Dierk Schaefers Blog

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XXVII

logo-moabit-kDieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit,

die keine Kindheit war

Siebenundzwanzigstes Kapitel

Raus aus’m Celler Knast

Obwohl inzwischen 36 Jahre vergangen sind, kann ich mich noch genau an den Wortlaut erinnern, der in diesem amtlichen Schreiben niedergeschrieben war. „Auf Ihr Schreiben vom … Antrag auf vorzeitige Haftentlassung ist die … Strafkammer des Landgerichts zu dem Beschluss gekommen … Im Falle, dass Sie der Strafkammer einen festen Wohnsitz und einen Arbeitsplatz nachweisen können, steht Ihrer vorzeitigen Entlassung nichts mehr im Wege“.

„Schulz, was hast du denn? Es hat doch geklappt. Also kein Grund so trübsinnig da zu sitzen!“ sagte der Beamte zu mir, nachdem er gelesen hatte, was ich herüber gereicht hatte. „Toll! soll ich jetzt eine Annonce in die Zeitung setzen? Zuchthäusler sucht Arbeit, damit er vorzeitig entlassen werden kann?“ fragte ich ihn. An seiner Äußerung erkannte ich wieder einmal, dass so ein Tür­schließer nicht von hier bis jetzt denken konnte. Über meine Aussage jedoch machte er sich doch tatsächlich Gedanken. Er schaute auf seine Uhr „Mensch Schulz, der Anstaltsleiter hat doch heute seine monatliche Sprechstunde, wo die Gefangenen angehört werden, die sich per Antrag bei ihm vorgemeldet haben!“ – „Na und ? Habe ich mich vorgemeldet, habe ich einen Termin?“ – „Warte! Ich versuche das hinzukriegen. Vielleicht kann ich dich da noch mit reinschieben!“ Er verschloss vorsorglich und gewissenhaft meine Zellentüre und eilte zum Telefon. Kurz darauf bei der Abend­brotausgabe strahlte er übers ganze Gesicht. „Geht klar, Schulz. Du kommst gleich zum Anstaltsleiter!“.

Ich bewundere das phänomenale Namensgedächtnis des Anstaltsleiters. „Was gibt es denn so Dringendes, dass Sie (er war der Einzige, der das „Sie“ vor den Namen eines Gefangenen setzte) mich so dringend zu sprechen wünschen?“ begrüßte er mich in seinem Amtszimmer. „Ich doch nicht! Mein Stationsbeamter war der Meinung, dass mein Anliegen dringend wäre!“ klärte ich ihn auf. „Gut, also was gibt es?“ Wortlos reichte ich ihm das Schreiben vom Gericht hin. Er überflog die wenigen Zeilen, obwohl ich davon überzeugt war, dass er davon eine Kopie oder ähnliches bereits selbst vom Gericht erhalten hatte und schaute mich an. Fragte: „Und? Wo Ist das Problem? Wie ich weiß, haben Sie ein gutes Verhältnis zu ihrer Mutter, wo Sie unterkommen können, sowie Ihre Freundin, mit der ich auch schon gesprochen habe! Und was die Arbeit angeht, sehe ich auch kein Problem. Sie haben von Ihrem letzten Arbeitgeber vor Gericht nur Lob erfahren. Wenn ich die Arbeitsmarktlage richtig sehe, dürfte es für Sie keine Schwierigkeiten geben, einen Arbeitsplatz zu finden!“ Auf seine Armbanduhr tippend meinte er nur noch: „Für heute dürfte es etwas zu spät sein. Aber wenn ich Sie morgen für drei Tage in Urlaub schicke, dürften Sie mir einen Arbeits­vertrag vorlegen können!“

So was war ja noch nie da gewesen. Ausgang und Urlaub zur Entlassungsvorbereitung war derzeit noch gar nicht vorgesehen und später auch nur über viele Formalitäten zu erreichen. Hier aber entschied der Anstaltsleiter ad hoc, dass ich am nächsten Tag schon Urlaub bekommen sollte. Und tatsächlich wurde ich am nächsten Morgen beim Aufschluss darauf aufmerksam gemacht, nicht zur Arbeit auszurücken, sondern mich gleich nach dem Frühstück auf der Asser­vatenkammer einzufinden, um mich zivil einzukleiden. Der Urlaubsschein liege bereits an der Pforte.

Hatte ich mich doch schon längst auf weitere 11 Monate in diesem Loch abgefunden, so kam diese Wendung für mich völlig überraschend. Ich hatte gar keine Zeit und Möglichkeit (meine Mutter hat bis zu ihrem Lebensende nie ein Telefon besessen), jemanden von meiner Ankunft zu unterrichten. Meine Mutter, die vom Gartenhäuschen bis zur Pforte einen Weg von gut 30 Metern zurückzulegen hatte, schlürfte mit müden Schritten und gesenktem Haupt in Richtung Gartenzaun ohne zu sehen, wem sie das Herausklingeln zu verdanken hatte. Auf halben Wege zur Garten­pforte, wo ich notgedrungen auf sie wartete, rief ich sie in freudiger Wiedersehenserwartung an. „Hallo Mutti, mach doch nicht so ein griesgrämiges Gesicht. Wir haben April, einen schönen Frühlingstag und dein Sohn kommt dich besuchen!“ Diese Ansprache hätte ich mir besser ver­kneifen sollen oder? Als meine Stimme in ihren Gehörgang eindrang, riss sie ihren Kopf hoch, blieb wie erstarrt mit weit aufgerissenem Mund und Augen auf dem Plattenweg, der zur Pforte führte, wie angewurzelt stehen. Wie sie mir später sagte, hätte sie geglaubt einen Geist in meiner Gestalt vor sich zu sehen. Vermutete sie mich doch sicher verwahrt hinter Gittern. Da meine Mutter vorläufig zu keiner Bewegung fähig war, kletterte ich notgedrungen über den Zaun. Anstatt des ansonsten üblichen Begrüßungsküsschens bekam ich nur jede Menge Tränenflüssigkeit in Höhe meines Schlüsselbeins aufs Hemd; wie oft in meiner Kindheit hatte meine Mutter MEINE Tränen trocknen, mich trösten müssen? Oh, wie stark und groß ich mich auf einmal fühlte, als ich meine Mutter auf meinen Arm gestützt ins Haus führen durfte. Ich konnte, wollte, ihren Gefühlsausbruch nicht unterbrechen. Wir saßen uns im Wohnzimmer noch eine ganze Weile, unsere Hände inein­ander verkrampft gegenüber, bis Mutter den Schock überwunden hatte. Dann aber kriegte sie sich wieder ein und machte sich Sorgen über mein leibliches Wohl.

