Dierk Schaefers Blog

Helmut Jacob ist tot – Ein Nachruf

Er war ein unerschütterlicher Kämpfer für die Sache der ehemaligen Heimkinder – und er war selber eins. Doch trotz eigener Betroffenheit war er abgewogen in seinem Urteil und auch in den Verurteilungen. Das habe ich an ihm geschätzt und ich bin traurig, dass er so früh, mit 67 Jahren, an seinem Geburtstag, gestorben ist. Noch sechs Tage vor seinem Tod schrieb er einen Nachruf auf Lisa P., und beschrieb damit auch seinen Einsatz für sie.[1]

Gesehen habe ich ihn nie, ein- oder zweimal mit ihm telefoniert. Aber unser Mailkontakt war sehr rege. Hauptthema natürlich die ehemaligen Heimkinder, wie man damals mit ihnen  umgegangen ist und wie sie von den Vertretern aus Staat, Kirchen und ihren Sozialeinrichtungen mit der willigen Hilfe von Frau Dr. Antje Vollmer, Pfarrerin, über den Runden Tisch gezogen wurden.

Die Stimme der geschlagenen Kinder, nannt ihn die Westfalenpost. Sein Leserbrief an die kirchliche Wochenzeitung „Unsere Kirche“ im Frühjahr 2006 hatte die Lawine los getreten. „Die Hölle von Volmarstein“ lag plötzlich nicht mehr im Verborgenen. »Helmut Jacob aus Wengern erinnerte an die wehrlosen Kinder, die in der damaligen Krüp­pel­anstalt an Leib und Seele misshandelt worden waren. Übertriebene Fantasien eines Opfers, späte Rache oder einfach nur Nestbeschmutzung? Ein paar Jahre später bescheinigten zwei Historiker, dass es in der Hölle von Volmarstein noch schlimmer zugegangen war als von Helmut Jacob geschildert. Das Buch liegt vor, dutzende von Leidensberichten auch. Und doch geht der Kampf weiter, den die Freie Arbeitsgruppe Johanna-Helenen-Heim 2006 vor ziemlich genau zehn Jahren aufgenommen hat. … Helmut Jacob war selbst einer von denen, die in dem Heim von Diakonissen klein gemacht wurden. „Der Umfang der Gewalttätigkeiten reichte vom morgendlichen Blauschlagen kleiner Finger mit dem Krückstock bis dahin, dass die Kinder ihr eigenes Erbrechen essen mussten.“ Neben fünf äußerst gewalttätigen Schwe­stern „war der allerschlimmste Satan eine schwerstbehinderte Lehrerin, die mit ihrem ortho­pä­dischen Hilfsmittel, dem Krückstock, die Kinder manchmal bis zur Besinnungslosigkeit schlug.“«[2]

Erst spät konnte Helmut Jacob sich dazu durchringen, das Almosen zu akzeptieren, das von den Medien immer fälschlich „Entschädigung“ genannt wird. In unserem Urteil über die mafiöse Kumpanei von Staat und Kirchen waren wir uns einig. Doch aus der Kirche trat er erst aus, als auch sein Gemeindepfarrer sich als große Enttäuschung erwies. Trotz all dieser Erfahrungen verstand er sich als Christ[3] und hätte gern eine Kirche gehabt, die über „Betroffenheitsgestammel“ hinaus (seine Wortschöpfung) sich durch Taten wieder ehrlich macht. Doch niemand raffte sich auf, den ehemaligen Heimkindern die Angst zu nehmen, wieder in ein Heim, nun Alten- oder Pflegeheim zu kommen, sondern durch Assistenzleistungen in vertrauter und nicht fremdbestimmter Umgebung bleiben zu können.

Durch seinen frühen Tod blieb er davor bewahrt.

 

Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung. Als die erste Homepage der Volmarsteiner Heimkinder[4] „voll“ war, wies ein Eintrag auf die zweite hin[5] (inzwischen sind es drei[6]): »Diese „alte” Homepage bleibt im Netz. Sie ist ein Dokument der Zeit. Sie dient der Forschung und Mahnung. Freie Arbeitsgruppe JHH 2006« Die Daten der ersten Homepage wurden der Veröffentlichung über Volmarstein[7] als CD beigelegt. Helmut Jacob wollte nicht, dass die Erinnerung an die Demütigungen, Misshandlungen und den sexuellen Missbrauch verschwinden, auch nicht die Verweigerung von Bildung. Seine Texte im Internet sind das würdige Denkmal für diesen unerschrockenen, einsatzbereiten Menschen, für Helmut Jacob.

