Dierk Schaefers Blog

Das kapieren die Kirchen leider nicht …

Posted in heimkinder, Kirche by dierkschaefer on 8. November 2010

Der Bußaufruf von Dierk Schäfer – ein Interview

 

Herr Pastor Schäfer, nennt man Sie Pastor oder Pfarrer? Worin liegen die Unterschiede?

Meine korrekte Amtsbezeichnung ist Pfarrer im Ruhestand. Ob Pfarrer oder Pastor ist von Landeskirche zu Landeskirche verschieden, meint aber dasselbe.

 

Vor einem Jahr haben Sie zur Buße aufgerufen. Wen?

Mein Bußaufruf richtete sich an die beiden Großkirchen in Deutschland und die ihnen zugerechneten Einrichtungen in Diakonie und Caritas, dazu auch an die Ordensgemeinschaften.

 

Hat Ihr Bußaufruf noch Gültigkeit?

Ja, natürlich. Als Termin hatte ich den diesjährigen Buß- und Bettag genannt, wahlweise den Tag der unschuldigen Kindlein, das ist der Gedächtnistag für die angeblich von Herodes ermordeten Säuglinge und Kleinkinder in Bethlehem, der 28. Dezember. Da es nicht danach aussieht, daß die Kirchen dem Bußaufruf Folge leisten, ist er zwar in seinem Kern ignoriert worden, aber damit nicht ungültig. Buße, also Umkehr von falschem, von sündhaftem Tun und überzeugend tätige Reue sind immer nötig, in diesem Fall jedoch nach wie vor von besonderer Dringlichkeit, weil es Opfer gibt, die noch heute unter den Folgen ihres Aufenthalts in kirchlichen Einrichtungen leiden.

 

Wieviele Reaktionen haben Sie erhalten?

Unterstützt haben den Bußaufruf als Petition an die Kirchen bis heute 240 Personen.

Reaktionen vonseiten kirchlicher Stellen gab es nur wenige. Zumeist bedauerte man einerseits das Geschehene, verwies ansonsten aber auf die Beratungen am Runden Tisch. In kirchlicher Tradition gesprochen gab es, und das unabhängig von meinem Bußaufruf, eine Art unausgereifter Reue inform von Betroffenheitsgesten, teilweise sogar Schuldbekenntnissen, doch zur ausgereiften Reue, der contritio, gehört mehr – und dazu hatte ich aufgerufen.

 

Welche Reaktionen haben Sie besonders berührt?

Zum einen manche Reaktion von ehemaligen Heimkindern, auch die Unterstützung von nicht-Betroffenen. Belustigt hat mich die Reaktion eines Kollegen, der meinte, mir sozusagen augenzwinkernd mitteilen zu sollen, er wisse auch, wie man Öffentlichkeitsarbeit macht.

 

Haben Sie Heimopfer unter den Eintragungen zum Bußaufruf in Ihrem Blog entdeckt?

Ja, sie haben sich „geoutet“, wie man heute sagt. Das können Sie nachlesen unter http://www.petitiononline.com/mod_perl/signed.cgi?heimkids

 

Wieviele Pfarrer oder Pastoren haben mit direktem Eintrag oder in privater Korrespondenz auf Ihren Bußaufruf reagiert?

Das kann ich nicht genau sagen, weil für die Petition nicht nach dem Beruf gefragt wurde. Dort sind es mindestens fünf, von denen ich es genau weiß. Ein paar Reaktionen, aber auch nur ganz wenige, erhielt ich auf meinen Beitrag Scham und Schande im Deutschen Pfarrerblatt. Nachzulesen unter https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2010/05/essay-pfarrerblatt.pdf . Besonders gefreut hat mich, daß eine Kollegin diesen Beitrag kopiert hat, einem ehemaligen Heimkind gab und ihm sagte: Das ist Ihre Geschichte. Er nahm daraufhin Kontakt mit mir auf – und anscheinend konnte ich ihm sogar ganz konkret helfen.

 

Worauf führen Sie die erschreckend geringe Zahl theologischer Reaktionen zurück?