Es war die Arbeitszeit, die viele Ehen zerstörte.

Herr Hundertmark, der Sachbearbeiter auf dem Gebiet der Gastronomie auf dem Arbeitsamt Han­nover, der mich schon seit meiner Lehrzeit kannte, zeigte sich erfreut darüber, mich mal wieder zu sehen. Auf seine Frage, wo ich denn so lange gesteckt hätte, antwortete ich ihm wahrheitsge­mäß. Er wusste es zu schätzen, dass ich ihm nichts vorlog, sondern die Wahrheit erzählte. Er meinte, dass er sich davon nicht freisprechen könnte, in meiner Situation nicht ebenso gehandelt zu haben. In den Anfängen der siebziger Jahre war es schwierig, noch richtige, gelernte Kellner zu vermitteln. Er zeigte mir eine Statistik, aus der hervorging, dass viel mehr Köche und Kellner bei dem VW-Werk oder bei Conti in Hannover als angelernte Arbeiter beschäftigt seien als den Gaststätten­betrieben zur Verfügung standen. Es war die Arbeitszeit, die viele Ehen zerstörte. Da ich mir aber geschworen hatte NIE mehr zu heiraten, ich meinen erlernten Beruf auch noch liebte, war es für mich keine Frage, ob ich dort weitermachen würde, wo ich zuletzt aufgehört hatte.

Herr Hundertmark hatte genügend freie Stellen zur Verfügung. Er riet mir allerdings, nicht unbe­dingt auf die Wahrheit großen Wert bei meiner neuen Einstellung zu legen. Deshalb auf solche Fragen nach dem letzten Arbeitsplatz vorbereitet, nahm ich mein Seefahrtsbuch zu meinem Vor­stellungsgespräch mit. Ich war ja, wie Sie sich noch erinnern können, ein cleveres Kerlchen. Auf die diesbezügliche Standardfrage, wo ich denn zuletzt gearbeitet hätte, wedelte ich mit dem Seefahrtsbuch vor der Nase meines zukünftigen Chefs herum und erklärte ihm, dass ich endlich wieder an Land arbeiten wolle, da meiner Mutter Gesundheitszustand sehr zu wünschen übrig ließe. Ich wollte in Zukunft gerne in ihrer Nähe sein. Da meine ehemalige Reederei ihren Sitz in Holland hatte, fiel es auch gar nicht weiter auf, dass ich fast in der Mitte des Jahres eine völlig unbefleckte deutsche Steuerkarte und auch eine leere Invalidenkarte, wie sie damals vonnöten war, dem Arbeitgeber gab.

Meinem neuen Arbeitgeber war das Seefahrtsbuch ohnehin ein Buch mit sieben Siegeln; ich konnte ihn also ohne weiteres damit aufs Glatteis führen. Er verlangte allerdings einen Arbeitsvertrag, in dem stand, dass ich meinen Dienst schon am 1. Mai antreten sollte. Das war mehr als knapp. Schrieben wir doch bereits den 24ten April. Meinem Glück vertrauend und die Justiz in Zeitnot bringend, unterschrieb ich selbstbewusst den Arbeitsvertrag.

Das wären doch verlorene Tage für unsere junge Liebe, meinte sie.

Ich muss hier gestehen, dass ich mich erst am dritten, letzten Tag meines gewährten Urlaubs zur Arbeitsbeschaffung überhaupt darum gekümmert hatte. In den ersten Tagen hatte ich einen ganz anderen Nachholbedarf in der Freiheit. Meine neue Braut – pardon-, was ich eigentlich sagen wollte, dass meine neue Braut eine geniale Idee hatte. Warum warten, wenn ich erst am Donners­tagabend wieder in der Anstalt in Celle antanzen musste, am Freitag mein Anstaltsleiter meinen Arbeitsvertrag in der Hand hielt, dieser denselben mit viel gutem Willen und Zeit noch am Freitag zum Gericht weiterleiten würde, dann würde er frühestens am folgenden Montag beim Land­gericht eintreffen. Das wären doch verlorene Tage für unsere junge Liebe, meinte sie. Deshalb fuhr die ganze Familie mit mir mit dem Taxi direkt zum Landgericht. Nur, wie auch die Maurer ihre Kelle, wie nachgesagt, pünktlich aus der Hand fallen lassen, so machten auch die Beamten gerne pünkt­lich Feierabend. So standen wir vier ziemlich verloren auf dem Gerichtsflur vor dem Zimmer des zuständigen Staatsanwaltes, nachdem wir festgestellt hatten, dass es kurz nach 16 Uhr war. Spä­testens in sechs Stunden musste ich mich wieder in Celle einfinden, wollte ich mir meine Chance zur vorzeitigen Entlassung nicht selbst vermasseln.

