des Bedauerns ist eine verräterische Nebelgranate, die verdecken soll, dass Merck tiefer verstrickt ist, als die Firma zugibt.

Es kommt aber noch deutlicher: »Zugleich wies die Firma darauf hin, dass seinerzeit nicht nur Arzneimittel von Merck an Kindern in Einrichtungen getestet worden seien, sondern auch von vielen anderen Pharmafirmen. Tatsächlich enthält Wagners Arbeit Hinweise auf Medikamente von Behring, Boehringer Mannheim, Pfizer und anderen Herstellern.« Ist doch schön, andere auch!

Ungeklärt bleibt, auf welcher wissenschaftlichen Versuchsbasis und mit welchem Wissen über die Hintergründe die Firmen die Zulassung solcher Medikamente erlangt haben.

Weiter ist zu fragen, wie es denn heute läuft mit der Transparenz bei der Testung und Genehmigung von Arzneimitteln? Kann man vonseiten der Firmen wie der Behörden ausschließen, dass solche Versuche ganz einfach ins Ausland verlagert wurden, in Länder, die es mit den Menschenrechten nicht sonderlich genau nehmen?

Fairerweise ist das Dilemma zu benennen. Arzneimittel müssen in einem sorgfältigen Prozedere getestet und zugelassen werden. Nach der angenommenen Unbedenklichkeit kommen Tierversuche, danach die Versuche an Testpersonen. Medikamente für Kinder sind nicht an Kindern getestet, sie werden, soweit ich weiß, off-label[3] verschrieben: Die Dosis für Erwachsene wird nach Körpergewicht für Kinder runtergerechnet. Das muss nicht in jedem Fall unproblematisch sein. Doch auch hier haben die Pharmafirmen die Verantwortung den verschreibenden Ärzten zugewiesen.

Diese Sachlage könnte ganze Ethik-Kommissionen ins Rotieren bringen. Doch die befassen sich wohl lieber mit populäreren Themen. Selbstverständlich?

[1] Alle Zitate nach: http://www.lampertheimer-zeitung.de/wirtschaft/wirtschaft-suedhessen/merck-medikamente-wurden-auch-an-hessischen-heimkindern-getestet_17454613.htm

[2] So geht es aus den Unterlagen der Firma Merck hervor. Das Mittel wurde auch an den Arzt im Essener Franz-Sales-Haus geliefert, der es an Kindern von fünf bis 13 Jahren erprobte und die Leiden der Kinder akribisch beschrieb. Es soll sich um bis zu 40 Probanden gehandelt haben.

[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Off-Label-Use

Kinder als Versuchskaninchen

Arzneimittelstudien an Heimkindern kamen angeblich nur selten vor. Das sieht aber anders aus. Die Studie[1] nennt es „ein Versäumnis des Runden Tisches Heimkinder“ und fragt, „warum es der RTH abgelehnt hat, sich mit diesem Thema näher zu befassen.“

Als pauschale Antwort bietet sich an, dass der Runde Tisch unter Vorsitz von Antje Vollmer offensichtlich bemüht war, die Verantwortlichkeiten nicht ausufern zu lassen. Die staatlichen und kirchlichen Heime und ihre Schwarze Pädagogik[2] konnte man schlecht aussparen, dafür aber deren finanzielle Risiken gering halten. Doch für die Medikamentation waren nicht nur die verabreichenden Mitarbeiter der Einrichtungen verantwortlich, sondern große Firmen, die in den Heimen Versuchsreihen starten konnten,[3] Versuchsreihen, die von Medizinern geplant wurden, deren Berufsbiographien in zahlreichen Fällen bruchlos in die Zeit zurückreichten, in denen sie für NS-Verbrechen verantwortlich waren.[4] – Damit hätte man die Pharma-Firmen belastet. Das wollte Frau Vollmer wohl nicht.

Auch im Falle der Zwangsarbeit[5] hat sie abgeblockt und damit heute noch bestehende und renommierte Firmen unter ihren Schutzmantel[6] genommen. [7] [8]

Mir fallen keine unverfänglichen tiefer schürfenden Antworten auf die Frage ein, warum es der RTH abgelehnt hat, sich mit diesen Themen näher zu befassen.