Wenn Sie mit der Frage die geringe Zahl von unterstützenden Pfarrern meinen: Manche sehen wohl ein Problem in der Loyalität gegenüber ihrem Dienstherrn. Ein von mir durchaus geschätzter Kollege antwortete mir, „wir Pfarrer“ seien wohl die letzten, die ihre Kirche zur Buße rufen könnten. Ich antwortete: Wer, wenn nicht wir?

Wenn Sie die ausgebliebenen theologischen Reaktionen meinen, also die immer noch ausstehende theologische Aufarbeitung kirchlicher Heimerziehung, dann dürfte wohl ein Problem darin gesehen werden, daß es geradezu ans „Eingemachte“ geht. Auf dem Prüfstand stehen nicht nur die pädagogischen „Heiligen“ beider Kirchen, also die Gründerväter der Heimeinrichtungen, die zu unanfechtbaren Vorbildern tätiger Menschenliebe stilisiert worden sind, sondern mehr noch: es geht um die mangelnde Diesseitsorientierung einer Theologie, die das Leben auf Erden nur als Vorstufe zum eigentlichen, also ewigen Leben erkennt und vor radikalen Maßnahmen folgerichtig nicht zurückschreckt. Das sind zwar eher die Probleme von vorgestern, doch man will an die Vergangenheit nicht ran. Wie lebendig solche Denkweisen heute wieder sind, erleben wir zur Zeit allerdings im islamistischen Fundamentalismus, der eigenes und fremdes Leben zugunsten des (eigenen) sicheren Paradieses opfert.

 

Seit wieviel Jahren setzen Sie sich für ehemalige Heimkinder ein?

Das begann etwa im Jahr 2000 mit meinen Kriegskindertagungen an der Evangelischen Akademie Bad Boll. Dort lernte ich zum ersten Mal bewußt ehemalige Heimkinder und ihre Traumatisierungen kennen.

 

Welches Erlebnis eines Heimkindes hat Spuren bei Ihnen hinterlassen?

Da müßte ich eine ganze Reihe von Episoden berichten, die mir eine Gänsehaut über den Rücken laufen ließen.

 

Sie schrieben irgendwann, dass Sie unangemeldet beim Runden Tisch unter Vorsitz von Dr. Antje Vollmer erschienen. Wie war das? Wie reagierten die Tischmitglieder?

Das Gerücht scheint unausrottbar. Ich erschien nicht unangemeldet, sondern wurde zur Anhörung eingeladen und meine Auslagen wurden vom Runden Tisch erstattet. Wie die mir zu dieser Zeit nicht bekannten Teilnehmer am Runden Tisch reagierten, kann ich nicht sagen. Die Anhörung war eine Anhörung, mehr nicht. Es gab lediglich eine Rückfrage von Frau Rupprecht (MdB). Da ein echter Meinungsaustausch nicht vorgesehen und ich auch nicht zu den weiteren Tagesordnungspunkten an diesem Termin des Runden Tisches zugelassen war, hatte ich mir nicht mehr Zeit genommen, als unbedingt nötig. Ich bin am selben Tag wieder heimgefahren. Ein eher unerfreuliches Erlebnis.

 

Am Runden Tisch haben Sie Ihre „Verfahrensvorschläge zum Umgang mit den derzeit diskutierten Vorkommnissen in Kinderheimen in der Nachkriegszeit in Deutschland“ erläutert. Erhielten Sie irgendeine Reaktion?

Nein.

 

Wie schätzen Sie die bisherige Selbstdarstellung der Heimopfer ein? Haben die Grabenkämpfe untereinander den Opfern geschadet? Warum?

Zum Glück haben wohl nur Insider das unerträgliche und abträgliche Hick-Hack der ehemaligen Heimkinder wahrgenommen. Dennoch hat es ihnen geschadet, denn das hat es dem Runden Tisch leicht gemacht hat, die Regularien nach Gutsherrenart zu bestimmen.

 

Sie betreiben einen Blog, der das Thema Heimopfer beinhaltet. Wird das Thema ausreichend im Internet behandelt?

