Dierk Schaefers Blog

»Moralische Lethargie in der Kirche«

Posted in Kirche, News, Theologie, Uncategorized by dierkschaefer on 27. April 2010

»Moralische Lethargie in der Kirche«

»Die Vertrauenskrise wegen des Kindesmissbrauchs in ihren Reihen betrifft die katholische Kirche als soziale Institution. Ihre Unfähigkeit, eigene pathogene Strukturen und die Folgen klerikaler Vertuschungen zu erkennen, beruht auf einer noch immer höfischen Organisation und einem Selbstverständnis, das den Geist des Absolutismus nicht überwunden hat.«

So beginnt der kluge und lesenswerte Beitrag von Professor Dr. Franz-Xaver Kaufmann in der gestrigen FAZ. Er analysiert die Lage der katholischen Kirche, den innerkirchlichen Absolutismus und meint, dieses Relikt werfe in einer rechtsstaatlich geprägten Kultur auch theologische Fragen auf: »Wie ist die Sündhaftigkeit zu qualifizieren, die sich in bestimmten kirchlichen Strukturen breitmacht? Lässt sich, so wäre zu fragen, die herkömmliche Unterscheidung zwischen der Sündhaftigkeit des kirchlichen Personals und der Heiligkeit der Institution noch aufrechterhalten, wenn offensichtlich strukturelle Eigenschaften der Kirche Mentalitäten moralischer Lethargie oder sonstige Missstände prägen?«

»Das gegenwärtige mediale Debakel der katholischen Kirche droht in ein moralisches zu münden. Nicht der Kindesmissbrauch als solcher und erst recht nicht die uns heute teils barbarisch anmutenden und keineswegs typisch kirchlichen Züchtigungsformen sind das moralische Problem der Kirche. Es ist ihre Unfähigkeit, die eigenen pathogenen Strukturen und die Folgen ihrer klerikalen Vertuschungen zu erkennen, zu erörtern und daraus praktische Konsequenzen zu ziehen. «

Damit übt Kaufmann eine grundlegende Kritik an seiner Kirche. Wenn die Kirche Ohren hat und auch hinhört, wird sie sich gründlich reformieren müssen.

Es lohnt sich, den ganzen Artikel zu lesen:

http://www.faz.net/p/Rub0FA9A4B1B13749AC97BC3B6889482661/Dx1~E7daf91ac6dd391e56708d0c679e24120~ATpl~Ecommon~Scontent.html [Montag, 26. April 2010]

Symbolhandlungen und ihre Glaubwürdigkeit – Und die Opfer zweiter Klasse

Posted in heimkinder, Kirche, Theologie by dierkschaefer on 1. April 2010

Symbolhandlungen und ihre Glaubwürdigkeit – Und die Opfer zweiter Klasse

»In den Karfreitagsgottesdiensten der katholischen Kirche soll eigens für die Opfer sexueller Übergriffe gebetet werden. Der Beauftragte der Deutschen Bischofskonferenz für Fälle sexuellen Missbrauchs, der Trierer Bischof Stephan Ackermann, regte am Mittwoch an, in die traditionellen Fürbitten eine Bitte „für die Kinder und Jugendlichen“ einzufügen, denen „in der Gemeinschaft der Kirche, großes Unrecht angetan wurde, die missbraucht und an Leib und Seele verletzt wurden“«.

http://www.faz.net/s/Rub79FAD9952A1B4879AD8823449B4BB367/Doc~EA931EBCD1A0C4F01822D792AB0BF1E55~ATpl~Ecommon~Scontent~Afor~Eprint.html Donnerstag, 1. April 2010

Zweierlei Maß auch hier? https://dierkschaefer.wordpress.com/2010/04/01/zweierlei-mas/

Oder schließt » missbraucht und an Leib und Seele verletzt« auch die ehemaligen Heimkinder ein?

Doch nehmen wir einmal an, die Kirche, in diesem Fall die katholische, wolle für alle in ihrem Verantwortungsbereich mißhandelten Kinder ein Zeichen der Buße setzen, so ist das zunächst ein gutes Zeichen. Am Buß- und Bettag vergangenen Jahres veröffentlichte ich in diesem Blog einen „Bußaufruf an die Kirchen in Deutschland“. Ich bekam auch einige Antworten von kirchenleitenden Personen, die mein Engagement lobten, aber ansonsten hauptsächlich auf den Runden Tisch verwiesen.

Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Nachdem nun die Mißbrauchsenthüllungen – ja, ich weiß, nicht nur kirchliche Einrichtungen sind betroffen, auch andere – nachdem nun immer neue Enthüllungen zur täglichen Lektüre des Zeitungslesers geworden sind und die Kirche, hier speziell die katholische, in Bedrängnis gebracht haben, da besinnt sich die Kirche auf etwas mehr als „Betroffenheitsgestammel“: Sie setzt ein Zeichen: Wir beten für die Opfer! – Morgen, am Karfreitag, dem christlichen Opferfest.

