Dierk Schaefers Blog

»„Wir“ würden wieder in die Spree springen, uns über Nacht anketten, …

Posted in BRD, Ethik, Menschenrechte, Moral, Recht, Staat by dierkschaefer on 29. November 2016

… bei Regen und Kälte den Hintern abfrieren und uns zu Zehntausenden auf den Straßen und Plätzen des Landes versammeln.«

Der nächste Betrug der Politiker findet morgen statt[1]. Es ist wie mit den ehemaligen Heimkindern: déjà vue!

Ich muss das gar nicht weiter kommentieren. Auch wenn selber nicht betroffen: Was kann von einem solchen Staat und seinen trickreichen Politikern halten? Wenig bis nichts.

[1] http://www.kobinet-nachrichten.org/de/1/nachrichten/35074?utm_source=dlvr.it&utm_medium=twitter&utm_campaign=Feed:+Kobinet-nachrichten+(kobinet-nachrichten+Teaser)

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„Sind Sie Pfarrer?“ – Eine Hölle namens Linde.

Eintrag auf Antrag gelöscht. 16. Juli 2016

 

 

 

#Kinderrechte ? Inklusion macht Kinder zu Verlierern

Allen Inklusionsbegeisterten sei der Praxis-Bericht von Ralph Gehrke empfohlen: Inklusion als Sparpaket. Gehrke ist Lehrer an einer integrierten Gesamt­schule.[1]

Aus ©-Gründen hier nur ein paar Zitate aus dem Artikel:

»Wer sich nur ein bisschen mit Bildungs­politik beschäftigt, weiß, dass sie als Expe­rimentier­feld für Neuerungen, sogenann­te Reformen, benutzt wird, von denen nicht sicher ist, wie sie ausgehen. Nun wird eben inklusiver Unterricht prakti­ziert. Haupt­sache, es sitzen möglichst bald sämtliche Kinder mit Behinderungen ir­gendwo in einer Regelschule und sollen ohne Ansehen ihrer speziellen Handi­caps teilhaben an einem Rennen, bei dem kaum eines mithal­ten kann. Denn der für eine Qualifika­tion für den Arbeitsmarkt mindestens notwendige Hauptschulabschluss bleibt für die allermeisten mit son­derpädagogischem Förderbedarf ein utopi­sches Unterfangen.«

Diese Einschätzung entspricht auch den Rückmeldungen, die ich aus dem Schulsektor bekomme.

Wie sieht das praktisch aus?

»Für FÖRDERSCHULEN gilt grundsätzlich eine Doppel­besetzung für jede Schulstun­de, und das, je nach Schwerpunkt, bei ei­ner Schülerzahl von sieben bis zwölf Kin­dern pro Klasse. Eine faire Inklusion müsste, so sollte man erwarten, dieses Zahlenver­hältnis in Relation auf den Un­terricht der Regel­schule übertragen.«

Das geschieht jedoch nicht, jedenfalls nicht im als Beispiel gewählten Bundesland Nieder­sachsen.

In der REGEL­SCHULE wird »der Verteilungsschlüs­sel pro Kind gerechnet, und demge­mäß hat es, gemessen an der spezifischen Art seiner Behinderung, ein Anrecht auf gerade mal drei bis fünf Stunden in der Woche. Die sonderpädagogische Fach­kraft schaut zweimal in der Woche für eine oder zwei Stunden rein.«

Wie war es bisher?

»Kinder mit geisti­gen oder psychomotorischen Einschränkun­gen wurden bisher exklusiv auf die Sonder- und Förder­schulen verwie­sen. Das ist jetzt anders. Mit der Anwen­­dung der UN-Behindertenrechtskonvention sollten sie oder ihre Eltern die Wahl haben, ob sie die Regel­schule besuchen oder eine Förderschule.«

Aber die Wahlfreiheit wird heute schon stark eingeschränkt. Sie wird »dadurch reduziert, dass die För­der­schulen in ihrer unmittelbaren Nähe geschlossen werden, und zwar in ei­nem Tempo, das man von Behörden sonst nicht kennt. Auffällig ist, dass in niedersächsischen Schulbezirken immer selte­ner Gutachten vor der Einschulung er­stellt werden, auf die Erziehungsberech­tigte sich berufen könnten. Die erste An­laufstelle für ihr Kind sei die Regel­schule, kriegen sie zu hören. Wer sich gegen sol­che administrative Trägheit nicht zu weh­ren weiß, hat sein Recht auf Förderung aufgeschoben, und das Kind sitzt fest in der Grundschule. Damit ist ein erstes Ziel der Inklusionspolitik erreicht. Wo kein Sonderförderbedarf attestiert ist, entfällt auch die entsprechende Unterstützung. Es müssen keine zusätzlichen Fachkräfte bereitgestellt werden. Der wesentliche Zweck von schulischer Inklusion scheint die Personaleinsparung zu sein.«

Warum wehren sich die Eltern zu spät?

