Dierk Schaefers Blog

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XXXII

moabitDieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit,

            die keine Kindheit war

Zweiunddreißigstes Kapitel

„Hotel zur silbernen Kugel“

Ich erfuhr aus den Akten, dass noch andere mit falschen Münzen unterwegs waren. Nein, nicht mit meiner Sorte. Vielmehr konnte ich lesen, dass die schwedischen 5-Oere Münzen identisch mit unseren 5-Markstücken waren. Ein anderer hatte sich das zunutze gemacht und damit ausschließ­lich Spielautomaten geplündert. Später zu Hause rechnete ich nach. Der Umtauschkurs war in etwa der gleiche, als würde ich fünf 5-Pence Münzen wechseln. Nur der Weg nach Schweden war natürlich etwas weiter. Würde ich mich darauf umstellen wollen, hätte ich ganz andere Reisekosten gehabt und hätte auch ein wenig schwedisch lernen müssen. [1]

Solche Gedanken legte ich aber schon bald ad acta. Waren wir doch nun endlich Pächter eines wunderschönen Bistros. Bei ziviler Arbeitszeit hatten sich meine Frau und ich auf eine Arbeitsteilung geeinigt. Ich spielte als ihr Angestellter den Koch, während sie sich um die Gäste kümmerte. Ob es nun an meinen Kochkünsten lag oder an meiner gesprächsfreudigen Frau, die sehr gut bei den Gästen ankam, der Laden brummte. Bei gerade mal vier 4er Tischen und sechs Plätzen am Tresen machten wir sehr guten Umsatz. Niemand, der das riesige Einkaufszentrum, worin sich unser Bistro befand, besuchte konnte uns übersehen. Statt der üblichen Wände war alles aus Glas. Das innere Ambiente war in schneeweiß gehalten. Auch die Türe zur Küche hin bestand aus Glas. So konnte jeder zusehen, wie ich die Mahlzeiten zubereitete. Sie erinnern sich, dass ich erwähnt habe, dass ich wegen meiner Vorstrafen keine Konzession erhielt? Somit war meine junge Frau die offizielle Chefin. Das ließ sie natürlich auch richtig dick heraushängen. Nicht im Geschäft selbst, mir oder den Gästen gegenüber. Im Laufe der Zeit wurde sie immer übermütiger. Sie nahm von den etwa sechs bis siebenhundert Mark Umsatz fünfhundert heraus und wollte sich mal wieder mit Freundin­nen treffen. Und das immer öfter! Dass schon ein gutes Drittel an fixen Unkosten von den Einnah­men draufging, ich ja auch immer wieder neue Ware einkaufen musste, das ließ sie sich nicht verklickern. Sie verließ immer öfter den Laden noch vor dem eigentlichen Ladenschluss, tauchte erst wieder am Morgen zur Eröffnung auf. Wenn überhaupt. Sie rief gegen 9 Uhr am Morgen vorsichtshalber an und fragte nach, ob ich schon den Laden geöffnet hätte. Dass ich irgendwann die Schnauze voll hatte, kann wohl jeder nachvollziehen!?

Eines Tages, als sie wieder einmal die Nacht woanders verbracht hatte, dachte ich gar nicht daran in dem Laden für Lau zu arbeiten. So blieb das Geschäft eben ohne Vorwarnung geschlossen. Einige Monate später traf ich in der Stadt zufällig den Spielautomatenaufsteller, der bei uns zwei Automaten aufgestellt hatte. Der wollte doch tatsächlich 6000 Mark von mir haben. Hinter meinen Rücken hatte meine Frau, die ja Chefin war, sich einen Kredit in dieser Höhe von dem Aufsteller geben lassen. Natürlich fiel ich aus allen Wolken als ich dies hörte. Meine Frau jedenfalls hatte mir davon nichts gesagt. Da ich ja in keiner Weise zu irgendetwas unterschriftsberechtigt war, riet ich dem Mann, sich das Geld auch daher zu holen, wohin er es gegeben hatte. Jetzt wissen Sie auch, warum ich meinte, die Familienrichterin hätte lieber mich vor dieser jungen Frau warnen sollen, anstatt der armen jungen Frau Vorwürfe zu machen so einen alten (Trottel!) heiraten zu wollen. Ein verliebter alter Trottel war ich ja wohl oder? Ja, war ich denn überhaupt verliebt? Nachdem sie quasi bei mir eingezogen war, sich wunderbar mit meinem Sohn verstand, der ja mal gerade 7 Jahre jünger als sie war, da begann ich rational zu denken. Wieder eine Frau im Haus zu haben hieß ja, dass ich mich wieder um ehrliche Arbeit kümmern konnte. Dass diese Überlegungen sogar in die Selbstständigkeit führten, umso besser. Die Folgen konnte ich ja nicht im voraussehen.