Da ich mich nur selten in die Foren verirre, kann ich dazu wenig sagen. Mein Google-Alert Heimkinder bringt mir eine Menge Meldungen, mein Blog taucht im Alert allerdings nie auf.

 

Eine ganz persönliche Frage: Hat die Beschäftigung mit dem Leid vieler Heimkinder vor 40 bis 60 Jahren Ihr Leben verändert?

Ja. Zum Beispiel dominiert die Heimkindersache meinen Blog – das hatte ich nicht so geplant.

 

Stehen Sie auf Kriegsfuß mit Ihrer Kirche? Was würden Sie ihr anraten?

Wenn ich mit meiner Kirche auf dem Kriegsfuß stünde, würde ich sie nicht verteidigen, wenn sie unsachgemäß angegriffen wird. Ich hätte auch keinen Bußaufruf verfaßt, sondern ein Pamphlet.

 

Sind die Kirchen noch glaubwürdig?

Das ist zu pauschal gefragt. Doch die Kirchen haben stark an Glaubwürdigkeit eingebüßt, wobei das Wort eingebüßt interessant ist, denn da steckt Buße drin. Einbußen erleidet man, tut man jedoch aktiv Buße, bewahrt man seine Handlungsfreiheit und seine Glaubwürdigkeit, das kapieren die Kirchen leider nicht.

 

Warum sind Sie einer der wenigen in kirchlichen Diensten Stehenden, die dieses eklatante Versagen der Kirchen bearbeiten?

Das wüßte ich auch gern.

 

Was würde Jesus zu der Feigheit seines „Bodenpersonals“ sagen?

Das ist eine hypothetische Frage, zudem enthält sie eine unbelegte Annahme. Ich weiß nicht, ob es sich um Feigheit handelt.

 

Wie verträgt sich die „Frohe Botschaft Jesu Christi“ mit dem Umgang der Kirchen mit ihren Heimopfern?

Natürlich verträgt sich das nicht miteinander. Hier müßte nun die theologische Arbeit ansetzen: Wie konnte es zu diesen Verbrechen kommen? Welchen Anteil hatte die damals herrschende theologische Meinung daran? War das Ganze vielleicht nicht nur zeitbedingt, sondern offenbart es einen grundlegenden Fehler im „System“ von (christlicher) Religion? Den ehemaligen Heimkindern werden solche Gedanken weitgehend egal sein, doch als Theologe und Seelsorger würde ich mich freuen, wenn sich die Theologie endlich dieses Themas annehmen würde. Ich will demnächst in meinem Blog etwas dazu schreiben, weiß aber, daß es nicht darauf ankommt, was gesagt wird, sondern wer es sagt. Ich bin nur ein einfacher Pfarrer.

 

Fragen: Helmut Jacob

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»Der Kirche muss es weh tun«

Posted in heimkinder, Kirche, Theologie by dierkschaefer on 21. Mai 2010

»„Wer zahlt, anerkennt seine Schuld“, sagt Günther S. Deshalb sei für ihn eine Entschädigung so wichtig. »Der Kirche muss es weh tun«.

Die Südwestpresse berichtet heute unter dem Titel Gefangen im Netz der Vergangenheit von einem Gespräch zweier ehemaliger Heimkinder mit Gebhard Fürst, dem Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart.

Die »Erwartungen von Opfern und Amtskirche gehen weit auseinander. Das zeigt der Fall Günther S.«

http://www.swp.de/ulm/nachrichten/politik/art4306,491060 [Freitag, 21. Mai 2010]

Offenbar war das Gespräch mit dem „Fürstbischof“, wie er gelegentlich humorvoll genannt wird, für die beiden Heimkinder unbefriedigend.

Wir erinnern uns: Vor wenigen Wochen hatte Bischof Gebhard gesagt, die Kirche müsse ein liturgisches Zeichen setzen.

Das sehe ich auch so.