»Wer ein behindertes Kind hat, erfährt hautnah, wie sehr man von der Hoffnung abhängt, sein Kind möge sich vielleicht doch „normal“ entwickeln. Beherrscht von solchen Gedanken, fällt es dann schwer, sich einzugestehen, dass der inklu­sive Schul­weg den besonderen Förderbe­darf nicht erfüllt und daher mehr schäd­lich ist als förderlich.«

Wie steht es mit der angestrebten Solidarität zwischen behinderten und nicht-behinderten Kindern?

»Toleranz wird uns nicht in die Wiege gelegt, sondern ist ein Verhalten, das wir uns erst im Laufe unserer Sozialisation mehr oder weniger aneignen. Kinder im Schulalter können, ohne dass sie dafür vollends verantwortlich zu machen sind, intolerant und fies sein, indem sie ver­meintlich Schwächere, also auch Behin­derte, hän­seln (neudeutsch mobben), egal, wie hoch inklusive Werte an ihrer Schule gehalten werden. Das ist nicht zu verhindern.«

Und die Sonderpädagogen aus den aufgegebenen Förderschulen?

»Für sie beginnt ein neues, inklusiv beweg­tes Lehrerleben. Ihre Stundenkapazitäten werden, in kleinste Einheiten gesplittet, über die Schulland­schaft in ihrem Bezirk verteilt, wo sie, erst hier, dann dort und später an­derswo, ihre fachlichen Fähigkeiten in den Regelschulbetrieb bringen sol­len. Ir­gendwann auf den Endlosdienstfahrten wird der einen oder dem anderen viel­leicht klar­werden, dass die wichtigste Qualifikation für den Job nicht das Staats­examen ist, sondern der Führer­schein.«

Der Autor hat sein Augenmerk auf die behinderten Kinder gelegt und auch an seine Kollegen aus den Förderschulen gedacht.

Was fehlt und die Angelegenheit noch gravierender macht, ist die Lernbehinderung, die die nichtbehinderten Schüler erfahren. Wer im Stoff nicht mitkommt – und das ist das Merkmal der Schüler mit besonderem Förderbedarf in den Regelschulen – wer nicht richtig mitkommt, hält den Unterricht auf. Ich erinnere mich an den Leiter einer Bildungsberatungsstelle. Er war der Meinung, die stärkeren Schüler sollten halt so lange auf der Stelle treten, bis die schwächeren nachgezogen haben. Das machen die aber nicht. Die einen werden in vielen Fällen nicht nachziehen können und die anderen treten nicht auf der Stelle, sondern stören den Unterricht – und Eltern, die an die Zukunft ihrer Kinder denken, sind aus guten Gründen nicht tolerant, denn sie wissen, dass es auf dem Arbeitsmarkt keinen Rabatt gibt. Dort zählt Leistung. Das mag man bedauern, doch so ist es.

Wir können uns die Inklusionsträumereien nicht leisten. Sie schaden beiden Schülergruppen. Doch das scheint egal. Die Länder – und viele Eltern – predigen ideologische Ziele, der Staat aber weiß, dass er sparen kann. Und er tut’s ohne Rücksicht auf die Zukunft der Kinder und des Landes. Um die Defizite können sich dann ja die Nachfolgepolitiker kümmern.

[1] Der Bericht erschien leider nur in der Print-Ausgabe der FAZ vom 7. April 2016, Seite 8. Wer mir seine Mailadresse schickt, kann den Scan zur privaten Nutzung von mir bekommen.

Willkürliche Einstufung als Behinderte, um den Tagessatz zu erhöhen?

Posted in heimkinder, Kinderrechte by dierkschaefer on 2. Februar 2015

Ein Mail lädt zu Fragen ein, die angesichts bekannter Hintergründe nicht abwegig sind.

Rein theoretisch könnte es zwar auch sein, dass der Heimaufenthalt so erfolgreich war, dass die Behinderungen geheilt wurden. Solche Heilungswunder wären aber in Rom anzumelden.

