Dierk Schaefers Blog

Erinnerung und Identität

Stein des Anstoßes für diesen Essay war ein Gedenkstein auf dem Gelände des Wittekindhofs: „Das Geheimnis der Versöhnung heißt Erinnerung.“

Ich kannte den Text anders: „Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung.“ So steht es auf dem Gedenkstein vor der Ulmer Synagoge.

Erinnerung

Erinnerung und jüdische Identität

„Bist du Jude?“ Als Sally[1] sich von seinen Eltern im Ghetto in Łódź[2] verabschiedete, hatte er zwei Auf­träge bekommen. „Vergiss nicht, dass du Jude bist!“, hatte ihm sein Vater als Ver­mächtnis mitgegeben, „Du sollst leben!“, seine Mutter. „Ich möchte die letzten Abschieds­worte meiner Eltern erwähnen, weil sie für meine Zukunft von entscheidend­ster Bedeutung waren. Meine Eltern waren sehr religiöse Juden, Gott war der Inhalt unserer Familie. Auch ich war erfüllt von Gottesfurcht. Mein Vater sagte mir, nachdem er mir seinen Priestersegen gegeben hatte, seinen letzten Wunsch: »Sally, vergiß nie, wer du bist.« Damit wollte mir sagen: bleibe immer Jude, glaube immer an deinen Gott, er wird dir in der Not beistehen. … Damit wollte er mich stärken. Meine Mutter fügte drei einfache Worte hinzu bevor ich sie verließ, sie sagte: »Sally, mein Sohn, du sollst leben.« Das war ein Befehl. … Erst nach vielen, vielen Jahren, als ich begonnen habe, meine Geschich­te zu bewerten, zu analysieren, wurde mir klar, daß diese drei Worte: Du sollst leben! auch mein Leben gerettet haben. [3] Nun stand er in einer Reihe mit anderen Flücht­lingen auf einem schlammigen osteuropäischen Waldstück, vor ihnen ein deutscher Soldat, der sie der Reihe nach überprüfte. Sally trat seine Identitätspapiere in den Schlamm. Als er an der Reihe war, antwortete er: „Ich bin kein Jude, ich bin Volksdeutscher.“ Damit begann Sallys zweites, nein, sein paralleles, sein gespaltenes Leben als Jupp, der Hitlerjunge.[4]

Sein drittes Leben begann nach einer Art geistigen Quarantäne von 40 Jahren[5]. Damit kam das Erinnern, nicht nur das Sich-Erinnern. Noch über 90jähriger kommt er immer noch regelmäßig nach Deutschland, um Jugendliche zu erinnern.[6] „Ihr wollt in die Hitlerjugend?“ fragte er, als in einer Aula mehrere Schüler aufstanden und ihm den Hitlergruß entboten. „Dann fragt mich. Ich war da.“ Und hinterher, so erzählte er, standen diese Jugendlichen mit seinem Buch in der Schlange und wollten eine Widmung.

In seinem dritten Lebensabschnitt kann er die beiden Personen, Jude und Hitlerjunge, zwar nicht vereinen, aber nebeneinander stehen lassen. Mit seinem glaubhaften Auftreten vor deut­schen Jugendlichen sorgt er dafür, dass die Erinnerung nicht verblaßt: „Ihr seid jetzt alle Zeit­zeugen!“ sagt er ihnen und nimmt sie in die Pflicht zur Erinnerung.

Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung. So lautet die vielzitierte Aussage des Ba’al Schem Tov[7]: „Das Exil wird länger und länger des Ver­gessens wegen, aber vom Erinnern kommt die Erlösung“. [8], [9]

Was bei Sally Perel eine vielleicht nur in seiner individuellen Psyche sich abspielende identi­tätsverändernde Erlösung ist, dürfte der Begründer des Chassidismus kollektiv gemeint haben: Die Erinnerung an Israels Geschichte mit Gott und an seine Gebote – und an seine Feinde.

Es ist nicht leicht, im Exil, im Ausland, im Elend[10] seine Identität mit all den 613 nicht gerade lebenspraktischen Geboten[11] zu bewahren und zu behaupten. Israels Identität beruht auf der Erinnerung: „Ein umherirrender Aramäer war mein Vater…[12] Diese Erinnerung ist mit der Hoffnung auf ein Ende des Exils verbunden: Wenn du in das Land kommst, das dir der HERR, dein Gott, zum Erbe geben wird, und nimmst es ein und wohnst darin.[13]

Den liturgischen Ort dieser Erinnerung finden wir in der Pessach-Haggada.

Eine persönliche Erinnerung: Unsere Reisegruppe sitzt am Seder-Abend in einem Kibbuz am See Genezareth. Natürlich wollen wir an der Zeremonie teilnehmen. Judit, unsere Reise­füh­rerin, besorgt den Text der Haggada mit deutscher Übersetzung. „Die Männer müssen den Kopf bedecken“, sagt sie. Ja, es genüge auch ein Taschentuch oder ein Waschlappen. Und so sitzen wir lächerlich bedeckt im Hintergrund und verfolgen mit unserem Text­büchlein[14] not­dürftig den uns fremden, auf hebräisch gesprochenen Ritus. Es geht um den Allmächtigen, der sein auser­wähltes Volk aus Ägypten[15], aus der Sklaverei geführt hat. Je länger ich zuhöre und schaue, verkehrt sich für mich die Reihenfolge: Es geht um das Wir! der Auserwählten mit ihrem Gott.

Plötzlich fällt es mir wie Schuppen von den Augen: Diese zur Schau gestellte fröhliche aber zugleich ausgren­zende Auserwähltheit ist eine der Wurzeln für die Ablehnung durch die Nicht-Aus­erwählten, die doch meinen und überzeugt sind, Gott sei ihrer und der richtige, so die Christen (wie auch die Moslems). Freud nannte als ersten Grund für den „unsterblichen Haß“ auf die Juden den „nicht überwundenen Glauben an die Auserwähltheit Israels, der bei den nicht-jüdischen Völkern starke Eifersucht ausgelöst habe. Die Idee der Auserwähltheit löst so massiven Neid aus, dass die eigene Überlegenheit behauptet bzw. das eigene Gefühl der Minderwertigkeit durch Verfolgung der Juden bekämpft werden muss.“[16]

Die immer wieder als verbindend beschworenen „Abrahamitischen Religionen“ sind Kon­kur­renzreligionen, schon immer gewesen. Dem Schock durch den Holocaust folgte, jedenfalls bei einigen, das Schuldbewusstsein der Deutschen und der Christen unter ihnen. Zurzeit wird der Hass auf die Juden bei uns wieder lebendig. Viele eingewanderte Muslime bringen einen abgrund­tiefen Judenhass mit. Eine Reihe von Deutschen wiederum hassen beide, die Muslime und die Juden. Jüdische Einrichtungen stehen – nicht nur in Deutschland – unter polizei­li­chem Schutz.

Wie aber konnten die Juden – wohl als einziges Volk in der Weltgeschichte – ihr „Narrativ“[17] bewahren? Trotz aller Ausgrenzung, Verfolgung und Progrome bis hin zum Holocaust?[18]

Es begann mit den Erzählungen, in denen die Juden sich von Gott als auserwählt darstellen; diese Erzählungen wurden schließlich schriftlich fixiert und gewannen quasi kanonischen Charakter.

In der Profange­schich­te hatten „die Kinder Israel“ selten Glück. Doch für Rückschläge fan­den sie ihre Erklärung im selbstverschuldeten Versagen, im Ungehorsam gegenüber Gottes Gebo­ten und der Vorstellung der gerechten Strafe durch einen geradezu pädagogisch wirken­den Gott. Ein in sich geschlossenes Gedankensystem, das sich selbst erhält, auch durch die negati­ven Verstärker.