So kam mein Sohn schließlich doch in ein Heim!

Ich weiß bis heute nicht, ob und wann meine Frau erfahren hat, dass wir ein gutes Jahr später schon wieder geschiedene Leute waren. Beim Scheidungstermin glänzte sie jedenfalls durch Abwe­senheit. Jahre später, ich hatte meine Münzgeschichte im Knast schon längst abgebüßt, fand ich einen dicken Brief in meinem Briefkasten. Darin enthalten war ein dickes Packet von Fragebögen. Frau Schulz sollte darin genau auflisten, wie es zu dem Unfall genau gekommen war, weswegen sie die Krankenkasse belastet hatte. Ich rief sofort den Arzt an, der mir diese Unterlagen zuge­schickt hatte. Dieser Arzt hatte seine Praxis ganz weit im Süden von Deutschland. Die Sprechstun­den­hilfe, die meinen Anruf entgegen nahm, fiel aus allen Wolken, als ich ihr den Grund meines Anrufes erklärte. Als sie erfuhr, dass besagte Frau Schulz schon längst nicht mehr mit mir ver­heiratet sei, somit auch nicht mehr bei mir versichert, jammerte sie, woher den nun ihr Doktor die aufgewendeten Behandlungskosten bekommen solle. Immerhin hätte er eine Operation an ihrem zerschlagenen Knie vornehmen müssen. Das hätte sie gerne früher gewusst. Gestern noch wäre sie meiner Frau beim Überqueren eines Zebrastreifens in der Stadt begegnet. Was gingen mich die Probleme anderer Leute an? Hatte ich doch selbst genug davon. Dadurch dass ich nun niemanden mehr hatte, der sich während meiner Abwesenheit, sprich Knastaufenthalt, um meinen Sohn sorgen würde, traf genau das ein was ich fünf Jahre vorher unbedingt vermeiden wollte. Er kam in ein Heim! Sollte ich da noch Mitleid mit dem zerschundenen Knie meiner Ex oder wegen der unbegli­chenen Rechnung eines Arztes entwickeln?

Im Knast ist Thema Nummer zwei Erfahrungsaustausch!