Schon das Schicksal von Heimkindern in kirchlichen Einrichtungen hatte für negative Schlagzeilen gesorgt. Doch erst das Thema „Mißbrauch“ hat das Vertrauen in die Kirchen – besonders der katholischen – nachhaltig geschädigt. Nichts ist mehr wie vorher. Es geht eben nicht nur um die Verbrechen einzelner, die in kirchlichen Einrichtungen als Erzieher oder Priester tätig waren, sondern es geht um die Strukturen der Kirche, die für Personalauswahl und –aufsicht in die Verantwortung genommen wird. Zu diesen Strukturen gehören sowohl der Zölibat als auch, und dies nun viel grundlegender, die menschenferne Sexuallehre, wieder insbesondere der katholischen Kirche. Hier ist zwar keine „sexuelle Revolution“ im Sinne des Schreckgespenstes von Herrn Mixa vonnöten, aber eine Runderneuerung der kirchlichen Grundsätze über den Menschen und über die Kirche. Hier könnte ein liturgischer Akt ein angemessener Auftakt sein. Doch der wäre lediglich ein kirchliches Zeichen, als „Sprache“ der Kirche aber nicht unwichtig.

Noch vor dem „Mißbrauchs-Tsunami“ hatte ich einen „Öffentlichen Bußaufruf an die Kirchen in Deutschland“ an die kirchenleitenden Personen in (Erz-)Diözesen und Landeskirchen, und ihre diakonisch tätigen Einrichtungen, die Caritas, die Ordensgemeinschaften und das Diakonische Werk mit ihren jeweiligen Untergliederungen“ gerichtet und zu einem solchen Zeichen aufgefordert, nämlich »in einem öffentlichen Akt Buße zu tun«.

https://dierkschaefer.wordpress.com/2009/11/18/offentlicher-busaufruf-an-die-kirchen-in-deutschland/

Das kirchliche Echo auf diesen Bußaufruf war mager. Wenn ich überhaupt Antworten erhielt, so wurde in der Regel nur auf den Runden Tisch verwiesen.

Bischof Gebhardt hatte nun auch von einem liturgischen Zeichen gesprochen, sicherlich nicht angestoßen von meinem Aufruf, aber doch „kongenial“.

Dies jedoch nur teilweise. Ich hatte damals auch gefordert: »Dem Bußakt müssen Taten folgen. So wäre von den Kirchen und ihren Einrichtungen der Grundstock zu einer Stiftung zu legen, aus deren Mitteln Fonds einzurichten sind. Zunächst für angemessene Kompensationszahlungen an die ehemaligen Heimkinder«.

Wie man im Südwest-Presse-Artikel lesen kann, scheint der Fürstbischof vom Zahlen nichts zu halten. Und so wird ein liturgisches Zeichen, wenn es denn überhaupt kommt, nur ein liturgischer Schnörkel sein, so wie die „süßen Stückchen“, mit denen der Bischof die beiden ehemaligen Heimkinder bewirtete.

Das Photo zeigt dunkle Wolken über dem Rottenburger Dom, aber auch als Hoffnungszeichen den Regenbogen.

Vielleicht erinnert sich „Rottenburg“ an den Bund Gottes mit den Menschen. Nach biblischer Überlieferung hat Gott damals die Sintflut, seine Mißhandlungstat bereut und den Menschen das Leben ermöglicht.

photo: dierkschaefer

Öffentlicher Bußaufruf an die Kirchen in Deutschland / Kommentare

Posted in heimkinder, Kirche, News by dierkschaefer on 13. März 2010

Öffentlicher Bußaufruf an die Kirchen in Deutschland

Vor nunmehr vier Monaten, am Buß- und Bettag 2009 veröffentlichte ich meinen Bußaufruf.

Zuvor hatte ich ihn an die kirchenleitenden Persönlichkeiten beider Großkirchen geschickt. Einige haben mir daraufhin geschrieben.

Ein Kollege, den ich für dieses Vorhaben um Unterstützung gebeten hatte, antwortete mir:

Wie Du siehst zögerte ich mit einer Antwort. Der Sache (Anerkennung,
Entschädigung) stimme ich zu, aber als Kirchenbeamter finde ich es seltsam,
wenn ich öffentlich meine eigene Kirche zur Buße auffordere, also mich
selber. Ich werde mich für das Anliegen intern stark machen.
Der Weg sollte über die Synode führen. Ich bin Dir also dankbar,
wenn Du mich weiter informierst.