Die Sache mit den Medikamententests an nichteinwilligungsfähigen Personen ist leider ein aktuelles Thema geworden.[9]

Fußnoten

[1] http://duepublico.uni-duisburg-essen.de/servlets/DerivateServlet/Derivate-42079/04_Wagner_Heime.pdf

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Schwarze_Pädagogik

[3] https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/02/03/demenz-die-medikamente-dafuer-wurden-an-heimkindern-getestet/

[4] Die „Moderatorin“ des Runden Tisches, die den Begriff Zwangsarbeit nur für Nazi-Zwangsarbeit verwendet sehen wollte. Sie sah darüber hinweg, daß die „Arbeitstherapeuten“ in den Heimen vielfach ehemalige SA-Leute und die Gutachter einschlägig belastet waren. In den Heimen – kirchlich wie staatlich – hatten wir die Fortsetzung des Nazi-Systems. Frau Vollmer in ihrer grün-christlichen Bigotterie hat das nicht bekümmert. Sie sprach zwar von erzwungener Arbeit, bat jedoch die Profiteure nicht zur Kasse und sah völlig darüber hinweg, daß es Zwangsarbeit nicht nur für Jugendliche gab, sondern auch für Kinder. https://dierkschaefer.wordpress.com/2014/06/17/zwangsarbeit-in-ost-und-west-was-sind-die-unterschiede/

[5] https://dierkschaefer.wordpress.com/2012/05/05/zwangsarbeit-nicht-nur-fur-ikea/

[6] https://de.wikipedia.org/wiki/Schutzmantelmadonna

[7] Die Zwangsarbeit. Eine geringe Pauschalentschädigung als Rentenersatz gibt es, anders als in Irland, bei uns nur für Jugendliche, die Zwangsarbeit leisten mußten, wobei der Begriff Zwangsarbeit peinlichst vermieden wird. Es gibt keine Lohnnachzahlung, weder von den kirchlichen, noch von den staatlichen Einrichtungen, die von der Zwangsarbeit profitiert haben. Auch nicht von der Privatwirtschaft, die gut an den Kindern verdient hat. Es schien wohl nicht opportun, die Betriebe, darunter Firmen mit großer Bedeutung, zwangszuverpflichten. Zwangsarbeit ja, Zwangsentschädigung nein.

Und für die Zwangsarbeit von Kindern gibt es GAR NICHTS. https://dierkschaefer.wordpress.com/2013/07/09/er-ist-ein-priester-du-must-ihm-gehorchen/

[8] Antje Vollmer, Moderatorin des westdeutschen Runden Tisches für ehemalige Heimkinder, mied wie der Teufel das Weihwasser die Anwendung des Begriffs Zwangsarbeit auf die Ausbeutung der ehemaligen Heimkinder (West!) durch respektable Industriebetriebe und einzelne Bauern. Sie wollte den Begriff ausschließlich für die Zwangsarbeit für Nazi-Deutschland gelten lassen. Und so tauchten weder der Begriff noch der Sachverhalt im Abschlußbericht des Runden Tisches auf. Die Nutznießer der Zwangsarbeit wurden nicht nur nicht am Fonds beteiligt, sondern blieben unerwähnt. https://dierkschaefer.wordpress.com/2013/09/29/zwangsarbeit-ost-und-zwangsarbeit-west/

[9] https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/05/25/medikamententests-und-nicht-einwilligungsfaehige-personen-ein-ideales-menschenmaterial/

Nicht nur in Österreich

Bei Twitter aufgelesen:

nicht nur in österreich

#Kinderrechte ? Inklusion macht Kinder zu Verlierern

Allen Inklusionsbegeisterten sei der Praxis-Bericht von Ralph Gehrke empfohlen: Inklusion als Sparpaket. Gehrke ist Lehrer an einer integrierten Gesamt­schule.[1]

Aus ©-Gründen hier nur ein paar Zitate aus dem Artikel:

»Wer sich nur ein bisschen mit Bildungs­politik beschäftigt, weiß, dass sie als Expe­rimentier­feld für Neuerungen, sogenann­te Reformen, benutzt wird, von denen nicht sicher ist, wie sie ausgehen. Nun wird eben inklusiver Unterricht prakti­ziert. Haupt­sache, es sitzen möglichst bald sämtliche Kinder mit Behinderungen ir­gendwo in einer Regelschule und sollen ohne Ansehen ihrer speziellen Handi­caps teilhaben an einem Rennen, bei dem kaum eines mithal­ten kann. Denn der für eine Qualifika­tion für den Arbeitsmarkt mindestens notwendige Hauptschulabschluss bleibt für die allermeisten mit son­derpädagogischem Förderbedarf ein utopi­sches Unterfangen.«

Diese Einschätzung entspricht auch den Rückmeldungen, die ich aus dem Schulsektor bekomme.