Ich hatte im Knast jeden Pfennig für die Zeit nach meiner Entlassung gespart. Wie bereits erwähnt hatte ich keine Lust, nach einem Knastaufenthalt als Penner auf der Straße zu landen. Dafür hatte ich gespart, für einen ordentlichen Neuanfang. Das Wichtigste aber war nach der Entlassung immer ein Dach über den Kopf zu haben. In den 80er Jahren wehrte sich unser Anstaltsleiter noch vehement dagegen, den Gefangenen ein eigenes Fernsehgerät in der Zelle zu gestatten. Deswe­gen verlegte ich mich wieder aufs Lesen, um die langen Abendstunden und Wochenenden rumzubekommen. Im Knast kann man aber nicht nur aus Büchern etwas lernen. Wenn mal wirklich mal jemand unschuldig darin landet, was natürlich auch vorkommt, dann kommt er nicht mehr so unbedarft dort heraus, wie er hineingegangen ist. Tipps und Tricks hört man allenthalben, ob man will oder auch nicht. Am Arbeitsplatz, in der Freistunde, überall ist Thema Nummer zwei Erfahrungsaustausch! Thema Nummer Eins dürfte wohl jedem bekannt sein. Da wird angegeben, dass die Nähte krachen. Nur all diese Schlaumeier saßen trotzdem alle im gleichen Boot, recitive im Knast. Das einzig Sinnvolle, was ich von dem Gehörten annahm, war, dass ich mir eine Samstagsausgabe der hiesigen Presse besorgte und mir eine Kontaktanzeige heraus suchte, die mir zusagte. Von da an hatte ich eine weitere Freizeitbeschäftigung. Ich hatte einen regen Brief-Ver­kehr. Sie haben schon ganz richtig gelesen, es war nicht nur ein profaner Briefwechsel. Man(N) gönnt sich ja sonst nichts – im Knast. Aus dem Brief-Verkehr wurde dann auch bald richtiger Ver­kehr. Im Rahmen der Strafvollzugsreform wurden geprüften Gefangenen schon Ausgänge, ja sogar Urlaub gewährt. Hatte man draußen eine unbescholtene Kontaktperson, umso leichter wurden solche Lockerungen gewährt. Aber nicht erst die Frau hatte mir diese Lockerungen ermöglicht. Mein 13 jähriger Sohn hatte seinem Heimleiter die „Pistole“ auf die Brust gesetzt und verlangt, dass er mit dem Boss vom Jugendamt reden wolle. Dort wurde mein Sohn gefragt, ob er das gut finde, seinen Vater im Knast zu besuchen. „Besser im Knast als überhaupt nicht sehen!“ hatte er darauf bestanden, mich besuchen zu dürfen. Ohne die geringste Ahnung zu haben, was mich erwartete, nahm ich die Unterbrechung meiner Arbeit hin, als es hieß: „Schulz! Sie haben Besuch!“. Ich wurde allerdings nicht in den eigentlichen Besuchsraum geführt, wo ansonsten die Gefangenen ihre Angehörigen oder Freunde empfingen, der natürlich überwacht wurde. I wo! Man führte mich in einen der Räume, wo eigentlich nur Rechtsanwälte sich mit ihren Mandanten zusammensetzten oder wenn die Kripo zu einer weiteren Vernehmung antanzte. Weder hatte ich einen Termin mit meinem Anwalt, noch konnte ich mir denken, dass die Kripo noch Interesse an mir zeigte. Vielleicht, und das schien mir am Wahrscheinlichsten, war es auch nur eine Verwechs­lung. Schließlich gab es unter den 1100 einsitzenden Gefangen fünf Mal den Namen Schulz. Das wusste ich, weil es schon oft vorgekommen war, dass Post vertauscht worden war. Schon auf dem Flur vor der Zimmertüre, erwartete mich ein freundlich grinsender Mann. „Sie sind Herr Schulz?“ damit reichte er mir die Hand, zog mich ins „Besucherzimmer“. Während er mich fragte, ob ich eine Ahnung hätte warum er mich sprechen wolle, stieß er die Türe ins Schloss. Daran zurück denkend bekomme ich noch heute einen ganz engen Hals. Hinter der Türe stand doch leibhaftig mein Sohn!

Es war keine Einbildung von mir, er war in diesem einen Jahr, um einen ganzen Kopf größer als ich ihn in Erinnerung hatte. Der Mann vom Jugendamt hielt sich dezent zurück, während ich mit meinem Sohn händchenhaltend mir alles anhörte, was so aus ihm heraussprudelte. Unter Berufung auf einen Psychologen erreichte das Jugendamt, dass ich fortan mit meinem Sohn jeden Monat einen gemeinsamen Tag verbringen durfte. Für die ersten dreimal machte die Anstalt die Auflage, dass mein Sohn mich zwar am Sonntag vom Knast abholen durfte, aber nur in Begleitung eines Erziehers.