Zum Glück gab es im Gerichtsgebäude aber immer noch ein paar regsame Hände. Eine niedere Kaste im Beamtengeflecht war dazu da, die Arbeit der Oberen für den nächsten Tag vorzubereiten. Ein junger Mann schob einen Wagen mit Akten beladen über den Flur und verteilte diese in die einzelnen Amtszimmer. Wie er uns da so geknickt auf dem Flur stehen sah, enttäuscht darüber, dass nur wenige Minuten gefehlt hatten, um unser Anliegen vorzubringen, fragte er, was der Anlass unse­rer Traurigkeit wäre. Nachdem ich dem jungen Mann erklärt hatte, worum es ging, sah er über­haupt kein Problem darin, unsere Verspätung wieder auszubügeln. Den mit meiner Mutter unterschriebenen Mietvertrag sowie den Arbeitsvertrag einschließlich des Briefes vom Gericht selbst mit dem Aktenzeichen versehen befestigte der junge Assistent mit einer überdimensionalen Plastik­klammer oben auf der ersten Akte, die der Staatsanwalt am nächsten Morgen zur Vorbereitung seines Termins unbedingt in die Hand nehmen musste. Der hilfsbereite junge Mann war davon überzeugt, dass der zuständige Staatsanwalt meinen Vorgang keinesfalls übersehen könne. Mit gemischten Gefühlen, nicht wissend welchen Erfolg ich haben würde, fuhr ich natürlich rechtzeitig in das Celler Loch (Entschuldigung! Dieses Celler Loch[1] wurde ja erst viel später durch die angeb­lichen RAF Terroristen in die Mauer gesprengt!) zurück. Aber wie soll ich die paar Quadratmeter sonst beschreiben?

Hatte ich doch zum ersten Male mit 23 mein erstes Bier überhaupt getrunken, war also keineswegs ein Alki, gönnte ich mir in der Bahnhofskneipe in Celle doch noch zwei kleine Bier. Ahnte ich doch schon, dass es für mich mühsam sein könnte einzuschlafen. Ein Mentholbonbon und dann waren es nur noch zweimal lang hinfallen und schon stand ich, vom Bahnhof aus gesehen vor der Gefäng­­nispforte. Mit dem nötigen Papier ausgestattet ließ man mich natürlich auch wieder rein. Dank des Gerstensaftes oder auch vielleicht, weil die letzten beiden Nächte ziemlich anstrengend gewesen waren, schlief ich dann doch recht bald den Schlaf aller Gerechten. Am nächsten Morgen rückte ich wie alle anderen wieder zur Arbeit aus. Ich wusste es ja selbst nicht, was nun auf mich zukam. Deshalb konnte ich auch keine diesbezügliche Frage konkret beantworten. Hauptsächlich wurde danach gefragt, ob ich den auch die Gelegenheit gehabt hätte, ordentlich Saft abzulassen. Ich war natürlich Kavalier und schwieg bei solchen Fragen.

Eine saubere Blitzentlassung

Die zu Zeitstrafen Verurteilten begannen in der Regel die letzten Hundert Tage im Countdown herunter zu zählen. Dieser enorme Stress blieb mir diesmal erspart. Ich bekam eine saubere Blitz­entlassung im wahrsten Sinne des Wortes. Ich setzte mich also wie gewohnt an meine Näh­ma­schine. Wie immer war unser Arbeitsbetrieb als dritter an der Reihe, um unseren gesetzlich garan­tierten Hofgang von 30 Minuten zu absolvieren. Im Zuge der Strafvollzugsreform durften wir jetzt auch schon zu zweit oder gar zu dritt nebeneinander uns unterhaltend im Karree von 20 x 80 Metern unseren Bewegungsapparat in Form halten.

Kaum hatte unsere Freistunde begonnen und mich von allen Seiten die Leidensgenossen mit Fra­gen bombardiert hatten, wie denn z.B. die Welt da draußen sich verändert hätte, da rief auch schon mein Werkmeister von oben aus dem Fenster einen seiner Kollegen vom Hofdienst zu, er möge doch den Dieter Schulz zu ihm schicken. Im Betrieb angekommen schaute der Beamte mich von oben bis unten an, fragte: „Schulz, hast du im Urlaub irgendetwas ausgefressen?“ – „Nö! Wieso?“ – „Warum will dich sonst der Anstaltsleiter sehen?“ Ich war mir keiner Schuld bewusst. Schließlich stand seinerzeit noch nicht der Vermerk auf dem Ausgangs-Urlaubsschein: Alkohol und Drogenverbot!