Wie sieht das praktisch aus?

»Für FÖRDERSCHULEN gilt grundsätzlich eine Doppel­besetzung für jede Schulstun­de, und das, je nach Schwerpunkt, bei ei­ner Schülerzahl von sieben bis zwölf Kin­dern pro Klasse. Eine faire Inklusion müsste, so sollte man erwarten, dieses Zahlenver­hältnis in Relation auf den Un­terricht der Regel­schule übertragen.«

Das geschieht jedoch nicht, jedenfalls nicht im als Beispiel gewählten Bundesland Nieder­sachsen.

In der REGEL­SCHULE wird »der Verteilungsschlüs­sel pro Kind gerechnet, und demge­mäß hat es, gemessen an der spezifischen Art seiner Behinderung, ein Anrecht auf gerade mal drei bis fünf Stunden in der Woche. Die sonderpädagogische Fach­kraft schaut zweimal in der Woche für eine oder zwei Stunden rein.«

Wie war es bisher?

»Kinder mit geisti­gen oder psychomotorischen Einschränkun­gen wurden bisher exklusiv auf die Sonder- und Förder­schulen verwie­sen. Das ist jetzt anders. Mit der Anwen­­dung der UN-Behindertenrechtskonvention sollten sie oder ihre Eltern die Wahl haben, ob sie die Regel­schule besuchen oder eine Förderschule.«

Aber die Wahlfreiheit wird heute schon stark eingeschränkt. Sie wird »dadurch reduziert, dass die För­der­schulen in ihrer unmittelbaren Nähe geschlossen werden, und zwar in ei­nem Tempo, das man von Behörden sonst nicht kennt. Auffällig ist, dass in niedersächsischen Schulbezirken immer selte­ner Gutachten vor der Einschulung er­stellt werden, auf die Erziehungsberech­tigte sich berufen könnten. Die erste An­laufstelle für ihr Kind sei die Regel­schule, kriegen sie zu hören. Wer sich gegen sol­che administrative Trägheit nicht zu weh­ren weiß, hat sein Recht auf Förderung aufgeschoben, und das Kind sitzt fest in der Grundschule. Damit ist ein erstes Ziel der Inklusionspolitik erreicht. Wo kein Sonderförderbedarf attestiert ist, entfällt auch die entsprechende Unterstützung. Es müssen keine zusätzlichen Fachkräfte bereitgestellt werden. Der wesentliche Zweck von schulischer Inklusion scheint die Personaleinsparung zu sein.«

Warum wehren sich die Eltern zu spät?

»Wer ein behindertes Kind hat, erfährt hautnah, wie sehr man von der Hoffnung abhängt, sein Kind möge sich vielleicht doch „normal“ entwickeln. Beherrscht von solchen Gedanken, fällt es dann schwer, sich einzugestehen, dass der inklu­sive Schul­weg den besonderen Förderbe­darf nicht erfüllt und daher mehr schäd­lich ist als förderlich.«

Wie steht es mit der angestrebten Solidarität zwischen behinderten und nicht-behinderten Kindern?

»Toleranz wird uns nicht in die Wiege gelegt, sondern ist ein Verhalten, das wir uns erst im Laufe unserer Sozialisation mehr oder weniger aneignen. Kinder im Schulalter können, ohne dass sie dafür vollends verantwortlich zu machen sind, intolerant und fies sein, indem sie ver­meintlich Schwächere, also auch Behin­derte, hän­seln (neudeutsch mobben), egal, wie hoch inklusive Werte an ihrer Schule gehalten werden. Das ist nicht zu verhindern.«

Und die Sonderpädagogen aus den aufgegebenen Förderschulen?

»Für sie beginnt ein neues, inklusiv beweg­tes Lehrerleben. Ihre Stundenkapazitäten werden, in kleinste Einheiten gesplittet, über die Schulland­schaft in ihrem Bezirk verteilt, wo sie, erst hier, dann dort und später an­derswo, ihre fachlichen Fähigkeiten in den Regelschulbetrieb bringen sol­len. Ir­gendwann auf den Endlosdienstfahrten wird der einen oder dem anderen viel­leicht klar­werden, dass die wichtigste Qualifikation für den Job nicht das Staats­examen ist, sondern der Führer­schein.«

Der Autor hat sein Augenmerk auf die behinderten Kinder gelegt und auch an seine Kollegen aus den Förderschulen gedacht.