Voraussetzung dafür ist die Erinnerung und damit die Fortschreibung des Narrativs. Die zehn verlorenen Stämme werden wohl keine rituelle Erinnerung gepflegt haben und sang- und klanglos in anderen Völkern aufgegangen sein, vermutlich im Nahen Osten.[19] Zur Zeit des Neues Testamentes finden wir die Juden über das ganze Römische Reich verteilt, teils ohne und teils mit Zwang. Ursache für Verfolgungen und Ausweisungen hatten eher politische Gründe. Der strikte Monotheismus allerdings störte in einer polytheistischen Umwelt. Die Juden standen nicht auf dem Boden der römischen Staatsräson und verweigerten den „Treue­eid“, indem sie Roms Göttern nicht opfern wollten. Doch es ging nicht nur um Staats­raison. Mit ihrem alle anderen exkludierendem Selbstbewusstsein wurden sie als Störenfried in der in Religions­dingen toleranten Gesellschaft wahrgenommen.[20], [21] Erst der moderne jüdische Staat hat das Gedankengefängnis verlassen und sieht sich als Akteur im nahöstlichen Geschehen. Damit hat er Israels Opferrolle – gegen den Widerstand der Ultraorthodoxen – abgelöst durch ein „Winner-Bewusstsein“: Nie wieder Masada![22] Moni (Menasche) Ben-Ari, ein Sabre[23], Siedler und „weltlicher Jude“, erinnert sich sehr nachhaltig: »Es läßt mich nicht in Ruhe. Was denken Sie denn? Ich habe noch Rechnungen zu begleichen, die dreitausend Jahre alt sind. Es sind die meines Volkes. Ich habe sie immer bei mir. Es hat mich niemand gefragt, als sie mir aufgeladen wurden. Jetzt trage ich die Last! Ich brauche mir nur zu überlegen, was ich mit dieser Last mache und wie ich der nächsten Generation ein Leben ermöglichen kann. Das sind die Gedanken, die mich leiten.«[24]

Erinnerung und deutsche Identität

Joseph Wulf,[25] deutsch-polnischer Historiker jüdischer Herkunft und Holocaust-Überle­ben­der, schrieb am 8. September 1964 an Ernst Jünger[26]: »Ich könnte eigentlich auch über anti-jüdische Pogrome und Antisemi­tismus im allgemeinen in der Sowjetuni­on schreiben. Über dieses Thema habe ich ein ganz grosses Archiv. Weiterhin könnte ich beispielsweise doku­men­tie­ren, wie sowjetische oder polnische Parti­sanengruppen während des zweiten Welt­krieges Juden gemordet haben. Aber da sage ich Ihnen aufrichtig, ich werde solche Bücher wahrscheinlich in Deutschland nie veröffentlichen. Sie le­sen, wie Sie mir mal gesagt haben, wenig Zeitungen, und deshalb wissen Sie wahr­scheinlich nicht, dass es heute in Deutsch­land Kreise gibt, die eine neue These auf­bauen. Das ist die folgende: alle sind Mör­der – die Amerikaner haben gemordet, die Franzosen haben gemordet und wir Deutsche haben auch gemordet.«

Eine persönliche Erinnerung: „Juden und Deutsche sind durch den Holocaust aneinander gekettet,“ sagte ich dem damaligen Landesrabbiner, den ich für ein Referat gewinnen wollte. An seine Antwort erinnere ich mich nicht mehr, aber er war nicht zufrieden mit dem Spruch.

Eine weitere persönliche Erinnerung: An der Klagemauer. Ein Jude spricht mich an, woher ich komme. „Germany“, sage ich und habe ein verdammt schlechtes Gefühl. Da stehe ich an der Klagemauer und muss offenbaren, dass ich aus dem Land der Täter komme, – auch wenn mein Jahrgang nicht involviert war.

Noch eine persönliche Erinnerung: Yad Vashem. Meine Mutter, sie war „Parteimitglied“, bekommt einen Schwächeanfall angesichts der Berge von Schuhen. Ich kümmerte mich um sie, doch mir fiel auf, dass sie mir nicht leidtat.

Doch wir müssen unterscheiden. Der systematische Judenmord war eine rein deutsche Ange­le­genheit, aber die Ausgrenzung der Juden, die Pogrome und die Vertreibungen gehören zum christlichen Abendland. Ohne den Antijudaismus an manchen Stellen des Neuen Testamentes ist der Antijuda­ismus des Abendlandes nicht erklärbar und die Spur führt bis zum rassischen Antisemitismus der gut bürgerlichen Schichten, bis hin zum Holocaust, und das schon seit Luther.[27] Der Anti­semitismus durchzieht die gesamte abendländisch-christliche Geschichte und gehörte zum jüdi­schen Narrativ des verfolgten Judentum in der Diaspora. Ich überblicke nicht, inwie­weit der Antisemitismus für die Identität anderer europäischer Gemein­schaf­ten/Nationen eine Rolle spielt, wenn man davon absieht, dass ein Pogrom und die begleiten­den Plünde­rungen die Täter in actu zusammengeschweißt haben dürften. Deutschland hat auch hier einen „Son­der­weg“ beschritten, indem es glaubte, die „Juden sind unser Unglück“. Sie wurden es, weil die angestrebte „Endlösung“ zu Deutschlands Kainsmal wurde. Das Wider­streben all der wil­li­gen Helfer gegen die Erinnerung mit Beschweigen und verzögerter juristischer Aufar­bei­tung der Verbrechen hat allerdings dazu geführt, dass es lange dauerte, bis der Genozid tat­säch­lich im Bewusstsein der Deutschen angekommen war, und als Bestand­teil der Staats­räson deklariert wurde.[28] Zwar wäre es wohl unrealistisch zu fordern, der Judenmord solle in ein deutsches Nationalnarrativ aufgenommen werden.[29] Doch manche würden gern ver­gessen. »Man kann nicht sagen, dass das Volk davon überzeugt wäre. Seit Jahrzehnten stellen Demoskopen bei einer Mehrheit den Wunsch fest, einen Schlussstrich zu ziehen; die Zustim­mung zu der entsprechen­den Frage schwankt etwa zwischen der Hälfte und zwei Dritteln.« [30] Einerseits sind wir also geradezu Musterknaben im Erinnern und in der „Auf­ar­beitung“ unse­rer Vergangenheit, andererseits möchten viele nicht mehr erinnert werden und an die Tradi­tion der Dichter und Denker anknüpfen, als ob nichts gewesen wäre.[31] Das Holo­caust­denkmal wird unterschiedlich wahrgenommen und gehört auch mit zu den Anlaufstellen eines „Traum­urlaubs“[32]. Doch die „Vergangenheitsbewältigung“ führt angesichts der Monstrosität des Ver­brechens allenfalls zur Selbsttäuschung. Der mordende SS-Mann wurde zu einer Ikone des Deut­schen nicht nur in Literatur und Comic, sondern die Nazi-Symbole werden bei Bedarf auch in der politischen Auseineinandersetzung wieder hervorgeholt.[33] Der Erinnerung an den Holocaust werden wir Deutschen uns auch weiterhin stellen müssen. Sie gehört zu unserer nationalen Geschichte und die Frage ist, ob unsere Neubürger (Asylsuchende und Flüchtlinge) sie akzeptieren[34], wenn sie sie sich auch nicht zu eigen machen können.[35]

 

Erinnerung und christliche Identität

Ich hätte dem Landesrabbiner wohl besser gesagt: „Juden und Christen sind durch den Antiju­daismus aneinander gekettet.“ Vielleicht hätte er dem zugestimmt. Es ist tatsächlich eine merk­würdige und einseitige Hass-Verbundenheit, um nicht Hass-Liebe zu sagen, die beide Gruppen seit altersher verbindet. Bereits im Neues Testament haben die Christen den Juden das Erst­geburts­recht auf Auserwähltheit aberkannt. Der Alttestamentler Herbert Donner sprach in der Vorlesung vom zwangsgetauften Alten Testament. Es wurde und wird immer noch als zeichenhaft auf Christus hinweisend interpretiert.[36] Heidenchristen begründeten seit dem 2. Jahrhundert mit solchen antijüdischen NT-Aussagen die Substitutionstheologie,[37] die den Heilsverlust aller ungetauften Juden behauptete.[38] Und nicht erst die Heidenchristen: Selbst wenn der Blutruf, Sein Blut komme über uns und unsere Kinder, nur die Exculpierung der Römer bezwecken sollte, hat er eine verheerende Tradition ingang gesetzt.[39] Das muss hier nicht weiter ausgeführt werden. Wichtig ist das psychologische Moment: Die identitäts­wahrende Wirkung für beide sich voneinander distanzierende Gruppen: Juden und Christen. Sie zeigte sich durchgehend im Ausschluss der Juden von „ehrlichen“ Berufen. Und dann der nicht völlig beigelegte Streit über die „Judenmission“.