 

Hier der problematische Satz:

»Hatten behinderte ehemalige Heimkinder damals einen Grad der Behinderung von 60, 70, 80 % (GDB) mit den Merkzeichen G B, so wurden sie nach der Heimentlassung runtergestuft auf 20 oder 30% und ohne die vorherigen Merkmale.«

 

Hier das komplette Mail:

 

»Es reicht nicht aus, wenn jetzt nur die Behindertenbeauftragte, für eine Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch in Behinderteneinrichtungen und Wohngruppen, sich einsetzt, oder die GRÜNEN dies erst jetzt fordern. Hierfür hatten sie schon vor Jahren die Gelegenheit, spätestens am Runden-Tisch-Berlin 2010!

Politischer Druck, muss jetzt auch von den Menschen mit einer Behinderung selber kommen und zwar mit der solidarischen Unterstützung ALLER ehemaligen Heimkinder (Vereine, Verbände, Beiräte…)!!!

In Mönchengladbach haben wir einen Anfang gemacht, weil wir festgestellt haben, dass sie nicht nur vom „Fond-Heimerziehung-Ost-West“ ausgeklammert wurden, sondern auch erhebliche Probleme mit OEG-Anträgen und Verschlimmerungsanträgen haben.

Hatten behinderte ehemalige Heimkinder damals einen Grad der Behinderung von 60, 70, 80 % (GDB) mit den Merkzeichen G B, so wurden sie nach der Heimentlassung runtergestuft auf 20 oder 30% und ohne die vorherigen Merkmale. Ganz dringend werden für diese Menschen, die damaligen Heimakten benötigt, auch für den FOND! Denn nur so kann der Nachweis erbracht werden, das sie vor ihrer Zeit in einer Behinderteneinrichtung, sie in einem ganz „normalen Heim bzw. Waisenhaus“ untergebracht waren. Vor diesem Problem stehen heute ca. 25 ehemalige Heimkinder in Mönchengladbach! Aber wir gehen z.Z. dieses Problem mit vereinten Kräften an und zumindest haben wir schon erreicht, dass hierfür beim Versorgungsamt ein Abteilungsleiter für ehemalige Heimkinder, als Ansprechpartner zur Verfügung steht.

Ja, leider sind wir mit diesem Thema noch lange nicht am Ende!«

Der Föderalismus hilft … den Behörden

Posted in Justiz, Politik by dierkschaefer on 9. Juli 2014

»Die Durchführung des Schwerbehindertenrechts obliegt – soweit es um die Feststellung der Schwerbehinderteneigenschaft und von Nachteilsausgleichen sowie um die Ausstellung von Ausweisen geht – allein den Ländern. Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales ist hier weder Aufsichtsbehörde noch kann es Weisungen erteilen. Einzelentscheidungen treffen die zuständigen Verwaltungsbehörden der Länder und im Streitfall die Sozialgerichte.«

 

Quelle: http://www.laura21.de/news/2014/verena-bentele-meldet-sich-zu-wort

„Behinderte, das sind nur die, die man füttern muß“ – Zwei Fälle, ein Skandal

Posted in Gesellschaft, Menschenrechte, Politik by dierkschaefer on 20. März 2014

Beim „Schonvermögen“ kann man nicht alle über den gleichen Kamm scheren. Tut „man“ aber.

 

»Fall könnte vor dem Verfassungsgericht landen« Als er »zu Beginn seines Studiums eine Assistenz beantragte, hieß es vom Bezirk Oberbayern: selber zahlen. Schließlich habe er ja Vermögen. 12.000 Euro hatte Pioch zurückgelegt, sein Gehalt als Nachhilfelehrer und Erspartes von den Großeltern. Die sollte er erst aufbrauchen. Nach zwei Monaten wäre das Geld weggewesen, denn seine Assistenz kostet um die 8000 Euro im Monat. Die Studiengebühren wurden ihm aber erlassen, schließlich ist er ja behindert. „Das ist ein schlechter Witz“, sagt Pioch. Er konnte nicht lachen und klagte. «[1]

 

»Deutschland verstößt gegen die Uno-Konvention« »Manchmal fragt er sich, warum er überhaupt studiert, warum er sich so anstrengt. Bei der Gesetzeslage lohne es sich eigentlich nicht, sagt er. „Ich könnte auch in einer betreuten Wohngruppe wohnen, vier Stunden am Tag in einer Behindertenwerkstatt arbeiten und den Rest der Zeit frei haben. Einmal im Jahr würde es ein Benefizkonzert für uns geben. Das wäre allerdings teurer für den Staat als meine jetzige Assistenz. Und ich würde eingehen.“«[2]


»Wäre ich damals unter die Euthanasie gefallen, dann wäre mir vieles erspart geblieben«.