Was fehlt und die Angelegenheit noch gravierender macht, ist die Lernbehinderung, die die nichtbehinderten Schüler erfahren. Wer im Stoff nicht mitkommt – und das ist das Merkmal der Schüler mit besonderem Förderbedarf in den Regelschulen – wer nicht richtig mitkommt, hält den Unterricht auf. Ich erinnere mich an den Leiter einer Bildungsberatungsstelle. Er war der Meinung, die stärkeren Schüler sollten halt so lange auf der Stelle treten, bis die schwächeren nachgezogen haben. Das machen die aber nicht. Die einen werden in vielen Fällen nicht nachziehen können und die anderen treten nicht auf der Stelle, sondern stören den Unterricht – und Eltern, die an die Zukunft ihrer Kinder denken, sind aus guten Gründen nicht tolerant, denn sie wissen, dass es auf dem Arbeitsmarkt keinen Rabatt gibt. Dort zählt Leistung. Das mag man bedauern, doch so ist es.

Wir können uns die Inklusionsträumereien nicht leisten. Sie schaden beiden Schülergruppen. Doch das scheint egal. Die Länder – und viele Eltern – predigen ideologische Ziele, der Staat aber weiß, dass er sparen kann. Und er tut’s ohne Rücksicht auf die Zukunft der Kinder und des Landes. Um die Defizite können sich dann ja die Nachfolgepolitiker kümmern.

[1] Der Bericht erschien leider nur in der Print-Ausgabe der FAZ vom 7. April 2016, Seite 8. Wer mir seine Mailadresse schickt, kann den Scan zur privaten Nutzung von mir bekommen.

Staatsmänner – #Genscher im Vergleich

Gefeiert wird er als großer Staatsmann. Was er zu Europa gesagt hat, ist auch richtig und wichtig, gerade in der jetzigen Krise.

In meinem Beitrag Sand ins Getriebe![1] habe ich an Genschers Anteil an der Ermordung von Elisabeth Käsemann[2] erinnert und das Thema Machthaber angesprochen.

Im Nachhinein musste ich an einen anderen Fall aus der BRD-Geschichte denken, in dem ein Machthaber für den Tod eines Menschen verantwortlich war.

Es begann mit dem Überfall auf Hanns Martin Schleyer in Köln am Montag, den 5. September 1977 und endete 43 Tage später mit seiner Ermordung. »Herr Schmidt, der in seinem Machtkalkül von Anfang an mit Schleyers Tod spekulierte, kann ihn in der Rue Charles Peguy in Mülhausen in einem grünen Audi 100 mit Bad Homburger Kennzeichen abholen«, stand im Bekennerschreiben.[3]

Hier ist ein Vergleich möglich.

»Noch kurz vor ihrem Tod 2008 sagte Waltrude Schleyer: „Ich habe mich nie damit abgefunden, dass der Staat meinen Mann geopfert hat.“«[4] Aus Gründen der Staatsräson war Helmut Schmidt nicht auf die Forderungen der Schleyer-Entführer eingegangen. Im Staatsakt für den von Terroristen der Roten Armee Fraktion (RAF)[5] ermordeten Arbeitgeber­präsidenten Hanns Martin Schleyer in der Domkirche St. Eberhard , saß die Witwe neben dem damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt – sie wurde damit ihrer Rolle gerecht. Aber auch Schmidt. Im Jahr 2013 erhielt er den renommierten Schleyer-Preis. Hanns Eberhard, der älteste der vier Söhne Schleyers, war Mitglied der Jury. Es wird bis zur Preisverleihung kein leichter Weg für die Familie Schleyer gewesen sein. Doch sie erwies Schmidt einen – wenn wohl auch schmerzhaften – Respekt.