»Die Problematik scheint stark in der Struktur der beiden Religionen begründet zu sein. Ein offener Dialog ist möglich, wenn sich die Gesprächspartner auf der gleichen Ebene befinden. Aus jüdischer Sicht ist es selbstverständlich, christliche Lehren, so weit sie nicht andere Indi­viduen oder Gruppen negativ tangieren, zu respektieren, da das Judentum nicht behauptet, im Besitz der allein „wahren Lehre“ zu sein. Fundamentalistische Christen hingegen fühlen sich aufgrund ihres Bibelverständnisses dazu berufen, Juden zu evangeli­sieren, d.h. sie zum Glauben an Jesus als den Messias und G’ttes­sohn zu bringen. Sie sind von der Struktur ihrer Glaubensüberzeugungen her nicht in der Lage, die jüdische Religion als vollwertig und gleichwertig zu akzeptieren, da sie den alleinigen Anspruch auf die Wahrheit erheben.«[40]

 

Versöhnung – Versuch einer Identitätsreparatur

»Durch seine Orientierung am Neuen Testament beruhte christliche Identität lange Zeit auf (feindlicher) Abgrenzung; seit der systematischen Vernichtung des europäischen Judentums wächst die Einsicht, dass Abgrenzung und Judenfeindschaft dem Christentum selbst gescha­det haben. Der Dialog zielt auf Heilung der auf beiden Seiten eingetretenen, unter­schied­lichen Schäden,[41] unterschiedlich verursacht und unterschiedlich erlitten. Auf christlicher Seite setzt er die Bereitschaft und Fähigkeit zu grundlegender Umkehr und zu einem neuen Verhältnis mit dem Judentum voraus: Das Christentum hat und behält im Judentum seine Wurzeln; darum ist es mit ihm wesenhaft verbunden«.[42] – Es geht also, zumindest auch, um Schadens­begrenzung auf christlicher Seite. Doch das ist so, wie wenn ein Vergewaltiger erkennt, dass sein Image gelitten hat; zwar verurteilt er seine Tat, ist nun aber auch um seine Rehabilitation bemüht und sucht dazu den Dialog mit dem Opfer. Makaber?

Die Nachfolger der Täter sprechen von Versöhnung und vereinnahmen damit die, die allen­falls berechtigt wären, von Versöhnung zu sprechen. Da gibt es Beispiele: Die Gemeinde Süßen im Landkreis Göppingen war besonders eifrig bemüht, „judenfrei“ zu werden. Die evangelische Jugend leistete dann Aufbauarbeit in Israel und Süßen lud ehemals Verfolgte ein, die überlebt hatten. Aus der Ansprache des Gemeinderats und Mitglied der Landes­syn­ode: „Ich freue mich, dass Sie durch Ihren Besuch als Versöhnte unseren ausgestreckten Arm angenommen haben“.[43] Welche Vereinnahmung, welche Anmaßung! Kurt Grünberg verdeut­licht die Dissonanz: »Mitunter wird christlich-jüdische „Begegnung“ gesucht, die die durch die nationalsozialistische Judenverfolgung geschaffene Kluft zwischen Juden und Deutschen überwinden helfen soll. Spätestens jedoch, wenn die Hand zur Versöh­nung gereicht oder zuweilen gar verlangt wird, spätestens dann wird auf jüdischer Seite häufig ein gewisses Unbe­hagen spürbar; der Gedanke kommt auf, vielleicht doch „im falschen Zug“ zu sitzen. Dann erkennen Juden, daß sie „eingebunden“ werden sollen, daß sie sich als Teil eines „Gedächtnistheaters“ (Bodemann 1996) zur Verfügung stellen sollen, um den Deutschen zu helfen, mit der „Last Deutscher zu sein“ (Giordano 1987) besser fertig zu werden. Juden erkennen, daß sie letzten Endes mißbraucht werden sollen.«[44]

Anderen Opfergruppen wird in ähnlicher Weise Versöhnung aufgenötigt. So mit der Ver­wen­dung des eingangs erwähnten Gedenksteins auf dem Wittekindshof.[45] Diese Einrichtung war wie viele andere Ziel der Nazis bei der Vernichtung „unwerten Lebens“. Der Abtransport geschah gegen den Willen der Anstalt. Es ist gut, aber auch schmerzlos, daran zu erinnern. Auch auf der Homepage der Anstalt wird der Vorgang unter Hinweis auf die Nazis benannt.[46] Versöh­nung? Wozu und mit wem? Dann gibt es aber noch einen eigenen Anteil an Unrecht und Schuld. Die ehemaligen Heimkinder der Einrichtung werden zwar im Gedenkgottesdienst erwähnt, doch die einschlägigen Texte auf der Homepage sind nicht mehr vorhanden.[47] Hier will man nur noch rituell gedenken, nicht einmal konkret erinnern. Aber man beschwört Ver­söhnung, um eine neue, saubere Identität präsentieren zu können.

 

Die Aufgabe der Identität und die Konsequenzen

Um Erinnerung und Identität geht es auch manchen Neubürgern. Sie erinnern an die Frühzeit des Islam und wollen so leben, wie sie meinen, dass die Gläubigen damals gelebt haben.[48] Das soll hier nicht näher ausgeführt werden. Doch es gibt Stimmen, die sich von dieser Identi­tät lösen wollen und einer weitestgehenden Assimilation das Wort reden. Besonders deutlich die Stimme von Zana Ramadani [49] in ihrem Buch Die verschleierte Gefahr.[50] Darin ist sie vergleichbar mit der schon erwähnten Deborah Feldman[51], die in der FAZ eine Art Bekennt­nis zur deutschen Gesellschaft ablegte. [52] Die barbusigen Auftritte des CDU-Mit­glieds Rama­dani im Rahmen der FEMEN-Aktionen sind eine spektakuläre Abkehr von allem, was wir mit Islam und seinem Frauenbild verbinden, doch abgesehen davon ist auch die Position von Feld­man ein vergleichbar-radikaler Bruch mit ihrer religiösen Vergangenheit. Der Bruch mit der frühe­ren Identität ist Ergebnis ihrer unguten Erinnerung und konversions­ähnlichen Umbe­wertung ihrer Vergangenheit. [53] Hier hat schonungslose Erinnerung zu einer grundlegenden Erlösung geführt. Die Parallelen zu Paulus im Philipperbrief sind nur zu deutlich: „Ich erachte mein bisheriges Leben für Kot.“

Noch spannender ist die Frage deutscher Erinnerung und Identität angesichts der aktuellen Herausforderungen durch Einwanderer, deren Identität fest in der unkritischen Erinnerung und Vergegen­wärtigung ihrer Religion wurzelt. Im Land herrscht „religiöse Ahnungs­losig­keit“ schreibt Michael Wolffsohn in der Schwäbischen Zeitung und meint damit beide, Chri­sten und Juden.[54] Ein Befund, der so neu nicht ist. Harm de Blij wies bereits 2009 darauf hin, dass Anführer ethno-religiöser Gemein­schaften, gemeint sind islamische, »höchst unflexible und rückwärtsgewandte Eigenschaften ihres Glaubens« in ein Europa übertragen könnten, »das immer noch die Narben aus Glau­bens­kriegen von vor einem halben Jahr­tausend trägt. Das ist ein Kampf grundsätzlicher Gegen­sätze in einer Gegend, deren Bevöl­kerungszahlen schrumpfen, und viele durch Über­legungen den Glauben an den Glauben verloren haben – und nun werden sie mit der Vitalität, demographisch wie religiös, eines unendlichen Stroms von Einwanderern mit einem unerschütterlichen Glauben an den Glauben konfrontiert.«[55]

Wer sein kulturelles Gedächtnis, das auch ein religiöses ist, leichtfertig vergibt, schwächt seine Identität und wird kaum anderen, starken Identitäten standhalten können.