Ein Symbol ist hohl, wenn es keine Entsprechung im Leben hat. Ein Gebet wird zur Heuchelei, wenn es tätige Reue ersetzen soll.

Von der tätigen Reue ist immer noch nichts zu sehen. An getrennten Runden Tischen sollen gleichgeartete Verbrechen abgehandelt werden. Die Opfer zweiter Klasse werden seit einem Jahr hingehalten, während „ihr“ Runder Tisch längst Bekanntes zusammenträgt. Mehr dazu: http://www.gewalt-im-jhh.de/Kappeler_zu_ZB_RTH.pdf .

Die Kirchen haben sich in die Situation gebracht, daß Entschädigungszahlungen nur noch den Charakter von Strafzahlungen annehmen können; kaum jemand wird noch an Umkehr und Reue denken – da können die Kirchen noch so sehr beten lassen. Diese Entwicklung schmerzt.

»Die deutschen Kirchen sind stark vermachtete und verfilzte Organisationen mit viel Pfründenwirtschaft zur Alimentierung von Funktionären, die gern unter sich bleiben und miteinander in einem verquasten Stammesidiom kommunizieren, das für Außenstehende unverständlich bleibt – der ideale Nährboden für Schweigekartelle und Wagenburgmentalität.« Dies schreibt Friedrich Wilhelm Graf, der heute eine erhellende Analyse vom ehemaligen Glanz und heutigen Elend der Kirchen vorgelegt hat. http://www.faz.net/s/Rub117C535CDF414415BB243B181B8B60AE/Doc~E1B34F6F7FBC44C9EBB2877C9A10ACA36~ATpl~Ecommon~Scontent~Afor~Eprint.html

Wenn man das liest, kann man sich so manche unangemessene Reaktion der Kirchen auf die Vorwürfe, sei es von mißhandelten Heimkindern oder von mißbrauchten Domspatzen erklären bis hin Verschwörungstheorie des Vatikans.

Graf schreibt weiter: »Die Kirchen sind hoch narzisstisch und fortwährend auf sich selbst fixiert. Es fehlt ihnen zunehmend an überzeugendem Personal, speziell an gebildeten Führungskräften, sieht man einmal von Karl Kardinal Lehmann und Wolfgang Huber ab. Sie kennen keine diskursive Kultur des offenen argumentativen Austrags interner Konflikte. In Tausenden von Ausschüssen, Kommissionen, Kammern und beratenden Gremien wird viel geredet, aber nichts gesagt und noch weniger verbindlich entschieden. Die eitle Neigung, sich zu allem und jedem zu Wort zu melden, unterminiert die religiöse Glaubwürdigkeit.«

Graf nennt Karl Kardinal Lehmann. Dies sicherlich mit Recht. Auch Lehmann ist heute mit einem Artikel vertreten. Wer ihm und seiner Kirche übel will, wird sagen, da habe man einen elder churchman vorgeschickt, um die Kastanien aus dem Feuer zu holen. Das sehe ich nicht so. Lehmann ist zwar umsichtig genug, um die über die katholische Kirche hinausreichende Allgemeinheit des Problems aufzuzeigen. Doch anders als bei seinen Kollegen wirkt er sachlich und glaubwürdig. Und eines ist ganz neu: Er spricht nicht nur von über Heiligkeit der Kirche, sondern auch von ihrer und Sündigkeit.

http://www.faz.net/p/Rub0FA9A4B1B13749AC97BC3B6889482661/Dx1~Eb38e845604439e463530152da11d1079~ATpl~Ecommon~Scontent.html

Das Vokabular gehört zwar zum verquasten Stammesidiom, eröffnet aber einen für die katholische Kirche unerhörten Ansatz, Kirche differenzierter zu denken und zu gestalten. Dies wird und muß die ehemaligen Heimkinder nicht interessieren. Für sehr viele von ihnen ist das Kapitel Kirche bestenfalls abgeschlossen, soweit nicht die noch offenen Rechnungen im Vordergrund sind. Wenn die Kirche diese Rechnungen beglichen hat, wird sie auch wieder Symbole setzen können.

Graf schreibt zum Schluß seines Artikels: » Niemand kennt den Preis, den eine freiheitliche Bürgergesellschaft auf lange Sicht zu zahlen hat, wenn ihre religiösen Institutionen und Organisationen erodieren. Er dürfte sehr viel höher sein als von vielen vermutet, und deshalb bedarf es nun einer politischen Debatte über Aufgabe und Zustand der Kirchen. Sie sind zu wichtig, als dass man sie ihren eigenen, wahrlich „exzentrischen“ Funktionseliten überlassen darf.« Dem möchte ich nichts hinzufügen.