Mit Alkohol hatte ich mich sehr zurückgehalten, weil sich das Zeugs bei mir immer auf die Potenz negativ auswirkte. 1970 kannte überhaupt noch kein Knacki andere Drogen als Tabak und Kaffee. Mit keinem Gedanken dachte ich daran, dass unser Abstecher zum nicht einmal diensttuenden Staatsanwalt etwas mit meiner Vorladung zum Direktor zu tun haben könnte. Als ich dann endlich vor ihm stand, brauchte ich mir nicht mehr unnötig den Kopf darüber zu zerbrechen. „So kenne ich Sie, Herr Schulz! Nie können Sie den Amtsweg einhalten. Hatte ich Ihnen nicht mit auf den Weg gegeben, dass Sie mir nach Ablauf von Ihrem Dreitage-Urlaub einen Arbeitsvertrag sowie eine Meldebescheinigung vorlegen sollten, damit ich Ihre vorzeitige Entlassung in die Wege leiten kann? Und was tun Sie?“ Ich glaube aber, er bewunderte eher meine Initiative, als dass er mir böse war. Er schaute auf seine Uhr und sagte: „Wenn Sie sich beeilen, können Sie in der nächsten Stunde diese Anstalt als freier Mann verlassen! Der Staatsanwalt hat mich vorhin angerufen und Ihre Entlassung verfügt, da Sie ja schon am 1. Mai ihre Arbeit antreten müssen!“ Jetzt wird wohl jeder verstehen was ich mit einer Blitzentlassung gemeint habe. „Ach ja, damit sich ihre Mutter oder sonst wer darauf vorbereiten kann, dürfen Sie von meinem Apparat jemanden anrufen!“ gab er sich gönnerhaft. Der Vermieter meiner Geliebten hatte Telefon im Haus. Dort rief ich dann auch an. Meine Freun­din versprach mir, mich vom Knast abzuholen. „Wie denn? In einer Stunde bin ich doch schon draußen!“ – „Wozu hat mein Hauswirt ein Taxiunternehmen?“ Damit war unser Gespräch auch schon beendet.

Der renitente Schulz zieht wieder mal eine Show ab!

Nur, meine Haftzeit zog sich dann doch noch einige Stunden hin. Die ganzen Abteilungen, die ich noch zu durchlaufen hatte, um endlich meine Entlassungspapiere zu bekommen, waren eigentlich nicht der Punkt, was die Verzögerung bewirkte. Es war ein sturer Beamter, der darauf bestand, dass ich einen Wisch unterschreiben sollte, dass ich bei meiner Entlassung vollkommen gesund sei und keinerlei Regressansprüche an die Anstalt stellen würde. Und genau diesen Wisch wollte ich nicht unterschreiben. Eingedenk dessen, dass sich mit meiner ärztlichen Betreuung während meiner Haft­zeit zweimal erhebliche Differenzen ergeben hatten, ich erst ins Krankenrevier gebracht wurde, als man merken musste, dass ich meine Krankheit nicht nur simulierte, pochte ich darauf, meinen Gesundheitszustand von einem Arzt meiner Wahl in Freiheit checken zu lassen. Da hieß es dann: ohne Unterschrift keine Entlassung! Ich unterschrieb auch bei dieser Drohung nicht. Ich wurde in eine Arrestzelle gesteckt. Ich hatte bereits meine Zivilklamotten an, reichlich Tabak in der Tasche und wartete. Ich wartete etwa eine Stunde. Die Zellentüre ging auf, man führte mich wieder zu dem Beamten, der mir die Unterschrift abverlangt hatte. Der gleiche Spruch: Unterschreiben oder keine Entlassung! Das wollte in meinen ostpreußischen Dickschädel einfach nicht rein. Wieder ab in die Arrestzelle. Inzwischen hatte meine Liebste draußen an der Pforte schon angefragt, wann denn nun Herr Schulz entlassen würde. Es hätten sich da Probleme ergeben. Das könne noch dauern, wurde sie beschieden. Bei ihrer zweiten Nachfrage blieb es nur beim Versuch einer Frage. Sie wurde brüsk der Türe verwiesen. Es hatte sich schon bis zur Gefängnispforte rumgesprochen, dass der renitente Schulz wieder mal eine Show abzog. Als unbescholtene Bürgerin unseres Rechtsstaates ließ sich meine Geliebte diese Behandlung nicht gefallen. Die Taxiuhr tickte vor sich hin und bei ihr tickte eine Idee. Genau gegenüber dem Zuchthaus, pardon, die Bezeichnung Zuchthaus war ja bereits abgeschafft, also gegenüber dem Gefängnis begann ein schön angelegter Park. Und dort stand auch eine doppelte Telefonzelle der Deutschen Post. Es lagen sogar heile Telefonbücher darin. Im Branchenverzeichnis fand sie jede Menge Rechtsanwälte. Schon beim fünften Versuch erreichte sie ein Anwaltsbüro, wo ein Rechtsanwalt nicht gerade beim Gericht war, um einen Ter­min wahrzunehmen. Wenige Minuten später hielt er neben dem Taxi. Auf dem Dach des Taxis unterschrieb meine Liebste eine Vollmacht, gab ihm das vereinbarte Honorar. Als Bevollmächtigter Rechtsanwalt verlangte er an der Pforte Zugang zu seinem Mandanten Dieter Schulz. Natürlich wurden auch Rechtsanwälte gründlich durchsucht, bevor sie zu ihrem Mandanten konnten. Nur kam es erst gar nicht mehr dazu, dass er ins Gefängnis in eine extra dafür vorgesehene Zelle vorgelassen wurde. Ein Telefongespräch mit der Ankündigung, dass Herrn Schulz sein Anwalt da wäre, genügte, um mir meine Entlassungspapiere auszuhändigen. Ohne die hartnäckig von mir geforderte Unterschrift versteht sich.

Der Mai 1970 war schon ein vorgezogener Sommer. Ich trat pünktlich meinen Dienst bei meinem neuen Arbeitgeber an. Trotz meiner anfänglichen Befürchtungen, in den 25 Monaten meiner Haft etwas von meinem Beruf verlernt zu haben, klappte alles als wäre ich nie raus gewesen. Leider ent­puppte sich die GmbH (Gesellschaft mit beschränkter Hoffnung) auch als solche. Meine Hoffnung jetzt endlich wieder ein geregeltes Leben in völliger Freiheit gestalten zu können, beschränkte sich auf ganze zweieinhalb Monate. – Abgesehen davon, dass ich mal beim Küchenchef Spaghetti reklamierte, die ich einem Gast ser­vieren sollte, die aber so aussahen, als wären sie schon mal gegessen worden, zoffte er mich an, „ob ich denn nun ein Kellner wäre, dann würde ich die Spaghetti auch servieren können, ohne dass der Gast dies merke!“ brüllte er mich an. Also gut. Ich verwickelte den Gast in ein Gespräch, legte von ihm unbemerkt die Spaghetti so vor, dass er diese nicht sah und drapierte über den Nudel­klumpen geschickt die Soße. Der Gast schien ein eher schüchterner Mitmensch zu sein. Oder aber er war von seiner Frau nichts Besseres gewohnt. Dass er aber seine Piccata Milanese mit lan­gen Zähnen aß, bemerkte ich schon.