 

Das Thema Erinnerung in Zusammenhang mit Missbrauchserfahrungen hatte kürzlich hier im Blog eine nachdenkenswerte Fortsetzung:

https://dierkschaefer.wordpress.com/2018/08/27/die-erinnerung-soll-ein-bruder-sein-doch-wohl-eher-eine-schwester/

https://dierkschaefer.wordpress.com/2018/08/29/auf-kindesmissbrauch-kann-lebenslaenglich-stehen-fuer-die-opfer/

Fußnoten

[1] Ich habe Sally Perel mehrfach erleben dürfen, sogar mit meiner Familie und ihm einen Ausflug gemacht. Dadurch habe ich ihn mehrfach mit seiner Geschichte gehört. Seine Berichte changieren ein bißchen in der Wortwahl, sind aber in den Grundzügen überprüft: „… es wurde auch in einigen Medien behauptet, dieser alte Herr dort in Israel — damit meinte man mich — hat diese Geschichte erfunden. Um das zu beweisen, haben mich zwei deutsche Zeitschriften aus Israel nach Deutschland eingeladen, der Stern und der Spiegel. Unter anderem ist es ihnen gelungen, die Adresse des Soldaten ausfindig zu machen, der mir damals gegenüberstand und mich fragte, ob ich Jude bin. Wir haben ihn bei sich zu Hause besucht. … Die Journalisten fragten ihn: »Herr Weidemann« – so heißt er – »erinnern sie sich noch an diesen Moment?“«. Er sagte: »Ja, natürlich. Ich war mit ihm fast ein Jahr in derselben Wehr­machtseinheit.«“ Textbeispiel 9 in „Rück-Sicht“ (runterscrollen) https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2009/05/kriegskinderkongress_frankfurt.pdf

[2] Es war das am längsten existierende nationalsozialistische Ghetto und nach dem Warschauer Ghetto das zweit­größte. Es diente, wie die anderen NS-Ghettos auch, vor allem als Zwischenstation vor der Deportation in die Vernichtungslager Kulmhof (Chełmno nad Nerem), Auschwitz II, Majdanek, Treblinka und Sobibor. https://de.wikipedia.org/wiki/Ghetto_Litzmannstadt

[3] Textbeispiel 9 in „Rück-Sicht“, s. Anmerkung 1 https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2009/05/kriegskinderkongress_frankfurt.pdf

[4] „Ich sollte nicht vergessen, wer ich bin, und habe doch vollkommen vergessen, wer ich bin. Ich wurde ein Hitler­junge. Der aus mir gewordene Hitlerjunge mußte sich so schnell wie möglich und so weit wie möglich von dem in ihm jetzt versteckten Sally entfernen und vergessen, und das ist mir gelungen. Ich habe Sally vergessen, nur so konnte ich überleben.“ Textbeispiel 9 in „Rück-Sicht“, s. Anmerkung 1 https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2009/05/kriegskinderkongress_frankfurt.pdf

[5] „Er brauchte 40 Jahre, um das Erlebte zu verarbeiten.“ https://de.wikipedia.org/wiki/Sally_Perel https://www.profil.at/kultur/doppelleben-hitlerjungen-salomon-7759615

[6] https://www.google.de/search?client=firefox-b&dcr=0&ei=74FYWvjfAsKrUaCig8gC&q=sally+perel+termine+2018&oq=sally+perel+termine&gs_l=psy-ab.1.0.0l3j0i22i30k1l2.67946.69270.0.72153.7.2.0.5.5.0.116.213.1j1.2.0….0…1c.1.64.psy-ab..0.7.257….0.nYb0hiJxDxs

[7] „Rabbi Israel ben Elieser (ישראל בן אליעזר‎), genannt Baal Schem Tov (בעל שם טוב ‚Besitzer des guten Namens‘), abgekürzt Bescht; geboren um 1700 in Okop bei Kamieniec-Podolski, Polen-Litauen; gestorben am 22. Mai 1760 in Międzyborz (jiddisch מעזביזש Mezbizh), Wojewodschaft Podolien, Polen-Litauen) gilt als der legendäre Begründer der chassidischen Bewegung im Judentum.“ https://de.wikipedia.org/wiki/Israel_ben_Elieser und ISRAEL ben Elieser BA’AL SCHEMTOW, Jüdisches Lexikon, Nachdr. d. 1. Aufl. Berlin, Jüd. Verl., 1927. – 1982, Bd. 3, Spalten 68 – 72

[8] „Das Wort Sachor gilt entweder G-tt oder dem Volk Israel. Israel soll sich seines G-ttes, seiner Geschichte und seiner Feinde erinnern. Ohne die Fähigkeit der Erinnerung gäbe es das jüdische Volk heute nicht mehr. Sachor bedeutet letztendlich Existenzsicherung durch Erinnern.“ http://www.israel-information.net/glossar/Sachor.htm

[9] Sefer Ba’al Schem Tov, II, 190 § 8; zitiert nach Grözinger, a.a.O., S. 32, entnommen aus Kurt Grünberg, Versöhnung über Auschwitz? http://www.hagalil.com/2011/02/versoehnung/

Zum Begriff Versöhnung weiter unten.

[10] elend‚außer Landes seiend‘, … ‚Außer Landes‘ oder ‚in einem anderen Land‘ ist der Ver­bannte oder Vertriebene, daher die Bedeutungsent­wicklung zu ‚unglücklich, jammervoll‘.“ aus: Kluge, Friedrich: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, Berlin, New York, 199923 S. 216f

[11] Mitzwot

[12] 5. Mose 26, 5

[13] 5. Mose 26, 1+3

[14] https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/27426142489/in/dateposted-public/

[15] „Der Hebräische Name für Ägypten ist „Mizrajim“, was „Grenzen“, „Einschränkungen“ und „Hindernisse“ bedeutet.“ http://de.chabad.org/holidays/passover/pesach_cdo/aid/1219847/jewish/Nchstes-Jahr-in-Jerusalem.htm

[16] aus: Wolfgang Hegener in Wolfgang Benz (ed.), Handbuch des Antisemitismus, Judenfeindschaft in Geschichte und Gegenwart, Bd. II, Berlin 2009, S. 251

[17] Es geht um die als gültig angesehene Erzählung, auch wenn sie aus kompilierten, redaktionell genealogisch verbundenen Geschichten besteht. In dieser Genealogie sind verwandte Konkurrenzstämme ausgegrenzt: Ismael, der Stammvater der Araber, Esau, Stammvater der Edomiter, Ham, Stammvater der Hamiten, Jafet, Stammvater der Völker nördlich von Israel, Lot,Vater und zugleich Großvater der Söhne Moab und Ben-Ammi, den Stammvätern der Moabiter bzw. Ammoniter. S. auch https://de.wikipedia.org/wiki/Narrativ_(Sozialwissenschaften) „Ein Narrativ ist eine sinnstiftende Erzählung, die Einfluss hat auf die Art, wie die Umwelt wahrgenommen wird. Es transportiert Werte und Emotionen, ist in der Regel auf einen bestimmtem Kulturkreis bezogen und unterliegt dem zeitlichen Wandel. In diesem Sinne sind Narrative keine beliebigen Geschichten, sondern etablierte Erzählungen, die mit einer Legitimität versehen sind.“

[18] Laut Deborah Feldman (Unorthodox, Zürich 20165) ist auch der Holocaust integraler Bestandteil des Narrativs der chassidischen Satmar-Gemeinde in New York. „Nach Meinung der Satmarer war die Vernichtungspolitik der Nazis ein göttlicher Racheplan, um assimilierte Juden für die Abkehr vom orthodoxen Weg zu bestrafen. Und wer nach der Shoah kein rigide orthodoxes Leben führt, taumelt womöglich in die nächste gottgewollte Katastro­phe hinein.“ http://www.deutschlandfunk.de/deborah-feldman-ueberbitten-suche-nach-einer-neuen.700.de.html?dram:article_id=392331

[19] Zehn der zwölf Stämme Israels gelten seit ihrer Verschleppung durch die Assyrer 722 v. Chr. als die „verlore­nen Stämme“. Diese haben seit alters die Phantasie beschäftigt. Sind sie einfach in anderen Völkern aufgegan­gen? Das ist die wahrscheinlichste, einfachste und unspektakulärste Lösung. http://www.ezw-berlin.de/html/15_1296.php s. auch: http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/14280

[20] Die Mosaische Unterscheidung (Jan Assmann, Moses der Ägypter, Entzifferung einer Gedächtnisspur, Frank­furt am Main, 2000). Die Gründlichkeit, mit der Echnaton den Ammonskult durch seine Sonnenreligion ersetzt hatte, war Vorläufer der gnadenlosen Auslöschung seiner Spuren. Ist diese Auseinandersetzung ein Vorläufer aller ideologischen „Kriege“ um die absolute Wahrheit?