Posted in Geschichte, heimkinder, Kinderrechte, Kriminalität, Menschenrechte by dierkschaefer on 5. Juli 2013

»Ich habe lange in der Diktatur-Höllenquall-zulange gelebt. Zum Schluss wurde mir gesagt Behindertenhilfe-sind vom Fonds aus geschlossen, ich sollte mir keine Hoffnung machen. Wegen der fehlende Rente gehe ich noch Arbeiten«.

 

Aus einer Mail eines ehemaliges Heimkindes.

Petitionsausschuß fordert Änderung des Opferentschädigungsgesetzes im Interesse ehemaliger behinderter Heimkinder

Posted in heimkinder, Kinderrechte, Politik by dierkschaefer on 16. Januar 2013

Im Herzen der Finsternis

Posted in heimkinder, Kirche, Pädagogik by dierkschaefer on 21. März 2010

Im Herzen der Finsternis

Selten nur ist man von einem Sachbuch so gefesselt, daß man es möglichst ohne Unterbrechung durchliest. Und wohl kaum üblich ist es, daß Autoren einer wissenschaftlichen Studie ein Bild aus dem belletristischen Bereich bemühen, um das Resümee zu ziehen. Sie schreiben: »Öffnete man in den 1950er und 1960er Jahren die Tür zum Johanna-Helenen-Heim, so sah man in einen Abgrund der Willkür, der Zerstörung, der Gewalt, der Angst und der Einsamkeit. Man blickte in das ‚Herz der Finsternis‘« So heißt der Roman von Joseph Conrad, in dem er eine (fiktive) Expedition zum Oberlauf des Kongo, der Privatkolonie des belgischen Königs Leopold II beschreibt. Der „Freistaat Kongo“ stand außerhalb jeglichen Völkerrechts. Seine Bevölkerung wurde millionenfach zur Arbeit gezwungen, verstümmelt, versklavt, getötet. Das Ganze unter dem „Deckmantel eines wortreichen humanitären Missionseifers“.

Das Herz der Finsternis des nun vorliegenden Forschungsberichtes ist das „Johanna-Helenen-Heim“ in Volmarstein in den Jahren 1947 bis 1967. [Hans-Walter Schmuhl und Ulrike Winkler, Gewalt in der Körperbehindertenhilfe, Das Johanna-Helenen-Heim in Volmarstein von 1947 bis 1967, Verlag für Regionalgeschichte, Bielefeld 2010, Schriften des Instituts für Diakonie- und Sozialgeschichte an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal/Bethel, Band 18].

Die Autoren haben nicht übertrieben. Wer das Buch liest, schaut mit Grauen tatsächlich in ein Herz der Finsternis. Die Arbeit mit den Quellen, insbesondere die Befragung der ehemaligen Heimkinder muß nicht nur für die Heimkinder, sondern auch für die Autoren extrem belastend gewesen sein und es ist ihr Verdienst, in wissenschaftlicher Nüchternheit und quellenkritischer Methodik den Leser teilhaben zu lassen an den erhobenen Befunden. Der Leser muß nicht aufgefordert werden, sich zu entsetzen, das besorgt schon die Rekonstruktion des Heimalltags.

Eine Abteilung des Johanna-Helenen-Heims in Volmarstein war im beschriebenen Zeitraum ein Heim für behinderte Kinder. Sie kamen mit unterschiedlichem familiären und gesundheitlichen Hintergrund in das Heim, wo sie versorgt, gepflegt und beschult werden sollten. Diese Unterschiede sorgten bereits für eine Hierarchisierung, die eine Hackordnung war.