Fußnoten

[1] http://jacobsmeinung.over-blog.com/2017/10/lisa-p.ist-tot-mein-personlicher-nachruf.html

[2] https://www.wp.de/staedte/herdecke-wetter/stimme-der-geschlagenen-kinder-aus-volmarstein-id11882715.html

[3] So bat er mich regelmäßig um einen Weihnachtsgruß an seine Volmarsteiner Gruppe. Hier der von 2016: https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/12/08/weihnachten-eine-illusion-ein-weihnachtsgruss-fuer-kirchengeschaedigte/

[4] http://www.gewalt-im-jhh.de/

[5] http://www.gewalt-im-jhh.de/hp2/index.html

[6] http://www.gewalt-im-jhh.de/hp3/index.html

[7] Rezension: https://dierkschaefer.wordpress.com/2010/03/21/im-herzen-der-finsternis/

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Die methodische Zurichtung des Menschen

Posted in Ethik, Kinder, Kinderrechte, Kindeswohl, Leben, Pädagogik, Psychologie, Theologie, Therapie by dierkschaefer on 18. Februar 2016

Was für eine Aufregung! Ich hatte in ein Wespennest gestochen, als ich den Hinweis auf youtube[1] kommentierte mit: „klar, das ist umprogrammierung. wenn’s hilft, so what?“ Ich hatte auf einen Tweed geantwortet. Dann lief’s twittertypisch frei nach Schiller „Und, wie im Meere Well auf Well, so läuft’s von Mund zu Munde schnell“. Die Tweeds und Retweets eroberten mein Postfach. Das Gute an Twitter: Es regt an, sich mit den Hintergründen zu beschäftigen. Das Schlechte: Nach dem Freund-Feind-Schema wird man schablonenhaft eingeordnet – und läuft Gefahr, dieses auch zu tun.

Es ging um eine behavioristische Behandlungsmethode[2] für autistische Kinder, um sie aus ihrer krankheitsbedingten Abkapselung herauszuholen.

Was war bei youtube zu sehen? Eine nervige Therapeutin, nein, eine Therapeutin mit nerviger Methode war bemüht, dem Kind Aufmerksamkeit abzuverlangen und Interaktion aufzudringen; es sollte aufmerksam sein und ihre Gesten nachmachen. Das Ganze sehr hektisch, das Kind eher langsam, doch es wirkte nicht unglücklich. Ich bin kein klinischer Psychologe, darum muss ich mich auf die Ergebnisse solcher Therapien konzentrieren – und die auch kritisch betrachten. Das soll hier angesichts der Vielfalt und Komplexität des Krankheitsbildes Autismus[3] nicht geschehen. Doch der Schlagabtausch auf Twitter wurde grundsätzlich – und ideologisch: »„Programmierung“ ist Mind Control und niemand sollte dieser Gewalt ausgesetzt werden! #noABA / @_Kinderrechte_ @dierkschaefer @QuerDenkender

Zunächst zu Programmierung und Mind Control. Da gibt es tatsächlich Überschneidungen.

Das Stichwort Programmierung erinnerte mich an die 70er Jahre, in denen Jugendliche in die Fänge von „Jugendreligionen“ geraten und dort völlig umgepolt waren mit Methoden, die man Gehirnwäsche [4] nannte. Es kam vor, dass Eltern daraufhin ihre Kinder kidnappten und Fachleuten übergaben, um diese Programmierung durch Umprogrammierung rückgängig zu machen.[5]

Das Bild von einem programmierbaren Menschen hat etwas Unheimliches an sich.[6]

Doch wenn es um anerkannte Krankheiten geht und man keinen anderen Zugang findet, könnte Programmierung ja eine Möglichkeit sein, wenn sie es ermöglicht, ein zufrieden­stellendes Leben in dieser Gesellschaft zu führen. Schließlich ist Programmierung keine Lobotomie. Doch die Fundamentalkritik richtet sich nicht nur an die bewußt-gezielte Formung menschlichen Denkens. So hat Snowweird einem grundlegenderen Tweed zustimmt: Wenn doch Erwachsene Erwachsene heißen u. nicht Erzogene, können wir dann aufhören, Kinder zu erziehen, u. sie dafür einfach wachsen lassen?“[7]

Dahinter stecken romantisch-naturverbundene Vorstellungen, ein Kind entwickele sich (wie ein Tier?) von allein. Einfach wachsen lassen … nicht einmal pädagogische Anregun­gen und Förderungen sind vorgesehen. Man muss das Kind wohl nur satt und sauber halten. Das reicht. Damit kann man sich nicht einmal auf Rousseau berufen, der immerhin meinte, man müsse ein Kind „durch die Notwendigkeit der Dinge erziehen“.[8] Zur Notwendigkeit der Dinge zähle ich auch manches, was Kinder nicht mögen und noch nicht verstehen, wie z.B. Impfungen, Operationen, den Zahnarzt, aber natürlich nicht Beschneidungen oder Ohrstechen, auch nicht das forcierte Training für sportliche oder musikalische Höchstleistungen.

Schwierig wird’s mit den Themen 1. Behinderungen und 2. psychiatrische Diagnosen. Manche fassen diese Dinge ja auch als Auszeichnung auf.

Ad 1: Da wird die Tochter zur „Trägerin des Down-Syndroms“ stilisiert.[9] Ja, geht’s denn noch? Ich komme regelmäßig in eine Einrichtung für Menschen mit Behinderung und sehe was dort los ist: Überwiegend sympathische Menschen unterschiedlichen Alters, die mich teils mit großem HALLO begrüßen, manche reagieren auch gar nicht. Doch auch die Freundlichkeit hat mit den Einschränkungen, hat mit Distanzlosigkeit zu tun. Sie leben in einem Schonraum. Wer Inklusion fordert, ist ahnungs- oder herzlos.