[21] „Das Volk Israel entdeckt, Gott ist nicht sein Privatgott, sondern er ist Gott und Vater aller Menschen“ , sagte Kardinal Marx unter Bezugnahme auf die Völkerwallfahrt zum Zion. http://www.katholisch.de/aktuelles/aktuelle-artikel/marx-nationalismus-ist-widerspruch-zur-bibel Das ist wohl richtig, aber es beeinhaltet die Unterwerfung aller Völker unter Israels Gott, perpetuiert also den Anspruch des israelischen Primats. s. auch: Völkerwallfahrt/Völkerkampf: https://www.bibelwissenschaft.de/wibilex/das-bibellexikon/lexikon/sachwort/anzeigen/details/voelkerwallfahrt-voelkerkampf/ch/96f6a340ae122629a8952a7a7eedc000/

[22] http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/15685

[23] Sabre: https://de.wikipedia.org/wiki/Tzabar

[24] Zitiert bei David Grossmann, Der gelbe Wind, München 1988, S. 109

[25] https://de.wikipedia.org/wiki/Joseph_Wulf

[26] https://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_J%C3%BCnger

[27] Es war ausgerechnet der Humanistische Pressedienst, der zu Beginn der „Lutherdekade“ darauf aufmerksam gemacht hat: http://hpd.de/print/13504

[28] »Denn der Holocaust ist Kern des Selbstverständnisses der Bundesrepublik; das Gedenken daran ist ihre Staatsräson. Daher ist es nur folgerichtig, dass das Mahnmal so zentral in der Hauptstadt liegt, direkt am Brandenburger Tor. „Wir wollen Lehren ziehen, die auch künftigen Generationen Orientierung sind“ – so begründete Bundespräsident Roman Herzog 1996, dass er den 27. Januar, den Tag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz, als Gedenktag proklamiert hatte. Ohne Auschwitz gebe es keine deutsche Identität, fügte sein Nachfolger Joachim Gauck 2015 hinzu.« http://www.rp-online.de/politik/deutschland/holocaust-gedenktag-2017-das-gedenken-als-staatsraeson-aid-1.6562723

[29] Auch wenn D.D. (Daniel Deckers) in der FAZ vom 11. Januar 2018 von einer unauslöschlichen Signatur der deutschen Geschichte schreibt,

[30] http://www.rp-online.de/politik/deutschland/holocaust-gedenktag-2017-das-gedenken-als-staatsraeson-aid-1.6562723

[31] Thüringens AfD-Chef Björn Höcke: „Wir brauchen eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“ http://www.tagesspiegel.de/politik/hoecke-rede-im-wortlaut-gemuetszustand-eines-total-besiegten-volkes/19273518-all.html

[32] https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/2508784391/

[33] So in Griechenland. http://www.n-tv.de/politik/Zeitschrift-wirft-Kanzlerin-Voelkermord-vor-article6829721.html und in der Türkei: http://www.handelsblatt.com/politik/international/tuerkei-streit-merkel-als-weiblicher-hitler-mit-ss-uniform/19532982.html

[34] Die Landtagsabgeordnete Doris Schröder-Köpf (SPD) sagte in ihrer Ansprache zur Chanukka zu antisemi­tischen Ausfällen von Zuwanderern, „notfalls müsse man dagegen neue Gesetze schaffen. Wer hierherkomme, müsse auch Reli­gionsfreiheit und Toleranz lernen. Quelle: Hannoversche Neue Presse, NP 18.12.2017

[35] Zur Zeit wird ein Pflichtbesuch deutscher Schulklassen, also inclusive von Zuwandererkindern, in einem der Vernichtungslager diskutiert; z.B. http://www.taz.de/!5476251/

[36] Man schaue sich beispielhaft den „Verduner Altar“ in Klosterneuburg bei Wien an. https://de.wikipedia.org/wiki/Verduner_Altar

[37] „Als Substitutionstheologie (von lateinisch substituere, „ersetzen“; auch: Ersatz-, Ersetzungs-, Enterbungs- oder Enteignungstheologie) bezeichnet man eine verbreitete christliche Lehre, wonach das von Gott erwählte Volk Israel nicht mehr das Volk seines Bundes, sondern für alle Zeit von Gott verworfen und verflucht sei. Aufgrund des angeblichen Gottes- bzw. Christusmordes seien Gottes Verheißungen an Israel auf die Kirche als neues Volk Gottes übergegangen. Juden könnten ihr Heil daher nur noch durch die Taufe erlangen, also durch die Aufgabe ihres Judentums.“ https://de.wikipedia.org/wiki/Substitutionstheologie

[38] https://de.wikipedia.org/wiki/Antijudaismus_im_Neuen_Testament

[39] http://www.israelogie.de/2016/sein-blut-ueber-uns-und-unsere-kinder-juedische-alleinverantwortung-fuer-jesu-tod/

[40] http://www.judentum.org/judenmission/judenmission/dialog.htm

[41] Hervorhebung, Dierk Schäfer

[42] https://www.bibelwissenschaft.de/wibilex/das-bibellexikon/lexikon/sachwort/anzeigen/details/juedisch-christlicher-dialog-christl-sicht/ch/980355f85c1fabb2b9b6c0210920741d/

[43] Quelle: Christian Buchholz, Gottes Geist an Fils und Alb, Lebensgeschichten, Göppingen 20171, S.104

[44] http://www.hagalil.com/2011/02/versoehnung/

[45] Link zum Photo und zum Pressebericht: http://www.nw.de/lokal/kreis_minden_luebbecke/bad_oeynhausen/bad_oeynhausen/21925448_Gedenkgottesdienst-fuer-Opfer-von-Gewalt.html

[46] https://www.wittekindshof.de/unternehmen/geschichte/

[47] »so kann die Anstalt mittlerweile auf ihrer Homepage zwar ein Kapitel „Geschichte“ präsentieren, den unseligen Teil dieser Geschichte, der allein der Anstalt anzulasten ist und nicht den Nazis, ganz einfach verschweigen. Ein besonderer Link ist seit 2012 nicht mehr zugänglich.« https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/09/24/das-geheimnis-der-versoehnung-heisst/

[48] https://de.wikipedia.org/wiki/Salafismus

[49] https://de.wikipedia.org/wiki/Zana_Ramadani

[50] Die verschleierte Gefahr. Die Macht der muslimischen Mütter und der Toleranzwahn der Deutschen. Europa Verlag, München 2017

[51] https://de.wikipedia.org/wiki/Deborah_Feldman

[52] http://plus.faz.net/feuilleton/2017-09-06/was-ich-an-dieser-gesellschaft-schaetze/51375.html Leider mit Zahlschranke versehen.

[53] http://www.deutschlandfunk.de/deborah-feldman-ueberbitten-suche-nach-einer-neuen.700.de.html?dram:article_id=392331https://deutscherarbeitgeberverband.de//aktuelles/2016/2016_02_01_dav_aktuelles_interview-ramadani.html

[54] http://www.schwaebische.de/politik/inland_artikel,-Im-Land-herrscht-%E2%80%9Ereligioese-Ahnungslosigkeit%E2%80%9C-_arid,10780096.html

[55] Harm de Blij, The Power of Place, Oxford University Press, Oxford, New York 2009, S. 69

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Die Erinnerung soll ein Bruder sein? Doch wohl eher eine Schwester.

Aber vorweg: Ich habe nichts gegen die Katastrophenhilfe der Diakonie, spende darum auch hin und wieder.

Aber das Deckblatt dieser Werbebroschüre ist selber fast schon eine Katastrophe.img 13520.jpg

Aus zweierlei Gründen.

  1. Erinnerung ist rein sprachlich gesehen weiblichen Geschlechts. Nur ein sprachlich völlig unsensibler Mensch wird ihr eine Bruderrolle zusprechen wollen.
  2. Schlimmer noch ist allerdings die mangelnde Sensibilität für die Opfer Diakonischer Einrichtungen in der Vergangenheit. Ihre Erinnerung an die Erlebnisse in den Kinderheimen, an Demütigung, Zwangsarbeit, Misshandlung, Missbrauch und an eingeschränkte Bildungsmöglichkeiten, diese Erinnerungen ließen einmal die Hoffnung aufkeimen, die Opfer würden angemessen entschädigt und ihnen bliebe im Alter ein weiterer Aufenthalt in einem Heim möglichst erspart. Doch diese Hoffnung wurde am Runden Tisch für ehemalige Heimkinder brutal abgewürgt.