»Kinder, die aus einem geordneten und wohlhabenden (und dem Personal gegenüber freigebigen) Elternhaus kamen, Kinder, die eine enge Bindung zu ihren Familien hatten, kräftig genug waren, um Pflegehilfsdienste zu übernehmen, die sich ruhig und angepasst verhielten und gute schulische Leistungen vorweisen konnten, genossen einen gewissen Schutz. Kinder, die aus einfachen Verhältnissen stammten, die keine Angehörigen hatten oder deren Familien sich nicht um sie kümmerten, laute, lebhafte, widersetzliche, trotzige Kinder, Kinder, die sich einnässten und stereotype Verhaltensmuster aufwiesen, Kinder, die schlechte schulische Leistungen erbrachten, zogen den Zorn des Personals auf sich. Ganz unten in der Hierarchie standen die „Sozialwaisen“, deren Eltern sich nicht um sie kümmerten oder denen das Sorgerecht entzogen war – sie waren regelmäßig Opfer physischer und psychischer Gewalt der Schwestern und Lehrerinnen, aber auch der anderen Kinder, die vom Personal dazu angestiftet wurden.« Nicht etwa, daß es den Kindern „weiter oben“ gut gegangen wäre, es ging ihnen nur besser als denen „unten“: »Marianne B. [mußte] ein schwarzes Strafkleid tragen, wenn sie sich nicht wie verlangt benommen hatte. Sie hatte demütigende Prozeduren über sich zu ergehen lassen, die von keinem anderen Kind berichtet werden. Auch war sie ein bevorzugtes Prügelopfer, die Schwestern schlugen nicht nur selber zu, sondern animierten auch andere Kinder, Marianne zu schlagen und schlecht zu behandeln. Regelmäßig wurde Marianne zu schweren und schmutzigen Arbeiten herangezogen. … Klaus [mußte] vierzehn Tage lang allein in einem abgedunkelten Badezimmer und von der Außenwelt abgeschnitten liegen. Der einzige Sinneseindruck für ihn sei das Geräusch eines tropfenden Wasserhahns gewesen«.

Eine Hierarchie, wenn auch nicht diese, war „fachlich“ vorgegeben: »In der Folge des Ersten Weltkriegs setzte sich eine Dreiteilung von Menschen mit Behinderungen durch: Die „Schwerbeschädigten“, deren körperliche Behinderung auf eine Kriegs-, Arbeits- oder Unfallverletzung zurückzuführen war, wurden gegenüber der Masse der „Krüppel“, also der Menschen mit körperlichen Behinderungen, die nicht zu diesen privilegierten Gruppen gehörten, bevorzugt, und am Ende der sozialen Leiter standen die „Unwertigen“ – die „Krüppelsiechen“, die nicht in die moderne Arbeitsgesellschaft integrierbar waren, ferner Menschen mit Mehrfachbehinderungen sowie Menschen mit geistigen Behinderungen oder Epilepsie. Diese verhängnisvolle Dreiteilung, die sich im „Dritten Reich“ (mit tödlichen Folgen für viele „unwertige“ Menschen mit Behinderungen) noch weiter verfestigt hatte, wirkte bis weit in die 1960er Jahre, teilweise noch darüber hinaus, nach«.

Damit bietet die Untersuchung zugleich eine Geschichte der Behindertenpädagogik, der „Krüppelpädagogik“, die ein beängstigend-trauriges Kapitel der Diakoniegeschichte darstellt. Denn die Staffelung der Leistungen der „Krüppelfürsorge“ nach der Schwere der Behinderung und dem Behandlungsaufwand führte auf allen Gebieten der Volmarsteiner Anstalt, und wohl nicht nur dieser, zu den Defiziten, die das Haus zum Herzen der Finsternis machten: die unzulänglichen Gebäude und ihre Einrichtung, der Personalschlüssel und die fachliche Qualifikation des Personals. Dies alles ist ebenso wie die kaum vorstellbaren Demütigungen, Quälereien und eindeutigen Menschenrechtsverletzungen detailliert in der Untersuchung nachzulesen.

Auf einige Besonderheiten des Personals sei jedoch hingewiesen. Da gab es eine extrem gefürchtete Lehrerin. Selber überaus behindert hatte sie es mit eiserner Kraft und Selbstdisziplin geschafft, diese Position zu erlangen. Sie gehörte damit zur „wertvollen“ Gruppe der „Krüppel“. Mit den „Unwertigen“ konnte sie nicht nur nichts anfangen („Du bist asozial, und Asoziale fördere ich nicht“), sondern sie schlug in blindem Haß (Selbsthaß?) auf sie ein. Kinder mit Körperbehinderung mußten über lange Zeit „Strafstehen“. Wenn sie zusammenbrachen, wurden sie am Boden verprügelt und wieder hingestellt. Eine andere Lehrerin schlug nicht „im Jähzorn“, sondern “eiskalt“. Diese Gewalttätigkeiten waren auch in der damaligen Zeit gesetzwidrig und den Heimverantwortlichen bekannt.