Nichtsdestotrotz richtete ich eine Petitionsliste im Internet ein, leider ging das nur englischsprachig, was manchen Mitpetenten Probleme bereitete.

http://www.petitiononline.com/heimkids/petition.html

Mittlerweile haben 204 Menschen die Petition unterzeichnet. Einige haben einen Kommentar beigefügt. Diese Kommentare habe ich ohne Namensnennung im Anhang aufgelistet.  Wer will, kann alle Unterzeichneten mit ihren Kommentaren auf „Petitiononline“ nachlesen.

Was bedeutet die Auflistung? Zum einen ist die Zahl der Unterzeichneten, noch mehr die derer, die kommentiert haben, recht gering. Doch ich weiß von einer wesentlich besser glaufenen Unterschriftenaktion der Kriminologen, daß diese Form demokratischer Willensäußerung bei Politikern nicht verfängt. Gute Argumente helfen nichts gegen vermeintlichen Populismus, auch nichts gegen Institutionen, die auf Zeitgewinn hoffen Die Kommentare meiner Mitpetenten werden wohl verhallen, wenn sie überhaupt von den Rechtsnachfolgern der für die damalige Heimerziehung verantwortlichen Organisationen zur Kenntnis genommen werden.

Einige Kommentare weisen sehr deutlich auf die Wunden hin, die heute noch schmerzen. Das alles in der schwachen Hoffnung, daß einige der heute Verantwortung Tragenden nicht nur zu billigem verbalen Mitgefühl fähig sind, sondern frei nach Kästner wissen: „Es gibt nichts gutes, außer man tut es.“

Und wer die Petition noch nicht unterzeichnet hat, mag das noch tun als Zeichen der Solidarität mit den ehemaligen Heimkindern:

http://www.petitiononline.com/heimkids/petition.html

Wer meint, er könne die Klagen der ehemaligen Heimkinder auf die lange Bank schieben, lese doch einmal wieder nach bei Matthäus 25; 31 – 46.

Hier geht es zu den Kommentaren: petition-kommentare, stand 13.03.2010

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Glaubwürdigkeit! … aber wenigstens Professionalität

Posted in heimkinder, Kirche, News by dierkschaefer on 12. März 2010

Sehr geehrter Herr …

Für Ihr freundliches Scheiben vom 18. Dezember möchte ich mich herzlich bedanken.

Mit meiner Antwort hatte ich gezögert, um zunächst den Zwischenbericht des Runden Tisches und die weitere Entwicklung abzuwarten. (In meinem Blog habe ich dazu Stellung bezogen.)

Seitdem ist viel geschehen, insbesondere das Bekanntwerden von immer mehr Mißbräuchen; die katholische Kirche ist von diesem „Tsunami“ überrollt worden, obwohl Mißbräuche ja auch in anderen Einrichtungen passiert sind, in denen Kinder und Jugendliche eng mit Erwachsenen zusammenleben. Die katholische Kirche geht leider mit diesem Thema weder glaubwürdig noch professionell um, und dies hat Auswirkungen auf das Ansehen „der Kirche“ ganz generell in der Öffentlichkeit.

Leider ist mit dem Rücktritt von Frau Käßmann die – wie ich es wahrnehme – einzige prominente Person auf evangelischer Seite aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit verschwunden, die Glaubwürdigkeit verkörperte, nicht zuletzt weil sie auch von Entschädigung sprach.

Der beständige Verweis, man möge die Ergebnisse des Runden Tisches abwarten, wird von wohl den meisten ehemaligen Heimkindern als Verzögerungsmanöver wahrgenommen mit Spekulation auf die biologische Lösung.