Im Editorial der Broschüre wird Charles Dickens zitiert: „In der kleinen Welt, in der Kinder leben,  wird nichts so genau wahrgenommen und gefühlt wie Ungerechtigkeiten.“ Man hätte seine Klassiker früher beherzigen soll. Nun fällt einem so ein Spruch auf die Füße.

Meine Frau sagte, was werden wohl die Heimkinder zu diesem Deckblatt sagen?

Ja, dieses Deckblatt ist ein Verdeckblatt. Sicher wird man der Diakonie u.ä. Einrichtungen nicht abverlangen können, bei jedem Auftritt vorweg ein Schuldgeständnis abzulegen. Doch die mangelnde Sensibilität lässt den Schluss zu, dass es mit dem Schuldbewusstsein nicht weit her ist und wohl eher ein Lippenbekenntnis hervorgebracht hat, um unbeschwert in die Zukunft gehen zu können. Doch diese Hoffnung trügt. Sie hat eine Schwester – und die heißt Erinnerung.

Dazu:

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/09/24/das-geheimnis-der-versoehnung-heisst/

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/09/27/das-geheimnis-der-erloesung-heisst-erinnerung/

Demnächst auch hier im Blog: Erinnerung und Identität – Zur Bewältigung deutscher Vergangenheit in einem veränderten gesellschaftlichen Kontext, von: Dierk Schäfer, Deutsches Pfarrerblatt – Heft: 9/2018, http://www.pfarrerverband.de/pfarrerblatt/index.php?a=show&id=4563

Das Geheimnis der Versöhnung heißt …

Ja, was heißt es denn nun? Vor lauter Kranzgebinden ist es nicht zu lesen. [1] Um es nicht span­nend zu machen: Das Geheimnis heißt nicht Entschädigung, sondern Erinnerung. Die ist ja auch nicht falsch, besonders wenn man sieht, wie ein Herr Gauland schlimmste Erinnerungen auszublen­den versucht. [2] Er schließt damit decouvierend den Völkermord an den Juden aus, die mit Recht auf Erinnerung bestehen.[3] Dass die Kranzgebinde unter dem Denkmal der Anstalt Witte­kindshof die „Erinnerung“ blumig verdecken, ist nur scheinbar ein Zufall. Denn: Ist es ein echter Versuch zu erinnern? Oder ein zuviel an Erinnerung? Helmut Jacob sprach einmal von Betroffenheitsgestammel. Das wird dann bei Gedenkgottes­diensten zum Ritual.

Die Wittekindanstalt hatte 2012 schon einmal einen Gedenkgottesdienst gefeiert. Die Predigt ging über ein Wunder.[4] Doch die Heimkinder hatten keine Wunder erlebt, sondern Drangsal in vielerlei Hinsicht. Dies wurde von den Wissenschaftlern Schmuhl/Winkler ordentlich aufgearbeitet und damit Erinnerung möglich gemacht. Wenn die aber schmerzt, muss sie „behandelt“ und entschärft werden. Das tat der Anstaltsleiter in seinem Geleitwort zum Bericht der Wissen­schaftler[5].

So kann die Anstalt mittlerweile auf ihrer Homepage zwar ein Kapitel „Geschichte“ präsentieren, den unseligen Teil dieser Geschichte, der allein der Anstalt anzulasten ist und nicht den Nazis, ganz einfach verschweigen.[6] Ein besonderer Link ist seit 2012 nicht mehr zugänglich: http://www.wittekindshof.de/wittekindshof/der-wittekindshof/aufarbeitung-der-geschichte/anerkennung-bitte-um-verzeihung-unterstuetzung-abbau-von-exklusionssystemen/anerkennung-bitte-um-verzeihung-unterstuetzung-abbau-von-exklusionssystemen.html [7] Sieht so Erinnerung aus, die dem Logo der Anstalt gerecht wird: „Diakonische Stiftung Wittekindshof, Menschenwürde gestalten.“?

Im Sonderheft 2 hieß es auf Seite 5:Der Mensch im Mittelpunkt – Mit den von uns vorge­nom­menen Untersuchungen wollten wir nicht in erster Linie die Geschichte der Institution Wittekindshof erforschen. In einem seit 2008 unter Beteiligung eines großen Teiles der Mit­arbeiterschaft vollzogenen Leitbildprozess ist uns deutlich geworden, dass es nicht darum gehen kann, die Institution in den Vordergrund zu stellen – auch nicht bei einem Jubiläum. Nicht zuletzt durch das sorgfältig erarbeitete äußere Erscheinungsbild (Corporate Design) möchten wir zum Ausdruck bringen, dass nach unserem Verständnis die von der Stiftung unterstützten Menschen mit ihren besonderen Eigenschaften und Fähigkeiten ins Zentrum der Wahrnehmung rücken müssen und die Institution dahinter zurücktreten soll (siehe „Durchblick“ Nr. 2 von 2011). Die Identität des Wittekindshofes besteht nicht darin, was er für sich ist, sondern was er für andere tut.“[8]

Morgen nun ein weiterer Gedenkgottesdienst. »„Der Gedenkgottesdienst ist ein fester Bestand­teil im Wittekindshofer Jahresablauf zum Gedenken an die Opfer der nationalsozia­listischen Mordaktion an kranken und behinderten Menschen, aber auch an alle anderen Personen, die im Wittekindshof Unrecht und Leid erfahren haben“, erklärte Vorstandsspre­cher Pfarrer Dierk Starnitzke, der den Gottesdienst zusammen mit Kirchenmusikerin Conny Stern und dem Oberkurs der Diakonenschule als Gesamtgottesdienst der Kirchengemeinde Volmerdingsen-Wittekindshof vorbereitet hat und gestalten wird. Eingeladen sind alle Gemeindemitglieder und auch diejenigen, die sonst die Gottesdienste in der Dorfkirche besuchen, in der an diesem Sonntag kein Gottesdienst stattfinden wird.“«[9]

Unter der Rubrik „Geschichte“ kommen die Heimkinder der Nachkriegsjahre nicht vor, aber die Opfer aus der Nazi-Zeit: „Ab 1934 werden mit Billigung des Vorstandes Zwangssterilisa­tionen im Krankenhaus Bethanien vorgenommen. Die Tötung von Menschen mit Behinde­rung hingegen wird strikt abgelehnt. 1940 treffen Meldebögen des Reichsinnenministeriums ein, mit denen die Heimbewohner in Heil- und Pflegeanstalten zu erfassen sind. Im Witte­kinds­hof werden sie ausgefüllt, aber nicht abgeschickt. Auf staatliche Anordnung werden im gleichen Jahr sechs jüdische Bewohner verlegt und kurze Zeit später ermordet. Im Juni 1941 unternimmt eine Ärztekommission aus Berlin eine „erbbiologische Bestandsaufnahme“. Im Wittekindshof leben 1.330 Menschen mit Behinderung. 958 davon werden im Herbst in staatliche „Provinzialanstalten“ verlegt. Dem nationalsozialistischen Euthanasieprogramm fallen etwa 400 Bewohnerinnen und Bewohner des Wittekindshofes zum Opfer.“[10]

Man könnte darüber zum Zyniker werden: Dem nationalsozialistischen Euthanasieprogramm fallen etwa 400 Bewohnerinnen und Bewohner des Wittekindshofes zum Opfer. Da hat man die Schuldigen, die man getrost auf der Homepage nennen kann. Die ehemaligen Heimkinder werden ganz nebenbei erwähnt (und die Täter gar nicht). Ihre Beachtung gleicht den Brotsamen, die für sie vom Tisch dieser Anstalt fallen. Für sie wird der Gedenkgottesdienst zur Alibi-Veranstaltung der Anstalt, die sich an ihnen versündigt hat.

Amos 5;21, 23, 24:

Ich hasse und verachte eure Feste und mag eure Versammlungen nicht riechen. Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören! Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.