„Herr Schulz, ich glaube nicht, dass Sie eine Flucht planen.“

Ich wusste es sehr wohl zu schätzen, dass jeden Monat ein Erzieher seine Freizeit opferte, meinen Sohn nach Hannover brachte und sich an der Pforte auswies, dass er als Erzieher dazu berechtigt sei, mich zum Freigang abzuholen. Es musste für den Mann ziemlich nervend gewesen sein, den ganzen Sonntag mit mir und meinem Sohn in Hannover zu verbringen, während seine eigene Familie den Sonntag alleine zu Hause in Barsinghausen[2] saß. Weil nun aber mein Anlaufpunkt Barsinghausen war, welches außerhalb der 50 Km Grenze lag, bekam ich im Gegensatz zu den in Hannover Ansässigen 2 Stunden länger Ausgang. Das hieß, ich brauchte erst um 24 Uhr wieder in der Anstalt zu sein. Beim ersten Ausgang noch bat der begleitende Erzieher mich schon vor 22 Uhr zur Anstalt zurück bringen zu dürfen. Ich würde es hoffentlich verstehen. Eigene Familie und so. Natürlich wollte ich seine Freiwilligkeit nicht überstrapazieren. Zumal er ja noch den Jungen im Heim abliefern musste und fast eine Stunde Fahrt vor ihm lag. Der Erzieher hatte wohl den ganzen Tag darüber nachgedacht, wie diese „Zwangsehe“ zu umgehen sei. Vor dem „Hotel zur silbernen Kugel“[3] parkte er auf dem weitentferntesten Parkplatz ein, machte mir folgenden Vorschlag.

„Herr Schulz, ich glaube nicht, dass Sie eine Flucht planen. Dafür hätten Sie auch heute im Laufe des Tages genügend Möglichkeiten gehabt. Sie waren ja nicht an mich angekettet. Wollen wir mal was testen? Sie gehen jetzt mal ganz alleine zur Pforte. Wenn man fragt, wo ihre Begleitperson ist, dann winken Sie mich heran. Lässt man Sie aber auch so ein, dann können wir es uns in Zukunft ersparen, dass ich Sie den ganzen Tag begleite. Und, Sie können Ihre Zeit bis 24 Uhr voll ausnutzen!“

Gesagt getan. Anscheinend schien man an der Einlasspforte immer nur froh zu sein, wenn alle Probanden pünktlich wieder eintrafen. Schon der Statistik wegen. Es gab immerhin Intuitionen [?], die nur darauf warteten, dass diese Art der Resozialisierung in die Hose ging. In den nächsten beiden Monaten kam ich zwar auch nur auf freien Fuß, wenn mich der ausgewiesene Erzieher mit meinem Sohn abholte, dann aber lenkte er sein Auto auch schon wieder nach Hause. Meinen Sohn brachte ich gegen 20 Uhr zum Zug und hatte dann noch einige Stunden ganz für mich alleine. Schrieb ich gerade alleine? Natürlich nahm ich die Gelegenheit wahr, meinen Brief-Verkehr etwas zu vertiefen. Was mich aber nicht davon abhielt, mich wieder pünktlich an meinen Bestimmungsort bringen zu lassen. Mit dem Taxi fuhr ich direkt bis vors Fenster der Eingangspforte. Bloß, diesmal fragte mich doch der Beamte, wo denn meine Begleitperson sei. Das war aber ein hundertprozentiger. „Wie? Sie sind der Erste der danach fragt. Haben Sie nicht gesehen dass im Taxi hinten noch jemand saß? Er hatte keine Lust zu warten, er hat mich doch hier korrekt abgelie­fert und mich reingehen sehen. Hat somit seine Pflicht erfüllt. Aber wenn Sie wollen, können wir ja herausfinden, welches Taxi mich hergebracht hat und es nochmal herkommen lassen!“ Meine Unruhe konnte ich ganz gut verbergen und trat so selbstbewusst auf, wie es unter diesen Umstän­den eben ging. Dem Beamten schien meine vorgebrachte Erklärung plausibel zu klingen, was ihn aber nicht davon abhielt, mich ins Röhrchen pusten zu lassen. Auf dem Ausgangsschein war nämlich der fettgedruckte Vermerk: „Alkohol und Drogenverbot!“ Ich hatte etwas Besseres zu tun gehabt, als mich mit Alkohol zu betäuben. Drogen kannte ich bis dato nur dem Hörensagen nach.