Ad 2: Macht man sich auf die Suche nach Therapiemöglichkeiten für psychisch Kranke, wird man schnell entmutigt. Es gibt eben nur das, was sich auch rechnet. Angefangen von Medikamen­ten für seltene Krankheitsbilder[10] bis zur Findung einer erkennbar dafür fachkundigen Thera­peu­tin, die nicht nach Beginn der Therapie im ihr zustehenden Mutterschutz verschwindet. Die prinzipielle Austauschbarkeit behavioristischer Therapeuten hat auch ihre Vorteile, – doch auch diese sind ausgebucht. – Kommen aber geistige Behinderung und psychiatrische Erforder­nisse zusammen, wird man kaum jemand finden, der hinreichend sachkundig ist. Und wenn, dann beträgt die Wartezeit zuweilen zwei Jahre.

 

Wozu erziehen wir Kinder – wenn wir sie denn erziehen wollen?[11] Sie sollen lebensfähig gemacht werden für die Welt, in die sie hineinwachsen. Die hat sich gegenüber früher deutlich verändert. Aber immer sind es wirtschaftliche Notwendig­keiten, die über eine erfolgreiche Anpassung entscheiden, früher wie heute.

Entwicklung der Moderne am Beispiel der Lebensgemeinschaft… Hier ist viel Platz und Notwendigkeit für Systemkritik.[12]

Doch abgesehen von den Notwendigkeiten geschieht Erziehung auch unbemerkt. Die Formung der Persönlichkeit beginnt bereits während der Schwangerschaft. Das muss hier nicht näher ausgeführt werden; darüber wurde in der letzten Zeit viel publiziert, angefangen vom Speisezettel bis hin zum Musikgeschmack der werdenden Mutter. Einschneidender ist ihr Drogenkonsum. Die Tatsache, dass kaum noch Trisomiekinder geboren, weil sie abgetrieben werden, ist als Negativauswahl und damit Vorläufer des Designer-Babys[13] zu sehen. Da dürfte in absehbarer Zukunft die Auswahl schwierig werden für das Nobelpreis-Komitee und für die Miss-Germany-Wahl, an die Miss-World gar nicht zu denken.

Wie Kinder für unsere Gesellschaft passend gemacht werden, mit unserem Zutun aber ohne bewußtes Ziel, zeigen die Wissenssoziologen Berger und Luckmann an einem banalen Beispiel. Wie lernt ein Kind, dass es mit der Suppe nicht kleckern soll?[14] Ich weiß; manche Eltern meinen, ihr Kind dürfe, ja müsse mit allem rumschmieren – und machen sich zum Sklaven. Auch das ist Erziehung – aber keine gute. Doch man kann jedes andere Beispiel nehmen: Die Kinder ahmen nach, was man ihnen vorlebt, im Guten wie im Schlechten. Das wird erst mit der Pubertät anders – und diese Freiheit sollte im Erziehungsverständnis enthalten sein, was allerdings in fundamentalistischen Familen recht selten sein dürfte. Fundamentalismus hat viele Spielarten, nicht nur klassisch religiöse.

Selbstverständlich übernehmen unsere Kinder auch unser Wertesystem und unsere Weltan­schauung, sei sie liberal, sozial, konservativ, fromm, bigott – oder wie auch immer. Sie lernen an unserem Vorbild und wir freuen uns, wenn sie so werden wie wir. Das ist normal; so reproduziert sich Gesellschaft.

 

Die Spitze war, dass jemand dieser namhaften Twitterer[15] in meinem Profil gesehen hatte, dass ich – nicht nur, aber auch – Pfarrer bin. Eine gewisse Angie R.[16] twitterte:

„Kinder sollten überall auf der Welt geschützt werden von Religion, Politikern & Pädophilen“. Damit war alles klar und ich fand mich in illustrer Gesellschaft. Pfarrer sind wie Pädophile. Sie missbrauchen Kinder[17], wenn nicht körperlich, so doch seelisch mithilfe von Religion. Religion formt, sie deformiert das Kind, und das darf nicht sein. Wenn schon Religion, dann soll das Kind später selber entscheiden können, ob und wie religiös es sein will. Denn Religion ist Entscheidungssache wie der Kleiderkauf. Paßt der Islam zu mir, oder der Buddhismus, vielleicht Hindu oder Stammesreligion, wenn Islam, dann Sunna oder Schia, oder vielleicht doch das Christentum, aber welche Konfession? [18]Bei der unübersichtlichen Auswahl, lassen wir’s vielleicht doch lieber gleich ganz. – Ich vermute Zustimmung.

Zu dieser Naivität, fast hätte ich gesagt sancta simplicitas, gesellt sich seit einiger Zeit und besonders im Netz, eine Geisteshaltung, die ich nur als gruppenbezogene Menschenfeind­lichkeit auffassen kann.[19] Wurden Pfarrer früher eher als weltfern-fromme Naivlinge hingestellt, so begegnet uns im Netzdiskurs zudem eine zunehmende Feindseligkeit, die sich nicht nur auf die Rolle der Kirchen beschränkt, sondern Christentum und Religion allgemein ins Fadenkreuz nimmt. Die Diffamierung im genannten Tweed ist aber nicht weiter erstaunlich. Da sehr viele, wenn nicht die meisten Menschen, von Religion und Theologie wenig oder keine Ahnung haben, können sie nicht wissen, dass ein Theologiestudium eine gute Grundlage abgibt, ideologiekritisch zu werden, auch gegenüber der eigenen Weltanschauung.