Als ich 2012 dem Leiter der Anstalt konkrete Vorschläge unterbreitete, was der Wittekindshof für die ehemalige Heimkinder tun könne, brach der Kontakt ab.[11]

Ich hoffe, nun wenigstens einen kleinen Beitrag zur Erinnerung geleistet zu haben.[12]

Fußnoten

[1] Photo und Bericht: http://www.nw.de/lokal/kreis_minden_luebbecke/bad_oeynhausen/bad_oeynhausen/21925448_Gedenkgottesdienst-fuer-Opfer-von-Gewalt.html

[2] Alexander Skipis sagte dazu in seiner Rede zur Verleihung des Erich-Maria-Remarque-Friedenspreises an Asli Erdogan indem er sie zitierte: „Wenn wir aus einer schreierischen Feindseligkeit heraus, die keinerlei Raum für Objektivität und das Hinterfragen von Fakten lässt, in der ,Geschichte‘ nur die Spuren vergangener Größe suchen, mangelt es uns auf entsetzliche Weise an Mitgefühl dafür, was Menschen erlebt und erlitten haben.“ Zitiert nach Alexander Skipis, Wir müssen die Worte am Leben erhalten, Laudatio auf die Schriftstellerin Asli Erdogan zur Verleihung des Erich-Maria-Remarque-Friedenspreises, FAZ Sonnabend, 23. September 2017, S. 11, im Netz: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/schriftstellerin-asli-erdogan-erhaelt-remarque-preis-15211659.html

[3] https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/8235958298/

[4] https://dierkschaefer.wordpress.com/2012/10/18/gottesdienst-zum-gedenken-an-die-gewaltopfer/

[5] Ihre „Stellungnahme“ unterscheidet sich in einer Hinsicht positiv vom Geleitwort, denn hier werden in sehr deutlicher Sprache die schlimmen Erlebnisse der ehemaligen Heimkinder an prominenter Stelle genannt. In Ihrem Geleitwort nennen Sie dagegen zunächst die damals allgemein schlimmen Verhältnisse und der Leser fragt sich, wer mehr zu bedauern ist, das Personal oder die Kinder. https://dierkschaefer.wordpress.com/2012/04/24/sulze/

[6] https://www.wittekindshof.de/unternehmen/geschichte/

[7] „Die gewünschte Seite konnte nicht gefunden werden oder ist nicht mehr Bestandteil der neuen Website.“

[8] Die Institution ist dermaßen zurückgetreten, dass auch dieser Link nicht mehr funktioniert. Auf Seite 7 hieß es: „Bereits im letzten Jahr wurde eine erste, sehr kritische Studie von Dr. Winkler und Prof. Schmuhl zur Frage der Gewaltanwendung im Wittekindshof in den 1950er und 1960er Jahren mit dem Titel „Als wären wir zur Strafe hier“ erstellt. Sie hat solches Interesse erzeugt, dass wir binnen eines Jahres drei Auflagen des Bandes hergestellt haben. Wir hoffen sehr, dass das nun erscheinende Buch zur gesamten Geschichte des Wittekindshofes auf ebenso großes Interesse stößt. Es zeigt nicht nur die kritischen Punkte dieser langen Entwicklung, z. B. in den schwierigen Phasen der beiden Weltkriege. Es würdigt auch die Verdienste des Wittekindshofes und vor allem seiner Mitarbeitenden, die oft unter sehr problematischen Bedingungen arbeiten mussten und darin doch Erhebliches an Unterstützung für die Menschen mit Behinderungen geleistet haben. Ich danke Hans-Walter Schmuhl und Ulrike Winkler sehr für ihre äußerst interessante und gelungene Erarbeitung dieser hochinteressanten Studie. Sie wurden kompetent begleitet von einem Arbeitskreis mit Dr. Christof Windhorst, dem ehemaligen Stiftungsratsvorsitzenden und profunden Historiker, mit Michael Spehr, dem Archivar des Wittekindshofes, und mir. Gern erinnere ich mich an die intensiven Diskussionen über die Forschungsergebnisse, die uns alle bewegt und nachhaltig beschäftigt haben. Die Verfasser arbeiteten vertrauensvoll und offen mit uns zusammen, waren aber in ihrer Darstellung völlig frei. Ich bin mir sicher, dass das Buch viele interessieren wird und der Diakonischen Stiftung Wittekindshof helfen wird, ihren weiteren Weg zu finden, der ganz entschieden in Richtung Inklusion gehen soll.“

[9] http://www.nw.de/lokal/kreis_minden_luebbecke/bad_oeynhausen/bad_oeynhausen/21925448_Gedenkgottesdienst-fuer-Opfer-von-Gewalt.html

[10] https://www.wittekindshof.de/unternehmen/geschichte/

[11] https://dierkschaefer.wordpress.com/2012/05/09/fortsetzung-meines-teils-der-korrespondenz/

[12] Auch Helmut Jacob hat der Schwachheit Wittekindscher Erinnerung mit seiner Rezension der Arbeit von Schmuhl/Winkler aufgeholfen: „In dem Geleitwort zum Buch ist kein einziges Mal der Begriff ‚Verbrechen‘ zu finden, obwohl es das pure Grauen und etliche Verbrechen darstellt.“ https://www.amazon.de/gp/aw/cr/rR14IRR5OXWWI01 Zum Lesen empfohlen.

Wie wirklich war die „Wirklichkeit“?

Posted in Biographie, Psychologie by dierkschaefer on 2. September 2015

Konstruktion oder Rekonstruktion der Vergangenheit? Das war hier im Blog schon mehrfach ein eher unerwünschtes Thema. Ein angeblicher Missbrauchsfall aus meinem Beobachtungsfeld war genannt worden[1], dann der Fall Wilkomirski[2], es gab auch einen Heimkinderfall à la Wilkomirski, der heftige Kommentare hervorrief[3], und auch der Hirnforscher Wolf Singer mit seinem Eröffnungsvortrag des 43. Deutschen Historikertags fand Erwähnung: Wahrnehmen, Erinnern, Vergessen – Über Nutzen und Vorteil der Hirnforschung für die Geschichtswissenschaft.[4]

Weil wir Kritik an unseren Erinnerungen und an unser Erinnerungsvermögen als Bedrohung unserer Identität[5] sehen, sind uns Forschungsergebnisse unheimlich, wie sie nun wieder mit neuen Daten publiziert werden.[6] Wenn wir aber unsere Erinnerungen als festgemauertes Fundament unserer Persönlichkeit verteidigen und jede begründete Verunsicherung heftigst abwehren, dann werden wir zu „Fundamentalisten“ mit geradezu heiligen Vorurteilen[7]. Wie können wir dann unser Leben für die Zukunft zu entwerfen?

„Ich bin, der Ich sein werde“, so stellt Gott sich vor.[8] Das wäre auch für uns eine Chance.

Doch das heißt nicht, dass irgendjemand so mir nichts dir nichts mit bloßen Behauptungen an unserer Vergangenheit rumwerkeln darf. Heißt aber auch, dass wir uns selbst nicht blindlings vertrauen sollten. Errare humanum est – Irren ist menschlich.

[1] http://www.zeit.de/2003/26/Verdacht

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Binjamin_Wilkomirski

[3] https://dierkschaefer.wordpress.com/2011/04/06/unheimlich/

[4] http://www.brain.mpg.de/fileadmin/user_upload/images/Research/Emeriti/Singer/Historikertag.pdf

[5] Identität ist auch eine Konstruktion, allerdings eine lebensnotwendige.

[6] Lesen!! http://www.zeit.de/2015/33/erinnerung-gedaechtnis-gericht-fehlurteil/komplettansicht Mittwoch, 2.9.2015

[7] https://de.wikipedia.org/wiki/Erinnerungsverf%C3%A4lschung

[8] 2. Mose, 3,14

Der Erinnerungsschatten reicht weiter als die political correctness es zulässt

Posted in Geschichte, Krieg, Politik by dierkschaefer on 7. Mai 2015

Am 8. Mai 1945 sind wir befreit worden. Das stimmt uneingeschränkt, auch aus der Sicht meiner Generation und der späteren. Nicht auszudenken, was mit uns, sei es in Deutschland, sei es in Europa passiert wäre, wenn die Nazi-Verbrecher und ihre willigen Helfer gesiegt hätten. »„Am 8. Mai sind wir befreit worden – nicht nur, aber auch durch die Völker der Sowjetunion. Deshalb schulden wir ihnen Dankbarkeit und Respekt“, sagte das Staatsoberhaupt.«[1]

»Das grauenhafte Schicksal der sowjetischen Kriegsgefangenen in Deutschland sei aber nie angemessen ins Bewusstsein gerückt. „Es liegt bis heute in einem Erinnerungsschatten.“[2] Das habe womöglich damit zu tun, dass die Deutschen nach dem Krieg zunächst an ihre eigenen Gefallenen und Vermissten und an die Kriegsgefangenen in der Sowjetunion gedacht hätten, die dort noch bis 1955 festgehalten wurden.«[3]

Und dann lupft unser Bundespräsident ganz vorsichtig, diplomatisch schon an der Grenze, den Schleier ein wenig: »„Das mag sicher auch daran liegen, dass die Schreckensbilder von der Eroberung des deutschen Ostens durch die Rote Armee vielen Deutschen den Blick auf eigene Schuld verstellten.“«[4]

Das Phänomen Erinnerungsschatten wirft Fragen auf. Gewiß wird niemand den von Rotarmisten vergewaltigten Frauen abverlangen, sich befreit zu fühlen. Das wäre unbarmherzig und wir kämen auf die schiefe Ebene des Aufrechnens von Greueltaten.