Nun lese ich heute in der Zeitung über den neuen Runden Tisch, für den die Familienministerin Kristina Schröder Einladungen verschickt hat:

»Der Bevollmächtigte der Evangelischen Kirche in Deutschland, Prälat Bernhard Felmberg, sagte, die evangelische Kirche habe bereits zugesagt. Allerdings sei es „wesentliche Voraussetzung“ für die Zusage gewesen, dass es bei dem Runden Tisch nur um Fragen der Prävention gehe.« (FAZ, Freitag, 12. März 2010).

Wundert es Sie, sehr geehrter Herr …, wenn nun der Eindruck „Die wollen einfach nicht zahlen!“ verstärkt wird, dazu der Haß vieler ehemaliger Heimkinder auf die Kirche und ihre diversen Einrichtungen? Mich wundert es nicht.

Was ich von meiner Kirche vermisse, sind Glaubwürdigkeit, und wenn die schon nicht zu haben ist, wenigstens Professionalität im Umgang mit Versagen.

Leider ist mein Bußaufruf, der vor den neuesten Beschuldigungen veröffentlicht wurde, nun weitgehend obsolet geworden. Das Kirchen-Bashing ist auf breiter Front angelaufen.

Auch Entschädigungszahlungen dürften wohl kaum noch als ehrliches Schuldeingeständnis aufgefaßt werden, sondern als gerechte Strafe.

Schade, mein Bußaufruf war ein Angebot an die Kirchen, in Demut aber aufrecht diese Angelegenheit zu beenden, damit der Aktionsraum für die Zukunft offen bleibt.

Mit freundlichem Gruß

Dierk Schäfer

PS: Diesen Brief werde ich ohne Ihren Namen zu nennen auch in meinem Blog veröffentlichen.

Pauschalierung, die Klärung eines Verwirrungsversuchs

Posted in heimkinder, News by dierkschaefer on 25. November 2009

Pauschalierung, eine Begriffsklärung

In der Heimkinderdebatte wird immer wieder von der Pauschalierung gesprochen, die man ablehnt, denn es habe auch Heimkinder mit guten Heimerfahrungen gegeben. Der Runde Tisch solle und werde hier Klarheit schaffen, erst dann könne man weitersehen – von Entschädigungen wird auch in diesem Zusammenhang möglichst nicht gesprochen.

Was soll das?

  1. Es wird von niemandem bestritten, daß es auch gute Heimerfahrungen gab.
  2. Meines Wissens fordert niemand, die ehemaligen Heimkinder sollten pauschal, also für den bloßen Heimaufenthalt entschädigt werden.
  3. Ich kann nicht erkennen, daß der Runde Tisch sich flächendeckend der Frage widmet, in welchen Heimen und wann die beklagten Vorkommnisse sich ereignet haben und wie viele Heimkinder ihre Heimzeit in guter Erinnerung haben, oder diese Zeit wenigstens als unproblematisch erlebt wurde, damit etwaigen Pauschalierungsforderungen der Boden entzogen würde.
  4. Ich sehe auch nicht, daß der Runde Tisch eine Meldestelle für individuelle Entschädigungsansprüche eröffnet hätte, um damit Pauschalierungsforderungen zu parieren.

Wer den Begriff Pauschalierung zur pauschalen Abwehr von Entschädigungsforderungen verwendet, bekämpft ein Phantom – und er lenkt damit von der offen zutage liegenden Frage ab: Wie sollen die bekannten und belegten Fälle von Demütigung, Ausbeutung, Mißhandlung und Mißbrauch entschädigt werden?

Doch weder der Runde Tisch, noch die beklagten Organisationen äußern sich dazu, wie sie denn abseits von Pauschalisierung mit den vielen Einzelfällen umgehen wollen.

Es gibt ja immerhin erkennbare Muster, anhand derer man sich Entschädigungsgedanken machen könnte, – wenn man wollte.

Da gab es nachgewiesenermaßen Zwangsarbeit, für die keine Sozialabgaben entrichtet wurden. Wem hier keine Entschädigungslösungen einfallen, der will nicht entschädigen, und er sollte so ehrlich sein, dies auch offen zu sagen und nicht auf eine Pauschalierung verweisen, die niemand fordert.