So bastelt man naiv und munter seine eigene Ethik, völlig unbeleckt von der Spannung zwischen Gesinnung und Verantwortung: Es komme nicht auf den Erfolg einer Therapie an, sondern auf ihre Ethik. Es ist ja lobenswert, dass Ethik als nötig erachtet wird. Selbstverständlich rechtfertigt der Zweck nicht jedes Mittel. Wenn man aber erfolgreiche Alternativen hat, die ethisch besser sind, um so besser – doch nur dann.

[1] https://www.youtube.com/watch?v=SLBLnNxzftM

[2] „Applied Behavior Analysis“ (ABA), https://de.wikipedia.org/wiki/Applied_Behavior_Analysis Man beachte den Hinweis auf die Diskussionsseite

[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Autismus Ich zitiere Wikipedia, von dort aus kann man weitersuchen.

[4] Gehirnwäsche https://de.wikipedia.org/wiki/Gehirnw%C3%A4sche

[5] Hier greife man auf ein Beispiel von programmierenden Erziehern zurück: https://de.wikipedia.org/wiki/In_den_F%C3%A4ngen_einer_Sekte

[6] Die scientologische Parallelwelt: https://dierkschaefer.wordpress.com/2013/09/02/gefangen-in-der-parallelwelt/

[7] Glory Illmore@_machtworte 18. Dez. 2014

[8] https://de.wikipedia.org/wiki/Emile_oder_%C3%BCber_die_Erziehung

[9] Defizite darf man nicht sehen oder gar als solche ansprechen. Dazu https://de.wikipedia.org/wiki/Ableism .

[10] Es geht nicht nur um Ökonomie. So werden für Kinder die Medikamente der Erwachsenen meist nur unter Berücksichtigung von Alter oder Körpergewicht angepasst, also off label angewendet, denn an Tests mit Kindern wagt man sich heute nicht mehr heran.

[11] »Hätten nicht die neuen Generationen unaufhörlich gegen die ererbte Tradition revoltiert, würden wir noch heute in Höhlen leben; wenn die Revolte gegen die ererbte Tradition einmal universell würde, werden wir uns wieder in den Höhlen befinden.« Leszek Kolakowski

[12] Empfohlen sei: Hubert Treiber/Heinz Steinert, Die Fabrikation des zuverlässigen Menschen – Über die „Wahlverwandtschaft“ von Kloster- und Fabrikdisziplin, München 1980, neu: Münster 20051

[13] Die Präimplantationsdiagnose und das Embryo-Screening könnten zu einer regelrechten sexuellen und genetischen Selektion führen (sog. Designer-Babys). Wenn Eltern in die Lage versetzt werden, bestimmte Eigenschaften ihrer künftigen Kinder auszuwählen, dann würden sie dies ausnutzen, um intelligentere, größere und schönere Kinder zu haben. : https://de.wikipedia.org/wiki/Francis_Fukuyama

[14] Die primäre Sozialisation bewirkt im Bewußtsein des Kindes eine pro­gressive Loslösung der Rollen und Einstellungen von speziellen Anderen und damit die Hinwendung zu Rollen und Einstellungen überhaupt. Für die Internalisierung von Normen bedeutet zum Beispiel der Über­gang von »Jetzt ist Mami böse auf mich« zu »Mami ist immer böse auf mich, wenn ich meine Suppe verschütte« einen Fortschritt. Wenn weitere signifikante Andere – Vater, Oma, große Schwester und so wei­ter – Mammis Abneigung gegen verschüttete Suppe teilen, wird die Gültigkeit der Norm subjektiv ausgeweitet. Der entscheidende Schritt wird getan, wenn das Kind erkennt, daß jedermann etwas gegen Sup­peverschütten hat. Dann wird die Norm zum »Man verschüttet Suppe nicht« verallgemeinert. »Man« ist dann man selbst als Glied einer All­gemeinheit, die im Prinzip das Ganze einer Gesellschaft umfaßt, soweit diese für das Kind signifikant ist. Das Abstraktum der Rollen und Ein­stellungen konkreter signifikanter Anderer ist für die Sozialpsychologie der generalisierte Andere9. Das Zustandekommen solcher Abstraktion im Bewußtsein bedeutet, daß das Kind sich jetzt nicht nur mit kon­kreten Anderen identifiziert, sondern mit einer Allgemeinheit der An­deren, das heißt mit einer Gesellschaft. Nur kraft dieser allgemeinen Identifikation gewinnt seine eigene Selbstidentifikation Festigkeit und Dauer. Es hat nun nicht nur eine Vis-à-vis-Identität diesem oder jenem signifikanten Anderen gegenüber, sondern überhaupt Identität, die es subjektiv als gleichbleibend erfährt, welchen anderen, signifikant oder nicht, es auch begegnet. Diese von nun an kohärente Identität vereinigt in sich all die verschiedenen internalisierten Rollen und Einstellungen – unter anderem auch die Selbstidentifizierung als jemand, der seine Suppe nicht verschüttet. Das erwachende Bewußtsein für den generalisierten Anderen markiert eine entscheidende Phase der Sozialisation. Sie bedeutet, daß die Gesell­schaft als Gesellschaft mit ihrer etablierten objektiven Wirklichkeit internalisiert und zugleich die eigene kohärente und dauerhafte Iden­tität subjektiv etabliert wird. Gesellschaft, Identität und Wirklichkeit sind subjektiv die Kristallisation eines einzigen Internalisierungsprozesses. Diese Kristallisation ergibt sich im Gleichschritt mit der Internalisierung von Sprache. Sprache ist aus Gründen, die nach unseren ein­schlägigen Erörterungen evident sein dürften, sowohl der wichtigste Inhalt als auch das wichtigste Instrument der Sozialisation. – aus: Peter L. Berger, Thomas Luckmann, Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit, Eine Theorie der Wissenssoziologie, in der Reihe: Conditio humana, Ergebnisse aus den Wissenschaften vom Menschen, Herausgegeben von Thure von Uexküll, Ilse Grubrich-Simitis, Frankfurt 19744