Doch Erinnerungsschatten gibt es auch anderswo: Die Türkei will keinen Genozid begangen haben, die japanischen Soldaten haben sich nur mit freiwilligen Trostfrauen vergnügt und die Kolonialmächte allesamt haben aus den Wilden in ihren Kolonien mit Samthandschuhen erst zivilisierte Untertanen, ja, überhaupt erst Menschen gemacht. Und in Tschechien gelten immer noch die Benesch-Dekrete, die den Genocid an den Deuschen auf dem Boden der Tschechoslowakei bereiteten.

Gedenktage für Massaker? Gab es überhaupt Massaker? Wer die Begriffe Kriegsverbrechen und Kolonialverbrechen googelt, stößt auf eine überwältigende Fülle von Material.[5] Doch überall stößt man noch auf die steinernen und ehernen Zeugnisse des „Heldengedenkens.[6]

Nur wenige Staaten haben, wenn auch spät, Licht in ihre Vergangenheit gebracht. Noch weniger haben mehr geleistet als symbolische Anerkennung. Japan wie auch die Türkei erleben gerade Gegenwind für ihre Vergangenheitsverharmlosung, in Rußland wird Stalin, der uns mit seinen Rotgardisten befreit hat, wieder aufgewertet, wie Mao in China.

Was sagt uns das? Historische Ehrlichkeit richtet sich weitgehend nach der politischen Opportunität. Wir Deutschen hatten das Glück, den Krieg verloren zu haben. Wir wurden genötigt, einige Opfergruppen anzuerkennen und Entschädigungszahlungen zu leisten. Ansonsten tun auch wir uns schwer mit Opfergruppen, die keine Aufmerksamkeit bekommen oder gar eine politische Lobby haben.

Wer befreit wurde trägt eine größere Verantwortung als die, die noch in ihrer glorreichen Vergangenheit befangen sind.

[1] http://www.n-tv.de/politik/Gauck-betont-Leistung-der-Sowjetsoldaten-article15023561.html

[2] https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/16889559830/in/set-72157632548603352

[3] http://www.welt.de/politik/deutschland/article140548377/Gauck-verneigt-sich-vor-sowjetischen-Kriegsopfern.html

[4] http://www.welt.de/politik/deutschland/article140548377/Gauck-verneigt-sich-vor-sowjetischen-Kriegsopfern.html

[5] https://de.wikipedia.org/wiki/Massaker_von_S%C3%A9tif , http://de.wikipedia.org/wiki/Massaker_von_Nanking , https://staseve.wordpress.com/2013/12/02/london-vernichtete-massenweise-dokumente-uber-britische-kolonialverbrechen/, http://www.zeit.de/zeit-geschichte/2010/04/Kolonialismus, http://de.wikipedia.org/wiki/Kongogr%C3%A4uel, http://www.zeit.de/reisen/2013-06/amsterdam-sklaverei-black-heritage-tour/komplettansicht, http://www.welt.de/newsticker/news2/article119961629/Niederlande-entschuldigen-sich-fuer-Kolonialverbrechen-in-Indonesien.html , http://www.raumnachrichten.de/rezensionen/1061-kolonialvergangenheit

[6] https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/6949557245/in/set-72157632548603352 , https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/6862893400/in/set-72157632548603352 , https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/2509529598/in/set-72157632548603352 , https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/4966799403/in/set-72157632548603352 , https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/5189784473/in/set-72157632548603352 , https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/4107110310/in/set-72157632548603352

Die Gedenkstätte «soll nicht isoliert und im luftleeren Raum entstehen» …

Posted in Geschichte, Gesellschaft, heimkinder, Kinderrechte, Kirche, Kriminalität by dierkschaefer on 5. März 2015

… meint die Luzerner Regierung. Das wäre auch wahrhaftig nicht zu finanzieren.

Interessant sind jedoch die Gedankenspiele für die Erinnerung an die Leiden von Heimkindern in diesem ehemaligen Kloster: HOTSPOTS. Diese sind wörtlich zu nehmen: Heiße Punkte, auch wenn sie den Besuchern kalte Schauer über den Rücken laufen lassen könnten.

Dieses noch vorläufige Konzept scheint mir geeignet zu sein, die Erinnerung an die Schandflecke der Geschichte nicht einfach pietätvoll „abzufeiern“, sondern sie so lebhaft wie möglich in die neue Wirklichkeit zu integrieren.

«Beim damaligen Eingangstor ist ein Hotspot vorgesehen. Hintergrundinformationen erklären, wie damals die Kinder abgegeben wurden oder auch warum.»

http://www.zentralplus.ch/de/news/gesellschaft/3199578/Gedenkst%C3%A4tte-f%C3%BCr-Kinderheim-Opfer.htm

Eine halbe Wahrheit ist eine ganze Lüge

Posted in Geschichte, Kirche, Kriminalität, Menschenrechte, Politik, Theologie by dierkschaefer on 16. Dezember 2013

Dieses amerikanische Sprichwort fiel mir beim Spaziergang durch die Gartenanlage der Diakonie Kork ein[1]. Ein ästhetisch ansprechendes Denkmal erinnert an „113 Menschen, Erwachsene und Kinder“ die 1940 „unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft weggeholt und umgebracht [wurden], weil sie behindert waren“[2]. Dieses wird wohl korrekt dargestellt sein. Auf der Homepage der Einrichtung ist nichts darüber zu finden. „Unsere Einrichtung wurde im Jahr 1892 als „Heil- und Pflegeanstalt für epileptische Kinder“ gegründet. Entsprechend der begrenzten Möglichkeiten einer medikamentösen Beeinflussung von Anfällen stand über viele Jahrzehnte der Pflegeaspekt im Vordergrund“. Und dann geht es nahtlos über zu 1967: „Eine neue Ära begann 1967…“[3].

Aus der Ära davor stammt der Wandspruch Gott der Herr ist Sonne und Schild [4]. War er aber nicht für die Heim-Insassen. Die waren zwar Schutzbefohlene, und doch wurden sie damals nicht geschützt, sondern weggeholt, ins Gas oder zur Todesspritze. Wer sie wegholte, ist klar, aber warum wurden diese 113 Menschen, Erwachsene und Kinder, von niemandem geschützt?

Es geht hier nicht um Anklagen gegen die Generation, die in einer fürchterlichen Zeit lebte und den nötigen Mut nicht aufgebracht hat. Wir wissen nicht, ob wir mutiger gewesen wären. Aber: Warum gehen die heute Verantwortlichen der Einrichtung nicht mutiger mit dieser Geschichte um?

Wir bilden aus, wir bilden weiter, heißt es auf der Homepage. Eine „Evangelische Fachschule für Heilerziehungspflege“ ist Bestandteil der Diakonie Kork.[5] Wenn die Auszubildenden nicht erfahren, was der Anteil der Anstalt an der Verschleppung und Ermordung der anvertrauten hilflosen Personen ist, wie sollen sie dann ihre Verantwortung ermessen, die weiter gefaßt sein kann, als die jeweils aktuelle Gesetzeslage und die Machtverhältnisse es nahelegen?

 

„Wir lassen uns mahnen, das von Gott Gegebene zu achten, zu lieben und zu fördern, gerade wenn es schwach und krank ist“, steht auf der anderen Seite der Stele. Doch ein ansprechend gestaltetes Denkmal „klingt“ hohl, wenn die Schuldseite aus der Vergangenheit schamhaft verschwiegen wird.