Auch das gewalttätige Verhalten der Gruppe der Königsberger Diakonissen kann man nur unter Berücksichtigung ihrer Biographien verstehen. Von der Roten Armee überrollt waren zwei von ihnen mehrere Jahre in russischer Kriegsgefangenschaft, bevor sie nach Volmarstein kamen. Man weiß, wie die russischen Soldaten über Frauen hergefallen sind und ich hörte, daß einige Diakonissen, die – altersbedingt nicht mehr ganz kontrolliert – die sie pflegenden Schwestern mit gotteslästerlichen Flüchen verstört haben. Das jahrelang verdrängte Grauen brach durch. Doch es kommt noch etwas hinzu. Die Autoren beziehen sich auf Goffmans Beschreibung „Totaler Institutionen“. Er schreibt von einem grundlegenden Unterschied der Stellung der Insassen und der des Personals, das im Unterschied zu den Insassen „anders“ könne und einen Privatbereich habe. Dies war den Diakonissen kaum gegeben. Das Entsetzen des Lesers über die Verhältnisse im Heim steigert sich, wenn er erkennt, daß diese Diakonissen ihrerseits in einer totalen Institution gefangen waren. Das unbarmherzige „Mutterhaus“ (!) verfügte total über sie, überforderte und demütigte sie. Ob die kritische Geschichte der Gewaltverhältnisse in Diakonissenhäusern schon geschrieben ist, weiß ich nicht. Jedenfalls stießen im Heim traumatisierte und gedemütigte Menschen auf doppelt Hilflose, auf Kinder, als solche schon schutzbedürftig, zudem aber noch behindert. Das konnte nicht gutgehen.

Die Untersuchung widmet sich auch den anderen Personen im Heim:

Da ist der Arzt, der zwar im Dritten Reich zur Bekennenden Kirche gehörte, aber ein Anhänger und Verfechter der Nazi-Eugenik war. Als eiskalt wurde er wahrgenommen. Bei den seltenen medizinischen Visiten beteiligte er sich an Strafmaßnahmen.

Das Heim war eine kirchliche Einrichtung; also gab es auch Pfarrer. Auch sie wußten von den Gewalttätigkeiten. Von seelsorgerlichen Bemühungen um die Kinder oder um das Personal ist nichts zu lesen, aber von Gottesdiensten, Andachten und Konfirmationsunterricht.

Einer der Lichtblicke sind einige Praktikanten. Ihre Berichte bestätigen die Erlebnisse der mißhandelten Heimkinder. Ein Praktikant wurde unter Druck gesetzt, seinen Bericht zu „schönen“, doch er blieb standhaft. Solche Pressionen kommen auch heute noch vor, wenn z.B. eine Praktikantin auf die pädagogischen Merkwürdigkeiten bei „erlebnispädagogischen“ Auslandsprojekten einer kirchlichen (!) Einrichtung verweist.

Volmarstein ist heute anders. » Die Evangelische Stiftung hat letztendlich Licht ins Dunkel gelassen. So ist das vorliegende Buch nicht nur ein Geschichts-, sondern auch ein Lehrbuch über die Wirkung und Auswirkungen von Verbrechen und Versagen«. So schreibt die „Freie Arbeitsgruppe JHH 2006“ in ihrem Vorwort zur Untersuchung der Wissenschaftler. Ihrem umsichtigen Beharren auf Aufklärung und ihrer transparenten Arbeit im Internet ist die vorliegende Untersuchung zu verdanken, aber auch dem vor wenigen Jahren erfolgten Personalwechsel an der Spitze der Stiftung. Hier wurde in vorbildlicher Weise Vergangenheit aufgearbeitet. Bei ähnlichen Einrichtungen steht das noch aus, und wahrscheinlich benötigen wir auch dort einen Personalwechsel an der Spitze für die Einsicht, daß die Interessen der Institution weniger wichtig sind als daß geschundenen Kindern Gerechtigkeit widerfährt.

»Der geheime Lehrplan des Johanna-Helenen-Heims zielte auf das „Erzeugen von permanenter Angst“. Auch wenn nicht ständig geschlagen wurde, war das Grundgefühl der Kinder im Johanna-Helenen-Heim eine allumfassende Angst, das Gefühl, der Willkür der Schwestern und Lehrerinnen hilflos ausgeliefert zu sein, das Bewusstsein, dass es kein Entrinnen gab. «

Nun aber will die Evangelische Stiftung Volmarstein ein neues Heim nach einem mißhandelten Heimkind nennen. Dies ist die höchste Anerkennung, die auf symbolischer Ebene möglich ist. Was noch aussteht sind Entschädigungen. Insbesondere wird man der Angst der ehemaligen Heimkinder begegnen müssen, die mit der Aussicht auf erneute Heimunterbringung in Alten- bzw. Pflegeheimen verbunden ist. Die Schatten der Vergangenheit reichen bis in die Zukunft.