Jener Vorfall war allerdings nicht der ausschlaggebende Punkt, warum dieses Arbeitsverhältnis nur ganze zweieinhalb Monate andauerte. In dem Personalumkleideraum standen genau 18 Spinde, ähnlich wie wir sie beim Bund hatten. Sie bestanden aus Blech mit den üblichen Luftschlitzen am oberen Ende. Jeder Angestellte brachte sein eigenes Schloss mit. Eines Tages jedoch erwiesen sich diese Vorhängeschlösser als rausgeschmissenes Geld. Irgendjemand hatte mit etwas Kraftaufwand die leichten Blechtüren so nach außen verbogen, dass er bequem die darin hängende Privatgar­de­robe durchwühlen konnte. Ich, als Kellner, ließ natürlich nie Bargeld in meiner Garderobe. Brauchte ich doch jeden Groschen als Wechselgeld, so wie ein Handwerker sein Werkzeug. Noch nicht mal Fingerabdrücke fand die gerufene Kripo. Schon gar nicht den Einbrecher. Dafür aber fand mein Chef zwei Tage später meinen Haftentlassungsschein, der ihm unter der Türe durch­ge­schoben worden war. Bei meiner Entlassung hatte man mir nämlich geraten, diesen Schein noch mindestens drei Monate aufzubewahren. Das wäre nützlich bei irgendwelchen Kontrollen oder Behördengängen. Solange könne es nämlich dauern, bis ich sicher sein könnte, dass ich nicht mehr als Inhaftierter geführt würde. Also bewahrte ich den Schein in meiner bargeldlosen Brief­tasche in dem Garderobenschrank auf. Meiner Meinung nach konnte der Dieb nur aus den eige­nen Reihen stammen. Wie sonst kommt zwei Tage danach der Schein ins Büro meines Chefs. Nach­dem dieser mich hochkant gefeuert hatte, weil er es nicht überwinden konnte, auf mein See­fahrtsbuch hereingefallen zu sein, bekam ich am nächsten Tag von Herrn Hundertmark auf dem Arbeitsamt gleich wieder mehrere Stellen zur Auswahl.

Der neue Job hatte auch nur ein Haltbarkeitsdatum von vier Monaten. Eines Tages im November, tags zuvor hatte ich noch die letzte Kaiserenkelin bei ihrer Geburtstagsparty bedient, wurde ich ins Personalbüro gebeten. Man verlangte von mir, die vom Haus gestellte weiße Kellnerschürze abzu­bin­den und die Kasse abzuschlagen. Warum? Das wüsste ich ja wohl selbst am besten, wurde mir gesagt. Ich kann mir den Grund meiner plötzlichen Entlassung nur so vorstellen, dass mich irgend­ein Gast als ehemaligen Zuchthäusler erkannt hatte oder aber von meinem Ex-Chef im Kollegen­kreis angeschwärzt wurde.

Entweder man suchte einen guten Kellner oder aber jemanden mit einer sauberen Vergangenheit.

Lache Bajazzo[2], für Tränen zahlt man nicht! Dieses Lied und warum weinen, wenn man ausein­ander geht, wenn an der nächsten Ecke schon ein anderer steht?[3] fiel mir ein, als ich mich wieder in Zivil­kleidung schmiss. Damals brauchte man samstags nur die Seite mit den Stellenan­zeigen aufzuschla­gen um zu erfahren, wo alles Kellner gesucht wurden. Ich hatte meine Lektion gelernt. Mit Ver­schwei­gen oder Lügen meiner wahren Vergangenheit konnte ich keinen Blumentopf gewinnen. Mein neues Motto hieß: Ab durch die Mitte. Entweder man suchte einen guten Kellner oder aber jemanden mit einer sauberen Vergangenheit. Ich versuchte es also beim dritten Anlauf mit der Wahr­heit. In einer sehr renommierten Gaststätte, die sogar unter Denkmalschutz stand, bat ich den Chef sprechen zu dürfen zwecks der ausgeschriebenen Stelle für einen Kellner. Als ich dem dann gegenüber saß, klopfte mir das Herz bis zum Halse. Als erstes weigerte er sich, meine in der vor ihm liegenden Mappe befindlichen Zeugnissen anzusehen. „Papier ist geduldig!“ mit diesen Wor­ten schob er mir die Mappe wieder zu. „Ich mache mir gerne selbst ein Bild von den Menschen, die hier arbeiten. Wie Sie vielleicht wissen, haben wir hier ein exquisites Publikum, welches viel herumkommt und sich mit gutem Service auskennt. Wenn Sie am Tisch filieren, tranchieren, kochen und flambieren können, etwas vom Wein verstehen und mir das in der 14tägigen Probezeit beweisen, sehe ich keinen Grund, dass wir nicht ein festes Arbeitsverhältnis eingehen !“ Mit den wenigen Sätzen hatte er mir klipp und klar seine Einstellungsphilosophie erklärt.