An die Brüder in leitenden Ämtern der katholischen Kirche

Posted in heimkinder, Kirche, News, Pädagogik, Theologie by dierkschaefer on 23. Februar 2010

An die Brüder in leitenden Ämtern der katholischen Kirche!

Schon die Adressierung wirft Probleme auf.

Die Bruderanrede ist in kirchlichen Hierarchien (auch im evangelischen Raum) eher von oben nach unten üblich.

Ob es mir, der ich ein einfacher Pfarrer bin und zudem einer in römischen Augen Nicht-Kirche angehöre, überhaupt gestattet ist, irgendwelche verwandtschaftliche Beziehungen in Anspruch zu nehmen, ist die nächste Frage.

Und schließlich ist mir in diesem Falle verwehrt, mich gemäß dem normalen Sprachgebrauch an die Brüder und Schwestern zu wenden.

Was ist mein Anliegen?

Prinzipiell geht es mich nichts an, wie Sie Ihre Kirche führen. Das wäre Einmischung in innere Angelegenheiten.

Nun weiß ich jedoch aus einer selbst durchgeführten Kirchenaustrittsuntersuchung, daß Menschen aus der evangelischen Kirche austreten, weil sie die Ansichten des Papstes skandalös oder hinterwäldlerisch finden. Mit anderen Worten: Die römisch-katholische Theologie und Führungspraxis beschädigt unsere evangelischen Interessen. Da ist ein Wort unter Brüdern angebracht.

Zudem treten Sie mit Argumenten an die Öffentlichkeit, ich denke da speziell an die Herren Zollitsch und Mixa, die eine öffentliche Antwort herausfordern, auch wenn sie katholisch-interne Belange betrifft.

Bischof Mixa hat in Erinnerung gerufen, daß es im Umkreis der 68er-Ereignisse Stimmen gab, die Pädophilie verharmlosten oder gar beförderten. Dies ist richtig, so wie es auch richtig ist, daß das Schutzalter für Kinder nicht herabgesetzt wurde. Es ist sehr unwahrscheinlich, daß ausgerechnet der geistliche Nachwuchs der katholischen Kirche sich von dieser auch damals randständigen Diskussion beeinflussen ließ. Zudem gab es schon vor 68 sexuelle Regungen im katholischen Klerus. Doch Herr Mixa sprach ja von der „sexuellen Revolution“. Schon seit langem geht dieses Gespenst um in der katholischen Kirche – begleitet von dem Oberteufel, der Moderne schlechthin.

Nun betreibt Bischof Zollitsch, wie heute in der Zeitung zu lesen ist, Abwehrzauber: Keinesfalls habe der Zölibat oder die katholische Sexuallehre mit den Mißbräuchen zu tun; nicht das System sei schuldig. Natürlich ist mir die ekklesiologische Engführung Ihrer Kirche bekannt, doch das ist wirklich nicht mein Problem. Ihres jedoch könnte es sein, daß fast alle Katholiken, (die ich kenne, auch solche mit kirchlichen Funktionen) bekenntnismäßig den Alt-Katholiken zuzurechnen sind, aber den Bruch mit „ihrer“ Kirche scheuen. Für diese Menschen stellt die Dogmatisierung der Unfehlbarkeit des Papstes das Hauptproblem dar. Doch zurück zu Herrn Zollitsch: Sicherlich ist es ein Kurzschluß, die Mißbräuche monokausal mit Zölibat und Sexuallehre zu verknüpfen, doch als Ko-Faktoren sind sie durchaus diskutabel. Eine Dunkelfelduntersuchung könnte die Zusammenhänge erhellen.

Mein Vorschlag: Beauftragen Sie die Kriminologen mit einer Dunkelfelduntersuchung!

Und hinterher sortieren wir gemeinsam den Scherbenhaufen, den (in zufälliger Reihenfolge) Lehrer, (Sozial-)­Pädagogen, Heimpersonal, Geistliche in beiderlei Gestalt, Jugendverbandspersonal etc. angerichtet haben. Die Heimkinder-Problematik gehört auch in diesen Zusammenhang, nur daß es dabei nicht ausschließlich um publizitätsträchtigen sexuellen Mißbrauch geht, sondern auch um insgesamt niederträchtige Methoden Schwarzer Pädagogik. Es gibt wirklich viel zu tun. Packen wir’s an!

Nur als Randbemerkung: In meinem langjährigen berufsethischen Unterricht für Polizeibeamte (gemischt-konfessionell) wurde ich regelmäßig in der ersten Unterrichtsstunde eines neuen Kurses auf den Zölibat angesprochen. Es war mir stets wichtig, den in dieser Hinsicht ungläubigen jungen Männern zu verdeutlichen, daß der Verzicht auf sexuelle Betätigung durchaus eine zu respektierende Lebensform sein kann. Nie habe ich gesagt, daß man den Zwangszölibat auch als sehende Inkaufnahme menschlichen Unglücks betrachten könne.