[15] Da gibt es ganz ehrenwerte Namen wie: Erdrandbewohner, Sandra M., Butterblumenland, Querdenkender, AleksanderKnauerhase, AnitaWorks, Phodopus Sungorus, Sternensucher, Aad Aspie, Robo, Martschl, Denise Linke, Fusselchen, Herr Bräsicke, Laura Gentile, Snowweird, die Buddy-Photos wie auch die Twitter-Adressen sind in hohem Grade aussagekräftig.

[16] Ihr Profil bei Twitter zeigt ein Ei auf grünem Hintergrund, die Angabe weiblich, NRW und ihre Tweed-Adresse: https://twitter.com/Libelle2000R . Dort kann man auch ihre sonstigen Beiträge sehen.

[17] Das lesen wir ja fast täglich in der Zeitung und die katholische Kirche darf man sogar ungestraft Kinderficker-Sekte nennen. http://www.vaticanista.info/2012/02/16/katholikenfeindliches-urteil-rechtskraftig/

[18] Ich bitte um Entschuldigung, dass ich nicht alle Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften aufgeführt habe, und gebe zu, dass dies Diskriminierung zugunsten der Mainstream-Religionen ist.

[19] https://de.wikipedia.org/wiki/Gruppenbezogene_Menschenfeindlichkeit

„Schnelle Entschädigung für ehemalige Heimkinder mit Behinderung nötig“

Posted in Kinderrechte, Politik by dierkschaefer on 11. März 2015

Da ist schon einmal das Wort Entschädigung falsch. Denn die gibt es nicht, auch nicht für ehemalige Heimkinder, die ohne Behinderung von ihren kirchlichen und staatlichen Erziehern fürs Leben behindert wurden.

Was ist noch falsch? Die Piraten haben die Forderung erhoben[1]. Piraten, das ist so, wie wenn es die LINKE gefordert hätte. Das ist für die ehrenwerten anderen Interessenvertreter, äh, die Vertreter anderer Interessen im Bundestag – na ja, was ist das schon?!

Das kann ja nix werden.

[1] http://www.kobinet-nachrichten.org/de/1/nachrichten/31290/Schnelle-Entsch%C3%A4digung-f%C3%BCr-ehemalige-Heimkinder-mit-Behinderung-n%C3%B6tig.htm

“ EINE UNGLAUBLICHE GESCHICHTE“

Posted in heimkinder, Kinderrechte, Politik by dierkschaefer on 21. September 2014

Aus einem Mail von Uve Werner:

Heute haben wir , mit weiteren 2 ehemaligen Heimkindern,  einer geistig und körperlich behinderten Frau geholfen und ihr einen Kleiderschrank ein Wohnzimmertisch und ein Bett besorgt und aufgebaut.
Sie war seinerzeit in „Schloß Dillborn“ bei Viersen in einem Heim.
Trotz ihrer Behinderung, ist sie jeden Tag ehrenamtlichg in der Küche einer Schule tätig.
Nachdem wir fertig waren, erfuhren wir bei Kaffee und Kuchen, etwas mehr über sie. z.B. das sie trotz ihrer Behinderung jahrelang nur auf einer Matratze geschlafen hat. Weil diese für sie zu niedrig war, verständlich, hat sie noch Steppdecken unter die Matratze gelegt, damit sie etwas höher lag.
Den Wohnzimmertisch, welchen sie vorher hatte, war ausgeliehen und so hat sie mit ihrem ganzen Stolz, den neuen Tisch für uns gedeckt gehabt.
Sie wohnt in einer Sozialwohnungs-Siedlung, mit einem hohen Ausländeranteil in Mönchengladbach. Auffallend war jedoch, dass dort viele hochwertige Autos geparkt waren. Welch ein krasser Gegensatz! Sozial-u.Flüchtings-Wohnungen, aber Mercedes, VAN, Audi… bester Klasse! Daneben ein deutsches ehemaliges Heimkind, mit mal gerade dem notdürftigsten ausgestattet.
Ich habe sie beim Hilfsfond in Köln angemeldet, sodass sie wohl auch nach Monate langer Wartezeit 10.000 Euro erhält, für dass, was man, wie vielen anderen HK auch, an Leid zugefügt wurde.
Wer diese Frau heute gesehen hätte, wie sie vor Stolz über die Möbel, geweint hat und dennoch von dem wenigen Geld uns bewirtet hat und ein unwahrscheinlich nettes Wesen an sich hat, der kann eigentlich nur noch wütender werden, auf Staat und Kirche.
Stolz bin ich aber auch, auf die beiden ehemaligen Heimkinder aus Mönchengladbach, welche trotz eigener Behinderung, geholfen haben und hinterher gesagt haben:
„Es hat uns Stolz gemacht, dass wir dieser Frau heute helfen konnten.“
Anträge an das Jobcenter, Versorgungsamt, Rentenversicherung usw. gehen Montag raus!!!
Ich schreibe dies, weil diese Frau, wieviele andere auch, damals als Heimkind Opfer war und heute erneut Opfer eines ungerechten Sozialstaates ist.
Ich musste dies jetzt schreiben, weil man so ein Erlebnis wie heute, nicht alleine verdauen kann und ich dazu ermahnen möchte, generell zu helfen, wo Hilfe dringend nötig ist.
Diese Frau gehört nicht zur Kategorie „Sozialschmarotzer“ und für dass damalige erlittene Leid in den Heimen, ein Recht darauf hat, heute und für den Rest ihres Lebens, menschenwürdig und sorgenfrei leben zu dürfen.
Daher poste ich solche Geschichten immer und immer wieder, als MAHNUNG und Forderung!!!
Antragsmeldefrist für den Heimfond ist für:
HK Ost 30.September 2014
HK West 31. Dezember 2014
NICHT VERGESSEN UND WEITERSAGEN!!! Liken und Teilen

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Mißbrauch Behinderter – Ein Fall, der Fragen aufwirft

Posted in Gesellschaft, Justiz, Kriminalität, Menschenrechte, Pädagogik, Psychologie by dierkschaefer on 3. Mai 2014

»Der 14-jährige Tobias gab seiner Mutter nach einem Vormittag mit einem Betreuer zu verstehen, dass sexuelle Handlungen vorgefallen waren – aber die Staatsanwaltschaft stellte ihre Ermittlungen wegen sexuellen Missbrauchs ein und verzichtete auf eine Anklage«[1].

Hier nur kurz die Falldarstellung, wie sie sich aus dem Zeitungsbericht ergibt, Zitate in kursiv:

Tobias kann nicht sprechen. Er versteht, was man ihm sagt, verständigt sich aber nur mit Lauten, den Händen, den Augen und einem Sprachcomputer. Als seine Mutter an diesem Vormittag zurückkam, wollte er ihr zeigen, was er gelernt hatte. Er sah sie an, dann griff er sich zwischen die Beine und rieb durch die Hose an seinem Geschlechtsteil, ging zum Betreuer und fasste auch ihm in den Schritt. „Tobias hat mich strahlend und stolz angesehen“, sagt die Mutter. Er habe das als Spiel begriffenbis die Mutter das „Spiel“ unterbrach. Tobias verstand nicht und fing an zu weinen.

 

Die Mutter schaltete die Polizei ein und erhob Anzeige. Die Staatsanwaltschaft wusste nicht so recht mit Tobias’ Behinderung umzugehen und beauftragte eine Rechtspsychologin, die den Jungen einschätzen sollte. Gute zwei Stunden beobachtete sie ihn – ohne ihn nennenswert zu testen. Die meiste Zeit spielte er mit ihrem Handy. Danach sprach sie nochmals mit der Mutter und fällte ihr schriftliches Urteil auf knappen neun Seiten: Tobias könne wegen der geistigen Behinderung „keine verlässlichen Angaben“ machen.

Cornelia Orth, selbst Gutachterin und im Vorstand der Sektion Rechtspsychologie des Berufsverbands Deutscher Psychologinnen und Psychologen (sagt): Fünf- bis zehnmal so viele Seiten, umfassendere Erörterungen und Vergleichsproben wären nötig für eine schlüssige Begründung, warum Tobias nicht aussagetüchtig sei – das nämlich sei sehr selten. Und bei geistig Behinderten müsse man den Anspruch senken. „Es ist ähnlich wie mit kleinen Kindern“. Zeit aber haben sich weder die Staatsanwaltschaft noch die Rechtspsychologin genommen. Deren dünne Beurteilung reichte der Behörde schließlich, um auf eine Anklage zu verzichten – trotz all der Hinweise auf einen möglichen Missbrauch.

Soweit der Fall, und nun zu den Fragen

1. Die Justiz

Hier wurde die Sorgfaltspflicht verletzt. Die Staatsanwaltschaft hat den bequemen Weg gewählt, einen komplizierten Fall vom Tisch zu bekommen. Sie war nicht in der Lage oder nicht willens, die Dürftigkeit des Gutachtens zu erkennen. Genauer noch: Sie hat von Beginn an, schon bei der Auswahl der Gutachterin, sachunangemessen entschieden und nicht erkannt, daß auch ein Mensch mit Behinderung vor dem Gesetz gleich sein sollte, auch wenn es schwieriger ist, mit ihm zu reden. Fremdsprachlern stellt man ja auch einen Dolmetscher, weil dies zu den Grundrechten gehört, nämlich einem Verfahren folgen und sich selbst verständlich machen zu können. Das Denken, nach dem Inklusion Aufwand und Kosten verursachen darf, ist bei dieser Staatsanwaltschaft noch nicht angekommen.