In seiner sehr persönlich gehaltenen Dankesrede sagte Schmidt: »[Mir ist] sehr klar bewusst, daß ich – trotz aller redlichen Bemühungen – am Tode Hanns Martin Schleyers mitschuldig bin. Denn theoretisch hätten wir auf das Austauschangebot der RAF eingehen können. Als im letzten Herbst Schleyers Sohn Hanns-Eberhard Schleyer mich besucht hat, um mir den heutigen Preis anzutragen, hat mich dies tief berührt. … Umso mehr möchte ich mich vor der heutigen Entscheidung der Familie Schleyer verbeugen. Es rührt mich heute zutiefst, daß die Familie Schleyer öffentlich ihren Respekt gegenüber meiner damaligen Haltung zum Ausdruck bringt.«[6]

Das ist Größe! Vonseiten der Familie und vonseiten Schmidts.

Für Schmidt ist hinzuzufügen: »In einem Interview mit der „Zeit“ 30 Jahre später erzählten er und seine Frau Loki, dass sie 1975 nach dem RAF-Überfall auf die deutsche Botschaft in Stockholm, bei der zwei Botschaftsangehörige als Geiseln genommen und, weil der Staat unter Kanzler Schmidt hart blieb, erschossen wurden, eine Entscheidung zu den Akten gegeben hatten: „Falls Frau Schmidt oder Herr Schmidt gekidnappt werden sollten, soll der Staat nicht austauschen.“ Die Selbstbehauptung des Rechtsstaats ist das eine, persönliche Schuld das andere. Helmut Schmidt hat daran nie einen Zweifel gelassen: „Ich bin verstrickt in Schuld gegenüber Schleyer, gegenüber Frau Schleyer und gegenüber den beiden Beamten in Stockholm, die umgebracht wurden.“«[7]

 

Wie erbärmlich ist die Rolle Genschers dagegen. Nichts hat ihn gehindert, diplomatischen Druck auf Argentinien auszuüben um Elisabeth Käsemann zu retten.

Wie erbärmlich sein Kneifen hinterher:

»Dabei wusste die Behörde nach Austins Aussage genau Bescheid, dass Käsemann noch am Leben war und wo sie gefangen gehalten wurde. Selbst das halboffizielle Angebot, sie gegen Geld freizulassen, wurde ignoriert.

Was hinter dieser Untätigkeit steckte, versucht Regisseur Friedler den damaligen Staatsministern Hildegard Hamm-Brücher (FDP) und Klaus von Dohnanyi (SPD) zu entlocken (zu einem bereits zugesagten Interview mit Ex-Außenminister Genscher kam es nicht [Hervorhebung: ds]). Beiden ist die Sache im Rückblick sichtlich unangenehm, plausibel erklären können oder wollen sie ihr Verhalten jedoch nicht. Eine sehr peinliche Figur macht im Film Hamm-Brücher, der man glauben soll, sie sei damals eine Art Praktikantin ohne jeden Einfluss gewesen – und nicht die Nummer zwei im Ministerium. Dohnanyi lässt immerhin durch­blicken, dass das Interesse der deutschen Industrie an guten Geschäften mit den Diktatoren absoluten Vorrang hatte – und „das Mädchen“ (Genscher) dabei ein Störfaktor war.« [Hervorhebung: ds]).[8]

Nun wird Genscher wohl mit einem Staatsakt geehrt werden, die höchste offizielle Würdigung, die unser Staat zu vergeben hat.[9] Das gehört zum Protokoll und ist auch in Ordnung so, denn er hat sich um Deutschland verdient gemacht. Dennoch wäre es nicht unangemessen, wenn bei aller Würdigung auch der Name Elisabeth Käsemann genannt würde. Das wird jedoch nicht geschehen, denn so etwas gehört nicht zum Protokoll.[10] Darum sei hier an Elisabeth Käsemann erinnert.

 

Ein Nachtrag ist noch erforderlich, »auch wenn die Republik diese Namen längst vergessen hat«: Heinz Marcisz, der Fahrer von Schleyer und die Polizisten im Begleitfahrzeug: Reinhold Brändle, Helmut Ulmer und Roland Pieler.[11] Es scheint für die toten Polizisten wohl einen Staatsakt gegeben zu haben: Nach dem Terrorüberfall, berichtet die Mutter von Roland Pieler, »kam ein Telegramm von Bundeskanzler Helmut Schmidt …, 57 Wörter, darunter die vier „in Erfüllung seiner Pflicht“, anschließend ein Staatsakt und eine Entschädigung. 12 500 Mark. „Wir haben unser Auskommen“, sagt die Mutter ausweichend, „es dreht sich nicht um Geld.“ Sie sagt danach nicht mehr viel, nur: „Im Nachhinein hilft in so einer Situation sowieso nichts.“«[12]

Wie ich damals zuverlässig hörte, hatte es der Kirchengemeinderat abgelehnt, den Staatsakt in der Stuttgarter Stiftskirche stattfinden zu lassen. Das war im Zusammenhang mit meiner pompösen Einführung als Polizeipfarrer in der Stiftskirche im September 1978, pompös, weil als Kompensationshandlung gedacht. Darüber werde ich später noch schreiben.