Eigentlich hätte ich ja nach drei korrekt abgewickelten Ausgängen Anspruch auf Urlaub gehabt. Doch dagegen hatte mein Abteilungsleiter sein Veto eingelegt. Er konnte es nie überwinden, dass ich mal eine Beschwerde gegen ihn an die Strafvollstreckungskammer geschrieben hatte, worauf­hin er sich rechtfertigen musste. Was wiederum seiner Personalakte nicht gut tat. Kurz bevor ich zu der Konferenz gerufen wurde, wo alle wichtigen Leute saßen, die darüber zu entscheiden hatten, ob mir nun Urlaub gewährt werden könnte, hatte ich beim Stationsbeamten schon nach eingehen­der Post gefragt. Ja, für mich war ein Brief dabei. Mein beleidigter Abteilungsleiter hatte schon längst das übrige Gremium davon überzeugt, dass ich noch nicht für einen Urlaub geeignet sei. Am runden Tisch, direkt neben dem Anstaltsleiter sitzend, verkündete mir der Sicherheitschef der Anstalt das Ergebnis der Abstimmung dieser Runde. Nämlich das mein Urlaubsgesuch abgelehnt sei. „Ach, wissen Sie, ihr Urteil tangiert mich nur peripher,“ sagte ich, dabei den schadenfroh grinsenden Abteilungsleiter ganz bewusst ins Auge fassend, und reichte dem Anstaltsleiter neben mir einen blauen Brief, wie er von der Justiz verwendet wird, hin. Es war eben jener Brief, den ich kurz zuvor von meinem Stationsbeamten erhalten hatte. Den Brief hatte der Staatsanwalt geschrieben. Darin verfügte er das Herrn Dieter Schulz vom……bis zum…… Haftunterbrechung gewährt wurde. Das schadensfrohe Grinsen meines Abteilungsleiters war seinem Gesicht entglitten. Eher schon funkelte Hass in seinen Augen. Aber gegen den Staatsanwalt kam er nicht an. Nach­dem ich auch die siebentägige Haftunterbrechung nicht missbraucht hatte, mich außer wie schon bei meinem eigentlichen Haftantritt als Selbststeller resozialisierungswillig gezeigt hatte, verfügte die Strafvollstreckungskammer das mir von nun an auch ein Regelurlaub zustehe. Pünktlich, ohne dass ich einen Antrag schreiben musste wie noch 1970, wurde ich zum Gericht gerufen, wo darüber entschieden wurde, ob meine Prognose gut genug sei, um nach Verbüßung von zweidrittel meiner Haftstrafe vorzeitig entlassen zu werden. Der mich anhörende Richter wollte bei meiner Anhörung auch meine Brieffreundin dabei haben. Ja, auch solche Nebensächlichkeiten waren in meinem Führungsbogen vermerkt. Natürlich wollte auch sie, dass ich so schnell als möglich für immer in ihrer Nähe sei. Vor kurzem war ihr jüngster Sohn in den Ehestand getreten und somit war ein Zimmer in ihrer Wohnung frei. Die Entscheidung des Gerichts passte meinem Abteilungsleiter zwar überhaupt nicht, musste sich aber fügen. So wurde ich dann am 10. Oktober 1986 mit einer Reststrafe von 11 Monaten und zehn Tagen entlassen.

Ich machte eben das, was ich nach dem Kellnern und Kochen am besten gelernt hatte.