Die Untersuchung von Schmuhl/Winkler gehört unbedingt in die Pädagogik-Ausbildung angehender Erzieherinnen und Jugendamtsmitarbeiterinnen und in die Ausbildung des Personals von Alten- und Pflegeheimen. Auch sollte in jeder Heim-Bibliothek ein Exemplar stehen, zugänglich für das Heimpersonal und für die Heimbewohner, die zum Glück keine Insassen mehr sind, auch wenn diese Institutionen nie ganz den Charakter von totalen Institutionen verlieren werden.

Aus Anlaß dieser Rezension sei eine weitere angefügt.

So unterschiedlich beide Bücher sind, so geht es in beiden um Menschen mit Behinderung. Auch dieses Buch mag man nicht aus der Hand legen, bevor man es durchgelesen hat. Bei der Untersuchung von Schmuhl/Winkler liegt das an der verstörenden Wirkung des Grauens, hier ist es der bezaubernde Charme eines Menschen, der uns rätselhaft ist und bleibt, und der seine Umwelt in komische Verwirrungen stürzt. Die Identifikation mit den Personen trägt bis zum Schluß des Buches.

Marie-Aude Murail, Simpel, Frankfurt am Main, Fischer-Taschenbuch-Verlag, 2010, 4. Auflage

Das Buch war mir schon sympathisch bevor ich es lesen konnte. Meine Frau ist Romanistin und hatte mir begeistert davon erzählt. Nun ist es nicht nur übersetzt, sondern erhielt auch 2008 den „Deutschen Jugendliteraturpreis“.

Simpel

»Red doch nicht mit Leuten, die du nicht kennst«, schimpfte Colbert. Dann gab er sich einen Ruck und wandte sich an den Mann mit dem Hund:»Entschuldigen Sie, er ist geistig behindert.« »Ein I d i o t«, korrigierte ihn der andere und betonte dabei jede einzelne Silbe.

Der andere, das ist Simpel, 22 Jahre alt – und er ist gar nicht so simpel, wie er heißt.

Colbert, sein Bruder hat ihn aus dem Heim geholt, aus Malicroix. Damit beginnen die Schwierigkeiten. Denn Colbert, 17 Jahre alt, will an einem Pariser Elitegymnasium sein Abschlußjahr machen und geht nun mit seinem nur dem Alter nach großen Bruder auf Wohnungssuche. Simpel ist zusammen mit seinem Stofftier, Monsieur Hasehase, ein Risiko. Schon die erste Wohnungsbesichtigung scheitert, denn die Maklerin ist hell entsetzt. Mehr Glück haben die beiden beim Casting in der WG, auf die Colbert dank einer Kleinanzeige im Supermarkt gestoßen ist. Doch es klappt, und nun wird es spannend. Wie bringt Colbert seinen Schulalltag, sein erwachendes Interesse für Mädchen und den unberechenbaren Bruder unter einen Hut? Wie lange toleriert die studentische Wohngemeinschaft, selber in gewisse Partnerschaftsprobleme untereinander verstrickt, einen Simpel, der im Dialog mit seinem Monsieur Hasehase Chaos stiftet? Vor ihm sind auch keine technischen Geräte sicher, weil er in ihnen ein Männchen, ein Mänzel, sucht. Und Handys sackt er einfach ein.

Ist es auch Wahnsinn, hat es doch Methode. Die Ratschläge von Monsieur Hasehase verkomplizieren die Handlung, machen sie streckenweise zur Komödie und treiben sie voran. Das alles ist gut verflochten mit den Ereignissen in der WG und Colberts Irrungen auf pubertären Pfaden. Dabei lernen wir eine ganz reizende Familie mit maghrebinischem Hintergrund kennen, die überhaupt keine Probleme mit Simpels Skurrilitäten hat.

Doch die Situation spitzt sich zu. Simpel bedient auch das Telefon der WG, wenn er allein ist. Das hat überraschende Folgen. So versetzt er die Eltern eines anderen WG-Bewohners in Aufruhr und veranlaßt sie zu einem überstürzten Besuch. Simpel schafft es auch in aller Naivität, die Dame vom Jugendamt zu täuschen. Das führt zu einem reizenden Verwechslungsspiel.

Doch schließlich wird die Belastung zu groß. Simpels Vater setzt sich durch: Ab nach Malicroix, ins Heim! Schließlich soll sich Colbert nicht überfordern. Er habe doch sein eigenes Leben zu leben, wie er, der Vater, mit seiner neuen Frau.