Das gleiche gilt für traumatische Heimerinnerungen. Die Therapiekosten – also nicht das Schmerzensgeld – können, soweit sie durch die Krankenkasse nicht abgedeckt werden, pauschal zugestanden werden.

Erst der Anspruch auf Schmerzensgeld muß individuell belegt werden.

All dies liegt bereits seit vielen Monaten detailliert vor.

https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2009/04/verfahrensvorschlage-rt.pdf

Doch anstatt darauf sachlich einzugehen, redet man lieber von einer Pauschalierung, der man nicht zustimmen könne, die aber auch niemand fordert.

Wann kommen die Verantwortlichen endlich zur Sache?

Mein Bußaufruf will genau dieses erreichen. Unterstützen Sie ihn!

http://www.petitiononline.com/heimkids/petition.html

Radio Vatikan, »Die Stimme des Papstes und der Weltkirche«

Posted in heimkinder, News by dierkschaefer on 25. November 2009

Radio Vatikan, »Die Stimme des Papstes und der Weltkirche«:

»Die Kirche des Landes begrüßt die Entschuldigung … bei ehemaligen Heimkindern.«

Der Teufel steckt im Detail, hier in der Auslassung.

Natürlich geht der Vatikan nicht so offen mit der Vergangenheit in kirchlichen Heimen um.

Die Schuld liegt also in diesem Fall nicht bei der Kirche, sondern bei »der Regierung«.

Da kann man leicht Stellung beziehen.

http://www.oecumene.radiovaticana.org/ted/Articolo.asp?c=336656

 

Sie können auch Stellung beziehen und den Bußaufruf an die Kirchen unterschreiben. Hier geht’s zur Petitionsliste:

http://www.petitiononline.com/heimkids/petition.html

Die besondere Situation der Kirchen in der ehemaligen DDR und die Heimkinderdiskussion

Posted in heimkinder, News by dierkschaefer on 19. November 2009

»Ich werde in meinem Blog noch auf die besondere Situation der Kirchen in der ehemaligen DDR eingehen.», so schrieb ich an die Leitungspersonen zweier Landeskirchen. Dieser Hinweis ist wirklich nötig.

Ich schrieb weiter:

»Sie haben ja recht und die die Kirchen in der DDR haben sozusagen Glück im Unglück gehabt. Denn sie kamen gar nicht erst in die Lage, so unmenschlich mit Heimkindern umzugehen.

Ich will nicht spekulieren, wie es wohl gewesen wäre, wenn … Und ich will mir auch nicht anmaßen, daß ich, wäre ich in der Erzieherfunktion gewesen, eine bessere Figur abgegeben hätte.

Von den ostdeutschen Kirchen kann man, denke ich, nicht erwarten, daß sie sich an Entschädigungsfonds beteiligen.

Doch mit der Heimerziehungsvergangenheit steht ganz allgemein „die Kirche“ auf dem Prüfstand der Glaubwürdigkeit. Die Öffentlichkeit unterscheidet da nicht so sehr nach Landeskirchen, oft nicht einmal zwischen evangelisch und katholisch.

Insofern sollten auch die ostdeutschen Kirchen Stellung beziehen und die EKD auffordern, sich bei ihren Gliedkirchen dafür zu einzusetzen, daß dieses schändliche Kapitel in anständiger Weise behandelt wird, also nicht nur mit Beteuerungen, sondern auch mit Leistungen. Bei letzteren ist Ihre Kirche wie gesagt, außen vor.

Herzlichen Dank für Ihre Antwort!

Mit freundlichem Gruß

Dierk Schäfer«

Öffentlicher Bußaufruf an die Kirchen in Deutschland

Posted in heimkinder, News by dierkschaefer on 18. November 2009

Öffentlicher Bußaufruf an die Kirchen in Deutschland

Es wird wohl kaum jemand wagen, von Gottes Führung zu sprechen. Eher nimmt man Zuflucht zum Wort „Schicksal“. Doch für das Schicksal der ehemaligen Heimkinder gibt es Schuldige. Offen zutage liegen nunmehr übereinstimmende und glaubwürdige Berichte einer ganzen „Wolke von Zeugen“ und die ersten wissenschaftlichen Untersuchungen bestätigen die Klagen der Heimkinder. An deren Schicksal sind maßgeblich die Einrichtungen der Kirchen beteiligt, wenn auch staatliche Heime wohl nicht besser waren und die Jugendämter ihrer Aufsichtspflicht nicht nachgekommen sind.