„Da wäre aber noch etwas was ich Ihnen vorher noch sagen muss!“

 

Inhaltsverzeichnis _Inhaltsverzeichnis

 

Fußnote

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Celler_Loch

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_gefl%C3%BCgelter_Worte/L#Lache.2C_Bajazzo.21

[3] http://www.songtexte.com/songtext/marlene-dietrich/wer-wird-denn-weinen-wenn-man-auseinander-geht-73c25eb1.html

Eine Romanze noch vor der Romantik?

Posted in Geschichte, Gesellschaft, Justiz, Kriminalität, Kriminologie, Moral, Politik, Theologie, Tod by dierkschaefer on 28. August 2016

Ein Knochenfund in Hannovers Leineschloß erinnert daran.

»Die Geschichte des Grafen Königsmarck ist galant, romantisch und eine Kleinigkeit gruse­lig. Sie ist eine der Geschichten, die Thron und Alkoven nahe zusammenrücken und Seligkeit und Elend des menschlichen, allzu menschlichen Herzens mit dem Glanz und Gloria fürst­lichen, allzu fürstlichen Daseins verbrämen.

Sie hat die Geschichtsforscher auf ihre Spuren gelenkt, um so mehr, als vieles hier im Dunkeln geblieben ist. Sie hat immer wieder Literatoren zu historisierenden, gefühlvollen Darstellungen inspiriert.

Der schwedische Graf Philipp Christoph von Königsmarck war der Bruder Auroras, der Mätresse des Kurfürsten August von Sachsen, des Starken. Er war reich, aus großem Haus, im Sattel so gut zu Hause wie am Spiel- und Trinktisch und in Boudoirs, ein abenteuernder Barockkavalier.

Er war 30, als er 1689 am hannoverschen Hof auftrat. Er war 35, als er im Schloß zu Hannover spurlos verschwand, in einer Sommernacht 1694. Monate danach wurde der hannoversche Kurprinz Georg Ludwig, später der erste der wenig beliebten hannoverschen George auf Englands Thron, von seiner Frau Sophie Dorothea, geborenen Prinzessin von Celle, geschieden[1]

»Theodor Fontane behandelt die Geschichte ausführlich in seinen Wanderungen durch die Mark Brandenburg (1862). Nach seiner Darstellung hatte sich von Königsmarck nur in das Schloss zu Hannover begeben, um von der Kurprinzessin Abschied zu nehmen. Dort sei er getötet und innerhalb der Schlossmauern begraben worden.«[2]

In seinem Gedicht beschreibt er die Moritat:

»Wer geht so spät zu Hofe,

Da alles längst im Schlaf?

Im Vorsaal wacht die Zofe –

Schon naht der schöne Graf.

Er sprach: „Eh ich nach Frankreich geh,

Muß ich sie noch umarmen,

Prinzessin Dorothee.“

Gräflein, du bist verraten,

Verraten ist dein Glück,

Die böse Gräfin Platen

Ersann ein Bubenstück.«[3]

»Mord im Leineschloss vor 322 Jahren – Lag hier die Leiche von Graf Königsmarck?« fragt BILD nach dem aktuellen Knochenfund im Leineschloss. »Königsmarck soll eine Affäre mit der Herzogin Sophie Dorothea gehabt haben, angeblich planten die beiden ihre Flucht. Doch die Pläne wurden verraten, der Graf verschwand. Wurde er wegen der heimlichen Liebschaft mit der Gattin seines Landesherren ermordet?

Die Knochen sollen jetzt an die Stadt Hannover übergeben, einer mitochondrialen DNA-Untersuchung unterzogen werden, bei der geringste biologische Spuren für eine Identifi­zierung reichen. Oberstaatsanwalt Thomas Klinge: „Es spricht einiges dafür, dass es sich um die Überreste von Philipp Christoph Graf von Königsmarck handelt.“

Die Spur des Adligen verliert sich im Sommer 1694 im Leineschloss, der Residenz des damaligen Herzogs von Braunschweig und Lüneburg und späteren Königs Georg I. von England.

Herzogin Sophie Dorothea von Braunschweig-Lüneburg (1666–1726) wurde nach Bekanntwerden der Affäre verbannt.«[4]

»Die Geschichte hätte das Zeug zum Historienfilm: Es geht um verbotene Liebe, einen mysteriösen Mord und um den vielleicht größten politischen Skandal jener Zeit.

Königsmarck, ein ausgemachter Lebemann, der chronisch verschuldet war und keine Feier ausließ, stand seit 1689 als Oberst und Regimentskommandeur in hannoverschen Diensten. An jenem Abend war er unterwegs gewesen zu einem diskreten Schäferstündchen mit seiner Geliebten. Diese war nicht irgendwer, sondern die Kurprinzessin Sophie Dorothea persön­lich. Verheiratet war die Herzogstochter aus Celle mit Hannovers Thronfolger Georg Ludwig – dem die Affäre seiner Frau ein Dorn im Auge sein musste.

„Damals wurde bei Hofe mit zweierlei Maß gemessen“, sagt Thomas Schwark, Direktor des Historischen Museums: Während Männer sich selbstverständlich Mätressen halten durften, galt die Affäre einer verheirateten Frau als Skandal. Sophie Dorothea, deren Ehe mit Georg Ludwig eine dynastische Zweckverbindung gewesen war, begehrte also gegen die höfischen Spielregeln auf – und ihr Emanzipationsversuch hatte dramatische Konsequenzen.