»Im Heim legte Simpel sein Stofftier auf das Kopfkissen, dann holte er seine Kinderschere. „Machst du mir wieder die Augen kaputt?“ – „Du sollst das nicht sehen.“ – „Ja, aber wie weine ich dann?“ fragte Monsieur Hasehase«. Simpel löst das Problem auf seine Weise. Während er in der WG bereits schmerzlich vermißt wird, versetzt er das Heim in Aufruhr, geht bei vollem Heim-Alarm schick gekleidet an der Rezeption vorbei und haut ab. Zurück in Paris findet er sich nicht zurecht. Zwei Prostituierte gabeln ihn auf. Sie merken recht bald, mit wem sie es zu tun haben. »Das ist doch ein Idiot«. – »Geistig behindert«, korrigiert Simpel. Auf der Suche nach Geld in seinen Taschen stoßen die Prostituierten auf den Notzettel mit der Handy-Nummer seines Bruders.

Nun ja, Ende gut alles gut: Simpel und Colbert bleiben in der WG, Monsieur Hasehase wird aus dem Müllschlucker gerettet, Colbert weiß nun, welches Mädchen er wirklich liebt und die Partnerschaftsverhältnisse der anderen WG-Bewohner sind auch geklärt.

Es wäre zutiefst unbefriedigend gewesen, wenn dieses bezaubernde Buch kein sympathisches Ende gefunden hätte. Die Autorin schafft es, Empathie für eine Menschengruppe zu wecken, der wir aus Unsicherheit lieber aus dem Weg gehen, weil Menschen mit geistiger Behinderung uns verunsichern, denn wir halten sie für unberechenbar. Wer selber einen „Simpel“ daheim hat, wird bei manchen Episoden zustimmend schmunzeln, besonders wenn Simpel mit schlafwandlerischer Sicherheit unerwartet-richtige Kommentare gibt. Man ist aber trotzdem dankbar, daß der eigene Simpel nicht in Begleitung eines Chaos-Hasen daherkommt. Doch die Beglückung, die von solchen Menschen ausgehen kann, finde ich bei Simpel wieder.

Ein Wort sei noch der Jugendamtsmitarbeiterin gewidmet. Natürlich empfindet man als Leser Schadenfreude, wenn sie von Simpel an der Nase herumgeführt wird. Doch man kann ihr keinen Vorwurf machen. Sie verhält sich professionell und macht eigentlich keine Fehler. Was der „öffentlichen Fürsorge“ abgeht, wird nicht nur an Simpel deutlich, der sich ihr entzieht, sondern auch darin, daß sie wohl nie wird verstehen können, daß professionelle Fürsorge zur Karikatur wird vor der Liebe eines Bruders, der seinen Simpel trotz aller Schwierigkeiten, die so ein Simpel mit sich bringt, aus dem Heim holt.

Auch wir lieben unseren Simpel.

Rezensiert von

Dierk Schäfer

Freibadweg 35

73087 Bad Boll

Fon: (0 71 64) 1 20 55

Mail: ds [at] dierk-schaefer.de

Genaue Bibliographie:

Hans-Walter Schmuhl / Ulrike Winkler

Gewalt in der Körperbehindertenhilfe

Das Johanna-Helenen-Heim in Volmarstein von 1947 bis 1967

= Schriften des Instituts für Diakonie- und Sozialgeschichte an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal/Bethel 18

2010. ISBN 978-3-89534-838-9. Gb. 25 x 17 cm. 328 S. 28 sw. Abb. 1 CD. 19,00 Euro

Nachtrag: Inzwischen liegt ein zweiteiliges Interview mit Dr. Ulrike Winkler vor.

Hier die Links zur Aufnahme:

Die Fernsehsendung „Behinderte in Heimen“ vom 23.3.2010 steht jetzt unter folgenden Links online:

1) Erster teil der Fernsehsendung vom 23.3.2010 „Behinderte in Heimen“ mit der Autorin Dr. Ulrike Winkler
http://de.sevenload.com/sendungen/Top-TV-im-OKB/folgen/4ER1xRP-01-TopTV-23-3-210

2) Zweiter Teil der Fernsehsendung vom 23.3.2010 „Behinderte in Heimen“ mit der Autorin Dr. Ulrike Winkler
http://de.sevenload.com/sendungen/Top-TV-im-OKB/folgen/MvUYuff-02-TopTV-23-3-210