 

2. Die Psychologen/Gutachter

Wer je auf der Suche nach Psychologen oder Gutachtern für spezielle Fallkonstellationen war, kennt das Problem. Man muß sich selber ein Bild zu machen versuchen, wer für den jeweiligen Fall infrage kommen könnte. So kenne ich es von der Suche nach speziell qualifizierten Traumatherapeuten, aber auch von der Suche nach Therapeuten, die sich mit Menschen mit geistiger Behinderung auskennen. Es gibt nur Selbstauskünfte, aber keine unabhängigen Qualifikationshinweise, verbunden mit der Verpflichtung zu einschlägiger Fortbildung, wie wir es immerhin bei den Fachanwälten haben. Hier ist der Berufsverbands Deutscher Psychologinnen und Psychologen aufgerufen, Transparenz zu schaffen[2]. Bis dahin können sich Staatsanwaltschaften und Gerichte darauf berufen, jeden psychologischen Gutachter nach eigenem Gusto für qualifiziert zu halten.

 

3. Nun kommt der heikelste Punkt. Darum eine Vorbemerkung: Nach dem Zeitungsbericht gehe ich davon aus, daß ein Mißbrauch stattgefunden hat und daß er sanktioniert gehört. Daß die Staatsanwalt hier nicht mit der nötigen Sorgfalt ermittelt hat, ist nicht hinnehmbar, ist skandalös. Unabhängig davon ist zu fragen, ob die Mutter nicht für die größere Verstörung gesorgt hat. „Tobias hat mich strahlend und stolz angesehen“, sagt die Mutter. Er habe das als Spiel begriffen … Es wäre in einem Fall wie diesem vielleicht besser gewesen, sie hätte es dabei belassen und der Lebenshilfe einen Hinweis auf ihren ehrenamtlichen Helfer gegeben.

Was mir wichtiger erscheint ist die Frage, wie wir als Gesellschaft, wie wir in den Familien mit der Sexualität von Menschen mit Behinderung umgehen. Das wird besonders schwierig, bei geistigen Behinderungen. Da können wir nicht ohne weiteres „Beglückungsprogramme“ starten. Schwierig aber auch bei Menschen mit Behinderungen, die von ihrer Mobilität her nicht in der Lage sind, ohne Hilfe sexuelle Befriedigung zu erfahren, dazu gehört auch die Finanzierbarkeit sexueller Dienstleistungen. Es scheint uns noch nicht hinreichend bewußt zu sein, daß wir von solchen Menschen eine Art Zwangszölibat erwarten, obwohl auch sie ein Recht auf sexuelle Erfüllung haben[3], denn dieses Recht gehört zu den Grundrechten, niedergelegt in der US-amerikanischen Unabhängigkeitserklärung: „Life, Liberty and the pursuit of Happiness“. „Wir halten diese Wahrheiten für ausgemacht, daß alle Menschen gleich erschaffen wurden, daß sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt wurden, darunter Leben, Freiheit und das Bestreben nach Glückseligkeit.“[4] Diese Frucht der Aufklärung stieß und stößt zwar immer noch auf den Widerstand von Religion und Kirche, doch das sollte uns nicht abhalten, sie einzufordern, auch für Menschen mit Behinderung, soweit diese es wollen.

 

 

[1]http://www.derwesten.de/region/rhein_ruhr/rechtspsychologin-keine-verlaesslichen-angaben-page2-id9296135.html

[2]Unabhängig davon: Hat man schließlich einen vermutlich qualifizierten Menschen gefunden, so stößt man oft (meist?) auf eine Warteliste von bis zu zwei Jahren.

[3] Helmut Jacob, Dierk Schäfer, Unfreiwillig im Zölibat, wird demnächst veröffentlicht.

[4] Hervorhebung vom Verfasser

Die Illusion der Inklusion

Posted in Kinderrechte, Pädagogik, Politik by dierkschaefer on 3. April 2013

„Inklusion heißt: Schmetterlinge im Bauch“, so steht es, lesen wir, auf einem Plakat, das für Inklusion wirbt. Es zeigt ein hübsches Mädchen, das einen Jungen anlächelt. Der sitzt im Rollstuhl, das Mädchen nicht. Ein Reklameplakat. Doch zwischen Reklame und Realität liegen, wie wir wissen, oft Welten.

Was also ist Inklusion? »Inklusion heißt der Ansatz, behinderte und nicht behinderte Kinder zusammen zu unterrichten«.