Nach dem Verschwinden von Königsmarcks wurde die Kurprinzessin von ihrem Mann geschieden und fortan im Schloss Ahlden am Rande der Lüneburger Heide gefangen gehalten. Mehr als dreißig Jahre lang blieb die „Prinzessin von Ahlden“ eine Gefangene, bis zu ihrem Tod. Ihr Sohn wurde später König von England, ihre Tochter wurde später Königin in Preußen – doch die Gefangene sah ihre Kinder nie wieder.«[5]

So sieht das aus, wenn man diese Love-Story mit modernen Augen liest: Damals wurde bei Hofe mit zweierlei Maß gemessen … Emanzipationsversuch. Das galt nicht nur bei Hofe, sondern bis weit in die Neuzeit. Junge Männer sollten sich erst einmal die Hörner abstoßen, danach aber eine Jungfrau heiraten.

Ob es wirklich eine Liebesgeschichte war?

»Graf Königsmarck stammte aus einem alten märkischen Adelsgeschlecht. Er war der Enkel des deutsch-schwedischen Feldmarschalls Hans Christoph von Königsmarck. … Seit seinen Kindertagen, als er als Page am Hof von Celle verbrachte, war er mit der ein Jahr jüngeren Erbprinzessin von Braunschweig-Lüneburg, Sophie Dorothea von Celle, befreundet. Diese wurde im Alter von 16 Jahren mit ihrem Vetter, dem Herzog Georg Ludwig zu Braunschweig und Lüneburg und Prinz von Calenberg, dem späteren Kurfürsten von Braunschweig-Lüneburg und als Georg I. König von Großbritannien, verheiratet. Die politisch motivierte Ehe war wohl eher unglücklich. … Im April 1690 kam er allein nach Hannover zurück.

Hier begann er offensichtlich eine durch einen umfangreichen Briefwechsel dokumentierte Liebesbeziehung mit der Erbprinzessin Sophia Dorothea von Celle. Die historische Forschung konnte nachweisen, dass Sophie Dorothea, trotz aller ihrer gegensätzlichen Bekundungen, mit dem Grafen auch den Geschlechtsverkehr vollzogen hat und nur wenig tat, Gerüchte zu unterbinden. Im Sommer 1694 schließlich planten die beiden ihre gemeinsame Flucht«[6]

Liebesgeschichte oder auch nicht, jedenfalls sehr abenteuerlich. Mit im Spiel auch zwei der Mätressen des Ehemannes Herzog Georg Ludwig, der offenbar den Mordauftrag gab.

Was mag sein Motiv gewesen sein? Eifersucht wohl kaum, persönliche Kränkung vielleicht. Hier jedoch ging es um Hochverrat. Wieso?

Die Legitimität feudaler Herrschaft lag in der Erbfolge.[7] Legitimer Herrscher konnte nur sein, wer aus einer legalen Ehe seines Vorgängers stammte. Dieser konnte seinen Samen streuen, wie und wo er wollte. Doch seine Frau hatte ausschließlich ihm zu gehören, damit kein Kuckucksei die legitime Thronfolge störe.[8] Selbst der Verdacht, ein Sohn sei nicht der Sohn des Herrschers, war der Legitimität abträglich. Es wäre nun allerdings überzogen, die Liebesaffäre als Emanzipationsversuch zu betrachten. Sophie Dorothea war eine Figur im feudalen Schachspiel. Sie wurde verheiratet unter Gesichtspunkten dynastischer Machtab­sicherung – und –vermehrung. So war das üblich. Liebe musste nicht sein, war wohl auch selten. Der Herrscher konnte ausweichen, seine Frau musste sublimieren. Dabei ging es den Herrschern nicht immer nur um Sex[9]. Mätressen waren oft auch gebildete und interessante Gesprächs­partnerinnen; sie hatten oft viel Einfluss – auch auf die Regierungsgeschäfte. Sophie Dorotheas Seitensprung war also Hochverrat und machte zudem den Herrscher lächerlich. Aber dann ein Mord?

Das war in Preußen anders. Dort gab es ein Gerichtsverfahren, als der Kronprinz zusammen mit seinem Kameraden und wohl auch Liebhaber fliehen wollte. Sophie Dorothea ist übrigens die Großmutter dieses Kronprinzen, des späteren Friedrich II.

Doch es geht um den Fall „Katte“

»1730 klagte im berühmten „Kronprinzenprozeß“ der Vater den eigenen Sohn an, weil dieser vor den unerträglichen erzieherischen Torturen ins Ausland fliehen wollte. Sein Freund, der junge Leutnant von Katte, ein Schöngeist wie er selbst, war in die Pläne der scheiternden Flucht eingeweiht. Vor den Augen seines Sohnes ließ der „Soldatenkönig“ Katte aus Gründen der Staatsräson hinrichten. Kattes Tod brachte die Wende im Leben des Prinzen, brach seinen Willen.«[10]

Landesverrat auch hier, denn was ist es sonst, wenn ich mit dem Sohn des Herrschers durchbrennen will? Ergebnis ein Gerichtsverfahren. »Beide wurden vor ein Kriegsgericht im Schloss Köpenick gestellt und Katte zu lebenslanger Festungshaft verurteilt (hinsichtlich des Kronprinzen erklärte sich das Gericht für nicht zuständig). Friedrich Wilhelm I. verschärfte die Verurteilung v. Kattes zu einem Todesurteil und ordnete die Exekution an.«[11]

War das Willkür?

Liest man bei Fontane nach, der die Gerichtsakten eingesehen hat, kommt man zu einem anderen Urteil.