[1] https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/04/02/sand-ins-getriebe/

[2] https://dierkschaefer.wordpress.com/2014/06/07/schach-ist-das-spiel-der-konige/ http://jacobsmeinung.over-blog.com/2016/03/elisabeth-kasemann-das-blut-an-den-fingern-des-hans-dietrich-genscher.html

[3] Zitiert nach https://de.wikipedia.org/wiki/Schleyer-Entf%C3%BChrung

[4] http://www.swp.de/ulm/nachrichten/politik/Von-Staatsraeson-und-Schuld;art4306,1968810

[5] http://www.spiegel.de/panorama/zeitgeschichte/raf-terror-boock-nennt-namen-von-schleyers-mutmasslichen-moerdern-a-504539.html

[6] http://www.schleyer-stiftung.de/pdf/pdf_2013/Rede_Helmut_Schmidt_autorisiert.pdf

[7] http://www.swp.de/ulm/nachrichten/politik/Von-Staatsraeson-und-Schuld;art4306,1968810

[8] http://www.tagblatt.de/Nachrichten/Das-Maedchen-stoert-Wie-die-deutsche-Regierung-den-Mord-an-Elisabeth-Kaesemann-in-Kauf-nahm-81990.html

[9] http://www.n-tv.de/politik/Genscher-wird-wohl-mit-Staatsakt-geehrt-article17376296.html

[10] Das wird bei der Verleihung des „Internationalen Mendelssohn Preises zu Leipzig” an Genscher im Jahr 2014 nicht anders gewesen sein. https://dierkschaefer.wordpress.com/2014/09/08/internationaler-mendelssohn-preis-an-genscher-und-elisabeth-kasemann/ https://dierkschaefer.wordpress.com/2014/09/08/genscher-und-kasemann/

[11] https://de.wikipedia.org/wiki/Schleyer-Entf%C3%BChrung

[12] http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-24093756.html

Die Digitalisierung und du

Posted in BRD, Deutschland, Ethik, Firmenethik, Geschichte, Gesellschaft, Moral, Politik, Staat, Wirtschaft by dierkschaefer on 22. März 2016

Das Wirtschaftsministerium überrascht heute die Zeitungsleser mit einer kleinen Broschüre: Die Digitalisierung und du. Die Broschüre ist nicht digital, doch es gibt darin auch einen Link: http://www.de.digital/KADIST/Navigation/DE/Home/home.html

Nach dem Lesen der Broschüre hatte ich keine Lust, auch noch dem Link zu folgen.

Die Broschüre will uns die schöne neue Welt der Digitalisierung ans Herz legen, schön, ohne jeden Abstrich. Digitalisierung hat nur Vorteile: Smartphone, neue Arbeitsplätze mit Home-Work, Lernmöglichkeiten – und für all das müssen wir in schnellere Netze investieren.

Stimmt ja alles. Doch wo bleiben

  •  der gläserne Bürger,
  •  die Wirtschaftsspionage,
  •  die unerwünschte Werbung,
  •  die Arbeitsüberlastung dank Home-Work plus Kind und Haushalt,
  •  die Ver-Nerdung der Menschen,
  •  die Dauererreichbarkeit,
  •  die Anpassung des Menschen an die digitalen Erfordernisse,
  •  die Herrschaft der Algorithmen?

 

Das Ganze erinnert mich an die neue „saubere Energie“. So wurde die Atomenergie in den 50er Jahren beworben – und wir waren so blöd, nicht nach den Begleiterscheinungen und Folgekosten zu fragen. Nun wissen wir: Für die Abfälle dieser sauberen Energie haben wir immer noch keinen Endlagerplatz gefunden, der für die unheimlich langen Halbwertzeiten des atomaren Zerfalls tauglich ist. Dafür wollen die Energiekonzerne die Kosten für die Entsorgung ihrer Finanzquellen der Allgemeinheit aufdrücken.