Eine ähnliche Diskussion kennen wir, und sie ist noch nicht abgeschlossen. Dort geht es um die Gesamtschule oder zumindest um eine Gemeinschaftsschule bis zu Klasse 10, an die sich dann eine gymnasiale Oberstufe anschließen kann. Dahinter steht die Illusion, daß mehr Kinder zum Abitur geführt werden können, wenn man sie nicht bereits nach der vierten Klasse nach Leistungsstand und Prognose voneinander trennt und sie den klassischen drei Schultypen zuweist. Das führt zu heterogenen Lerngruppen, denen dann innerhalb einer Klasse Rechnung zu tragen ist, damit die lernschwachen wie die hochbegabten Schüler eine ihnen angemessene Förderung erhalten. Wer auf dies Problem hinweist, bekommt zur Antwort, daß die Lehrer eben in der Art einer Binnendifferenzierung darauf eingehen müssen. Das erfordert häufig eine dreifache Vorbereitung der Lehrer – die warten geradezu auf Lernverhältnisse, wie sie in zwei- oder gar einklassigen Volksschulen geherrscht haben. Doch wir haben hier eine ideologische Konfrontation zwischen rot-grün und schwarz-gelb, und angesichts der Popularität des Gedankens, Kinder seien Kinder und dürften nicht auseinanderdividiert werden, wird die CDU-Volkspartei nachgeben, letztlich zum Schaden nicht angemessen geförderter Kinder und unseres Wirtschaftsstandortes. Doch die nächsten Wahlen sind immer näher als die Zukunftsperspektiven.

Heftiger zeigen sich die Probleme bei der Inklusion. Der ausführliche Artikel von Dorit Kowitz[1] zeigt das Hauptproblem auf. Kinder sollen auf das Leben vorbereitet werden, und das Leben kennt keine Inklusion. Die Chancen von Kindern mit Behinderung werden durch die Inklusion, je nach Art der Behinderung nur sehr bedingt besser. Doch die Ideologen sehen Behinderung ausschließlich unter dem Aspekt, daß Menschen nicht behindert sind, sondern erst behindert werden.[2] Darin liegt die Illusion, koste sie, was sie wolle. Um die Finanzierung streitet man ohnehin noch und wird sie zulasten der für die Inklusion geforderten Qualität lösen. Wichtiger aber: Zulasten der Kinder, behindert oder nicht.

Der Junge im Rollstuhl wird mutmaßlich weniger Chancen bei der Bewerbung haben, als seine Klassenkameraden, sei es um den Arbeitsplatz, sei es bei der Partnerwahl. Er wird es wahrscheinlich aber schon wissen und den Traum, den Andere für ihn träumen, gar nicht erst mitträumen. Ich weiß leider, wovon ich spreche.

 

Egal, ob Gemeinschaftsschule oder Inklusion: Warum trainiert der VfB-Stuttgart eigentlich nicht mit dem Bad Boller Fußballverein?


[1] Dorit Kowitz, Behinderte Schüler: Wie viel anders ist normal? http://www.zeit.de/2013/13/Inklusion/komplettansicht

„Du kannst das nicht – du bist behindert“

Posted in Gesellschaft, Menschenrechte, Pädagogik, Politik, Soziologie by dierkschaefer on 1. April 2013

Eine mehr als beeindruckende Lebensleistung! Dirk Bergen, durch Spastik behindert, belegt in seinem Buch [1]und mit seinem Leben die Relativität des Begriffs „Behinderung“.

Nun kennt man den Slogan, ein Mensch sei nicht behindert, sondern er werde behindert. Das ist eine üble Vereinfachung und ein Affront für alle Menschen mit Behinderung, die nicht über die Lebensenergie und den Durchsetzungswillen von Dirk Bergen verfügen.

Ulrike Winkler geht in ihrer neuen Studie [2]für den Begriff Behinderung von den Disability Studies aus. „In Abgrenzung zum medizinischen Modell des Behindert-Seins als individuelles körperliches Defizit, aber auch in Weiterentwicklung des soziologischen Modells des Behindert-Werdens als Ausdruck sozioökonomischer Strukturen und Prozesse fasst die kulturalistisch angelegte Disability History Behinderung als soziokulturelle Konstruktion. … Körperliche und psychische Einschränkungen haben selbstverständlich Anteil an der Konstruktion von „Behinderung“, aber hinter jeder sichtbaren oder unsichtbaren Materialität stehen immer auch kulturelle Werte, Erwartungen, Narrative, Diskurse, Gewohnheiten, emotionale Ressourcen und Praktiken. Insofern hat „Behinderung“ neben einer materiellen immer auch eine diskursive Dimension, eine Dimension, die in einem zeit- und wertgebundenen Prozess von der Gesellschaft und vom Einzelnen konstruiert wird“.

Ein Behinderung genanntes Defizit einer Person ist also der Anknüpfungspunkt für die weitere Behinderung und Einschränkung der Lebensmöglichkeiten der betreffenden Person. Damit wird „Behinderung“ zu einer Aufgabe, die dem Menschen mit Behinderung um so besser gelingt, wenn die Menschen in seinem Umfeld, wenn die Gesellschaft im weiteren Sinne und die staatlichen Einrichtungen die Aufgabe erkennen und als solche annehmen. Wenn das gelingt, kommt es nicht zur Exklusion aus Gesellschaft, politischer Teilhabe, Beschäftigung, oder gar aus der Familie.


[2] Ulrike Winkler „Es war eine enge Welt“ Menschen mit Behinderungen, Heimkinder und Mitarbeitende in der Stiftung kreuznacher diakonie, 1947 bis 1975

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