Fontane: „Das sind so einige der »Species facti«; nur einige, aber gerade genug, um seinen König und Herrn mit allem Fug und Recht aussprechen zu lassen: »Und da denn dieser Katte mit der künftigen Sonne tramiret, auch mit fremden Ministern und Gesandten allemal durcheinander gestecket, er aber nicht davor gesetzet worden mit dem Kronprinzen zu complottiren, au contraire es Sr. K. Majestät hätte angeben sollen, so wissen Se. Majestät nicht, was vor kahle raisons das Kriegs-Recht genommen und ihm das Leben nicht abgesprochen hat.«

Es ist nur eines, was uns in diesem Schreckensschauspiel – denn ein solches bleibt es – widerstrebt und widersteht: der König wechselt hier die Rolle mit dem Richter. Er läßt das Recht über die Gnade gehen. Und das soll nicht sein.

Wenn aber etwas damit versöhnen kann, so ist es das, daß er dies im eigenen Herzen empfunden hat. Hören wir noch einmal ihn selbst: »Wenn das Kriegs-Recht dem Katten die Sentence publiciret, so soll ihm gesagt werden, daß es Sr. Königlichen Majestät leid thäte; es wäre aber besser, daß er stürbe, als daß die Justiz aus der Welt käme.«

 

Es wäre besser, er stürbe, als daß die Justiz aus der Welt käme.

Diese Haltung unterscheidet Preußen von Hannover.

Und nun kommt die Mordsache nach über 300 Jahren vielleicht zu einem Abschluß:

»Mord verjährt nie – nach so langer Zeit könnten die Ermittlungen aber schwierig werden. Der Oberstaatsanwalt schmunzelnd: „Aber am Ende klären wir alle“.«[12]

 

Nachtrag:

Es war wohl wirklich eine Liebesgeschichte:

»600 Liebesbriefe und ein Fluchtplan – doch der Plan flog auf. Die Affäre zwischen Sophie Dorothea von Celle und Christoph Graf von Königsmarck dauerte wohl rund zwei Jahre. Königsmarck war ein Offizier und Hofkavalier und lebte mit seinem Hausstand von 29 Die­nern und 52 Pferden in Hannover. Mit Sophie Dorothea war er seit seiner Jugend befreun­det. Mit 16 Jahren musste sie allerdings ihren Vetter, Herzog Georg Ludwig zu Braunschweig und Lüneburg, den späteren König Georg I. von Großbritannien, heiraten. Die politisch motivierte Ehe war aber wohl eher unglücklich. Mit Graf von Königsmarck schrieb Sophie sich mehr als 600 Liebesbriefe – darin war auch immer wieder von gemeinsam verbrachten Nächten die Rede. Die Eltern von Sophie Dorothea hatten ihrer Tochter verboten, ihren Mann zu verlassen – und kurz vor der schon akribisch geplanten Flucht nach Wolfenbüttel oder Sachsen wurde Christoph Graf von Königsmarck schließlich offenbar beseitigt. Wie sich jetzt herausstellt, vermutlich direkt unter dem Leineschloss, dem heutigen Niedersächsischen Landtag.«https://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/hannover_weser-leinegebiet/Nach-322-Jahren-Mordopfer-unter-Landtag-entdeckt,graf230.html

 

Einige Briefe aus dem Briefwechsel des Liebespaares wurden nun im Netz

publiziert:Briefwechsel

[1] http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-44419593.html

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Philipp_Christoph_von_K%C3%B6nigsmarck

[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Philipp_Christoph_von_K%C3%B6nigsmarck

[4] http://www.bild.de/regional/hannover/leineschloss/lag-hier-die-leiche-von-graf-koenigsmarck-47519788.bild.html

[5] Simon Benne, Verbotene Liebe / HAZ 28.8.2016 mehr bei https://de.wikipedia.org/wiki/Sophie_Dorothea_von_Braunschweig-L%C3%BCneburg

[6] https://de.wikipedia.org/wiki/Philipp_Christoph_von_K%C3%B6nigsmarck

[7] Im kirchlichen Raum haben wir als Pendant die successio apostolica https://de.wikipedia.org/wiki/Apostolische_Sukzession

[8] Die Theologie hat die göttliche Abstammung Jesu anders bezeugt. Die andauernde Jungfernschaft Marias. Die Position von Joseph als Hahnrei wurde nicht thematisiert. Eine Jungfrauenschwangerschaft zum Zwecke der Prätention göttlicher Zeugung ist übrigens auch im Totentempel der Hatschepsut belegt.

[9] Sex spielte aber eine große Rolle und ging in seinen Spielarten weit über das hinaus, was die Bevölkerung wissen durfte. Ich erinnere mich noch über die Empörung meiner Großmutter, sie stammte aus Celle, als wir ihr ein Buch über die Celler Prinzessin Sophie Dorothea zu lesen gaben. Wir hatten es vorher nicht gelesen und ganz naiv gedacht, ein Buch über Celler Personen mache ihr Freude.

[10] http://www.berliner-zeitung.de/zur-urauffuehrung-der-kammeroper-friedrich-und-katte–von-wolfgang-knuth-am-theater-in-minden-die-wunde-der-hohenzollern-16747712 Die Oper, aus deren Besprechnung dieses Zitat stammt, leistet eine „stringente psychologisie­rende Rückführung der Tragödie auf einen eklatanten Fall unterdrückter (bei Friedrich Wilhelm II.) und gelebter (vom jungen „alten Fritz“) Homosexualität.“. Was beim Vater ideell die „langen Kerls“ waren, sei beim Sohn eben Hans Hermann von Katte gewesen, dies auch körperlich.

»Rowse behauptet, Katte sei der aktive Partner einer homosexuellen Beziehung mit Friedrich gewesen«, nach https://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Hermann_von_Katte

[11] https://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Hermann_von_Katte

[12] http://www.bild.de/regional/hannover/leineschloss/lag-hier-die-leiche-von-graf-koenigsmarck-47519788.bild.html