Dierk Schaefers Blog

Ich liebe dich! – Ich Dich auch, Schatz. Komm, wir gehen zum Lügendetektor!

Posted in Gesellschaft by dierkschaefer on 10. Juli 2013

Wir wissen seit dem Kalten Krieg, daß Spionage den Frieden sichern kann. Wenn ich die Angriffsmöglichkeiten des Feindes kontrolliere – und er die meinen – dann gilt das Gleichgewicht des Schreckens und wir greifen uns besser nicht an.

Dieses Sicherheitsdenken prägt inzwischen auch die Innenpolitik. Wenn ich rechtzeitig die Angriffspläne der Sauerlandgruppe erfahre, dann kann ich ihren Sprengstoff manipulieren und  sie schließlich festnehmen. Der Hinweis us-amerikanischer Geheimdienste half den deutschen auf die Spur der Terroristen, und wohl niemand wird behaupten, das sei nicht gut so. Frage ist nur, ob hier alles mit rechtsstaatlichen Mitteln zuging oder ob nachträglich der Zweck die Mittel geheiligt hat und in wie vielen Fällen die Verletzung von Bürgerrechten nur ein „Kollateralschaden“ ist und ob dieser akzeptiert werden muß. Fragen, die man aus Gründen der Geheimhaltung (legal, nur legitim oder illegitim) wohl nicht wird beantworten können.

Die Probleme jedoch, auf die Frank Schirrmacher in seinem heutigen Leitartikel[1] hinweist, sind grundsätzlicherer Art.

Es schreibt »im Augenblick spricht vieles dafür, dass die algorithmisch aufgerüstete Informationsökonomie im Begriff ist, aus pathologischen Erscheinungsformen Normen für die gesamte Gesellschaft abzuleiten«.

 

Was heißt das?

Es meint nicht nur die gespenstische Vorhersagbarkeit individuell menschlichen Verhaltens, wie sie der Google Chef formuliert hat: „Wir werden die Antworten auf ihre Fragen kennen, ehe sie selbst die Frage wissen.“

Es ist – denke ich – noch schlimmer:

»„Das Problem ist, dass es viel kostspieliger ist, fälschlich an die guten Absichten anderer Leute zu glauben, als zynisch anzunehmen, dass sie nur an sich selbst denken.“ Das sagt der praktische Spieltheoretiker Bruce Bueno de Mesquita, der sowohl für das amerikanische Außenministerium, die CIA wie auch für Privatfirmen Überwachungs- und Vorhersagealgorithmen geschrieben hat – mit ebenso sensationeller wie beunruhigender Treffsicherheit«.

»Nicht zu glauben, was einer sagt und tut, und sei es der beste Freund, ist der Wesenskern der modernen Informationsökonomie. Zu Recht hat man das die „Rationalität des Paranoiden“ genannt, der in ständiger Alarmbereitschaft den Denkprozess seines Gegenübers simuliert, von dem er annimmt, dass er seine wahren Absichten verschweigt«.

 

Wenn wir das auf die Beziehungen innerhalb der Familie und unter Freunden übertragen, dann wird unsere Gesellschaft eine andere werden. Schon jetzt werden – soweit ich weiß – amerikanische Politiker bei der Bewerbung um ein Amt einem Lügendetektortest unterworfen. Künftig könnte die Aussage Ich liebe Dich! auch einem Sicherheits-Check unterworfen werden. Es muß ja nicht der altmodische Lügendetektor sein. Eine bezahlte Auskunft privater, algorithmisch aufgerüsterer Detekteien wäre viel besser. Die testen dann nicht nur, ob die Aussage jetzt stimmt, sondern sagen auch das Erkalten der Liebe oder den Ehebruch treffsicher voraus.