Im Laufe der Jahre ging es auf dem Arbeitsmarkt immer enger zu. Das Arbeitsamt arbeitete inzwischen mit einem Computer. Zum einen wurde darin vermerkt, dass ich die letzten beiden Jahre im Knast verbracht habe, zum anderen auch, dass ich mangels fahrbaren Untersatzes nicht gerade beweglich war. Mir kam es vor als sei der Beruf des Kellners inzwischen ausgestorben. Ich durfte, nein musste mich alle drei Monate beim AA vorstellen, bekam aber nicht eine einzige Stelle zugewiesen. Nichtsdestotrotz wollte ich nicht untätig bleiben und von mageren knappen 1000 Mark im Monat leben. Zumal meine neue Braut auch nicht gerade auf Rosen gebettet war. Hatte sie doch bei einem teuren Autokauf bei ihrem Ex-Mann gebürgt. Der hatte sich als unpfändbarer Frührentner aus der Affäre gezogen und seiner Frau die Schulden überlassen. Zwar hatte sie schon seit 17 Jahren einen festen Job bei einer Firma, verdiente auch gar nicht so schlecht im Schicht­dienst, trotzdem blieb ihr nur das Geld, was die Pfändungsgrenze ihr übrig ließ. In ihrer Wohnung war alles pikobello sauber, aber die alten Möbel waren eher für den Sperrmüll geeignet. Daran hätten sich die Türken noch nicht einmal vergriffen. Die Frau ging arbeiten, Schulz saß zu Hause? Kam gar nicht in Frage. Ich war doch kein Zuhälter!

Am 10ten Oktober mit knapp 2000 Mark entlassen, hatte ich zu Weihnachten wieder ein Auto vor der Türe stehen. Zwar nur ein kleiner Polo, aber ein Auto. Ein Auto brauchte ich aber auch. Wollte ich mich bei meinen Londonreisen nicht immer nur mit 5-6000 Münzen abrackern.

Lieber Leser, Du ahnst wohl schon dass ich wieder rückfällig geworden bin? Ich machte eben das, was ich nach dem Kellnern und Kochen am besten gelernt hatte. Nur, ich mied natürlich die Stadt Hannover. Wäre auch nur eine einzige Anzeige bei der Polizei eingegangen, dass wieder ein Auto­mat mit englischen Münzen gefüttert worden wäre, wären die Bullen sofort bei mir eingeflogen. So verlegte ich dann mein Betätigungsgebiet abwechselnd zwischen Kassel, Dortmund, Düsseldorf und weitere Städte. Am liebsten aber fuhr ich nach Berlin. Diese Stadt bzw. deren Hauswände waren regelrecht mit Automaten gepflastert. Alle paar Meter eine Kneipe mit jeweils zwei Spielauto­maten. Hatte ich beim ersten Mal noch ein Pensionszimmer für eine ganze Woche gebucht, so genügten danach ganze 5 Tage. Da war ich auch schon meine gesamten 20.000 Münzen los. Dafür durchstreifte ich aber auch jeden Tag 16-18 Stunden die Berliner Straßen. Ich holte mir bei der Post die fertigen Pakete wo, ganz genau 222 Schachteln Zigaretten reinpassten. Jeden Morgen brachte ich solch ein Paket zur Post. Sobald alle Münzen verarbeitet waren, fuhr ich nach Hanno­ver. Dort stapelten sich schon die Pakete. Diverse Kioskbesitzer und private Freunde warteten schon sehnsüchtig auf die verbilligten Zigaretten.

Fußnoten

[1] Ein Tipp von Dieter Schulz: Übrigens, auch jetzt gibt es wieder in einem entfernten Land wertgleiche, aber viel viel billigere, 2-€ Münzen. Es sollte ja auch noch eine ganze Weile dauern, bis auch in die Zigarettenautomaten 5-Mark-Oere-Münzen passten. Aber da war ich schon längst im Bau. Nur so aus Spaß erwarb ich mal bei einem Fernfahrer 20 5-Oere Stücke. Und siehe da, auch damit konnte man eine gute Mark machen.

[2] Barsinghausen ist eine Stadt in der Region Hannover, https://de.wikipedia.org/wiki/Barsinghausen

[3] Euphemismus für die JVA in Hannover. Benannt nach dem nahegelegenen silbrigen, kugelförmigen Gasbehälter. Für Uneingeweihte missverständlich, die dann nach Aufklärung auch noch falsche Herleitungen angeben: https://www.thieme.de/viamedici/klinik-faecher-neurologie-1538/a/der-patient-aus-der-silbernen-kugel-33065.htm

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