Wie gehen die Kirchen nun mit dieser Schuld, dieser übergroßen Schuld um? Die Täter von damals sind kaum noch zu belangen. Von Kollektivschuld zu reden, wäre nicht angemessen. Doch wie steht es mit der Verantwortung? Wächst den Verantwortlichen von heute, also auch den Kirchen, nicht Schuld zu, wenn sie sich der Verantwortung nicht stellen?

Spätestens seit Einrichtung des Runden Tisches haben die ehemaligen Heimkinder eine beachtliche Medienresonanz gefunden. Doch der Runde Tisch hatte keinen guten Start, weil die damalige Familienministerin einen Entschädigungsfonds ausschließen wollte („Die Einrichtung eines nationalen Entschädigungsfonds wird von Bundestag und Bundesregierung nicht angestrebt.“) Damit wurde der Runde Tisch in den Augen der mir bekannten Heimkinder von Beginn an unglaubwürdig.

Auch die Reaktion der Kirchen und der ihnen angeschlossenen Einrichtungen, die Kinderheime betrieben hatten, war zunächst – vorsichtig ausgedrückt – zurückhaltend. Lediglich die hannoversche Landesbischöfin konnte Vertrauen gewinnen, als sie von Entschädigung sprach. Doch dann kamen zahlreiche Äußerungen kirchlicher Vertreter, ich spreche hier von beiden Konfessionen und ihren Sozialwerken, die zwar Betroffenheit bekundeten, aber „dem Runden Tisch nicht vorgreifen wollen“.

Dies wird nicht nur von den ehemaligen Heimkindern als unangemessener Umgang mit den Heimkindern empfunden. Ein bedeutender Jurist mit sehr viel Erfahrung auf dem politischen Parkett sagte mir, für ihn sehe es danach aus, als ob die Sache auf die lange Bank geschoben werden solle. Die lange Bank heißt: Falls es überhaupt zu einer Entschädigungslösung kommt, werden viele Heimkinder diese nicht mehr erleben. Ich teile diese Befürchtung.

Doch die Öffentlichkeitswirkung dieser Haltung ist den Kirchen fatal, denn was die Öffentlichkeit unabhängig von ihrer Glaubenseinstellung von den Kirchen erwartet, ist Glaubwürdigkeit.

Wie sollte die Kirche mit diesem Problem umgehen? Nachdem vom Runden Tisch nur noch wenig erwartet wird, muß er „überholt“ werden. Darum habe ich mit meinem Bußaufruf den Entschädigungsgedanken von Landesbischöfin Dr. Margot Käßmann aufgegriffen.

Meine Vorschläge dazu stehen im Aufruf.

Detaillierter sind sie nachzulesen unter

https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2009/04/verfahrensvorschlage-rt.pdf

Hier kommen Sie zum Text des Bußaufrufs. Wenn Sie ihn unterstützen wollen, einfach dort anklicken. Ihre Daten werden nicht an Dritte weitergegeben.

URL: http://www.petitiononline.com/heimkids/petition.html

Zur weiteren Unterstützung leiten Sie bitte diese Mail mit der URL zur Petition in Ihrem Freundes- und Bekanntenkreis (auch Institutionen) weiter.

Mit freundlichem Gruß

Dierk Schäfer

Pfarrer i.R.

Freibadweg 35

73087 Bad Boll

PS: Nehmen Sie doch die URL regelmäßig in Ihre Mails auf, als letzte Zeile:

Haben Sie schon für die ehemaligen Heimkinder den Bußaufruf an die Kirchen unterschrieben? Einfach hier anklicken:

http://www.petitiononline.com/heimkids/petition.html

Sprechen Sie auch einmal Ihren Pfarrer und die Kirchengemeinderäte auf den Bußaufruf an!